Bund zwischen Kirche und Volk. Die verhängnisvolle Mauer müsse fallen, die heute noch zwischen dem Doll und seinen Heiligtümern vufgerichtet sei. Um das Heer der Gottlosen $u besiegen, um die Millionen der Arbeitslosen zur Lat zu führen, werde eine Armee der Selb st losen gebraucht. 3n der Kirche schlummere dos Geheimnis, solch eine Armee auf den Plan zu bringen.
Staatskommissar Hinkel überbrachte dann die Grüße der Landeslcitung des Kampfbündes für deutsche Kultur und als Etaotskommis- sar im preußischen Kultusministerium gleichzeitig auch die Wünsche und Grüße dieses Ministeriums. Er stellte sich dann als Sohn der Luther- stadt Worms vor und entledigte sich der Aufgabe, im Rainen der beiden Bürgermeister und des Wormser Stadtrates die herzlichsten Grüße zu überbringen und zugleich mitzuteilen, daß die Stadt Worms als die Stadt des historischen Reichstages unseres Martin Luther der Tagung der deutschen Christen allen Erfolg wünschten. Der Kampfbund, so fuhr Staatskommissar Hinkel fort, hat in den letzten Wochen und Monaten mit der Bewegung der deutschen Christen zusammen in der Reichshauptstadt einen erbitterten und teilweise entnervenden Kampf führen müssen. 3d) gebe der Hoffnung Ausdruck, daß im ganzen Reiche beide Organisationen gemeinsam im gigantischen Kampfe weiterfechten und alle die großen Aufgaben lösen, die unserer harren.
Dompfarrer D. Dienecke, Soldin, sprach über die „Theologie der Gegenwart". Wir haben erkannt, so führte er u. a. aus, daß Hakenkreuz und Christuskreuz zusammengehören, daß sie miteinander vereinbar sind. Denn das Zeichen des Ursprunges deutet ebenso aus Gotteswillen hin wie das Zeichen der Erlösung und Heiligung. Die deutschen Christen bekennen sich wohl zum neutestamentlichen Glauben an die Weltkirche. Die Ausdrucksformen in dieser Kirche können aber nur im Rahmen der einzelnen Rasseeinheiten wirklich zum Durchbruch kommen. Darum brauchen wir eine mächtige evangelische Reichskirche an Stelle von 29 Landeskirchen.
Reichsleiter Pfarrer Hossenfelder schloß die Kundgebung mit einem begeistert aufgenommenen dreifachen Heil auf den Führer Adolf Hitler und das deutsche Bolk.
Deutsche Katholiken und neues Reich.
Ein Aufruf des Bundes „Kreuz und Adler"
Berlin, 3. April. (TU.) Der unter dem Ehrenschutz des Bizekanzlers v o.n P a p e n stehende Bund katholischer Deutscher „Kreuz und Adler" erläßt einen Aufruf in dem es heißt: „Das deutsche Volk steht a n einem Wendepunkt seiner nationalpolitischen Entwicklung. Schon bald, nachdem bürgerlicher und proletarischer Liberalismus einen späten Sieg in der Weimarer Verfassung errungen hatte, ist seine innere Unfruchtbarkeit offenbar geworden. Was einer unserer größten Führer, Bischof von Ketteler, mit seherischem Blick geschaut, hat sich geschichtlich vollendet. Schöpferische Kräfte, die lange verschüttet waren, drangen jetzt ans Licht, konservativer Gestaltungswille ist wieder wach geworden. Auch in stürmischem Aufbruch des Rationalbewuhtseins lebt der Wille, zumQuellgrundederdeutschenVolk- h e i t zurückzukehren und die Sehnsucht nach einem tünftfgen Reiche, das die gottgegebene Sendung des Deutschtums verkörpert.
Aus der Erkenntnis der nationalen Rotwen- digkeit ist in diesen Tagen ein Bund katholischer Deutscher, „Kreuz und Adler", entstanden. Sein satzungsmäßiger Zweck ist, den christlich- konservativen Gedanken im deutschen Volke zu vertiefen, das Rationalbewutzt-
Oer Beginn des Heiligen Lahres.
