Ausgabe 
9.3.1933 Erstes Blatt
 
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zurückzuzieh en. Die japanische Regierung sei jedoch fest entschlossen, an der Herstellung eines stän­digen allgemeinen Friedens mitzuarbeiten und er­klärte sich daher bereit, auch weiterhin n n der Abrüstungskonferenz teilzunehmen Dennoch sehe sie sich verpflichtet, der Ablüstungskon- serenz mitzuteilen, daß gewisse bedeulungsvollc U in ge ft Altungen in d e r nationalen Ver­teidigung des japanischen Reiches infolge der neuen im Fernen Osten entstandenen Lage unoer» weidlich geworden feien Bei der weiteren Be­handlung der Abrüstungsfragen fei es nach einer tiefgehenden Ueberzeugung der japanischen Regie­rung unbedingt nntmenöig, die gegenwärtig im Fer- ::.n Osten bestehende Lage weitgehend zu berücksich­tigen.

Die Note der japanischen Regierung wird in Kon­ferenzkreisen als eine unumwundene Erklärung neuer japanischer R ü st u n g e n und einer Teilnahme an einem Abrüstungsabkommen nur unter Anerkennung der japanischen Rüstungs­freiheit aufgefaßt.

Macdonalds Besuch in Paris.

England bebaue t das Ausbleiben Mussolinis.

London, 9. März. (ERB. Funkspruch.) 3n einem Leitartikel zur Reise Macdonalds und Sir John Simons nach Paris und Genf warntTimes" vor Mißverständ­nissen, die sich aus demgeographischen Zufall" ergeben könnten, daß die Hauptstadt Frankreichs zwischen London ustd Genf liege. Das Blatt, das anscheinend nicht verstehen kann, daß Deutschland und Italien in der QTb» rüstungsfrage kein Interesse an der Ausarbeitung irgendeiner den Schein wahrenden freundlichen Formel haben, sondern auf Einlösung des auf der Bersailler Konferenz gegebenen Ab­rüstungsversprechung durch die Ab- rustungskommission dringen müssen, gibt in einem .unberechtigt gereizten Ton sein Bedauern über das Fernbleiben der führenden StaatsrnännerItaliens nndDeutsch- l a n d s Ausdruck.

Von dem Abschluß eines vorläufigen Paktes oder einer vorherigen Vereinbarung zwischen der französischen und der britischen Regierung sei, fährtTimes" dann fort, selbstverständlich keine Rede. Der einzige Schaden, der auf der morgigen Begegnung entstehen könnte, würde darin bestehen, daß sie falsch aufgefaßt wird. Eine Steigung zu verkehrter Auffassung sei bereits in Italien bemerkbar. Aber wenn die Hauptstadt Italiens auf dem Wege nach Genf läge, so wäre ein Besuch mit größter Be­reitwilligkeit gemacht worden.

Aber unter den jetzigen Umständen sollte eine gelegentliche Zusammenkunft in Turin oder Mailand oder einer anderen nordita- licnischen Stadt möglich fein, zu der sich der ita­lienische Ministerpräsident ohne Schwierigkeiten begeben könnte. Richts würde in England und den anderen Ländern mit größerer Wärme be­grüßt worden fein, als wenn das Oberhaupt Ita­liens ebenso wie das Oberhaupt der deutschen Re­gierung in der Lage gewesen wären, persönlich anwesend zu fein. Da beide sich in anderem Sinne entschieden haben, mühten sie auch, wie das Blatt glaubt vorbeugend bemerken zu sollen, die Verantwortung dafür tragen, wenn der Anschein entstehe, daß irgendwelche von den bevorstehenden Genfer Beratungen einen Beige­schmack von Einseitigkeit erhalten. Eine Meldung, daß der italienische Botschafter Grondi bei sei­ner Abreise nach Rom einen persönlichen Brief Macdonalds an Mussolini mitgenommen habe, in dem letzterer aufgefordert werde, nach Genf zu kommen, wird von amtlicher englischer Seite für unzutreffend erklärt.

Wie sie ihn bezwang

Onginalroman von 3- Schneider-Foerstl.

