men. Die Landwirtschaft will keine Almosen, sondern Wiederher st ellung ihrer Le - bensgrundlagen. die ihr von einem bau* ernfeindlichen System genommen wurden. Die Sanierung der Landwirtschaft ist der Hintergrund, auf dem der Wiederaufbau der übrigen Wirtschaft. Industrie und Handel, Handwerk und Gewerbe, erfolgen muh. Der Mittelstand in Handwerk und Gewerbe, der durch die Verschuldung der Landwirtschaft und die Politik der letzten 14 Jahre in seiner Existenz bedroht ist, soll nicht nur vor dem Verfall bewahrt, sondern In seinem Wiederaufbau tatkräftig unterstützt werden. Die Notwendigkeit der Erhaltung der mittleren unb verarbeitenden Industrie, die eines der Opfer falscher Handelspolitik ist, gehört in den gleichen Aufgabenbereich. Untere Arbeit wird von dem Grundsatz geleitet, daß der Wert und die Widerstandsfähigkeit einer Wirtschaft nicht nach der Gröhe von Konzernen oder gar nach der ungesunden Zusammenballung spekulativer Kapitalkräfte gemessen wird, sondern nach der Zahl und dem Wohl st and von Millionen von Einzelexistenzen.
Mit diesem organischen Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft wird auch dem Arbeiter am meisten geholfen. Er will nicht Renten empfangen, sondern Arbeit haben. Er hat die sozialistischen Experimente satt. Er will wie jeder andere Stand zu Eigentum und bescheidenem Wohlstand gelan
gen und die Zukunft seiner Familie gesichert sehen.
Der wirtschaftliche Wiederaufbau ist nur gefiebert, wenn er sich auf die nötigen kulturellen Grundlagen stützen kann. Deshalb wende ich mich besonders an die deutsche Frau und Mutter. Selbstlose Hingabe an die Sache. Treue. Redlichkeit, Fleih und Tüchtigkeit müssen wieder zur Norm unseres Lebens werden. Die Erziehung in der Schule und die Erziehung in der Familie ergänzen sich und hüben zusammen die notwendige Voraussetzung dafür, dah diejenigen Eigenschaften wieder Geltung bekommen, die das deutsche Voll stark und groh gemacht haben.
Der Sinn dieser Wahl, schloh Dr. Hugenberg, liegt nicht in parlamentarischen Augenblickserfolgen, sondern er liegt darin, vor aller Welt festzustellen, dah das deutsche Volk sich entschlossen hinter die nationale Regierung und ihre Mahnahmen stellt. Der Anschauungsunterricht, den uns derVolschewismusin diesen Tagen erteilt hat, die Visitenkarte, die er mit der Brandfackel im Reichstag abgegeben hat, kann nur den Erfolg haben, dah das deutsche Volk sich seines Lebenswillens umso stärker bewuht wird. Rur wenn wir den Bolschewismus und seine Brutstätten mit Stumpf und Stiel ausrotten, nur wenn Sicherheit und Ordnung in deutschen Landen unerschütterlich da- stehen, kann der Wiederaufbau aus den Trümmern der Revolutionsjahre erfolgen.
Imning sprich! auf einer Zentrums-Kundgebung im Verliner Sportpalast.
Berlin. 3. März. (ERB.) Die Berliner Zentrumspartei veranstaltete in den Räumen des Sportpalastes eine Wahltundgebung, bei der als Hauptredner der frühere Reichskanzler Dr. Brüning auftrat, der von der Versammlung durch Aufstehen und lebhafte Zurufe herzlich begrubt wurde. Der ehemalige Reichskanzler erklärte u. a.: Cs dürfe nur noch einen Kampf geben, den Kampf zur Verhinderung des Umsturzes. Die Reichsregierung werde bei der Bekämpfung des Kommunismus bte vollste Unterstützung des Zentrums haben. Das Zentrum verlange aber, dah über die Brandstiftung im Reichstag eine möglichst schnelle und vor der Oeffentlichkeit stattfindende Untersuchung durchgeführt werde. Der Demichtungs- kampf gegen die bolschewistische Gefahr könne niemals ausschliehlich mit dem Schwert geführt werden. Rur wer im Christentum lebe, diene und optere, werde allein der Sieger über die bolschewistische Gefahr sein. Druck erzeuge Gegendruck. Die größte Gefahr sei eine dumpfe Atmosphäre, die man nicht mehr kontrollieren und überwachen könne.