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Das Heilige 3 ahr 1933/34 ist in Rom am Samstagvormittag durch Papst Pius XL mit der Eröffnung der Heiligen Pforte in St.- Peter in feierlichster Weise eingeweiht worden. Bereits um 9 Uhr, fast zwei Stunden vor dem Beginn der Feier, war die Säulenvorhalle mit tausendemi von Menschen dicht gefüllt. Gegen 11 Uhr erschien Papst Pius XI. an der Spitze des Zuges. Gefolgt von den Erzbischöfen, Patriarchen und Kardinalen, stieg der Papst in die Vorhalle der Peterskirche hinab. Der Papst lieh am Eingang den Zug an sich vorbeischreiten und bestieg dann den TragstuhL Dann begab er sich zum Thron, wobei er die Kardinäle Ehrle und Verde zur Seite hatte. Er stimmte das Te» deum an, das vom Chor der Sixtinischen Kappelle fortgesetzt wurde. Rach einigen Gebeten stieg Papst Pius vom Thron und empfing aus der Hand, des Kardinals-Grohpönitentiar b e n (Sol- Den e n Hammer mit Elfenbeingriff. Er näherte sich der Heiligen Tür unter tiefstem Schweigen der Versammelten. Unter den vorgeschriebenen Formeln, aus die der Chor jeweils antwortete, schlug der Papst Pius dreimal an die
Heilige Pforte, worauf diese sich langsam umlegte. Mit einem Kreuz und einer brennenden Kerze in der Hand beugte der Papst das Knie an der Stelle der Pforte, wobei er das Pange Lingua anstimmte und dann als erster die Schwelle überschritt. 3hm folgten die Kardinäle, die Bischöfe und die anderen Würdenträger des päpstlichen Hofes. Dann bestieg er den Tragstuhl und begab sich an der Spitze des feierlichen Zuges zum Konfessionsaltar, wo das Allerheiligste ausgestellt ist.
Der Zustrom auswärtiger Besucher nach Rom hat mit dem ersten Sonntag des Heiligen 3 a h r e s in bisher nie gesehener Weise eingesetzt. Es handelt sich hierbei nicht nur um Pilger, sondern auch um Ausländer, deren Besuch der Stadt Rom als Kunststadt und als Hauptstadt des neuen 3talien gilt. Man schätzt die Zahl der Gäste, die Rom augenblicklich beherbergt, auf reichlich 1 0 0 0 0 0. Die Pilgergruppen sind wegen Platzmangels zum Teil sogar in den naheliegenden Städten der Albanerberge untergebracht.
sein der katholischen Deutschen zu stärken und den Aufbau des kommenden Reiches geistig zu fördern. Der Bund ist ü b e r- parteilich, d. h. er fragt nicht nach der parteipolitischen Haltung seiner Mitglieder und verzichtet auf die den Parteien eigentümlichen Betätigungsformen. Durch sein Wirken verniag er wohl die Parteien, die sich dem christlich-konservativen Gedanken erschließen, zu befruchten. Sein Erfolg ist aber nicht an den Bestand der Parteien gebunden, die für das konservative Denken ohnehin zeitbedingte Gebilde sind. Unser Zukunftsglaube beruht darauf, daß sie vom christlichen Erbgut und von der Idee des Reiches der Deutschen überdauert werden, Kreuz und Adler.
Erich Pommer verläßt die Ufa.
Wie die „Vossische Zeitung" in Berlin meldet, hat der bekannte Produktionsleiter der Ufa, Erich
Pommer, nach einer Mitteiluna der Ufa am 31. März seine Tätigkeit bei der Universum-Film- A.-G. e i n g e st e l l t.
Wettervoraussage.
Das nordöstliche Tief, das seinen Weg über die Ostsee nach Polen zu genommen hat, befördert durch seine Rückseite immer noch maritime Luft nach Deutschland. Das Wetter bleibt daher zunächst noch etwas veränderlich, so daß bei wechselnder Bewölkung vereinzelt auch Regenschauer zu erwarten sind. Später wird sich der hohe Druck über Frankreich mehr östlich verlagern und vorübergehende Wetterberuhigung bringen. Sie dürfte allerdings nicht von allzu langer Dauer sein, denn über dem Atlantik nahen bereits Störungen heran.
