Donnerstag, 3. August 1955
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
ItrJ79 Zweites Blatt
Amazonischer Bilderbogen.
Leticia und Chaco. — Gummi am laufenden Band. — Vergiftete Zische. Wetterberichte von der Kampffront.
Bon unserem 8ck.°Berichterstatter.
Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten!
Rio de Janeiro, Ende Juli.-
Es wird zweifellos wieder ruhiger in der südlichen Hälfte der neuen Welt. Kolumbien und Peru haben sich vertragen. Aus eigenem Antriebe. Der Völkerbund nimmt das Verdienst für sich in Anspruch und glaubt sein in letzter Zeit ziemlich stark durchlöchertes Ansehen wieder einmal gerettet. Die Wendung in diesem Konflikte kam Kennern der Lage, nach der Ermordung des noch verhältnismäßig jungen Präsidenten von Peru, des Generals Sanchez Gerro, durchaus nicht unerwartet. Nur eine gewisse Machtgruppe in Peru, die zu den Ihren auch den ermordeten Landespräsidenten zählte, war gegen eine friedliche Beilegung des Leticia-Konfliktes und verstand es, in der Bevölkerung eine reguläre Kriegspsychose und -begeisterung zu erwecken. Nachdem die Hauptstütze der Kriegspartei mit der Ermordung des Präsidenten fortfiel, war es dessen Nachfolger, dem ruhigen, besonnenen General Benavides verhältnismäßig leicht, den Konflikt mit Kolumbien sozusagen auf freundschaftlicher Basis vorläufig beizulegen, um so mehr, als der peruanische Präsident Benavides und der von Kolumbien entsandte Bevollmächtigte Dr. Lopez, persönliche, langjährige Freunde sind. Brasilien ist an der Beilegung des Leticia-Konfliktes indirekt ebenfalls auch beteiligt. Es hatte nämlich, um feine Neutralität zu schützen, und den Uebertritt von peruanischen oder kolumbischen Truppen, bzw. deren Durchzug durch brasilianisches Gebiet zu verhindern, einen ziemlich starken Truppenkörper an den oberen Amazonas verlegt, der nun zu verpflegen war. Was das heißt, vermag man sich nur vor- Auftetlen, wenn man die Verhältnisse und die Entfernungen kennt, die zu den nächsten als Derpflc- gungszentren in Betracht kommenden Städten, zu- rückzulegen find.
Don der Mündung des Amazonas aufwärts, können Bedarfsartikel mit großen, schnellen Seedampfern in drei Tagen bis Manaos gebracht werden, von dort können jedoch wegen der häufiger auftretenden seichten Stellen nur slache, langsame Flußdampfer verwandt werden, mit denen man Wochen zu fahren hat, um in das umstrittene Gebiet zu kommen. Die ganzen Verkehrsverhältnisse am oberen Amazonas sind derart primitiv und unerschlossen, daß es direkt als wahnsinnig bezeichnet werden muß, längere Zeit dort Truppenkörper von einem gewissen Umfange zu stationieren und zu unterhalten. Es ist z. B. feine Seltenheit, daß Gummisammler, von ihrem Wohnorte bis zu der wohl größten Stadt am mittleren Amazonas, Manaos, fünf- undachtzig Tage zu Fuß, per Esel und im Kanu, abwechselnd, gebrauchen. Don den ungeheuren Strecken bekommt man einen Begriff, wenn man erfährt, daß eine einzig eFirma Manaos, allerdings, wohl die größte, mit Namen I. G. Araujo, über einen Landbesitz verfügt, der a n Ausdehnung Deutschland und Frankreich zusammengenommen, übertrifft Oder wenn man erfährt, daß der Besitz des amerikanischen Automobilkönigs Ford, an einem Nebenflüsse des Amazonas, des Rio Tapajoz gelegen, und unter dem Namen „Fordlandia" bekannt, allein 120 Kilometer Flußstrecke umfaßt. Ford hat hier im Großen den Versuch rationeller Gummianpflanzung unternommen, d. h. zur Zeit wird das Gebiet erst noch gerodet und dabei die gefällten
Bäume als Nutzholz verfrachtet. Alles natürlich am laufenden Band, mit Ausnahme der Rodung, die an einheimische Unternehmer, mit ungefähr drei- bis viertausend Arbeitern, vergeben ist. In „Ford- lanbia" herrscht heute noch offizielles Alkoholverbot, inoffiziell ist man natürlich genau so feucht wie Amerika in den feügen Zeiten der Prohibition.
