Nr. M Erstes Blatt
185. Jahrgang
Donnerstag, 8. Zuni 1955
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GietzenerAnzeiger
General-Anzeiger für Oberhefsen
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Dr. Fnedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.lhyriot; für den übrigen Teil Ernst Diumschein undfürdenAn- zeigenteil i. V.Th.Kümmel sämtlich in (Biegen.
Randnoten.
Hundert Millionen Deutsche leben in Europa. 64 Millionen von ihnen firtö staatlich im Deutschen Reiche zusammengesaßt Keine Nation hat ein so starkes und lebendiges Volkstum außerhalb ihrer staatlichen Grenzen wie Deutschland. Seine Nation ist daher so berechtigt, Volkstumsarbeit zu leisten wie wir. Denn neben dem durch geographische Grenzen sestgelcgten „Deutschen Reiche" gibt es ein heim- lichcs Deutschland, dessen Sraftstrame unsere Staat- llchkeit erhalten und sichern. Dem heimlichen Deutschland, das leine imperialistische Forderung, sondern ein Bekenntnis der Herzen und ein Gleichklang des Blutes ist, galt die Passauer V D A.- T a g u n g.
Jetzt, nach dem Abschluß der Tagung, die wegen des Konflikts zwischen Wien und Berlin von Klagen- furt nach Passau verlegt werden mußte, können wir freudig die Erneuerung der Deutschtumsbewe- gung im gleichen Schritt mit der inneren Erneuerung des Reiches feftftellen. Kommt das äußerlich m der Umbildung des VDA. zu einem Volksbund und in der Arbeitsgemeinschaft mit den anderen Deutfchtumsoerbänden bei gleichzeitiger Neuordnung der Arbeitsweise zum Ausdruck, so ist zugleich als Auftakt einer neuen Volksdeutschen Arbeit das zweite Gleis der nationalen Erneuerung setriggestellt. Das binnendeulsche Volk hat nun die Pflicht, dieses Gleis der Volkspolitik auch zu benutzen. Das rauschende Fest der Iungrnannschaft des VDA. hat uns die Gewißheit gegeben, daß die Jugend, die uns oon Jahr zu Jahr neuen Mut zur Arbeit gegeben hat, in der Hingabe an die gesamtnationale Arbeit mit- geht.
Der Staat der nationalen Erneuerung hat ja nicht etwa dem einzelnen Dolksglied die CDerant- toortung für die Ration abgenommen. Zur Hatton aber gehören auch die Millionen deutschen BluteS außerhalb der Reichsgrenzen. "Hur zwei Drittel des Ge- samtdeutschturns leben im Schuh der nationalen Negierung Das andere Drittel war bisher wesentlich auf sich selbst gestellt. Es hat aber in den Jahren deutscher Schmach im täglichen und stündlichen Kampf mit grandioser Selbstverständlichkeit Opfer an Gut und Blut gebracht, um sich selbst in der Bindung zu Blut und Boden zu erhalten und damit die Frontstellung zu behaupten, ohne die eine wirkliche Erneuerung auch im jetzigen Reichsbestand kaum mehr möglich geworden wäre.
Dieses selbe Auslandsdeutschtum steht aber heute am Anfang einer neuen und offenbar noch schlimmeren Terrorwelle. Die Feinde des Deutschtums wissen, was für das Reich das Drittel des deutschen Dolkskörpers jenseits der Grenzen bedeutet. Sie wissen, daß sie auch den Kernstaat, den das Versailler Diktat noch gelassen hat, im Lause der Zeit mürbe bekommen können, wenn es zunächst gelingt, die Frontgruppen draußen zu überrennen und nie- derzumachen. Dabei ist es gleichgültig, ob es sich um ein abgetretenes Gebiet handelt, um eine geschloffene Volksgruppe größeren Umfangs ober um kleine Dolksfplitter in der Streusiedlung zwischen fremdem Volkstum. Geht auch nur der kleinste Splitter verloren, bröckelt es irgendwo ab, weil das Binnendeutschtum nicht auf dem Posten ist, so kann das eine Lawine werden, die auch das heute gesicherte Haus des Kernvolks unter sich begräbt. Die Verantwortung für die Abwendung dieser völkischen Lawinengefahr liegt nicht etwa nur bei der Regierung des Reiches und bei den Dolksgrup- pcn draußen, die sich beide an der Wende deutschen Schicksals der Tragweite dieser Gefahr bewußt sind, sie liegt beim Volke selbst. Es gibt keinen gesunden rationalen Körper, bei dem nicht alle Teile gleichmäßig funktionieren. Mag die Not und Mühsal im Reich selbst noch nicht überwunden sein, so ist doch der opferfreudige Einsatz jedes einzelnen Dinnendeutschen für das viel schwerer ringende Außendeutschtum unerläßlich. Gelingt es nicht durch den geschlossenen Einsatz der ganzen Nation auch die Not des Auslandsdeutsch' tums zu wenden, so wird niemals die binnendeutsche Not endgültig überwunden werden können.
