Ausgabe 
3.3.1933 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

Oie Hausfrau hat das Wort!

Es ist nun einmal so Unsere Haus rauen sind die Diktatoren der Wirtschaft. 80 v. H. der Ausgaben aller Haushaltungen gehen durch ihre Hände. Entscheiden sich unsere Frauen z. B. einseitig für amerikanische Aepfel, italienische Frühkartof­feln, französisches Obst oder dänische Butter, so können sich Hunderte von Wirtschaftsführern in Denkschriften den Kopf zerbrechen, di« Wirtschaft bleibt krank, die Arbeltslosenwelle steigt. Das schwache Geschlecht" ist hier mal wieder das stärkere.

Manchmal führt dieseStärke" zu Kuriositäten. Jeder kennt z. 2. Schleswig-Holstein als eine unserer vielgerühmten . Butterprovinzen". Schon lange Zeit vor dem Kriege war die Schleswig- Holsteinische 2utter weltbekannt. Die Engländer bevorzugten sie als die Qualitätsbutter über­haupt. In dem Maße, wie Deutschland seine Duttereinfuhren steigerte, steigerten die Schles­wig-Holsteiner ebenso wie die Landwirte an­derer deutscher Provinzen die Güte ihrer 2utter weiter, um auf dem Inlandmarkt jeden Wett­bewerb mit ausländischer 2utter aufnehmen zu können. So - schufen sie schon 1925 die in der Tat von keiner Auslandware in der Qualität übertroffeneM a r k e n b u t t e r".

Ohne Zweifel sind die Schleswig-Holsteinischen Hausfrauen zu beneiden. Sie wohnen inmitten einer der bekanntesten 2utterprovinz«n, die ihnen die beste 2utter bieten kann. Aber die Haus­frauen dieser klassischen 2utterprovinz entschei­den sich oft anders: Sie kaufen dänische, lettische oder schwedische 2utter! Das geht neuerdings so weit, daß zahlreiche ausländische Firmen in nahe­zu allen Städten und größeren Dörfern Schles­wig-Holsteins Läden unterhalten, die ausschließ­lich ausländische Butter, dänisches Schmalz, Eier, Käse usw. vertreiben. Ueberall blühen diese Lä­den auf.Ihre Hoheit die Hausfrau" diktiert. Dein seien wir uns selbst gegenüber offen, fie ist der Gedankenlosigkeit verfallen.

Man komme nicht mit dem Einwand besserer Qualität. Die deutsche Markenbutter in allen Provinzen hat in den letzten Iahren eine Güte erreicht, die von keinem anderen Lande der Welt übertroffen wird. Hier handelt es sich auch nicht um eine Boykottierung anderer Waren, hier handelt es sich darum, daß die deutscheFrau das Erzeugnis deutscher Arbeit, die deutsche Markenbutter wirklich kennen und schätzen lernt.

Man kann den Kampf gegen den Auslandfim- mel als einen Kampf gegen die Gedankenlosigkeit bezeichnen. Diesem Kampf gegen die Gedanken­losigkeit dient dieDeutsche Woche", die auch in diesem Jahre wieder in allen Städten des Rei­ches unter dem Motto ..Kauft deutsche Ware und Ihr schafft Arbeit und Brot" durchgcführt wird. Hoffen wir, daß der Deutschen Woche 1933 die Durchdringung der Bevölkerung mit dieser Idee vollkommen gelin­gen wird. K.E.

Das Backhaus-Korizeri verschoben.

