Ausgabe 
6.5.1933 Frühausgabe
 
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dieBluthunde" undA r beilec- mörder" sind, als die sie verschrien waren.

Im Vergleich mit anderen Ländern ist in Hessen von der Polizeihast nur in sehr geringem Um sang Gebrauch gemacht worden/Es befinden iich in Osthosen zur Zeit etwa 200 Mann, m e i st jugendliche Kommunisten. In das Lager kommen grundsätzlich nur Leute, deren Haft vor­aussichtlich länger als eine Woche dauern wird. Dennoch besteht noch ein reger Wechsel im Ost­hofener Lager. Ich habe am 1. M a i 115 Häft­linge in Freiheit gesetzt, um am Tage der nationalen Arbeit und Versöhnung zu zeigen, daß wir in ihnen nach wie vor Glieder der Volksge­meinschaft erblicken. Da der hessische Polizeictat außerordentlich gering ist, so wurde das Lager f a st ohne einen Pfennig staatlicher Mittel errichtet. Es wurde fastallesausdem Nichts geschaffen, in erster Linie dank der Tätigkeit des Lagerleiters Sturmbannerführers d ' A n g e l o, M. d. L.

Ein Rundgang durch das Lager.

Bei dem anschließenden Rundgang durch die beiden Hauptgebäude erhielt man einen Ueberblick, mit welchem Eifer Lagerleitung und Insassen an der Wohnlichmachung gearbeitet haben. Seien es nun die Badeeinrichtungen, Wasserleitungen, Küche, Bureau, Wache, Schreinerei, Schlosserei, Schuh­macherei selbstverständlich werden alle für Lager und Häftlinge notwendigen Arbeiten s e l b st ver­richtet oder der Sanitätsraum. Täglich findet ärztliche Beratung statt. Jeder Neuankom­mende wird sofort vom Arzt untersucht, eingeteilt und einem entsprechenden Arbeitskommando zuge­wiesen. Die Familien der Häftlinge erhalten entweder die Arbeitslosen- oder Wohl­fahrtsunter st ützung. Zur Zeit ist ein gro­ßer Vortragssaal in Arbeit, der der Wei­terbildung der jüngeren Häftlinge dienen soll. Nur ganz vereinzelt war es notwendig, Unruhestifter in Einzelhaft zu schicken. Die bisher im Lager befindlichen KPD.- und SPD.-Abgeord- neten des Hessischen Landtags sind bereits am 1. Mai entlassen worden.

Dir machten von der eingeräumten Freiheit, mit bekannten Lagerinsassen ungestört zu sprechen, reichlich Gebrauch. Durchweg wurde uns oer- sichert, daß, abgesehen von dem natürlich drücken­den Gefühl der Unfreiheit, Behandlung und Verpflegung durch 5 5. und 5 21. durchaus anständig ist, daß insbesondere die Dienstanweisung für die Wachleute:Tät­liche Maßregelungen gegen die Häftlinge haben unter allen Umständen zu unterbleiben", aus­nahmslos eingehalten werden. Jeder Gefangene hat das Recht, bei dem Lagerleiter begrün- dete Beschwerden oderwünschevor- zubringen.

Dries-- und Paketverkehr ist nicht beschränkt und unterliegt lediglich einer Zensur. Dreimal wöchentlich dürfen die Häftlinge Besuch emp­fangen. Für Unterhaltung sorgen Zeitungen und Radio. Beim Mittagessen, das reichlich aus der Gemeinschaftsküche verabreicht wird, gab ge­rade der Frankfurter Sender sein Mittagskonzert. Rur wenige Leute sind schon länger im Lager. Mißhandlungen sind, so wurde uns mehr­fach bestätigt, entgegen anderen Darstellungen i m Lager nicht vorgekommen, und der äußere Eindruck der Lagerinsassen bestätigt durch­aus diese Darstellungen. Wie Polizeipräsident 2 o st. Worms, am Schlüsse der Besichtigung, an der auch der Landespolizeisührer Oberst Sen» del-Sar t or ius und einige SQL.» und SS.° Führer teilnahmen, mitteilte, spielt sich das La­gerleben wie folgt ab:

6 Uhr: Wecken und Waschen, anschließend Re- oierreinigen es sind zwei größere Gemein- schafls- und zahlreiche kleinere Räume einge- richlet: 7 Uhr: kaffeelrinken, anschließend Appell mit Einteilung der verschiedenen Arbeitskom- mandos, die dann bis 12 Uhr entweder im Lager

Seltsames Erlebnis eines Maikäfers.

