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Vornan von Helma von Hellermann.
10. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Georg von Vandro erzählte, wie der Zufall ihn in eine Stellung geführt. Zwei Wochen waren seit jenem Abend vergangen, an dem er Magnus Steinherr vor dem Hotel angesprochen hatte.
„Steinherr — doch nicht der deutsche Stahlkönig, wie man ihn nennt?"
„Derselbe", nickte Vandro eifrig. „Bin ich nicht ein Glückspilz?"
Wie er sich freute, der prächtige, bescheidene Mensch.
„konnte dieser Herr Ihnen keine Tätigkeit verschaffen, die Ihrer würdiger wäre?" fragte Wera, leicht die Stirn runzelnd.
Vandro sah sie an. „Es gibt keine ehrliche Arbeit, Gräfin, hie unser unwürdig ist."
Ein heißes Rot stieg in das schöne, stolze Gesicht. „Sie sind mir um vieles voraus, Herr von Vandro. Ich habe trotz aller Erfahrungen noch immer nicht da- Beugen gelernt."
„... und tragen deswegen um so schwerer an Ihrer Last", erwiderte Vandro ernst. In seinen Augen stand auf einmal ein sehnsüchtiges Verlangen. „Wenn ich sie Ihnen nur abnehmen dürfte", setzte er leise hinzu.
„Ihre Teilnahme erleichtert sie ja schon!" In aufquellendem Dankgefühl reichte sie ihm die Hand und hinderte es diesmal nicht, daß Vandro sie an seine Lippen zog.
Ein leises Rauschen ließ beide zu gleicher Zeit aufblicken: aus den grauen Wolken, die sich unversehens am Horizont gesammelt hatten, floß in feinen Silberfäden einer jener kleinen Frühlingsschauer, wie sie der April oft zu bringen pflegt. Erschrocken wollte Wera unter den nächsten größeren Baum treten, eine breitästige Kastanie, deren Laub jedoch noch zu spärlich war, um Schutz zu gewähren.
Aber Vandro wies auf das langgestreckte, gelbe Gebäude, das sich zur Rechten freundlich in das junge Grün schmiegte: „Dort, die Park-Konditorei, Gräfin — schnell, schnell!"
Sie rannten weiter, überquerten den Platz mit der Fontäne, deren sieben Delphine emsig Wasserstrahlen ausspien, sprangen das letzte Allee-Ende hinunter auf das Haus zu, blieben am Eingang unter dem Glasdach stehen, schnell atmend, mit roten Backen, und strahlten sich lachend an wie zwei ausgelassene Kinder.
„Wir sind noch nicht verkalkt, gottlob!" konstatierte Vandro befriedigt. „Die Glieder funktionieren noch halbwegs. Donnerwetter, schlugen Sie ein Tempo an!"
„Das war nur die Angst um meine Toilette", lachte Wera. „Es ist das berühmte ,gute Stücks"
Entzückt betrachtete sie der Mgnn. Daß sie der Armut so heiter spotten konnte, war ein großer
Fortschritt. Sie gingen in die Halle, lugten in den Hauptsaal, der leer war, und setzten sich dann an einen Fenstertisch im kleinen Nebenzimmer, das mit seiner roten Tapete und den weißen Spitzendecken freundlich und behaglich wirkte. Vandro nahm eine Vase mit Himmelschlüsseln und Vergißmeinnicht vom nächsten Tisch und stellte sie auf den ihren.
„So, nun haben wir den Frühling draußen und drinnen, und die Sonne sitzt mir gegenüber. Kann ein Mensch mehr verlangen vom Leben?"
Seine blauen Augen bli-tzten das Mädchen so glückstrahlend an, daß sich d'e Röte in deren Wangen jäh vertiefte. Schmal, erschreckend schmal waren die geworden in diesen bösen Wochen, stellte Vandro heimlich fest; erst jetzt sah er es. Ob sie am Ende gar — Hunger litt? Er würde es nie erfahren. Darüber schwieg eine Wera Wettern.
„Wie wäre es, wenn wir gleich hier zu Mittag essen würden?" schlug er vor. „Zeit dazu wäre es. Ich habe einen Mordsappetit und Sie hoffentlich auch!"
Der im Hintergründe harrende Kellner eilte herbei und zückte diensteifrig seinen Bestellblock. Vandro, der die Speisekarte überflogen hatte, stellte ein kleines Menü zusammen, so gut es die Konditorei zu leisten imstande war: Fleischbrühe und Pasteten, Schnitzel mit jungem Gemüse und Salat, gefüllte Omeletten, Wein, Kaffee. Aber während er den vorzüglich zubereiteten Speisen wacker zusprach, aß das Mädchen nur wenig.
