Ausgabe 
9.2.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. Z§ Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (Zeneral-Anzelger für Gberhesfen)

Donnerstag, y. Februar 1935

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Oberheffen.

Beisetzung der Prinzessin Marie.

ß i d), 8. Febr. Unter starker Anteilnahme aus nah und fern auch der Großherzog von Hessen weilte unter den Leidtragenden wurde heute nachmittag Prinzessin Marie zu Solms- Hohensolms-Lich, die am 19. Februar ihren 96. Geburtstag hätte feiern können, zu Grabe ge­tragen. Die geistlichen Amtshandlungen wurden von hoher katholiscyer Geistlichkeit vorgenommen. Mit Prinzessin Marie ist das ältejte Glied der fürst­lich Solmsschen Linie und vielleicht sämtlicher deut­scher Fürstenhäuser dahingeschieden. Noch vor we­nigen Wochen nahm sie an den Gottesdiensten der katholischen Gemeinde teil, und ihre offene Hand hat noch in den letzten Tagen Armen und Kranken fürsorgliche Hilfe gebracht. Sie nahm regen Anteil an allen Ereignissen, die unsere Stadt betrafen. Ihr ausgezeichnetes Personengedächtnis ermöglichte es ihr, Leute, die nach dreißigjähriger Abwesenheit unsere Stadt wieder besuchten, wiederzuerkennen und sich mit ihnen über vergangene Zeiten zu un- terhalten. Wegen ihres alle Zeit liebenswürdigen Wesens und ihrer WohPaten Armen und Kranken Gegenüber wird sie vielen Einwohnern im Gedächt­nis bleiben.

Tierarzt Or. Walter-L ch t-

T Lich, 6. Sehr. Der weit über die Gren­zen unserer Stadt hinaus bekannte Tierarzt Dr. med. vet. Hermann Walter erlag in der Rächt zum Mittwoch plötzlich einem Herzschlag. Mehr als dreißig Jahre versah der Verblichene, der sich allgemeiner Beliebtheit erfreute, das Amt des Tierarztes und Fleischbeschauers in unserer Stadt. Auch ocr Bezirk Lich der Kriegerkameradschaft .Hafsia" empfindet den Tod von Dr. Walter als einen schmerzlichen Verlust, denn der Ver­storbene war seit einem Jahrzehnt erster Vor­sitzender des Bezirks und langjähriges Vorstands­mitglied im hiesigen Kriegerverein.

Oie Grippe.

* Aus dem Kreise Gießen, 9. Febr. Am Dienstag und Mittwoch mußten in 13 Ge­meinden des Kreises Gießen auf An­ordnung der zuständigen Behörde die Schu­len geschlossen werden. Die Grippe hat so stark um sich gegriffen, daß mit der Schließung weiterer Schulen gerechnet werden muß.

CO Klein-Linden, 8. Febr. Infolge starker Zunahme der Grippeerkrankungen unter den hiesigen Schulkindern mußte heute die Volks­schule auf einige Tage geschlossen werden.

D Lich, 8. Febr. Die Grippe-Erkran­kung en in unserer Stadt haben außerordentlich zugenommen. Inzwischen hat auch der Tod einige der Erkrankten dahingerafft. Am Mittwoch waren sechs Todesfälle zu verzeichnen, die zum Teil auf Folgeerscheinungen der Grippe zu­rückzuführen waren. In einigen Häusern liegen sämtliche Familienmitglieder grippekrank darnieder.

l Hungen, 8. Fevr. Die Grippeepidemie hat in unserer Stadt in den letzten Tagen einen der­artigen Umfang angenommen, daß die Schulen den Unterricht auf acht Tage ein ft eilt en. Glücklicherweise erwiesen sich die bisherigen Krank­heitsfälle als leicht.

