Nr. 28? Drittes Blati
©leßener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhessen-
Donnerstag, 1. Dezember (953
MW'm empfing die Sieger der „Getreideschlachl".
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Links: der Duce; in der Mitte: der Landwirtschaftsminister 21 c e r b o, der die Ergebnisse der diesjährigen Getreideernte verlas.
Lin neuer Weg der Krebsbekämpfung.
profeffor Zicheras Heilersolge.-ZG.-Farben stellen das neue Krebsheilmittel her.
Bon Dr. H
In einer Presfekorferenz, die das Reichsministerium für Propaganda und Volksaufklärung unter der Leitung von Dr. T h o m a l l a für die ärztlichen Mitarbeiter der Tageszeitungen veranstaltete, wurden ungewöhnlich wichtige und aufschlußreiche Mitteilungen über eine aussichtsreiche neue Methode der Krebsheilung gemacht (von der schon kurz berichtet wurde). Es ist außerordentlich dankenswert, daß das Ministerium in einer so wichtigen 2lngelegenheit für eine absolut sachkundige und sachliche Berichterstattung Vorsorge getragen Hot. Man kann nur wünschen, daß diese Methode die Oeffentlichkeit in wichtige Fortschritte der Medizin einzuweihen, Schule machen wird, damit die bedauernswerten Kranken vor übertriebenen Hoffnungen und gefährlichen Enttäuschungen bewahrt bleiben, wie sie leider allzu häufig erweckt worden sind. Das große Gebiet der Krebsentstehung und Krebsheilung ist bisher geradezu der Tummelplatz des Kurpfuschertums und der Sensationsberichterstattung gewesen. Unzählige Male ist der nach der heutigen wissenschaftlichen Anschauung gar nicht existierende Krebserreger gefunden worden. Heilkundige Schäfer, Dorfschullehrer, Ingenieure und sogar auch Aerzte haben angebliche Allheilmittel gegen die furchtbare Krankheit entdeckt und für ihre wertlosen Mittel mehr oder weniger geschickt die Reklametrommel gerührt. Immer wieder blieben doch nur zwei wirklich Erfolg versprechende Heilmethoden übrig, das Messer des Chirurgen und die Bestrahlung.
Bedauerswert die Vielen, denen weder das eine noch das andere mehr half, weil die Krankheit zu spät erkannt worden war. Oder weil sie an einer Stelle saß, wohin weder die Strahlen des Radiums
. JRebmann.
noch das Operationsmesser gelangen konnten. Sie waren bisher rettungslos verloren. Solchen Hoffnungslosen zu helfen, ist das Bestreben mehrerer Forscher gewesen, unter denen an erster Stelle der italienische Krebsforscher Professor F i ch e r a steht. Seit 25 Jahren arbeitet dieser hervorragende Arzt an der Auffindung eines Mittels, das die Krebskrankheit noch wirksamer bekämpft als Operation und Radiumstrahlen. Jetzt endlich kann er über den entscheidenden Schritt berichten, der eineg ganz neuen Weg der Krebsbekämpfung eröffnet. Prof. Fichcra geht von jenen merkwürdigen Erfahrungen aus, die durch einen Zufall vor mehr als 50 Jahren in der Bonner Klinik des Professors Wilhelm Busch gemacht wurden.
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Dort gab es ein Bett, das nur noch Erysipelbett hieß, weil jeder Kranke, der hineingelegt wurde, Erysipel (Rose) bekam — daß Rose eine Infektionskrankheit ist, wußte man damals noch nicht — in dieses Bett geriet nun zufällig ein Kranker, der an Gesichtskrebs litt. 2luch dieser Patient bekam Rose, aber unerklärlicherweise wurde von diesem Zeitpunkt an die Krebsgeschwulst immer kleiner und kleiner, bis sie schließlich ganz verschwand. Prof. Busch legte nun absichtlich unheilbare Krebskranke in dieses Bett, und siehe da, in mehreren Fällen trat nach der Erkrankung an Rose eine Besserung, ja ein Verschwinden der Krebserscheinungen ein. Aehnliche merkwürdige Zusammenhänge zwischen gewissen In- sektionskrankheiten und Krebs fanden noch andere Forscher, so z. B. der Heidelberger Professor Dr. Otto T e u t s ch l ä n d e r, der über krebskranke Hühner und Mäuse berichtete, bei denen nach einer Erkrankung an Tuberkulose Krebsgeschwülste zurück- gingen, ja er konnte nach weisen, daß bei manchen
Tieren, die eine Tuberkulose überstanden hatten, überhaupt eine Jmunität gegen Krebs vorhanden war.