Vom Konzertverein wird uns geschrieben: Leider ist es notwendig geworden, das für Sonntag, 5. März, vorgesehene Klavierkonzert von Prof. Wil­helm Backhaus zu verschieben. Der Wahltag, die politische Unruhe und Spannung dieser Tage mit ollen ihren Geschehnissen lenken das Interesse an künstlerischen Veranstaltungen allzu sehr ab, wie auch die ganz verschwindend geringe Nachfrage nach Einlaßkarten gezeigt Hot. Es ist unmöglich, vor leeren Bänken ein Konzert eines so prominenten Künstlers zu veranstalten. Mit der Einwilligung von Pros. Backhaus soll das Konzert also zu­nächst verschoben werden, voraussichtlich bis in den Mai. Die ausgegebenen Karten und die AbonNc- mentskarten behalten ihre Gültigkeit. Sobald der neue Termin vereinbart ist, wird er bekanntgegeben werden. Der Borstand weist aber ausdrücklich bar auf hin, daß ein derartiges Konzert tatsächlich nur bann vorbereitet und veranstaltet werden kann, wenn der Kartenverkauf dem der früheren Jahre entspricht, weil sonst ein solches Konzert keinesfalls zu finanzieren ist und weil man einem Künstler wie Backhaus nicht zumuten kann, vor einem halbgefüll­ten Hause zu spielen. Näheres in der Musikalien­handlung von Ernst Challier.

Heist ein Tierheim schaffen!

Dom Tierfchutzverein Gießen wird uns geschrieben:

Die Hinterbringung und Behandlung herren­loser Hunde und Katzen in der Stadt Gießen war schon Gegenstand mehrfacher Derhandlungen, aber ohne jeden greifbaren Erfolg. Was in der Stadt fehlt, ist eben ein T i e r h e i m. Geeignete Räume stehen z. Z. nicht zur Verfügung. Die geplante Erweiterung der Universitäts-Hunde- klinik, die ebenso nötig wie dringend ist, läßt wegen der großen Geldknappheit lange auf sich warten. Cs ist ein Gebot der Stunde, tierschüh» lerisch hier einzugreifen, um endlich einem all­gemeinen Bedürfnis Rechnung zu tragen. Es er­geht darum an die Bevölkerung die herzliche Ditte, durch freiwillige Gaben den Grundstock zu einem geplanten Tierheim zu legen. Auch die kleinste Gabe ist willkommen. Wer ein warmes Herz für diese arme Tierwelt hat, der versäume 1 nicht, sein Scherflein dazu beizutragen. Geld­spenden werden vom Tierschutzverein mit Dank angenommen.

Aufhebung der SieuerverzugSzuschläge

Der Reichsminister der Finanzen hat eine Verordnung erlassen, durch die mit Wirkung vom 1 März ab d i e Steuerverzugs- zuschlage aufgehoben werden. Dom 15. März ab werden von rückständigen Steuerbeträ- gen nur noch Steuerzinsen erhoben. Der Zinsfuß beträgt in den Fällen des Verzuges 12 Prozent jährlich, in sonstigen Fällen (insbeson­dere bei Stundung und Zahlungsaufschub) 5 Pro­zent jährlich.

** Racheichung der Meßgeräte und Gewichte. Die in zweijähriger Wuiverkehr ge­setzlich vorgeschriebene Racheichung der im eich­pflichtigen Verkehr befindlichen Meßgeräte (Län­gen- und Flüssigkeitsmahe, Meßwerkzeuge für | Flüssigkeiten. Hohlmaße, Gewichte und transpor­table Hanlelsw ragen bis ausschließlich 3000 Kilo­gramm) soll im Kreise Gießen demnächst beginnen. Das Kreisamt Gießen hat die Bürgermeistereien angewiesen, den Beginn der Eichtage in ortsüb- "cher Weife bekannt zu machen und kurz vorher noch einmal darauf hinzuweisen.

* Ermittelt. Die Personalien des gestern auf der Bahnstrecke GießenRödgen aufgefunde­

nen Toten konnten im Laufe des gestrigen TageS von der Polizei ermittelt werden. Es handelt sich um einen 18 Jahre alten Dachdecker aus Wieseck, der wegen Krankheit freiwillig aus dem Leben gtng.

.Öoll der Junge Kaufmann wer­den?" Lieber dieses Thema findet heute, Freitag, ab 18.25 Uhr, ein soziales Zwiegespräch im Süd­westdeutschen Rundfunk statt. Das Gespräch wird, wie man uns mitteilt, zwischen dem Leiter der kaufmännischen Stellenvermittlung des DHV. in Frankfurt a. M., Arno Zacher und Hubert Sch mitt geführt werden. Interessierte Eltern seien auf diese Informativnsmöglichkeit besonders hingewiesen.