Wenn man in vier Jahren die deutsche Wirtschaft retten wolle, so wäre politische Ruhe die erste Voraussetzung. Die Konjunktur der Steuerscheine sei verpufft, weil kein Vertrauen in die politische Ruhe und Stabilität eingetreten sei. Cs werde noch manches zu geschehen haben, um eine vorübergehende Besserung zu bringen. Richt möglich sei es, die Weltwirtschaftskrise zu lösen, wenn man nicht mit der Welt Hand in Hand an die Fragen heranginge und wenn man nicht im Innern Vertrauen zueinander und in der Welt Vertrauen zu uns schaffe. In jeder groben Krise gebe es einen Tiefpunkt, bann bessere sich die Wirtschaftslage gewissermaßen automatisch. Dieser Tiefpunkt fei im Mai und Iuni erreicht worden. Seitdem sei das Ansteigen der Konjunktur künstlich beeinträchtigt. Wenn man heute von einem System spreche, baä auf die Anklagebank gehört, dann sei es das System der Austenpolitik der zwei Iahrzehnte vor dem Krieg, das uns in den Krieg hin- eingeraten lieh, in einem so ungünstigen Augen
blick. dah aller Heroismus nichts mehr retten konnte.
Wenn man heute einem System die Schuld geben kann, so ist es das System der Vergeudung des Bismarckschen Erbes. Unser Weg ist auf Frieden gestimmt, solange Verfassung und Recht Grundlage des politischen Lebens sind. Aber er führt zu entscheidendem Kamps, wenn man wagt, Recht und Verfassungssicherheit im deutschen Volk zu un- terwühlen. Wir wissen, daß bei Druck von außen die Freiheit nur errungen werden kann durch ein Volk, dem die Freiheit im Innern gegeben ist. Ich bin für den Reichspräsidenten in den Kamps gegangen und habe ihn geliebt, weil ich der Ueberzeugung war und bin, daß der Reichspräsident es e r n ft nimmt auf Grund seiner religiösen Ueberzeugung mit der Innehaltung der Verfassung, und aus diesem Grunde muß ich in diesem Augenblick vor der Oeffentlichkeit den Appell an ihn richten: Aktiv zu sein als Hüter der Verfassung, als Schützer der Unterdrückten, als Vater des Vaterlandes, auch für die, die ihn gewählt haben und die jetzt von seinen Gegnern ihrer Rechte beraubt werden. Wir sind bis zum äußersten entschlossen, zusammenzuhalten und zu kämpfen. Wir werden es zwingen, denn die, die das Vaterland auf Rechtund Gerechtigkeit und Freiheit aufbauen, sind niemals verloren und vergessen, sondern sie werden wiederkehren, weil es ums Vaterland und ums Ganze geht.
Oer Reichspräsident an die Fuldaer Bischofskonferenz.
Breslau, 3.Mörz. (ERB. Funkspruch.) Aus Anfragen des preußischen Episkopats über den Schutz der Wahlfreiheit bei den bevorstehenden Wahlen ist vom Herrn Reichspräsidenten an den Vorsitzenden der Fuldaer Bischofskonferenz Kardinal-Fürst-Erzbischof Bertram- Breslau folgende Antwort erteilt: „Ich bitte Ew. Eminenz versichert zu fein, daß ich alles in meinen Kräften Liegende tun werde, um die Wahlfreiheit der Staatsbürger zu sichern und Ausschreitungen im Wahlkampf zu verhindern, und ich bin auch überzeugt, daß die Reichsregierung von derselben Absicht geleitet ist. Abschrift Ihres Schrei-
Die Erdbebenkatastrophe in Japan.
