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4.3.1933 Frühausgabe
 
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men. Die Landwirtschaft will keine Almosen, sondern Wiederher st ellung ihrer Le - bensgrundlagen. die ihr von einem bau* ernfeindlichen System genommen wurden. Die Sa­nierung der Landwirtschaft ist der Hintergrund, auf dem der Wiederaufbau der übrigen Wirtschaft. Industrie und Handel, Hand­werk und Gewerbe, erfolgen muh. Der Mittel­stand in Handwerk und Gewerbe, der durch die Verschuldung der Landwirtschaft und die Politik der letzten 14 Jahre in seiner Existenz bedroht ist, soll nicht nur vor dem Verfall be­wahrt, sondern In seinem Wiederaufbau tatkräf­tig unterstützt werden. Die Notwendigkeit der Erhaltung der mittleren unb ver­arbeitenden Industrie, die eines der Opfer falscher Handelspolitik ist, gehört in den gleichen Aufgabenbereich. Untere Arbeit wird von dem Grundsatz geleitet, daß der Wert und die Widerstandsfähigkeit einer Wirtschaft nicht nach der Gröhe von Konzernen oder gar nach der ungesunden Zusammenballung spekulativer Kapitalkräfte gemessen wird, sondern nach der Zahl und dem Wohl st and von Mil­lionen von Einzelexistenzen.

Mit diesem organischen Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft wird auch dem Arbei­ter am meisten geholfen. Er will nicht Renten empfangen, sondern Arbeit haben. Er hat die sozialistischen Experimente satt. Er will wie jeder andere Stand zu Eigentum und bescheidenem Wohlstand gelan­

gen und die Zukunft seiner Familie gesichert sehen.

Der wirtschaftliche Wiederaufbau ist nur ge­fiebert, wenn er sich auf die nötigen kulturellen Grundlagen stützen kann. Deshalb wende ich mich besonders an die deutsche Frau und Mutter. Selbstlose Hingabe an die Sache. Treue. Redlichkeit, Fleih und Tüchtigkeit müssen wieder zur Norm unseres Lebens werden. Die Erziehung in der Schule und die Erziehung in der Familie ergänzen sich und hüben zusammen die notwendige Voraussetzung dafür, dah die­jenigen Eigenschaften wieder Geltung bekommen, die das deutsche Voll stark und groh gemacht haben.

Der Sinn dieser Wahl, schloh Dr. Hugenberg, liegt nicht in parlamentarischen Augenblicks­erfolgen, sondern er liegt darin, vor aller Welt festzustellen, dah das deutsche Volk sich ent­schlossen hinter die nationale Regierung und ihre Mahnahmen stellt. Der Anschauungsunter­richt, den uns derVolschewismusin diesen Tagen erteilt hat, die Visitenkarte, die er mit der Brandfackel im Reichstag abgegeben hat, kann nur den Erfolg haben, dah das deutsche Volk sich seines Lebenswillens umso stär­ker bewuht wird. Rur wenn wir den Bolsche­wismus und seine Brutstätten mit Stumpf und Stiel ausrotten, nur wenn Sicherheit und Ord­nung in deutschen Landen unerschütterlich da- stehen, kann der Wiederaufbau aus den Trüm­mern der Revolutionsjahre erfolgen.

Imning sprich! auf einer Zentrums-Kundgebung im Verliner Sportpalast.

Berlin. 3. März. (ERB.) Die Berliner Zentrumspartei veranstaltete in den Räumen des Sportpalastes eine Wahltundgebung, bei der als Hauptredner der frühere Reichskanzler Dr. Brüning auftrat, der von der Versammlung durch Aufstehen und lebhafte Zurufe herzlich be­grubt wurde. Der ehemalige Reichskanzler er­klärte u. a.: Cs dürfe nur noch einen Kampf geben, den Kampf zur Verhinderung des Umsturzes. Die Reichsregierung werde bei der Bekämpfung des Kommunismus bte vollste Unterstützung des Zentrums haben. Das Zentrum verlange aber, dah über die Brand­stiftung im Reichstag eine möglichst schnelle und vor der Oeffentlichkeit stattfindende Unter­suchung durchgeführt werde. Der Demichtungs- kampf gegen die bolschewistische Gefahr könne niemals ausschliehlich mit dem Schwert geführt werden. Rur wer im Christentum lebe, diene und optere, werde allein der Sieger über die bol­schewistische Gefahr sein. Druck erzeuge Gegen­druck. Die größte Gefahr sei eine dumpfe Atmo­sphäre, die man nicht mehr kontrollieren und überwachen könne.