Urheberrechtsschutz: Verlag O. Meister, Werdau i. S. 18. Fortsetzung Nachdruck verboten!

Joe Brandt stutzte. Was war das? Spott? Verachtung? Ironie?Herr Baron waren nicht zufrieden mit meinen Leistungen?"

Doch, doch!" wehrte Merlin gleichgültig ab.Das Gehalt wird Ihnen im Bureau ausbezahlt, Herr Oberleutnant. Weiterhin schönen Erfolg."

Der junge Mann schüttelte den Kopf, als er, ohne einen Händedruck zum Abschied bekommen zu haben, die Tür hinter sich zudrückte. Da werde ein anderer klug. Er hatte sich wahr und wahrhaftig nichts zu­schulden kommen lassen, hatte seine Pflicht getan und gearbeitet wie ein Knecht. Er hatte sich in dem Baron getäuscht. Schade!

Merlin aber, die Arme auf den Schreibtisch ge­stützt und den Stopf hineingebettet, glaubte plötzlich den Grund zu wissen, der Joe Brandts Entlassungs­bitte verursacht habe. Der Boden brannte dem Ehr­losen unter den Füßen. Er machte, daß er weiter kam, solange es sich noch günstig erwies. Je nun halten konnte man ihn nicht. Aber die Erde ver­schluckte ja keinen. Man würde ihn schon finden, wenn es Zeit war.

Am nächsten Morgen war der Oberleutnant ab­gereist.

Merlin beobachtete die Schwiegertochter mit ge­schärften Mugen. Es war nicht die geringste Ver­änderung in ihrem Benehmen zu bemerken. Sie ver­steht sich zu beherrschen, konstatierte er. Vielleicht hat sie selbst den Bruch herbeigeführt, als sie sah, wie gefährlich das Ganze wurde. Als er sie frug, ob er mit ihr ausreiten solle, bejahte sie strahlend.

Es wäre riesig nett von dir, Papa. Ich habe mich so an Begleitung gewöhnt, wenn Brandt auch mehr als schweigsam war. Ein echter Fliegertyp Er war doch da, und er war immer taktvoll."

Merlin erwiderte nichts. Welcherlei Schuld sie auch tragen mochte, Hans Jörg trug die größere.

Eine Woche später lief ein Telegramm ein aus Wien.

Fühle mich unpäßlich, erbitte dein kommen. Mama."

Stephanie war fahl wie der Schnee, der grauweiß von den Hängen herüberschimmerte. In der Hand, die jetzt die Depesche herüberreichte, zitterte ein feines Beben.Glaubst du, daß es gefährlich ist, Papa?"

Sie tat ihm unsagbar leid.Du mußt dich nicht unnötig sorgen, Kind. Selbstverständlich fährst du sofort."

Sie wagte nicht, ihn unzusehen:Und du? Wer ist bei dir, wenn ich gehe?""

Um mich alten Mann mußt du dich nicht sorgen", tröstet« er.Und für immer gehst du ja nicht."

Ein Ausruf des Polizeikommissars in Hessen.

Keine Anmatzung von Polizeigewalt durch Prtva e.

D a r m st a d l, 9. März. Der Inhaber der Poli­zeigewalt in Hessen, Dr. Müller, hat folgenden Aufruf veröffentlicht:

Nachdem am 6. Marz 1933 die Polizeigewalt des Landes Hessen in meine Hände gelegt worden ist, habe ich die vorhandenen staatlichen Polizeiorgane durch die nunmehr in fast allen Kreisen durchge- sührte Aufstellung der Hilfspolizei so­weit verstärkt, daß die öffentliche Ordnung und die Sicherheit der Staatsbürger gegen jede Ge­fahr gesichert ist. private Maßnah­men zum Schuhe des Staates und feiner Bürger sind keinesfalls erforderlich.

Ich stelle deshalb fest, daß zur Ausübung der polizeigewalt nur d i e ftaallichen Polizei­organe und die hessische Hilfspolizei im Falle ihres Einsatzes unter Führung der staatlichen Polizei befugt sind. Jeder andere Einzelne sowie jede andere Forma­tion gelten als private und macht sich durch Anmaßung von p o l i z e i g e w a l t einer Gesetzesverletzung schuldig.