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Diese aufsehenerregenden Tatsachen, auf denen teilweise auch Prof. F i ch e r a seine Forschungsarbeit aufbaute, hängen damit zusammen, daß der Krebs eine Allgemeinerkrankung des Körpers ist und nicht etwa eine lokale, wie man lange angenommen hatte. Das Rätsel der Krebskrankheit liegt in der Krebszelle. Man weiß heute, daß die Krebszelle einen anderen Stoffwechsel hat als die gesunde. Sie ist viel anspruchsloser als die normale und kann ihren Zellkörper aus Substanzen aufbauen, die für die gesunden Zellen nicht aus- reichen. Krebs ist also eine Zellkrankheit. Er bedeutet nichts anderes, als daß irgendwo im Körper Zellen ihre normale Lebensbahn verlassen haben. Wie geschieht das und weshalb? Kann Krebs durch die verschiedenartigsten Reize chemischer oder physikalischer Art erzeugt werden? Z. B. bekommen Brikettarbeiter, die fast ständig im Kohlenstaub arbeiten, häufig Lungenkrebs, ebenso kriegen Pfeifenraucher von dem beizenden Nikotinsaft gelegentlich Lippenkrebs: aber immer nur einzelne, warum nicht alle? — Zweifellos gibt es im Organismus gewisse Abwehrstoffe, die die Krebsbildung verhindern oder erschweren.
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Hierher gehört auch die Tatsache, daß Menschen, die gewisse Infektionskrankheiten, z. B. Furunkulose, gehabt haben, selten an Krebs erkranken. Ja Prof. F i ch e r a stellte in vielen Fällen fest, daß es gerade die sogenannten „kerngesunden" Menschen sind, die im vorgeschrittenen Alter plötzlich Krebs bekommen. Andererseits zeigen sich an krebskranken Mäusen und anderen Tieren kurz vor Beginn der eigentlichen Geschwulstbildung Veränderungen an der Milz, Leberschrumpfung usw. Daraus schloß Prof. Fichera, daß es die Produkte gewisser Organe sind, die die Krebsbildung verhindern, also das 'Zellwachstum im Zaume halten, und daß bei Krebskranken diese Abwehrstoffe fehlen.
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In jahrelanger, mühsamer Arbeit gelang es Prof. Fichera endlich, Organextrakte herzustellen, die tatsächlich die Krebsgeschwülste beeinflussen und zur Heilung bringen können. Eine große Schwierigkeit bestand allerdings zunächst darin, ein solches Präparat steril und haltbar herzustellen. Die endgültige Lösung dieses Problems aelanq erst in Zusammenarbeit mit der I. G. Farbenindustrie, in deren Laboratorien das Ficherasche Präparat verbessert wurde. Es ist heute als trockenes, leicht lösliches Pulver in Ampullen zu haben und wird an alle Aerzte, die sich dafür interessieren, gegen Erstattung der Selbstkosten abgegeben.
