Ausgabe 
9.2.1933 Erstes Blatt
 
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Vornan von Gert Gothberg.

tLlrhcberschuh durch C. Ackermann, Romanzentrale Stuttgart)

24 Sortierung 'Jladjörucf verboten.

Ungeftüm preßte er seine heißen Lippen auf ihre kühlen, schlanken Hände.

Weil ich vor Seehnsucht nach dir vergehe, Pia: weil ich das Leben, wie es jetzt ist, kaum noch ertrage."

Pia sah vor sich nieder. Er durste niemals wissen, daß auch sie keinen Frieden sand, daß ihr Herz in wilder Sehnsucht nach ihm schrie. Die kranke Frau in 2lchern stand zwischen ihr und ihm und besah unantastbare Rechte. Was sollte sie ihm antworten? ilnö wie konnte sie dem un­haltbaren Zustand ein Ende machen?

Lansing! ,

Er wartete noch immer auf ihre Entscheidung. Er würde der Schuhwall für sie sein gegen diese sündige Liebe. Wenn sie ihn jetzt rief, ihm ihr Jawort gab! Dann würde auch Harry von Achern diese Liebe überwinden. So muhte er doch annehmen, dah sie vielleicht gar auf den Tod der unglücklichen Cdelgarde warte.

Pias Herz zuckte in Schmerz, doch ihre dunkel­blauen Augen ruhten voll auf ihm, als sie ruhig sagte:Du darfst so nicht zu mir sprechen, Harry. Ich habe meine Liebe überwunden und mich mit Doktor Lansing verlobt."

Er blickte sie an, als glaube er, nicht recht ge­hört zu haben. Dann bäumte er sich auf, leiden­schaftlich, brutal.

Sage, dah das nicht wahr ist, Pia! Was soll dieser Mann in deinem Leben? Du liebst ihn nicht: es ist genau so Sünde wie das, was du zwischen uns Sünde nennst. Du darfst ihn nicht heiraten. Ich werde wahnsinnig, wenn du ihm gehörst. Du willst nur auf diese Weise deiner Liebe zu mir entfliehen, Pia, und ich sage dir: Du machst nur unnütz einen dritten Menschen un­glücklich. Du weiht ja nicht, Pia, was es heißt, einem ungeliebten Menschen angehören zu müssen, äleberlege es dir gut, Pia! Lansing hat dich gerettet, du aber willst ihn dafür unglücklich machen, denn du liebst ihn nicht."

Pias schönes Gesicht war totenblaß. Sie fühlte nur zu gut, daß er recht hatte. Dennoch, es muhte irgend etwas geschehen!

Da beugte Achem sich plötzlich zu ihr herüber. Sein Arm umschlang ihre Schultern. Wild küßte er den kleinen Mund.

Pia, ich werde einen Ausweg finden. Aber du, du bleibst frei, Pia. nimm mir nicht den letzten Trost."

Sie hatte sich endlich befreien können. Ihr Pferd bäumte sich auf, so hastig trieb sie es zur Seite.

.,Jetzt weih ich, dah ich doch recht tat, nicht mehr nach Achem zu kommen. Lind ich weih auch, daß es gut für mich ist. wenn ich an einem aufrechten, ehrenhaften Menschen Schutz und Halt habe gegen das, was man einer alleinstehenden Frau zuzumuten sucht. Ich bitte dich, mich zu verlassen."

Mit weit geöffneten Augen blickte er sie an.

Pia, dann ist das Leben wertlos für mich: ich muh wenigstens das Bewußtsein haben, dah d u mich noch liebst."

Ich liebe dich, doch Ich habe überwunden. Ich will mich nicht verstricken. In Achern wartet deine Frau auf dich, Harry. Geh' zu ihr und fei gut mit ihr. Ihr gehört nun einmal zueinander, keine Macht der Erde ändert etwas daran. Ist es nicht genug, Harry, dah du sie mit keiner Faser deines Herzens mehr liebst, daß du dich in Berlin amü­sierst, während sie allein zu Hause sitzt? Soll auch ich noch in das alles mit hineingezogen, mein Ruf besudelt werden, nur weil ich dich liebe, Harry?"