" Der Geflügel- und Vogelzucht- verein Gießen und Umgegend 1897 Ae.ll seine gut besuchte Generalversammlung bei Mitglied Henkel ab. Rach Begrühungsworten des 1. Vorsitzenden August Felsing erstattete der erste Schriftführer den Jahresbericht, aus dem hervorging, daß der Verein im vergangenen Jahre auf sein 35jähriges Bestehen zurückblicken konnte. Aus diesem Anlaß wurde vom 21. bis 23. Ohcber auf der Liebigshöhe eine Allgemeine Jubiläums-Geflügelausstellung abgehalten, die einen allseitig befriedigenden Verlauf genommen hat und den Zeitverhältnissen entsprechend gut beschickt war. Durch den Landesverband Hessi­scher Geflügelzüchter wurde eine Anzahl älterer verdienter Mitglieder geehrt, indem ihnen Ehren­urkunden von dem Vertreter des Landesverban­des. Jean Kolter, Bad-Rauheim, überreicht wurden. Rach Verlesung der Rechnung des ver­gangenen Jahres und Bericht der Rechnungs­prüfer wurde dem Rechner Entlastung erteilt. Bei der Wahl des Vorstandes wurde auf Antrag des Ehrenvorsitzenden August Schwan der bis­herige geschäftsführende Vorstand wiedergewählt. Auch in den übrigen Vorstandsämtern fand keine Veränderung statt, mit Ausnahme eines aus­wärtigen Beisitzers. Unter Punkt Verschiedenes wurde u. a. eine Zusammenkunft mit Damen be­schlossen, die am 18. März auf der Liebigshöhe stattfinden soll. Weiter wurde eine Allgemeine Geflügelausstellung im Rovember in Aussicht genommen. Rach allgemeiner Aussprache und Worten des Dankes schloß der erste Vorsitzende die Generalversammlung.

Hessische Gastwirieiagung.

@ r o 6 = (S e r a u, 2. Mörz. (WSN^ Der Rhe i n° Main-Gastwirteverband (Hessischer Lan­desverband) hielt heute hier seinen von etwa 200 Vertretern aus allen Teilen Hessens besuchten De­legiertentag ab. 9m Mittelpunkt der Tagung stand ein Referat von Stadtrat Runge. Köln über »Die Aufgaben der Organisation beim Wiederauf­bau des Gastwirtegewerbes". Der Redner verlangte ein klares Bekenntnis der Berufsverbände zu der neuen Reichsregierung. Eine Mitarbeit an dem Wiederaufbauprogramm der Reichsregierung sichere zugleich den Wiederaufbau des schwer darnieder­liegenden Gastwirtestandes. In einer mit großer Mehrheit gefaßten Entschließung erklärt sich der Rhein-Main-Gastwirteverband bereit, vertrauens­voll mitzuhelfen, daß die neugebildete nationale Regierung ihre große Aufgabe der Wiederaufrich- tung des deutschen Volkes und der deutschen Wirt­schaft erfüllen kann.

2ln den Reichskanzler Adolf Hitler wurde fol­gendes Telegramm gerichtet:Die Gastwirte des Volksstaates Hessen bekennen sich bereit zur tätigen Mitarbeit und Unterstützung der von Ihnen geführten Regierung. Mr erwarten nichts als gerechte Behandlung unseres Gewerbes, das bisher durch ein Uedermaß von Sonderlasten gegenüber anderen Berufsständen in ungerechtester Weise behandelt worden ist. Die na­türliche Folge war der vollständige"Zusammenbruch eines einst blühenden Gewerbes, das nicht nur ein wesentlicher Steueraufbringer, sondern auch ein Förderer der kulturellen und sittlichen Aufgaben des deutschen Volkes mar. Wir entbieten Ihnen, sehr verehrter Herr Reichskanzler, das Gelöbnis t r e u e ft e r Mitarbeit bei allen Bestrebungen zur Wiederaufrichtung unseres lieben Vaterlandes."

3m weiteren Verlaufe der Tagung wurde scharfe Kritik geübt an der bisherigen Haltung des Vor­standes des Reichs-Gastwirteverbandes. Die weite­ren Beratungen beschäftigten sich mit verschiedenen wirtschaftlichen und organisatorischen Fragen.