//. Cleeberg, 8. Febr. Auch hier hat die Grippe unter den Schulkindern stark zuge­nommen. Heute waren von 80 Schulkin­dern 54 (61,5 Prozent) an Grippe er­krankt, so daß auf Anordnung der Behörde die Schule geschloffen werden muhte.

Deutscher Tag in Laubach.

Laubach, 8. Febr. Am Sonntag fand in unserem slaggengeschmückten Städtchen ein von den Eturmbannern I 116 und III/116 der VSDAP. veranstalteter Deutscher Tag statt, an dem sich etwa 110 0 SA. ° Leute beteiligten. Während am Vormittag die SA.-Abteilungen von Schotten und Grünberg her im Anmarsch auf L a u b a ch waren, hielt die Sanitätsabtei­lung der Standarte 116 auf dem nahe gelegenen

Ramsberg eine Felddienstübung ab. Gegen mit­tag waren sämtliche Formationen in Laubach ein- getrosfen, wo sie beköstigt wurden. Vach der Mit­tagspause fand ein Manöver unter Mitwir­kung der Vachrichtenabteilung zwischen dem Ro- then- und Ringelsberg statt, das den programm­gemäßen Verlauf nahm. Anschließend stellten sich die einzelnen Abteilungen an der Schottener Straße unter Dorantritt der Standart­kapelle 116 zu einem Werbemarsch durch die Straßen der Stadt auf, wobei sich auch die hiesige Ortsgruppe des Stahlhelm und der Musikzug Schotten beteiligten. Die Formationen wurden bei ihrem Marsch durch die Straßen der Stadt von einer großen Menschenmenge um­säumt, begeistert begrüßt. Auf dem Marktplatz nahmen der Sturmbannführer Hahn (Laubach), Standartenadjutant M ü nke r (Gießen) und S e. Erlaucht Graf Georg Friedrich zu Solms-Laubach (Stahlhelm) den Vorbei­marsch ab. Eine Baue rnkundg ebung schloß sich im überfüllten Saale des6olmfer Hofes" an, während im ^Schühenhof" und in der /Staube Militärkonzerte stattfanden. Die Bauernkundgebung wurde von Dr. Roßbach (Laubach i geleitet. Vach der Ansprache durch Bürgermeister H ö g y , der im Vamen der Stadt Lavbach die Versammlungsteilnehmer begrüßte, traten als Redner Landwirt Dr. Wagner (Darmstadt) und Lehrer Schäfer (Burkhards) auf, die über den Zweck und die Ziele der VSDAP. Aufklärung gaben. Gegen 19.30 Uhr versammelten sich die beteiligten Kapellen auf dem Marktplatz zum Großen Zapfenstreich. Hiernach fand in den drei Sälen der vorgenann­ten Gasthäuser Manöverball statt. Zedern Teilnehmer wird die große vaterländische Veran­staltung in bester Erinnerung bleiben.

Berlin still, aber freundlich.

Berlin, 9. Februar. (WTB. Funkspruch.) Das Geschäft an den Aktienmärkten hat keine Belebung erfahren. Die Politik interessiert nicht mehr so stark wie bisher, und aus der Wirtschaft lagen nennenswerte Anregungen kaum vor. Das festere Neuyork, die flüssige Lage am Geldmarkt, die Hausse an der Brüsseler Eisenbörse und der ziemlich günstige Kaliabsatzbericht für den Monat Januar bewirkten aber immerhin, daß die Anfangsnotie­rungen vielfach bis zu 1 v. H. höher lagen.

Angebot war heute kaum vorhanden. Montane eröffneten nicht ganz einheitlich. Gelsenkirchen und Hoesch waren etwas höher, Harpener auf kleines Angebot 2 o. H. gedrückt. Von Braunkohlenwerten waren Eintracht und Niederlaufitzer Kohle bis zu 3,25 v. H. fester. Von Kaliaktien gewannen Salz- detfurth bei kleinstem Geschäft 3,5 v. H.