Von Fred Andreas.

Der Maikäfer Hannibal schwang sich von der schat­tigen Linde, auf der er gesessen hatte, und flog einige Bäume weiter zu einer Sitzung des Sicherheilsrates, der er beizuwohnen gedacht^. Die Sicherheitsräte waren ehrwürdige alte Käfer, meist um viele Tage alter als Hannibal. und feine Altersgenossen; es waren in der Regel erprobte Oberinsekten, die schon einmal in Gefangenschaft geraten waren und sich durch irgendeinen Zufall ober durch persönliches Verdienst hatten befreien können. Auf Grund ihrer langtägigen Erfahrungen erstatteten sie Bericht und gapx»»^warnende Richtlinien zur Vermeidung von Haft und Quälerei.

Hannibal fand, diese ganze Sitzung sei langweilig. Es war auch in der Tat immer dasselbe: Festhalten beim Baumschütteln, hach fliegen, Menschen meiden, im äußersten Falle sich tot stellen. Hannibal gab zu, daß es kein erstrebenswerter Zustand sei, in einer Zigarrenkiste zu leben, und daß er sich einen schöne­ren Tod denken könne, als von Hühnern aufgepickt zu werden. Aber er hatte dies alles zu oft gehört, beinahe jeden Tag. In einer Woche, sagte er sich, wenn er ein alter Käfer sei, wolle er sich den An­ordnungen des Sicherheitsrates pünktlich und in­brünstig unterwerfen-, jetzt aber könnten sie ohne ihn verhandeln.

Er flog durch einen Kilometer Sonnenschein, machte ein paar Besuche bei befreundeten Familien, die ihn gern sahen, lobte das Laub des Baumes und empfahl sich unter häufiger Anwendung feiner guten gesellschaftlichen Umgangsformen. Manches Fühlerpaar des schöneren Geschlechts fächelte ihm erregt nach. Er war aber auch wirklich ein ausgesucht schöner und witziger Bursche.

Gegen Mittag sah er in einem Blumengarten einen Menschen. Er flog neugierig näher und ge­wahrte, daß es ein weißgekleidetes junges Mädchen war, das auf einer Bank faß und scheinbar gelang­weilt in einem Buche las. Waghalsig surrte Hannibal um ihren blonden Kopf herum, amüsierte sich könig­lich, wenn sie nach ihm haschte, und brummte, so laut es ihm möglich war, um sie zu necken. So jagten sie sich durch den ganzen Garten.

Die junge Dame war indessen etwas außer Atem geraten, gab das Rennen auf und kehrte zu ihrem Buch zurück. Hannibal benutzte diesen Umstand, um übermütig auf einem Strauch herumzuschaukeln und sich die Gegend und den Garten nach allen Richtun­gen zu besehen. Hinter ihm war ein nettes Häuschen mit rotem Dach und weißen Fenstern, neben ihm ein halbhoher grüner Gartenzaun, über ihm jetzt

selbst ober in der Umgebung ihre Arbeiten ver­richten; 12 bis 13 Ahr: Mittagspause; dann bis 18 Ahr: Arbeitsdienst (es herrscht, wie uns mehrmals bestätigt wurde, durchaus keine An­treiberei). Abendessen, Unterhaltung. Appell und ob 21 Uhr: Bettruhe.

Die Häftlinge befinden sich nicht in Strafhaft, sondern in Schutzhaft. Viele der Freige­lassenen sind heute noch im Lager, wo sie den Anschluß an den neuen Staat ge­funden haben, leichter und reibungsloser als

fcizS in ihren früheren Kreisen möglich war.

Rach dem Dank Dr. Bests an die Journalisten für ihr gezeigtes Interesse unterstrich der Leiter der Staatspressestelle Hans Falk, daß Dr. Best und die Lagerleiter, die unter dem früheren System die Gefängnisse kennengelernt haben, sich bei dem Aufbau und der Führung des Konzentrationslagers Ost­hofen aus dem Schah ihrer Erfahrun­gen leiten ließen, um den Zielen der nationalsozialistischen Bewegung überall zum Erfolg zu verhelfen.