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Was die praktischen Heilresultate angeht, so kann natürlich noch keine Rede davon fein, daß jetzt ein unbedingt sicheres Allheilmittel gegen den Krebs gefunden fei. Immerhin sind die Erfolge Prof. Ficheras außerordentlich vielversprechend. Er hat bisher 300 Kranke behandelt, davon über 100 hoffnungslose Fälle, bet denen weder Operation, noch Bestrahlung mehr helfen konnte. 9 bis 10 v. H. von diesen hat er geheilt und bei weiteren 9 n. H. war weniastens ein Stillstand der Geschwulstbildung festzustellen. Das Fiche- rasche Präparat wird in einer drei- bis fünfmonatlichen Behandlung zweimal wöchentlich eingesprißt, und diese Behandlung muß nach Bedarf wiederholt werden Die außerordentlich sorgfältige Nachkontrolle. die Prof. Fichera in jedem einzelnen Falle durchlührte, zeigt, daß das Ficherasche Präparat die Krebszellen entweder zur allmählichen Auflösung bringt, oder aber wenigstens das bösartige G"schwulst in ein gutartiges verwandelt. Gleichzeitig zeigt auch das Blutbild des Patienten entsprechende Veränderungen.
Es darf wohl keinem Zweifel unterliegen, daß mit diesem neuen Angriff auf die Krebskrankheit ein ganz gewaltiger Schnitt nach vorwärts getan ift, und daß nun endlich Aussichten bestehen, dieser Geißel der M"nschheit mit wirklich ausreichenden Waffen zu Leibe zu gehen.
Prof. Jakob Bleyer, der Führer des ungarischen Deutschtums, der wegen seines mannhaften Eintretens für seine Volksgenossen schwere Anfeindungen zu überwinden hatte, ist in Budapest im Alter voll
59 Jahren gestorben. *
Das Ableben Dr. Bleyers hat auch in Berlin tiefstes Bedauern ausgelöst. Bleyer war ein guter ungarländischer Patriot, der an berIrene zu feinem Vaterlande niemals einen Zweifel hat aufkommen lassen. Sein Herz war erfüllt von einem Gefühl stärkster Verbundenheit mit seinem deutschen Volk, für das er sich bis zu seinem letzten Atemzuge ein- setzte. Die ungarländischen Deutschen verlieren in Professor Bleyer einen vorbildlichen und unersetzlichen Führer. So ist nur verständlich, daß die Trauer um den Dahingeschiedenen bei den in Ungarn lebenden Deutschen aufrichtig und allgemein ist. Diese Trauer ist aber auch eine Trauer des gesamten deutschen Vol« kes, den Jakob Bleyer war immer ein aufrechter tapferer deutscher Kämpfer, der sich um die Erhaltung des Deutschtums in Ungarn in hervorragender Weise verdient gemacht hat. Anläßich des Ablebens von Dr. Bleyer sind am VDA. - Hause Trauerfahnen gesetzt. Der Reichsführer Dr. Steinacher hat an die Angehörigen und den ungarländischen deutschen Volksbildungsverein Beileidstelegramme gerichtet. Er wird persönlich an der Beerdigung Dr. Bleyers in Budapest teilnehmen.
Der Zoll des Marburger Professors Manigk.
WSN. Marburg, 5. Dez. Gelegentlich eines von Studenten und Ortseinwohnern stark besuchten Zellenabends der NSDAP, nahm der Propagandaleiter des Gaues Kurhessen, G e r l a n d, auch Stellung zu dem Fall Manigk. der bekanntlich die Marburger Studentenschaft zu schar- fen Abwehrmaßnahmen veranlaßte. Der Professor für römisches und deutsches bürgerliches Recht, M a- n i g k, glaubte in einer Vorlesung mit intellektuali- stischer Dialektik beweisen zu können, daß „die Idee des Nationalsozialismus nicht deutsch, sondern Importware" sei. Der Gaupropagandaleiter führte dazu aus, daß man über solche Aeußerungen des Professors, der als Einzelner sich aus seinen Volksgenossen heraushebe, hinweggehen könne, wenn er nicht an verantwortlicher Stelle stände und nicht durch den Staat selbst als Erzieher der deutschen Jugend bestimmt wäre. Das deutsche Volk sei nicht gewillt, die Ideen der deutschen Jugend durch demokratische Dialetik vergiften zu lasien. Wenn der Professor es immer noch nicht verstanden habe, daß die Ideen des Nationalsozialismus nicht auf einem vollen Geldbeutel basierten, und wenn er lo- gar glaube, sich diesen Idealen in zynischer Weise widersetzen zu können, so sollte er auch den Mut haben, diesen Idealen und diesem Staat endgültig den Rücken zu kehren. Kultusminister R u st werde in Kürze die Angelegenheit, die nicht nur etwa die Studenten, sondern das ganze Volk angehe, regeln.