Die zeichnerische Darstellung der Alters klas- f e n eines in gesunden wirtschaftlichen Verhältnissen wachsenden Dolkskörpers hat die Form einer Pyramide; bei abnehmender Kinderzahl ent- steht das Bild einer Glocke, das bei weiterem Rückgang des Nachwuchses sich in eine Urne verwandelt. Und dieses symbolische Bild einer Urne prägt sich bei der Betrachtung des deutschen Dolkskörpers zunehmend und mit erschreckender Deutlichkeit aus. Mehr und mehr entwickelt sich Deutschland zu einem Land ohne Jugend, immer ersichtlicher wird die fortschreitende Ueberalterung Wahrend nach der Volkszählung des Jahres 1910 Die Altersgruppen unter zehn Jahren noch 22,9 Prozent der OefamtbeDÖlferung ausmachten, waren es 1925 nur noch 14,1 Prozent, und dieses Bild hat sich in den vergangenen Jahren noch mehr zu Ungunsten des Nachwuchses verschoben. Im Jahre 1910 stand eine Zahl von 25,8 Geburten auf je tausend Ein- wohner einer Sterbeziffer von 15,1 gegenüber. Der Geburtenüberschuß betrug demnach 10,7. Im Jahre 1930 war die Geburtenziffer auf 17,5 und Die Sterbeziffer auf 11,1 gesunken. Der ©eburtenuber- schuß mithin auf 6.4. Nächst Oesterreich steht Deutschland in Europa hinsichtlich seines Geburtenüberschusses also an letzter Stelle.
Für di« Reichshauptstadt liegen die Dinge noch um vieles ungünstiger als für den Reichs- durchschnitt. Hier beträgt die Geburtenziffer zur Zeit nur 8,4 und die Sterbeziffer 12,2, so daß sich ein Sterbeüberschuh von 3.8 ergibt. Bei einem oberflächlichen Anblick wird die ungesunde Alters- schichtung zwar durch die infolge der durchgreifenden Hygienemahnahmen und Seuchenbekämpfung herabgesetzte Sterblichkeitsziffer Der-
Was sagt die Welt zum Abschluß des Viermächtepaktes?
Befriedigung in London.
London, 7. 3uni. (TU.) Die Nachricht, daß Deutschland den Dierrnächtepakt in seiner leßige.i Gestalt angenommen hat, hat in London ft a r f e Befriedigung ausgelöft. Trotz seiner Schwäche bekunde der Pakt den Willen der europäischen Großmächte nach freundlicher Zusammenarbeit. Man ver- spricht sich in englischen Regierungstreifen, daß önr Pakt eine gute W i r k u na a u f b i e amerikanische Öffentliche Meinung ausüben werde im Hinblick daraus, daß das Nichtzu- standekornrnen einer-Adrü st ungsver- eiabarung vor der Weltwirtschaftskonfercnz Amerika enttäuscht habe. Es sei daher als Gegen- Wirkung, die die amerikanische Oeffentlichkeit von der friedlichen Entwicklung Europas überzeugen könne, besonders wertvoll und erleichtere der amerikanischen Regierung die ersprießliche Mitarbeit auf der Weltwirtschaftskonserenz.