Da die Träger des neuen Staates durch die oberste Leitung der hessischen Polizei und durch ihre Mitwirkung in der hilsspolizei ausreichend am Schuh des Staates und der Ordnung beteiligt sind, bitte ich alle Gesinnungsfreunde und ihre Forma­tionen dringend, sich jeder polizeilichen Handlung unbedingt zu enthalten. Zuwiderhandlungen erschweren unsere Arbeit und schädigen unser Ansehen.

Richt-Beamte, die sich auf von mir oder von meinem Vertreter Dr. Best angeblich erteilte Anweisungen berufen, sind als Lügner zurück­zuweisen, da Anweisungen grundsätzlich nur auf dem Dienstwege erteilt werden.

gez. Dr. Müller,

, Inhaber der Polizeigewalt in Hessen.

Schüler Maltes nicht der Mörder des Bürgermeisters Kasten«Stahfurt.

Magdeburg, 9. März. (WTB. Funkspruch.) In der Angelegenheit der Ermordung des 1. Bür­germeisters Kasten in Staßfurt teilt die Staats­anwaltschaft mit: Der Oberstaatsanwalt in Mag­deburg, der bereits die Freilassung des anfänglich der Tat beschuldigten Schülers Mat­tes angeordnet hat, hat nunmehr das Verfah­ren gegen ihn eingestellt, da ein zur Erhebung der öffentlichen Anklage hinreichender Verdacht nicht mehr v o r l i e g t. Die Mitteilung, nach der der Er­mordete den Mattes als Täter bezeichnet oder eine genau auf ihn zutreffende Personenbeschrei­bung gegeben habe, entspreche nicht den Tatsachen. Die Ermittelungen nach den un­bekannten Tätern dauern an.

Zeitweise Sperrung von Warenhäusern im westlichen Industriegebiet.

Essen, 9. März. In einer Reihe von Städten des Industriegebietes sind am Mittwoch eine Reihe von Warenhäusern und Ein­heitspreisgeschäften geschlossen worden. Starke SA.-Posten verhinderten mit dem Hin­weisDeutsche kauft in deutschen Geschäften" ein Betreten der Geschäftshäuser: an den Toren und Türen wurden Transparente ähnlichen Inhalts angebracht. Der höhere Polizeiführer im Westen hat die in Frage kommenden Poli­zeipräsidien darauf hingewiesen, daß die Offen­

haltung aller Geschäfte zu gewährleisten sei, notfalls unter Einsatz von Polizei und Hilfs­polizei. Daraufhin haben inzwischen fast alle be> troffenen Geschäfte ihre Verkaufsräume wieder geöffnet, soweit dies bisher nicht der Fall war, ist damit im Laufe des heutigen Tages zu rechnen. Von nationalsozialistischer Seite wird mitgeteilt, daß«» Anordnungen an die SA., eine Schließung der Warenhäuser durchzu­führen, nicht ergangen sei. Einzelne SA.- Männer hätten sich lediglich in den Dienst der Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung gestellt.

Wie die Pressestelle der Regierung in Düssel­dorf mitteilt, hat die n a t i o n a l s o z i a l st i s ch e Gauleitung sofort die erforderlichen Schritte unternommen, um das eigenmächtige ungesetz­liche Vorgehen zu unterbinden.

Die Danzig-Flieger beim Reichskanzler.

Berlin, 8. März. (ERB.) Die Flugzeuge der Danzig st affel landeten heute vormittag auf dem Tempelhofer Flugplatz. Um 13.30 Uhr fand ein Empfang beim Reichskanzler Hit- l e r in Gegenwart von Reichminister Göring und den VDA.- Führern Berlins statt. Der Führer der Danzig-Staffel, Zirwas, berichtete dem Reichskanzler über Zweck und Ziel des Fluges und

