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03/07/1933 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhaupistadt.

Treichsstatthalter Sprenger spricht vor den Behörden.

Semen Besuch am Samstag in der Stadt Gie­ßen nahm der Herr-.Reichsstatthalter in Hessen, Gauleiter Sprenger, zum Anlaß, sich zwi­schen 10 und 11 Hhr den Landeskommandanten mit seinen Offizieren, die Vorstände der Reichs­und Staatsbehörden sowie die leitenden Beamten der Kommunalverwaltungen vorstellen zu lassen. Provinzialdirektor Graes begrüßte den Reichs­statthalter mit herzlichen Worten im geschmückten Sitzungssaale des Regierungsgebäudes und brachte dabei namens der Beamtenschaft die Ver­sicherung unbedingter Gefolgschaft gegenüber der nationalen Regierung und verantwortungsfreudi­ger Mitarbeit bei der Lösung der zu leistenden Aufgaben zum Ausdruck.

Reichsstatthalter Sprenger richtete im An­schluß an die Cinzelvorstellung eine längere An­sprache an die Erschienenen, in der er mit mah­nenden, ernsten und richtungweisenden Worten die Stellung und den Pflichtenkreis des Beamten im nationalsozialistischen Volksstaat umriß. Auf ganz Hessen gesehen, habe die oberhessische Beamten­schaft schon zu Zeilen der abgetretenen Regierung als völkisch undreaktionär" gegolten. Wenn mit Reaktion gemeint sei die Auflehnung gegen ein System, das den Staat und die Wirtschaft immer mehr dem Verfall und Zusammenbruch zutreiben ließ, so hafte diesem Worte kein Makel an. Füh­rer könne aber nur der sein, der nicht nur über berufliches Wissen, sondern über die Eigenschaft, in allem und jedem Vorbild zu sein, verfüge. Saubere, lautere Amtsführung müsse wieder zu Ehren kommen. Was jetzt bei der Bereinigung des Deamtenapparats als Härte empfunden würde, sei notwendig und finde seine Rechtfertigung in dem Ziele, das historische, schlackenlose, pflicht­bewußte Beamtentum wiederherzustellen. Dane­ben sei die Schaffung klarer, übersichtlicher Ver­hältnisse im Aufbau der Verwaltung ein Erforder- i nis, dem durch die neuerlich getroffenen Maßnah­men zur Vereinfachung der hessischen Staatsver- 1

waltung in einer Weise Rechnung getragen wor­den sei, die erhoffen lasse, daß die für Hessen getroffene Regelung der Entwicklung im ganzen Reiche als Vorbild dienen könne. Der Reichsstatt­halter schloß mit dem Appell, im festen Vertrauen darauf, daß alles, was geschehe, nur dem einen Zweck diene, unser Land und Volk aus den Die* derungen wieder in eine lichtere Zukunft zu füh­ren, in treuer Pflichterfüllung am Wiederaufbau des Vaterlandes tätige Mithilfe zu leisten.

Hiernach begab sich der Herr Reichsstatthalter zur Universität, um an der dortigen Jahresfeier teilzunehmen.

Zn den Ruhestand versetzt.

Der ordentliche Professor in der Philosophischen Fakultät der Landesuniversität Dr. August M e s - s e r wurde auf sein Nachsuchen mit Wirkung vom 1. August in den Ruhestand versetzt. Der orbenb liche Professor an der Juristischen Fakultät der Londesuniversität, Geh. Iustizrat Dr. Wolfgang M i t t e r m a i e r wurde auf sein Nachsuchen mit Wirkung vom 1. Oktober ebenfalls in den Ruhe­stand versetzt.

Der Ministerialrat Dr. h. c. Konrad Löhlein zu Darmstadt wurde auf sein Nachsuchen unter An­erkennung seiner dem Staate geleisteten Dienste mit Wirkung vom 1. Juli in den Ruyestand versetzt.

Tageskalender f ü r Montag. Frauenverein vom Roten Kreuz für Deutsche in Liebersee und Frauenbund der Deutschen Ko- lonialgcsellschaft: 16 Hhr,Liebigshöhe", Unter* Haltungs-Rachmittag. Lichtspielhaus Bahn­hofstraße.'Eine Tür geht auf".