Die Nachricht von der Paraphierung des Bier- Mächtepaktes wird bisher nur von wenigen Londoner Blättern besprochen. Der konservative „Daily Telegraph" glaubt, daß Mussolini gestern mit Recht sagen konnte, der Grundgedanke des Entwurfs sei unverändert geblieben. Die Möglichkeit einer Dertragsrevision sei durch Bezugnahme auf die Völkerbundssatzung eng ab- gegrenzt worden. Aber sie sei trotzdem vorhanden, und Europa wisse dies genau. Eine gleiche Behandlung sei der ursprünglichen Bezugnahme auf die militärische Behandlung zuteil geworden. Artikel 3 gebe Raum für öie Geltendmachung der deutschen Forderung, falls in Genf keine Einigung erzielt werden sollte.
Die Auffassung in Paris.
Besserung der Beziehungen zu Italien.
Paris, 8.Juni. (WTB. Funkspruch.) Die Blätter beschäftigen sich mit der Paraphierung des Viermächtepaktes. Soweit sie nicht der Opposition angeboren und diesen Pakt schon in der Vorbereitungszeit bekämpft haben, stellen sie die Besserung der französisch-italienischen Beziehungen in den Vordergrund, die sich aus dem Diererpakt ergebe und die Mussolini gestern im italienischen Senat ganz besonders hervorgehoben habe. „I o u r n a l" meint, die ausgesprochen r e • visionistische Tendenz der italienischen und sogar der englischen Politik sei in dem anfänglichen Textentwurf deutlich zum 'Ausdruck getonimen. In der neuen Fassung werde sie mehr in den Schatten gerückt aber doch nicht ganz, denn Mussolini habe gestern im Senat auf der entscheidenden Rolle des Reoisionsanikel 19 des Dol- kerbundsstatuts bestanden. „Petit P a r i f i c u" betont, dap an Inhalt und Folgen der früheren Verträge nichts geändert werde. Auch „Exzelsior" hebt hervor, daß Frankreich seine früheren politischen Bindungen nicht auf- gebe, sondern erweitere. „2 uoditien" ist mit der Paraphierung des Viermächtepaktes unzufrieden, denn er isoliere innerhalb des Völkerbundes die vier westlichen Großmächte. Eine derartige Politik könne, wie dies die geschichtlichen Lehren bewiesen, rasch zu bewaffneten Konflikten führen. Auch „D r b r e" wendet sich gegen den Pakt, der Frankreich in eine gefährliche Lage bringe.
3n einer Auslassung der Havas-Agentur wird erklärt, daß die Paraphierung m Paris mit Genugtuung ausgenommen worden fei. Dieses wichtige diplomatische Ereignis stelle nach Ansicht der französischen Regierungskreise nur eine erfte Etappe zu einer Entspannung der europäischen politischen Lage dar. Bereits jetzt, noch vor der endgültigen Unterzeichnung würden Berhandlungen ausgenommen werden, um die praktische Bedeutung des Paktes festzu
legen. Diese Verhandlungen würden auch aus eine Besserung der sranzösisch-talie- nischen Beziehungen und alsdann der Beziehungen zwischen Italien und der Kleinen Entente abzielen. Die französische Regierung habe den Wunsch, die Derständigungs- möglichkeiten mit allen Ländern zu erweitern, ohne jedoch irgend etwas von den bereits bestehenden Abkommen und Verträge n zu opfern. Aus diesem Grunde werde schon in den nächsten Tagen oder nach Unterzeichnung des Paktes die französische Regierung in allen an die Regierungen der Kleinen Entente gerichteten Schreiben die Versicherungen und Garantien bestätigen, die Paul-Doncour in Genf
dieser Tage den Vertretern SüdslawienS, Rumäniens und der Tschechoslowakei gegeben habe.
polen ist unzufrieden.