Deutscher Feierabend.
Don Werner Lenz.
Der Führer der Deutschen Arbeitsfront, Staatsrat Dr. Ley, sprach kürzlich über die Organisation des Feierabends, die dem deutschen.Volke wieder die Freude am Leben schenken soll. Im nachstehenden Aufsatz wird ergänzend gezeigt, daß auch im deutschen Volke selbst eine unerschöpfliche Quelle der Lebensfreude ist: die deutsche Familie.
Das Volk soll zum Volke gehen! Wie es in ye- meinsamer Arbeit sich findet, so sott es auch im Sonnenlichte der Oeffentlichkeit zu frohem Feste und zu erfrischender Wanderung einander die Hand reichen. Es sollen sich alle Volksgefährten in Werktagsernst und Feierstundenfreude recht nahe kennen lernen, damit sie dann auch bereit sind, in der Stunde völkischer Not und national-patriotischen Daseinskampfes miteinander zu gehen und beieinander zu stehen. Jeder einzelne Deutsche bedeutet eine Note in der großen Symphonie „Vaterland", und aus dem Zusammenklingen aller pochenden deut- chenHerzen,ausdenAkkordenderdeutschenSeele baut ich das einheittiche-harmomsche Meisterwerk auf, las himmelanbrausend deutsches Nationalbewußt- ein und deutschen Lebenswillen verkündet. Die Volkheit verlangt nicht nur Einfügung des einzelnen V o l k s g e f ä h r t e n , sondern sie verlangt von ihm auch die Hingabe seines ganzen Selbstwertes an das gemeinsame Leben im Saate. Selbstwert aber wird vorbereitet im Schoß der deutsche Familie! Turnvater Jahn dem wir das Wort „Volkstum" verdanken, sagt: ,-3m Familienglück lebt die Vaterlandsliebe, und der Hochaltar unseres Volkstums steht im Tempel der Häuslichkeit!" Ein deutsches Wort, ein wahres Wort' Die deutsche Mutter, der deutsche Vater sind die ersten und berufensten Erzieher des deut- chen Kindes zu einem Charakter, zu perfon- icher Ganzheit! Die erste Arbeit lernt das Kind daheim, und die Tore der Geselligkeit offnen sich ihm zuerst im Elternhause So wird der Erwachsene denn auch immer wieder nach seinen Wegen ins weitere Leben, nach semer Teilnahme an volklicher Arbeit und an völkischen Festen den Weg in die Familie suchen und finden und den Semen im guten, deutsche^ Sinne — also ohne zimperliches Spießertum - das Familienleben sichern und den deutschen Feierabend viele Male im Jahre bescheren. Gerade für die Heranwachsenden Klnder ist die Verinnerlichung des Familienlebens unbedingt »nimonhia: {Alibi ii» hL»L> hnA nur mnnthoXD Un
heilvollen Einfluß. Und, was das Beste ist, ist die Tatsache, daß das Familienleben nicht das Vorrecht einiger Klassen ist, daß es nicht erkauft werden kanm sondern erlebt werden muß und von allen Schichten des Volkes in gleicher Stärke erlebt werden kann!