über den Verlauf. Der Reichskanzler erwiderte, daß gerade die Luftfahrt für Deutschland besonders wich, tig sei. Der Ausbau einer Luftabwehr und die Er­ziehung der Jugend dazu sei eine der Hauptbedin- gungen für Deutschlands Zukunft. Der Aufenthalt in Berlin beschließt den großen Deutsch, land f lug der Danziger Flieger, die in etwa 60 deutschen Städten unter dem Motto Danzig bleibt deutsch" von der Not ihrer Heimat gekündet haben. Der Flug hat einen überaus gro- ßen Widerhall im deutschen Volke gefunden. Die Flieger kehren mit der Gewißheit nach Danzig zu­rück, daß das deutsche Volk niemals Danzig und die entrissenen Gebiete vergessen werde. Am 13. d. M. findet in Stolp i. P. eine Grenzland­kundgebung statt, und am 14. werden die Flie­ger in ihrer H e i m a t st a d t Danzig ein* treffen.

Deutscher Jungflieger in Kleinasien.

Der Iungflieger Karl Schwabe aus Parten­kirchen. der, obgleich er erst vor einem halben Jahr fliegen gelernt hat,' zur Zeit einen Flug von Deutschland nach Kapstadt aus­führt, hat Klein-Asien erreicht. In Eskishehir wurde dem deutschen Flieger ein äußerst freund­licher Empfang durch die Militärbehörden be­reitet. Schwabe setzte seinen Flug ohne Unter­brechung Über Konia, Adana nach Aleppo fort

Aus der provinzialhauplstadt.

Vögel im Volksglauben.

Die Schwalbe galt schon im frühen Altertum als untrüglicher Bote des Frühlings, und Horaz, Ovid und Aristophanes haben sie in diesem Sinne besungen. Gegen Ende des Monats März kehrt sie aus dem warmen Süden zurück, daher heißt es:

Mariä Verkündigung

Die Schwalben kommen wiederum.

In vielen Gegenden Deutschlands ging früher an den Tagen, an welchen man die Wiederkunft der Schwalben erwartete, der Hausherr mit der ganzen Familie ihnen bis zum Tor des Ge­höftes entgegen, um sie zu begrüßen und ihnen die Ställe zu öffnen. Roch im 18. Jahrhundert muhten die Torwächter iw Hessen die Ankunst der ersten Schwalben den zuständigen Gemeindebehör­den melden, damit diese das frohe Ereignis un­gesäumt zur öffentlichen Kenntnis bringen konn­ten.

Wenn heutzutage die Rückkehr derSeglerin der Lüste" auch nicht mehr wie ehedem festlich begangen wird, so sind diese Frühlingsboten doch überall willkommene Gäste. Auch gelten sie im Volke noch immer als glückbringend. Sie gehören nach der gemütvollen Volksauffassung gewissermaßen zum Hausstande, indem sie sich vertrauensvoll dem Hause anschließen und Gast­freundschaft erwarten. Wo Unfriede herrscht, ziehen sie aus. Rach dem Volksglauben bewahrt die Schwalbe das Haus, in dem sie nistet, vor Feuer unA Blitz: daher darf sie nicht getötet, ihr Rest nicht zerstört oder ausgenommen wer­den.

Bei der wichtigen Rolle, die Ansere Lenzbotin im Volksglauben von jeher spielt, kann es uns nicht wundernehmen, daß dieser Vogel, obwohl er durch sein Rest die Häuser belästigt und ver­unreinigt, sich des größten Schutzes erfreut. In manchen lassen die Leute bei der Ankunft der ersten Schwalben die Fenster des Hauses und die Türen der Ställe den ganzen Tag offenstehen, um dem Glücksvogel den Eingang nicht zu ver­wehren. Als ehemalige Lieblingsvögel derHolda oder der schönen, nie alternden Iduna, welche, sobald Tor die Winterriesen besiegt hat, in Schwalbengestalt zur Walhalla zurückkehrte, stan­den die Schwalben immer in hohen Ehren schon

seit des alten Tobias Zeiten, und manches Kinderverschen gibt Zeugnis von der Anhäng­lichkeit der Jugend an die lieben Schwalben, von ihrer Freude bei deren Ankunft.