Bisher 591 Tote, 600 Vermißte, 1000 Verletzte.
2 o t i o , 3. Marz. (121.) Rach den bisherigen Feststellungen der rintersuchungs. und Vergungskom- mission ist die Zahl der Todesopfer beim Erd- beben auf bisher 591 gestiegen. Etwa 1000 Personen wurden verteht, 600 Personen werden noch vermißt. Gegen 8000 Häuser wurden zerstört. Feuerwehr. Polizei und Truppen sind mit Aufräumungsarbeiten beschäftigt. Sämtliche Fernsprech- und Tete- graphen-Leitungen in den betroffenen Gebieten sind zerstört. 3n Tokio wurden am Frettagvormittag noch leichte Erdstöße verspürt. Das Erdbebengebiel wird von einem großen Truppenaufgebot abgesperrt. Man befürchtet, daß die Verlustzahl sich noch weiter steigern wird.
Erdbebenschäden wurden weiter angerichlet in den Bezirken von Fikushima. Miyaji, Lhiba und Ivate. Die japanische Regierung hat sofort von der Marine- station Ominato Kreuzer ausgesandt, die den betroffenen Häfen in dem Erdbebengebiet Hilfe bringen sollen.
Die Erdbebenkatastrophe in Iapan wurde auch von den Erdbebenwarten in Deutschland aufgezeichnet. So verzeichneten die Instru
mente der Reichsanstalt für Erdbebenforschung in Jena die Aufzeichnung am Donnerstag um 18 Uhr 43 Minuten 35 Sekunden. Die toürttem- bergische Erdbebenwarte in Stuttgart stellte fest, daß die Bodenverschiebung im Bereich der Oberflächenwellen annähernd 4 Millimeter betrug. Die Warte bezeichnet das Beben als d a S stärkste in den letzten 30 Jahren.
480 Todesopfer der Sturmflut
Etwa 40 Minuten nach dem Erdbeben setzte an der ganzen Küste von Tokio bis Sairiya an der Rordküste von Honshiu eine große Flutwelle ein, die viele Dörfer an der Küste vollständig zerstörte. Am meisten litten die Häfen ' von Kamaishi, llZamada' und Myako. Die Verkehrsverbindungen haben außerordentlich stark gelitten. In Tanohata sind zwölf Menschen getötet und 45 werden vermißt. Aehnliche MÄdungen liegen aus Hokkaido, Sabishiro und Kisennuma vor. Im ganzen hat die verheerende Sturmflut nach den bisherigen amtlichen Mitteilungen etwa 480 Todesopfer gefordert. Ferner werden 1800 Verletzte und ^Vermißte gemeldet.
bens habe ich unverzüglich dem Herrn Reichskanzler und dem Herrn Reichskommissar für das Land Preußen übersandt."
Eine Kundgebung der Evangelischen Kirche.
Berlin, 3.März. (CRD.) Der Deutsche Evangelische Kirchenausschuß wendet sich mit einer Kundgebung an die Oeffentlichkeit. in der es heißt:
„Die Evangelische Kirche hat den Berus, unabhängig vom Wechsel der politischen Lage dem ganzen Volk zu dienen. Daher hat die Kirche Recht und Pflicht zu seelsorgerischen Mahnungen, welche sich ohne Unterschied der Partei an alle Kirchenglieder richten: Ie mehr des Hasses, desto mehr Liebe. Ie mehr der Lüge, desto strengere Wahrhaftigkeit! Rehmt es ernst mit dem achten Gebot. Ie mehr des selbstischen Wesens, desto mehr selbstlose Hingebung an das, was des Rächsten ist und an das. was über alles steht: an das deutsche Volk, an das ganze Vaterland!"
Keine Antastung der Beamtenrechte.
