Ausgabe 
6.9.1933 Erstes Blatt
 
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Das Wunder der Magussi Weiser

Vornan von $r. Lehne.

Urheberschutz durch E. Ackermann, Stuttgart.

29. Fortsetzung. Nachdruck verboten!

Ja, warum?" Sinnend sah er vor sich hin.Das ist auch ein Kapitel für sich! Vielleicht, wenn die eine, die Blonde mit den weißen Händen und der süßen Stimme, mich gewollt hätte. Sie hat mir den Geschmack an den anderen Frauen verdorben! So wandert man eben einschichtig durchs Leben."

Eine kleine, inhaltschwere Pause entstand. Was sollte Magussi darauf erwidern! Ein so echter Ton hatte aus seinen Worten geklungen, daß es sie ganz eigen berührte. Das hatte sie nie gedacht.

Nachdenklich folgten ihre Augen einem braunen Schmetterling, der sich durch das offene Fenster ins Zimmer verirrt und nun ruhig umherflatterte. Endlich fetzte er sich auf einen Fliederzweig in einer Vase und breitete die goldbraunen Flügel aus, die leise zitterten.

Kurt von Langen war Magussis Blicken gefolgt. Er stand auf.

Da sehen Sie meine Seele, Frau Magussi. Meine Seele, die gefangen ist und nun nicht mehr ein noch aus weiß. Komm, armer Kerl, ich will dir die Freiheit geben!" Schnell, mit geschickten Fingern, griff er nach dem bunten Sommervogel, hielt die Hand zum Fenster hinaus und ließ ihn davonflattern.

Der Schmetterling muß fliegen!"

Wie geht es eigentlich Frau von Konfilius?" Magussi hatte überlegt, ob sie diese Frage stellen sollte; schließlich war sie doch, beinahe wider Wil­len, über die Lippen geglitten.

Er zuckte leicht die Achseln.

Wie es ihr geht, entzieht sich meiner Kennt­nis! Ich weiß nur, daß sie seit ungefähr zwei Jahren mit einem Filmregisseur in Berlin verheiratet ist und daß sie in kleinen Rollen auch mitspielt. Sie will durchaus von sich reden machen ein krank­hafter Ehrgeiz von ihr. Sie wünscht um jeden Preis aufzufallen. Pikant und rassig ist sie ja und hat besonderen Schick, sich anzuziehen, das sind große Vorzüge beim Film. Sie hat nun vielleicht den rich­tigen Kreis gefunden, in dem sie sich wohl fühlt. Er­lebnisse, Abenteuer, Abwechslung! Ich habe nie wieder direkt von ihr gehört, es gab da einige Meinungsverschiedenheiten zwischen uns, die sich nicht beilegen ließen."

Lilo war ein schwieriger, unberechenbarer Cha­rakter. Auch ich bin mit ihr ganz außer Fühlung gekommen, obwohl uns eine jahrelange Freund­schaft von der Kinderzeit her verbunden hatte. Doch seit meinem ersten öffentlichen Auftreten viel­leicht entsinnen Sie sich noch des Wohltätigkeitsk

zertes . _

und unaufrichtig gegen mich geworden. Und ein mich verleumdender Brief ohne Unterschrift an meinen Mann war ganz sicher auf Lilo zurückzu-

führen."

Gerade diese Frage, Frau Magussi, ist der Grund meiner Trennung von Frau v. Konsilius gewesen!" sagte er lebhaft,ich erlaubte mir über solche Briefe ein ungeschminktes Urteil abzugeben, doch das ist viel zu wenig wichtig, um Sie jetzt damit zu langweilen, ich habe Sie schon Über Ge­bühr aufgehalten. Aber mit lieben Freunden ver­plaudert sich die Zeit so schnell."

Mir war es tatsächlich eine Freude!" Herzlich streckte Magussi ihm die Hand entgegen, die er fest­hielt.

Frau Magussi, wenn man dem Teufel den klei­nen Finger gibt, dann nimmt er die ganze Hand! Ich betrachte mich nämlich noch nicht endgültig als entlassen! Heute abend fahre ich weiter, was tue ich da mit dem Nachmittag? Schenken Sie mir, bitte, noch eine Stunde zum gemütlichen Plaudern, wir trinken irgendwo Kaffee! Bestimmen Sie die Zeit, wann ich Sie abholen darf."

Sie überlegte einen Augenblick.Zwischen drei und halb vier wird es mir sehr angenehm sein! Mit leiser Stimme fetzte sie hinzu:Sie müssen mir noch viel mehr von der Mama erzählen!"

Und ganz heimlich lebte der Wunsch in ihr, auch etwas von dem früheren Gatten zu hören!

Tausend Dank, Frau Magussi! Ich werde pünkt­lich sein!" Mit eigentümlichem Blick, in den Mund­winkeln ein verstecktes Lächeln, sah er sie an. Er küßte ihr die Hand und verabschiedete sich.

Magussi sah ihm vom Fenster aus nach, wie er die Straße 'mit seinen leichten, schlendernden Schritten überquerte und ein Auto anrief.