Wie die Schwalbe, so spielt auch der Storch, der zweite der Frühlingsboten, im Volksglauben eine hervorragende Rolle. Rach der deutschen My­thologie fliegen der Storch und die Schwalbe der Göttin Holda, die den Sommer verkörpert, vor­an. Darum herrscht heute noch vielfach der Aber­glaube, daß derjenige, der einem dieser Vögel etwas zu Leide tue, Unglück haben werde: darum bedeutet es Glück, wenn Störche oder Schwalben am Hause nisten. Der Storch schützt das Haus vor Blitz und Feuer, man sucht ihm das Risten auf dem Haus zu erleichtern, indem man auf dem Dach ein kleines Wagenrad anbringt.

Fast alle VolksmeinunKen, die sich auf den Storch beziehen, weisen entweder auf den Don­nergott Tor oder auf Freya, auch Frigga oder Holda und Frau Holle genannt. Letztere war die Göttin des häuslichen Herdes, des Fleißes, der Ordnung, des Friedens und der Liebe. Als Wol­kengöttin hat sie das Reich des lebenerzeugenden Wassers unter sich und ist so die große Mutter der Menschen, die Kindermutter. Sie pflegt und schützt die neugeborenen Kinder, und ihr Vogel, der Storch, holt sie aus dem Wasser und bringt sie den Menschen: daher heißt der Storch Adebar.' der Kinderbringer. Rach altem deutschen Glauben, der bis ins Altindische reicht, bringt der Storch nicht sowohl die Kinder, als vielmehr ihre Seelen, die er aus den Wolken, aus dem Wolkensee holt, von welchem die irdischen Brunnen und Seen nur Abbilder sind. Der Storch, mit seinem roten, klap­pernden Schnabel und seinen roten Deinen auf den Donnergott weisend, ist das Tier der himm­lischen und irdischen Wasser zugleich, wie der in­dische Varuna der Gott des Wolkenhimmels und des Meeres zugleich ist, der Storch ist also der Seelenbringer.

Wie der Storch und die Schwalbe Verkünder des Lenzes sind, so ist das bei dem Kuckuck für den Frühsommer der Fall. Er erscheint etwas später als die erstgenannten geflügelten Herolde. Gewöhnlich trifft er bei uns Mitte April ein, er weilt aber nur kurze Zeit bei uns und rüstet sich schon wieder zur Abreise, wenn die Feld- früchte zu reifen beginnen. Wir begegnen ihm im

Auch diesmal irrte ihr Blick von ihm ab. Es war fürchterlich, einen Menschen, den man so sehr liebte, betrügen zu müssen.

Er erbot sich, ihr.beim Packen behilflich zu sein, aber sie lehnte erschrocken ab. Das könne sie ganz allein machen, und die Lisaweth würde helfen und das Mädchen. Ihr leichter Schritt eilte die Treppe hinauf, war in den Zimmern der ersten Etage M vernehmen und tat Merlin über die' Maßen weh. ( Zwischenhinein kam sie herunter und legte Die Arme um seinen Hals.Es ist fürchterlich!"

Was denn, kleine Steffie?"

Zu gehen!"

Er nahm ihr Gesicht und strich darüber hin, wollte sprechen und brachte kein Wort hervor. Ihre Wange lag fest gegen die seine gedrückt:Und bitte, Papa, Hans Jörg schreibst du, daß ich nach Wien mußte, di? Mutter pflegen."

Willst du Das nicht lieber selber tun, Steffie?"

Ich habe keine Zeit mehr jetzt, und in Wien muß ich auch erst sehen, wie ich die Mama finde. Wenn es wirklich schlimm ist, kann ich mich nicht hinsetzen und Briefe abschicken."

Er nickte. ,Hch werde ihm also Mitteilung machen, jawohl."

Zwei Stunden später brachte sie der Wagen zur Bahn. Während der Fahrt hatten sie fast kein Wort zusammen gesprochen. Nur ihr Kops lehnte gegen seine Schulter und ab und zu vernahm er ein Seufzen, nach dessen Ursache er nicht zu fragen wagte.

Knapp sieben Minuten vor Der Abfahrt hielt das Auto vor Dem Stationsgebäude. Der Chauffeur be­sorgte Gepäck und Billetts, während der Baron mit Steffie nach dem Bahnsteig ging.