Chemische Werte gewannen bis zu etwa 1 v. H. Chemische Heiden zogen 1,90 o. H. an. Gummi- und Linoleumwerte lagen bis zu 1 v. H. höher. Elektro­aktien gewannen bis zu 1 v.H., Chade und AEG. waren etwas schwächer: bei letzteren verstimmten wenig günstige Umsatzschätzungen. RWE. eröffneten 1,65 o. H. höher. Gas-, Metall- und Bauwerte hatten Besserungen bis zu 1 v. H. aufzuweisen.

Autoaktien gewannen bis zu 1,65 v. H. Kabel- und Drahtwerte lagen geschäftslos. Maschinenfabriken und Kunstserdeaktien sowie Papier- und Zellstoff- werte waren bei geringfügigen Veränderungen nicht ganz einheitlich. Von sonstigen Textilwerten waren Stöhr 1,50 v. H. gedrückt.

Unter Brauereien fielen Dortmunder Union durch einen 2,5-v. H.-Gewinn auf. Wasserwerke blieben ziemlich unverändert. Verkehrswerte, darunter Schiffahrtsaktien, waren eine Kleinigkeit freundlicher. Von Banken zogen Reichsbank fast 3 v. H. an. Im Verlaufe bröckelten die Kurse bei stockendem Geschäft ziemlich allgemein bis zu 1 v. H. ab. Die anfangs schwächeren Werte konnten sich geringfügig erholen,

Rückfälliger Dieb vor dem Amtsgericht.

* Büdingen, 8. Febr. Der Maurer und Stein­brucharbeiter K. W. Reuter aus Heegheim hatte sich vor dem hiesigen Amtsgericht wegen zweier schwerer Diebstähle (tm Rückfall) und wegen Vergehens gegen die Verordnung über Waffenmiß. brauch zu verantworten. Der Angeklagte verübte die Einbrüche im Hause des Lehrers Diehl zu Düdelsheim, entwendete verschiedene Haushattungs- und Gebrauchsgegenstände, wurde aber beim zwei­ten Einbruch festgenommen. Er leugnete seine Ver- fehlungen nicht. Der Staatsanwalt beantragte eine Gesamtstrafe von 1 Jahr und 9 Monate Gefängnis. Das Urteil lautete auf 1 Jahr, 4 Monate und 1 Woche Gefängnis. Eine Stahlrute, die der Angeklagte oerbotenerroeife getragen hatte, wurde eingezogen.

Schwere Bluttat in Äarmstadt.

WSV. Darmstadt, 8. Febr. Vor der Gast­wirtschaft3ur MartinsbierhaUe", Ecke Lieb- frauenstrahe und Arheilger Straße, randalierten heute nach 22 Uhr drei junge Burschen. Der Gastwirt L. D ö r n kam aus der Wirtschaft heraus, um Ruhe zu gebieten und die Burschen zurechtzuweisen, weil sie gerade dabei waren, einen Kanaldeckel auszuheben. Die drei Burschen verspotteten ihn, worauf er in fein Lokal zurück- ging und mit einem Farrenschwanz (Totschläger), von einem Gast begleitet, zurückkehrte. Als die beiden sich den Ruhestörern näherten, fielen diese über sie her und brachten ihnen mehrere Mes­serstiche bei. Ein Messerstich traf den ® a ft - Wirt ins Herz, so daß er auf dem Trans­port ins Krankenhaus starb. Der ebenfalls schwer verletzte Gast namens Wilhelm Groh mußte sich sofort einer Operation unterziehen. Die Kriminalpolizei nahm die drei mutmaßlichen Täter fest. Die Bluttat hat keinerlei politischen Charakter.

während die besonders festen Papiere bis zu 1,5 v. H. nachgaben.