Wenn man in vier Jahren die deutsche Wirt­schaft retten wolle, so wäre politische Ruhe die erste Voraussetzung. Die Konjunktur der Steuerscheine sei verpufft, weil kein Ver­trauen in die politische Ruhe und Stabilität eingetreten sei. Cs werde noch manches zu geschehen haben, um eine vorüber­gehende Besserung zu bringen. Richt möglich sei es, die Weltwirtschaftskrise zu lösen, wenn man nicht mit der Welt Hand in Hand an die Fragen heranginge und wenn man nicht im Innern Vertrauen zueinander und in der Welt Vertrauen zu uns schaffe. In jeder groben Krise gebe es einen Tiefpunkt, bann bessere sich die Wirtschaftslage gewissermaßen auto­matisch. Dieser Tiefpunkt fei im Mai und Iuni erreicht worden. Seitdem sei das Ansteigen der Konjunktur künstlich beeinträchtigt. Wenn man heute von einem System spreche, baä auf die An­klagebank gehört, dann sei es das System der Austenpolitik der zwei Iahrzehnte vor dem Krieg, das uns in den Krieg hin- eingeraten lieh, in einem so ungünstigen Augen­

blick. dah aller Heroismus nichts mehr retten konnte.

Wenn man heute einem System die Schuld geben kann, so ist es das System der Vergeudung des Bismarckschen Erbes. Unser Weg ist auf Frieden gestimmt, solange Verfassung und Recht Grundlage des politischen Lebens sind. Aber er führt zu entscheidendem Kamps, wenn man wagt, Recht und Verfassungssicherheit im deutschen Volk zu un- terwühlen. Wir wissen, daß bei Druck von außen die Freiheit nur errungen werden kann durch ein Volk, dem die Freiheit im Innern gegeben ist. Ich bin für den Reichspräsidenten in den Kamps gegangen und habe ihn geliebt, weil ich der Ueberzeugung war und bin, daß der Reichspräsident es e r n ft nimmt auf Grund seiner religiösen Ueberzeugung mit der Innehaltung der Verfassung, und aus diesem Grunde muß ich in diesem Augen­blick vor der Oeffentlichkeit den Appell an ihn rich­ten: Aktiv zu sein als Hüter der Ver­fassung, als Schützer der Unterdrückten, als Vater des Vaterlandes, auch für die, die ihn ge­wählt haben und die jetzt von seinen Gegnern ihrer Rechte beraubt werden. Wir sind bis zum äußersten entschlossen, zusammenzuhalten und zu kämpfen. Wir werden es zwingen, denn die, die das Vaterland auf Rechtund Gerechtigkeit und Freiheit aufbauen, sind niemals verloren und vergessen, sondern sie werden wiederkehren, weil es ums Vaterland und ums Ganze geht.

Oer Reichspräsident an die Fuldaer Bischofskonferenz.

Breslau, 3.Mörz. (ERB. Funkspruch.) Aus Anfragen des preußischen Episkopats über den Schutz der Wahlfreiheit bei den bevor­stehenden Wahlen ist vom Herrn Reichspräsidenten an den Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz Kardinal-Fürst-Erzbischof Bertram- Breslau fol­gende Antwort erteilt:Ich bitte Ew. Eminenz ver­sichert zu fein, daß ich alles in meinen Kräf­ten Liegende tun werde, um die Wahlfreiheit der Staatsbürger zu sichern und Ausschreitun­gen im Wahlkampf zu verhindern, und ich bin auch überzeugt, daß die Reichsregierung von derselben Absicht geleitet ist. Abschrift Ihres Schrei-

Die Erdbebenkatastrophe in Japan.