Berlin, 3. März. (WTB.) Amtlich. Von übelwollender Seite werden Gerüchte verbreitet, wonach die Reichsregierung beabsichtige, nach den Wahlen die Rechte der Beamten anzu- t ast en. Jeder Einsichtige weiß, daß es sich hier wieder um eine verantwortungslose Wahlmache handelt. Ebenso wie der Herr Reichskanzler hat auch Herr Reichsminister Dr. Frick bei Üedernahme seines Ministeriums erklärt, daß die jetzige Reichsregierung den größten Wert auf ein sauberes, pflichttreues Beamtentum legt, das zu dem Staatsaufbau unentbehrlich ist. Selbstverständlich werden die Rechte eines solchen Beamtentums von der Reichsregierung geschützt werden.
Verbot des Oruckereibetriebs der Frankfurter „Vottsstimme".
Frankfurt a. M., 3. März. (WSN.) Heute morgen wurde in den Räumen der Frankfurter „V o l k s ft i m m e" eine polizeiliche Durchsuchung vorgenommen und einige politische Flugschriften beschlagnahmt. Die Fertigstellung der „Oberhessischen Volkszeitun g", die im Betrieb der „Dolksstimme" hergestellt wird, wurde verhindert. Auf Grund einer polizeilichen Verfügung wurde der „Volksstimme" die Fortsetzung des Druckereibetriebes bis
einschließlich 14. März verbot en, well durch die Fortsetzung des Betriebs die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdet sei. Erlaubt ift nur der Druck des von der Stadt Frankfurt herausgegebenen „Städtischen Anzeigenblattes".
Umfangreiche Schiebungen beim Dortmunder Voltshausbund.
Dortmund. 3. Marz. (WTB.) Auf Anordnung des Polizeipräsidenten hat oie Kriminalpolizei gegen die Dokshausbund GmbH, in Dortmund-Wellinghofen, die im Herbst 1932 in Konkurs geraten ift und zu deren Gesellschaftern der frühere Landrat des Kreises Hörde. Hansmann, der Stadtbaumeister Schilling, der frühere Amtmann von Wellinghofen D r e f i n g, jetziger Magistratsrat der Stadt Dortmund, und der un Jahre 1928 verunglückte Wirtschaftsdirektor Küch gehörten, ein Ermittlungsverfahren wegen Betruges, Untreue undKonkursverbrechen eingelex- tet. In diesem Ermittlungsverfahren wurde vorläufig festgestellt, daß die Geschäftsführer Hansmann und Schilling die Bolkshausbund GmbH., die einen rein privaten Charakter hatte, mit öffentlichen Geldern errichtet haben. U. a. soll der Landrat a. D. Hansmann eine Million Mark unverzinslichesundunkünd- bares Darlehen von der Kreisbau* g e s e l l s ch a f t sich habe geben lassen, die wahrscheinlich ähnlich verwendet worden sind, wie die Gelder der Bolkshausbund GmbH. Die Buchführung, die den Nachweis über den Verbrauch von 320 000 Mark Baugeldern erbringen sollte, war derart unsachlich geführt, daß die Klarstellung der Verhältnisse bei der Vollshausbund GmbH, außerordentliche Schwierigkeiten bereitet. Bei den Ermittlungen ist von Zeugen angegeben worden, daß Hansmann in den Jahren 1925 bis 1926 drei Millionen Mark von BerlinerStel- I e n für soziale Zwecke erhalten habe, über deren Verwendung er sich jede Kontrolle verbeten haben soll. Hansmannhat (ebenfalls nach Zeugenaussagen) in diesem Jahre eine Erholungsreise nach Norderney unternommen, für die er 1905 Mark beim Kreis liquidiert hat. Die von dem Äon- trollausschuh des Landkreises Hörde beim Minister des Innern in Berlin über diese Ausgaben erhobenen Vorstellungen sind zurückgeteie- s e n worden. Die Kriminalpolizei hat die Ermittlungsaktion sofort an die Staatsanwaltschaft abgegeben, die die Angelegenheit weiter verfolgt.