Deutsche Anleihen tendierten weiter fest. Alt- besitz eröffneten 90 Pf. hoher, gaben dann allerdings etwas nach. Reichsschuldbuchforderungen und die übrigen festverzinslichen Werte waren gefragt und bis zu 1 v. H. hoher. Von Ausländern waren Türken in Erwartung einer Aufnahme der Kuponzahlungen gefragt und fest.

Am Geldmarkt blieb Tagesgeld mit 4,40 v. H. bzw. 4,25 v. H. an der unteren Grenze weiter leicht. Die Tranche Reichsschätze per 16. August ist bereits ausverkauft, so daß eine neue Tranche per 15. Sep­tember ausgegeben wurde, die gleichfalls gefragt ist. Auch nach Reichswechseln per 5. Mai und Privat- diskonten ist weitere Nachfrage festzustellen.

Frankfurt abwartend.

Frankfurt, 9. Febr. (WTB. Drahtmeldung.) Nachdem an der Abendbörse Erörterungen über eine baldige Diskontsenkung zu einer recht festen Tendenz geführt hatten und auch im heutigen Vor- mittagsverkehr weiter höhere Shirfe genannt wor­den waren, eröffnete die amtliche Börse zwar in freundlicher Grundstimmung, die Umsatztätigkeit hielt sich jedoch infolge der Zurückhaltung der Kulisse hervorgerufen durch den sehr minimalen Order- eingang bei den Banken in sehr engen Grenzen. Im Hinblick auf die Programmrede des Reichswirt- fchaftsministers am Samstag war man allgemein auch abwartend eingestellt.

Vereinzelt schritt die Kulisse zu kleinen Realisatio­nen, so daß die Kursgestaltung nicht ganz einheitlich, jedoch noch etwas fester war. Die Abweichungen nach beiden Seiten betrugen nur selten mehr als 0,50 bis 0,75 v. H. Einige Spezialwerte setzten ihre Aufwärtsbewegung fort, so vor allem Reichsbank mit plus 2,25 v. H. Auch Scheibeanstatt und Tietz und Kaliwerte waren mit Erhöhungen von 1,50 bis 3 v. H über den Gesamtrahmen hinaus gebessert. Montanwerte waren uneinheitlich bei Veränderun­

gen von 0,25 bis 0,50 v. H. nach beiden Seiten. Don Elektrowerten eröffneten AEG. und Schuckert bis zu 0,40 v. H. niedriger, während Licht und Kraft, Siemens, Gesfürel und Lahmeyet von 0,25 bis 0,90 d. H. hoher einsetzten. Am Chemiemarkt blieben IG. voll behauptet, Rütgerswerke gewannen 0,50 v. H. Schiffahrts- und Derkehrswerte lagen gut gehalten. Von Kunstfeideaktien bröckelten '21 tu 0,50 v. H. ab. Bon sonstigen Papieren waren Aschaffenburger Zell­stoff um 1,50 v. H., Deutsche Atlanten, Telegraph 0,50 o. H., Deutsche Linoleum 0,40 v. H. und Holz- mann 0,25 o. H. höher.

Deutsche Anleihen lagen bis zu 0,50 v. H. freundlicher. Reichsschuldbuchforderungen blieben be­hauptet. Von Industrieobligationen gewannen Stahl­vereinbonds 0,90 o. H. Am Auslandsrentenmarkt setzten Zolltürken und 4prozentige Einheitsrumänen bis zu 0,13 v. H. höher ein. Gold- und Liquidation-- Pfandbriefe und Kommunalobligationen zogen bei kleinem Geschäft von 0,25 bis 0,75 v. H. an. Stadt­anleihen lagen meist bis zu 1 v. H, teilweise auch bis zu 2 v. H. höher, während Staatsanleihen nur wenitz verändert waren. Im Freiverkehr lagen Ame­rikanische Kunstseiden-Shares 0,50 bis 1 Dollar höher.

