Oie stummen Gaste von Ztveilmden
Roman vonAnny vonpanhuys.
Copyright by Belletristische Korrespondenz Bechthold.
7. Fortsetzung. Nachdruck verboten!
„Vielen Dank für Ihr Angebot, Sie guter Mensch. Sie erweisen mir einen sehr großen Dienst, denn ich leide unter dein Gedanken, daß alle die Zimmer, darin ich seit Kindertagen frei ein und ausgegangen, jetzt für mich verschlossen sind, weil man fürchtet, ich könnte irgend etwas wegnehmen und beiseite jchaffen." Sie stöhnte laut auf: „Lieber Herr Flügge, ich habe garnicht gewußt, wie gut ich cs bisher hatte, jetzt erst weiß ich es."
Sie drängte gewaltsam die Tränen zurück, und dann wanderten sie beide zusammen Lurch den Park dem Hause zu.
Als sich Flügge verabschiedete, sagte er noch, dabei an seinem langen, weißen Schnurrbart zupfend: „Ich lasse jetzt von meiner alten Grete ein Zimmer Herrichten, Sie sind mir jederzeit willkommen."
Bettina sah ganz eigen reizvoll in dem schwarzen Kleide aus, und der alte Mann blickte ihr nach, als sie auf das Herrenhaus zuschritt, und dachte: wie schade, daß er kein junger Kerl mehr war. Dann hätte er es sich wahrhaftig nicht zweimal überlegt und ihr sofort seine Hand angeboten, damit sie davor bewahrt bliebe, sich unter Fremden ihr Brot zu verdienen. Konrad von Zweilinden hatte nicht recht gehandelt an ihr. Gewiß, der Tod hatte ihn überrascht, aber wenn er die Verantwortung für ein so junges Geschöpf übernahm, war es seine Pflicht und Schuldigkeit, daß er es nicht so hilflos zurückließ.
7.
Bettina suchte gleich nach der Unterhaltung mit dem Inspektor ihr Zimmer auf und begann ihre Sachen zu packen. Dabei flössen ihr die Tränen unaufhaltsam über die Wangen. Es tat doch bitterweh, das Haus verlassen zu müssen, das sie von Kindesbeinen an beschützt hatte.
Ohne anzuklopfen trat Justine von Wellen ein. Sie lächelte: „Weine doch nicht zuviel, Bettina, wenn dein Wulf dich so sieht, findet er dich häßlich.^"
„Der Graf wird sich kaum noch hier blicken lassen", erwiderte Bettina, und es war ein scharfer Beiklang in ihrer Stimme.
„Wie meinst du das?" fragte Frau Justine.
Bettina zuckte die Achseln.
„Die Ratten verlassen das sinkende Schiff! Seine Liede mar keinen Deut wert. Er hat mich nur so lange geliebt, so lange er mich für die reiche Erbin hielt. Mit dem Verlust dieses Nimbus geht mein Verlust des Grafen Hand in Hand."
„Der Graf hat sich von dir zurückgezogen?" fragte die Frau erschreckt. Und als die Jüngere nickte,
meinte sie leichthin: „Ich habe es mir beinahe gedacht, Laß es so kommen würde!"
„Weil ich kein Geld Ijabe, nicht wahr, Tante Justine? Es stimmt! Aber wir wollen nicht davon reden, bitte."
Die andere neigte den Kopf.
„Gut, wir wollen nicht davon reden. Aber, sage mir, wie denkst du dir nun eigentlich deine Zukunft? Auch ohne Erbschaft hättest du als Gräfin Speerau etwas gegolten, denn schließlich schon der Titel stellt etwas vor, und zu leben wird der Graf wohl auch haben. Aber wie denkst du dir jetzt deine Zukunft? Bis zum 1. Juli ist nicht mehr lange hin. Mein Mann und ich werden nach Hause reisen und den Gang der Dinge von dort aus verfolgen. Du weißt, wenn Ottfried sich nicht meldet, werde ich Zweillnden erben."
Das Hang so, als spräche sie nicht von einer Möglichkeit, sondern von einer Gewißheit.
Bettina erklärte, Inspektor Flügge hätte ihr vorläufig ein Heim im Inspektorhause angeboten, wo er mit seiner alten Wirtschafterin Grete eine hübsche und ziemlich große Wohnung innehätte.
„Ich muß gestehen, wenn du das Anerbieten an- nimmft, begehst du eine grenzenlose Taktlosigkeit", erklärte Frau Justine mit hochgezogenen Augenbrauen. „Denn die frühere Tochter des Herrn von Zweilinden darf doch nicht bei seinem Inspektor unterschlüpfen."
