Verwendung amtlicher Fonds für Wahlzweüe 1932.
Eine Mitteilung der kommissarischen Negierung.
Berlin, 9. Febr. (WTB. Funkspruch.) Der Amtliche Preußische Pressedienst teilt mit: Am 5. Februar 1933 hat das Kabinett Braun in der Presse eine Erklärung veröffentlicht, in der die im Preußischen Landtag am 4. Februar von einem Abgeordneten aufgestellte Behauptung, das Kabinett Braun habe Staatsmittel für Parteizwecke zur Verfügung gestellt, als objektiv unrichtig bezeichnet wird. Die Kommissare des Reiches müssen demgegenüber seststellen, daß die Mittel, die biszumBetrage v o n 2 Millionen Reichsmark durch einstimmigen Beschluß des Kabinetts Braun vom 6. 4.1932 durch Ueberschreitung des H a u s h a l t s f o n d s „Bekämpfung des Verbrechertums" gewonnen werden sollten, nach den amtlichen Unterlagen nicht der Zweckbestimmung entsprechend, sondern fast ausschließlich für andere Zwecke, offenbar Wahlpropaganda der damaligen Koalitionsparteien bei der letzten Landtagswahl 1932 verwendet wurden. Im übrigen wird über die Angelegenheit mit Beschleunigung ein Gutachten der Oberrechnungskammer erbeten werden. Die Kommissare des Reiches behalten sich weitere Schritte vor, sobald dieses Gutachten erstattet ist.
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Zu der Verlautbarung des Reichskommissars erklärt das Kabinett Braun: „Diese Behauptung ist unrichtig. Die zur Verbrechensbekämpfung verbuchten Mittel sind für diesen Zweck auch tatsächlich ausgegeben, wobei bemerkt wird, daß hochverräterische Unternehmungen, Sprengstoffattentate, Gewalttaten, Terror und Staatsverleumdung nach dem Strafgesetzbuch zu ahndende Vergehen und Verbrechen sind. Die etatsrechtliche Zulässigkeit des Beschlusses hat das zuständige Fachressort vorher geprüft und bestätigt. 3m übrigen ist nur ein Bruchteil der genannten Summe verausgabt worden. Die preußische Regierung hat im Einvernehmen mit der Reichsregierung, zum Teil auf ihre Veranlassung, zum Schutze des Staates und der Verfassung gehandelt.
Nicht Verstaatlichung, sondern Beaufsichtigung der Großbanken.
München, 9. Febr. (TU.) Die Abstimmung in der Mittwochsitzuna des Bayrischen Landtages in der Fraae der Verstaatlichung der Großbanken war sowohl im Landtag selbst, wie in der Presse allgemein dahin verstanden worden, daß der ursprüngliche nationalsozialistische Antrag auf Verstaatlichung der Großbanken angenommen worden sei. In der Vollsitzung des Bayerischen Landtages am Donnerstag erklärte nun aber Präsident Dr. Stang, um keinen Zweifel auflommen zu lassen, stelle er nachträglich ausdrücklich fest, daß sich die gestriae Abstimmung über den nationalsozialistischen Antrag betreffs Verstaatlichung der Großbanken auf den Abänderungsantrag bezogen habe. In diesem Abänderungsantrag aber war die Beaufsichtigung der Großbanken verlangt. Im übrigen stimmt der Wortlaut des Antrages mit dem ursprünglichen nationalsozialistischen Antrag überein.
Oer NeicbSlandbund fordert schärfste Maßnahmen gegen ausländische Buttereinfuhr.
Berlin, 9. Febr. (ERB.) Der Reichslandbund hat an den Reichskanzler sowie an den Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft ein Telegramm abgesanot, in dem darauf hingewiesen wird, daß der Butterpreis heute wieder um 5 RM. gefallen und ein weiterer Preissturz zu befürchten sei. Ein sofortiges Eingreifen der Reichsregierung sei dringend erforderlich. Der gegenwärtige Rotstand rechtfertige die sofortige völlige Sperrung der Grenzen gegen
Oie indischen Meuterer gestellt.
Zusammentreffen mit -en „Sieben Provinzen".
Die Meuterer verlassen das Lchiff.