Im Verlaufe herrschte nahezu Geschäfts­losigkeit. Reichsbankanteile gaben 1,50 v. H. nach, auch Aktien bröckelten um weitere 0,50 v. H. ab, während auf den übrigen Marktgebieten nur unbedeutende Veränderungen festzustellen waren. Deutsche Anleihen gingen von 0,25 bis 0,40 v. H. I zurück. Tagesgeld war zwar zu 3,25 v.H. unser- | ändert, doch zeigte sich etwas Nachfrage.

Frankfurter SchlachtvicHmarkt.

5ranffurt a. SOI, 9. Febr. Auftrieb: 137 Rin- der, 940 Kälber, 227 Schafe, 744 Schweine (darunter 270 Memelländer). Es wurden notiert: Kälber: beste Mast- und Saugkälber 32 bis 36 Mark, mittlere Mast- und Saugkälber 27 bis 31, geringe Kälber 22 bis 26, Schafe: Mastlämmer und jüngere Masthärnmel (Weidemast) 23 bis 25, mittlere Mast- lämmer, ältere Masthärnmel und gut genährte Schafe 20 bis 22. fleischiges Schafvieh 17 bis 19; Schweine: oollfleischige Schweine von etwa 200 bis 240 Pfund Lebendgewicht 36 bis 38, von etwa 160 bis 200 Pfund 34 bis 37 Mark. Marktoerlauf: auf allen Marktgebieten langsam, geräumt.

Wettervoraussage.

Obwohl das Vordm:ertief in nordöstlicher Rich­tung über Skandinavien abzieht, tritt bei uns zunächst noch kein beständiges Wetter ein. 3m Westen lagern sehr warme Luftmassen, die bei den herrschenden Winden vorerst bis in unser Gebiet Dora-tragen. dann aber durch den hohen Druck im Osten mehr nördlich abgedrängt werden. Dabei gestattet sich das Wetter wechselhaft, im ganzen mild und etwas regnerisch. Mit dem weiteren Aufbau des hohen Druckes sowohl von der Biskaya, als auch von Polen her wivd später eine Beruhigung eintreten.

Aussichten für Freitag: Wechselnd be­wölkt mit vorübergehendem Aufklaren, vorerst noch mild und zeitweise etwas Regen.

Aussichten für Samstag: Ruhigeres Wetter, neblig-bewölkt mit Aufklaren, nachts Temperaturrückgang bis in Gefrierpunktsnähe.

Lufttemperaturen am 8. Februar: mittags 7,2 Grad Celsius, abends 3,9 Grad; am 9. Febr.: morgens 6,2 Grad. Maximum 7,8 Grad, Mini­mum 3,5 Grad. Viederschläge 3,4 Millimeter. Erdtemperaturen in zehn Zentimeter Tiefe am 8. Februar: abends 2,2 Grad: am 9. Februar: mor­gens 1,4 Grad Celsius.

Kirchliche Nachrichten.

Israelitische Gemeinden.

Israelitische Religionsgemeinde. Gottesdienst in der Synagoge (Südanlage). Samstag, den 11. Fe­bruar. Vorabend: 5.30 Uhr; morgens: 9 Uhr; abends: 5.45 und 6.25 Uhr.

Israelitische Religionsgesellschaft. Sabbatfeier, den 11. Februar. Freitag abend 5.10 Uhr: Samstag vor- mittag 8.30 Uhr; nachmittags 3.30 Uhr; Sabbataus­gang 6.25 Uhr. Wochengottesdienst morgens 7 Uhr; abends 5 Uhr.

Wirtschaft.

Ernst Kreidolf.

3um 70 Geburtstage des schweizerischen Malers.

Von M. Lerding.

Am 9. Februar 1933 sind es 70 Jahre, daß der Maler Ernst K r e i b o l f zu Tägerwilen in der Schweiz geboren wurde. Ein Schweizer Maler? Wenn auch ein Arnold Böcklin, ein Albert 9B e (t i der ganzen Kulturwelt angehören, welche entscheidenden Belange sind es, die eine gleiche All­gemeingeltung auch bei Kreidolf bewirken? Und zwar eme Allgemeingeltung, innerhalb deren ganz beson- ders wir Deutschen diesen Künstler einen der Unfri- gen nennen dürfen?