Bisher 591 Tote, 600 Vermißte, 1000 Verletzte.

2 o t i o , 3. Marz. (121.) Rach den bisherigen Fest­stellungen der rintersuchungs. und Vergungskom- mission ist die Zahl der Todesopfer beim Erd- beben auf bisher 591 gestiegen. Etwa 1000 Personen wurden verteht, 600 Personen werden noch ver­mißt. Gegen 8000 Häuser wurden zerstört. Feuer­wehr. Polizei und Truppen sind mit Aufräumungs­arbeiten beschäftigt. Sämtliche Fernsprech- und Tete- graphen-Leitungen in den betroffenen Gebieten sind zerstört. 3n Tokio wurden am Frettagvormittag noch leichte Erdstöße verspürt. Das Erdbebengebiel wird von einem großen Truppenaufgebot abgesperrt. Man befürchtet, daß die Verlustzahl sich noch weiter steigern wird.

Erdbebenschäden wurden weiter angerichlet in den Bezirken von Fikushima. Miyaji, Lhiba und Ivate. Die japanische Regierung hat sofort von der Marine- station Ominato Kreuzer ausgesandt, die den be­troffenen Häfen in dem Erdbebengebiet Hilfe bringen sollen.

Die Erdbebenkatastrophe in Iapan wurde auch von den Erdbebenwarten in Deutschland aufgezeichnet. So verzeichneten die Instru­

mente der Reichsanstalt für Erdbebenforschung in Jena die Aufzeichnung am Donnerstag um 18 Uhr 43 Minuten 35 Sekunden. Die toürttem- bergische Erdbebenwarte in Stuttgart stellte fest, daß die Bodenverschiebung im Bereich der Oberflächenwellen annähernd 4 Millimeter be­trug. Die Warte bezeichnet das Beben als d a S stärkste in den letzten 30 Jahren.

480 Todesopfer der Sturmflut

Etwa 40 Minuten nach dem Erdbeben setzte an der ganzen Küste von Tokio bis Sairiya an der Rordküste von Honshiu eine große Flut­welle ein, die viele Dörfer an der Küste voll­ständig zerstörte. Am meisten litten die Häfen ' von Kamaishi, llZamada' und Myako. Die Ver­kehrsverbindungen haben außerordentlich stark gelitten. In Tanohata sind zwölf Menschen ge­tötet und 45 werden vermißt. Aehnliche MÄdungen liegen aus Hokkaido, Sabishiro und Kisennuma vor. Im ganzen hat die verheerende Sturmflut nach den bisherigen amtlichen Mit­teilungen etwa 480 Todesopfer gefordert. Ferner werden 1800 Verletzte und ^Ver­mißte gemeldet.

bens habe ich unverzüglich dem Herrn Reichskanz­ler und dem Herrn Reichskommissar für das Land Preußen übersandt."

Eine Kundgebung der Evangelischen Kirche.

Berlin, 3.März. (CRD.) Der Deutsche Evangelische Kirchenausschuß wendet sich mit einer Kundgebung an die Oeffentlichkeit. in der es heißt:

Die Evangelische Kirche hat den Berus, un­abhängig vom Wechsel der politi­schen Lage dem ganzen Volk zu die­nen. Daher hat die Kirche Recht und Pflicht zu seelsorgerischen Mahnungen, welche sich ohne Unterschied der Partei an alle Kirchenglieder richten: Ie mehr des Hasses, desto mehr Liebe. Ie mehr der Lüge, desto strengere Wahrhaftig­keit! Rehmt es ernst mit dem achten Gebot. Ie mehr des selbstischen Wesens, desto mehr selbstlose Hingebung an das, was des Rächsten ist und an das. was über alles steht: an das deutsche Volk, an das ganze Vaterland!"

