Ausgabe 
7.12.1933 Erstes Blatt
 
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Nr. 287 Erster Blatt

183. Jahrgang

Donnerstag, 7. Dezember 1933

GietzenerAnzeiger

General-Anzeiger für Oberheffen

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gtaniinnommein liess. Drntf VN» Derlag: vrShl'Ich« Uniü-rfiisir-vllch. an» Stetn»rn<ferei H. fange in Sietzen. Sdjriftieitnng und Seschäftrftelle: Schnlftratze 7.

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Dr. Friedr. Wilh. Lange. Verantwortlich für Politik Dr. Fr. Wilh. Gange; für Feuilleton Dr H.THyriot; für den übrigen Teil Ernst Dlumschein und für den An­zeigenteil i.D.TH.KümmeI sämtlich in Biegen.

Cri<h«tn> ttigltd), autzo Sonntag» und Feiertags Betlagen; Dte 3Iluftnert« (BteRener Familien blätter tzeimat im Bild Die Scholl» Monats-Sezvgsprets:

Mit 4 Beilagen RM 1.95 Ohne Illustriert« , 1.80 Iustellgebühi . , -25

Auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer (Bemalt zenrfprechanfchlüsfe unter Sammelnummer 2251. Anschrift für Drahtnach- eichten Anzeiger Gieße«.

Bereitet allen notleidenden Volksgenossen ein frohes Weihnachtsfest.

Das winierhilfswerk des deulfchen Volke» Hal sich die große Aufgabe gesetzt, am weihnachtsfesl Freude undZusriedenheilauch iuda» hau» de» arm st en Volksgenossen zu bringen. E» gelangen im Gaugebiel Hessen-Nassau außer weiteren Kartoffeln an kinderreiche Familien Kohlen. Wehl, Fett und Kleider an alle zur Ver­leitung. Der vorbildliche Opersinn der Bewohner un­teres (Baues ermöglicht uns diese Tal.

Um dem ersten weihnachtsfest im Dritten Reich aber den letzten Glan; zu geben, wende ich mich heule nochmals an euch alle, deutsche Volksgenossen! Ihr habt gegeben gebt noch mehr! Ihr habt geopfert opfert noch mehr! Die Rot ist Immer noch größer als eure Gaben.

3m Einverständnis mit unserem Gauleiter ruse ich euch zu:

3hr aus den Städten gebt weitere Kleider und Schuhe. Stellt Pfundpakele mit Lebensmitteln zusammen.

Ihr vom Lande folgt dem Aufrufe eure» Landesbauernführers, gebt von den hauvschlachtun- gen Speck und geräucherte Wurst.

Ihr Beide, aus Stadt und Land backt etwas mehr Weihnachtsgebäck und gebt es für eure Brüder und Schwestern.

Es muß eine Ehrenpflicht sein, diese Forderungen zu erfüllen, wer am weihnachtsfest so glücklich ist. und aus seinem Tische eine Gans oder einen beson- deren Braten Hal, vor dem steht die heilige Ver­pflichtung. eine besondere Gabe zu entrichten. Hessen-Nassau Hal stets seine Pflicht getan. Bekennt euch durch die Tal zur Volksgemeinschaft. wir find eine Not- und Brotgemeinschaft, wir sind ein Reich, ein Volk und eine Nation. Denkt an den Führer und folgt dem Ruf. 14 Jahre kannten wir nur haß, jetzt muß ein Band die Nation umschließen. An Weih­nachten darf es nur freudige Herzen und leuchtende Augen geben.

Darmstadt, den 5. Dezember 1933.

Gez. Haug, (Bauführer des Winterhilfswerks.

Ltm Irlands Freiheit.