Der freiwillige Arbeitsdienst.

Die Jüftrerausbilbung. Die neuen Maßnahmen.

WSR. Frankfurt a. M., 2. März. Ange- fichts des schwebenden Problems des Pflichtdien­stes wendet sich in diesem Jahr dem f r e i to i I - ligenArbeitsdienst erhöhtes Interesse zu. In größerem Umfang wird der freiwlllige Ar­beitsdienst erst Mitte dieses und des nächsten Mo­nats einsehen. Bisher sind schätzungsweise schon 4 00 Maßnahmen genehmigt, die Mitte März zu laufen beginnen werden. Ihre Zahl wird sich im Lauf des Monats April auf mindestens 800 im Freistaat Hessen und in Hessen-Rossau (Bereich des Landesarbeitsamts Hessen) erhöhen.

Bei der erhöhten Bedeutung des freiwilligen Arbeitsdienstes kommt heute natürlich auch dem Führerproblem größere Wichtigkeit zu. Im Bereich des Landesarbeitsamts Hessen sind bis jetzt schon 400 Führer ausgebildet. Ein letzter 'Führerschulungskurs für die Frühjahrs» matznahmen. der etwa sechs Wochen dauern wird, beginnt jetzt. Er wird eine Teilnehmerzahl von 200 Personen umfassen. Für jede der in Aussicht genommenen Maßnahmen des freiwilligen Ar­beitsdienstes wird mindestens ein Führer benö­tigt. Bei größeren Maßnahmen entfällt auf je 30 Arbeitsdienstwillige ein Führer Mit den in Ausbildung begriffenen Führern erhöht sich deren Gesamtzahl im Lauf des Monats April auf 600.

Mehr als 300 Stellensuchende geschädigt.

WSR. Frankfurt a. M., 2. März. Im De­zember v. I. suchte der Schlosser Erwin Hüb­ner Beamte zwecks Kinokontrolle. Er inserierte u. a. in Frankfurt a. M. und Wiesbaden, aber auch in zahlreichen nord- und süddeutschen Zei­tungen. Die Bewerber hatten ihre Angebote an das Organisationsbureau für Filmkontrolle, Er­win Hübner, Berlin W 9, Leipziger Str. 121, zu richten und sollten das Lichtspieltheater an ihrem Wohnort auf die Tageseinnahmen kontrollieren. Da derartige Kontrollen von Filmgesellschaften tatsächlich ausgeführt werden, fand Hübner eine größere Anzahl Interessenten, von denen er aber zuerst 3,80 Mk. verlangte, die zwecks

Auskunftseinholung des Stellungsuchenden auf das Postscheckkonto des Hübner, Rr. 151 694 Postscheck­amt Berlin, eingezahlt werden mußten. Er hatte nicht eine einzige Stelle vergeben können und auch in keinem Falle eine Auskunft eingcholt. Die Gebühren von mehr als 30 0 S te l l u n g s u ch en d e n hat er für sich verwen­det: Geschädigte wollen sich beim Detrugskommis- sariat im hiesigen Polizeipräsidium melden.

Der Darmstädter Volksbankprozeß vertagt.

WSR. Darmstadt, 2. Marz. In der Heu- tigen Sitzung des Dolksbank-Prozesses legte der Verteidiger des Angeklagten Becker ein ärztliches Gutachten vor, wonach der Ange­klagte für längere Zeit verhandlungs­unfähig ist. Das Gericht will nun zunächst ein Obergutachten des Gerichtsarztes einfordern und vertagte die Verhandlung auf Mittwoch 8. März. x

Briefkasten der Redaktion.