Batavia, 10. Febr. (WTB. Funkspruch.) Die aufrührerische Mannschaft des niederländischen Schlachtschiffes „Sieben Provinzen" Hot kapituliert. Bisher find folgende Rachrichten über den Vorgang eingetroffen:
heule früh forderte der Befehlshaber des verfolgenden Geschwaders die Meuterer durch Funkspruch auf, bedingungslos zu kapitulieren, falls sie nicht wollten, daß Gewalt gebraucht werde. (Er verlangte, dos Schiff solle stoppen, die niederländische Flagge hissen und auf dem Deck eine weihe Fahne zeigen. Rach zehn Minuten kam die drahtlofe Antwort: „hindert uns nicht!" hierauf wurde von einem Flugzeug eine Bombe neben dem Schlachtschiff ins wasser geworfen. Da die Warnung ohne Wirkung blieb, warf ein Dornier-Flugboot eine zweite V o m b e ab, die ein Treffer war. An Bord entstand ein Brand, der ober anscheinend nicht ernster Ratur ist. Die Meuterer verliehen das Schiff in Booten. Merkwürdigerweise sendet das Schiff „Sieben Provinzen" noch immer draht- lose Botschaften, weitere Rachrichten sind noch nicht eingegangen.
Butterüberschwemmung und sonstige scharfe Eingriffe zur Marktbereinigung.
Das Wahlablommen der Bitte.
Zu dem Wahlabkommen der bürgerlichen Mittelparteien teilt der Pressedienst der Deutschen Volkspartei noch mit, daß nach der politischen Seite hin die Bewegung zur nationalen Konzentration in diesem christlich-nationalen Block eine starke Stütze findet. Alle ihm angeschlossenen Parteien und Gruppen sind zur positiven Mitarbeit in der nationalen Front bereit. Sie sind überzeugt, daß die von ihnen vertretenen staatspolitischen, wirtschaftspolitischen und kulturellen Kräfte und Auffassungen der unentbehrliche Bestandteil jedes auf bau end en Regierungsprogramms sein müssen. Ein gleiches Abkommen ist für die preußischen Landtagswahlen zwischen der Deutschen Volkspartei und dem Christlich-Sozialen Volksdienst abgeschlossen worden.
Oer Gehaltsverzicht des Reichskanzlers
Berlin, 9. Febr. (WTB.) Die Rachricht der Reichskanzler habe auf sein Gehalt als Reichskanzler verzichtet, ist in der Oeffentlichkeit vielfach mit der Behauptung angegriffen worden, ein Gehaltsverzicht eines Reichsministers oder eines Beamten sei rechtlich unzulässig. Wie amtlich mitgeteilt wird, ist dem Reichskanzler sehr wohl bekannt, daß einem generellen Gehaltsverzicht rechtliche Bedenken ent» gegenstehen. Hier handelt es sich jedoch um die Ueberweisung des monatlichen Gehalts auf Anweisung des Reichskanzlers a n ein noch zu bildendes Kuratorium, das die eingehenden Beträge für noch näher zu bestimmende wohltätige Zwecke verteilen wird.
üt. e>i?rup tx>irö prasioen. der Arbeitslosenversicherung.
Berlin, 10. Febr. (VDZ.) Der Vorstand der Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittlung Hal sich dafür ausgesprochen, daß der bisherige Reichsarbeitsminister S y r u p zum Präsidenten der Reichsanstalt ernannt werde. Das Reichskabinett hatte Dr. Shrup f ü r d i e s e s Amt vorgeschlagen. Rach den gesetzlichen
Sin- Europäer die Anführer der Meuterei?
A m st e r d a m, 9. Febr. (WTB.) In einer Mel° düng des „Telegraaf" aus Surabaja wird bestätigt, daß der Eingeborenenteil der Bemannung des Kreuzers ,Zava" für unzuverlässig gehalten wurde, weshalb vie eingeborenen Maate und Matrosen in Surabaja durch europäische Unteroffiziere und Matrosen ersetzt wurden. Man hielt diese Vorsichtsmaßnahme für^ notwendig, um beim Zusammentreffen mit der „Sieben Provinzen" nicht das geringste Risiko in Kauf zu nehmen. Daß die Befürchtungen keineswegs unbegründet waren, ergibt sich aus der Tatsache, daß drei europäische Mitglieder der Bemannung nach der Ankunft auf der Reede von Batavia in Hast genommen wurden. Die Behörde glaubt Grund zu der Annahme zu haben, daß die drei Verhafteten diechaupträdelsführer der bei der niederländisch-indischen Flotte eingetretenen Beunruhigung sind. Infolgedessen sind erneut Vermutungen aufgetaucht, daß auch die Meuterer der „Sieben Provinzen" von europäischen Elementen angeführt werden. Eine Bestätigung für diese Annahme wird I darin erblickt, daß das Meutererschiff seinen Kurs I so gut hat einhalten können.
