Ausgabe 
7.10.1933 Drittes Blatt
 
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5amrtag, 7. Oktober M3

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhesien)

Nr. 235 Drittes Blatt

Aus der Provinzialhauptstadt

Ausruf an sämtliche Beamte und Angestellte

Kein Beamter darf sich der persönlichen Stellung-

Lagerraum eine größere Menge Spielwaren, die zum größten Teil wieder herbeigeschafft werden konnten, durch Schulkinder gestohlen.

Festgenommen wurde ein Durchreisender auf Grund eines Funkspruches wegen Verdachts de» Einbruchsdiebstahls.

25000 Kilometer durch Sibirien.

Erster Vortragsabend der Gesellschaft für Erd. und Völkerkunde.

Der erste Vortragsabend des Winterhalbjahres der Gesellschaft für Erd- und Völkerkunde fand am Donnerstag in der Neuen Aula der Universität statt und vereinigte viele Zuhörer. Prof. Dr. K l u t e begrüßte die Mitglieder und Gäste und entwickelte in kurzen Zügen das Programm für das Winter- Halbjahr 1933/34, indem er auf die einzelnen Vor­trüge und die Persönlichkeiten der Vortragenden hinwies.

Sodann sprach Hauptmann a. D. Bruns (Neu­babelsberg). Der Redner beschäftigte sich in seinem Vortrag:25 000 Kilometer durch Sibirien" mit den Verhältnissen in Rußland, insbesondere in Si­birien, das er unter besonders günstigen Umständen habe kennenlernen können. Sibirien sei für die russische Wirtschaft von höchster Bedeutung. Das habe man auch in Moskau erkannt, und man sei bemüht, es zu erschließen. Rußlands Wirtschaft sei durch die Zerstörung der Landwirtschaft in völligem Niederbruch begriffen. Es sei typisch, wenn der ukrai­nische Bauer nach Moskau komm« und dort Brot

Amtsleiter des Versorgungsamts-, gez. I. V.: Wecke r.

Provinzialdirektion: gez. G r a e f. Kreisdirektor: gez. I. D.: G r ü n. Hessisches Polizeiamt: gez. I o st. Industrie- und Handleskammer: gez. Dr. Pauly. Hessisches Landgericht: gez. Maurer, Landgerichtspräsident. Staatsanwaltschaft: gez. I. V.: Schneider. Amtsgericht Gießen: gez. I.D.: Raab.

Hessische Landesuniversität: gez. Professor D. Bornkamm.

Wir richten daher an alle Beamten und A n g e st e l l t e ^d esStaates, desLandes, der Provinz, des Kreises, der Stadt, des Handels und der Industrie den Auf­ruf und die Forderung,

das Theater durch Erwerb eines Abon-

n e m e n t s und durch Werbung von Be­such e r n zu fördern und mitzuhelfen, dem

Theater seine Sendung zu ermöglichen.

Jeder Stammplatz ist ein Bau st ein am geistigen Neubau unseres gelieb­ten Vatexlandes.

Der Oberbürgermeister:

gez. Heinrich Bartholomäus.

Der Vorsteher des Finanzamtes: gez. Krug. Der Amtsvorsteher des Hauptzollamtes: gez. Horn.

Der Vorstand der Reichsbank: gez. K l i p st e i n.

Der Amtsvorsteher der Postämter I und II: gez. I. V-: Wei ß.

Der Vorstand des Reichsbahn-Betriebsamts I: gez. I.V.: Wittlich.

Der Vorstand des Reichsbahn-Betriebsamts II: gez. I. V.: Ratz.

Der Vorstand des Reichsbahn-Maschinenamts: gez. Zwilling.

Standortkommando: gez. von Wachter.

nähme zu unserer deutschen Kultur, die insbesondere j im Theater ihren sinnfälligsten Ausdruck findet, | und zu ihren neuen großen Zielen entziehen.______

Längst ist Jürgen fort aus dem Pfarrgarten. Die Goethebände seines Jäters stehen m einer Stadtwohnung in seinem Bücherschrank. Langst hat der Tod sie dem Pfarrer aus der Hand genommen. Längst ... längst ... längst...