Altes deutsches Volkstum steckt in jeder Stunde des deutschen Feierabends! Ist es doch nicht nur die in sich abgeschlossene Familie, die ihn begeht! Sommerabende verlegen den deutschen Feierabend ins Freie, in die nachbarliche Gemeinsamkeit. Die jungen Leute, Mädchen und Knaben, sitzen heute noch um die Dorflinde oder umkreisen Arm in Arm, luftige und ernste Volksweisen singend, den Marktbrunnen, indes die Alten ihnen von den Bänken am Hause oder vorn Gemeinschastsplatze im Grünen zuschauen. Und heute noch — wenn auch in veränderter Gestalt — besteht b i e winterliche Spinn st ube vielerorts, mag auch die Spindel anderer Handarbeit gewichen sein! Im Bauernhause sitzen an den langen Abenden des Spätjahres Eigentümer und Gesinde mit der Familie bei der gemeinsamen Lampe, erledigen die nie fehlende Kleinarbeit des Haushaltes oder Eigenbedarfs, und einer erzählt aus dem deutschen Volksmärchenschatze oder von Krieg und Frieden. Auch lieft der Hausherr wohl aus der Zeitung vor und aus dem Jahreskalender, dem „Hinkenden Boten" z B. in Süddeutschland, oder man singt ein Lied, man hört ein Stücklein, das der junge Bauernsohn auf der Ziehharmonika spielt. Ja — ob es im städtischen Hause ist oder im bäuerlichen Heim — auch der Rundfunk hat feinen wesentlichen Anteil am Zauber der Feierabendruhe: denn mit ihm schaut hin und wieder ein Stück der Außenwelt in die trauliche Stube.
Den deutschen Feierabend haben unsere besten Dichter besungen, so Goethe in dem hohen Lied des Familienlebens „Hermann und Dorothea", Schiller in der „Glocke" und Johann Heinrich 93 o 6 in feinem „Siebzigsten Geburtstag". Deutsche Maler — Defregger, Thoma, Knaus, Richter, Kaulbach — haben ihn uns bildlich festgehalten, wie ja auch schon der reiche Kaufmann, der sich früher, als es noch keine Lichtbildkunst gab, im Kreise der feierabendlich versammelten Familie mit Stolz und Kulturbewußtsein porträtieren liefe. Einen deutschen Feierabend beim alten Kaiser Wilhelm schildert einmal Bismarck, der auch seinerseits am seltenen Feierabend sich die treue Gang- pfeife ansteckte und dem Klavierspiel der Seinen 3ubötfte. Am Hofe. des alten Kaisers saß man nach schlichter deutscher Art zusammen: die Kaiserin flöhte an einer Tapisserie, der König besah Bilder
— Kupferstiche und Holzschnitte —", „die jungen Leute unterhielten sich" ooer „Alexander von Humboldt — ein häufiger Gast im engsten Hofkreise — las etwas vor": er oder ein anderer hielt einen wissenschaftlichen Vortrag, „bis es kalte Küche und roeifeen Wein" gab. Und Friedrichs des Großen durchgeistigter deutscher Feierabend ist in Adolph von Menzels Meisterwerk „Flötenkonzert in Sanssouci" mit allen seinen feinen Reizen bargeftellt. Richard Wagners Feierstunde und Entspannung nach schwerer Arbeit war in heiteren Gesprächen mit den Seinen und mit lieben Freunden nach deutscher Art wohl bereitet! Und wer vergäße Den Zauber des rheinischen Feierabends, der dort einmal in fröhlichem Familienkreise auf der mit Windlichtern erleuchteten Veranda „e Böwlche" getrunken hat.
Sitzt der Vater mit den Kindern am Tisch und „bastelt", während Mutter die — ach, nie versiegenden — Nöte der Flickarbeit und Strumpsstopserei bekämpft, oder denken wir an die „ästhetischen Tee- Abende" der Biedermeierzeit ober versetzen wir uns in ben Feierabenb, ber bem Knaben Theoder Kör- n e r so oft beschert war, wenn um bie Tischlampe herum neben Eltern unb Geschwistern Schiller, Fichte ober auch Goethe als Gäste unb Freunde saßen — immer ist es beutfdjer Geist, ber nach getaner Arbeit Erholung, zugleich aber auch schon roieber neue Anregung sucht und bietet. Denn bas Geschenk bes Feierabenbglückes ist ein gegenseitiges, unb ber jüngste Knabe, bas schüchternste Mäbchen tragen ebenso unverzichtbar bazu bei wie bas Gespräch erfahrener Männer — unb fei es auch nur burch bas Leuchten ihrer kinblich-aufmerk- famen Augen In ber Stille bes deutschen Feierabends erwächst unb erstarkt die deutsche Sitte, blüht deutsche Freude am Guten, Wahren, Schönen und zugleich bas Bewußtsein ber Verwurzelung im beutschen Volksleben.
