Doktor Srudes Ehe.
Originalroman von 3- Echneider-Zoerfil.
8. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Die Geheimrätin war bereits im ersten Hinüberschlummern, als nebenan ein Stuhl fiel. Aber sie war zu müde, darüber nachzudenken, ob das wohl eine Bedeutung habe.
Lena Moore horchte auf, als im Flur die Klingel so Hellend laut durch die Wohnung schrie. Wahrscheinlich ein Schwerkranker, der noch Dr. Grude verlangte. „Wie peinlich!--* Der Ver
treter war vor einer Stunde zum Abendellen weggegangen und noch nicht zurückgekommen.
Sie öffnete ein Fenster nach der Straße und sah einen Hut, der sich lüftete. Das Licht einer Bogenlampe fiel gerade in das Gesicht. Da erkannte sie ihn. „Einen Augenblick, Herr Doktor!"
Sie empfing Wellenberg bereits an der Treppe, gewahrte sein ernstes Gesicht und geriet in Sorge. „Bringen Sie böse Nachrichten'!'"
Er trat in den Flur und drückte die Türe hinter sich zu. jch möchte Sie etwas fragen, Lena. Kann «ch einen Augenblick eintreten?"
Sie öffnete bereits die Tür des Speisezimmers und knipste das Licht an. „Bitte!" Dabei hatte sie ein Gefühl unsäglichen Bangens.
„Sie nehmen doch die Post in Empfang, Lena? --" Während Wellenberg das fragte, ruhte fein Blick auf dem Stoß von Korrespondenz, welcher in der Mitte des runden Tisches aufgestapelt war. Haben Sie nun vor etwa zwei Tagen einen Einschreibebrief für meinen Schwager in die Hand bekommen
„3a, gewiß, Herr Doktor! Es muß am Donnerstag gewesen sein Ich habe dem Briefträger auch den Empfang bestätigt."
Wellenberg hob unterbrechend die Hand. JBon wem er war, wissen Sie nicht."
„Das weiß ich nicht, nein!" Lenas dunkel erglühendes Gesicht ließ erkennen, wie sehr sie die Frage verwirrte. Was dachte er von ihr?
„fjat mein Schwager nichts darüber zu Ihnen gesagt?
„Nichts!--Es ist wohl ein sehr wichtiger
Bries gewesen, Herr Doktor?"
„3a!" Er überlegte, ob er ihr Mitteilung machen sollte. Ader es würde immer noch früh genug sein, daß sie von allem erfuhr. „Wo ihn mein Schwager hingesteckt hat, wissen Sie nicht, Fräulein Lena?"
Sie schüttelte den Kopf. „Vielleicht sehen Sie selbst nach, Herr Doktor." Sie wollte Die Türe zum Arbeitszimmer öffnen, fühlte sich aber zurückgehal- tcn. „Ich will erst hier diese Korrespondenz nach- fehcn, vielleicht ist er Darunter."
Sie hob zweifelnd die Schultern. „Kaum! Er ist
doch schon vorgestern efngetanfen. Das hier kst alles von gestern und heute."
„Wissen Sie das gewiß, Lena?"
„Ganz gewiß! Gestern morgen laa noch nichts auf dem Tisch. Was Sie hier sehen, hat sich erst in den beiden letzten Tagen angesammelt."
„3d) möchte trotzdem nachschauen."
„Bitte!" Sie lächette jetzt. Aber er gab ihr das Lächeln nicht zurück. Als sie gleich darauf das Zimmer verließ, begannen feine Hände den Stoß von Briefen, Karten und Telegrammen zu durchwühlen. — Wenn —, dann mußte Der Brief zuunterst liegen. Aber es war nicht so. Er steckte in der Mitte.
Er nahm das Couvert heraus und besah es von allen Seiten. Es war nicht geöffnet worden. Demnach hatte Felix es noch nicht zu Gesicht bekommen. Mit einem raschen Blick noch der Türe ließ er es in feiner Manteltasche verschwinden.
Auf den Gang tretend lief er noch Lena und sah ihre Augen fragend auf ihn gerichtet. .Haben Sie den Brief gefunden, Herr Doktor?"