Keine Antastung der Beamtenrechte.

Berlin, 3. März. (WTB.) Amtlich. Von übelwollender Seite werden Gerüchte verbreitet, wonach die Reichsregierung beabsichtige, nach den Wahlen die Rechte der Beamten anzu- t ast en. Jeder Einsichtige weiß, daß es sich hier wieder um eine verantwortungslose Wahl­mache handelt. Ebenso wie der Herr Reichs­kanzler hat auch Herr Reichsminister Dr. Frick bei Üedernahme seines Ministeriums erklärt, daß die jetzige Reichsregierung den größten Wert auf ein sauberes, pflichttreues Beam­tentum legt, das zu dem Staatsaufbau unent­behrlich ist. Selbstverständlich werden die Rechte eines solchen Beamtentums von der Reichsregierung geschützt werden.

Verbot des Oruckereibetriebs der FrankfurterVottsstimme".

Frankfurt a. M., 3. März. (WSN.) Heute morgen wurde in den Räumen der Frankfurter V o l k s ft i m m e" eine polizeiliche Durch­suchung vorgenommen und einige politische Flug­schriften beschlagnahmt. Die Fertigstellung derOberhessischen Volkszeitun g", die im Betrieb derDolksstimme" hergestellt wird, wurde verhindert. Auf Grund einer polizeilichen Verfügung wurde derVolksstimme" die Fort­setzung des Druckereibetriebes bis

einschließlich 14. März verbot en, well durch die Fortsetzung des Betriebs die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdet sei. Erlaubt ift nur der Druck des von der Stadt Frankfurt her­ausgegebenenStädtischen Anzeigenblattes".

Umfangreiche Schiebungen beim Dortmunder Voltshausbund.

Dortmund. 3. Marz. (WTB.) Auf Anord­nung des Polizeipräsidenten hat oie Kriminal­polizei gegen die Dokshausbund GmbH, in Dortmund-Wellinghofen, die im Herbst 1932 in Konkurs geraten ift und zu deren Ge­sellschaftern der frühere Landrat des Kreises Hörde. Hansmann, der Stadtbaumeister Schilling, der frühere Amtmann von Wel­linghofen D r e f i n g, jetziger Magistratsrat der Stadt Dortmund, und der un Jahre 1928 verun­glückte Wirtschaftsdirektor Küch gehörten, ein Er­mittlungsverfahren wegen Betruges, Un­treue undKonkursverbrechen eingelex- tet. In diesem Ermittlungsverfahren wurde vor­läufig festgestellt, daß die Geschäftsführer Hans­mann und Schilling die Bolkshausbund GmbH., die einen rein privaten Charakter hatte, mit öf­fentlichen Geldern errichtet haben. U. a. soll der Landrat a. D. Hansmann eine Mil­lion Mark unverzinslichesundunkünd- bares Darlehen von der Kreisbau* g e s e l l s ch a f t sich habe geben lassen, die wahr­scheinlich ähnlich verwendet worden sind, wie die Gelder der Bolkshausbund GmbH. Die Buchfüh­rung, die den Nachweis über den Verbrauch von 320 000 Mark Baugeldern erbringen sollte, war derart unsachlich geführt, daß die Klarstellung der Verhältnisse bei der Vollshausbund GmbH, au­ßerordentliche Schwierigkeiten bereitet. Bei den Ermittlungen ist von Zeugen angegeben worden, daß Hansmann in den Jahren 1925 bis 1926 drei Millionen Mark von BerlinerStel- I e n für soziale Zwecke erhalten habe, über deren Verwendung er sich jede Kon­trolle verbeten haben soll. Hansmannhat (ebenfalls nach Zeugenaussagen) in diesem Jahre eine Erholungsreise nach Norderney unternommen, für die er 1905 Mark beim Kreis liquidiert hat. Die von dem Äon- trollausschuh des Landkreises Hörde beim Mini­ster des Innern in Berlin über diese Ausgaben erhobenen Vorstellungen sind zurückgeteie- s e n worden. Die Kriminalpolizei hat die Er­mittlungsaktion sofort an die Staatsanwaltschaft abgegeben, die die Angelegenheit weiter verfolgt.