„Ich kann nicht mehr, Herr von Vandro — wirklich nicht!" erwiderte sie leise auf sein bestürztes Fragen und schüchternes Nötigen.
Da schwieg der Mann und sah still vor sich hin auf den Strauß blühender Frühlingsblumen. Er begriff — Wera Wettern hatte das Essen verlernt!
Eine ungeheure Erschütterung krampfte sein Herz zusammen. So weit war es also schon mit ihr gekommen ... Aber schnell riß er sich zusammen, zwang sich zu leichtem Bedauern, sprach von anderem. Nichts merken lassen ...
„Sie haben mir vorhin übrigens zu Unrecht eine bessere Stellung gewünscht, Gräfin", sagte er heiter. „Sie wissen ja gar nicht, wie gut es mir geht! Ich bin ein wahrer Krösus geworden: dreihundert Mark Monatsgehalt. — Haben Sie Worte?! Wohin nur mit all dem Mammon! Er verführt mich stündlich zum Bauen der herrlichsten Luftschlösser."
„Dann trinke ich diesen Schluck Wein auf die glückliche Verwirklichung Ihrer Träume!" Sie hielt ihm das Glas entgegen. Golden funkelte es im Licht der wieder hervorbrechenden Sonne.
„Ich danke Ihnen, Gräfin! Gott schenke mir Gelingen!"
So ernst klang das, so seltsam bewegend, so tief ruhte des Mannes Blick in dem ihren, daß Wera in plötzlicher Befangenheit die Lider senkte. Ihr Herz begann zu klopfen in kleinen, schnellen Schlägen. Es ist der Wein!, dachte sie, sich dem Fenster zuwendend — und wußte doch, daß dem nicht so war.
So schnell der Regen gekommen, so schnell verging er. Es wurde ein herrlicher Tag. Vandro bat,
| mit seinem Gast einen Ausflug in die schöne Um» • gebung der Stadt machen zu dürfen; aber Wera blieb standhaft bei ihrer Verneinung. Sie durste Vandro keine so großen Ausgaben verursachen. Mit klopfendem Herzen merkte der Mann erneut, wie schwer es war, diesem stolzen Menschenkind etwas zu schenken. Stets blieb sie die Gebende, deren bloße Gegenwart genügte, ihn in einen wahren Glücks- rausch zu versetzen.
So blieben sie in der frühlingsfrischen Stille des großen Parks, wanderten ziellos, in heimlich wachsender Freude, durch die schöngepflegten Alleen, saßen auf einer Bank und ließen sich von der Sonne bescheinen, während die süßen Flötentöne einer Amsel aus verstecktem Wipfel erklangen.
Und als die Glocken den Feierabend einläuteten, führte Georg von Vandro seinen Gast auf die Terrasse eines Restaurants, das am Rande des Sees errichtet worden war. Gedankenversunken saß sie da und blickte hinüber zu der Holzbrücke, auf der sie vor just einem Monat gestanden, Verzweiflung im Herzen, als Vandro sie angesprochen. Nichts hatte sich geändert — und war doch alles anders geworden. Schön waren Welt und Leben! —
Vandros Blicke hingen an ihrem Gesicht. Nie war sie ihm schöner erschienen als jetzt, da sie vom goldenen Glanz der sinkenden Sonne umlodert, mit leuchtendem Blick in die Ferne träumte, ein weiches Lächeln um die Lippen, die so viel verhaltene Süße bargen. Die milde Luft war erfüllt vom Duft blühender Erde, von Vogelgesang und ferner Musik und von jener schweren Weiche, die Wärme ins Blut senkt und Unrast, Trauer und Sehnsucht nach jenem Glück, das wir mehr ahnen als je zu erfassen vermögen. Des Mannes Herz schwoll vor Verlangen. Seine Züge spannten sich. Er wollte es wagen, dem Mutigen war Gott gnädig. Und da sie beide durch den zarten Schleier der sinkenden Dämmerung dem Ausgang zuschritten, begann er wieder von den Vorteilen seiner neuen Stellung zu erzählen.