„Nein!^ sagte er und war froh, daß es so dunkel war und sie das tiefe Rot, das über feine Wangen schlich, nicht bemerken konnte.
„Demnach hat ihn Herr Dr. Grude zu sich genommen."
jedenfalls." Als er nach feinem Hut griff, schaltete sie die Treppenbeleuchtung ein und war erstaunt, daß er, ohne ihr die Hand zu geben, ober auch nur ein Wort der Verabschiedung zu sprechen, aus der Flurture trat und die Stufen hinunter- ging. Erst von unten rief er noch ein „Gute Nacht, Lena!" herauf, das sie, über das Geländer geneigt, erwiderte.
Was hatte ihn so zerstteul gemacht? — Der Brief? —
Was mochte Darin gestanden haben? Es mußte ungemein Wichtiges fein.
Während sie die Flurtüre abriegelte, klappte unten Die Haustüre ins Schloß. Sie ging nach dem Wohnzimmer, öffnete das Fenster und blickte Wellenberg nach. Dabei sah sie, daß auf Dem gegenüberliegenden Gehsteig ein Mann auf ihn zusprang und ihn an den Schultern rüttelte.
Sie erkannte Dick Monttey. Dann verschwanden die beiden aus dem Lichtkreis der Bogenlampe.
*
Dick Monttey vermochte kaum Schritt mit Wellenberg zu halten, so holte dieser aus. „Sog, Rolf, haft was davon gewußt?" Er rannte atemlos neben Dem FreunDe her. „Vor einer Stund' ist Die Post kommen unD hat mir Die Kart'n da bracht! — Schau nur!"
ja!" sagte Wellenberg und griff noch fester aus, als wolle er Monttey entrinnen.
Aber der lief unentwegt neben ihm her. „Warum bist denn so komisch, Rolf? — Hast du nix kriegt? — Keine Nachricht von Der Christa?"
„Auch erst vor einer StunDe, Dick. Mir ist ganz wirr im Kopf. Meine Mutter schlaft schon. Ich
Mn nach Grubes Wohnung gelaufen und habe dort nachgesehen. Da ist auch ein Brief gelegen. Noch gar nicht aufgemacht. Wenn Felix davon erfährt, gibt es ein Unglück."
.Lessas na, an das hab' ich noch gar net denkt. Bloß g’freut hab ich mich ganz närrisch, daß die Christa lebt! — So g’freut, Rolf. Mein Gott, was tun wir denn jetzt?"
Wellenberg sah ein, daß der noch immer schonungsbedürftige Freund diesen Marschschritt nicht länger aushatten würde. Er verlangsamte das Tempo und blieb sogar eine Minute stehen. „Es ist nichts mehr Daran zu änDem."
„Nein, gar nix! — UnD Die Christa? — Mein Gott, wer sagt ihr's Denn, daß der Felix verheiratet ist?"
„Ich bitte dich, schweig", rief Wellenberg erregt. „Du hättest gerade so gut fragen können, wer sagt es denn Felix, daß die Christa lebt."
jst wahr — wär' eines gewes'n."
Sie schritten beide nebeneinander die Häuserreihen entlang und sprachen kein Wort mehr, bis Wellenberg das Thema wieder anschnitt. „Fahr mit mir nach Marseille, Dick!"
Es kam keine Antwort.
,Hast du etwas anderes vor?" frdgte Wellenberg
„Das nicht! —"
„Was nachher?" frage Der Doktor ungehalten. Es war nicht nett von Dick, wenn er ihn jetzt im Stiche ließ.
Monttey horte die Mißstimmung heraus und Der- spürte' ein Gefühl unsäglicher Bitterkeit. War es denn möglich, daß Rolf nicht begriff?
Es schien tatsächlich so zu sein, denn als man vor der aeheimrätlichen Wohnung Halt machte, reichte ihm Wellenberg nur flüchtig Die HanD. „Gute Nacht, Dick! Vielleicht überlegst Du bir's noch, ob Du mit- kommen willst. — 3ch fahre morgen abend."
jch werd mir's überleg’n, jar
Monttey stand noch ganze zehn Minuten und sah nach dem ersten Stock hinauf, an dessen Eckfenster nun ein Licht durch Die Scheiden flutete. Morgen abenD wollte Rolf schon fahrest. Es war wenig Zeit bis Dorthin. Nur eine einzige Nacht dazwischen! Aber vielleicht glückte es.