Geschichte einer Narbe.
Von Victor Klages.
Die junge Dame sieht auf meine linke Hand. Springend, nervös ist ihr Blick. Biel Neugierde spricht daraus, aber nicht nur das. Ich fühle auch einen leisen Schauder.
Was hab' ich denn an meiner linken Hand? Ich kenne sie doch seit über vierzig Jahren, und ich bin mir nicht bewußt, daß etwas Besonderes daran sei. Unwillkürlich betrachte ich die Hand.
Die junge Dame lächelt. Ein bißchen gezwungen. Sann sagt sie: „Da — die Narbe."
Ach so, die Narbe am kleinen Finger. Vorn Krieg? Nein, nicht vom Krieg. Die ist viel älter. Das war südlich von Neuseeland...
„Erzählen", haucht die junge Dame.
Gut. Aber es ist keine liebliche Geschichte. Heute, wenn ich zurückdcnke, lach' ich allerdings darüber. Damals hab' auch ich nicht gelacht.
Seh' ich so aus, als ob ich Leichtmatrose auf einem Segelschiff gewesen wäre, das in der Südsee herumvagabundiert? Nein, nicht wahr? Ehemalige Seeleute stellt man sich für gewöhnlich anders vor. Ich spucke nicht ins Zimmer, ich trinke den Rum nicht aus dem Wasserglas, und mein Gesicht ist nicht pockennarbig — obwohl in den Iungensbüchern ehemalige' Seeleute immer pockennarbige Gesichter haben. Es läßt sich aber nicht leugnen, dah ich mit 17 Iahren Leichtmatrose auf der „Alcedo" war, die Kohlen von Australien nach Chile brachte.
Wir hatten, der Windverhältnisse halber, den Kurs tief südlich um Neuseeland genommen, es gab schlechtes Wetter, und da der Kahn bis an die Luken mit Kohle vollgestopft war, konnten wir fast täglich — und nächtlich — Schwimmübungen an Deck machen. Das Thermometer zeigte nur ein paar Grad Wärme. Kein trockenes Hemd mehr in der Kiste, das Oelzeug, die Stiefel gründlich durchweicht: es ist einem nicht sehr wohl zumut in solcher Situation, eine warme Ecke bin- term Ofen bei Muttern geistert als Wunschbild in den kurzen Träumen.
Ich war also keineswegs böse, als mich der Kapitän zur Aushllse in die Pantry befahl. Die Päntöh-ist ein netter Aufenthalt für Drückeberger. Da steht in dem engen Raum, geschützt vor Wind und Wellen, ein junger Mensch und putzt dem „Alten" und den Steuerleuten die Tischmesser, alle Minute einmal zieht er das Messer übers Putzbrtftt, und dann geht er hin und macht die Betten unh fegt aus und deckt den Tisch — es ist keine sehr romantische Beschäftigung, die der Kajütsjunge hat, aber im schlechten Weller ist sie Goldes teert Der Kajütsjunge lag mit Bauch
grimmen in seiner Koje. Da muhte nun ein anderer ran. „Hast du Schwein", sagten die Kameraden, als ich in das neue Quartier übersiedelte.
Vielleicht eine halbe Stunde bin ich Kajütsjunge gewesen. Da passierte es. Donnerndes Poltern aus dem Salon des Kapitäns schreckt mich auf. Der Salon wird Segelschiffen während der Fahrt ausgeräumt, der Teppich wird weggenommen, Stühle und Tische werden zusammengesetzt und festgebunden, damit das Rollen des Schiffes nicht alles durcheinallderwürselt. Was kann da poltern?
Eins, zwei bin ich an der Salontür, schon kommt der Kapitän schimpfend die Treppe zum Kartenhaus heruntergesprungen, — wir beide starren auf die Bescherung, aber wir müssen uns an der Türkante festhalten, denn die Bark macht ganz verrückte Hopser. „Lausebengel!" faucht der Alte. Ich versuche darauf hinzuweisen, daß der andere 3unge die Schuld habe, ich sei doch erst seit einer halben Stunde anwesend. Was hilft das! Wer da ist, hat immer schuld.