Als während der letzten Krankheit des Pfarrers zitternde Hände die schwerenGvethebande nicht mehr halten konnten, mußte Jürgen sich an s Bett setzen und ihm daraus vorlesen. Wieder, im mer wieder. Kein Lied so oft wie das des Lynkeus. Das ist sein liebstes gewesen. Es sollte auch fein letztes werden Eines Abends -.alle waren nach bangen Tagen zum erstenmal wieder mit hofstn dem Herzen schlafen gegangen

Stund um Stund gelesen hatte, sagte der Pfarrer seltsam schwer:Nun ist's genug . - »ur noch das eine ...Du weißt welches ... das . ,Unb,~u5fl gen, der in der Schwere der Worte nur d.e nahende Müdigkeit des Vaters sich ankundigen horte, las das Gedicht des Turmers, das unvergleichliche.

Gegenwart. Er zeigt unter dem TitelJenseits der Weichsel" das Land des deutschen Schicksals: O st - preußen. Königsberg, Marienburg, Allenstein, Neidenburg, Tannenberg und Danzig werden an den Augen der Besucher in schönen Bildern oorüberzie- hen. Der Film will das Band der Volksgemeinschaft zwischen dem abgetrennten Ostpreußen und den übrigen Teilen des Reiches fester knüpfen helfen. Der Besuch dieser Vorführung sei bestens empfohlen.

Spende für die NS-Bolkswohlfahrt.

Die Interessengemeinschaft Buderussche Eisen­werke und Hessen-Nassauischer Hüttenverein mit an- geschlosienen Tochter-Gesellschaften stiftete für die NS.-Volkswohlfahrt den Betrag von 20 000 Mark.

Polizeibericht.

Am 16. September wurde aus einer Wohnung im Seltersweg ein Rock entwendet. Als Täter kommt ein musizierender Durchreisender in Frage, der am gleichen Tage abends den gestohlenen Rock in der Herberge in Butzbach verkaufte. Am 5. Oktober wurde der Käufer, der den Rock trug, in Gießen im Seltersweg von dem Geschädigten betroffen. Dieser erkannte seinen Rock wieder und ließ den Betreffenden von der Polizei festnehmen.

Wegen Beleidigung der Beamten des Wohlfahrts­amts Gießen wurde am 5. Oktober ein Durch­reisender sestgsnommen und dem Amtsgericht zu­geführt.

Aus dem Kaufhaus Rekord wurde aus dessen

gewundenes, durchsichtiges Gitter an ihre Stelle gesetzt. Und das Schmerzlichste: Der alte liebe Apfelbaum wurde nicht mehr von der Luft um­spielt. Er mochte dem neuen Pfarrer die Stube zu sehr verdunkelt haben. Die Axt war an seine Wurzel gelegt. Er war gefallen.

Da wußte Jürgen, wessen er sich beim Eintritt in das Pfarrhaus zu versehen hatte. Noch ehe er einen Schritt in den Garten gesetzt hat, ist er um­gekehrt. Keinen Blick hat er nach ihm zurückgewor- fen. Nach einer stillen Einkehr bei den Grabern unter der Kirchhofslinde hat er wie ein Flüchtling das Dorf verlassen.

Noch am selben Abend ist er wieder bei Magda­lene eingetreten. Die hat nicht erst gefragt. Sie hat gewußt, wo er tagsüber war und hat ihm stumm die Hand gegeben. Da ist ein kleiner Bursche an ihm in die Höhe gesprungen:Onkel Jürgen! Onkel Jürgen! Bist wieder da? Wo warst du? Ich have dich so gesucht. Es war langweilig heut. Nicht eine Geschichte hat Mutter mir erzählt. Und ich hab sie so gebeten. Erzähl du mir eine, Onkel Jürgen! Aber eine recht schöne. Bitte, Bitte!"