Warschau, 8. Juni. (WTB. Funkspruch.) Die Paraphierung des Viermächtepaktes wird in der Presse noch wenig beachtet. „Expreß Porcinny", ein im Regierungslage^stehendcs Blatt, nennt den Pakt eine „p a p i c r n c Kombination", die jeder tatsächlichen Macht entbehre und in der Praxis u n - durchs ührbar sei. Der Pakt sollte den Frieden gewährleisten, inzwischen fordere er Unruhe und Zersetzung. In deutscher Hand werde der Pakt zu einem Werkzeug, um den europäischen Mächten Zugeständnisse abzuzwingen.
Deutsche Pressestimmen.
Berlin,?. Juni. (ERB.) Die Morgenblätter be- richten in großer Ausmachung über die Paraphierung des Viermächtepaktes durch Deutschland und den Pakt selbst. Die meisten Zeitungen betonen die große politische Bedeutung des Pattes und weisen übereinstimmend darauf hin, daß durch dieses Abkommen ein weiterer wesentlicher Schritt für die Entspannung in Europa getan worden sei. Im „Völkischen Beobachter" schreibt Alfred Rosenberg u. a.: Nach unendlichen Mühen ist es nunmehr gelungen, den Gedanken des Viemächte- pattes durchzusetzen, zwar nicht in einer Weise, Die den berechtigten Erwartungen Deutschlands entsprochen hätte, aber immerhin hat der Grundsatz gesiegt, daß dasSchicksalEuropasvonden vier großen Nationen getragen werden muß, sollen wir nicht alle einem furchtbaren Zu- ammenbrud) entgegengehen. Der Viermächtepakt teilt vielleicht den geschichtlich wichtigsten Vertrag eit 14 Jahren dar. Er begibt sich weg von den „allgemeinen" Pakten und Konferenzen. Unter schweren Schmerzeck noch größten Enttäuschungen ist eine Verhandlungsgrundlage endlich einmal klar umrissen worden. Das bedeutet nicht ein Außerachtlassen der berechtigten Interessen der sogenannten „kleinen Nationen". Europa kann es besonders zwei Führern danken, die den neuen organischen Friedenswillen am energischsten vertreten haben: Mussolini und Hitler. Es waren jene, die am meisten als „Militaristen" angegriffen wurden, und gerade sie sind als glühende Nationalisten dieVerteidiger eines wahren Friedens geworden, dessen Ausbau nunmehr die große Aufgabe der kommenden Jahre geworden ist.
Der Lokalanzeiger (dtsch-natl.) spricht von einer Zwischenregeluirg. Die deutsche Regierung habe sich in einem Kampf von fast drei Monaten gemeinsam mit Mussolini bemüht, durch diesen Pakt der Welt noch vor der großen Konferenz in London eine beständige Grundlage d e s Friedens zu geben. Daß dieses Ziel nicht erreicht worden sei, sei nicht Schuld der deutschen Regierung. Dafür trage auch Mussolini nicht die Verantwortung. Die Fehler, die dieser Pakt, gesehen im Lichte des deutschen Friedenswillens und im Lichte des Wiederaufbaues Europas trage, fielen auf das Konto Frankreichs und zum Teil auch auf das Konto einer in manchen Zeiten der Auseinandersetzung allzu willfährigen Nachgiebigkeit der englischen Regierung gegenüber französischen Wünschen. — Der Tag (dtsch.-notl.) betont, daß die nationale Regierung in Deutschland mit ihrer Zustimmung zur Paraphierung des Viermächtepaktes einen neuen Beweis ihres Friedenswillens und — sehr im Gegensatz zu der von inneren Schwierigkeiten gedrängten französischen Regierung — ihrer inneren Stärke erbracht habe. Von heute ab habe kein Land der Welt mehr den geringsten Grund, die für alle Völker notwendige praktische Abrüstung noch weiter zu verschlep-
pen. — Die Deutsche Zeitung nennt ebenfalls die Unterzeichnung durch Deutschland einen Beweis für den unbedingten Friedenswillen auf deutscher Seite. Wenn der Pakt von allen Seiten so ehrlich gemeint sei, wie von Deutschland, dann gebe cs jetzt nur noch eins: Unbedingte, eindeutige Abrüstung.