Vorschriften muh nun noch der Reichsrat zu dem Vorschlag Stellung nehmen. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß auch der Reichsrat, der ja wegen der neuen Auseinandersetzungen mit Preußen erst mit Verspätung zusammentritt, die Ernennung Dr. Syrups billigen wird. Die Ernennungsurkunde wird hierauf dem Herrn Reichspräsidenten zur Unterschrift vorgelegt.
Oie Krage der Staatsform für die NSOAP. nicht aktuell.
Paris, 10. Febr. (ERB. Funkspruch., 'Der Berliner Korrespondent des „Petit Journal" berichtet seinem Blatte über eine Unterredung, die er mit dem Befehlshaber der Berliner SA., Graf H e l l d o r f, hatte. Als Hauptaufgabe des Rationalsozialismus bezeichnete Graf Helldorf den „inneren Wiederaufbau". Gr erklärte: Wir wollen wieder bei uns Herr sein ohne irgendwelche äußere Einmischung, und wir wollen mit jedermann in Frieden leben. Der Rationalsozialismus wird niemals der früheren Kaiser, den früheren Kronprinzen oder irgendeinen der jetzt lebenden Prinzen auf den Thron heben. Unter den Rationalsozialisten gibt es R e - publikaner und Monarchisten. Vielleicht wird man in zehn 3ahren diese Frage prüfen, heute aber ist sie i n k e i n e r W e i s e aktuell.
Anschlag aus em Berliner Verkehrslokal der ASOAP.
Berlin, 10. Febr. (ERB Funkspruch.) Auf ein Verkehrslokal der RSDAP. wurde in der vergangenen Rächt ein Ueberfall verübt. Kurz nach Mitternacht wurden auf das Lokal mehrere Schüsse abgegeben und zwei Eierhandgranaten durch das Schaufenster in den Gast- raum geworfen. Von den im Lokal anwesenden 25 Rationalsozialisten wurden drei leicht verletzt. Die Täter sind mit einem Motorrad unerkannt entkommen. — 3m Rorden der Stadt wurde ein Arbeiter durch einen Kopfschuß so schwer verletzt, daß er auf dem Wege ins Krankenhaus starb. — 3n der Rähe des Brandenburger Tors wurde heute früh ein Mann mit einer Schußverletzung an der rechten Schläfe t o t aufgefunden. Cs besteht der Verdacht, daß es sich um einen Mord handelt.
Zum -10. Todestag des Entdeckers der Röntgenstrahlen.
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Die Büste Wilhelm Konrad von Röntgens, des großen deutschen Physikers, der vor zehn 3ahren, am 10. Februar 1923, in München starb. 1895 entdeckte er die von ihm als X-Strahlen bezeichneten, bald jedoch nach ihm benannten Strahlen, die für die medizinische Wissenschaft von so überragender Bedeutung wurden. Von 1879 bis 1888 wirkte Röntgen an der Universität Gießen. 1901 wurde Röntgen mit dem Nobelpreis für Physik ausgezeichnet.
Aus aller Wett.
Kältewelle über Amerika.
Die von den amerikanischen Weststaaten kommende Kältewelle hat nunmehr Reuyork erreicht, wo ein eisiger Wind weht. Es erfolgte ein außerordentlicher Temperatur stürz von plus 17 Grad Celsius am Mittwoch auf minus 11 Grad Celsius am Donnerstag. 3m ganzen Lande sind über fünfzig Personen erfror e'n. Die Rordweststaaten melden eine Temperatur von minus,50 Grad im Gebirge. Der Schnee liegt in einer noch nie dagewesenen Höhe, so daß der Verkehr vollständig unterbrochen ist. Die Wetterwarten sagen zunehmende Kälte voraus.
Mißglückter Fluchtversuch zweier Fremdenlegionäre.