Nur das ungeheure Geschehen der letzten zwanzig Jahre erklärt es, daß das Ausscheiden des irischenFreistaatesausdembritischen Reichsoerband die öffentliche Meinung weder Alt-Englands noch die der Dominions aufregt. Vor zwanzig Jahren hatte jeder Brite in der Loslösung Irlands einen glatten Hochverrat gesehen, der mit allen Mitteln hätte niedergekämpft werden müssen, selbst um den Preis der Vernichtung der Bevölke­rung auf der Grünen Insel. Es war so etwas wie ein Grundgesetz für die englische Machtstellung, daß Irland immer ein Teil des Reiches bleiben müsse. Nun hat sich ein Wechsel vollzogen, denn die öffent­liche Meinung in England sieht gelassen zu, welche Anstrengungen de Valera macht, um Irland aus dem Reichsverband zu lösen, wie die öffentliche Mei­nung auch gelassen zusieht, welche Gegensätze in Ir­land selbst noch ausgeglichen werden müssen, um nicht nur die Loslösung Irlands vom Reichsverband, sondern auch die Einheit der Grünen In­sel zu einer vollendeten Tatsache zu machen. Daß es schon seit Jahr und Tag so etwas wie einen Wirt­schaftskampf zwischen England und Irland gibt, daß die Engländer die irischen Agrarerzeugnisse nur noch ungern aufnehmen, daß umgekehrt die Irlän­der die englische Einfuhr drosseln, wo sie nur können auch das alles regt die öf­fentliche Meinung in England nicht mehr auf.

Sicher: Präsident be Valero hat in den zwölf Jahren, seit denen der Staatsoertrag zwischen Eng­land und Irland besteht, die irische Bevölkerung zum größten Tell für sich erobert. Wenn es heute ober morgen auf ber Grünen Insel zu einer Volks­abstimmung barüber käme, ob Jrlanb im britischen Reichsverband bleiben solle oder nicht, so ist sicher, bah bie Entscheibung im Sinne be Valeras aus­fallen wird. Sogar in Norbirland, also in Ulster, in einem Gebiet, tn bem be Valera sonst nicht ge­rade Eroberungen gemacht hat. Das Ulster-Problem, bas sich vor zwanzig Jahren noch so barstellte, als ob es zum Bürgerkrieg kommen sollte, ist burch bie Entwicklung ber Nach' iegszeit in einer Lösung be­griffen, bie auch vor oem Kriege nicht für möglich gehalten wurde. Vielleicht ist die öffentliche Meinung m England heute so gleichgültig, weil Irland wohl nie wieder in bie Lage kommen wirb, bem briti­schen Reich ben gleichen Dienst zu leisten, wie bas im großen Kriege geschehen ist. Wäre Jrlanb neu­tral gewesen ober hätte seine Bevölkerung bie Waffen gegen Englanb erhoben, fo hätte es keinen wirksamen Schutz für bie Küsten Englanbs gegeben. Trotz aller Rechte, bie Jrlanb burch ben Dominions- vertrag von 1921 zugestanben finb, hat Englanb doch nicht barauf verzichtet, bie beiben wich - tigsten Häfen ber Insel für bie englische Kriegsflotte in Anspruch zu nehmen. Da Jr- lanb keine Flotte besitzt, auch als freier und un­abhängiger Staat in absehbarer Zeit keine Flotte wird bauen können, so ist es, von dieser Seite her gesehen, für England nicht gefährlich. Wie sollte sich auch irgendeine feindliche Bewegung In Irland vorbereiten können, wenn britische Luftstreitkräfte

Oie deutsch-französische Aussprache.

Frankreichs Außenpolitik durch die innere Schwäche der Negierung Chautemps gelähmt.

...dan s, 6. Dez. (WTB.) Im Kammerausschuß für Auswärtige Angelegenheiten faßte zunächst der Abgeordnete F r i d o u r g die Stellungnahme des Ausschusses über das Saarproblem folgen­dermaßen zusammen: Keine direkten Verhandlungen mit Deutschland über die Saarfrage, Durchführung der Volksabstimmung im Jahre 1935 gemäß den Bestimmungen des Versailler Vertrages, Schutz der Saarländer gegen Gewalttätigkeiten seitens der na­tionalsozialistischen Partei, Sicherung der Freiheit und ber geheimen Stimmabgabe bei ber Volksab- ftimmung.