.Der äußere Umstand, daß Ernst Kreidolf in Mün- fx b.e* Hack 1 und Löfstz studierte, daß er fobann eine Reihe wichtiger Reifuugsjahre in den bayrischen Bergen verbrachte und darauf abermals labrelang in München lebte, ist allein noch nicht dafür maßgebend. Nein, das Wesen seiner Kunst ist urdeutsch, spricht uns in seiner Gründlichkeit und Erträumten Besinnlichkeit, seiner Beobachtungs- Icharfe und weit schwingenden Phantasie so stark an °le bie heimatliche Natur selbst. Was uns an Al- brecht Dürer, Hans Thoma und Karl Haider, an v ch w i n d und S p i tz w e g so unmittelbar ent gegenflingt, in seinen Elementen findet es sich auch bei Kreidolf wieder. In der Entfaltung feiner dichter- malerischen Anlagen aber gelangt er zu einer Dar- steuungsweise zartester Tier- und Blumengestalten, wie fie m gleicher Gedankenfülle und Innigkeit keiner vor ihm gegeben hat und wer weiß, ob jemals wie- rr-r wird. Eine Künstlerpersönlichkeit von stärkster Eigenart ist uns in ihm geschenkt.

,.?CT ^en erst der Akademie Entwachsene begab id) aus Gesundheitsrücksichten im Jahre 1889, wie iqjon angebeutet, in die Berge, und zwar nach Par- tenkirchen, bem damals noch ganz stillen Alpendorf

Fuße bes höchsten deutschen Gebirgsstockes. Zu- i A faQn.beffer Schicksal nennt, führte ihn hier logleich mit einem anderen jugendlichen Wegsucher, dem um drei Jahre jüngeren Dichter Leopold h l & e r/ zusammen. Sechs Jahre lang hausten die beiben einträchtig, zu treuen Lebensfreunden wer­bend, unter bem schlichten Volk und in einer friedlich- 9öartüjen Gebirgsnatur. Die Verschiebenheiten in chrem Wesen ergänzen sich aufs beste, jeder findet -Bereicherung der eigenen Natur darin, mit den

Augen bes anderen sehen zu lernen. In jener Par- tenkirchener Zeit war es auch (1894), daß Kreidolf eines Nooembertages in einer Schlucht auf ein Büschlein frisch erblühter Schlüsselblumen und En­ziane stieß. Diese Blumen, die er zu Hause liebevoll malte, gaben ihm den Gedanken zu dem phantasti­schen Blatt vom Schlüsselblumengarten, in welchem -Herr Schlüsselblum und Frau Enziane Himmel­blau" vergnüglich lustwandeln. Damit war Ernst Kreidolfs Lebenswerk angebahnt. Das Blatt ziert denn auch sein erstes, im Jahre 1898 erschienenes BilderbuchBlumenmärchen", das er selbst in mühe­voller Arbeit auf den Stein gezeichnet hatte. Das Buch ist schon ein ganz und garechter Kreidolf", an dem noch etwas weiteres bemerkenswert ist. Leo­pold Weber hatte bem Freunb geraten, zu feinen Blu­men- und Falter-Phantasien boch auch selbst die Texte zu schreiben, und diefe Anregung ist auf frucht­barsten Boden gefallen. Mit ihr ist auch der Dichter des Wortes in Kreidolf geweckt, der sich schon als Dichter des Stiftes und Pinsels erwiesen hatte. Diefer glücklichen Verbindung in einer Künstlerper­sönlichkeit verdanken wir all die entzückenden Bilder­bücher, die jetzt schon dreieinhalb Jahrzehnte lang fast alljährlich den deutschen Hausschatz um eine Kost­barkeit bereichern.