Da hat Jürgen den kleinen Ehrenfried auf den Schoß genommen und hat zu erzählen begonnen: Ich weiß einen hübschen luftigen Garten, da gehen viele Kinder hinein, haben goldene Röcklein an und lesen schöne Aepfel unter den Bäumen auf und Bir­nen, Kirschen, Spillinge und Pflaumen, fingen, springen und sind fröhlich, haben auch schöne kleine Pferdchen mit goldenen Zäumen und silbernen Sätteln. Und eine Wiese ist im Garten zum Spie­len hergerichtet. Da hängen eitel goldene Pfeifen, Pauken und silberne Armbrüste ..."

Lange erzählt Jürgen von dem köstlichen Kinder­garten, von seinen Wundern, wie man hineinkäme und daß man eines Tages wieder hinausmüsse. Der eine früher, der andere später. Immer dann, wenn eines der Kinder vor einem zum erstenmal bange würde. Und einmal sei einer gewesen, der habe nicht wieder hinauswollen. Darum habe er immer mit den Allerkleinsten gespielt. Und habe, auch als er schon ein großer Junge war, getan, als wenn er noch nicht laufen und sprechen könne. AVer dann eines Tages...

Lange erzählte Jürgen von dem Kindergarten.

Als er geendet hatte, gewahrte er, daß Magda­lene fort war. Ein Weilchen warteten sie, daß sie roieberfomme. Da der Kleine ungeduldig wurde, ging er hinaus, um feine Mutter zu suchen.

Tränenüberströmt sand er sie in

Da erst bat Jürgen gewußt, daß er beim Erzay len bald Gottes wunderlieblichen Kindergarten von dem einst Martin Luther an f^?n ©oft. lern ftanft chen schrieb, mit dem Garten ihrer Kindheit ver wechselt hatte.

an einer Arbeit, wie sie mit so glückschimmernden Augen ein Mädchen nur einmal im Leben vor­sorglich in Angriff nimmt. Mutter und Tochter sprechen von dem, der zu den nahenden Ferien sehnsuchtsvoll erwartet wird, lieber dem Erzählen ist Magdalenen die Arbeit entsunken. Die Hände ruhen im Schoß. Wie von einem fernen Leuchten gebannt, blicken ihre Augen. Magdalene ist Braut.

Da wird die Stille unterbrochen. Durch das Pfört­chen, das fast verschlossen ist von grünendem Ge­sträuch, stürmt ein Kind, ein schlankes übermütiges wildes Ding. Jauchzend läuft es mit einem zotti­gen Hund um die Wette. Die Mutter und Magda­lene haben die Hand zur Beschwichtigung erhoben. Zu spät. Schon blickt der Vater von seinem Goethe auf. Aber nicht ein Schatten des Unwillens liegt au dem Gesicht, das doch oft die unscheinbarste Störung verfinstert. Wahrlich, er will eine teil» nehmende Frage an den Störenfried richten. Aber ebe es geschieht, ist der in unbändigem Lauf wieder davvngetvllt.Ursel! Ursel!" ruft die Mutter war­nend. Die ist längst hinter der Hecke verschwunden. Aus der Ferne kommt ein helles Lachen. Emer aber ist unwillig geworden über die Storung: cm Junge, ein hochaufgeschossener, sehniger Dreizehn­jähriger. Mit übereinandergeschlagenen Beinen saß er seitwärts auf einem Gartenstuhl und hatte sich an sein Buch verloren. Nun aber ist er wieder m dem langweiligen Pfarrgarten Unwirsch blättert er 3urütf. Dabei überfällt ihn die Freude und reißt ihn über Raum und Zeit hinweg. Jetzt Jürgen wieder mitten drin in Kämpfen, d.e in grauer Vor­zeit zwei Völker zehn Jahre lang um em schönes Weib geführt haben.

