Ausgabe 
10.2.1933 Frühausgabe
 
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Verwendung amtlicher Fonds für Wahlzweüe 1932.

Eine Mitteilung der kommissarischen Negierung.

Berlin, 9. Febr. (WTB. Funkspruch.) Der Amtliche Preußische Pressedienst teilt mit: Am 5. Februar 1933 hat das Kabinett Braun in der Presse eine Erklärung veröffentlicht, in der die im Preußischen Landtag am 4. Februar von einem Abgeordneten aufgestellte Behauptung, das Kabi­nett Braun habe Staatsmittel für Partei­zwecke zur Verfügung gestellt, als objektiv unrichtig bezeichnet wird. Die Kommissare des Reiches müssen demgegenüber seststellen, daß die Mittel, die biszumBetrage v o n 2 Mil­lionen Reichsmark durch einstimmigen Be­schluß des Kabinetts Braun vom 6. 4.1932 durch Ueberschreitung des H a u s h a l t s f o n d s Bekämpfung des Verbrechertums" ge­wonnen werden sollten, nach den amtlichen Unter­lagen nicht der Zweckbestimmung entsprechend, son­dern fast ausschließlich für andere Zwecke, offenbar Wahlpropaganda der dama­ligen Koalitionsparteien bei der letzten Landtags­wahl 1932 verwendet wurden. Im übrigen wird über die Angelegenheit mit Beschleunigung ein Gut­achten der Oberrechnungskammer erbeten werden. Die Kommissare des Reiches behalten sich weitere Schritte vor, sobald dieses Gutachten erstattet ist.

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Zu der Verlautbarung des Reichskommissars erklärt das Kabinett Braun:Diese Be­hauptung ist unrichtig. Die zur Verbrechens­bekämpfung verbuchten Mittel sind für diesen Zweck auch tatsächlich ausgegeben, wobei bemerkt wird, daß hochverräterische Un­ternehmungen, Sprengstoffattentate, Gewalttaten, Terror und Staatsverleumdung nach dem Straf­gesetzbuch zu ahndende Vergehen und Verbrechen sind. Die etatsrechtliche Zulässigkeit des Be­schlusses hat das zuständige Fachressort vorher geprüft und bestätigt. 3m übrigen ist nur ein Bruchteil der genannten Summe verausgabt wor­den. Die preußische Regierung hat im Ein­vernehmen mit der Reichsregierung, zum Teil auf ihre Veranlassung, zum Schutze des Staates und der Verfassung gehandelt.

Nicht Verstaatlichung, sondern Beauf­sichtigung der Großbanken.

München, 9. Febr. (TU.) Die Abstimmung in der Mittwochsitzuna des Bayrischen Land­tages in der Fraae der Verstaatlichung der Großbanken war sowohl im Landtag selbst, wie in der Presse allgemein dahin verstanden worden, daß der ursprüngliche nationalsoziali­stische Antrag auf Verstaatlichung der Großbanken angenommen worden sei. In der Vollsitzung des Bayerischen Landtages am Donners­tag erklärte nun aber Präsident Dr. Stang, um keinen Zweifel auflommen zu lassen, stelle er nach­träglich ausdrücklich fest, daß sich die gestriae Ab­stimmung über den nationalsozialistischen Antrag betreffs Verstaatlichung der Großbanken auf den Abänderungsantrag bezogen habe. In die­sem Abänderungsantrag aber war die Beauf­sichtigung der Großbanken verlangt. Im übrigen stimmt der Wortlaut des Antrages mit dem ursprünglichen nationalsozialistischen Antrag über­ein.

Oer NeicbSlandbund fordert schärfste Maßnahmen gegen ausländische Buttereinfuhr.

Berlin, 9. Febr. (ERB.) Der Reichsland­bund hat an den Reichskanzler sowie an den Reichsminister für Ernährung und Landwirt­schaft ein Telegramm abgesanot, in dem darauf hingewiesen wird, daß der Butterpreis heute wieder um 5 RM. gefallen und ein weiterer Preissturz zu befürchten sei. Ein sofortiges Eingreifen der Reichs­regierung sei dringend erforderlich. Der ge­genwärtige Rotstand rechtfertige die sofortige völlige Sperrung der Grenzen gegen

Oie indischen Meuterer gestellt.

Zusammentreffen mit -en Sieben Provinzen".

Die Meuterer verlassen das Lchiff.