Gewiß kam Kreidolf bet feinem Auftreten ein äußerer Umstand zu Hilfe, der ihm schneller als es sonst einem wirklichen Künstler beschieden ist, zu einem weithin klingenden Namen verhalf: das Mode­wort vomZeitalter bes Kinbes". Es trug immerhin den wertvollen Kern der Erkenntnis in sich, daß für die Jugend das Beste gerade gut genug ist. aber hätte Kreidolf feinen Aufstieg einzig dieser wandel­baren Zeiteinstellung verdankt, er wäre eben auch wie eine Modeerscheinung gestieaen und wieder ge­funden. Statt dessen führte fein Weg in stetiger Ent­faltung seines Künstlertums höher und höher, und heute schon wissen wir, daß fein Werk über allen Zeitgeschmack und alle Landesgrenzen hinweg ge­sichert ist. Der Kinderseele, die keineRichtung" kennt, wird er immer nahe bleiben, weil er unmittel­bar wie die Natur, phantasiereich und niemals lehr­haft. zu ihr spricht. Bei Gott nicht nur den Er­wachsenen verständlich, wie siebenmalweise Kritiker zuweilen behaupten, behält seine Kunst aber gerade auch für den gereiften Menschen ihre Kraft und ihren Wert. Allezeit bleibt das Märchenhafte seiner Bilder getragen von einer zwingenden Naturnähe, Naturwahrheit. Selbst der Zoologe und der Bota­niker staunt, wie gut seine Schmetterlinge und Blu­men gesehen sind; künstlerisch ersaßt in ihrem Wesen

freilich noch weit über naturwissenschaftliche Er- kenntnisrnöglichkeiten hinaus.

Don seinen, vor dem Wellkrieg bei H. und F. Schaffstein erschienenen Büchern sind die wichtigsten: Blumenmärchen",Sommeroögel",Die schlafen­den Bäume",Der Gartentraum". Nach bem Kriege tarnen im Rotapfel-Verlag, Erlenbach-Zürich, von ihm vor allem heraus: dieAlpenblumenmärchen", basWintermärchen",Lenzgesinb",Grashupfer", Das Hunbefest" undBlumenritornelle", ferner die MappeBergblumen" ein Kleinod innigster Natur­darstellung, sowie sein HauptwerkBiblische Bilder". Dieses Werk zeigt Kreidolf in einer ernsten Größe, welche ihm selbst viele seiner Anhänger und zustim­menden Beurteiler nicht zuzumessen wagten. Das Leben und Leiden des Heilands und die eindrucks­vollsten Gleichnisse des Neuen Testamentes finden hier einen Niederschlag, der den Umfang seines Künstlertums ebenso wie die Unerschöpflichkeit des Gegenstandes beweist, lieber Jahrzehnte, bis in die Partenkirchener Zeit zurück, erstreckt sich die Arbell an diesen Blättern. Sie haben den Gehalt und die Bedeutung eines Meisterwerkes.

Selten nur hat Kreidolf, vom Freunde schon früh­zeitig auf sein eigenes dichterisches Vermögen hin­gewiesen, die Texte anderer Verfasser bebildert. So fchus er denFitzebutze" zu Versen von Richard und Paula D e h m e l, in jüngerer Zeit die beiden Bände Blumenritornelle" undAus versunkenen Gärten" zu Versen von Adolf Frey (Rotapfeloerlag) und sechs zarte und humorvolle Bilder zu dem Märchen Das Schmetterlingswunder" von N. M. Ilgerd (K. Thienemanns Verlag, Stuttgart). Besonders her­vorzuheben ist hier eine Arbeit, die sich aus bem Partenkirchner Zusammensein mit Leopold Weber ergab. DessenTraumgestatten" (auch im Rotapfel' verlag erschienen) hat er mit zehn bedeutsamen Blättern geschmückt. So ist uns als bleibende Frucht dieses Freundschaftsbunbes ein Werk geschenkt, in welchem originales Schaffen und liebevolles Ein­fühlen in seltener Weise gepaart erscheint.