Die Kreuzzeitung (Stahlhelm) bezeichnet es als eine ganz ungewöhnliche staatsmännische Mäßigung, daß der siegreiche Führer der deutschen nationalen Revolution, von der die Welt unter der Einwirkung hetzerischer Gegenpropaganda unabsehbare Gesayren für den Frieden befürchtete, durch den Pakt-Abschluß das Friedensbekenntnis seiner großen Reichstagsrede so schnell und so weitgehend zur Tat machte. — Das B. T. sagt, eine Isolierung Deutschlands, wie sie deutlich von gewissen Seiten gewünscht worden fei, sei vermieden worden. Die gemeinsame Leitung der euro- päichsen Politik richte sich gegen die Interessen: keines anderen Landes; es werde ausdrücklich bestimmt, daß die Rechte der anderen Länder geachtet werden sollten.
Die Düsseldorfer nationalsozialistische „Volk s- Parole" schreibt: Zum erstenmal nach all den Abmachungen von Locarno und Paris wird die Revision der Verträge durch die Bezugnahme auf den Artikel 19 der Völkerbundssatzung in einem internationalen Vertrage erörtert. Wir wissen genau, daß der Vertrag die Ketten von Versailles noch nicht fühlbar lockert- Wir wissen, daß die Hegemonie Frankreichs nicht beseitigt wird. Wir hoffen aber, daß mit diesem Vertrage d i e Aera friedlicher Aufbauarbeit für das deutsche Volk gewährleistet wird, und daß bei seiner Auslegung durch die englische und die italienische Regierung die großen Fragen der europäischen Politik allmählich einer Lösung zugeführt werden können, deren Voraussetzung die völlige deutscheGleich- berechtigung und deren Auswirkung die Wiederherstellung der europäischen Politik sein muß.
Die „Kölnische Volkszeitung" (Zentr.) schreibt, wie so oft in der seit Versailles vergangenen Zeit stelle sich auch diesmal heraus, daß Frankreich nur schwer zu Konzessionen zu bewegen sei, die auf dem Gebiete der DertragS- änberungen liegen- Mit Zähigkeit poche es auf gewisse Bestimmungen gewisser Verträge und sorge durch diese S)artnädigfeit dafür, daß ein großzügiger Revisionsgedanke nicht in Fluß komme. — In dem Kommentar der „Kölnischen Zeitung" heißt es: Die Hauptsache ist und bleibt, daß trotz aller Anfeindungen durch die französischen Rechtsparteien, der Kleinen Entente und Polens die Grundlage für eine Zusammenarbeit der vier westlichen Großmächte geschaffen worden ist. Das ist für die Abwicklung der großen Fragen von größtem Wert.
schleiert. bei näherer Untersuchung aber ist die Gefahr des mengenmäßigen Riedergangs unverkennbar. Bei 5ortbefteoen des gegenwärtigen niederen Geburtenzuwachses wird die heutige Bevölkerungszahl von 64,1 Millionen im Reichsgebiet bis auf 68 Millionen gegen Mitte des Jahrhunderts ansteigen, um nach seinem Ende zu, also in zwei Generationen, bis auf 47 Millionen zurückzufallen.
Mit der zahlenmäßigen Abnahme der jüngeren und der Zunahme der älteren Jahrgänge erhöht sich fortlaufend das Durchschnittsalter der Bevölkerung. Beständig sinkt die Zahl der Menschen, die für sich und andere arbeiten müssen, während die Zahl der Rentenempfänger anfteigt. Diese Entwicklung hat s ü r d i e Träger der Sozialversicherung bedrohliche Folgen. So werden z. 2. im Jahre 1938 die Dermögensreserven der Invalidenversicherung verbraucht sein, und die Renten können nur noch aus den laufenden Einnahmen gedeckt werden. Für die Knappschafts- und Angestelltenversicherung gilt dasselbe, nur sind die Vermögensrücklagen hier noch erheblich großer. Durch die .Ueberalterung der Derforgungsberechtigten wird auch die Belastung der Krankenversicherung wesentlich steigen. Zur Aus rech ter Haltung des Bevölkerungsstandes ist eine durchschnittliche Kinderzahl von 3 und4jeEheer- forderlich. Daraus ergibt sich, daß den Gefahren der Ueberalterung, des Bevölkerungsrückganges nur durch den Wiederaufbau derZa» milie auf gesunden und geordneten wirtschaftlichen Grundlagen begegnet werden kann, und die Herbeiführung von Lebens-
Verhältnissen für das ganze Volk notwendig ist, die der Frau wieder gestatten, als Rormalfall die Aufgaben der Frau und Mutter zu erfüllen, die durch eine schwere Erwerbsarbeit meist vernichtet werden.-.