Welche Erinnerungen hatte sein Besuch doch in ihr wachgerufen!

Das liebe Elternhaus, die Vaterstadt, die Zeit ihrer kurzen Ehe alles wurde lebendig vor ihr! Und die schweren Kämpfe, bis sie ihre Freiheit hatte, um den Weg zu gehen, nach dem es sie mit allen Fasern ihres Seins verlangte! Und wenn es zu ihrem Verderben war, wie sie in ihrem hart­näckigen Trotz dachte! Aber er führte nicht ins Verderben er führte in schwindelnd schneller Zeit zur Höhe!

Ihre wundervolle Stimme, die seltene Anmut ihrer schönen Erscheinung, ihr beseeltes Spiel mach­ten sie schnell bekannt; erste Bühnen legten ihr glänzende Verträge vor.

Nun hatte sie erreicht, wonach sie gestrebt: sie konnte sich künstlerisch ganz auswirken! Ihr Name war in aller Munde, ihr Bild in allen Zeit­schriften als ein Wunder wurde sie gerühmt und dennoch war da etwas in ihrem Innern, was trotz allem Erreichten eine Lücke ließ, eine wunde Stelle, die keine Berührung vertrug, nicht einen zurückfchweifenden Gedanken!

Ach, wäre Eduard doch nicht gar so ablehnend gewesen! Wie schön hätte es sein können! Aber er

Eduard war im Ausland. Seit jener Aussprache am Abend seiner Rückkehr hatten sie sich nicht wiedergesehen. Von der Fürstin hatte sie erfahren, daß er sie in der Wiederholung der Oper gehört und daß er sehr ergriffen gewesen sei. Es war ihr dies eine wehmütige Genugtuung, nun mußte er sie doch besser verstehen!

Aber nichts hörte sie von ihm. Der Rechtsan­walt hatte alles erledigt. Ein vornehmes Angebot des Gatten in der Geldfrage war von ihr abge­lehnt worden. Eines Tages hielt sie den Bescheid in Händen frei! Mit tränenoerDunfelten Augen las sie. Der liebe, geliebte Mann! Wie unbarm­herzig hatte er doch gegen sich gewütet --- sie fühlte es sie wußte, wie sehr er sie geliebt! Aber er war sich selbst nicht untreu geworden! Sonst hatte er ihr immer nachgegeben, doch wo es sich darum handelte, seine Grundsätze zu wahren, da war er bis zur Selbstzerfleischung unbarmherzig.

Jede noch so lose Verbindung mit dem Eltern­hause fehlte. Ein Brief, an die Mutter gerichtet, war uneröffnet zurückgekommen; wahrscheinlich war er dem Vater zuerst in die Hände gefallen, der dann die Annahme verweigerte!

Fühlung mit Freunden und Bekannten in der Heimatstadt zu suchen, unterließ sie mit Rücksicht auf die nächsten Verwandten. So ging das Leben weiter, und ihr junger Ruhm wuchs. Don Erfolg zu Erfolg eilte sie.

Kurz nachdem die Scheidung ihrer Ehe ausge­sprochen, suchte Bruno Halling sie auf. Er hatte sich ihr bis dahin ferngehalten; nun aber wollte er sie sich holen! Sie war bestürzt, als er ihr von seiner heißen Liebe sprach, daran hatte sie nicht ge­dacht; sie hatte sein lebhaftes Interesse für sie le­diglich für ein künstlerisches gehalten!

Sie gehören in mein Leben, Magussi, Sie sind meine Muse, durch Sie werde ich Unerhörtes schaf­fen können!" Heiß und leidenschaftlich sprach er auf sie ein, doch sie schüttelte den Kopf, und Schmerz zitterte in ihren Mundwinkeln, als sie entgegnete:

Nein, Bruno Halling, es kann nicht fein! Denn wenn mein Mann und ich uns auch getrennt haben, nie habe ich aufgehört, ihn zu lieben!"

Magussi, das darf Ihr letztes Wort nicht fein! Sie haben alle Brücken hinter sich abgebrochen; an meiner Hand will ich Sie in Ihr neues Leben füh­ren."

Nein, Bruno Halling, mein Herz ijt tot!"

Ich will es wieder zu neuem Leben erwecken! Mit meiner Liebe! Seit ich dich kenne, liebe ich dich! Du bringst alles in mir zum Singen und

mußte ich bemerken, daß Lilo neidisch I beharrte: entweder ganz bei ihm bleiben oder nonon tntrfi npmnrhpn llnh Pin Trennung!

Und da gab bei solcher Einseitigkeit des Den- kens und Beurteilens ihr Trotz fein Zurückweichen zu wenn der Gatte sie in ihrem tiefsten Le­bensbedürfnis nicht verstand und sie zum künst­lerischen Verschmachten verurteilen wollte, dann mußte sie versuchen, ohne ihn auszukommen! Erst kam das Leben, dann das Glück!

Klingen! Fühlst du denn nicht, daß wir zusammen- gehören, von Ewigkeit her füreinander bestimmt? Magussi, wir beide du und ich die Welt wird auf uns schauen, auf uns hören" er preßte seine heißen Lippen auf ihre Händeder andere hat dich in dem Besten, was in dir lebte, ja nie ver- standen! Und meine Liebe wird dich lehren, ihn zu vergessen."