Die große Medizinkiste, die auf einem Regal stand, ist herabgepurzelt: mein Vorgänger hatte vergessen, sie festzubinden. Das Schiff rollt stark, das heißt: mal liegt es nach Steuerbord über, mal nach Backbord. Die Medizinkiste macht daher Rutschpartien von Wand zu Wand. Und sie rutscht wunderbar. Denn in der Medizinkiste, die sich beim Stürzen geöffnet hat, war eine Flasche mit fünf Liter Rizinusöl: das blanke Parkett ist mit einem spiegelnden Teich von Rizinusöl bedeckt, und darin tummelt sich alles, was einmal schön geordnet in der Kiste lag.
„Die Chininpulver!" brüllt der Alte. „Hol die Chininpulver aus dem Dreck heraus!"
Ich bin in Seestiefeln. Die Stiefel sind gut gefettet; auch die Sohlen. Das Schiff taumelt hin und her, gestoßen von der mächtigen See. Ich werde auf dem Rizinusöl herrlich ins Schlittern kommen. Dreißig, vierzig zerschlagene Flaschen kollern am Boden...
Befehl ist Befehl. Nirgends so tote an Bord eines Segelschiffes. Also hinein in den Teich und die Chininpulver gerettet. Ich stehe an der Steuerbordwand, will mich vorsichtig bücken. Da macht die „Alcedo" hops, und hatti hallo saust einer über die Rizinusbahn, schlägt hart an die Dackbordwand, kippt nach hinten und fällt. Mit der linlen Hand, die sich abwehrend ausstreckt, stürzt er in eine zersplitterte Glasflasche. Breit flieht das rote Blut.
Der Alte schreit. Der Erste Steuermann kommt. Der Erste Steuermann pfeift. Ein Matrose rennt herbei. Ich bin aus dem Rizinus herausgekrvchen, I Fäuste pressen meinen linken Arm. Rund um den
kleinen Finger ist das Fleisch bis auf den Knochen glatt durchschnitten.
Ich kriege einen Verband und bin Kajütsjunge gewesen. Der Nächste vor! Auf meiner Seekiste im Logis hockend, mache ich drei Kreuze über dem kleinen Finger. Hoffentlich bleibt er dran.
Zunächst einmal blieb der Verband. Der Alte hatte eine Scheu davor, ihn abzunehmen. „Laß das man erst ein bißchen heilen", sagte er. Das schlechte Wetter verzog sich. Da rief mich der Kapitän.
Ich weiß es, als ob es gestern gewesen wäre. Der Alte sah auf der Fleischkiste, die auf dem Achterdeck stand, und neben ihm lauerte mit einem brennenden Lächeln der Zweite Steuermann Jessen. Der Verband wird abgewickelt. Es zeigt sich, dah der Finger zwar schon locker angeheilt ist, aber die Wundränder passen nicht auseinander. Der obere Wundrand steht um einen kleinen halben Zentimeter über.
„Jessen", sagt der Alte, „holen Sie mal Ihr Koffergrammophon." Jessen holt schweigend das Grammophon. Offensichtlich ahnt er, was der Alte vorhat. Die Konservenmusik wird aufgezogen: es ertönt das Lied „Vilja, o Villa, du Waldmägdelein" — damals der neueste Schlager.
„Schön, was?" sagt der Alte, und während diese merkwürdige Narkose durch das Gehör ein wenig zu wirken beginnt, reiht er mit einem Ruck den angeheilten Finger wieder ab — schwarz wurde der blaue Himmel, ganz schwarz.
Als ich, Jahre später, nach Deutschland zurückgekehrt war, horte ich das Vilja-Lied in einem Kaffeehaus spielen. Die Leute, die mit mir am Tisch sahen, haben sich gewundert, dah ich plötzlich so bläh wurde...