Der Abgeordnete Pbarnegaray von ber Gruppe Marin vertrat den Standpunkt, daß der Völker- b u n d nicht mehr dieselbe Autorität besitze wie frü­her, da Deutschland, die Vereinigten Staaten, Japan und Sowjetrußland in ihm nicht vertreten seien, und Italien nur noch aus Höflichkeit in ihm bleibe. Der Redner sprach sich für direkte Besprechun­gen mit Deutschland unter bestimmten Be­dingungen aus: Der französische Unterhändler müßte durch eine Regierung der nationalen Einigung unter ft ü tj t werden, bie bie not« wenbige Autorität besitze, und Vertreter aller Par­teien umfasse. Außerdem müßten bas Prestige unb bie Stärke bes französischen Heeres wieberhergestellt werben. Ferner seien bie Bande zwischen Frankreich, Polen und der Kleinen Entente enger zu knüpfen.

Der Ausschußoorsitzende h e r r i o t erklärte, bie Zeit werde eine Annäherung mit Deutschland er­leichtern, doch müßten die Anhänger direkter Bespre­chungen bedenken, daß solche Verhandlungen die Kleine Entente v e r st i m m e n könnten. Je­desmal, wenn die französische Regierung, so behaup. tete herriot, friedliche Versicherungen von der Reichs­regierung erhallen habe, seien Die gegebenen Zu­sagen durch bie Tatsachen wiberlegt worden. Wenn man in Frankreich eine Annäherung mit Deutsch­land wünsche, so dürfe man doch nicht ben Völ­kerbund aus bem Auge verlieren, der der Sache des Friedens schon viele Dienste geleistet habe und ber fortbestehen müsse, um fein Werk zu vollenden.

*

Die Sitzung des Auswärtigen Ausschusses gibt ein BildberSchwierigkeiten, unter denen die Außenpolitik Frankreichs infolge ber unsicheren parlamentarischen Verhältnisse leidet. Die gegen­wärtige französische Regierung ist vielleicht d i e s ch w ä ch st e von allen, die in ben letzten Mo­naten aufeinanber gefolgt finb. Ihre wesentliche Sorge ist bie heute vormittag in ber Kammer beginnenbe Aussprache über ben neuen Finanz- plan, ber noch in biefer Woche fo ober so erledigt werden soll. Bisher haben sich aber nur bie Rabi- talen für bie Regierung ausgesprochen. Das Schick­sal des Kabinetts liegt, wie bei all feinen Vorgän­gern, wiederum in ber Hand der Sozia- listen, vor allem ber Neusozialisten, mit benen Ehautemps gestern über bie kritischen Artikel bes neuen Finanzplanes verhandelt hat.

Es ist unter diesen Umständen kein Wunder, daß bie Regierung in ber auswärtigen Politik alles ver­meidet, was ihre Bemühungen um eine parlamen- tarische Mehrheit vernichten könnte. Sie hat nicht die Bewegungsfreiheit, um irgendwelche Initiativen zu ergreifen, selbst wenn sie im franzö­sischen Interesse lägen. Sie hat deshalb nichts gegen ben Beschluß des Kammerausschusses einzuwenden gewagt, daß in ber Saarfrage keine un­mittelbaren Derhanblungen mit Deutschland stattfinden unb bie Dinge trotz aller für das deutsch-französische Verhältnis uner­wünschten Rückwirkungen ihren im Versailler Ver­trag vorgesehenen Verlauf nehmen sollen.

Ebenso wie der Versailler Vertrag bedeutet der Völkerbund eine wesentliche Stütze ber gegen­wärtigen schwachen Regierung und der hinter ihr stehenden Linksparteien. Es ist bezeichnend, daß ber rechtsstehende Abgeordnete Pbarnegaray die Unmög­lichkeit hervorheben mußte, im Rahmen des Völker­bundes Verhandlungen mit Deustchland aufzuneh­men, während der Ausschußvorsitzende herriot auch bei dieser Gelegenheit seine Völkerbundsor­thodoxie betonte.

©er englische Botschafter beim Reichskanzler.