Bettina entgegnete bitter: „Wo soll ich denn so schnell hin? Die paar hunndert Mark, die ich mir erspart habe reichen nicht weit, und die wenigen, allerdings sehr hübschen und vielleicht auch wertvollen Schmuckstücke, die ich vom Vater habe, gebe ich nicht her. Davon trenne ich mich nicht. Ich sehe feine Schande darin, Inspektor Flügges freundliches Angebot anzunehmen." Sie machte eine müde Bewegung. „Wenn du aber meinst, Tante Justine, ich sollte es lieber nicht tun, kann ich es auch lassen. Du hast mich am Tage vor Vaters Beerdigung ja eingeladen, wenn ich Lust hätte, könnten wir ein Weilchen zusammen in Berlin wohnen, damit ich mich zerstreue. Wenn ihr wieder nach Hause fahrt, kann ich euch ja begleiten."
Frau Justine lächelte süßlich.
„Das geht nicht gut; mein Mann und ich sind durch die letzten Vorgänge hier so angegriffen, daß wir, verzeihe die Offenheit, einen, wenn auch sonst noch so lieben Besuch, als Störung empfinden würden."
Bettinas Bitterkeit überströmte die Grenzen. Sie erwiderte mit bebender Stimme: „Sprich doch, wie du denkst, Tante Justine. Du hast mich eingeladen, so lange du in mir die zukünftige Herrin von Zweilinden gesehen hast, weil du dir Vorteile davon versprachest, mit mir auf gutem Fuße zu stehen; seit du aber weißt, ich gehöre ungefähr in die Klasse der sogenannten armen Kirchenmäuse, ist's mit der I verwandtschaftlichen Liebe aus." — Frau Justine I richtete sich gerade auf. „Ich bitte dich, nicht zu ver
gessen, daß für verwandschaftliche Liebe gar fern Grund da wäre. Du bist Die Tochter des Dorfschullehrers Claudius, die mein Bruder und feine Frau aus Mitleid nach dem Tode ihrer Eltern ins Haus nahmen. Da wir nun gerade bei Dem Thema find, möchte ich dich bitten, mich nicht mehr Tante Justine
zu nennen, sondern Frau von Welten. Das intime „du" verschwindet dadurch selbstverständlich auch."
Bettinas schlanke Gestalt stand ganz regungslos, als sie erwiderte: „Gutz Frau von Wellen, ich werde vergessen, daß Sie mich, als Sie nach Vaters Tod hevgereist tarnen, extra darum baten, Sie Tante Justine und „du" zu nennen. Sie waren früher so selten hier, daß ich ganz gut ohne die Vertraulichkeit ausgekommen wäre."
„Du bist unverschämt!" zischte Frau Justine von Wellen.
Bettina schüttelle den Kopf. „Nur wahr bin ich. Im übrigen ersuche ich sie, Frau von Welten, mich Fräulein Claudius zu nennen und ebenfalls nicht mehr zu duzen. Dergleichen ist mir sehr unangenehm von Fremden."
lieber die harten Züge Frau Justines breitete sich Zorn. „Du dreistes Geschöpf, was nimmst du dir heraus! Jetzt begreife ich meinen Bruder. Er hat schon gewußt, was er tat, als er kein Testament zu deinen Gunsten machte. Wer weiß, wieviel Aerger du ihm bereitet hast."
„Vater und ich verstanden uns sehr gut", rief Bettina erregt, „es ist abscheulich und häßlich von Ihnen, so etwas zu sagen. Gehen Sie aus meinem Zimmer, ich möchte allein sein. Ich gräme mich um den Vater und habe keine Stimmung dafür, mich mit Zänkereien abzugeben."
„Du weist mich aus dem Zimmer, du mich?" Frau Justine japste nach Lust. „Nun ich werde mir das merken. In kurzer Zeit werde ich hier Herrin sein, komm mir Dann nie mit einer Bitte. Für dich ist niemals etwas Da und niemals Platz auf Zwei- linden."
Bettina zwang sich zur Ruhe. Er war zu wider- wärttg, wie diese Frau aus der Rolle der liebenden Tante gefallen war; sie sagte nur leise: „Ich wider- hole, ich heiße für Sie Fräulein Claudius, vergessen Sie das nicht, Frau von Welten."
Die andere drehte ihr schroff den Rücken und ging, die Tür hinter sich zuknallend.
Bettinas Hände fuhren empor, deckten einen Augenblick die gemarterten Ohren. Wie rücksichtslos war diese Frau, sich so in einem Trauerhause zu benehmen.
Sie gi?kh dann und riegelte zu, packte mit tränenschweren Augen ihre Sachen weiter zusammen.