Aloys Schmidt ausgeftelü, unter denen sich als höchste Leistung eine plastische Darstellung von Dü­rers Ritter befindet, die schon vor zwöls Jahren ent­standen ist. Im übrigen liegen ausgezeichnete Nach­bildungen von Gießener Ansichten vor (Stadtkirche, Gleiberg, Schiffenberg, Aula der Uni­versität, Universitäts-Turnplatz), ferner von pflanz­lichen Motiven (Früchte, Blätter u. a.). Aloys Schmitt war 1914 in der Gewerbeausstellung in Gießen tätig, lebte später in Wabern, wo noch heute seine Witwe wohnt.

Im gleichen Stand sind aus dem Liebig- Museum künstlerische Nachbildungen von alten bemalten Apotheken-Gefäßen ausgestellt, die in der Fachschule für Glasindustrie in Zwiesel in Nie­derbayern auf Veranlassung des gleichen Ausstel­lers gearbeitet worden sind. Die Inschriften find z. T. ganz altertümlich und originell. Eine Kopie von Justus von Liebigs Totenmaske reiht sich wür­dig der Darstellung von Dürers Ritter an.

Aussteller in derBraunen Messe".

Reuter, L., Zigarrenhaus, norm. R. Buchacker, Gie­ßen, Neuen Bäue 11.

Die Personenstands und Betriebs­aufnahme 1933.

Vom Finanzamt Gießen wird uns ge­schrieben:

Durch die in Hessen in den Gemeinden mit über 2000 Einwohnern am 10. Oktober 1933 durchzu­führende Personenstands- und Betriebsaufnahme sollten ursprünglich die Unterlagen für eine Ein­heitsbewertung des Grundbesitzes beschafft werden. Dementsprechend wurden die Hauslisten ausgestaltet.

Der Reichsminister der Finanzen hat jedoch jetzt entschieden, daß zum 1.1.1934 eine Bewertung des Grundbesitzes nicht stattfindet. Aus diesem Grunde ist es nicht erforderlich, daß sämtliche Spalten der Hauslisten von den Grundstückseigentümern aus- gefüllt werden. Von den Grundstückseigentümern find in den Hauslisten daher lediglich auf Seite 1 der Abschnitt 1 (Eigentümer) und auf den Seiten 2 bis 4 die Spalten 1 bis 3 (dzw. 3 a) auszufüllen, während die Angaben über die Jahresrohmieten nicht ausgefüllt zu werden brauchen.

Lustschuh tut not!

Am Sonntag werden die Luftschutzwarte in den einzelnen Häusern von der Polizei bestimmt. Die Luftschutzwarte haben u. a. die Aufgabe, die Be­wohner des Hauses über den zivilen Luftschutz zu instruieren und den Luftschutz in dem betreffenden Hause vvrzubereiten Die Ausbildung der Luftschutz­warte erfolgt in der demnächst zu gründenden Gas- und Luftschutzschule.

Wieder Kuliurfilm-Dorführungen tm Lichtspielhaus.

Man erinnert sich gerne der Kulturfilmvorstel­lungen, die das Lichtspielhaus Bahnhofstraße in den vergangenen Wintern an den Sonntagoormittagen brachte, und in denen es nicht nur mit den Schön- heiten unseres Vaterlandes, sondern auch mit den Schönheiten fremder Länder vertraut machte. Dar­über hinaus sah man viele schöne Bilder aus der Tierwelt, aus dem Pflanzenreich, man sah ferner manchen Filmstreifen, der den Geheimnissen der Na­tur nachging und manchen Vorgang, der sonst dem menschlichen Auge verborgen bleibt. Nun möchte man diese wertvollen Stunden im Lichtspielhaus Bahn­hofstraße auch in diesem Winter nicht missen. Es ist daher erfreulich, daß die Kulturfilmvorstellungen auch im Winter 1933/34 wieder zur ständigen Einrichtung

Das Volk hat mit feiner Witterung sehr bald herausgespürt, daß die Kunst des ver­gangenen Jahrzehnts neben der Zeit und ohne innerliche Bindung zur Volksgemeinschaft ex­perimentierte. Es nahm an der Kunst die furchtbarste Rache, die man dem Künstler überhaupt antun kann: es interessierte sich nicht mehr dafür! Ich glaube aber, daß, wenn wir das Volk wieder in Beziehung zur Kunst bringen, es ein Theater der Hunderttausend geben kann."