Llnterhaltungs - Rachmittag. Der Frauenverein vom Roten Kreuz für Deutsche über See und der Frauenbund der Deutschen Ko­lonialgesellschaft Abteilung Gießen halten heute Rachmittag im RestaurantLiebigshöhe" einen Unterhaltungs-Rachmittag ab, zu dem Professor PH. Kuhn einen Vortrag überDie völkische Arbeit der deutschen kolonialen Frauenverbände für die Kolonien" halten wird. Auf die Anzeige vom Samstag sei besonders hingewiesen.

Oie Flugtage im Flughafen Gießen.

Die Luftfahrt-Werbewoche hat in unserer Stadt eine eindrucksvolle Ausgestaltung erfahren. Im Zu­sammenwirken vieler Kräfte wurde alles getan, was der Luftfahrt neue Freunde und Förderer werben konnte. Am Donnerstag fanden die Veran­staltungen zur Luftsahrt-Werbewoche mit einem Platzkonzert und einer Ausstellung von Segelflugzeugen schönen Auftakt, am Frei­tag unternahm der SA.-Fliegersturm zusammen mit dem Motorsturm einen vielbeachteten Werbe­marsch durch die Stadt, während man am Abend im Flughafen eine ernste Ansprache über die Be­deutung der deutschen Fliegerei hörte,

der Samstag aber war dem Segelflugsport gewidmet,

und viele Zuschauer fanden sich auf dem Flughafen ein. Die Hitler-Jugend und das Jungvolk, sowie die angeschlossenen Jugendorganisationen hatten schon am frühen Nachmittag einen Werbemarsch durchgeführt und trafen in geschlossenem Zuge auf dem Flughafen ein, um dort in heiterem Spiel und in Anschauung des Seglelfluges, wie auch in eifri­ger Betrachtung der Flugzeuge einige Stunden zu verbringen. Die SA.-Kapelle konzertierte und unter­hielt mit guter Musik. Die Segelfliegerabteilung der Universität unternahm mit demZögling" ver­schiedene Starts, um den Zuschauern segelfliegerische Anfangsarbeit vor Augen zu führen. Die großen Möglichkeiten des Segelflugs lernte man dann aber auch in einem Motorschleppflug kennen, der von einem der Segelflieger Brüder Schmidt im Schlepptau des Motorflugzeuges (Führer: Diet­richs) ausgeführt wurde. Der Segelflieger ließ sich auf etwa 500 Meter Höhe schleppen und kam nach geraumer Zeit, nachdem er über dem Flughafen zahlreiche Kurven gezogen hatte, wohlbehalten wie­der auf der Wiese an. Mit großer Freude nahmen die Kinder am Ballonwettbewerb teil.

Oer Motorflugtag am Sonntag.

Der gestrige Sonntag, Haupttag und Abschluß der Luftfahrt-Werbewochen in unserer Stadt, sah eine große Menschenmenge im Gießener Flughafen. Schon lange.vor Beginn der Dar­bietungen war auf der Terrasse kein Stuhl mehr frei. Seitlich der Rollbahn standen viele Men­schen auf der Wiese und ließen sich nichts von dem interessanten Geschehen dieser Stunden ent­gehen. SA-, Freiwillige Feuerwehr, Freiwillige Sanitätskolonne und Technische Rothilfe waren in geschlossenen Zügen zum Flughafen marschiert. Während die SA. im Flughafen und an den ZugangHstraßen den Kassen- und Ordnungsdienst versah, machte sich die Hitler-Jugend im Pro* grammverkauf nützlich. Mit dem Kauf eines Programms war gleichzeitig die Chance eines Freifluges verbunden, so daß die Rummern der Programme allenthalben recht viel Beachtung fanden. Die glücklichen Gewinner der Freiflüge konnten noch am Abend und nach der Erledigung des offiziellen Programms das Flugzeug zu einem kurzen Rundflug zu besteigen.