Deutschland wartet auf Antwort aus Paris

Berlin, 6. Dez. (WTB.) Gestern stattete ber englische Botschafter Sir Eric Phipps bem Reichskanzler Adolf Hitler einen Besuch ab.

Reuter meldet zu der einftünbigen Unterredung, die ber britische Botschafter gestern mit bem Reichs­kanzler über bie Abrüstungsfrage hatte, bie beutsche Regierung warte jetzt auf einen Schritt

ber neugebilbeten französischen R e« g t e r u n g in ber Frage ber Verhandlungen, da sie den Standpunkt vertrete, daß die kürzlichen Be­sprechungen zwischen dem deutschen Reichskanzler und bem französischen Botschafter in Berlin eine Antwort von feiten ber französischen Regierung erforberten.

Litwinow auf der Durchreise in Berlin eingetroffen.

Berlin, 7. Dez. (WTB. Funkspruch.) Der sow­jetrussische Volkskommissar bes Aeußeren, Litwi­now, traf heute morgen, aus Rom kommend, mit bem fahrplanmäßigen Münchener Zuge um 8 Uhr auf bem Anhalter Bahnhof in Berlin ein. Zu feiner Begrüßung hatten sich eingefunden ber russische Geschäftsträger in Berlin, Botschafter Bessonow, sowie ber größte Teil ber Beamten ber russischen Botschaft. Im Auftrage ber Reichs­regierung begrüßte fiegationsrat v o n Tippels- k i r ch , ber Referent für Rußlanb im Auswärtigen Amt, ben russischen Volkskommissar.

Italien gibt bem Völkerbund bie letzte Gance.

Grundsätzliche Umstellung oder Beseitigung.

R o m, 6. Dez. (TU.) Aus bestunterrichteter Quelle wirb uns versichert, daß zu ber vorn Großen Fa­schistischen Rat geforberten Reform bes Völkerbun- bes bie italienische Regierung keinerlei Vor- schlüge formuliert hat. Man will in Rom bie Wirkung bes Beschlusses des Großen Faschisten­rates auf bie maßgebenben auswärtigen Regierun­gen abwarten, unb ist bereit, über bie notmenbige Reform bes Dölkerbunbes ohne kleinliche Vorein­genommenheit sich zu unterhallen.

In privater Unterhaltung wirb uns erklärt, büß man auf zweierlei Wiberstanb gefaßt fein müsse: Der eine wirb von ben Mächten kommen, bie im heutigen Völkerbund allein ausschlaggebend sind: Frankreich unb England, der andere von jenen kleinen Staaten, denen jüngst eine ihrer Verantwortlichkeit durchaus nicht entsprechende Bedeutung verliehen hat: die Kleine Entente. Man hofft in Rom auf die Einsicht ber maßge­benden europäischen Faktoren und will, gestärkt durch die gesunde Ansicht großer Nationen wie Deutschland und Rußland, bem Völkerbunb ehrlich bie letzte Chance geben: Entweber ein be­scheidneres, aber brauchbareres Werkzeug ber Po­litik zu werben ober als Hemmnis jeher ehrlichen Friebenspolitik unterzugehen.

Der römische Sonberberichterstatter besTemps" schreibt: Man könne bie Zusammenkunft zwischen Mussolini unb Litwinow als eine Kundgebung ge­gen den Völkerbund bezeichnen. Das Zusammen­treffen ber Reise Litwinows mit der Sitzung bes Großen Faschistischen Rates fei dafür besonders be­zeichnend. Der Duce habe seine Handlungs­freiheit gegenüber London und Paris bewiesen unb einen Druck auf Genf ausüben wollen. Sein Ziel sei bie Neuorganisierung des Dölkerbunbes in ber Form, baß bie Groß­mächte unter f i ch beraten könnten. Er wünsche, baß biejenigen, bie bie größte Ver­antwortung trügen, auch Die meisten Rechte hätten, seine gegenwärtige Politik beweise, baß bies zwischen ben Großmächten möglich sei, selbst wenn sie nicht Mitglieb bes Dölkerbunbes seien.

pariser Sorgen.