(Rechtsgutachten sind ohne Verbindlichkeit der Schriftieitung )

1TI. in E. Es besteht kein gesetzliches Hindernis, daß nahe Verwandte Wahlkommiffionen und Ab- stimmungskommiffionen als Mitglieder angehören.

h. Sch-, Oppenrod. Nach den Vorschriften für das Schornsteinfegergewerbe müssen alle Schorn­steine, vorausgesetzt, daß die in sie einmünden­

den Schornsteine im Gebrauch sind, wenigstens alle 3 Monate in gleichen Zwischenräumen ge­fegt werden. Schornsteine, die nur zwischen dem 15. Oktober und 15. April in Gebrauch find, müssen wenigstens dreimal im Oktober, Januar und April gereinigt werden. Wir glauben nicht, daß Ihnen das Kreisamt für Ihren Waschküchen­schornstein Dispens geben wird. Versuchen Sie es. Uebrigens wurden die Echornsteinfegcr- gcbühren zuletzt durch Reichsvervrdnung vom 21. Januar v. I. gesenkt.

Büchertisch.

ForstersKatzenkalenderl933 wird den vielen Freunden der Katze willkommen sein. Aufnahmen und Tertbeigaben sind geeig­net. über Wesen und Art des umstrittenen Katzen­geschlechtes aufzuklären. Kahenzucht und Katzcn- schutz, wie auch Humor kommen zu ihrem Rechte. Der Kalender kostet 1,75 Mk. und erschien im K-K-Derlag Plauen i. V". (556.)

Obers chlesischerHeimatkalcnder 1 9 3 3. Herausgegeben vom Presse-, Statistischen und Verkehrsamt der Provinzialverwaltung von Oberschlesien, Ratibor. 100 Seiten mit vielen Textabbildungen und Einschaltbildern. 1,20 Mk. (538.) Der Kalender gibt lebendige Darstel­lungen über Oberschlesien, die besonders nach der kulturgeschichtlichen und wirtschaftlichen Seite hin interessant sind. Der reichhaltige bildliche Teil ist dabei von besonderem Wert.

Das tlebersinnliche - hier wird's Ereignis...

Tatsachenberichte ans dem Reich des ONnlten.

Gesammelt und nacherzählt von $. R Schlichters.

v.

Spukhäuser und Doppelgänger.

Ein weiterer Dichter: Justinus Kerner zeitlebens denNachtseiten des Seins" interes­siert und gläubig zugewandt, wie sein Werk Die Seherin von Prevorst" erweist. Einen necki­schen Spuk nun hat Kerner in seinem Werkchen Das Mädchen von Orlach" geschildert. Zu Orlach befand sich einSpukhaus", das wegen eben dieses Spukes schließlich abgebrochen werden mußte. Darin wohnte ein Mann mit seiner Tochter. Der fand zunächst eine neugekaufte Kuh zu wiederholten Malen an einer anderen Stelle des Stalles angebunden, obwohl, wie er genau wußte, keiner seiner Leute ihm damit einen Schabernack spielte. Run fing es auf einmal an, allen drei Kühen im Stall ihre Schwänze aufs kunstreichste zu flechten und die geflochtenen Schwänze wieder miteinander zu verflechten. Löste man sie auf, so wurden sie bald abermals von unsichtbaren Händen geflochten, und zwar mit einer so großen Geschwindigkeit, daß, wenn man sie kaum gelöst hatte und sogleich wieder in den menschenleeren Stall zurückkehrte, die Schwänze auch schon wieder verflochten waren. Dies Spiel wiederholte sich täglich vier- bis fünfmal und dauerte so lange, bis man schließlich das unheimliche Gebäude räumte ...

Unheimlicher aber als dies Gebäude waren die Häuser der Familie Fox. Sie werden als die berühmtesten Spukhäuser in der Geschichte des Spiritismus leben bleiben, weil von ihnen die Phänomene ausgingen, an welche die moderne spiritistische Bewegung anknüpft. Das erste dieser Häuser befand sich in dem kleinen Dorf Hhdesville in der Grafschaft Wahne zu Nordamerika. Cs begann damit, daß ein dort wohnender Mann eines Rachts durch Klopfen am Haustor geweckt wurde. Gr schaute nach niemand befand sich drunten. Das wiederholte sich mehrere Male, ohne daß sich die Ursache entdecken lieft. Einige Zeit später wachte des Mannes kleine Tochter um Mitternacht mit einem Schrei auf und erzählte, eine kalte Hand fei ihr übers Gesicht gefahren. Dann hörte man nichts mehr von diesen Dingen.