Geschichte einer Narbe.

Von Victor Klages.

Die junge Dame sieht auf meine linke Hand. Springend, nervös ist ihr Blick. Biel Neugierde spricht daraus, aber nicht nur das. Ich fühle auch einen leisen Schauder.

Was hab' ich denn an meiner linken Hand? Ich kenne sie doch seit über vierzig Jahren, und ich bin mir nicht bewußt, daß etwas Besonderes daran sei. Unwillkürlich betrachte ich die Hand.

Die junge Dame lächelt. Ein bißchen gezwun­gen. Sann sagt sie:Da die Narbe."

Ach so, die Narbe am kleinen Finger. Vorn Krieg? Nein, nicht vom Krieg. Die ist viel äl­ter. Das war südlich von Neuseeland...

Erzählen", haucht die junge Dame.

Gut. Aber es ist keine liebliche Geschichte. Heute, wenn ich zurückdcnke, lach' ich allerdings darüber. Damals hab' auch ich nicht gelacht.

Seh' ich so aus, als ob ich Leichtmatrose auf einem Segelschiff gewesen wäre, das in der Süd­see herumvagabundiert? Nein, nicht wahr? Ehe­malige Seeleute stellt man sich für gewöhnlich an­ders vor. Ich spucke nicht ins Zimmer, ich trinke den Rum nicht aus dem Wasserglas, und mein Gesicht ist nicht pockennarbig obwohl in den Iungensbüchern ehemalige' Seeleute immer pocken­narbige Gesichter haben. Es läßt sich aber nicht leugnen, dah ich mit 17 Iahren Leichtmatrose auf derAlcedo" war, die Kohlen von Australien nach Chile brachte.

Wir hatten, der Windverhältnisse halber, den Kurs tief südlich um Neuseeland genommen, es gab schlechtes Wetter, und da der Kahn bis an die Luken mit Kohle vollgestopft war, konnten wir fast täglich und nächtlich Schwimmübun­gen an Deck machen. Das Thermometer zeigte nur ein paar Grad Wärme. Kein trockenes Hemd mehr in der Kiste, das Oelzeug, die Stiefel gründlich durchweicht: es ist einem nicht sehr wohl zumut in solcher Situation, eine warme Ecke bin- term Ofen bei Muttern geistert als Wunschbild in den kurzen Träumen.

Ich war also keineswegs böse, als mich der Ka­pitän zur Aushllse in die Pantry befahl. Die Päntöh-ist ein netter Aufenthalt für Drückeber­ger. Da steht in dem engen Raum, geschützt vor Wind und Wellen, ein junger Mensch und putzt demAlten" und den Steuerleuten die Tisch­messer, alle Minute einmal zieht er das Messer übers Putzbrtftt, und dann geht er hin und macht die Betten unh fegt aus und deckt den Tisch es ist keine sehr romantische Beschäftigung, die der Kajütsjunge hat, aber im schlechten Weller ist sie Goldes teert Der Kajütsjunge lag mit Bauch­

grimmen in seiner Koje. Da muhte nun ein an­derer ran.Hast du Schwein", sagten die Kame­raden, als ich in das neue Quartier übersiedelte.

Vielleicht eine halbe Stunde bin ich Kajüts­junge gewesen. Da passierte es. Donnerndes Poltern aus dem Salon des Kapitäns schreckt mich auf. Der Salon wird Segelschiffen während der Fahrt ausgeräumt, der Teppich wird wegge­nommen, Stühle und Tische werden zusammen­gesetzt und festgebunden, damit das Rollen des Schiffes nicht alles durcheinallderwürselt. Was kann da poltern?