Bekenntnis znr sozialen Boischast Adolf Hillers.

Aufschlußreicher Brief eines ehemaligen Reichsbannerführers an seinen Freund in Paris.

ri.

Wer heute die Dinge in Deutschland 6c» urteilen will, muh schon die Freundlichkeit haben, das mit nüchternen Augen zu tun, und das Für und Wider ebenso beiseite zu lassen wie Hatz und Liebe. Geschähe das, würde allen geholfen fein und namentlich die deutschenMarxisten" würden zu ihrem und zum Vorteil der Arbeiter zu einer wesentlich anderen Stellungnahme kom­men. Was haben wir der Regierung Hitler vorzuwerfen? Ratürlich antworte ich Dir: Die Marxisten betrachten Hitler als ihren Feind, weil er ja auf feine Fahne geschrieben hat: Vernichtung des Marxismus!" und das wäre bei oberflächlicher Betrachtung natürlich schon genug. Aber weil das eben so bequem und oberflächlich ist, ist es zugleich falsch. Wenn ein Arbeiter sagt, er sei Marxist, dann ist er es nicht etwa, weil er die Lehre von Karl Marx begriffen hätte; . er ist Marxist, weil er die Rot der kapitalistischen Profitwirtschaft am eige­nen Leibe spürt, und weil er eine Aenderung der wirtschaftlichen Verhältnisse im sozialistischen Sinne wünscht. Run, ich weiß, wenn die Rationalisten in DeutschlandMarxismus" sagen, dann meinen sie eben nichtSozialismus" son­dern gerade jene korrumpierten undverjudeten" politischen Organisationen, die dem Arbeiter zwar nicht den Sozialismus, wohl aber dem Volk und der Ration manches Ungemach gebracht haben. Und darüber sollte sich heute jeder Arbeiter und noch mehr jeder Arbeiterfunktionär klar fein: Die marxistischen Organisationen sind tatsäch­lich erledigt, und werden in Deutschland niemals wieder die Rolle spielen, die sie gespielt haben! Mit dem 5. März 1933 ist in Deutschland, das will ich ausdrücklich betonen, eine neue Epoche in der Entwicklungsgeschichte der menschlichen Ge­sellschaft angebrochen, in der nur ganz kümmer­liche Reste der alten marxistischen Organisationen zum langsamen Tod verurteilt sind-"

Wir müssen uns daher auch fragen, ob unsere Einstellung zu Hitler, heute, nachdem er die Macht besitzt, überhaupt noch richtig ist. Es war doch bisher so: Wir, die Arbeiter, betrachteten die Partei Hitlers als die Kampftruppe des Kapitals, der Reaktion und des Llnternehmer- tums. Wir gelangten zu dieser Einstellung, weil es nach unserer Auffassung keinen anderen Weg zur Befreiung der Arbeiter und Dauern aus den Klauen des Profitkapitals gab, als eben den Marxismus, ilnfere Stellungnahme wurde noch gefestigt durch den Hinweis auf die Tatsache, daß in den Reihen der RSDAP. namhafte Ka­pitalisten und Adelige eine nicht unwesentliche Rolle spielten, und sagten uns, daß diese Men­schen bestimmt keine Sozialisten seien. Wer aber nicht Sozialist ist, ist der Feind der Arbeiter und der Dauern. Wir haben allerdings nicht die Frage geprüft, ob die Adeligen und bürger­lichen Elemente Hitler in der Hand hatten, oder ob Hitler die bürgerlichen und adeligen Ele­mente in der Hand hatte! Hier ist übrigens die Bruchstelle, von der aus unser Fundament zerbröckelte und über kurz oder lang ganz zer­fallen wird!

Jedenfalls kam es auf Grund unserer Einstel­lung dazu, daß mir den 5. März als den Sieges­tag des antisozialiftifchen Großbürgertums be­trachteten! Diese Einstellung muß von allen, die. wenn sieArbeiter" sagen, auch tatsächlich Ar­beiter meinen und nicht Parteibureaukratie. revidiert werden. Ich bin heute der Auffassung, daß am 5-März nicht das reaktionäre Groß­bürgertum über den Sozialismus, sondern daß der nationale Sozialismus tatsächlich über den verkommenen, degenerierten internationalen Marxismus und seine Organisationen gesiegt hat.