Batavia, 10. Febr. (WTB. Funkspruch.) Die aufrührerische Mannschaft des niederländischen SchlachtschiffesSieben Provinzen" Hot kapitu­liert. Bisher find folgende Rachrichten über den Vorgang eingetroffen:

heule früh forderte der Befehlshaber des ver­folgenden Geschwaders die Meuterer durch Funk­spruch auf, bedingungslos zu kapitulie­ren, falls sie nicht wollten, daß Gewalt ge­braucht werde. (Er verlangte, dos Schiff solle stoppen, die niederländische Flagge hissen und auf dem Deck eine weihe Fahne zeigen. Rach zehn Minuten kam die drahtlofe Antwort:hindert uns nicht!" hierauf wurde von einem Flugzeug eine Bombe neben dem Schlachtschiff ins wasser ge­worfen. Da die Warnung ohne Wirkung blieb, warf ein Dornier-Flugboot eine zweite V o m b e ab, die ein Treffer war. An Bord entstand ein Brand, der ober anscheinend nicht ernster Ratur ist. Die Meuterer verliehen das Schiff in Booten. Merkwürdigerweise sendet das SchiffSieben Provinzen" noch immer draht- lose Botschaften, weitere Rachrichten sind noch nicht eingegangen.

Butterüberschwemmung und sonstige scharfe Ein­griffe zur Marktbereinigung.

Das Wahlablommen der Bitte.

Zu dem Wahlabkommen der bürgerlichen Mit­telparteien teilt der Pressedienst der Deutschen Volkspartei noch mit, daß nach der politischen Seite hin die Bewegung zur nationalen Konzentration in diesem christlich-natio­nalen Block eine starke Stütze findet. Alle ihm angeschlossenen Parteien und Gruppen sind zur positiven Mitarbeit in der na­tionalen Front bereit. Sie sind über­zeugt, daß die von ihnen vertretenen staats­politischen, wirtschaftspolitischen und kulturellen Kräfte und Auffassungen der unentbehr­liche Bestandteil jedes auf bau end en Regierungsprogramms sein müssen. Ein gleiches Abkommen ist für die preußischen Land­tagswahlen zwischen der Deutschen Volkspartei und dem Christlich-Sozialen Volksdienst abge­schlossen worden.

Oer Gehaltsverzicht des Reichskanzlers

Berlin, 9. Febr. (WTB.) Die Rachricht der Reichskanzler habe auf sein Gehalt als Reichs­kanzler verzichtet, ist in der Oeffentlichkeit vielfach mit der Behauptung angegriffen worden, ein Gehaltsverzicht eines Reichsministers oder eines Beamten sei rechtlich unzulässig. Wie amtlich mitgeteilt wird, ist dem Reichs­kanzler sehr wohl bekannt, daß einem generellen Gehaltsverzicht rechtliche Bedenken ent» gegenstehen. Hier handelt es sich jedoch um die Ueberweisung des monatlichen Ge­halts auf Anweisung des Reichskanzlers a n ein noch zu bildendes Kuratorium, das die eingehenden Beträge für noch näher zu bestimmende wohltätige Zwecke verteilen wird.

üt. e>i?rup tx>irö prasioen. der Arbeitslosenversicherung.

Berlin, 10. Febr. (VDZ.) Der Vorstand der Reichsanstalt für Arbeitslosenversicherung und Arbeitsvermittlung Hal sich dafür ausgesprochen, daß der bisherige Reichsarbeitsminister S y r u p zum Präsidenten der Reichsanstalt ernannt werde. Das Reichskabinett hatte Dr. Shrup f ü r d i e s e s Amt vorgeschlagen. Rach den gesetzlichen

Sin- Europäer die Anführer der Meuterei?

A m st e r d a m, 9. Febr. (WTB.) In einer Mel° düng desTelegraaf" aus Surabaja wird bestätigt, daß der Eingeborenenteil der Bemannung des Kreu­zers ,Zava" für unzuverlässig gehalten wurde, wes­halb vie eingeborenen Maate und Matrosen in Surabaja durch europäische Unteroffi­ziere und Matrosen ersetzt wurden. Man hielt diese Vorsichtsmaßnahme für^ notwendig, um beim Zusammentreffen mit derSieben Pro­vinzen" nicht das geringste Risiko in Kauf zu neh­men. Daß die Befürchtungen keineswegs unbe­gründet waren, ergibt sich aus der Tatsache, daß drei europäische Mitglieder der Be­mannung nach der Ankunft auf der Reede von Batavia in Hast genommen wurden. Die Be­hörde glaubt Grund zu der Annahme zu haben, daß die drei Verhafteten diechaupträdelsführer der bei der niederländisch-indischen Flotte eingetrete­nen Beunruhigung sind. Infolgedessen sind erneut Vermutungen aufgetaucht, daß auch die Meu­terer derSieben Provinzen" von europäischen Elementen angeführt werden. Eine Bestätigung für diese Annahme wird I darin erblickt, daß das Meutererschiff seinen Kurs I so gut hat einhalten können.