„Fordlandia" wird einst seinem Gründer und Besitzer reiche Früchte tragen. Es gibt auf der Erde wohl kaum einen Gebietsstrich, der so fruchtbar ist, wie der Amazonas und zwar von der Mündung des Flusses bis zur Quelle. Der Fluß selbst wird den Schlüssel zur Erschließung dieses Landstriches abgeben. An der Mündung selbst, kilometerbreit und bis zu der an seinem Mittelläufe gelegenen Stadt Manaos, wie schon erwähnt, auch für große Ueber- seedampfer befahrbar, erreicht er bisweilen eine Stromtiefe von 90 Metern. Sein Fischreich- t u m ist unfaßbar groß. Zur Laichzeit sind an seiner Mündung ganze Flächen des Meeres mit Laich bedeckt. Die Anwohner des Flusses sind durch den Nahrungsreichtum des Gebietes so verwöhnt, daß ihre hervorstechendste Eigenschaft die Faulheit geworden ist. Das bezieht sich natürlich nicht auf die Einwohner der Städte, die genau so betriebsam sind wie in den anderen brasilianischen Städten auch. Ich meine lediglich die am Flußrande in vereinzelten Siedlungen wohnenden Habenichtse. Auf sie trifft tatsächlich das Wort zu, sie säen nicht und ernten nicht und Gottes Güte ernähret sie doch. Es würde genügen, mit einem kleinen Netze so nebenbei durchs Wasser zu fahren, um sich eine Mahlzeit zu sichern, aber das würde Arbeit bedeuten. An stillen Uferwinkeln des Flusses hängen die Leutchen einen Topf mit Pflanzengift ins Wasser, dessen Wirkung so stark ist, daß tagelang jeder vorbeischwimmende Fisch auf der Stelle getötet und bauchaufwärts an die Oberfläche getrieben wird. Das erspart das Fischen, und man braucht sich nur die Mühe zu machen, die getöteten Fische einzusammeln. Es ist den Faulenzern dabei gleichgültig, ob weiter flußabwärts einem Fazendeiro fein Vieh krepiert, das das vergiftete Wasser säuft. Entsprechende Gesetze der Bundesregierung sind gar nicht erst erlassen worden, da deren Durchführung unmöglich zu überwachen wäre.
Drehte sich der Leticia-Konflikt in erster Linie um die Sicherung von fruchtbarem, jungfräulichem Boden, so handelt es sich bei dem C h a c o-K o n f l i k t, zwischen Bolivien und Paraguay, um Petroleum enthaltende Gebietsteile In diesem Konflikte dürste Bolivien, trotz aller Dementis seiner Regierung, wohl die Unterstützung der nordamerikanischen Hochfinanz auf feiner Seite haben. Die erst ganz kürzlich erfolgte Kriegserklärung Paraguays an Bolivien, nach beinahe einjähriger Kriegsdauer, ist absolut nicht so lächerlich wie es auf den ersten Blick erscheinen möchte. Den Paraguayern ging es in der letzten Zeit augenscheinlich, was die militärische Lage anbetrifft, dreckig. Es gelang den Bolivianern, wichtige strategische Stellungen im Nana- roatale zu nehmen und dadurch natürlich auch die moralische Seite ihrer Truppen zu stärken. Sie konnten lediglich wegen der einsetzenden Regenzeit den Erfolg ihrer geglückten Aktionen nicht aus- nutzen. Die Heeresberichte verwandelten sich daher auch mehr 'in Wetterberichte von der Front: .Andauernder Regen machte militärische Operation unmöglich." Die Paraguayer hatten in dem Regen ihren natürlichen Verbündeten gefunden.