Der Wald ist nicht nur ein Objekt für Poeten und Maler, sondern zugleich eine wichtige volkswirtschaftliche Rohstoffquelle. Sie versiegt, wenn der Wald nicht pfleglich behandelt, oder wenn der Holzmarkt nicht genügend gegen die Einfuhr billigerer, häufig durch Raubbau gewonnener Holzer geschützt wird. Ist die Wirtschaft eines Landes nicht mehr oon dem Grundgesetz beherrscht, daß jeder Arbeiter seines Lohnes wert ist, so erkrankt auch der Wald und mit ihm leiden nicht etwa nur die privaten und öffentlichen Waldbesitzer, sondern auch viele Tausende oon Arbeitern in Den abgelegenen Waldgebieten, die nur durch die Waldarbeit ihr kärgliches Brot verdienen können. In belferen Zeiten, die wir mit Recht noch immer für die normalen halten, brachte der deutsche Wald eine dauernde Rente, die auf etwa 800 Millionen Mark jährlich geschätzt wurde. Sie floß keineswegs nur in die Taschen des großen Grundbesitzes und des Staates, der hierdurch einen nicht unerheblichen Teil feines Steuerbedarfs decken konnte, sondern sie verteilte sich auch auf Hunderttausende von Kleinbauern, denen sie ihre Existenz, namentlich in schiech- ten Ernteiahren erleichterte. Heute ist der gesamte deutsche Waldbesitz unrentabel geworden. Wer seine Wälder pflegen und schonen will, der muß große Zuschüße auswenden können. Wer aber gezwungen ist, ihn zu verkaufen, muß chn verschleudern. Für Neuaufforstungen und Kulturarbeiten fehll überall
das Geld, das früher die Waldwirtschaft selbst aufbrachte.
Wie kann man den kranken deutschen Wald w i e- der gesund macken? Deutschland bedarf einer Einfuhr von gewissen Oualitätshölzem aus dem Auslande, kann im übrigen jedoch fa st denge- samten Bedarf seiner Holz- und Papierindustrie selb st decken. Zollmaßnahmen zum Schutze der deutschen Holzwirtschaft sind aber bereits von den letzten Reichsregierungen ergriffen worden. Noch ist zwar die Zollmauer nicht lückenlos, aber es sind keineswegs die Zölle allein, die der deutschen Waldwirtschaft ihre Rentabilität zurückgeben können. Bisher haben Produktion und Konsum die Holzpreise ausschließlich nach ihren eigenen, einseitigen Wünschen und Bedürfnissen bestimmen wollen. Jetzt muß endlich ein mittlerer Preis gefunden werden, bei dem alle Teile ihr Auskommen finden. Der Konsum wird also nicht länger Holzpreise fordern dürfen, zu denen der deutsche Wald sein Hol; nicht zu liefern vermag. Und die deutsche Waldwirtschaft wird ihre Produktionskosten so weit senken müssen, daß die holzver- arbeitenden Industrien konkurrenzfähig bleiben.
Zu der notwendigen Senkung der waldwirtschaftlichen Selbstkosten kann der Staat sehr viel beitragen. Gegenwärtig überlastet er den leistungsfähigen Waldbesitz erst mit Steuern und Abgaben und muß ihm bann, wenn er wirtschaftlich zusammenbricht, die Steuern erlaßen und Mittel zu seiner Umschuldung zur Verfügung stellen. Das ist natürlich eine völlig verkehrte Finanzpolitik. Steuern kann nur ein rentabler Produktionszweig tragen, ein unrentabel gewordener wird sie früher ober später von sich abwälzen. Ganz ähnlich steht es mit