Achtzehn Monate später bezog ein angesehener Methodist, Mr. For, mit Frau und drei Töchtern das Haus. 2m Februar 1848 nun begannen selt­same rhythmische Klopfgeräusche die Familie zu beunruhigen. Anfangs machten sich die Kinder den Scherz, wiederzuklopfen. Es erfolgte prompt Antwort. Eines Abends forderte Frau Fox das unbekannte Wesen, das die seltsamen Geräusche von sich gab, auf, das Alter ihrer Kinder anzu­geben: für jedes einzelne wurde die richtige Anzahl an Schlägen gegeben. Die Frau fragte, obes" ein menschliches Wesen sei. Keine Ant­wort. Ein Geist? Es folgten zwei be­jahende Schläge. Rach und nach erfuhr Die Frau durch ein System von Klopflauten, das sich allmählich ausgebildet hatte, daß der Geist auf Erden Krämer gewesen sei, hier gewohnt habe, ermordet worden und im Keller verscharrt wor­den sei. Man grub nach man fand im Keller einen Unterkiefer und einige Haare. Die Sache erregte ungeheures Aufsehen. Tausende kamen von nah und fern, die Klopflaute zu hören und hörten sie. Die Folge war, daß man die Familie Fox als vom Teufel besessen ansah und aus der Methodistenkirche ausstieß.

Wenig später verzogen die Fox nach der Stadt Rochester. Hier begann in ihrem Haus das gleiche Aufsehen. Da es nur in Gegenwart der Kinder stattfand, nahm man zunächst an, daß sie in irgendeiner Weise den ganzen Lärm ver­ursachten. Man setzte ein Komitee aus den ange­sehensten Männern der Stadt ein, das die Sache untersuchen sollte. Man ergriff die peinlichsten Vorsichtsmaßregeln, um keiner Täuschung zum Opfer zu fallen trotz allem hörte man weiter die Klopflaute an den Wänden und im Fuß­boden, ohne daß man die Ursache entdeckte. Das Phänomen zu ergründen, versammelte man sich gewöhnlich um einen größeren Tisch, und nun schienen die Laute von diesem auszugehen. Auf solche Weise wurde das Tischklopfen und wurden kurz darauf auch die Bewegungen des Tisches, das Tischrücken, entdeckt. Es zeigte sich, daß Laute und Bewegungen nur bei gewissen Leuten entstanden, während sie bei andern nie geschahen. _ Damit war die besondere Gabe der Mediumität festgestellt undklassisch" geworden.

Es wurden dann zunächst in Rochester und später in den Rachbarstädten öffentliche Vorträge über diese Phänomene gehalten. Die Sache wurde dadurch weiteren Kreisen bekannt. Man fing überall an, mit den Tischen zu experimentieren, und in kurzer Zeit verbreitete sich die Bewegung über ganz Amerika und Europa... Dermo­derne Spiritismus" war geboren...

Das berühmteste Doppelgängererlebnis ist je­nes, das Robert Dale-Owen in seinem Buch Widerhallende Schritte an der Grenze einer anderen Welt" berichtet.