Aussichten für Mittwoch: Weiterhin wechselnd wolkig mit kurzer Aufheiterung, Temperaturen wenig verändert, einzelne Regenschauer.
Aus der provinzialhouptstadk. Gießener Beamten-Verbände gegen Beamten-Wirtschafisorganisationen.
Die Vorstände des Ortskartells Gießen des Deutschen Beamtenbundes und des Ortsausschusses des DeutschenBeamten- Wirtschaftsbundes haben — wie man uns mitteilt — beschlossen:
l.Die angeschlossenen Beamten und -Anwärter stellen sich rückhaltslos hinter die neue Regierung und erflären, außer ihren beruflichen Pflichten alles nur Mögliche zu tun, was die Aufbauarbeit der neuen nationalen Regierung fördert.
2. Alle etwa bestehenden Beziehungen zu w i r t - schaftlichen Einrichtungen werden sofort gelöst, ausgenommen zu Beamtenbanken und Dersicherungsuntemehmungen.
3. Die Kollegen werden aufgefordert, etwaige Bindungen dieser Art aufzugeben und ihren Bedarf bei Handel und Gewerbe zu d e ck en.
4. Die Beamtenschaft erwartet aber auch, daß Handel und Gewerbe die Preise so bilden und halten, daß die Deckung des nötigsten Bedarfs an lebenswichtigen Gegenständen allen Beamten, insbesondere den Minderbesoldeten, auch möglich ist.
5. Zur neuen Regierung hat die Beamtenschaft das Vertrauen, vor Lieberforderungen geschützt zü werden.
Oer heutige poüzeibericht.
Von der Landeskriminalpolizeistelle Gießen wird mitgeteilt:
3n der näheren Umgebung von Gießen werden noch fortgesetzt, in der Hauptsache zur Rachtzeit, illegale Flugblätter der Kommunistischen Partei auf die Straßen und in die Hofreiten geworfen. Die Kriminalpolizei Gießen hat am 29. März den Bergmann Otto Krick aus Leihgestern festgenommen, weil durch Zeugen bekundet wurde, daß er als Verteiler von Flugblättern in Leihgestern in Frage kommt. Krick wurde am 31. März der Staatsanwaltschaft Gießen vorgeführt, die Haftbefehl gegen ihn beantragte, der auch vom Richter erlassen wurde. Durch Landjäger in Wißmar wurde der Arbeiter Loh am 2. April festgenommen, der noch im Besitze einer größeren Anzahl illegaler Flugblätter der KPD. war. Weitere Flugblätter wurden noch in Wie- seck, Trohe und Rödgen verbreitet. Alle Personen, die irgendwelche Angaben über Die Verteilung der Flugblätter machen können, werden gebeten, „icä der Landeskriminalpolizeistelle Gießen, Zimmer 42 (auch telephonisch) mitzuteilen. Auf Wunsch>wer- den die Angaben vertraulich behandelt.
Der Autovermieter Ernst Ludwig Walldorf aus Gießen, Hammstraße 2, wurde am 1. April abends auf Anordnung des Polizeiamts Gießen in Schutzhaft genommene In der linken Tasche seines Personenkraftwagens neben dem Führersitz fanden die Kriminalbeamten einen geladenen, hahnAisen Trommelrevolver. Aus diesem Grunde wurde Walldorf gestern dem Schnellrichter vorgeführt. Walldorf wurde wegen unbefugten Führens einer Schußwaffe mit einem Monat Gefängnis bestraft. Das Urteil ist rechtskräftig. Er mußte die Strafe sofort antreten.
Die beim Polizeiamt Gießen in Schutzhaft befindlichen Personen wurden wegen Platzmangels gestern in das Landgerichtsgefängnis Gießen über« geführt, bis auf einen Kommunisten aus Trohe, der weiterhin im Polizeigefängnis Gießen in Schutzhaft verbleibt.
3n den letzten Tagen wurden 5 Kommunisten, Frauen und Männer, aus Frankfurt a. M. und Bad-Rauheim festgenommen und in das Landgerichtsgefängnis Gießen eingeliefert. Rähere Angaben über diese Festnahmen können im 3nteresse der Llntersuchung nicht geckacht werden.
Oie stummen Gäste von Zweilinden
RomanvonAnny vonpanhuys.