3n dem Restaurant, in welchem er zu essen pflegte, waren infolge des schönen Wetters nur wenig Gäste. Aber an einem Der kleinen Tische sah er Den Dicken Rittmeister SchäDlinaer mit noch zwei anderen Kameraden außer Dienst beim Tarock sitzen. Der Schädlinger war immer ein netter Kerl gewesen. Bei dem konnte man's, ohne eine Abfuhr zu gewärtigen, versuchen.
UnD als er nach einer Stunde das Restaurant verließ, trug er ein zufriedenes Lächeln im Gesichte. Er wurde morgen abend mit Wellenberg zu Christa nach Marseille fahren.
Der dicke Rittmeister aber drehte eine silberne Uhr zwischen den fleischigen Fingern und sagte nach
denklich, während er mit dem Dügek fptette: JBes Herz macht einem weh tun. Wenn ich nicht gefürchtet hätte, ihn zu beleidigen, würde ich bas Ding Da nie und nimmer zum Pfand genommen haben. Aber jedenfalls braucht er das Geld so notwendig, wie das Bäuscherl mit Knödel, das er gegessen bat --Ich heb' es ihm halt auf. Aber ich kann mir nicht denken, wie ein Mensch ohne Uhr auskommt Vielleicht find' ich einmal eine gute Ausrede! Dann geb' ich sie ihm zurück."
,xkb schicke ihm morgen eine Zwanzigschilling, note", sagte der Oberstleutnant Gehring. .Vorn Kriegerfonds' als Absender. Das kann er dann nicht gut zurückschicken. Und zu schämen braucht er sich auch nicht."
ja, das ist ein Weg", lobte der Rittmeister. »Der arme Teufel wird sich freuen."
Und das tat Monkrev Denn auch. Nur daß er sich jetzt schon auf dem Heimweg freute. Er machte nod) einmal einen großen Bogen, um an Wellenbergs Wohnung vorbeiziikommen, und als er noch Licht sah, zog er behuisam an der Klingel.
Wellenbergs Kopf beugte sich über die Brüstung. „Was gibt es?"
"Ich fahre mit Dir nach Marseille, Rolf!"
„So rasch hast du dich auf einmal entschlossen?" „So rasch, ja!--Gute Nacht!"
„Gute Nacht, Dick!" Wellenberg schüttelte den Kops, Denn er hatte ganz deutlich ein heimliches Lachen von unten heraus vernommen.
Dick schien überhaupt seit dem unseligen Schuß Damals nicht mehr ganz normal zu sein
Für Monttey bedeutete Marseille nichts Neues. Er hatte es oft genug gesehen und es auf seinen Reisen mehr als einmal passiert. Aber auch Wellenberg, der zum ersten Male den Fuß in diese große Hafenstadt setzte, schenkte ihre keinerlei Beachtung. Er hatte weder für die Pracht der Rue dannebier, die der Wagen nun langsam hinunterrollte, noch für die Großartigkeit der Bauten, die Hochflut des Verkehrs und das hin- und herwogende (Betriebe einen Blick. <
Seine Gedanken waren ausschließlich bei Christa. Tausend und abertausendmal hatte er sich während der langen Fahrt zurechtgelegt, was er zu ihr sagen würde. Aber immer formte sein Gedächtnis diese Worte wieder anders. Zuletzt sand er keines mehr von allen.
Seine Nervosität erreichte den Höhepunkt, als Dick ihn jetzt fragte: „Glaubst du, daß die Madien --fahr' bitte, um Gotteswill'n nicht wieder auf, Rolf--aber ich kann's einfach nimmer für mich
behalt'n. Ich hab' das Gefühl, als ob das mit die Brief nicht ganz richtig zugang'n wär'.--"
„Erklär' dich deutlicher!" sagte Wellenberg. ^Obwohl der Sturm vom Meere herblies, riß er dabei den Hut vom Kopfe und trocknete sich die Stirne. „Also bitte!" erinnerte er gereizt.
(Fortsetzung folgt.)
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