Der Schotte Robert Bruce, damals etwa dreißig Jahre alt, diente 1828 als Unterschiffer auf einem Handelsschiff, das zwischen Liverpool und St. John in Reubrounschweiä fuhr. Der Unter­schiffer faß eines Mittags in seiner Kajüte, die an jene des Kapitäns stieß, an der Küste von Neufundland in die Berechnung der Länge ver­tieft und war mit dem Resultat nicht zufrieden: er rief nach der Kajüte des Kapitäns, welchen er daselbst anwesend glaubte:Wie haben Sie es gefunden?" lieber die Achsel blickend glaubte er den Kapitän in seiner Kajüte schreiben zu sehen und ging endlich, da keine Antwort erfolgte, hinüber, wo er, als der Schreibende den Kops hob, ein völlig fremdes Gesicht erblickte, welches ihn starr betrachtete. Druce stürzte aufs Verdeck und teilte dem Kapitän dies mit. Als beide hinabgingen, war niemand zu sehen, aber auf der Tafel des Kapitäns stand mit einer ganz unbekannten Handschrift geschrieben:Steuert nach Nordwest?" Man verglich die Schriften aller, die auf dem Schiff schreiben konnten es paßte keine: man durchsuchte das ganze Schiff es wurde kein Versteckter gefunden. Der Kapitän, der im schlimmsten Fall einige Stunden verlieren konnte, ließ das Schiff in der Tat nach Nord- West steuern. Nach einigen Stunden begegnete man einem Wrack. Es war ein verunglücktes, nach Quebec bestimmtes Schiff, Mannschaft und Reisende in größter Not. Als die Boote von Druces Schift die Dermrglückten an Dord brach­ten, fuhr dieser beim Anblick des einen zurück, der an Gesicht und Anzug ganz dem glich, den er in bet Kajüte hatte schreiben sehen. Der Ka- pitän ersuchte ihn, dieselben WorteSteuert nach Nordwest!" auf die andere Seite der Tafel zu schreiben, und siehe da es war die gleiche Schrift! Der Kapitän des verunglückten Fahr­zeuges berichtete, daß der Schreiber um Mittag Tn einen tiefen Schlaf verfallen sei und, nach einer halben Stunde erwacht, gesagt habe:Heute werden wir g^cettct! Er hatte geträumt, er sei an Bord eines Schiffes, welches zur Ret­tung heransegle. Er beschrieb das Schift, und als es wirklich in Sicht kam, erkannten es die Verunglückten aus seiner Beschreibung. Und der Schreiber erflärle noch, es komme ihm alles be­kannt vor, was er auf dem Schiff sehe, das sie gerettet habe. Wie es zugegangen, wisse er nicht ...

Dies Geschehnis ist das klassische Deispiel für das Phänomen der Doppelgängerei der kör­perlichen wie seelischen Spaltung eines Indi­viduums in zwei genau gleiche und sichtbare Telle! geworden. Zu den Doppelgängern ge­hörte auch Lord Dyron. Im Jahre 1810, während er krank zu Patras lag, wurde er in London von Sit Robert Peep und seinem Bru­der gesehen: andere sahen ihn, wie er sich nach dem Tode des Königs als Leidtragender ein- zeichnete. Und wenn Walter Scott, sein Freund, an ihn dachte, pflegte er feine Gestalt an den Vorhängen seines Betthimmels zu er­blicken.

Der Dichter und Pfarrherr Eduard M ö r i k e erzählt im zweiten Band von Justinus Kerners ZeitschriftMagikon": Die erste Gattin meines Onkels, des Präsidenten von Georgi, lag tod­krank. Herr Regierungsrat G., ein Hausfreund, kam, sie zu besuchen. Weil er jedoch zunächst ihren Gatten sprechen wollte, so suchte er denfelben auf seinem in der unteren Etage nach dem Gar­ten gelegenen Arbeitszimmer auf, wo er ihn Zwar nicht traf, bei seinem Eintreten aber zu seinem größten Erstaunen die Frau am Schreib­tisch. mit dem Rücken gegen ihn gewendet, sitzend fand. Sie kehrte den Kopf nach ihm und sah ihn ruhig an. Sie war ganz so, wie er fie in gefun­den Tagen sah. Nicht wissend, was er davon den­ken sllllte, trat er bestürzt zurück und ging nach den oberen Zimmern, wo er die Kranke schwach im Bette traf. Bald darauf starb fie. Sie hatte sich in ihren letzten Tagen, wie sie dem Freunde selbst noch sagte, sehr viel mit ihm in Beziehung auf ihren Gatten und dessen nächste Zukunft beschäftigt. Bekanntlich war der Herr Regrerungsrat ein ungemein helldenkender Wann und weit entfernt von allen Träumereien ...

Eine Fülle von Doppelgängererlebnissen wer­den aus der Zeit des Weltkrieges berich­tet. Eltern, Geschwister, Gattinnen wollen jeweils einen Ujrer Angehörigen mit leiblichen Augen bei sich gesehen haben, während sich das wahre liebliche Ich desDoppelgängers" draußen im Feld befand an der Grenze des Todes ... Mehr als einer hat sich damals an die berühm­ten Verse aus dem .^Hamlet" erinnern müssen: »Es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere Schulweisheit sich träumen läßt ..

(Schluß folgt.)