Eins, zwei bin ich an der Salontür, schon kommt der Kapitän schimpfend die Treppe zum Karten­haus heruntergesprungen, wir beide starren auf die Bescherung, aber wir müssen uns an der Tür­kante festhalten, denn die Bark macht ganz ver­rückte Hopser.Lausebengel!" faucht der Alte. Ich versuche darauf hinzuweisen, daß der andere 3unge die Schuld habe, ich sei doch erst seit einer halben Stunde anwesend. Was hilft das! Wer da ist, hat immer schuld.

Die große Medizinkiste, die auf einem Regal stand, ist herabgepurzelt: mein Vorgänger hatte vergessen, sie festzubinden. Das Schiff rollt stark, das heißt: mal liegt es nach Steuerbord über, mal nach Backbord. Die Medizinkiste macht daher Rutschpartien von Wand zu Wand. Und sie rutscht wunderbar. Denn in der Medizinkiste, die sich beim Stürzen geöffnet hat, war eine Flasche mit fünf Liter Rizinusöl: das blanke Parkett ist mit einem spiegelnden Teich von Rizinusöl bedeckt, und darin tummelt sich alles, was einmal schön geordnet in der Kiste lag.

Die Chininpulver!" brüllt der Alte.Hol die Chininpulver aus dem Dreck heraus!"

Ich bin in Seestiefeln. Die Stiefel sind gut gefettet; auch die Sohlen. Das Schiff taumelt hin und her, gestoßen von der mächtigen See. Ich werde auf dem Rizinusöl herrlich ins Schlit­tern kommen. Dreißig, vierzig zerschlagene Fla­schen kollern am Boden...

Befehl ist Befehl. Nirgends so tote an Bord eines Segelschiffes. Also hinein in den Teich und die Chininpulver gerettet. Ich stehe an der Steuerbordwand, will mich vorsichtig bücken. Da macht dieAlcedo" hops, und hatti hallo saust einer über die Rizinusbahn, schlägt hart an die Dackbordwand, kippt nach hinten und fällt. Mit der linlen Hand, die sich abwehrend ausstreckt, stürzt er in eine zersplitterte Glasflasche. Breit flieht das rote Blut.

Der Alte schreit. Der Erste Steuermann kommt. Der Erste Steuermann pfeift. Ein Matrose rennt herbei. Ich bin aus dem Rizinus herausgekrvchen, I Fäuste pressen meinen linken Arm. Rund um den

kleinen Finger ist das Fleisch bis auf den Kno­chen glatt durchschnitten.

Ich kriege einen Verband und bin Kajütsjunge gewesen. Der Nächste vor! Auf meiner Seekiste im Logis hockend, mache ich drei Kreuze über dem kleinen Finger. Hoffentlich bleibt er dran.

Zunächst einmal blieb der Verband. Der Alte hatte eine Scheu davor, ihn abzunehmen.Laß das man erst ein bißchen heilen", sagte er. Das schlechte Wetter verzog sich. Da rief mich der Kapitän.

Ich weiß es, als ob es gestern gewesen wäre. Der Alte sah auf der Fleischkiste, die auf dem Achterdeck stand, und neben ihm lauerte mit einem brennenden Lächeln der Zweite Steuer­mann Jessen. Der Verband wird abgewickelt. Es zeigt sich, dah der Finger zwar schon locker angeheilt ist, aber die Wundränder passen nicht auseinander. Der obere Wundrand steht um einen kleinen halben Zentimeter über.

Jessen", sagt der Alte,holen Sie mal Ihr Koffergrammophon." Jessen holt schweigend das Grammophon. Offensichtlich ahnt er, was der Alte vorhat. Die Konservenmusik wird aufge­zogen: es ertönt das LiedVilja, o Villa, du Waldmägdelein" damals der neueste Schlager.

Schön, was?" sagt der Alte, und während diese merkwürdige Narkose durch das Gehör ein wenig zu wirken beginnt, reiht er mit einem Ruck den angeheilten Finger wieder ab schwarz wurde der blaue Himmel, ganz schwarz.

Als ich, Jahre später, nach Deutschland zurück­gekehrt war, horte ich das Vilja-Lied in einem Kaffeehaus spielen. Die Leute, die mit mir am Tisch sahen, haben sich gewundert, dah ich plötz­lich so bläh wurde...