Copyright by Belletristische Korrespondenz Bechthold.
8. Fortsetzung. Rachdruck verboten!
Ernst Flügge wollte sich ein Brötchen zurechtmachen. Bettina nahm es ihm aus der Hand und strich es mit Butter, legte es auf feinen Teller. Er schmunzelte, daß sich sein langer, weißer Schnurrbart leise bewegte.
„Dunnerlittchen, das laß ich mir gefallen! Denken Sie, Fräulein Claudius, es ist mir altem Krauter in meinem ganzen Leben noch nicht passiert, daß mir ein paar hübsche Frauenhände das Brötchen so mundgerecht vorgelegt haben. Aber fein ist das."
Bettina lächelte und versprach: „Solange ich hier sein werde, will ich es immer tun."
„Dann kommen Sie so bald hier nicht weg", scherzte er. Er ward ernft „Ich hörte vorhin von Anton, die Weitens reifen morgen vormittag ab. Es wird ihnen allmählich wohl doch zu unbehaglich werden, sich weiter nur in der Logierstube herumzudrücken, denn sie stehen ja im Herrenhause, im wahren Sinn des Wortes, überall vor verschlossenen Türen."
Bettina erzählte ihm die gestrige Szene mit Justine von Welten.
Der Alle nickte lebhaft: „Das war so recht Justine von Welten. Nach oben sich bücken und nach unten treten. Wenn Sie die Erbin von Zweilinden geworden wären würde sie Ihnen so schöngetan haben, daß sie sich hier ständiges Asylrecht herausgegaunert hätte. Dann hätte sie alle Ausgaben gespart und hier die Beschützerin und Verwandte der Herrin von Zweilinden gespielt. Das Biest kenne ich gründlich."
Er putzte sich seinen Bart mit der Serviette.
„Verzeihung, Fräulein Claudius, ich habe mich wohl ein bißchen zu drastisch ausgedrückt."
Bettina sah ihn an: „Möglich, aber es stört mich nicht, weil es wahr ist."
Drüben im Herrenhause packten die Weitens. Sie hatten ihre Koffer im Zimmer behalten und füllten sie nun mit allem, was sie mitgebracht hatten. Frau Justine trällerte dabei vor sich hin, unterbrach sich und meinte: „Hoffentlich Dauert es nicht zu lange, bis wir endgültig hierher übersiedeln können. Das aber weiß ich scyon heute, Inspektor Flügge fliegt dann 'raus, weil er die Bettina bei sich ausgenommen hat. Sie soll diese Nacht bereits brühen geschlafen haben."
Justine von Welten lochte: „Eigentlich ist der Weg vom Herrenhause bis ins Jnspektorhaus gar nicht weit, und doch ist es ein mordsweiter Weg für das Mädchen. Aber so einer hochnäsigen Person, die einem noch freche Antworten gibt, statt vor einem
zu kriechen, schadet es nichts, wenn sie ordentlich geduckt wird."
Ihr Mann dachte gelangweilt, seine Frau könnte doch endlich einmal mit Dem Thema aufhören,- seit gestern abenD schimpfte sie ununterbrochen auf Bettina. Ader zu sagen wagte er nicht, was er dachte, der zukünftigen Erbin von Zweilinden durfte man Die Laune nicht verderben.
Also schimpfte er mit auf Bettina.
Beim Frühstück sagte er: „Weißt Du, Justi, am meisten ärgern mich die Siegel, die vom Amtsgericht angebracht worden sind. Ich hätte zu gern versucht, das Geheimnis des Bankettsaales zu lüften. Gehört haben wir den Spuk ja alle, Bettina, du, ich und der Diener. Ich würde schon herausgebracht haben, wer Den Schwindel in Szene gesetzt hat."
Sie besprachen das Thema noch ein Weilchen und machten sich dann zum Ausgang bereit. Sie wollten diesen Vormittag einen längeren Spaziergang unternehmen. —
Am Nachmittag bat Herr von Welten Inspektor Flügge um einen Wagen für den nächsten Morgen, Der seine Frau unD ihn ins Dorf bringen könne an Die Station.