Vorschriften muh nun noch der Reichsrat zu dem Vorschlag Stellung nehmen. Es ist nicht daran zu zweifeln, daß auch der Reichsrat, der ja wegen der neuen Auseinandersetzungen mit Preu­ßen erst mit Verspätung zusammentritt, die Er­nennung Dr. Syrups billigen wird. Die Ernen­nungsurkunde wird hierauf dem Herrn Reichs­präsidenten zur Unterschrift vorgelegt.

Oie Krage der Staatsform für die NSOAP. nicht aktuell.

Paris, 10. Febr. (ERB. Funkspruch., 'Der Berliner Korrespondent desPetit Journal" be­richtet seinem Blatte über eine Unterredung, die er mit dem Befehlshaber der Berliner SA., Graf H e l l d o r f, hatte. Als Hauptaufgabe des Ra­tionalsozialismus bezeichnete Graf Helldorf den inneren Wiederaufbau". Gr erklärte: Wir wollen wieder bei uns Herr sein ohne ir­gendwelche äußere Einmischung, und wir wollen mit jedermann in Frieden leben. Der Rationalsozialismus wird niemals der früheren Kaiser, den früheren Kronprinzen oder irgend­einen der jetzt lebenden Prinzen auf den Thron heben. Unter den Rationalsozialisten gibt es R e - publikaner und Monarchisten. Viel­leicht wird man in zehn 3ahren diese Frage prü­fen, heute aber ist sie i n k e i n e r W e i s e ak­tuell.

Anschlag aus em Berliner Verkehrs­lokal der ASOAP.

Berlin, 10. Febr. (ERB Funkspruch.) Auf ein Verkehrslokal der RSDAP. wurde in der vergangenen Rächt ein Ueberfall verübt. Kurz nach Mitternacht wurden auf das Lokal mehrere Schüsse abgegeben und zwei Eierhandgra­naten durch das Schaufenster in den Gast- raum geworfen. Von den im Lokal an­wesenden 25 Rationalsozialisten wurden drei leicht verletzt. Die Täter sind mit einem Motorrad un­erkannt entkommen. 3m Rorden der Stadt wurde ein Arbeiter durch einen Kopfschuß so schwer verletzt, daß er auf dem Wege ins Kran­kenhaus starb. 3n der Rähe des Branden­burger Tors wurde heute früh ein Mann mit einer Schußverletzung an der rechten Schläfe t o t aufgefunden. Cs besteht der Verdacht, daß es sich um einen Mord handelt.

Zum -10. Todestag des Entdeckers der Röntgenstrahlen.

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Die Büste Wilhelm Konrad von Röntgens, des großen deutschen Physikers, der vor zehn 3ahren, am 10. Februar 1923, in München starb. 1895 entdeckte er die von ihm als X-Strahlen bezeichneten, bald jedoch nach ihm benannten Strahlen, die für die medizinische Wissenschaft von so überragender Bedeutung wurden. Von 1879 bis 1888 wirkte Röntgen an der Universität Gießen. 1901 wurde Röntgen mit dem Nobel­preis für Physik ausgezeichnet.

Aus aller Wett.

Kältewelle über Amerika.

Die von den amerikanischen Weststaaten kom­mende Kältewelle hat nunmehr Reuyork er­reicht, wo ein eisiger Wind weht. Es erfolgte ein außerordentlicher Temperatur stürz von plus 17 Grad Celsius am Mittwoch auf minus 11 Grad Celsius am Donnerstag. 3m ganzen Lande sind über fünfzig Personen er­fror e'n. Die Rordweststaaten melden eine Tem­peratur von minus,50 Grad im Gebirge. Der Schnee liegt in einer noch nie dagewesenen Höhe, so daß der Verkehr vollständig unterbrochen ist. Die Wetterwarten sagen zunehmende Kälte vor­aus.