Erwartungsvoll harrten die Zuschauer, deren etwa 6000 erschienen sein mögen, der Ereignisse, die der Tag versprach. Die Veranstaltung stand im Zeichen besten Flugwetters und nahm unter dieser günstigen Vorbedingung einen sehr befriedigenden Verlauf. Mit besonderer Freude wurde die Teilnahme des Reichsstatthalters Sprenger ausgenommen, der im Laufe des Rachmittags erschienen war.

Zum Auftakt waren die teilnehmenden Mann­schaften (SA., Sanitäter, Feuerwehr und Tech­nische Rothilfe) angetreten und die Führer der Organisationen schritten die Front ab. Es war inzwischen etwas Wind aufgekommen, der die zahlreichen Fahnen an der Terrasse lebhaft flat­tern ließ. Der ganze Flughafen bot ein präch­tiges, lebendiges Bild. Letzte Vorbereitungen wurden getroffen, der Fallschirm wurde noch einmal geprüft und blähte sich im Winde, der große gelbe Ballon schwankte im Winde hin und her und die Flugzeuge (5 Motorflugzeuge und 3 Segelflugzeuge) waren in einer Linie an der Rollbahn aufgestellt.

Flugkunst Kunstflug.

Die im Gießener Flughafen stationierten Pi­loten zeigten im Laufe des Rachmittags die

hohe Schule des Kunstfluges. Zunächst sah man einen Begrüßungsstaffelflug mit Kunftflug im Verband, an dem drei Flugzeuge beteiligt waren. Viele Augen folgten dem raschen Geschehen in der Luft. Sodann zeigte Erbprinz zu Solms-Lich auf sei­nem Doppeldecker verschiedene Kunstflug­figuren, die die restlose Vertrautheit des Fliegers mit der Maschine erkennen liehen. Rach einem lustigen Ballon-Iagd-Wettbe- werb zeigte auch Fluglehrer Maier seine rou­tinierte Kunst und glänzte dabei mit einer Reihe von schwierigen Rückenflugfiguren. Er überraschte dabei mit bem Uebergang aus dem Rückenflug in die normale Lage durch senkrechten Absturz. Ein Geschicklichkeitwettbewerb in B odennähe wurde ebenfalls mit großer Auf­merksamkeit verfolgt. Es galt, eine Schnur, die nur in 1 Meter Höhe über dem Boden gespannt war, zu zerreißen und dadurch gleichzeitig einen Sprengkörper zur Explosion zu bringen.

Mit großer Spannung sah man dem Segel* f lug - Schlepp st art entgegen, den der Gie­ßener Segelflieger cand. med. Fritz Schmidt im Segelflugzeug hinter dem Motorslugzeug (Füh­rer Dietrichs) ausführte. Der Segelflieger ließ sich in etwa 500 Meter Höhe schleppen, klinkte dann aus und glitt in majestätischem Flug unter geschicktester Ausnützung der Windkraft allmählich zur Erde nieder. Der Pilot Erich Wiegmayer (Braunfels) sprang mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug und kam wohlbehalten auf der Wiese an.

Inzwischen war

Reichsstatthatter Sprenger eingetroffen und von der großen Zuschauermenge herzlich begrüßt worden.