Nach dem Völkerbund auch das Versailler Diktat.

Paris, 6. Dez. (WTB.) Die Pariser Ab- rüftungsbefpred)ungen henbersons mit Außenmini­ster Paul-Boncour werden von der Presse nach bem Beschluß des Großen Faschistischen Rates skep­tisch unb jum Teil sogar ironisch auf­genommen. Temps erinnert nachbrücklich an Paul- Boncours Feststellung, baß Frankreich an feiner Stellungnahme vom 14. Oktober weiterhin fest- halte. Besonderer Wert fei auf die Ausführungs­garantien zu legen, die das Abrüstungsabkommen enthalten müsse. Das Blatt erklärt sich Höch st besorgt wegen der Schwankungen der englischen Politik unb der Einstellung Italiens, das der Ab­rüstungskonferenz und dem Völkerbund das Ab­rüstungsproblem entziehen wolle. Das Eintreten Italiens für eine radikale Reform des Völker­bundes solle vielleicht Sowjetrußland die Möglichkeit geben, in den Völkerbund ein- ju treten. Dabei sei zu befürchten, daß die Re­vision des Dölkerbundpaktes unvermeidlich auch zur Revision der Friedensoerträge führe und daß bie Beseitigung bes Grundsatzes der Gleich­heit dem Völkerbund feine Daseinsberechtigung nehme, hiermit könnten sich die Mächte zweiter Ordnung unmöglich einverstanden erklären.In- tranfigeant" übt scharfe Kritik an der Starrköpfig­keit, mit der man in Frankreich immer noch an die Wirklichkeit eines Phantoms glauben wolle, obwohl Litwinow den Völkerbund als einen Kadaver bezeichnet habe. Frankreich unb auch Englanb würden aber sehr bald gezwun­gen werden, auf diese Komödie zu ver­zichten.Information" hält alle weiteren Ab­rüstungsoerhandlungen und Entwürfe für zweck­los, solange nicht die Atmosphäre zwischen Deutsch­land unb Frankreich bereinigt sei.

zu jeber Zeit in ber Lage finb, bie Grüne Insel buchstäblich zu überschatten?

Auch bas Osterbrama von 1916, ber Versuch bes Aufstanbes eines Teiles ber irischen Bevölkerung mitten im Kriege, wirb sich nicht wieberholen, benn Englanb würbe ein neutrales Jrlanb viel schärfer überwachen als ein Jrlanb, besten Bevölkerung, soweit sie waffenfähig ist, unter britischen Fahnen jtünbe. Es bebeutet also keine große Gefahr für Englanbs Sicherheit, wenn Irland aus dem Reichs­verband scheidet, wozu ihm das Dominionsstatut von 1932 eigentlich das Recht gibt. Niemand kann ermessen als bie irische Bevölkerung selbst, ob die Loslösung vom britischen Reichsverband für bie Grüne Insel mehr Vorteile als Nachteile mit sich bringt. Wenn in England die Loslösung mit Un­behagen aufgenommen wirb, so wirb babei im Unterbewußtsein bie Erwägung eine Rolle spielen, baß bas, was Jrlanb heute recht ist, allen a nb e r e n Dominions morgen billig sein muß. Unb ba steht mehr auf bem Spiele als nur der Verlust ber Grünen Insel, wobei ber Verlust noch nicht einmal unabänderliche Tatsache zu sein braucht, solange es be Valera nicht gelungen ist, sich mit Ulster zu stellen.

Jrlanbs Weg zur Freiheit ist ein ßeibensmeg gewesen, auf bem es zeitweilig so aussah, als ob bie gesamte irische Bevölkerung zu Grunbe gehen würbe. Englanbs koloniale Erfahrung hat es boch nicht oerftanben, gerabe bas irische Volk mit bem Leibensweg auszusöhnen, den dieses Volk gehen muhte, um Englands gefährdete Küste im Atlan­tischen Ozean zu sichern. De Dalera hat zweifellos mit großem Geschick die Stunde gut gewählt. Daß die englische Regierung die Grüne Insel hätte militärisch besetzen lassen, war nicht wahrscheinlich, also auch nicht, baß der Loslösung aus dem Reichs-