Er senkte die Augen vor ihrem großen, reinen Blick.

Verzeih, Pia, du hast recht! Wie kann ich es überhaupt wagen, dich mit meiner Liebe zu be­lästigen nach solchen Erlebnissen, wie sie die letzte Zeit mit sich brachte. Lind morgen du kommst morgen auch nicht nach Achem, Pia?"

Rein!"

Du wirst Doktor Lansing heiraten, Pia?"

Auf Pias Gesicht lag ein solcher Schmerz, daß es ihn wie einen Schlag traf.

Pia, ich bin an allem schuld! Vergib, Pia, vergib!"

Pia antwortete ihm nicht. Sie wandte ihr Pferd, sah nicht mehr nach ihm um. Er aber sah ihr nach, bis sie drüben im Walde, der zu Hohenbrück gehörte, verschwand. Dann trieb er fein Pferd zu rasendem Galopp.

Dabei dachte er nur immerfort:Wenn ich mir nur das Genick bräche, es wäre das beste."

Herr von Dorrheim kratzte sich hinter den Ohren. Sollte er nur das, was er jetzt mit seinen eigenen Augen gesehen hatte, seinen Damen er­zählen oder nicht? Daheim stand das Barometer auf Sturm. Seine Frau redete feit ein paar Tagen nicht mit ihm. Er hatte da irgendeine dumme Bemerkung gemacht, und das hatte sie verschnupft. Ilse stand ja stets auf feiten der Mama, und so redete überhaupt niemand mit Papa Borrheim. Wenn er aber beim Mittag­essen diese Reuigkeit auskramte, dann würden sie wohl allen Groll vergessen. Aber dann brockte er auf der anderen Seite dem armen Achern was ein, der sowieso schon zu bedauern war, denn sämtliche Rachbarn zerrissen sich über die Ver­hältnisse in Achem die Mäuler. Donnerwetter, hinter den Ohren hatte der es faustdick. Traf sich hier im Walde mit der kleinen, schönen Pia und küßte sie hm, hm!

Vater Borrheim ritt langsam nach Hau,e. Unterwegs kam er zu dem Ergebnis: redeten seine Damen wieder mit ihm, wenn er kam, dann erfuhren sie nichts. Straften sie ihn immer noch mit Verachtung, dann würde er eine Andeutung machen, und dann würden sie ihn schön bitten, mehr zu sagen. Iawohl, so würde er es machen.

Rater Borrheim behielt sein Geheimnis nicht für sich. Beim Mittagessen stellte er den Frieden durch die große Reuigkeit wieder her.

Die Damen Borrheim waren starr. Diese Pia, die sich hinter der Maske edler Menschenliebe versteckte, sich und ihre wahre Gesinnung! Die arme Frau von Achern! Wie man sie bedauerte! Man vergaß ganz und gar, daß man sie gehaßt hatte wie Gift, weil sie den für Ilse Borrheim bestimmten Mann für sich nahm. Frau Borrheim sah ihren Mann liebevoll an, aller Groll war vergessen.

Daß du mir das gesagt hast, Alterchen! Sieh mal an, nun kann ich der armen Frau von Achern morgen einen Wink geben."

Borrheim erschrak. Das hatte er nicht gewollt.

Ich weih nicht, Mutter, ob das der rechte Weg ist. Lius geht es doch nichts an.

Strafend sah sie ihn an.

Das verstehst du nicht. Es gäbe nicht halb so viel treulose Männer, wenn die Menschen den Mut hätten, eine Frau auf die richtige Fährte zu bringen, sagte sie energisch.

Vater Borrheim sagte nichts mehr, doch er hätte sich ohrfeigen mögen, daß er überhaupt ein Wort gesagt hatte.

Ilse sah da und zog die Llnterlippe durch die Zähne. Eine schöne Hoffnung ging in Trüm­mer. Man hatte in der Rachbarschaft offen davon gesprochen, dah Frau von Achern wohl nicht mehr gesund werde und vielleicht nicht mehr lange zu leben habe. An dieses Gerücht hatte Ilse Dorr- heim Hoffnungen für sich geknüpft. Die würden sich nun nicht erfüllen, wenn Achern bereits wuhte, wen er feiner Frau zur Nachfolgerin gab. Lind sie warf ihren Hah auf Pia, die ihr eine schöne Hoffnung zuschanden machte. Als Vater Borrheim wieder auf die Felder hinaus war, saßen die beiden Damen immer noch und spra­chen über diese Reuigkeit, die wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen war und die man keinesfalls stillschweigend übergehen würde.