Aber alles in der Welt nimmt ein End»., so auch die längste Regenzeit. Und Paraguay muhte damit red), neu, daß die Bolivianer dann auf Entscheidung drängen würden. Er erfolgte d i e Kriegserklärung an Bolivien, die sich als ein geschickter Schachzug erwies. Die Folge der Kriegserklärung war die mehr oder minder notwendige Neutralitätserklärung der, das Binnenland Bolivien einschließenden Staaten Argentinien, Chile, Peru, denen sich als letzter Brasilien am 23. Mai 1933 anschloß. Diese Neutralitätserklärung hat zur Folge, daß den Bolivianern die Versorgung mit Munition und Waffen abgeschnitten ist, da Die Länder, die sich für neutral erklärt haben, solche Transporte nicht mehr in Zukunft nach Bolivien durchlafsen wollen. Paraguay selbst konnte sich während der Regenzeit in aller Stille mit Munition usw. versorgen, da es ja wußte, daß es den Krieg erklären und dadurch Bolivien die Waffenzufuhr abschneiden wollte.
Dieser Schachzug kann unter Umständen sogar die Entscheidung in dem ganzen Konflikte bringen; zum mindesten hat er eine bessere Aussicht für eine friedliche Beilegung der Chacofrage eröffnet, da Bolivien, im Bewußtsein seiner besseren militari- schcn Lage, bisher in den Verhandlungen eine gewisse Unnachgiebigkeit gezeigt hat, die um so ver- händlicher ist, wenn man bedenkt, daß Bolivien bei einer Beilegung der Streitfrage wahrscheinlich der „gebende", d. h. landabtretende Teil fein dürfte. Wenn allerdings, was durchaus im Rahmen der Möglichkeit zu liegen scheint, die Neutralitätserklärung der Anliegerstaaten nicht nur auf dem Papier steht, sondern die Folgen Bolivien mit aller Wucht treffen, ist es möglich, daß in nicht allzuweiter Ferne, die jetzt in dem ganzen Kontinent, teils im Kampfe, teils zur Aufrechterhaltung und Schätzung der Neutralität unter den Fahnen stehenden Soldaten friedlicherer, bürgerlicher Arbeit werden nach- gehen können.
Der DeutscheZmkertag in M-Aauhem.
Oie Geschäftssitzung
Bad-Nauheim, 31. Mai. Die deutsche Jmker- schaft hat von jeher ihre Arbeit unter dem Gesichtspunkt betrieben, daß sie damit dem Vaterland als Ganzem zu dienen hat. Es war ihr daher ein fast selbstverständlicher Gedanke, daß sie alle Bestrebungen der nationalen Regierung als eine Ausführung ihrer alten Ziele anzusehen hatte.
Der Samstagmorgen stand noch unter den Eindrücken der Vorträge, die man am Abend vorher im Kerckhosf-Jnstitut gehört hatte. (Wir berichteten bereits darüber!) Diele Imker des Deutschen Jmkerbun- des hatten sich zur Deutschen Jmkertagung in der Turnhalle zusammengefunden. Alle 27 Verbände waren mit zusammen 147 Stimmen vertreten. Der 1. Bundesleiter, Landtagsabgeordneter Kickhöffel (Berlin) eröffnete die Tagung mit einem Rückblick auf das vergangene Jahr. Was das deutsche Volk knechtete, sei zerbrochen, der Traum der Jugend sei erfüllt. Dem deutschen Volke sei Freiheit geschaffen, in treuem Pslichtdienst wieder sich selbst zu leben. Alles verdanke man dem Volkskanzler Adolf H i t • l e r. Ihm wurde ein Telegramm gesandt:
„Dem Führer des deutschen Volkes geloben die Imker Deutschlands gelegentlich ihrer Vertreterversammlung In Bad-Nauheim treue Gefolgschaft."