verbanb ein Krieg Englanbs gegen Jrlanb auf dem Fuße gefolgt wäre. England hat bisher darauf ge- pocht, daß Irland in wirtschaftlicher Hinsicht völlig vom Vereinigten Königreich abhängig sei, weil fia) andere Märkte für die irischen Agrarerzeugnisse doch nicht finden lassen würden. Tatsächlich ist bas geschehen, ganz abgesehen baoon, baß auch Eng­land bei dieser Umschaltung erhebliche Kosten hat zahlen müssen, denn es hat den größten Teil feiner Ausfuhr nach Irland mengen- und wertmäßig Der- loren.

Ob Irland frei unb unabhängig fein wirb ober nicht, es wirb boch immer im Schatten Eng­lanbs stehen. Jrlanb ist kein Großstaat, hat auch keine Aussicht, es zu werben, so daß sich daraus schon immer ber Zwang ergibt, irgendwo Anleh­nung zu suchen. Daß bie englische Regierung sich auch von ber Erwägung hat leiten lassen, baß es vielleicht gut sein könnte, Irland ben Weg frei zu geben, um, wenn der Versuch mißlingen würde, Irland wieder in ben Reichsverbanb zurück- kehren zu sehen, bas ist möglich, wenn es ruch von ber englischen Presse nicht einmal angebeutet wirb. Die englische Regierung weiß aber auch, baß bie Besessenheit be Valeras boch nicht zu bänbigen sein wirb, so daß, wenn Englanb auf Den Staats- vertrag von 1921 bestehen würbe, es erst recht keine Ruhe im Norben unb Süben Irlands geben würde. Diesen Gefahrenherd zu vermeiden, ist wohl zunächst die unmittelbare Aufgabe ber englischen Politik.

Enttäuschung in Dublin.

2 o n b o n, 6. Dez. (TU.) In Dubliner Regie­rungskreisen hat bie englische Antwortnote stark enttäuscht.Evening Standarb" will erfahren haben, daß de Valera möglicherweise demnächst nach London reifen werde, um sich mit englischen Kabinettsministern zu besprechen. In bem amtlichen

irischen RegierungsorganIrish Preß" wird er­klärt, daß baldige Ausschreibungen von Neu­wahlen zum irischen Landtag unwahrschein- l i ch seien.

Scharfe Töne im britischen Oberhaus.

London, 6. Dez. (TU.) Die irischen Unab­hängigkeitsbestrebungen wurden am Mittwoch im englischen Oberhaus zur Sprache gebracht. Lord D a n e s f o r t erklärte, bie von be Valera verfügte Abschaffung bes Berufsrechtes irischer Staatsange­höriger an ben englischen Kronrat sei eine schwere Verletzung bes englisch-irischen Vertrages. Er be­antrage baher, daß England entweder bie biplo- matischen Beziehungen zu Irland a b b r e ch e ober neue KampfzötIe auf irische Waren erhebe. Der Norbire Lorb Carson behauptete, in Jr­lanb herrsche große Unordnung. Nicht einmal ber Schatten bes englischen Königs bürfe gegenwärtig im irischen Freistaat erscheinen.

Im Namen ber Regierung erklärte Kriegsmini» ster Lorb H a i l s h a m , bie Abschaffung bes Be- rufungsrechts an ben englischen Kronrat stelle einen Vertragsbruch Irlands bar, ber von ber eng­lischen Regierung nicht anerkannt werbe. Der Vor­schlag Danessorts, bie biplomatischen Beziehungen zu Jrlanb abzubrechen, fei aber unzweckmäßig. Es fei leicht, bie biplomatischen Beziehungen ab- zubrechen, aber nicht fo leicht, fie wieber anzuknüpfen. Der Vorschlag, neue Kampfzölle auf irische Waren zu erheben, würbe kaum zu einer Erhöhung ber Zolleinnahmen führen. Nach biefer Erklärung zog Lorb Danesfort seinen An­trag zurück.