„Schwarzwaldmädel^ als Ulm.
Die Verfilmung der bekannten Operette „Schwarz- walbmädel" von N e i d h a r d t und I e s s e l ist ein großer Erfolg geworden. Im Ensemble der Hauptdarsteller wirkte auch Fräulein Liesel Geling mit, die im Film, wie zuvor in Gießen auf der Bühne, die Rolle bes Bärbele spielte, lieber ihre Leistung lesen wir in einem Berliner Blatt folgenbe kritische Aeußerung: „Eine Neuentbeckung bes Tonfilms, Liefet Geling, blonb, naiv, bilbschön, stellt glaubhaft unb mit bezwingendem Charme das Glück und Unglück des Schwarzwaldmädels Bärbele bar. Wenn an dec Stimme noch ordentlich gearbeitet
wird, und wenn es gelingt, bie Natürlichkeit der jungen Schauspielerin zu erhalten, dann hat ber Tonfilm eine neue Zugkraft." Das Gießener Publikum darf die beliebte Darstellerin zu diesem hübschen Erfolg besonders herzlich beglückwünschen.
Zollschranken vor hundert Jahren.
„Man zahlt unaufhörlich Chausieegeld" klagte der Reisende in Deutschland vor hundert Jahren. Eine chaotische Verkehrserschwerung hatte zur Folge, daß Deutschland von 38 Zoll- und Mautlinien durch- zogen wurde, daß in Den altpreußischen Provinzen 67 verschiedene Zolltarife bestanden, in den neuen Provinzen die kursächsische Asziie oder gar noch schwedische Zölle galten, ganz zu schweigen von dem selbst innerhalb der einzelnen Länder und Länder- chen herrschenden Münzwirrwar. Allein auf der Strecke von Dresden bis Magdeburg waren 16 Zollstätten zu durchlaufen. Dieser selbstmörderische Zustand hatte für das Staatsgebiet Preußens erst durch das Gesetz vom 26. Mai 1818 sein Ende gefunden, so daß ein Historiker dieser Zeit schrieb: „Bis dahin bildeten die verschiedenartigen Lanbes- teile im Westen unb Osten, bie altererbten, bie roiebergeroonnenen, die neuerworbenen, eine Herrschaft: sie wurden durch das Gesetz von 1818 eine Lebensgemeinschaft: ber Name „Preußen" bebrütete fortan ein großes Wirtschaftsgebiet — unb Millionen Deutsche, befreit von all ben verwickelten Zoll-, Durchgangs- unb Hanbelsabgaben, welche sie bisher ooneinanber getrennt, besiegelten ihre ibeale Zusammengehörigkeit in ungehindertem Verkehr burch die Gemeinsamkeit aller Lebensinteressen." Diesem unverkennbaren Segen für 10 Millionen Deutsche, bie preußische Staatsbürger waren, folgte indessen ber Fluch für das übrige Deutschland, handelspolitisches Ausland zu fein. Dr. Alfred Weife, der Leiter der Kulturabteilung des Stahlhelm-Bundesamtes, erinnert im Dezemberheft von Velhagen 8- Klassings Monatsheften daran, daß am 1. Januar 1834 der Deutsche Zollverein in Kraft trat, ber, leider mit Ausschluß Oesterreichs, 10 Staaten mit 23 Millionen Einwohnern umschloß. Es läßt sich heute kaum mehr nachfühlen, „wie freudig die erste Stunde des Jahres 1834 von der Verkehrswelt begrüßt wurde. Lange Wagenzüge standen auf ben Hauptstraßen, die bisher durch'Zollinien zerschnitten waren. Sowie die Mitternachtsstunde schlug, öffneten sich allo Schlagbäume, unb unter lautem Jubel eilten bte Wagenzüge über bie Grenze, die sie fortan in voller Freiheit sollten überschreiten können. Alle waren von dem Gefühl durchdrungen, das Großes erreicht feL*