Und was Reichsminister Dr. Goebbels in sei­ner Rede an die Intendanten der Theater am 8. Mai 1933 sagte, ist nur der ausdrücklichste Wunsch und Wille unseres Führers Adolf Hitler:

das Theater soll am Ausbau des neuen Staates mithelfen.

Derheldische Mensch" soll das leuchtende Vorbild der geistigen Erneuerung unseres Volkes sein; ihm nachzustreben das Ziel eines neuen Idealismus. Die­ses Ziel hat sich auch hie Beamtenschaft zu eigen ge- macht, die ebenfalls in ihrer Entwicklung einen grundsätzlichen Wandel im Verhältnis zum Staat durchgemacht hat. Die Wertung des Beamten liegt nicht mehr (o sehr in der Einzelpersönlichkeit, als vielmehr in seiner Gesamtheit als Diener der Volks- gemeinschaft. Er ist damit in ein besonderes Treu- pflichtverhältnis zum Staate getreten. Daraus er­wächst ihm die Verpflichtung der M i t v e r - antroortung an der Zukunftsgestaltung unseres Volkes und an der Erhaltung unserer deutschen Kul­tur, aber auch der M i t a r b e i t an der großen Auf­gabe, über das Nationaltheater zu einer wahren Volksgemeinschaft zu kommen.

Daher ist es des Beamten vornehmste Pflicht, neben der Erfüllung der beruflichen und wirt­schaftlichen Aufgaben, nach seinem besten ver­mögen tatträftig zur Erhaltung und Förderung unserer deutschen Kultur beizutragen.

werden sollen.

Am morgigen Sonntagvormittag findet die erste dieser Vorstellungen statt. Der Film greift mitten

Werken und wirken!

Vor das Gelingen haben die Götter den Schweiß ge etzt", lautet ein alter griechischer Spruch. Der Schweiß ist das Mühen im wörtlichen und über­tragenen Sinne, als Arbeiter der Stirn ober der Faust. Denn aller Segen von oben kommt trotz- dem nicht von ungefähr. Werken und wirken, jeder an der Stelle, die ihm zugewiesen ist, jeder mit und durch die ihm gemäße Eignung und mit dem restlosen Einsatz seines Könnens und Wollens, das ist Ziel und Zweck des Daseins. Nicht um klingen­der Münze allein sotten sich Geist und Hände re­gen, sondern damit am Abend jedes Werktages ein Steinchen behauen ist, das von den Baumeistern an der Stelle verwendet werden kann, wo seine Wirkung am zweckdienlichsten ist.

Worte wieabrackern" undschuften" find Aus­drücke eines unbeseelten Wirkens. Nur dann adelt Arbeit den, der sie verrichtet, wenn sie von Hand und Hirn nicht aus selbstsüchtigen Beweggründen und lediglich um materieller Dorteile willen getan wird, sondern wenn Hand und Herz und Hirn in engstem Bunde am Werke sind, das zu schaffen, was fortzeugend sich verlebendigen sott, mit dem Hammer oder mit der Feder, mit Sichel ober Zir­kel. Ohne biese innere Beseelung wirb kein Werk zur Wirkung in bte Weite berufen sein. Denn Lust unb Liebe waren von jeher bie Fittiche zu großen Taten. Die Größe bes Gelingens aber wirb von bem Maß bet Hingebung an eine Sache bestimmt, auch wenn sie sich nicht heute, fonbern vielleicht erst übermorgen unb in neuen Beziehungen frudjtbrin- genb erweisen sollte.