Mißglückter Fluchtversuch zweier Fremdenlegionäre.

Zwei Angehörige der französischen Fremdenlegion, ein Deutscher namens Rudi Bachmann und ein Schweizer Reymond Hans, die im 1. Regiment der Fremdenlegion in Saida Dienst taten, versuchten in einer der letzten Nächte mit einem französischen Mllitärflugzeug zu flüchten. Sie hotten bereits aus einem Flugzeugschuppen ein großes Flugzeug her­ausgeholt, als der Poften sie bemerkte und sofort schoß. Bachmann wurde verletzt, der Schweizer Hans konnte in der allgemeinen Aufregung flüchten. Bachmann wurde verhaftet. Er sagte aus, er und sein Kamerad hätten nach Italien flüchten wollen.

Blutiger Bruderslreit. (Ein Toter, ein Schwerverletzter.

Der Hof Schierbaum in Vortrup bei Osnabrück war der Schauplatz einer schweren Bluttat. Drei Brüder Schierbaum "gerieten wegen Famü. i= angelegenheiten in Streit. Im Verlaufe der Aus­einandersetzung griff der Milchhändler Kaspar Schierbaum zum Revolver und feuerte mehrere Schüsse auf feine Brüder ab. Beide erlitten schwere Verletzungen. Einer der Verletzten st a r b bald nach seiner Einlieferung ins Krankenhaus. Der Täter konnte verhaftet werden.

Mein liebstes Herz!"

Son £ito Dämmert

Der Brief liegt im Sterben. Wir, feine wahren Freunde, die ihn liebten um seiner tausend Möglich­keiten willen, uns das menschliche Herz zu offen­baren, wir stehen traurig um sein Krankenlager herum. Es wird ihm wohl kaum zu helfen sein.

In einer Zeit, da die Rotationsmaschinen der Zeitung sich in immer rasenderer Geschwindigkeit drehen, da wir eine Zeitung vom Tag vorher schon nicht mehr vertragen können, und da das Telephon uns zu jeder Stunde mit irgendeiner menschlichen Stimme überfallen kann, in der die Atmosphäre zittert von Worten, Tönen und Zahlen, die durch sie hindurch von einem Ende der Welt an das andere gejagt werden ... in so einer Zeit ist fein Platz mehr, ist ebenkeine Zeit" mehr }ür die gemächliche Chronik des Herzens und der Ereignisse, die jeder richtige Bries darzustellen hat.

Wie kann man auch von einer kleinen Stenoty­pistin, die den ganzen Tag lang Schemabriefe hot schreiben müssen, erwarten, daß sie sich abends hin- segt und seitenlang ihre kleine müde Hand über das Papier gleiten läßt, um ihrem Freund in der an­deren Stadt von sich zu erzählen. Sie kann es nicht. Sie geht lieber ins Kino.

Und so wird der Freund oft sehr lange warten müssen, und eines Tages wird es vielleicht zu lange fein und er wird nicht mehr ihr Freund fein. Denn mit dem Tode des Briefes geschieht etwas anderes, das sehr seltsam anmutet in unserer Zeit derüberwundenen Entfernungen": Die Entfernung spielt eine größere und eine schrecklichere Rolle als je zuvor! Im siebzehnten und achtzehnten Jahr­hundert, als die Postverhältnisse so unsicher und langsam wie nur möglich waren, schrieb alle Welt sich Briefe. Und diese Priese, wie wurden sie erwar­tet, wie wurden sie ernst genommen!

Heute gibt es Flugpost, Telephon und Telegraph ... aber man kann eben fein Herz dem Telegraphen nicht anvertrauen; ganz abgesehen davon, daß dos vielleicht auch ein bißchen teuer würde ...

Goethe und seine Freundin Marianne von Wille- mer schrieben sich Briese, die zu den schönsten Ge­dichten gehören, die wir kennen. Wer weiß, wenn es damals schon das Telephon gegeben hätte, ob wir diese Zeichen einer Freundschaft über alle Ent­fernungen tzin besäßen!

