Ausgabe 
9.9.1933 Erstes Blatt
 
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Das Wunder der Magussi Weiser

Vornan von Fr. Lehne.

Urheberschutz durch C. Ackermann, Stuttgart.

32. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Nach kurzen einleitenden Worten schrieb die Mui- ter: . in schweren, sorgenvollen Tagen leben mir!

Ich überlegte, ob ich Dich damit belasten darf; doch wenn das Schlimmste, das nicht ausgeschlossen ist, eintreten sollte, würdest Du mir vielleicht sehr zürnen, daß ich Dir nichts darüber geschrieben"

Was war das? Magussi ließ erschrocken das Brief- blatt sinken, nicht wagend, weiter zu lesen. War der Papa plötzlich erkrankt? Oh, dann mußte sie sofort heim! Nein, der Papa war es nicht aber Eduard! In schweren unregelmäßigen Schlägen klopfte ihr das Herz in der Brust, als sie weiterlas:Ich schrieb Dir doch, liebes Kind, daß Papa und Eduard zur Jagd geladen waren, und dort ist das Unglück ge­schehen. Eduard ist durch eine verirrte Kugel oder einen ungeschickten Schützen, man weiß es nicht schwer getroffen und durch einen großen Blutverlust aufs äußerste entkräftet, da man ihn erst lange nach dem Unglücksfall gefunden!

Der Arzt erhofft von seiner gesunden Natur viel, ja alles! Er spricht von einer Blutübertragung, die gemacht werden muß! Papas Blut paßt aber nicht. Eduards Braut weist den Gedanken dieses Aderlasses mit Schrecken weit von sich. Als Krankenpflegerin war Thea auch nicht zu gebrauchen; sie regte Eduard durch ihr Weinen und Jammern so auf, daß Mama Weiser sie fortschickte."

Doch ich will Dir das Herz nicht weiter be­schweren; denn Du brauchst Deine ganze Seelen« und Nervenkräfte für Deine Kunst"

Die Buchstaben verschwommen Magussi vor den Augen; sie konnte nicht weiter lesen. Jäh, wie sm Keulenschlag, hatte diese Nachricht sie getroffen. Eduard todkrank am Sterben vielleicht schon tot? Sie schrie laut auf im Uebermaß des Schmerzes.

Eine unbeschreibliche Sehnsucht, ihn noch einmal zu sehen, erfaßte sie. Gleichviel, ob eine andere ein

Anrecht an ihn hatte nur einmal noch seine Hand drücken, in seine guten Augen sehen, nur einmal noch ein liebes Wort hören sie vermeinte, nicht mehr leben zu können, wenn bas Schicksal ihr diese karge Gunst nicht gönnte!

Im ersten Empfinden schickte sie ein Telegramm an die Mutter ab:

Eintreffe morgen, Mittwoch früh. Eduard auf mein Kommen oorbereiten."

Sie war in dieser Woche nicht in der Oper be­schäftigt, also würde sie leicht Urlaub bekommen. Als sie am Telephon von einer plötzlichen schweren Er­krankung in der Familie sprach, die ihre sofortige Anwesenheit zu Hause nötig mache, war man sehr entgegenkommend und bewilligte ihr gern den er­betenen Urlaub.

Nun konnte sie nicht mehr zurück, auch wenn Furcht sie befiel, daß ihr Kommen nicht erwünscht sei! Das Mädchen packte ihr den Handkoffer mit der nötigsten Wäsche und Kleidung.

Nun sie den Entschluß zur Reise gefaßt, ließ die ungeheure Spannung und Unruhe in ihrem Innern etwas nach.

Wie langsam die Zeit doch schlich, bis sie am Abend endlich ihren Platz im Abteil innehatte! Mit einem tiefen Aufatmen drückte sie sich in die Polster. Hof­fentlich konnte sie schlafen, daß die Gedanken sie nicht gar so quälten! Um den einen Punkt nur kreisten sie um Eduard! In heißem Gebet verkrampfte sie die Hände,lieber Gott, lasse ihn leben! Lieber Gott, lasse ihn leben!"

Mit aller Inbrunst, die ihre Kräfte förmlich auf­gezehrt, erflehte, forderte sie es unaufhörlich.

Jetzt wußte sie ja erst ganz, wie unbeschreiblich teuer ihr der Mann war, den sie dennoch, trotz ihrer großen Liebe, hatte aufgeben können eines Phan­toms wegen!

Nein ein Phantom war es doch nicht, aber dennoch nicht das Höchste im Leben, wie sie ge­dacht!

Ganz erfüllt war sie von dem Manne, der daheim vielleicht zwischen Leben und Sterben lag und nach ihr rief. Ja, nach ihr rief!

Ganz deutlich fühlte sie es, wie seine Gedanken, seine Wünsche, seine Sehnsucht sie umkreisten.

