Hixmnes Geheimnis
Vornan von Klothilde von Stegmann
LlrheberrechlSschuh: Fünf.Türme-Verlag Holle (Saale)
3. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Seeburg hatte sich bereits seinen Akten zugewandt. Lus Malesius aber die Tür hinter sich geschlossen hatte, schüttelte Seeburg mit dem Stopfe: Wie leichtsinnig oder wie reid) mußte dieser Mensch sein, der einem Windhund, wie Malesius, eine solche Summe zur Verfügung stellte. Er selbst würde in solchem Falle keinen Pfennig opfern.
Unwillig sah er nach der Uhr. Das hatte ihn nun glücklich wieder Zeit gekostet, die er jetzt nötiger denn je brauchte. Er wollte ja an demselben Tage noch seinen Umzug zu Frau von Merten bewerkstelligen-, ober biefe Schriftstücke hier mußten noch erledigt werden.
Poonne Dumont stand hinter der Gardine chres neuen Zimmers verborgen. Aufmerksam musterte sie die Straße, die auf ihr Haus zuführte. Ab und zu sah sie nach der kleinen Armbanduhr aus Platin, Die an ihrem schmalen Arme lag. In ihren hübschen dunklen Augen log unverkennbare Spannung.
Nun schien sie befriedigt. Ein Mann in der Uniform der Pakctfayrt kam langsam mit einem großen, schwarzen Schrankkoffer auf einem Dreirad über die Straße gefahren. Gemächlich suchend, musterte er die Hausnummern. Er schien kurzsichtig zu sein, denn er fuhr an dem Hause fast vorüber und hatte die Nummer erst erkannt, als ein Auto, gleichfalls mit Koffern beloben, aus der Seitenstraße heranrollte unb vor bem Hause hielt.
Poonne Dumont öffnete bas Fenster unb winkte aufgeregt zu bem Manne mit bem Dreirad. Der schien ihre Gesten nicht zu sehen. Langsam nahm er die Mütze ab und holte ein Papier aus ihr hervor, das er sorgfältig studierte. Dann hob er eben so langsam den Schrankkoffer von dem Dreirad auf seine Schultern. Inzwischen war auch der Chauffeur des Autos abgestiegen und mit dem ersten Koffer des Legationsrats von Seeburg auf die Haustür zugegangen, die ihm gleich von bem Portier geöffnet würbe.
„Schwer!" brummte der Chauffeur. „Fassen Sie doch mal mit an, Mensch!"
„Wir können ja mit bem Fahrstuhl 'rauf", meinte der Portier zu Frau von Merten. „3m ersten
Stock!" Er grüßte höflich, als Seeburg rasch nachkam.
Der Mann, ber von bem Dreirad abgestiegen war, stand mit bem Schrankkoffer vor bem Hahr- stuhl unb machte ein dummes Gesicht, als ber Fahrstuhl besetzt vor ihm hinaufgljtt. Dann nahm er ben Äoffer auf bie Schultern unb kletterte bie Treppe hinauf.
Bei Frau von Merten stand bie Korridortür offen. Der Chauffeur Seeburgs kam dem Paketfahrtmann schon entgegen, um einen zweiten Koffer Seeburgs unten heraufzuschaffen.
Der Paketfahrtbote trottete in den Korridor, unb als er bie Tür von Seeburgs Zimmer gleichfalls offen oorfand, stellte er kurzerhand auch seinen Koffer in diesem Zimmer ab.
Seeburg stand im Hinteren Teil des Korridors. Er hatte das Hereinbringen dieses Schrankkosfers in sein Zimmer nicht bemerkt. Nun verabschiedete er sich von Irene, die sich hatte überzeugen wollen, ob Seeburgs Zimmer in Ordnung wäre.
Im nächsten Augenblick hörte man lebhaftes Rufen aus bem Korribor:
„Mon bagage! Mon bagage!“
Es war Hoonne Dumonts Stimme.