„Augenblicklich wohne ich über der Garage — doch werden die Räume für andere Zwecke benötigt. Doktor Steinherr hat mir den Pavillon, der ganz hinten im Park liegt, zur Wohnung angeboten, ein reizendes Häuschen mit drei Zimmern und viel Nebengelaß. Ein Stück Garten dahinter gehört auch dazu. Wirklich ein Idyll im kleinen. Aber was soll ich Einsamer dort? Nur zu zweien könnte man in dem verwunschenen Winkel glücklich fein ..." Er hielt inne, sah zaghaft seine Begleiterin an, die mit gesenktem Haupt neben ihm herging. Wenn er nur wüßte, was sie dachte!
Aber da er schwieg, hob Wera den Kopf. Und das zarte Fragen in ihren Augen ermutigte ihn zum Weitersprechen. Er holte tief Atem. „Gräfin Wera, bas Leben hat uns beide hart angepackt; wir haben gelernt, uns jeden Schritt vorwärts zu erkämpfen — siegten wir nicht leichter vereint? Ich kann mir kein größeres Glück denken, als mein Leben in Ihren Dienst stellen zu dürfen." Seine Stimme zitterte vor Bewegung.
Wera Wettern sah geradeaus. Gen Westen keuch« tete zwischen den Bäumen der letzte Flammenschein der gesunkenen Sonne am Horizont. Glocken läuteten irgendwo; oder läuteten sie nur in ihrem Herzen? Hell sang die Freude ihr Dankeslled...
„Gräfin Wera ..." So lange schwieg sie.
Da blieb das Mädchen stehen und lächelte ihn an, lieber ihr Gesicht rannen die Tränen. Vandro griff nach ihren Händen, wortlos vor Glück und Erregung — und trat zurück. Stimmen wurden laut. Fremde Menschen nahten.
Ganz eingesponnen in die Traumleligke-it der dämmerigen Stille schritten sie weiter. Und wußten sich einander unlöslich verbunden. Eine unbeschreiblich selige Ruhe füllte Weras Herz. Am Ziel ihrer Lebenswanderung wähnte sie sich. Und hatte doch nur den ersten Schritt auf neuem Wege getan.
13. Kapite 1.
„Also heiraten möchten Sie?"
Der Mann am Schreibtisch, der seine Arbeit auf einen Augenblick unterbrochen hatte, um seinen Chauffeur anzuhören, legte die soeben unterschriebenen Bogen beiseite und sah mit erhobenen Brauen lächelnd empor. „Schon lange verlobt gewesen, Vandro?"
Eine leichte Röte stieg in dessen schmales Gesicht. „Seit gestern, Herr Steinherr!"
„Und schon ... Na, Sie werden ja Ihre Gründe haben!" „Ich habe nichts dagegen, Vandro, voraus- gesetzt, daß Ihre Arbeit und Ihr erfreulicher Berufs- eifer nicht darunter leiden In Ihrer freien Zeit wollen Sie Mensch sein — das begreife ich durchaus."
Die stahlgrauen Augen des Sitzenden schweiften über die vorhin erhaltenen Briefschaften. Wen würden sie ihm diesmal zur Tischdame bescheren? Die Diners in der französischen Botschaft waren immer amüsant, ein kleines Versteckspiel mit ebenbürtigen Gegnern.
„Das Gartenhaus steht, wie Sie wissen, zu Ihrer Verfügung", bemerkte Steinherr, sich erhebend. „Haben Sie genug Möbel? Schön! Was fehlt, steuere ich gern bei! So ein junger Haushalt hat doch stets allerlei Wünsche und Bedürfnisse. Schon gut, lieber Vandro!" Er legte die Hand auf die Schulter des Mannes, der merkwürdig schmal und knabenhaft: neben der ragenden Gestalt seines Brocherrn wirkte. „Sie wissen ja: auf Dqnk in Worten lege ich wenig Wert, auf willige Mitarbeit desto mehr. Bleiben Sie mir verbunden!"
Er streckte die Hand hin. Vandro schlug ein mit festem Druck. Lachte Steinherr an, aus der Freude seines Herzens heraus. Der nickte ihm zu. „Wie heißt übrigens Ihre zukünftige Gattin, Vandro?"
„Wettern, Herr Steinherr — Gräfin Wera ®eitern!" gab jener bereitwillig Antwort.
Die Hand, die im Begriff war, nach dem Zigarek tentaften zu langen, stockte. „Wie sagten Sie —« Wettern?" wiederholte Magnus Steinherr langsam. „Der Name ist bekannt. Aus der Mark?"
(Fortsetzung fok’
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