Meine liebe Mutter...", wie oft haben wir aus diesen Briefen berühmter Männer an ihre Mütter ihre etwas denkmalhaft starre Erscheinung vor der Menge ganz anders zu beurteilen gelernt! Ein gro­

ßer Politiker war da plötzlich wieder ein kleiner Bub geworden, der Heimweh hatte; ein Philosoph hatte kleine und häusliche Sorgen, und ein Dichter schickte seine schönsten Liebesgedichte nicht irgendeiner Schönen, sondern eben dieser ersten Frau, die er in seinem Leben gekannt hatte, seine Mutter.

Briese schreiben: was für eine Kunst, die nie er­lernbar war, die nie mit oberflächlicher Bildung zusammenhing! Einfache Frauen haben Meister­werke geschrieben, nur aus der Fülle und Wärme ihres Herzens heraus. Einzig in Frankreich im 17. Jahrhundert hat es so etwas wie eine Schule des Briesstils gegeben, man wetteiferte miteinander, wer amgeistvollsten" undoriginellsten" schriebe, man erzählte sich haargenau alle Liebesabenteuer und Derführungsgeschichten . . . und diese ganze ge­künstelte und gezüchtete Schreiberei ist nun auch ge­rechterweise säst in Vergessenheit geraten, während die schlichten und echten Briese bestehen bleiben, wie eine Dichtung bestehen bleibt.

Der Bries liegt im Sterben. Wie sollen wir ihn retten? Indem wir allen zurufen: Schreibt Briefe! Ach, aber kaum jemand kann es ja noch! Wir kön­nen Mahnbriefe, Kontraktbriefe ...Hiermit be­stätigen wir folgende Abmachung, getroffen zwi­schen ..." Wir können Geschäftsbriefe schreiben:Ihr Geehrtes vom 3. 4 d. M. in Händen haltend, teile ich Ihnen ergebens! mit..." Nein, diese Briefe meinen wir ja nicht. Auch nicht die, die heute noch aus allen Ferien von all den Lilys und Emmys und Lisas geschrieben werden:Liebe Eva, das Wetter ist herr­lich; Franz Maier und eine mir nicht bekannte Dame (!?!) sind gestern hier angekommen. Er sagt, sie sei seine Schwester (!?). Denke Dir, was für ein Pech, hier hat eine alte häßliche Dame genau das- selbe Modell wie ich ..Nein, auch um diesen Brief handelt es sich nicht.

Der Bries, der da vor uns im Sterben liegt, das ist der, den mir an einem Spätnachmittag in einer sehr nachdenklichen oder sehr zärtlichen Stimmung an irgendeinen lieben Menschen schreiben, der uns diesem Menschen so nahe bringt, wie es vielleicht die körperliche Nähe nicht könnte. Der Bries, den ein junger Student an seinen besten Freund schreibt, weil er über irgendeine Wahrheit dieser Welt nicht mit sich ins Reine kommen kann, und weil er glaubt, der andere könne ihm vielleicht Helsen. Der Bries, den man an einem schönen Morgen an seine Mut­ter schreibt, so voll echter Liebe, weil man früh auf einem nassen Kopfkissen aufgewacht ist und geträumt hat, sie sei gestorben. Der Brief, den ein Mann an seine Frau, den ein junges Mädchen an seinen Lieb­sten schreibt, und dessen Zeilen ganz schief und krumm sind, weil das Herz viel schneller war als die Hand folgen konnte.

Die Maschine hat uns die Feder aus der Hand genommen. Aber nicht nur den Federkiel, auch die Ruhe, die Besinnlichkeit, die Freude am Träumen. Unser Handmuskel ist schwach geworden. Es bedarf, wenn man sich an die Maschine gewöhnt hat, einer besonderen Kraftaufwendung und inneren Anspan­nung, liebevoll Buchstaben an Buchstaben zu reihen, die weißen Blätter mit seelischen Erlebnissen zu er­füllen.

Der Brief liegt im Sterben! Er ist überfahren worden von einer zu eiligen Zeit, und die Einzigen, die ihn noch manchmal schreiben, sind die ganz Alten und die ganz Jungen.

Wasser ohne Fische.

Von Dr. Gustav W. Eberlein, Vom.