Gleich nach seiner Ankunft hielt er eine Ansprache, in der er unter anderem ausführte: Er komme vom Artillerietag in Darmstadt, von einer Denkmals­weihe in Mainz und von einem großen Iugend- sportfest aus wieder einem anderen Orte nach Gie­ßen zum Fluatag. So verschiedener Art die Veran­staltungen seien, so finde er doch überall den gleichen Geist. Alles finde sich zusammen, überall werde treue Kameradschaft gepflegt, überall erwache wieder rechtes Volkstum. UeberaU und auf allen Gebieten stehe man heute zusammen: in körperlicher Ertüchtigung sowie in der Besinnung auf deutsches Volkstum. Sicherlich nicht allein um des Fliegens willen seien die Fliegerschulen gegründet worden, sondern auch um den Mut des einzelnen zu stählen. Durch den Segelflug fei indirekt die Technik und die Leistung des Fliegers gesteigert worden, gleichzeitig werde aber mit der Fliegerei der Wehrgedanke ge­pflegt. Niemand in Deutschland werde es hindern wollen, diesen Gedanken zu fördern. Dabei herrsche nirgends Zwang. Alles finde sich zu freiwilliger Zusammenarbeit. Jeder einzelne wolle dazu bei­tragen, daß Deutschland wieder vorbildlich werde auf allen Gebieten: dann komme auch die Zeit, wo man dem deutschen Volke die Anerkennung in der Welt nicht mehr versagen werde. Man werde da­durch dem Ausland wieder Achtung abnötigen vor der Leistung des deutschen Volkes und diese Ach­tung werde der beste Garant sein für das Verständ­nis der Völker untereinander. Aus dem Flugsport werde man das Letzte herauszuholen versuchen, um des Vaterlandes willen. Bei all dem dürfe man aber nicht vergessen, jenes Mannes zu gedenken, des Reichskanzlers Adolf Hitler, der zur deutschen Einheit den klaren Weg gewiesen habe. Ihm galt das dreifacheSieg-Heil!", das der Reichsstatthalter auf den obersten Führer ausbrachte und das von der Menge begeistert ausgenommen wurde. Gemein­sam wurde sodann der erste Vers des Deutschland­liedes gesungen.

Den großartigen Abschluß des Programmes be­deutete eine

Gas- und Lustschutzübung,

die unter dem Einsatz der Mannschaften der SA., der Feuerwehr, der Freiwilligen Sanitäts­kolonne und der Technischen Rothilfe durchgefuhrt wurde. Feindliche Flieger hatten zunächst dte Po­lizeiwache mit Brandbomben belegt und die Feuer­wehr mußte eingreifen, während die Santtatsko- lonne mit Rauchmasken in das Gebäude verdräng, um die Rauchvergifteten zu retten. Der einem

zweiten Fliegerangriff wurden Gasbomben auf einen Unterstand geworfen. Der Angriff nahm einen sehr dramatischen Verlauf. Das Publikum folgte auch hier den Vorgängen mit ungeteilter Aufmerksamkeit und erkannte dabei gleichzeitig die Arten der Gefahren, die aus der Luft drohen können. Die Leitung der Hebung lag in den Hän­den von Polizeihauptmann Leyerer. Zum Ab­schluß dieser Hebung nahmen sämtliche beteiligte Mannschaften noch einmal Aufstellung auf der Rollbahn, während der Reichsstatthalter in Be­gleitung der Führer der verschiedenen Organi­sationen die Front abschritt und dabei mit man­chem anerkennenden Wort seiner Befriedigung

über die Durchführung dieser eindrucksvollen Hebung Ausdruck gab.

Am Abend fanden sich wiederum zahlreiche Be­sucher im Flughafen ein. um bei Musik und Tanz einige Stunden zu verbringen. Flugzeug-Startz bei Scheinwerferbeleuchtung bildeten den inter­essanten Ausklang des Tages.

Die Luftsahrt-Werbewoche nahm dank des rück­haltlosen Einsatzes aller Beteiligten den denkbar besten Verlauf. Die Tage im Flughafen waren eindrucksvolles Zeugnis für die dort geleistete wertvolle fliegerische und in die Zukunft weisende Arbeit.

Wege und Ziele der deuWen pflanzenziichtung.

Zntereffanie Erfolge des Kaiser-Wilhelm-InstitutS für ZüchtungSsorschung _ in Müncheberg.

Die Gesellschaft zur Förderung deutscher Pflanzenzucht feierte in diesen Tagen ihr 25jähriges Jubiläum und macht aus diesem Anlaß Mitteilungen über die letzten Er­folge auf dem Gebiete der deutschen Pflanzen­züchtung. Es ist gelungen, die Leistungsfähigkeit von Kulturpflanzen in einem verhältnismäßig kur­zen Zeitraum erheblich zu steigern.