Zwei Angehörige der französischen Fremdenlegion, ein Deutscher namens Rudi Bachmann und ein Schweizer Reymond Hans, die im 1. Regiment der Fremdenlegion in Saida Dienst taten, versuchten in einer der letzten Nächte mit einem französischen Mllitärflugzeug zu flüchten. Sie hotten bereits aus einem Flugzeugschuppen ein großes Flugzeug herausgeholt, als der Poften sie bemerkte und sofort schoß. Bachmann wurde verletzt, der Schweizer Hans konnte in der allgemeinen Aufregung flüchten. Bachmann wurde verhaftet. Er sagte aus, er und sein Kamerad hätten nach Italien flüchten wollen.
Blutiger Bruderslreit. — (Ein Toter, ein Schwerverletzter.
Der Hof Schierbaum in Vortrup bei Osnabrück war der Schauplatz einer schweren Bluttat. Drei Brüder Schierbaum "gerieten wegen Famü. i= angelegenheiten in Streit. Im Verlaufe der Auseinandersetzung griff der Milchhändler Kaspar Schierbaum zum Revolver und feuerte mehrere Schüsse auf feine Brüder ab. Beide erlitten schwere Verletzungen. Einer der Verletzten st a r b bald nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus. Der Täter konnte verhaftet werden.
„Mein liebstes Herz!"
Son £ito Dämmert
Der Brief liegt im Sterben. Wir, feine wahren Freunde, die ihn liebten um seiner tausend Möglichkeiten willen, uns das menschliche Herz zu offenbaren, wir stehen traurig um sein Krankenlager herum. Es wird ihm wohl kaum zu helfen sein.
In einer Zeit, da die Rotationsmaschinen der Zeitung sich in immer rasenderer Geschwindigkeit drehen, da wir eine Zeitung vom Tag vorher schon nicht mehr vertragen können, und da das Telephon uns zu jeder Stunde mit irgendeiner menschlichen Stimme überfallen kann, in der die Atmosphäre zittert von Worten, Tönen und Zahlen, die durch sie hindurch von einem Ende der Welt an das andere gejagt werden ... in so einer Zeit ist fein Platz mehr, ist eben „keine Zeit" mehr }ür die gemächliche Chronik des Herzens und der Ereignisse, die jeder richtige Bries darzustellen hat.
Wie kann man auch von einer kleinen Stenotypistin, die den ganzen Tag lang Schemabriefe hot schreiben müssen, erwarten, daß sie sich abends hin- segt und seitenlang ihre kleine müde Hand über das Papier gleiten läßt, um ihrem Freund in der anderen Stadt von sich zu erzählen. Sie kann es nicht. Sie geht lieber ins Kino.
Und so wird der Freund oft sehr lange warten müssen, und eines Tages wird es vielleicht zu lange fein — und er wird nicht mehr ihr Freund fein. Denn mit dem Tode des Briefes geschieht etwas anderes, das sehr seltsam anmutet in unserer Zeit der „überwundenen Entfernungen": Die Entfernung spielt eine größere und eine schrecklichere Rolle als je zuvor! Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert, als die Postverhältnisse so unsicher und langsam wie nur möglich waren, schrieb alle Welt sich Briefe. Und diese Priese, wie wurden sie erwartet, wie wurden sie ernst genommen!
Heute gibt es Flugpost, Telephon und Telegraph ... aber man kann eben fein Herz dem Telegraphen nicht anvertrauen; ganz abgesehen davon, daß dos vielleicht auch ein bißchen teuer würde ...
Goethe und seine Freundin Marianne von Wille- mer schrieben sich Briese, die zu den schönsten Gedichten gehören, die wir kennen. Wer weiß, wenn es damals schon das Telephon gegeben hätte, ob wir diese Zeichen einer Freundschaft über alle Entfernungen tzin besäßen!
„Meine liebe Mutter...", wie oft haben wir aus diesen Briefen berühmter Männer an ihre Mütter ihre etwas denkmalhaft starre Erscheinung vor der Menge ganz anders zu beurteilen gelernt! Ein gro
ßer Politiker war da plötzlich wieder ein kleiner Bub geworden, der Heimweh hatte; ein Philosoph hatte kleine und häusliche Sorgen, und ein Dichter schickte seine schönsten Liebesgedichte nicht irgendeiner Schönen, sondern eben dieser ersten Frau, die er in seinem Leben gekannt hatte, seine Mutter.