Indem ich den Sah schreibe, sehe ich Dein Ge­sicht! Du wirst wohl mit bitteren Lippen sagen: Also, auch Du bist übergelaufen! Mein lieber Freund, ich habe bis zur letzten Minute meinen verlorenen Posten gehalten, ich habe alles für die Sache eingesetzt, bin Tag und Rächt nicht zur Ruhe gekommen und habe alle Rot und alle Ent­behrungen willig getragen. Ich habe an die gute Idee geglaubt und für sie gekämpft mit der Ver­bissenheit und dem Ingrimm des Soldaten, der weiß, daß er auf verlorenem Posten steht und für sich nichts anderes beansprucht, als die ehren­volle Riederlage. Diese ehrenvolle Riederlage habe ich erhalten, und ich weih, daß der Sieger sie achtet! Meine Riederlage aber bedeutet für mich nicht Resignation; für mich gibt es kein Ru­hen; nein, ich orientiere mich von Reuem und nehme den Kampf wieder auf! Aber: Ich war nie ein Kämpfer für die Bürokratie, ich war nie Dogmatiker, sondern ich kämpfte lediglich für den deutschen Arbeiter und Bauern. Was ich tue, tue ich in ihrem Interesse selbst bann, wenn die Büro­kratie mich nicht verstehen will. Mir liegt auch wirklich nichts daran, ob sie die Hände über den Kopf zusammenfchlägt; ob die Männer der Büro­kratie und Bonzokratie in Gefahr kommen, aus dem Sattel zu fliegen! Richt die Bürokratie soll leben, sondern der Arbeiter! Dieser Grundsatz ist für mich allein maßgebend, und ich werde unbeirr­bar danach handeln!

Lind ich mache vor der Bürokratie der SPD. und der KPD. keineswegs Halt! Du weißt, daß ich ein glühender Anhänger der Verständigung der Völker bin, aber ich weiß heute, daß diesch Verständigung nicht durch dos Büro der Zweiten oder Dritten Arbeiter-Internationale gehen wird. Diese Institution ist neben der Friedensliebe der Japaner und dem Völkerbund das Lächerlichste was es in dec Welt gibt. Diese Organisation hat vollkommen versagt! 1914 bei Ausbruch des Krie­ges hat sie versagt und 1918 beim Kriegsende hat sie versagt! Denke an die Beschlüsse von 1912 und halte neben ihnen die Erklärungen der sozia­listischen Parteien in den Ländern vorn August 1914! Verrat! Hnb nach dem Kriege! . . . Haven nicht die deutschen Sozialisten mit einer Art Rück­sichtslosigkeit auf die Interessen der Ration den Siegern des Weltkrieges" ungeheure Opfer ge­bracht, um der Welt zu beweisen, daß das Deutsch­land von Weimar eben nicht das imperialistische Deutschland Wilhelms II. war? Hat das deutsche Volk, das heißt, die deutschen Arbeiter und Bau­ern, nicht aus tau,end Wunden geblutet, um der

wurde er starr vor Schrecken, über ihm war eine Hand, und zwar die Hand des blonden jungen Mäd­chens, die ihn behutsam ergriff und in ein Schächtel­chen tat. Hannibal hatte eine Vision von dunklen Zigarrenkisten und belebten Hühnerhöfen, atmete aber erleichtert auf, als er sah, daß sein Gefängnis nichts mit der Tobakindustrie zu tun hatte. Es war eine kleine Dose mit einem hübschen bunten Bild auf dem Jnnendeckel, dessen Betrachtung aber durch die Dunkelheit erschwert wurde und auch sonst nur ein recht schwacher Trost gewesen wäre. Hanmbal fühlte sich davongetragen, irgendwo gackerte ein Huhn. Ihm brach der kalte Schweiß aus.