Am Dodensee hat sich ein Wunder ereignet: Sportfischer und Berufsfifcher find sich einig! 3a sogar die Berufsfischer untereinander geraten sich nicht in die Haare und Retze, wenn sie auf das Attribut des Wassers zu sprechen kommen, auf den Fisch, der nun einmal dazu gehört wie der Dackel zum Münchener und die Schönheit zur Venus. 3etzt aber, darüber herrscht nur eine Meinung, bleibt er auf einmal weg. 3n den Zei­tungen kann man lesen, daß er binnen zehn 3ahren im Rhein ausgestorben sein wird, alle Fachblätter hallen wider von dem Problem des einst so fischreichen, nun so schwündigen Boden­sees, die Felche, die bisher derBrotfisch" war, gewinnt Seltenheitswert wie Lachs und Hecht, von der Seeforelle spricht man überhaupt nicht mehr. Raubbau! Auch darüber sind alle einig, wenn auch die einen mehr dem Rehgewimmel, die andern dem Motorbetrieb die Schuld zuschieben. Sicher ist jedoch, daß das Oel der Schiffe und die Abwasser der Fabriken schon die Brut er­sticken.

3n 3talien hat man darüber an einem Wuster- fall eine Erfahrung gewonnen, die auch durch einen langwierigen Prozeß nicht verschleiert wer- den konnte. Da war der westlich vom Lago Mag- giore gelegene See von Orta, auch Lago Cusio genannt, ein innerhalb 16 Quadratkilometer gro­bes Wasserbecken, ein riesiger Fischteich, berühmt wegen seiner Forellen, die sich wohlfühlten in öem tiefen glasklaren Wasser. Bis vor einigen 3ahren heute heißt der See Lago senza pesd,

®c ohne Fische. Konnten sich vorher die Fischer mit dem primitivsten Zeug begnügen, mit Urväterangeln und halbverfaulten Retzen, und dennoch reiche Deute machen, so versagen jetzt auch die allermodernsten Fangmethoden. Was ist

geschehen? Einige Kilometer vom See entfernt siedelte sich eine Kunstseidefabrik an, der ge­stattet wurde, für ihren Betrieb Seewasser zu benützen, unter allenKautelen", versteht sich, sauber und klar mühte das Wasser dorthin zurückfließen, woher es sauber und klar gekom­men sei. Trotzdem Hub nun im See ein großes Sterben an, die Warnungen der Fischer Verhall­ten wie gewöhnlich, und erst als es zu spät war. kamen dis Untersuchungskommissionen und Unter- kommissionen in Gang. Und die Streitereien der Sachverständigen. Die Objektiven behaupteten, daß das zurücklaufende Wasser der Fabrik giftige oder mindestens schädliche Substanzen en*r vten müsse, die das Plankton zerstören, jenes c ehern- nisvolle Geschwebe von 3nfusorien, die Tuv ang der kleinsten 3ungfische. Ratürlich konnten sich die einfachen Fischer nicht gelehrt genug ausdrücken, sie sagten einfach, das Wasser fei nicht mehr hell", nicht mehr so klar, wie es die Forellen wollen. Darauf pfiff die Fabrik mit allen Si­renen. Und als auch die Gesellschaft für Fisch­zucht Bedenken geltend machte, erwiderten die Seidenherren, die Fischer sollten einfach etwas weniger faul sein und ihre Retze tiefer hin­unterlassen. Habe die Fabrik nicht etwa die vor­schriftsmäßigen Filter angebracht? Und gebe sie nicht Hunderten Arbeit? Eine heute gern geübte Logik.

Die Fische konnten diese schöne Predigt leider nicht mehr anhören, denn sie waren tot. Eine einzige Fabrik hat genügt, das reiche Leben eines ganzen Alpensees zu vernichten. Es könnte gewiß nicht schaden, wenn auch anderswo der Rahrung der Fische, insbesondere dem Plankton, mehr Aufmerksamkeit gewidmet würde. Denn was nützt es, wenn die Brutanstalten Millionen von 3ung- fifchen heranzüchten und aussehen, die, einmal 'im vergifteten Wasser, dort alles eher finden als ihr Lebenselement?

Zeitschriften.

Mutter und Kind". Zeitschrift für Ernährung, Pflege und Erziehung des Kindes. Verlag Glwin Staude, Osterwieck a. H. Viertel­jährlich (3 Hefte) 1,65 RM. einschl. Porto. Für Mütter, Säuglingspflegerinnen und Kin­dergärtnerinnen gibt es viel Wissenswertes und Lehrreiches im Februarheft, das u. a. folgende Beiträge enthält:Wie schütze ich mein Kind vor Rachitis?".Stilltechnik",Das Kind und die Strafe",Mein und Dein",Zensuren und Elternschaft".Aus Apfelsinenschalen",Das grasgrüne Lutschbonbon" ufüx