1747 hatte die in Deutschland angebaute Zuckerrübe einen durchschnittlichen Zucker­gehalt von 6 Prozent. 1871 betrug der Zucker­gehalt schon 13 Prozent, und heute enthält die aus gutem Boden angebaute Zuckerrübe 18 bis 20 Prozent Zucker. Auch bei der Kartoffel zsigt sich eine beachtliche Steigerung der Anbau- ergebnifse. 1890 wurden vom Hektar Kartoffel­land durchschnittlich 101,80 Doppelzentner Kartof- eln geerntet. Heute rechnet man mit Höchsternten bis 320 Doppelzentner pro Hektar. Die bahn­brechenden Ergebnisse dec deutschen Pflanzenzüch­tung wurden ermöglicht und immer wieder ge­fördert durch die wissenschaftlichen Leistungendes Müncheberger Kaiser Wilhelm-Insti- tuts für Züchtungsforschung. Auf alle denkbar mögliche Weise werden hier Verbesserun­gen und Veredelungen der Ruh* und Zierpflanzen ausprobiert.

Aus Millionen kleiner Rebenpflänzchen, die mit Meltau infiziert werden, sind die wenigen im­munen Pflanzen herausgesucht und weitergezüch­tet worden, bis man eine Stammkultur von Stöcken hatte, benen der gefürchtete Meltau nichts mehr anhaben kann. Daß man erfolgreiche Der* uche unternimmt, nikotinfreie Tabak- pflanzen zu züchten, ist bekannt. Allerdings hat bei den Versuchen das Pflanzenungeziefer bald gemerkt, daß die Tabakpflanze giftfrei ist, und nun muh durch umfangreiche Maßnahmen das Hn* geziefer sorgfältig ferngehalten werden.

Es ist jetzt gelungen, eine Tomatensorte zu züch­ten, die fünf Wochen lagersest ist. Man hofft, diese Frist noch bis auf drei Monate verlängern zu können. Bisher konnten Tomaten im Höchst­fall drei Wochen gelagert werden. Die bis freute vorliegenden Ergebnisse bedeuten praktisch, daß man inländische Tomaten jetzt bis Ende Rovern* bet liefern kann. Versuche werden mit der Züch­tung von Tomatenpflanzen mit früherer Reife­zeit gemacht, doch liegen hier noch keine prak­tisch ausnuhbaren Ergebnisse vor.

Seit langen Jahren schon ist man bestrebt, Kartoffeln gegen Frost unempfind­lich zu machen. In den Versuchshäusern stehen die Kartoffeln in langen Reihen von Blumen­töpfen. Sie scheinen tatsächlich gegen Frost un­

empfindlich zu sein, denn mehr als einmal war die Erde in den Töpfen festgefroren, ohne die Pflanzen zu schädigen. Allerdings können diese Kartoffeln noch nicht angebaut werden, denn leider haben frostunempfindliche Knollen nur die Größe von Erbsen. Es wird noch einige Jahre dauern, bis mit einem geeigneten frostunemp­findlichen Gewächsmaterinl gerechnet werden kann. Was den Züchtungsversuch besonders er­schwert und ein fruchtbares Ergebnis so ver­zögert, ist die Tatsache, daß sich diese Kartoffel* pslanzen mit unseren einheimischen Kartoffel­sorten nicht kreuzen lassen. Hier muß der Hinweg über eine dritte Sorte, die für eine Kreuzung mit den beiden ersten geeignet ist, gewählt werden.

Auf dem Gebiete der Aufzüchtung von Getreide sind sehr beachtliche Fortschritte er­zielt worden. Die Arbeit hier ist äußerst müh­sam. Auf einem Roggenfeld des Müncheberger Instituts sind nicht weniger als 60 000 Doggen­ähren mit Papierbeutelchen versehen worden, um durch diesen Abschluß unerwünschte Kreu­zungen auf dem Feld verhindern zu können. Auf dem Gebiet der Verbesserung der Ge­treidesorten hat man nicht nur besonders winterfeste Weizensorten, die sich durch ebenso* große Anspruchslosigkeit wie Ertragfähigkeit auszeichnen, gezüchtet, sondern versuchsweise auch Weizen und Roggen gekreuzt. Daß sich hierbei noch keine nennenswerten Fortschritte ergeben haben, liegt in erster Linie daran, daß man bei Artkreuzungen erst nach zehn bis fünfzehn Jahren mit einem Erfolg rechnen kann. Versuche mit dauerhaftenGerstenpflanzen sind sehr befriedigend verlaufen. Diese neuen Gerstensorten liefern nach der einmaligen Aussaat für vier bis fünf Jahre alljährlich im Sommer Frucht. Die Stoppeln wachsen also Jahr für Jahr nach und geben in mehreren Sommern Ernte. Allerdings sol­len die Ernten des zweiten bis fünften Jahres besser nur für Futtermittel verwendet werden.