Sechzehntes Kapitel.

Bei dem Fest in Achem kam der Hausherr sich vor wie ein Zirkuspferd, das man in die Ma­nege geführt hat und das nun eben nach den Klängen der Musik tanzt, weil es das so gewöhnt ist, auch wenn es keine Lust dazu hat. Edelgarde wirkte in ihrem violetten Kleid erschreckend häß­lich. Sie war der direkte Gegensatz zu Otty Wei­ler, die in ihrem kostbaren Kleid so sicher und I elegant dastand. Blühend und gesund! Die dunkle I Rose auf der Schulter neigte sich und um­

schmeichelte mit sühem Duft Harry von Achem« Sinne, als er sich zum Kuh über Ottys Hand neigte. Edelgarde fühlte in diesem Augenblick etwas wie Eifersucht gegen die Freundin. Sie kämpfte das Gefühl rasch wieder nieder, doch es kam noch ein paarm«»l in ihr hoch. Ihre Augen hingen an dem großen, schlanken Mann. Er reichte ihr den Arm und neigte sich zu ihr.

Wolltest du mir etwas sagen, Edelgarde? fragte er. ,

Cdelgarde schüttelte den Kopf und sah vor sich nieder. Ia, sie hatte einen Mann, der sehr gut und rücksichtsvoll gegen sie war. Gut und rück­sichtsvoll! Gewih! Aber was war das denn gegenüber dem heißen Brand, der ihr Inneres zerriß? Seine Liebe, die gehörte ihr ja nicht, und gerade darum kämpfte sie.

Lind sie hatte feine Liebe einst besessen!

Edelgarde schloß in Erinnerung daran die Augen. War es möglich, daß ein Mann so gleichgültig über eine Frau hinweggehen konnte, die er einst geliebt? Ihre Hand, mit der sie sich auf den Stock stützte, zitterte heftig. Achern sprach mit Otty und dächte:Warum konnte sie nicht auf Edelgarde einwirken, dah sie das ent­setzliche Kleid nicht anzog?"

Die ersten Gäste kamen. Es waren die beiden Herren Brenden mit Franziska und Ingeborg und Herr Ängsten. Gleich erfüllte fröhliches La­chen die Iagdhalle. Auch der ältere Brenden stand heute so selbstverständlich an Franziskas Seite, dah man wohl nicht zu Llnrecht vermutete, dah dieses Paar einig war und kurz vor d^r Verlobung stand. Herr Augsten blickte mit stillen Augen auf feine älteste Tochter. Er sah, dah der Verfall von Tag zu Tag sich mehrte, und senkte die Stirn vor dem unerbittlichen Schicksal. Er achtete feinen Schwiegersohn hoch und wuhte, dah ein anderer vielleicht nicht so gut m'.t Edelgarde gewesen wäre nach dem, was sie ihm angetan. Ihm und sich!

Letzt tarnen guch die anderen Gäste und blick­ten etwas erstaunt auf die elegante Frau an Acherns Seite, die man nicht kannte. Man wurde aber aufgeklärt:Eine Freundin Frau von Acherns." Die älteren Damen warfen sich be­deutsame Blicke zu. Recht unvorsichtig von der kranken Frau, sich so etwas Pikantes ins Haus zu nehmen! Ra, da konnten ja allerlei Ver­wicklungen entstehen.

Die Tafel im großen Speisesaal zog bann für zwei Stunden die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich. Später tanzte man. Edelgarde sah mit star­ren Augen auf ihren Mann, der jede Tour tanzte und sich augenscheinlich glänzend unter­hielt. Lind sie, sie muhte hier sitzen, muhte zu­sehen, wie er mit anderen tanzte. Welche Strafe das für sie war, toujjte nur sie allein. Sie war nun auf die Unterhaltung mit den älteren Da­men angewiesen.

(Fortsetzung folgt.)

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