*

Er kam zu sich, als der Deckel geöffnet wurde, und fand sich in einem kleinen Zimmerchen, das offenbar seiner Besitzerin gehörte. Sie saß an einem kleinen Tisch und betrachtete ihn aufmerksam, aber ohne besondere Feindseligkeit, wie ihm schien. Er blinzelte sie neckisch an, winkte lustig mit den Füh­lern und tat überhaupt alles, um sich sympathisch zu machen. Das half. Sie lächelte, dachte einen Moment nach und ergriff dann einen hellblauen Bogen Pa­pier, den sie mit Strichen bedeckte. Es kam Hannibal nicht ungelegen, daß er ohne Aufsicht war, aber ehe er sich noch entschieden hatte, durch welches der beiden offenen Fenster er entwischen wollte, ward er wieder ergriffen und samt dem blauen Papier und zwei großen, saftigen Blättern in die Dose gespern.

An dem blutdürstig gackernden Huhn vorbei t'ug ihn dos junge Mädchen bis zum Ende des Gartens und verstaute ihn oder vielmehr die Dose in eim Hecke. Die Blätter knisterten ein wenig, die Schritte verklangen, und Hannibal war allein. Er geriet in tiefes Nachdenken über die Einwirkung der Psyche junger Mädchen auf die allgemeine Sterblichkeit der Maikäfer und schlief unter unruhigen Träumen ein.

*

Nach vielen Stunden vernahm er kräftige Schritte, jemand ergriff die Dose und eilte davon, wahrschein­lich in ein Haus und sogar eine Treppe hinauf. Hannibal prallte entsetzt zurück, als sich der Deckel öffnete. Es war draußen schon fast dunkel, wie er durchs Fenster sehen konnte, aber auf dem Schreib­tisch, der die Dose jetzt trug, brannte eine Lampe. Vor ihm saß ein junger Mann, der ihn entgeistert anstarrte, laut auflachte und dann aber mit einer durch nichts gerechtfertigten Host sich auf den hell­blauen Zettel stürzte und interessiert die darauf be­findlichen Striche betrachtete. Alsdann benahm er sich in einer ganz sinnlosen und unerwarteten Weise. Er lächelte grundlos, pfiff eine Melodie, fuhr sich mit einem borstigen Gegenstand, den er unter lautem I Getöse aus einer Schublade hervorzog, d-rch die Haare und band sich statt eines grauen ciren blau- I gestreiften Strick um den Kragen.

Hannibal glaubte, es mit einem armen Irren zu tun zu haben, und wollte sich still empfehlen. Liber er hatte die Flügel noch nicht draußen (das macht bei den Maikäfern immer so viel Umstände!), da sprang der junge Mann auf ihn zu, knallte den Deckel herunter und eilte mit der Dose, und leider auch mit Hannibal, in beängstigender Eile davon. Diesem war etwas beklommen zumute.

Endlich blieb der temperamentvolle Jüngling stehen. Kurz darauf vernahm Hannibal leichte Schritte und bald auch die Stimme des jungen Mäd­chens, das ihn gefangen hatte. Der junge Mann unterhielt sich lange mit ihr, es konnte aber kaum etwas Wichtiges fein, da zwischendurch immer das helle Lachen des Mädchens klang. Auf einmal ent­stand eine beunruhigende Stille, und es erklangen jene Geräusche, die der Mensch mit den Lippen her­vorzubringen vermag, ohne dabei zu sprechen. Das kann gut werden, dachte Hannibal. Da fühlte er sich auch schon emporgehoben, aber blitzschnell schoß ihm der Gedanke durch den Kopf, daß die Hühner wahr­scheinlich schon schliefen, und daß deshalb die Sache halb so schlimm sei.

Wir wollen ihn fliegen lassen", hörte er die Stimme der jungen Dame,er ist ja der erste, der es weiß und ein so hübscher, brauner Kerl!" Sie öffnete den Deckel, beschäftigte sich aber bald wieder mit dem jungen Monn, der ihren Kopf an sich zog und ihr etwas ins Ohr sagte.

Vorsichtshalber beschloß Hannibal, eine zweite Aufforderung nicht erst abzuwarten, und surrte auf den nächsten Kastanienbaum. Dort klammerte er sich mit allen seinen sechs Beinen an einen dicken Blatt- Hcngel und dachte noch lange über dieses seltsame Erlebnis nach, das so sehr den Erfahrungen des Sicherheitsrates widersprach.Es muß schon so sein", sagte er sich,Liebesleute machen eine Ausnahme."