Werken und wirken haben, wie alles, das um seiner selbst wollen getan wird, zur Voraussetzung den Glauben an ijie eigene Kraft, den Glauben an den ethischen Gehalt und damit auch an die sitt­liche Größe such der geringsten Leistung. Das sind die unbedingt notwendigen Grundlagen jener Schöpferkräfte, die Berge verfetzen und Meere zu Tümpeln zusammenschrumpfen lassen können. Und jene Kräfte können nur aus einem Boden erwachsen, der die Nährstoffe in sich trägt, die zu immer neuen , Kraftquellen aufbrechen. Diese Kraftquellen sind bas verpflichtenbe Gefühl unb bas brängenbe Bewußt­sein: bem ßanbe, bas bich gebar unb bas betne Väter beackerten, bist bu auf Gebeih unb Verberb mit beinern ganzen Sein oerbunben!

Die Weltgeschichte ist ein immerwährenber Gä­rungsprozeß. Die Ackerkrume für bie Unenblidjteit aber ist ber Mensch, unb eine vorbestimmte Orb- nung alles Geschehens baut über bem einzelnen Menschen bie Brücken zu einer Höherentwicklung. Deshalb kann es kein befriebtgenberes Bewußtsein neben, wenn sich bie Schatten über alles Zeitliche senken: Es war ber Mühe wert, ein Mensch ge­wesen zu fein. Unb bas heißt Kämpfer (ein! K.J.G. Oie Läden morgen von 15 bis 18 Llhr

geöffnet

Von ber Polizeibirektion Gießen wird uns mit- geteilt: Aus Grund des § 105 b, Abs. 2, der Reichs- geroerbeorbnung ist bie Offenhaltuna ber zum Einze'lh anbei gehörigen Läben mit Ausnahme ber Hanbwerksbetriede unb somit bie Beschäftigung von Gehilfen, Lehrlingen unb Arbeitern am Sonntag, 8. Oktober, aus Anlaß ber Braunen Messe in ber Zeit von 15 bis 18 Uhr gestattet.

OürerS Kiffer in der Braunen Messe.

Durch bie Schenkung eines Blattes von Dürers Ritter, Tob und Teufel" an den Führer Adolf Hitler in Nürnberg ist die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf dieses Meisterwerk Albrecht Dürers ge­lenkt worden. In derBraunen Messe" in Gießen

Oer Pfarrgarten.

Von HanS Franck

Fern von Welt unb Leben liegt ein Pfarrhaus im Glanz ber Sommernachmittagssonne. Derschwun- den ist bas griesgrämige Grau, barin nicht nur Winter unb Herbst, barin auch bie sommerlichen Alltag« es zu fleiben pflegen. Heute trägt es ein buntgefprenfeltes Gewanb. Das alte Pfarrhaus sollte man es glauben? bas Pfarrhaus lächelt barüber mit feinen halbblinben Augen. Unb btefes Lächeln steht ihm schön. Wie einem Runzelkopf kinbliche Seeliakeit, bie eine liebliche Erinnerung über ihn legt, schön steht.

Die warme Sommerluft fließt burch bie weit- geöffneten Fenster. Langsam bauschen sich bte weißen Gardinen, langsam schwinbet bte Schwel­lung. So simpel bas Spiel ist, sie werben seiner nicht müb. Vor ben Fenstern steht, mitten im dlühenben Pfarrgarten, ein mächtiger Apfelbaum, König über alles ringsum. Die Luft tanzt zwischen seinen Aesten. Versucht mit ben Blättern zu spie­len. Die aber sinb so verträumt, baß si« bei ber leisesten Berührung erzittern.

Im Schatten bes Apfelbaumes steht ein grüner Tisch. Eine blütenweiße Decke ist barüber gebreitet. Soeben ist ber Nachmittagskaffee beenbet. Schon würbe bas Geschirr zumeist wieber fortgeräumt. Nur vor bem Pfarrer steht noch ein Täßchen. In langen Pausen führt Ehrwürben es mit seinem ge­liebten Trank zum Munbe. Die bauchige Kaffee­kanne, über bie eine Wärmepubeimütze gestülpt ist, verrät, baß er noch eine Weile barin fortfahren wirb.