Briese schreiben: was für eine Kunst, die nie erlernbar war, die nie mit oberflächlicher Bildung zusammenhing! Einfache Frauen haben Meisterwerke geschrieben, nur aus der Fülle und Wärme ihres Herzens heraus. Einzig in Frankreich im 17. Jahrhundert hat es so etwas wie eine Schule des Briesstils gegeben, man wetteiferte miteinander, wer am „geistvollsten" und „originellsten" schriebe, man erzählte sich haargenau alle Liebesabenteuer und Derführungsgeschichten . . . und diese ganze gekünstelte und gezüchtete Schreiberei ist nun auch gerechterweise säst in Vergessenheit geraten, während die schlichten und echten Briese bestehen bleiben, wie eine Dichtung bestehen bleibt.
Der Bries liegt im Sterben. Wie sollen wir ihn retten? Indem wir allen zurufen: Schreibt Briefe! Ach, aber kaum jemand kann es ja noch! Wir können Mahnbriefe, Kontraktbriefe ... „Hiermit bestätigen wir folgende Abmachung, getroffen zwischen ..." Wir können Geschäftsbriefe schreiben: „Ihr Geehrtes vom 3. 4 d. M. in Händen haltend, teile ich Ihnen ergebens! mit..." Nein, diese Briefe meinen wir ja nicht. Auch nicht die, die heute noch aus allen Ferien von all den Lilys und Emmys und Lisas geschrieben werden: „Liebe Eva, das Wetter ist herrlich; Franz Maier und eine mir nicht bekannte Dame (!?!) sind gestern hier angekommen. Er sagt, sie sei seine Schwester (!?). Denke Dir, was für ein Pech, hier hat eine alte häßliche Dame genau das- selbe Modell wie ich ..Nein, auch um diesen Brief handelt es sich nicht.
Der Bries, der da vor uns im Sterben liegt, das ist der, den mir an einem Spätnachmittag in einer sehr nachdenklichen oder sehr zärtlichen Stimmung an irgendeinen lieben Menschen schreiben, der uns diesem Menschen so nahe bringt, wie es vielleicht die körperliche Nähe nicht könnte. Der Bries, den ein junger Student an seinen besten Freund schreibt, weil er über irgendeine Wahrheit dieser Welt nicht mit sich ins Reine kommen kann, und weil er glaubt, der andere könne ihm vielleicht Helsen. Der Bries, den man an einem schönen Morgen an seine Mutter schreibt, so voll echter Liebe, weil man früh auf einem nassen Kopfkissen aufgewacht ist und geträumt hat, sie sei gestorben. Der Brief, den ein Mann an seine Frau, den ein junges Mädchen an seinen Liebsten schreibt, und dessen Zeilen ganz schief und krumm sind, weil das Herz viel schneller war als die Hand folgen konnte.
Die Maschine hat uns die Feder aus der Hand genommen. Aber nicht nur den Federkiel, auch die Ruhe, die Besinnlichkeit, die Freude am Träumen. Unser Handmuskel ist schwach geworden. Es bedarf, wenn man sich an die Maschine gewöhnt hat, einer besonderen Kraftaufwendung und inneren Anspannung, liebevoll Buchstaben an Buchstaben zu reihen, die weißen Blätter mit seelischen Erlebnissen zu erfüllen.
Der Brief liegt im Sterben! Er ist überfahren worden von einer zu eiligen Zeit, und die Einzigen, die ihn noch manchmal schreiben, sind die ganz Alten und die ganz Jungen.
Wasser ohne Fische.
Von Dr. Gustav W. Eberlein, Vom.