Mit freundlichen Dankesworten gedachte darauf der Vorsitzende einer Anzahl von Männern, die teils wegen hohen Atters ihre Arbeit niedergelegt haben, besonders aber des Landes-Oekonomierats Heckel- mannin Dacksbach. Er habe dem Bund an führender Stelle in schwerster Zeit wertvollste Dienste geleistet. Ferner gedachte er der Imker in Oesterreich und an der Saar. Schwere Arbeit fei im vergangenen Jahre freudig geleistet worden. Im Arbeitsbericht wies der Vorsitzende darauf hin, daß alle Anträge auf Erlaß der Steuer für den Fütterungszucker der Jmkerschaft leider nicht zum Ziele geführt haben. In wissenschaftlichen Forschungsarbeiten, so führte der Vortragende weiter aus, fei festgestellt worden, daß Honig keines der bisher bekannten Vitamine enthalte. Die Verwendung der Einheitsgläser sei um 40 Prozent gestiegen. Der Bienenfilm, den die Imker geschaffen haben, habe viel Aufklärungsarbeit geleistet. Andere Werbemittel würden fleißig benutzt. Mit dem Handel würden freundliche Beziehungen gepflegt. Besondere Bedeutung verdienten die Bestrebungen des Deutschen Imkerbundes zur S i d) e ■ rung öer Bienenweide. Die neuen Autostraßen, die in der Mitte einen Schutzstreifen tragen
sollen, ebenso wie die Böschungen sollten für die Mehrung der Bienenweide ausgenützt werden.
Bei Ausnützung aller Möglichkeiten dürfte es zu erreichen fein, daß die Zahl der deutschen Bienenvölker um ein viertel gehoben und damit die Einfuhr von Honig überflüssig gemacht werden könnte.
In der Ausstellung selbst werde an mehreren Stellen betont, daß die Randsiedlungen der großen Städte ebenso wie die ländischen Siedlungen für den Dienst an der Bienenzucht eingesetzt werden müßten.
Der Kassenbericht lag gedruckt vor. Für die geleistete Arbeit und die Kassenführung wurden dem Rechner Anerkennung und Entlastung zuteil.
Der nächste Punkt der Tagesordnung hatte die endgültige Gestaltung der Bundes- führung zum Gegenstand der Beratung. Der Bundesvorsitzende trat zurück. Einstimmig wurde io- dann der preußische Landtagsabgeordnete Vetter zum Führer des DIB. gewählt. Sofort ging ein dementsprechendes Telegramm an das Krankenbett des neuen Bundesführers. Der bisherige Bundes- führer trat daraufhin ab, betonte aber, daß er nach wie vor zur Verfügung stehe. Der DIB. fei nun ein Teil des deutschen Landvolkes geworden, werde Pflichtorganisation unter staatlichem Schutz und habe die Führung in der Fachpresse und in den Verbänden übernommen. Der DIB. werde ein Frontabschnitt im Kampf um die Nahrungsmittelfreiheit Deutschlands.
Als Vertreter für den neugewählten Bundesführer war Dr. Filler anwesend und übermittelte Grüße und Wünsche des Abgeordneten Vetter. Die bisherige Leitung des DIB. sei, (o führte Dr. Filler u. a. aus, etwas ganz Außerordentliches an Geschicklichkeit und Arbeitskraft gewesen. Jetzt entstehe nichts Neues. Nur fortgesetzt werde die Entwicklung in den vaterländischen Linien, die der DIB. bisher gegangen sei. Der Präsident Detter verlange allerdings das Ermächtigungsgesetz. %
Einstimmig ermächtigte darauf die Vertreteroersammlung des D3B. die Bundesleitung zur Vornahme aller Maßnahmen für die Eingliederung in die Landwirtschaft uyd für den ständigen Aufbau der Bienenzucht.
Im Auftrag des Präsidenten Detter wurde sodann unter stürmischem Beifall der bisherige erste Bundesvorsitzende Landtagsabgeordneter K i ck h ö f - f e l zum geschäftsführenden Präsidenten und Stellvertreter des Präsihenten ernannt. Herr Kickhöf - f e I übernahm daraufhin wieder das Präsidium.
Das Wunder der Magussi Weiser
CRoman von Fr. Lehne.
Urheberschutz durch C. Ackermann, Stuttgart.