Von der Talenge her blies ein scharfer Wind und zerrte an Stephanies pelzbesetztem Mantel. Merlin ging dicht an sie gedrückt und hielt ihre Rechte in der seinen.Und grüße mir deine Mutter, Kind." Jedes Wort mar eine Marter.

Sie nickte, setzte zum Sprechen an uni schloß die Lippen wieder. Aus der Ferne kam ein G. > .usch, ein Stampfen und Dröhnen. Die Uhr auf bei . Sta­tionsgebäude gewährte noch zwei Minuten V/]* Es mußte, Nutzte gesagt werden. Sie kom>i nicht so von ihm gehen.Ich hoffe, daß wir un> Wieder­sehen, Papa!"

Steffie!" Sein Gesicht war grau wie das ihre. Die Augen völlig im Erlöschen, sah er sie an.Du hast mich belogen!"

Ich nicht, Papa! Aber wenn es gibt so viele Zufälle im Leben. Laß dich nicht uMertriegen, Vater!" Ihre Stimme versagte in Schlüchzen. ..Was vv" meinem Vermögen noch übrig ist, 'habe ich alles auf der Staatsbank Deponiert. Es sind n.1 etwa dreißigtausend Mark. Sie stehen auf Deinen 1 ^men zur Vorsicht, Papa!"

Kind um Gottes willen, was hast Du v,'

Nichts, Papa, worüber du dich ängstigen unt ich mich schämen müßte." Und jetzt, da es nur noch

künden galt, fiel ihr ein, was noch alles ungesprochen war.Und Papa", sie deckte die Hand über die Augen, als blende sie die schwache Sonne, die sich märme-rm aus den Wolken schälte.Wenn wirk­lich. Ich wäre dir so dankbar, wenn du mich heimholen lassen würdest, nach Ichenhausen für den Fall, daß ich bin so gern dort gewesen!"

Kiesel fegten zur Seite. An ihnen vorüber donnerte der schwarze Koloß und verringerte langsam die Um­drehung seiner Räder.

Merlin war völlig außer Fassung und hielt Ste­phanies Arm fest.Ich laß dich nicht so gehen, Kind. '^Es ist alles vergeben. Alles! Niemand weiß darum, als Du unD ich! Ich bin Doch nicht sechzig Jahre geworden, daß ich nicht gesehen hätte, wie groß deine Not war."

Für Sekunden trat ein scheues Verwundern in ihre Augen.Das ist nun alles vorüber, Papa. Küß mich n-'d) einmal! Ich danke Dir! UnD Hans Jörg sagst du, daß ich nichts in der Welt so sehr geliebt habe wie ihn!"

Bleib, Steffie!" Drängte Merlin.Wir fahren mit dem nächsten Schnellzug zu ihm!"

Es ist zu spät, Papa!---Du weißt ja

auch gar Nicht, ob er mich wollte.--Und Die

Mama wartet. Sie war mir immer eine gute Mut­ter. Ich kann sie nicht im Stiche lassen."

Aber wenn Du wiederkommst, Steffie!"

Ja,---wenn ich wiederkomme!"

Der Schaffner Drängte ein3ufteigen. Steffies Ge­sicht, Das sich jetzt durch herabgelassene Fenster bog, war blaß.Ich habe Joe Brandt versprochen, daß du ihn wieder aufnimmst, wenn er brotlos wsrden sollte."

Ja, Steffie!"

Und mache ihm keine Vorwürfe, Vater. Ich habe es so gewollt, nicht er.--Aber ich konnte nicht

anders."

Er soll kein böses Wort von mir hören, Kind. Komm mir wieder, mein Liebes! Komm mir wie­der!" Merlin lief neben Dem Wagen her und hatte die Wangen tränenüberronnen.Steffie, wenn"

Ihre Hand stieß ihn zurück.Hab acht, Papa! folljt weggehen, bitte! Ich lasse so­fort von mi hören. Sowie ich angekommen bin! 5a, sofort! Und sorge dich nicht! Es ist ja mög­lich, ---daß alles gut geht! Und daß ich roie«

verkomme!---Leb wohl, Papa! Und wenn

du holst mich heim nach Ichenhausen!"