Als ich vor zehn Jahren den Meister in Bern be­suchte, hatte das dortige Kunstmuseum eben eine Gesamtausstellung des Sechzigjährigen eröffnet. Da war Gelegenheit geboten, den Zeichner und Aqua­rellisten Kreidolf auch als Maler von höchstem Rang kennenzulernen. Bilder wieEin Mädchen schaut in den Mond", dieTraumlandschaft" ober das Bilb des Großvaters in der Stube zwischen den Vogel­bauern, um nur einige herauszugreifen, haften in der Seele des Beschauers. Sie sind ein Stück deut­scher Kunst und darum deutscher Seele. Sie behaup­

ten ihre Eigenart und klingen uns doch so vertraut. Sie können nur unseres Blutes sein.

Auch jetzt feiert die Schweiz ihren großen Lands­mann wieder durch eine Gesamtausstellung am glei- chen Ort, wobei etwa 500 Bilder, nahezu das ganze Schaffen des Künstlers, vereinigt sind. Der Wunsch, das in einzigartiger Reichhaltigkeit zusammengetra- gene Lebenswerk Kreidolfs auch auf deutschem Boden sehen zu können, wird allenthalben laut. Ihm fei auch hier Ausdruck verliehen.

Unter den Ehrungen, die dem siebzigjährigen Mei­ster von allen Seiten entgegengebracht werden, ver­dient eine noch besonderer Erwähnung: Leopold Weber, der dazu Berufenste, hat soeben im Rot- apfeloerlag ein überaus anmutiges und wertvolles Buch herausgebracht:Mit Ernst Streibolf in ben Bayerischen. Bergen 18891895". 23 Zeichnungen Kreibolfs aus jener Zeit finb bem Bändchen als Schmuck, mehr noch als mitschilbernde Begleitung beigegeben.

Mag man mit Kreibolfs Silbern schon vertraut sein ober nicht, in das Wesen, in den Entwicklungsgang, die Denkart und Schaffensweise des Künstlers ist keine schönere Einführung denkbar als dies reizende Buch. Weber schließt mit den Worten:Ich habe das Ge­schick zu preisen, das mich mit ihm zusammengeführt hat". Er spricht uns allen, die wir Kreidolf lieben, aus der Seele. Wir preisen das Geschick, von ihm 'o reich beschenkt zu fein, drücken ihm im Geiste die Hand und wünschen ihm noch viele, glückliche Jahre in einer Wett, die sich seine Augen als Spiegel ihrer Schönheit schuf.

3eiffd)rtffen.

Landarbeiten aller Art" früher Stickereien und Spitzen", Januarheft 1933, mit Zirka 30 Abbildungen. Einzel-Probeheft 1,80 Mark. Jahresabonnement 12 Mark. (Verlagsanstatt Alex. Koch, Stuttgart.) Die wirtschaftlich schwere Zeit, die einen so großen Teil der Frauen und Mädchen in männliche Berufe gedrängt hat, erweckt immer mehr die Sehnsucht, wenigstens in kurzen Stunden und Augenblicken sich echt weiblich zu betätigen, nur eine leichte Kleinigkeit, eine hübsche Kragengarnitur mit Tüllspitze, wfe Margarete Ganzenmüller sie bringt, ober ein hübsches Kissen nach Anna Rabing, Breslau. Die geschmackvollen Stepparbeiten von Ina von Karborff, Berlin, verlangen allerdings mehr Zeit unb Ausbauer. Ein Liegepolster in blau-weißem Wachstuch ist etwas ganz anberes unb ebenso ver­wendbar im Garten, auf der Terrasse wie draußen im Wochenend!

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