Flügge machte eine Bewegung Des Bedauerns. „Ich stehe jetzt gewissermaßen auch unter Aufsicht des Amtsgerichts und kann Pferde und Wagen nur zu Zwecken benutzen, die mit Der Aufrechterhaltung Des Gutsbetriebes zusammenhängen", erklärte er.
Dieter von Welten blickte ihn ärgerlich an. „ReDen Sie dock) keinen Unsinn, Herr Inspektor. Es wäre doch toll, wenn Sie uns nicht mal einen Wagen für die Fahrt nach Der Station geben könnten "
„Ich bedauere, aber ich bin nicht berechtigt dazu", war die Antwort.
Da flammte Zorn in dem eleganten Welten hoch. — Hol Sie der Teufel, Herr, mitsamt Ihrer Kateridee", erregte er sich. Er dämpfte Die Stimme und fügte hämisch hinzu: „Vielleicht kommt bald eine Zeit, wo Sie es bereuen werden, sich gegen meine Frau und mich so ungefällig benommen zu haben. Es gibt jüngere und leistungsfähigere Inspektoren als Sie."
Ernst Flügge nickte: „Stimmt auffallend, Herr von Welten, und ich mache von Herzen aern und freiwillig einem jüngeren und leistungsfähigeren Inspektor Platz, wenn Ihre Frau Zweilinden bekäme."
Welten brummte etwas, was Der anDere nicht verstand. Aber da es bestimmt kein Segenswunsch gewesen, legte der alte Inspektor auch keinen Wert darauf, es zu erfahren.
Am Nachmittag bestellte sich Herr von Welten einen Wagen im Dorf, und am Abend ging Das Ehepaar früh schlafen, um am anderen Morgen etwas früher als sonst aufzustehen.
Dieter von Welten hatte seiner Frau natürlich erzählt, was ihm Inspektor Flügge geantwortet, aber sie hatte nur gelacht und gemeint: „Laß gut fein, Dieter, die Stunde wird ja kommen, in der wir Den
Kerl rausschmeißen können. Vielleicht ist Dann Bettina noch bei ihm. Dann können sie beide Hand in Hand loswandern und sehen, wo sie ein Eckchen finden.Jch würde mich freuen, die zwei zusammen zum Tempel hinauszujagen."
8.
Bettina erwachte von einem heftigen Donnerschlag, Dem ein blendender Blitz und ein neuer, noch heftigerer Donnerschlag folgte.
Sie war es von Kind an gewöhnt, bei schwerem nächtlichen Gewitter sofort aufzustehen. So sprang sie auch jetzt mit beiden Füßen zugleid) aus dem Bett und schlüpfte in ihre Kleider. Gleich darauf hörte sie draußen auf dem Flur den Inspektor oor- übergehen. Seine hohen Schaftstiefel verstanden es nicht, vorsichtig aufzutreten.
Wad) einem Weilchen klopfte es bei ihr an. Es mar Die alte Grete, die etwas verschlafen bestellte: „Herr Inspektor meint, sie sollten ins Wohnzimmer kommen, Fräulein Claudius, es wäre ein starkes Gewitter, da ist man am besten gleich bereit."
Bettina nickte und folgte Der Alten.
Unten in der Wohnstube saß Ernst Flügge. Er meinte: „Ein Teufelswetter ist losgebrochen. Wir befinden uns in den letzten Maitagen, und man meint, Der Donnergott hätte noch gar keine Eile. Aber er legt schon energisch los!"
Ein Blitz erhellte Das Zimmer, wandelte Die Gesichter in starre Masken, und der darauffolgende Donnerschlag ließ das Haus erbeben.
Die Alte, welche furchtsam auf dem Sofa saß, fuhr zusammen.
Die Läden schloßen nicht völlig, es fehlten ein paar Sprossen. Ein neuer Blitz sprang da hindurch, tauchte das altmodische Zimmer in fein grelles, unheimliches Licht, und dann knitterte und knatterte es, als würden Tausende von Porzellanschüsseln zugleich auf harten Steinboden geworfen und zersprängen in zahllose Scherben. — „Um Himmels willen!" Die alte Grete fiel in die Sofaecke und hielt fid) die Hände vor die Augen, um nichts zu sehen. Bettina empfand ein bedrückendes, lähmendes Angstgefühl, das sie zwang, neben der alten Haushälterin Platz zu nehmen, aber Inspektor Flügge stand auf, sagte laut: „Es hat hier ganz in Der Nahe ein- gefdjlagen ’"
Er trat an das Fenster und riß es auf, obwohl ein Wind daherschnob, daß sein Stränenhaar hoch flog wie Dünne, kurze Bänder. Schon hatte er das Fenster wieder geschlossen und griff nach seinem alten Filz, drückte ihn tief in den Kopf. „Id) will Umschau halten draußen, der letzte Schlag war zu verdächtig."