Sie klingelte später einem der Mädchen, bat sie, einen Koffer vom Boden zu holen.
Das Mädchen zuckte die Achseln.
„Die Kofferkammer ist auch zugeschlossen worden und das Schloß versiegelt."
„Dann helfen Sie mir bitte, Marta, meine Sachen
ins Jnspektorhaus hinüberzutragen. Ich werde vor« läufig oei Herrn Flügge wohnen.
Marta nickte: Aber gerne helfe ich Ihnen, gnädiges Fräulein, unsereins hat ja gar nichts mehr zu tun, alle Räume sind ja verschlossen und unter Siegel. Sie haben recht hier fortzugehen vor Der Zeit, ich möchte auch am liebsten vor Dem 1. Juli weg, aber ich hoffe immer noch, es geschieht ein WunDer, und Sie werden doch die Erbin von Zweilinden."
Marta war schon seit zehn Jahren hier in Stellung und begriff nicht, oaß hier nun alles plötzlich so anders gekommen war. In ihren Augen blitzten Tränen.
Betttna legte ihr die Hand auf die Schuller.
„Ich danke Ihnen Dafür, daß Sie so denken, Marta, aber auf Das WunDer brauchen Sie nicht zu warten. Ich werde niemals die Erbin von Zwei- linden werden. Entweder kommt Ottfried von Zwei- linden, der als Verschollener gilt, zurück, es wird gründlich nach ihm geforscht ober Frau von Welten erhält das Gut Zweillnden/'
Marta seufzte und erklärte bann: „Bei ber bliebe ich überhaupt nicht! Der Diener Anton sagt auch, sie sei unausstehlich unb piesacke alle Menschen, bie sie nicht für voll nimmt. Uns Dienstboten aber nimmt sie nicht für voll."
Bettina lächelte matt: „Beruhigen Sie sich, Marta, mich nimmt sie auch nicht für voll."
Sie schickte das Mäbchen hinüber zum Inspektor unb ließ ihm bestellen, sie würbe schon heute, schon in einer Stunde kommen, um von seiner Gastfreundschaft Gebrauch zu machen.
Er erschien daraufhin selbst und half mit, Marta den kleinen Umzug zu bewältigen.
Eine hübsche helle Stube mit dem Blick auf die Felder unb auf eine Walbecke war ihr neues Heim. Hier hängte Bettina zuerst das Bild ihrer Eltern auf, bann bas ihres Pflegevaters unb seiner Frau, banach räumte sie ihre Kleiber und ihre Wäsche ein.
Die alte Grete half ihr dabei. Endlich befand sie sich allein, es war inzwischen schon spät geworden. Grete brachte ihr Tee unb belegte Brote, und zum ersten Male seit Dem Tode des Pflegevaters aß sie mit Appetit. Das Herumkramen, bie neue Umgebung hatten sie abgelenkt. Und sie schlief tief unb fest in Dieser ersten Nacht im Jnspektorhause, erwachte erfrischt unb ausgeschlafen.
Ein halbes Stündchen später saß sie beim Frühstück mit dem Inspektor. Er grüßte sie mit derselben Achtung, wie er sie begrüßt hätte, wenn sie die Erbin von Zweilinden gewesen wäre; unb Betttna dachte, jetzt erst lernte sie richtig die Menschen kennen. Wulf Speerau, auf dessen Goldechtheit sie geschworen hätte, war ein jämmerlicher Selbstsüchtling, ein Lügner und Betrüger, unb Frau von Wellen eine Heuchlerin. Marta, Das Stubenmäbchen, aber hatte ihretwegen Tränen in den Augen gehabt, unDx3n= spektor Flügge ftanb ihr bei wie ein guter Vater.
(Fortsetzung folgt.)
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Es wirD nochmals Darauf hingewiejen, Daß die Frist zur Einreichung der Reichsbezugsscheinabschnitte für den Monat Marz 1933 am 10. April 1933 abläuft.
Alle örtlichen Verkaufsgeschäfte, die zur Entgegennahme der Reichsbezugsscheine berechtigt waren und diese noch nicht zur Einlösung gebracht haben, werden hiermit nochmals aufgefordert, die Bezugsscheinabschnitte unter Beifügung einer Rechnung in doppeller Ausfertigung alsbald bei dem Städttfchen Wohlfahrtsamt, Gac° tenstraße 2, Zimmer 10, einzureichen.
Im übrigen nehmen wir Bezug auf unsere Bekanntmachung vom 2. Januar 1933.
Verspätet eingereichte Abschnitte können nicht mehr beglichen werden. 2299D
Gießen, den 1. April 1933.
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