In Müncheberg wird auch eine neue Oel* pflanze gezüchtet, die nach den bisher gesammelten Erfahrungen die Sojabohne in der Leistung durchaus erreichen soll und sie ersetzen könnte. Ihr Anbau würde Deutschland unter Hmständen zukünftig vom Oelimport unabhängig machen. In Müncheberg hat man weiter festgestellt, daß die männlichen Spargelpflanzen durchschnittlich um ein Fünftel ertragreicher sind als weibliche, daß also ein Spargelfeld mit ausgewählten männ­lichen Pflanzen ohne größere Mehrleistung an Arbeit einen um 20 Prozent höheren Ertrag sichert.

Buntes Allerlei.

Ehamäleon-Blumen.

Mit der Blüte von Rosen und Rittersporn er­reicht die sommerliche Blumenpracht ihren Höhe­punkt und wir bewundern die unbegreiflich reiche und vielgestaltige Fülle der Farben und Düfte, die sich uns hier barbieten. Ein Botaniker, der eine statistische Erfassung der Dlumenfarben versucht hat, stellte fest, daß sich die einzelnen Farbtöne auf 1000 verschiedene Arten von Blumen folgendermaßen verteilen: 287 sind weiß, 223 gelb, 222 rot, 144 blau, 72 violett, 36 grün, 12 orangefarben und 4 braun. Zwei Arten werden als schwarz gefärbt angesehen, doch ist damit die Farbe nur ungefähr gekennzeich­net, denn vollständig schwarze Blumen gibt es nicht. Run ist jedoch bei der einzelnen Pflanze nicht nur eine Vielfarbigkeit, sondern in manchen Fällen so­gar ein Farbenwechsel zu beobachten. Es gibt Cha­mäleon-Blumen, die während der Blütezeit ihre Farbe verändern. Das ist z. B. bei Hibiscus muta- bilis der Fall, deren Blüte sich am Morgen in fleckenloser Weiße eröffnet, dann um Mittag rosa wird, beim Sonnenuntergang in roten Tinten leuch­tet und des nachts zu einer bläulichen Tönung ver­blaßt. Die Pflanze ist ein Kind des Fernen Ostens, kommt jedoch außer in China und Japan auch in West- und Ostindien vor. Ein anderer Strauch, die chinesische Hhdrangea, hat Blüten, die beim ersten Sichöffnen grün sind und sich dann später zu einer rosa Färbung wandeln. Ein dritter dieser ver­änderlichen Blüher ist Cheirantus mutabilis, besten Blüten von Gelb zu Orangefarben wechseln, dann in Rot Umschlagen und schließlich ein tiefes Pur­pur zeigen. Selbst bei so alltäglichen Blumen wie dem Phlox kann man Farbenänderungen beobachten. Unter den weihen Blumen finden sich verhältnis­mäßig viele, die geruchlos sind, nämlich 15 Pro- zent. Unter den gelben und violetten Blumen sind 9 Prozent ohne Geruch. Sehr wenige blaue Blu­men hauchen Dust aus, und unter den scharlach­roten ist nicht eine einzige, die riecht. Blumen mit starkem Geruch sind in der Regel im trockenen Klima häufiger als im feuchten. Thymian, Salbei, Laven- del z. B. blühen üppig in trockenen Hochlanden und erfüllen die Lust mit ihrem schweren Duft: die wilden Blumen sumpfiger Gegenden dagegen riechen feil­ten stark, und wenn sie einen Geruch haben, so ist dieser meist nicht angenehm.

Oie Flasche alsSparstrumpfe.