Nach einer Stunde kehrte er zurück, rief ins Zimmer: „Eben habe ich erst endecken können, wo es eingeschlagen hat. Es brennt im Herrenhaus."
Bettina wollte ihm folgen. Sie kümmerte sich nicht um Das Rufen Der Alten, die ihr, von Entsetzen gepackt, hier alleinbleibcn zu sollen, nachlief und sie auf Dem Flur am Kleide festhielt.
Fräulein Claudius, ich fürchte mich fo sehr".
wimmerte sie. „Lassen Sie mich nicht allein. Sie können ja doch nicht beim Löschen helfen, und der Herr Inspektor wird schon alles richtig anordnen." Da blieb Bettina. Die alte Grete tat ihr leid, und sie hatte recht, sie konnte wirklich nicht beim Löschen helfen.
Das Toben der Elemente beruhigte sich allmählich, auch Der Sturm war verstummt, und nun sahen Bettina und die alte Grete vom Fenster aus an der einen Seite des Herrenhauses eine Flammensäule.
Es gab eine gute Spritze auf dem Hof, und die Knechte mußten damit oftmals regelrechte. Feuerwehrübungen machen, den Befehl führte dann der Inspektor, Der in seinem schäbigen Zivil Die behelmten Leute kommandierte. Schon mehrmals hatte es im Laufe der vielen Jahre, seit er auf Zweilinden war, hier gebrannt, aber immer hatte es sich nm Schuppen und Scheunen gehandelt. Das war der erste Brand im Herrenhaus, solange Inspektor Flügge hier lebte.
Es brannte im Arbeitszimmer des toten Gutsherrn. Weil sich das Feuer erst durch Die Möbel und Fensterläden fressen mußte, hatte es so lange gedauert, bis man sand, wo der Blitz gezündet. Es blieb dem Inspektor nichts anderes übrig, als Die große Flügeltür einschlagen zu lassen, vor Deren Schloß Das Siegel Des Amtsgerichts lag. Es waren ja Zeugen genug Da, Die bekunden konnten, er mußte so handeln.
Die Möbel standen in hellen Flammen, Die Scheiben waren gesprungen, und Die Flammenzungen leckten da hindurch. Sie suchten neue Nahrung, und schlugen wütend zurück, weil sie draußen keine fanden. Mit ein paar kräftigen Wasserstrahlen ließ sich die Macht des Feuers brechen, und als Der Morgen graute, glimmte es noch hier und dort, aber es brannte nicht mehr. Die Möbel waren fast alle vernichtet, der große Schreibtisch war eine Ruine. Was man an Papieren Daraus noch mühsam hatte retten können, lag im Seitengang unter der Hintertreppe.
Das Ehepaar Welten hatte sich während Der Löscharbeiten unten in Die Küche geflüchtet. Dort schien beiden Der sicherste Aufenthalt, solange es noch brannte. Sie befanden sich allein in der Küche, die Dienerschaft stand auf den Treppen und Gängen herum. Schließlich zogen es beide dann doch vor, wieder ihr Zimmer aufzusuchen, sie waren müde und wollten versuchen noch ein Stündchen zu schlau fen. Sie gingen die Hintertreppe hinauf und sahen den geretteten Haufen Paniere, auf dem ganz oben eine allmodiscke, mit Perlenstickerei geschmückte Schreibmappe lag.
Frau Justine kannte Die Schreibmappe genau. Sie hatte sie als junges Mädchen für ihren Vater gearbeitet. Unwillkürlich bückte sie sich und nahm sie , auf, und dabei öffnete sich die Mappe, die mit brauner Seide gefüttert war. Die Seide war schon oerschabt, man merkte, die Mappe war viel benutzt worden.
(Fortsetzung folgt.)