Dies, gnädiges Fräulein, ist die Geschichte meiner Narbe. *
Ibsen als Maler.
In Heisingborg hat die Ausstellung von zwei Gemälden des großen Dramatikers Henrik Ibsen viel Aufsehen erregt, und Tausende kamen, um sich diese Kunstleistungen des Dichters auf einem ihm fremden Gebiet zu betrachten. Die Bilder fesseln mehr durch die Persönlichkeit ihres Schöpfers als durch ihren künstlerischen Wert. Das eine stellt eine norwegische Gebirgslandschaft dar, das andere ein biblisches Motiv: den Erzengel Gabriel, wie er auf die Erde hinabsteigt. Ibsen hat nur ganz kurze Zeit in seiner Iugend gemalt und immerhin dadurch bewiesen, daß auch ihm ein Doppeltalent eigen war, wie es viele Poeten besitzen. CS sind nur fedj£ Bilder Ibsens aus der Jugendzeit bekannt, von denen zwei im Besitz der Familie Ibsen sind; das Schicksal zweier an
derer ist unbekannt. Die beiden ausgestellten Werke gehören Dr. Odd Reimann, einem Urenkel des Apothekers, bei dem Ibsen in Grimstad seine Lehrjahre verbrachte. Die beiden Gemälde wurden vor einiger Zeit durch Zufall in einer Kammer der Apotheke von Grimstad entdeckt und jetzt wegen der Berühmtheit ihres Schöpfers der Ausstellung für würdig befunden.
Zeitschriften.
— Die Süddeutschen Monatshefte (München) bringen in ihrem neuesten Heft „Rote Kulturrevolution" durch Hans Richard Mertel, einen besonderen Kenner des ganzen Stoffes, zum erstenmal einen umfassenden, erschreckenden Ueberblid mit sehr vielen, bisher kaum bekannten Einzelheiten. Da ist ein besonders interessantes Kapitel „Der Sowjetrund- funk droht". Durch Briefwechsel mit den nach tausend Dingen fragenden deutschen Hörem spannt dieser Sender allmählich ein lückenloses Netz von Korrespondenten über Deutschland. Er arbeitet eng zusammen mit der deutschen kommunistischen Parteiorganisation, insbesondere mit dem „Freien deutschen Radiobund", dessen Mitglieder z.T. auch in der Funkspionage und in der Bedienung von Kurzwellensendern ausgebildet werden. Eine Reihe kommunistischer Geheimsender ist in Deutschland in Betrieb. Auch auf dem Gebiete der Schule empfangen die deutschen Kommunisten von Moskau bis in alle Einzelheiten gehende Weisungen. Der wichtigste Abschnitt über die geistige Bolschewisierung Deutschlands gibt einen umfassenden Ueberblid über Kultur und Literatur im roten Rußland, wobei die Anerkennung der angeborenen hohen künstlerischen Begabung des Russen für Theater und filmische Darstellung deren Vergewalllgung im Dienste des Bolschewismus nur um so greller hervortreten läßt. In Deutschland sind die roten „Kulturverbände" in einer Dachorganisation, der „Ifa", d. h. „Interessengemeinschaft für Arbeiterkultur", straff zusammengefaßt, angefangen von der «Proletarischen Freidenkerjugend" über die „3unge Volksbühne" und den „Arbeiter-Theater- bund" bis zum „Einheitsverband für proletarisch« Sexualreform". —• Nicht nur die Städte, auch das ganze flache Land wird durch die „Roten Spieltrupps" planmäßig bearbeitet, Jahr für Iahr stärker. Der Bolschewismus hat erkannt, dah der letzte Endkampf nicht ein Kampf zwischen wirtschaftlichen Programmen, sondern ein Kampf zwischen Religion und Gottlosigkeit fein wird. Dieses Heft zeigt jedem, daß das Wort .Kulturbolschewismus" wahrhasttg kein leeres Schlagwort ist.