1. Kapitel.
Aengstlich betrachtete Frau Maria den Gatten, der in Eile fein Frühstück zu sich nahm und dabei die Zeitung überflog, deren großes Format sein Gesicht verdeckte. Ihr war es unmöglich, auch nur einen Bissen zu genießen und der Kaffee wurde kalt in ihrer Tasse. Mit Mühe nur unterdrückte sie auf» steigende Tränen.
Da ließ der stattliche Mann das Zeitungsblatt sinken und blickte auf. „Wo ist Magussi? Warum ist sie noch nicht da?"
Frau Maria schreckte zusammen; da war die so sehr gefürchtete Frage nach der Tochter!
„Es ist rücksichtslos von dem Mädel!" sprach er unwillig weiter, „Magussi weiß doch, daß ich sie gern am Kaffeetisch sehe —"
„Sie wird die Zeit verschlafen haben, da sie erst spät von dem Abendessen bei Lilo Konsilius zuruck- gekommen ist — sei ihr nicht böse!" entgegnete Frau Maria mit bebender Stimme. .
Dennoch konnte sie um halb neun fertig fern! Du bist zu nachsichtig mit dem Madel, Mana —"
„Du wohl nicht?" .. .
Die noch immer schone, merkwürdig jung aus» sehende Frau zwang sich zu einem Lächeln.
Er erwiderte es, indem er leicht über die weiße Hand der Gattin strich.
Wir wollen uns gegenseitig keine Dorwurfe machen, Maria! Unsere Einziges Biel Liebe klang aus diesen beiden Worten.
Er zog die Uhr: „Höchste Zeit!" — Wäre er nicht so mit seinen Gedanken beschäftigt gewesen, hätte er unbedingt die furchtbare Erregung bemerken müssen, die seine Frau erfüllte.
Als er nach kurzem, herzlichen Abschied bas Zimmer verlassen, stand sie einen Augenblick starr da — „Mein Gott, mein Gott!" stöhnte sie. Wo war Magussi?
Sie konnte das Ungeheuerliche, was sie vor wenigen Minuten entdeckt, noch nicht fassen — Magufsis Bett war unberührt — sie war von der Abendgesellschaft ihrer Freundin noch gar nicht nach Hause gekommen!
Wie hätte sie das dem Gatten sagen können! Dem Gatten, der die Ordnung und Pünktlichkeit selbst mar, bei dem alles streng geregelt nach der Minute ging, und den Unregelmäßigkeiten und Abweichungen sehr nervös machen konnten!
Darum war man stets bemüht, ihm wenigstens im
Hause Unannehmlichkeiten fernzuhatten, deren er schon genug in der Fabrik hatte.
Sie lief nochmals nach dem Zimmer der Tochter, das im zweiten Stock der Villa nach dem großen parkähnlichen Garten zu lag.
Nichts von Magussi zu sehen! Wo war die Tochter? Sie wagte nicht, das Personal nach ihr zu fragen. Und sie wagte auch nicht, Frau von Konsilius anzurufen, um von ihr Auskunft über Ma- gufsis unerklärliches Fernfein einzuholen.
Sie ging an den Schreibtisch der Tochter — prüfend glitt ihr Auge darüber hin; halb mechanisch schlug sie die Schreibmappe auf — da lag ein Bries mit ihrer Adresse versehen! Mit einemmal klopfte ihr das Herz so heftig, daß sie sich setzen mußte. Was hatte ihr Magussi mitzuteilen? Hastig entfernte sie den Umschlag und überflog die Zeilen — bas unselige Kinb! Was Magussi ba in ihrer Unüberlegtheit getan, bas würbe bet so streng benfenbe Dat-r ihr wohl kaum verzeihen. .
Nochmals las sie langsam, was sie beim er’ten Ueberfliegen des Briefes noch gar nicht ganz erfaßt.
„Liebe, geliebte Mutti!
Bitte, bitte, nicht böse sein, daß ich Dich nicht erst gefragt, sondern gleich mit Lilo fortgefahren bin! Doch Ihr hättet mir niemals die Einwilli- qunq gegeben, meine Stimme prüfen zu lassen, und ich will endlich ein fachmännifches Urteil wissen, um danach meine Zukunft einzurichten.