Ja!" Er stand verstört und sah Den Schienen­strang entlang. Der Zug trug Das Wesen fort, Das wie Der Sohn in seinem tiefsten Herzen verankert war. Mit Der Linken über die Stirne fahrend suchte er sich zu sammeln. Was war Denn nun gewesen? --Das Denn? Die Angst schüttelte ihn und ein Grauen nistete sich ein, das er nicht abzuwehren vermochte.

Es war zu schnell gekommen, viel zu schnell. Stef­fie mochte wohl alles im vornherein so berechnet haben. Vielleicht hatte sie gefürchtet, schwach zu

werden. Ihr Gehen war eine förmliche Flucht ge­wesen.

Der Chauffeur stand am Wagen, hielt Die Hand an Die Mütze unD munDerte sich, wie langsam Der Baron über Das Trittbrett kletterte. Fast schien es, als taumle er. Als er aber seinen Arm zur Stütze leihen wollte, saß Merlin schon im Fond. Ohne Zweifel ging ihm die Abreise der jungen Gnädigen sehr zu Herzen. Nun würde es wieder still und ein­sam auf Ichenhausen werden unD es war Dem alten Herrn Doch zu gönnen gewesen, ein wenig Frohsinn um sich zu haben. UnD sie schien lange wegbleiben zu wollen, die Baronin, Den zwei großen Koffern nach zu schließen, die er für sie hatte aufgeben müs­sen. Wien, ja, Das war ein bißchen etwas anDeres, als Ichenhausen. Kein WunDer, Daß es sie wieder dorthin zog.

Lautlos glitt der Wagen dahin. Einmal glaubte der Chauffeur einen schweren Seufzer zu hören. Fast war es ein Wimmern gewesen. Aber als er sich halb zurückwandte, blieb alles wieder still.

Die Lisaweth mußte das ganze Abendessen zurück- tragen und hatte rotoerweinte Augen. Merlin nickte ihr gequält zu.Nun sind wir wieder allein, wir beide."

Ich gönn's der jungen Gnädigen, daß sie ein bißchen hinauskommt. Es tut nicht gut, in diesem Alter untätig auf einem Fleck zu sitzen. Daß ich wein', das ist nur Zorn über die Unverschämtheit der Leute. Wissen Sie, was man im Dorf sagt, Herr Baron?"

Was sagt man denn?"

Sie wär' dem Reitknecht nachgefahren!"

Ein Löffel klirrte auf den Tisch.Wer denn? Lisaweth, wer sagt denn Das?"

Ein paar Lästerweiber halt. Aber wenn mir ein solches Lästermaul unterkommt, dem schütt' ich einen Löffel siedendes Schmalz zwischen die Zähne, daß ihm das Kläffen vergeht."

Merlin saß vollkommen verfärbt und winkte dann ab:Es ist kein unrechter Gedanke in ihr."

Weiß Gott, nein, Herr Baron, es ist ein Jammer um so eine schöne Frau. Und der Herr Baron Hans Jörg wird's schon noch einsehen, was er gehabt, wenn es ihm nimmer gehört. Ein anderer weiß cs dann schon zu schätzen."

Ich hätte nicht zugeben dürfen, daß sie ihn hei­ratet." Merlins Stimme war schmerzerfüllt.

Wer hat das voraussehen können, daß es so wird?" tröstete die Alte.Ich hab' auch gedacht, daß er Freude an so etwas Schönem, Holdseligem hat. Aber der kennt vielleicht gar nicht, was so eine richtige Liebe ist kann man ihm auch keinen Vor­wurf machen, wenn er so ist."

Merlin erwiderte nichts mehr. Todmüde wie er war, setzte er sich auf den Diwan und schlief dort ein Die Lisaweth mußte ihn wecken. Es hatte keinen Sinn, die ganze Nacht angekleidet auf etwas zu warten, das nicht wiederkam. Es litt den Baron aber nur bis gegen sechs Uhr früh im Bett. Sie würde anrufen, hatte sie gesagt.

(Fortsetzung folgt)