Dies, gnädiges Fräulein, ist die Geschichte meiner Narbe. *

Ibsen als Maler.

In Heisingborg hat die Ausstellung von zwei Gemälden des großen Dramatikers Henrik Ibsen viel Aufsehen erregt, und Tausende kamen, um sich diese Kunstleistungen des Dichters auf einem ihm fremden Gebiet zu betrachten. Die Bilder fesseln mehr durch die Persönlichkeit ihres Schöp­fers als durch ihren künstlerischen Wert. Das eine stellt eine norwegische Gebirgslandschaft dar, das andere ein biblisches Motiv: den Erzengel Ga­briel, wie er auf die Erde hinabsteigt. Ibsen hat nur ganz kurze Zeit in seiner Iugend gemalt und immerhin dadurch bewiesen, daß auch ihm ein Doppeltalent eigen war, wie es viele Poeten be­sitzen. CS sind nur fedj£ Bilder Ibsens aus der Jugendzeit bekannt, von denen zwei im Besitz der Familie Ibsen sind; das Schicksal zweier an­

derer ist unbekannt. Die beiden ausgestellten Werke gehören Dr. Odd Reimann, einem Urenkel des Apothekers, bei dem Ibsen in Grimstad seine Lehrjahre verbrachte. Die beiden Gemälde wurden vor einiger Zeit durch Zufall in einer Kammer der Apotheke von Grimstad entdeckt und jetzt we­gen der Berühmtheit ihres Schöpfers der Ausstel­lung für würdig befunden.

Zeitschriften.

Die Süddeutschen Monatshefte (München) bringen in ihrem neuesten HeftRote Kulturrevolution" durch Hans Richard Mertel, einen besonderen Kenner des ganzen Stoffes, zum erstenmal einen umfassenden, er­schreckenden Ueberblid mit sehr vielen, bisher kaum bekannten Einzelheiten. Da ist ein be­sonders interessantes KapitelDer Sowjetrund- funk droht". Durch Briefwechsel mit den nach tausend Dingen fragenden deutschen Hörem spannt dieser Sender allmählich ein lückenloses Netz von Korrespondenten über Deutschland. Er arbeitet eng zusammen mit der deutschen kom­munistischen Parteiorganisation, insbesondere mit demFreien deutschen Radiobund", dessen Mit­glieder z.T. auch in der Funkspionage und in der Bedienung von Kurzwellensendern ausge­bildet werden. Eine Reihe kommunistischer Ge­heimsender ist in Deutschland in Betrieb. Auch auf dem Gebiete der Schule empfangen die deut­schen Kommunisten von Moskau bis in alle Einzelheiten gehende Weisungen. Der wichtigste Abschnitt über die geistige Bolschewisierung Deutschlands gibt einen umfassenden Ueberblid über Kultur und Literatur im roten Rußland, wobei die Anerkennung der angeborenen hohen künstlerischen Begabung des Russen für Theater und filmische Darstellung deren Vergewalllgung im Dienste des Bolschewismus nur um so greller hervortreten läßt. In Deutschland sind die roten Kulturverbände" in einer Dachorganisation, der Ifa", d. h.Interessengemeinschaft für Arbeiter­kultur", straff zusammengefaßt, angefangen von der «Proletarischen Freidenkerjugend" über die 3unge Volksbühne" und denArbeiter-Theater- bund" bis zumEinheitsverband für proletarisch« Sexualreform". Nicht nur die Städte, auch das ganze flache Land wird durch dieRoten Spieltrupps" planmäßig bearbeitet, Jahr für Iahr stärker. Der Bolschewismus hat erkannt, dah der letzte Endkampf nicht ein Kampf zwischen wirtschaftlichen Programmen, sondern ein Kampf zwischen Religion und Gottlosigkeit fein wird. Dieses Heft zeigt jedem, daß das Wort .Kul­turbolschewismus" wahrhasttg kein leeres Schlag­wort ist.