Ihr kennt meine Liebe zur Kunst, die durch nichts zu unterdrücken ist, was auch Ihr, besonders Papa, dagegen sagt und tut!
Ich nahm die Gelegenheit darum wahr, die sich mir in Silos Reise nach Leipzig bot
Lilo hatte plötzlich den Einfall bekommen, heute nach dort zu fahren, weil sie Einkäufe machen und am Abend »Figaros Hochzeit« Horen wollte^ -ie bat mich dringend um meine Begleitung! Natürlich fahre ich gern mit.
Du siehst es ist alles so e.infach und natürlich — nur eben, daß ich mal heimlich auf eigene Faust etwas unternehmen will und Euch davon erst hinterher sage! Bitte, Muttt, geliebte, mache es dem Papa mundgerecht, daß er nicht gar zu bofe ist.
Wir fahren mit dem Auto morgens gleich nach sechs fort; wenn Du mich vermissen wirft, bin ich schon längst über alle Berge!
Als ich von Lilo kam, habe ich mich gleich umgezogen und schreibe Dir nun schnell diese paar Zeilen. Ich sehe im Geist, Muttt, Dem entsetztes Gesicht über Deine abenteuerliche Tochter — -Klo freut sich diebisch! Das Stubenmädchen weiß Bescheid; Berta hat sich aber zu tiefstem Stillschweigen verpflichten müssen
Morgen auf Wiedersehen!
Gruß. Kuß, geliebte Mutti, von Deiner sich auch einmal selbständig gebärdenden Tochter
Maria Augusta, genannt Magussi."
Frau Maria war sehr ungehalten über die Handlungsweise der Tochter, die unerhört rücksichtslos war — noch mehr aber über den Grund zu dieser kleinen Reise.
Wäre es nur deshalb gewesen, der Freundin bei den Einkäufen zu helfen, so hätte sie leichter diese Ungezogenheit verzeihen können — dock die Absicht Magussis, ihre Stimme prüfen zu lassen, ließ sie bange in die nächste Zukunft blicken — demnach hatte die Tochter ihre ehrgeizigen Pläne nicht aus- gegeben, trotz der letzten heftigen Auseinandersetzung mit dem Vater!
Seit drei Jahren war es wie ein stilles Ringen zwischen den Ettern und der Tochter, deren ganzes Streben danach ging, das Gottesgeschenk ihrer schönen Stimme bis zur letzten Vollendung auszubilden und dann zur Bühne zu gehen.
Für den Kommerzienrat Bunte, diesen nüchternen, klardenkenden Geschäftsmann, war der phantastische Plan der Tochter unmöglich, und er tat alles, ihn zu hintertreiben. Dor allem wurde der Gesangsunterricht, Magussis größte Freude, verboten, und durch keine Bitten war er zu bewegen, von diesem Verbot abzugehen. Magussi war außer sich, und nur die inständigsten Vorstellungen der Mutter hatten vermocht, sie zum Nachgeben zu bewegen — zum Nachgeben und Schweigen, ja, aber nicht zum Vergessen. Muttersorge ahnte wohl, was unablässig der Tochter Gedanken erfüllte — hatte sie durch den Brief nicht wieder den deutlichsten Beweis davon erhalten?
Einen so sanften, echt mädchenhaften Eindruck die liebliche, blonde Magussi auch machte, so eigensinnig und hartnäckig war sie.
Und nur sehr schwer und nur der Mutter zuliebe hatte sie sich dem trotz aller Güte und Liebe so despotischen Vater gefügt, der glaubte, kurzsichtig, wie er in bezug auf den weiblichen Charakter war, mit seinem Verbot sei nun alles ins Geleise gekommen, und die Tochter habe ihre romantischen Grillen ver- gessen. .
Sein Wunsch war, sie mit dem Sohn eines Geschäftsfreundes zu verheiraten.