Ich komme, ich komme! Hab nur noch ein wenig Geduld! Bald bin ich bei dir!", sagte sie laut und beschwörend vor sich hin.Gott, fordere von mir,

was du willst! Rur lasse ihn am Leben! Alles will ich für sein Leben hingeben jedes Opfer, was ver­langt wird selbst meine Kunst!"

Wider Willen, aber einem übermächtigem Zwang gehorchend, rangen sich hie Worte aus ihrem Munde. Hatte sie es nur gedacht oder doch laut ausgesprochen oder hatte es ihr eine andere gewaltige fremde Stimme zugerufen? Sie wußte es nicht, aber ge­hört hatte sie es ganz deutlich!

Und da mit flammenden Buchstaben standen die drei Worteselbst meine Kunst" mit einem Male an der ihr gegenüberliegenden Wand des Abteils! Sie starrte darauf, bis ihr die Augen brannten.

Selbst meine Kunst!" hauchte sie mit ersterbender Stimme.

Forderte das Schicksal von ihr dieses Opfer für sein Leben?

Matt sank ihr Kopf gegen das Polster.

Die übergroße seelische Anstrengung hatte ihre ganzen Kräfte aufgesaugt, daß sie gänzlich erschöpft die Augen schloß.

Nicht sterben lassen, lieber (Sott! Hörst du?"

Und jetzt konnte sie die primitiven Naturen be­greifen, die den Heiligen ober den Göttern etwas versprechen und opfern, um einen heißen Wunsch erfüllt zu bekommen begriff, daß sogar Menschen­opfer gebracht wurden!

Ach, gab es das nicht jetzt auch noch? Wurden jetzt nicht auch noch Opfer gebracht tägliche Men­schenopfer, wenn auch in anderer Form?

Hatte sie sich selbst nicht soeben zum Opfer ge­bracht?

Die Mutter war am Bahnhof; in dem fahlen Morgenlicht sah sie sehr blaß und angegriffen aus.

Mama!" Mit einem erstickten Aufschrei stürzte Magussi in deren Arme.

Wie geht es ihm?" Leise wie ein Hauch fiel diese Frage.

Sehr ernst!" lautete die gepreßte Erwiderung.

Hat man ihm gesagt, daß ich komme?"

Ich weiß nicht, ob man es schon getan hat! Dein gestriges Telegramm brachte ich gleich zu seiner Mutter; sie wünscht dich als ihren Gast zu haben! Papas wegen ist mir das sehr lieb, mein Kind!"

Ich verstehe, Mama! Wenn Papa mich sehen will, sagst du es mir, bitte! Und Eduards Braut?" Leise und zögernd fiel diese Frage von ihren Lippen.

Sie ist bei ihren Eltern; fast täglich kommt sie.

um sich nach seinem Befinden zu erkundigen; aber sie darf ihn vorläufig nicht sehen! Ihre Nerven waren am Lersagen"

Dann ist sie keine Krankenpflegerin"

Nein, Kind! Aber in diesem besonderen Fall: Wenn Eduard sprach, so war es nur immer das Verlangen nach dir! le konnte es nicht mehr er« tragen!"

Und Papa? Was sagt er zu meinem Kom­men?"

Nichts, Kind! Dennoch glaube und fühle ich, daß es ihn sehr überrascht und gefreut hot! Eduards Geschick geht ihm furchtbar nahe mehr als alles, was ihn bisher getroffen!"

Mit tränenverdunkelten Augen durchschritt Ma­gussi den Borgarten der Weiserschen Villa, über dessen letzte blühende Blumen der Reif gestrichen, daß sie, zu Tode verwundet, die Kopfe hängen ließen.

Und droben lag ein todwunder Mann.

Auf der Schwelle stand mit verhärmtem, über­wachtem Gesicht Frau Weiser. In tiefer Bewegung zog sie Magussi an ihre Brust. Alles Trennende war vergessen!

Dank dir, mein Kind, daß du gekommen bist!" flüsterte sie,er spricht ja nur von dir in der Nacht hat er dich unaufhörlich gerufen."

In der Nacht, da war es gewesen, daß sie mit Gott um ihn gerungen! Die Kraft ihrer Gedanken hatte ihn erreicht!

Am Frühstückstisch saßen die drei Damen und der Generaldirektor. Magussi war kaum imstande, etwas zu genießen. Doch dem liebevollen Drängen der Müt­ter mußte sie nachgeben. Eine Tasse heißer starker Kaffee regte sie an, und sie ein Ei dazu.

Dann sollte sie eine Stunde ruhen. Man wollte den Kranken erst auf ihre Anwesenheit vorbereiten, was man am Vorabend aus Furcht vor Erregung nicht getan.

Am besten ist es, der Arzt wir haben unseren tüchtigen Sanitätsrat Doktor Fischer sagt es ihm."

Vorher aber will i ch ihn sprechen! Doktor Fischer kennt mich doch sehr gut und weiß, daß ich voll, kommen gesund bin! Wenn er mein Blut für Eduard brauchen kann, so soll er soviel nehmen, wie er will!" sagte Magussi in schlichter Selbstverständlichkeit.

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