Die alte Berta brummte mißvergnügt: „Deutsch reben kann sie nicht, aber beutsch schimpfen! Wen meint sie benn mit ber Bagage ?"
Wie ein Wirbelwinb flog Mabemoiselle Dumont durch ben Korribor, aufgeregt sprechenb. Sie guckte in öeeburgs Zimmer hinein, dessen Tür in Erwartung des weiteren Gepäcks noch immer offen stand Dann stürzte sie auf ben großen Äoffer zu, umarmte ihn wie einen roiebergefunbenen Ber- roanbten und begann schnell unb aufgeregt in französischer Sprache auf Seeburg einzureben, ber schnell hinzugekommen war. Belustigt sah er auf das aufgeregte zierliche Persönchen herab. Da er französisch ebenso gut sprach wie englisch unb deutsch — er war längere Zeit als Attache im Auslanb gewesen —, so war bie Berftänbigung leicht.
„Wenn das Ihr Kaffer ist, Mademoiselle, so werden wir ihn gleich in Ihr Zimmer hinüberschaffen lassen. Wie mag er nur hierher gekommen fein?"
«Man hat ben Koffer vom Adlon hierhergeschickt. Aber der Bote scheint bie Zimmer verwechselt zu haben, Herr..."
„Verzeihung, baß ich mich nicht vorgestellt habe: Seeburg!"
„Pvonne Dumont! Aber Sie sprechen französisch wie ein Franzose, mein Herr. Haben Sie in Paris gelebt?"
„3a, meine Gnädige, unb wenn mich nicht alles täuscht, habe ich Sie bort auch auf ber Bühne ober im Film gesehen?"
.Leicht möglich, mein Herr! 3ch bin auch hier
w 3um Filmen. Aber was ist Ihr Beruf? Zimmernachbarn müssen boch gute Kamerabschast miteinander hatten."
Seebutg bat Pvonne mit einer Handbewegung, Platz zu nehmen. Mit einem raschen Ruck schwang sich Pvonne auf ihr Äofferungetüm. Seeburg bekam Gelegenheit, ein Paar graziöse Beine zu de- wundern.
«Lllso bars ich mich nun offiziell vorstellen, meine Gnädigste? Legationsrat im Auswärtigen Amt, Freiherr Kurt Friedrich von Seeburg."
„Sehr angenehm, Monsieur le Baron, unb auf gute Nachbarschaft. Ich bin froh, einen Nachbar zu haben, ber meine Sprache wie ein Lanbsmann spricht. Passen Sie aus, Herr Baron, ich werbe Sie als Dolmetscher in Anspruch nehmen. Alle Leute sagen hier .Versteh nif4, wenn ich zu sprechen an- fange. Es ist nicht angenehm, in einem fremden Lande zu sein, und noch dazu in Berlin, wo man meine Landsleute nicht sehr liebt."
„Aber, Mademoiselle! Eine so reizende junge Dame ist dock) überall gern gesehen. — Entschuldigen Sie die Unordnung hier, aber ich bin ja eben erst eingezogen."
„Mit anderen Worten", sie lachte wie ein Kind, „ich störe Sie beim Auspacken. Aber Sie müssen meinen Besuch bald erwidern. Ich bin schon mehr in Ordnung. Werden Sie kommen?"
Seeburg zögerte einen Moment. Die Einladung machte ihn einen Augenblick stutzig: sie war für deutsche Begriffe etwas Ungewöhnliches. Aber dann schalt er sich selbst wegen feiner norddeutschen Steifheit und sagte doppelt lebhaft:
„Selbstverständlich! Sobald ick kann! Ich muß Sie doch davon überzeugen, daß wir hier in Deutschland eine schone Frau ebenso zu schätzen wissen, wie Ihre Landsleute."
„Oh, Herr Baron, das war beinahe pariserisch, dies Kompliment. Und ich für meine Person", sagte Poonne mit einem schelmischen Augenaufschlag ihrer großen schwanen Augen, „werde bemüht sein, bie guten Beziehungen zwischen Frankreich unb Deutsch- lanb wieder herzustellen."