Der Pfarrer ist nicht auf bieser Welt. Ein ver­klärter Glanz ruht auf seinem runblidjen blassen Antlitz, inbessen seine Augen finnenb über bie Reihen bes Buches ! iljingleiten, bas vor ihm auf bem Tisch liegt. Auf besten Rücken stehen in gelbe- nen Buchstaben bie WorteGoethes sämtliche Werke". Die sinb bes Pfarrers tägliche treue Weg- genossen Nur bes Samstags unb am Svnntagv.ir- mittag werben sie burch theologische Rivalen ver- brängt um bann am Svnntagnachmittag erneut triumphierenb bas Felb zu behaupten.

Neben bem greisen Herrn sitzt auf ber grünen Gartenbank bie gebeugte Gattin Auch in biefer Stunbe ruhen ihre Hänbe nicht. Zusehenbs wachs bie Länge bes Strickstrumpfes. Ihre Augen braucht sie nicht baraus zu halten, bie folgen wenn sie b.e Tasse bes Pfarrers für einige Zeit außer Acht lasten können, ber Arbeit ber Tochter.

Leise hat sie mit ber Wort auf Wort gewechselt. Wovon sie erzählen? Ttagbalenens Hanbe schaffen

sinb im Stanb 136/6 von Geh.-Rat Sommer ~ -. ,

Metalltreibarbeiten bes leiber verstorbenen Ziseleurs hinein in eines ber brennendsten Probleme oeut|a)er

Zum Sehen geboren, Zum Schauen bestellt. Dem Turme geschworen, Gefällt mir die Welt. Ich blick in die Ferne, Ich seh in ber Näh Den Monb unb bie Sterne, Den Walb unb bas Reh. So seh ich in allem Die ewige Zier, Unb wie mirs gefallen, Gefall ich auch mir. Ihr glücklichen Augen, Was je ihr gesehn, Es sei wie es wolle, Es war boch so schön!"

Die Lippen bes Pfarrers murmelten, unhörbar fast:So schön ... so schön..." Es waren seine letzten Worte.

Balb baraus mußte sich bie geschäftige Pfarrerin die Hänbe von einer anberen Zusammenlegen lassen. Für immer! Vereint ruhen beibe in bem stillen Dörflein unter ber runben Kirchhosslinbe.

Zu ihren Füßen ist noch ein Grab. Ein kleines. Ursel liegt barin. Ein Unglücksfall, baran sie wie bie bebächtigen Dörfler sagen nicht schulblos ist, hat sie vor ben Eltern hingerafft.

Magbalene unb Jürgen sinb allein ubriggeblte» ben. Jene hat ein bitteres Schicksal gehabt. Ihr Gatte hat sie, noch ehe bas Sinb, bas sie ihm trug, geboren war, allein in ber Welt zuruckgelassen. Da bat Jürgen bie Verwitweie zu sich genommen unb hat nie ein Weib begehrt. Oft haben sie sich an­fangs von bem Pfarrgarten erzählt, in dem ihre Kindheit bahinfloß wie ein plätschernbes Wasser- lein. Unb haben babei immer Kinbern geglichen, die sich mit einem großen Geheimnis in eine dunkle Ecke verkriechen.

Als Magdalenes Knabe geboren war, ist es zwi­schen ihnen von dem Pfarrgarten still geworden.

Das Kind haben sie, ohne daß es einer Aus­sprache bedurft hätte, mit dem Namen ihres Ba­lers, des toten Pfarrers,* Ehrenfried genannt.

Magdalene hat nach dem letzten großen Schei­den den Pfarrgarten niemals wiedergesehen. Bur­gen aber hat es noch einmal gewagt, Einmal.

Plötzlich ist es über ihn gekommen. Mitten tm Großstadtgetriebe: Er mußte den Garten sehen.

Aber was war das? War das der Garten, von dem sie wie scheue Kinder einander erzählt hatten?

Die trauliche Pforte war von den überwuchern­den Zweigen freigemacht und mit einem nüchternen Anstrich aufgefrischt worden. Die herrliche Hecke, die das Treiben der Pfarrersleute vor den Blicken her Straße verdeckt hatte, war ausgerodet und em