Das Geburtshaus Brahms im Hamburger Gängeviertel.

Die Rachricht, daß das berüchtigte Hamburger Elendsquartier. das Gängevierkel, das immer mehr zum Schlupfwinkel der Verbrecherwelt ge­worden war, nunmehr völlig verschwinden soll, er­innert uns dar in, daß hier ein Genius das Licht der Welt erblickte, der gerade in diesen Tagen von der ganzen Welt gefeiert wird. Johannes Brahms wurde hier am 7. Mai 1833 geboren, und man kann nicht ohne tiefe Bewegung die Schilderung kfen. die Brahms' Biograph von sei­nem Geburtshaus im Specks-Gang entwirft , Es liegt in einer der krümmsten, eng­sten und dunkelsten Gassen des anrüchigen Gänge- vicrtels. das Gesindel aller Art in seinen.licht­

Welt zu beweisen, daß wir den Frieden wollen? Mein Freund, das war zu einer Zeit, wo iij Frankreich und in England, in Belgien und in Polen, wo überall in der Welt die Sozialisten die stärksten Machtgruppen bildeten. Lind was haben diese Sozialisten derSiegerstaaten" getan? Haben sie den Gesinnungsfreunden und Klassenbrüdern in Deutschland geholfen? Sind sie den Deutschen beigesprungen? Hat einer von ihnen Len Aus­beutungsbestrebungen Einhalt geboten? Hat die Zweite Internationale die Proletarier aller Län­der aufgesordert gegen die Ausbeutungspolitik derSieger" zu protestieren? Rein, mein Freund, wir konnten verrecken, wann wir wollten! Sie ha­ben geduldet, daß wir ausgesogen wurden bis auf die Knochen, daß deutsche Arbeiter ins Elend der Ausweisung geschickt wurden im Interesse der imperialistischen Politik französischen Militärs! Sie haben geduldet, daß Arbeiter geschändet und getötet wurden. Rie haben die Zweite oder dis Dritte Internationale eine wirksame Aktion ge­macht, genau wie der Völkerbund! Du wirst also begreifen, daß man diese Institution als erle­digt betrachtet. Ia, um dem historischen Witz noch die Würze der Ironie zu geben, will ich daraus Hinweisen, daß es ausgerechnet der Faschist Mussolini war, der als erster Mann für das deutsche Volk gegen die Ausbeutungspolitik der Sieger" (ganz gleichgültig aus welchem Motiv) Stellung nahm.

(Schluß folgt.)

Kunst und Wissenschaft.

Der neue Präsident der Physikalisch-Technischen Reichsanftalt.

Der von der Reichsregierung zum Präsidenten der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt ernannte Uni* oersitätsprofessor Dr. E. Stark hat sein Amt an­getreten. Damit ist an die Spitze dieser wichtigen Behörde ein Mann gestellt, dessen Ruhm als For­scher durch Verleihung des Nobelpreises für Physik im Jahre 1919 international anerkannt wurde und der seit vielen Jahren durch Wort und Tat als eifriger Verfechter der nationalsozialistischen Idee hervorgetreten ist. Seine große wissenschaftliche Entdeckung liegt auf dem Gebiete der spektroskopi­schen Erforschung der Materie, indem es ihm ge­lang, die Aufspaltung der Spektrallinien im elek­trischen Felde nachzuweisen. Bei der Uebernahme seines neuen Amtes hat cf, wie wir erfahren, be­tont, daß die Reichsanstalt sich neben den hohen Zielen der reinen Wissenschaft in enger Zusammen­arbeit mit der Praxis auf allen Gebieten der Tech­nik widmen soll.

Beurlaubungen an sächsischen Hochschulen.

Das sächsische Kultusministerium hat, wie aus Dresden gemeldet wird, folgende Lehrkräfte an der Universität L e i p z i g bis auf weiteres von ihrer Lehrtätigkeit enthoben: Die ordentlichen Professoren Georg Witkowski (Literaturge­schichte), Walther Götz (Geschichte), Apelt (Staats­recht), Everth (Zeitungskunde), Hellmann (mittelalterliche Geschichte) und den Privatdozenten Dr. Becker. An der Technischen Hochschule in Dresden wurde Professor Dr. Holldock (Rechtswissenschaften) beurlaubt.