Am Dodensee hat sich ein Wunder ereignet: Sportfischer und Berufsfifcher find sich einig! 3a sogar die Berufsfischer untereinander geraten sich nicht in die Haare und Retze, wenn sie auf das Attribut des Wassers zu sprechen kommen, auf den Fisch, der nun einmal dazu gehört wie der Dackel zum Münchener und die Schönheit zur Venus. 3etzt aber, darüber herrscht nur eine Meinung, bleibt er auf einmal weg. 3n den Zeitungen kann man lesen, daß er binnen zehn 3ahren im Rhein ausgestorben sein wird, alle Fachblätter hallen wider von dem Problem des einst so fischreichen, nun so schwündigen Bodensees, die Felche, die bisher der „Brotfisch" war, gewinnt Seltenheitswert wie Lachs und Hecht, von der Seeforelle spricht man überhaupt nicht mehr. Raubbau! Auch darüber sind alle einig, wenn auch die einen mehr dem Rehgewimmel, die andern dem Motorbetrieb die Schuld zuschieben. Sicher ist jedoch, daß das Oel der Schiffe und die Abwasser der Fabriken schon die Brut ersticken.
3n 3talien hat man darüber an einem Wuster- fall eine Erfahrung gewonnen, die auch durch einen langwierigen Prozeß nicht verschleiert wer- den konnte. Da war der westlich vom Lago Mag- giore gelegene See von Orta, auch Lago Cusio genannt, ein innerhalb 16 Quadratkilometer grobes Wasserbecken, ein riesiger Fischteich, berühmt wegen seiner Forellen, die sich wohlfühlten in öem tiefen glasklaren Wasser. Bis vor einigen 3ahren — heute heißt der See Lago senza pesd,
®€c ohne Fische. Konnten sich vorher die Fischer mit dem primitivsten Zeug begnügen, mit Urväterangeln und halbverfaulten Retzen, und dennoch reiche Deute machen, so versagen jetzt auch die allermodernsten Fangmethoden. Was ist
geschehen? Einige Kilometer vom See entfernt siedelte sich eine Kunstseidefabrik an, der gestattet wurde, für ihren Betrieb Seewasser zu benützen, unter allen „Kautelen", versteht sich, sauber und klar mühte das Wasser dorthin zurückfließen, woher es sauber und klar gekommen sei. Trotzdem Hub nun im See ein großes Sterben an, die Warnungen der Fischer Verhallten wie gewöhnlich, und erst als es zu spät war. kamen dis Untersuchungskommissionen und Unter- kommissionen in Gang. Und die Streitereien der Sachverständigen. Die Objektiven behaupteten, daß das zurücklaufende Wasser der Fabrik giftige oder mindestens schädliche Substanzen en*r vten müsse, die das Plankton zerstören, jenes c ehern- nisvolle Geschwebe von 3nfusorien, die Tuv ang der kleinsten 3ungfische. Ratürlich konnten sich die einfachen Fischer nicht gelehrt genug ausdrücken, sie sagten einfach, das Wasser fei nicht mehr „hell", nicht mehr so klar, wie es die Forellen wollen. Darauf pfiff die Fabrik mit allen Sirenen. Und als auch die Gesellschaft für Fischzucht Bedenken geltend machte, erwiderten die Seidenherren, die Fischer sollten einfach etwas weniger faul sein und ihre Retze tiefer hinunterlassen. Habe die Fabrik nicht etwa die vorschriftsmäßigen Filter angebracht? Und gebe sie nicht Hunderten Arbeit? Eine heute gern geübte Logik.
Die Fische konnten diese schöne Predigt leider nicht mehr anhören, denn sie waren tot. Eine einzige Fabrik hat genügt, das reiche Leben eines ganzen Alpensees zu vernichten. Es könnte gewiß nicht schaden, wenn auch anderswo der Rahrung der Fische, insbesondere dem Plankton, mehr Aufmerksamkeit gewidmet würde. Denn was nützt es, wenn die Brutanstalten Millionen von 3ung- fifchen heranzüchten und aussehen, die, einmal 'im vergifteten Wasser, dort alles eher finden als ihr Lebenselement?
Zeitschriften.
— „Mutter und Kind". Zeitschrift für Ernährung, Pflege und Erziehung des Kindes. Verlag Glwin Staude, Osterwieck a. H. Vierteljährlich (3 Hefte) 1,65 RM. einschl. Porto. — Für Mütter, Säuglingspflegerinnen und Kindergärtnerinnen gibt es viel Wissenswertes und Lehrreiches im Februarheft, das u. a. folgende Beiträge enthält: „Wie schütze ich mein Kind vor Rachitis?". „Stilltechnik", „Das Kind und die Strafe", „Mein und Dein", „Zensuren und Elternschaft". „Aus Apfelsinenschalen", „Das grasgrüne Lutschbonbon" ufüx