Nicht, Bruno Halling! Wenn wir Freunde blei­ben wollen, sprechen wir nie mehr davon."

Mit beinahe irrem Blick sah er sie an.Ich habe dich wohl zu sehr erschreckt, ich war zu ungeduldig! Doch ich lasse dich nicht, Magussi, und eines Tages werde ich kommen und dich holen! Glaubst du, ich will verschmachten? Du gehörst zu mir, als Weib und als Künstlerin! Für dich nur schaffe ich."

Und alles will ich Ihnen fingen! Können wir denn nicht künstlerisch als zwei gute Kameraden weiter so Zusammenarbeiten wie bisher, einer dem anderen gebend? Muß denn das andere immer fein?" fragte sie fast traurig.

Dann müßtest du nicht die fein, die du bist, Magussi!"

Wie glühend seine dunklen Augen sie anblickten! Nie war ihr Mannesleidenschaft so hemmungslos begegnet. Eduard war in feiner Tiefe des Empfin­dens immer wortkarg geblieben, aber in jedem Blick des Gatten fühlte sie, was sie ihm war, und dieses Gefühl war ihm immer sehr köstlich und ruhevoll gewesen!

Warum quäleji Sie mich so, Bruno Halling? Wieviel ist doch auf mich eingestürmt!" klagte sie.

Habe ich dich erschreckt, verzeihe mir! Ich will geduldig warten, aber du mußt mir Hoffnung geben, daß ich dich einstmals holen darf!"

Und er ließ sie nicht aus den Augen. Wo er cs nur einrichten konnte, kam er ihr in den Weg. Glücklicherweise waren sie durch den Ort ihrer Tä­tigkeit räumlich sehr getrennt; aber feinen Urlaub suchte er in ihrer Nähe zu verbringen. Und an ver­schiedenen Theatern wurde feine Oper aufgeführt, wozu man ihn als Gastdirigenten einlud und sie bat, die Hero zu fingen!

Wie gern hätte sie doch weiter künstlerisch mit ihm gearbeitet; jedoch wollte sie kein Feuer schü­ren, wenn sie es nicht löschen konnte!

Und dann auch: cs mußte alles vermieden wer- den, was dem Klatsch Nahrung gab! Sie hatte ge­nügend erfahren, wie falsch von vielen Seiten ihr Verhältnis zu Bruno Halling beurteilt wurde! Es quälte sie doch in dem Gedanken an ihre Familie an Eduard! An ihr selbst prallte solcher Klatsch ab, ebenso der Neid und die Jntriguen der Kol­leginnen! Denn sie hatte auch in kurzer Zeit die Schattenseiten ihres Berufes gründlich kennen ge­lernt. Aber unbeirrt ging sie ihren Weg, wie eine Traumwandlerin, rechts unb> links der Gefahren nicht achtend.

Ihre strahlende Persönlichkeit, ihre vollende Kunst hatte alles überwunden!

(Fortsetzung folgt.)

laW-Kiffi

(die Grundlage KilliÖsf 2 jeder Düngung)S

C-Rühsanien/Fernrui 3659

Bekanntmachung.

Ji. unser Handelsregister, Abteilung B, wurde am 22. August 1933 bei der Firma Buderus fche Eisenwerte lvehlar, Zweig­niederlassung Lollar, folgendes eingetragen: Hüttendirektor Karl Humperdink in Wetzlar ist infolge Todes aus dem Vorstand aus- geschieden. Hüttendirektor Fritz Gorfchlüter in Wetzlar ist zum stellvertretenden Vor­standsmitglied bestellt. 5520D

Gießen, den 4. September 1933.

__________Hessisches Amtsgericht.__________

MSmMlWWT

Gerichtsvollzieher Wilhelm Hebbel zu Gießen ist am 1. September 1933 in den Ruhestand getreten, und steht die Rück­gabe der von ihm geleisteten Dienstkaution in Frage. Es ergeht daher die Aufforde­rung, etwaige Ansprüche aus dem Dienst­verhältnis des genannten Gerichtsvoll­ziehers binnen einer Frist von 3 Monaten bei dem Amtsgericht Gießen schriftlich oder zu Protokoll des Urtunöbeamten der Ge­schäftsstelle anzumelden, widrigenfalls die Dienstkaution zurückgegeben wird. (5519D

Gießen, den 4. September 1933.

Der dienstaufsichtführende Richter

____________des Amtsgerichts.____________

Bekanntmachung.

Wir haben festgestellt, daß bei vielen Gebäuden des Stadtgebietes die Haus­nummern und Straßenschilder durch das Laubwerk in den Vorgärten ober an den Häusern verdeckt werden und unsichtbar sind. 5512V

Wir richten an alle Eigentümer die Auf­forderung, biefe Schilber so frei zu legen, daß sie leicht aufzufinden sind und sichtbar bleiben,

Gießen, den 5. September 1933.

Städtisches Hoch- und Tiefbauamt.

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