Als Pvonne Dumont Seeburgs Zimmer verließ, begegnete sie ber allen Berta aus bem Korribor.
„Mit bem hat sie ja schnell angebändelt! Ob das jetzt immer so hin und her gehen wird?" brummte sie vor sich hin.
Seeburg schien das Zimmer noch lange nach Poon- nes Abschied durchtränkt von bem feinen Duft ihres Parfüms.
Dieser eigentümlich süß-leichte Dust paßte so gut zu dem gertenschlanken Figürchen, bem beweglichen Mienenspiel, ben großen schwarzen Augen unb bem tiefschwarzen Haar. Ein angenehmer Zufall, ber ihm bieses reizende Persönchen zur Nachbarin gegeben! Er riß sich aus seiner Träumerei.
Nun mußte man wirklich bas neue Heim wohnlich machen. Er klingelte bem Mädchen, bas ihm behiA lich sein sollte. Bald hatte er feine Sachen unter» gebracht: nur bat er noch um Hammer unb Näge^ weil er sein LieblingsdUd — es war eine Landschaft aus seiner mecklenburgischen Heimat — unterbringen wollte.
Berta suchte verzweifelt nach einem passenden Nagel. Schließlich rief sie Irene
Die kam in ihrem weißen Hauskittel. Welch ein Gegensatz zu Yvonne, mußte Seeburg plötzlich ben- ken. In diesem jungen, zarten Mädchengesicht war seit bem Zusammenbruch damals, als er sic gefunden. jebe Regung streng verschlossen. Ehe dieses Mädchen einem Manne zeigen wurde, daß sie ihn gern hatte, eher würde wohl die Well untergehen.
Irene sah Seeburgs nachdenklichen Blick. Sie wurde ein wenig rot.
..Ein schönes Dill)", sagte sie, ablenkend. „Aber was ist das für ein merkwürdiges Papier, mit dem bie Rückseite bes Bildes überklebt ist?" fragte sie, bas Bild noch einmal umbrebenb.
Seeburg lachte:
"3ch glaube, das war der größte Stolz des Glasers in Weimar, bei bem ich bas Bild einmal neu rahmen ließ Sein bestes japanisches Papier hätte er dazu gegeben!, versicherte ber brave Mann. Er war auf das Muster bes Papiers offenbar viel stolzer als auf ben schönen Namen, ben er mit seltenem Verständnis ausgesucht hatte. — So. jetzt hängt es. Besten Dank für Ihre Hilfe gnädiges Fräulein. Hoffentlich sehen wir uns recht bald wieder."
Irene erwiderte nichts, sie neigte nur den Kopf, wie in Verlegenheit, und ging schnell hinaus. Daß ihr der ziemlich lange Besuch Pvonnes im Zimmer Seeburgs unsympathisch gerochen und der Grund ihrer Verlegenheit war, ahnte Seeburg nicht.
Seeburg sah ihr mit einem Gemisch von Erstaunen unb Aerger nach. Irenes Wesen war von fast verletzender Ablehnung. Das hatte er nicht verdient. Hatte er doch, als er bei Mertens mietete, gegglaubt, daß er damit auch Irene eine Freude machen würde! Aber es schien beinahe, als wäre feine Anwesenheit als Mieter ihr peinlich.
Er hatte ja durchaus feir.en stürmischen Dantes* ausbruch erwartet, aber schließlich hatte er sich doch zu dieser Wohnung entschlossen, weil er der Familie seines gefallenen Freundes dabei hatte behilflich fein wollen. Unb an bem Abend, als er Irene weinend im Tiergarten traf, war er ihr boch ziemlich nahegekommen. Er hätte sich gern mehr um Irene gekümmert. Aber ba sie ihn so ganz als Fremden, so als ben „möblierten Herrn", wie ber scheußliche Berliner Ausbruck lautete, behandelte, wollte auch er bie Grenze nicht überschreiten, bie Irene so beut- lich gezogen hatte.
(Fortsetzung folgt.)
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