Glasflaschen haben in Belgien ganz allgemein denSparstrumpf" ersetzt, in dem vorsichtige Leute früher ihre Rotgroschen aufzubewahren pflegten. Diese neue Art des Sparens ist nicht unbedenklich, denn sie hat bereits dazu geführt, daß die kleinen, wie Silber aussehenden 50-Centimes-Stücke immer mehr aus dem Umlauf verschwinden und schon bei­nahe so selten sind wie Goldstücke. Wer diesenSport" erfunden hat, weih man nicht. Vielleicht kam er aus Frankreich, wo man die Flaschen zu eben demselben Zweck verwendet. Aber jedenfalls gibt es heute we­nige Wohnungen in Belgien, in denen nicht drei

bis viermal oder auch öfters am Tage mit lustigem Klingeln ein halbes Francs-Stück in eine Literflafche fällt. Eine solche Flasche saht 22ÖO 5O.Centimes- Stücke, und wenn nur 1000 Flaschen auf diese Weife gefüllt werden, dann ist schon eine Million Francs in kleiner Münze aus dem Umlauf verschwunden und wird im Geschäftsverkehr schmerzlich vermißt.

Entgangene Gelegenheiten.

Was du dem Augenblicke ausgesck agen, bringt keine Ewigkeit zurück." Das Dichterwort bewahrheitet sich auch im alltäglichen Lebien, und es ist eine beson­dere Begabung des tüchtigen Geschäftsmannes, zur rechten Zeit zuzugreifen. Die günstige Gelegenheit kann aber auch durch einen Zufall versäumt werden. Dafür bietet ein schlagendes Beispiel eine Episode aus der Geschichte eines weltberühmten Klubs, des Turf-Klubs von Kairo. Das prächtige Palais, in dem er bisher hauste, wird jetzt anderweitig vermietet, da der Vertrag abgelaufen ist. Das in bester Gegend Kairos gelegene Haus, dessen Wert heute aus zwei Millionen Mark geschätzt wird, war das Eigentum des verstorbenen Sir Alexander Baird. Als Gönner des Klubs bot er diesem in einem Brief Haus und Boden zum Geschenk an, erhielt aber keine Antwort. Darüber gekränkt, verkaufte er fein Besitztum. Erst viele Jahre später wurde der Brief gefunden, und zwar uneröffnet. Der Sekretär war bei seinem Ein­treffen auf Urlaub gewesen und so war das wich­tige Schreiben verlegt worden. - Um eine andere entgangene Gelegenheit trauert noch heute der ame­rikanischeStahlkönig" Schwab- Vor mehr als 25 Jahren wandten sich an ihn zwei junge Leute und baten ihn, ihre Flug-Versuche zu unterstützen. Der Millionär aber erklärte den Gedanken für einen aufgelegten Schwindel" und wies die beiden ab. Es waren Wilbur und Orville Wright, und ihr aufgelegter Schwindel" war das erste brauchbare Flugzeug, mit dessen Finanzierung Schwab Riesen­summen hätte verdienen können. Andere solche ver­paßten Gelegenheiten werden in einer englischen Wochenschrift zusammengestellt. So hatte eine Dame Alice I. Miller 1906 ein Stück Land in Kalifornien für 640 Mark getauft. Im Jahr darauf konnte sie die Steuern in Höhe von 15 Mark nicht zahlen, und infolgedeffen wurde das Land mit Beschlag belegt. 20 Jahre später war dieses selbe Terrain drei Milliarden Mark wert, denn man hatte hier das berühmte Petroleumvorkommen von Elk Hills gefunden. Die Bodleianische Bibliothek in Oxford hatte im Jahre 1623, als die erste Folio-Ausgabe der Werke Shakespeares erschien, dieses Buch in ihre Bestände aufgenommen. Als aber 1664 eine neue Ausgabe herauskam, hielt man die alte Aus­gabe für überflüssig und verkaufte sie für eine Klei­nigkeit. Später freilich mußte man diesen voreiligen Verkauf schwer bereuen, denn die erste Folio-Aus­gabe, die sich als die Grundlage der Textgestaltung der ShakespearischenDichtungen erwies, wurdeimmer seltener und teurer, und die Bibliothek konnte erst 1905 ein Exemplar für 60000 Mark erwerben.