Für Magussi wäre es eine in jeder Beziehung glänzende Heirat trotz eigener sehr günstiger Sehens- bedingungen gewesen. Frau Bunte unterstützte diesen Plan unauffällig und geschickt, um die lodjter den elterlichen Wünschen geneigt zu machen. Welch schweren Verdruß würde es dem Gatten bereiten, wenn er die Erfahrung machen mußte, daß Magussi ihre eigenen Wege gehen wollte! Ausgeschlossen — ganz unmöglich war es.
Frau Bunte ließ das Stubenmädchen kommen.
„Berta, warum haben Sie mich nicht geweckt? Sie wissen doch, Herr Kommerzienrat kann nicht die geringste Abweichung von der täglichen Ordnung vertragen, und derartige Überraschungen, wie bas gnädige Fräulein sie ausgeführt hat, erregen nur seinen Unwillen."
Das Mädchen entschuldigte sich.
„Es ging alles so schnell! Das gnädige Fräulein wünschte nicht, daß Frau Kommerzienrat zu so früher Stunde gestört wurden: darum hielt das Auto der Frau von Konsilius am hinteren Parkausgang. Das gnädige Fräulein hat nur den kleinen Kupee- koffer mit etwas Wäsche und dem grünen Krepp- Georgette-Kleid mitgenommen.
Im Herzen war Berta ganz auf der Seite ihrer jungen Herrin. Mein Gott, war bas so schlimm, wenn sie mit ihrer Freundin mal auf einen Tag nach Seipzig fuhr? Der Herr Kommerzienrat war boch zu streng; er gönnte der Tochter gar nichts — nicht mal fingen durfte sie mehr, und das ganze Haus hatte doch immer gelauscht, wenn sie vor dem Flügel sah und spielte und fang.
5rai^ Bunte schüttelte den Kopf. „Es ist alles sehr unangenehm, Berta! Der Herr Kommerzienrat wird außer sich sein! Wie werde ich es ihm nur beibringen?"
„Vielleicht sagt man, das gnädige Fräulein sei krank und im Bett geblieben —", wagte Berta schüchtern einzuwerfen, — „morgen ist bas gnädige Fräulein ja wieder da —"
„Es geht nicht, Berta —"
„Nein, man konnte Magussis eigenmächtige Reise nicht vertuschen — einer Schuldbewußten gleich ftanb Frau Maria am Mittag vor dem Gatten, besten erste Frage ja der Tochter, die seine Augen im fonnendurchftuketen Speisezimmer gesucht, gegolten hatte.
Mit bebender Stimme, alles in. möglichst harmloser Weise darstellend, erzählte sie von dem kleinen Ausflug. Die Adern auf seiner Stirm schwollen an.
„Du wußtest davon, Maria?"
Ach, was hätte sie darum gegeben, wenn sie diese Frage hätte bejahen können! Doch sie durfte nicht lügen! Und sie mußte ihm auch Magussis Bries zeigen.
Ejn banges Schweigen hing In der Luft, und unsagbar fürchtete Frau Maria den Zornesausbruch des Gatten. Doch er blieb merkwürdig ruhig.
„So —?" sagte er nur, tief Atem holend, woher seine Hanb das Briefblatt zerknitterte, „wir werben ja sehen, mein Kinb! Spukt die Theaterliebhaberei boch noch immer? Glücklicherweise haben^ wir ja etwas, ihr bald einen Riegel vorzuschieben."
Frau Maria sah aber die schwere Erregung, die der Gatte in sich niederzwang. Solange man speiste, sprach er kein Wort über die Angelegenheit. Wozu sollte das aufwartende Mäbchen Zeugin von Fami- lienangeleqenheiten werben? .
Den Kaffee brühte Frau Maria stets m seinem Arbeitszimmer an, ehe der Vielbeschäftigte sich eine Viertelstunbe Ruhe gönnte.
Er brannte sich eine schwere Importe an und blickte gedankenvoll in bas blau.jüngelnbe eptritus- ftämmchen, bas bas Wasser in der Kaijeemaichine zum Sieben bringen sollte.
(Fortsetzung folgt.)