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Kleine politische Nachrichten.

Reichspräsident v. Hindenburg emp­fing den Reichskanzler Hitler sowie den Reichs- Minister des Innern Dr. Frick zum gemeinsa­men Vortrag. Ferner nahm der Herr Reichsprä­sident heute Vvrmittag einen Dortrag des Reichs­ministers des Auswärtigen Fr e i h e r r n v. R e u- r a t h entgegen.

Der bayerische Iustizminister hat angeordnet, daß in Strafbefehlen künftig Raine und Stand des Anzeigers zu bezeichnen sind. Durch diese Maßnahme wird dem An- geschuldigten einerseits seine Verteidigung er« leichtert, während gleichzeitig der Erstat­tung unbegründeter Anzeigen (De­nunziationen) wirksam entgegenge­treten wird.

scheuen Spelunken beherbergte. DieGänge" wa­ren ursprünglich kleine Wege, welche die Gärten der alten Stadt durchschnitten, und wurden zu Anfang des 17. Jahrhunderts, da es in der Festung an Platz fehlte, mit Wohnhäusern bebaut. Daraus entstand ein labyrinthisches Gewirr und Gewinkel von schmalen Gassen und dicht aneinan­der gereihten, hochgiebeliaen Häusern, die alle nach ein und demselben Plan, wie gesät, aus der Erde aufstiegen und zahllose winzige Läden, Kam­mern, Keller und Böden enthielten. Zu Schlüters Hof führt ein Gang, noch enger als der eigent­lich, etwa mannsbreitc frühere Specks-Gang, hin­ter dessen Front, eben in jenem Hofe, das Haus stand, in welchem die Familie Brahms Küche, Stube und Alkoven bewohnte. Llmsonst wurden die nur durch einen Stützbalken voneinander ge­trennten wackligen Fensterchen geöffnet, um Luft und Licht hercinzulassen. Gerade gegenüber reckt sich eine ebensolche Riesenarchc zum dunstigen Him­mel empor und raubt mit ihrem verräucherten Giebel dem Schwesterhaufe das bißchen Sonne, das durch den Rebel etwa zu ihm dringen könnte; vom feuchten Hof aber breitet sich ein Schwaden widerlicher Gerüche aus, den fein reinigender Zugwind aus den geschützten Ecken fegt. Ver­schließbare Haustore sind nicht vorhanden. Wer wollte dort auch etwas stehlen? Zwischen zwei, bei Tage immer geöffneten Türen, die unmittel­bar in das Innere des Erdgeschosses führen, stol­pert man durch den Eingang über die ausge­tretenen Stufen einer steilen, kaum einen Schritt breiten, hühnersteigartigen Holztreppe zum ersten Sahl" hinauf und tritt durch eine niedrige Tür zur Linken in die Drahmssche Wohnung. Zuerst in die einfenstrige Küche, die sich als solche dadurch, auszeichnet, daß eine mit dem Schornstein ver­bundene Mauernische den Ort anzeigt, wo ein eisernen Ofen, nicht viel größer als ein Puppen­herd, aufgestellt werden konnte. Von dort ge­langte man in das zweifenstrige Wohnzimmer, das von der holprigen Diele bis zur rissigen Decke keine sieben Schuh mißt. Daran stößt der Alkoven, die Schlafstube, welche sich den Anschein gibt, ein Fenster auf den zweiten Hof zu besitzen. Hier, in diesem winzigen, dumpfen und atembeklemmenden Kämmerchen mußten, falls der Vater Brahms nicht vorzog, im Wohnzimmer zu schlafen, seit dem 7. Mai 1833 vier arme Menschenkinder ihre Rächte zubringen . . Diese Dürftigkeit hat freilich den Lebensdrang und den Aufstieg des Genies, das hier zur Welt kam, nicht hemmen können. Roch ein halbes Kind, spielte der Heine Iohannes schon zum Tanze auf und wußte sich bald aus der düsteren Enge des Gängeviertel- den Weg in die freie Luft und das große Leben zu bahnen.