Ausgabe 
3.2.1933 Frühausgabe
 
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Aus der Provinzialhauptstadt.

** Eine amtliche Verkaufsstelle für Po ft Wertzeichen ist, wie das Postamt uns mit» teilt, bei H. W. Fahrenbach in Gießen, Frank­furter Straße 73, eingerichtet worden.

Sterbefälle in Gießen. 3n der Zeit vom 15. bis 31. Januar verstorben in unserer Stadt: 17. Wilhelm Adam, 1 Jahr, Crdkauter- weg 50; Otto Ottilie, Gewerkschaftssekretär, 52 2ahre, Schanzenstraße 18; Christine Ottilie, geb. Stöhr, 46 Jahre. Schanzenstraße 18; 19. Heinrich Stein, Heizer i. R., 74 Jahre, Lonystraße 20; 20. Wilhelm Siepmann, Rentner, 60 Jahre, Ludwigstraße 44; Emil Peth, Student der Ra- turwissenschaft, 29 Jahre, Landmannstraße 20; 21. Barbara Kühr, geb. Heidelbach, Witwe, 75 Jahre, Draugasse 7; Juliane Preih, geb. Koch, 60 Jahre, Ederstraßc 6; Georg Christ. Zug­führer t R.. 65 Jahre, Stephanstrahe 32; 23. Erich Stern. Kaufmann, 29 Jahre. Rordanlage 9: 24. Auguste Lambinus. geb. Hasenclever, Witwe, 86 Jahre, Ludwigsplatz 11; 25. Katharine Steitz, Sabrikarbeiterin, 60 Jahre, Liebigstrahe 41; 26. QUaric Müller, geb. Weinhardt, 75 Jahre, Liebig- straße 64; 27. Philipp Belten, ohne Beruf. 73 Sayre, Drandgasse 7; 29. Karl Wigandt. Schlossermeister. 82 Jahre, Löberstrahe 5; Albert Schroeder, Telegraphensekretär i. R., 82 Jahre, Muhlstrahe 29; 30. Ernestine Sack, geb. Baupel, Witwe, 74 Jahre, Goethestraße 31; Heinrich Schneider, Eisenbahnoberschaffner i. R., 77 Jahre. Wllsonstrahe 2; Christina Eich, geb. Müller, 56 Jahre, Druchstraße 28; 31. Karl Heinz Geb­hardt, 3 Monate, An der Kläranlage 88; Louis Gemme, Brauereidirektor, 68 Jahre. Moltke- strahe 32.

v* Erleichterungen für den Reise­verkehr nach der Schweiz und Frank» E.e i ch. Unter Hinweis auf die kürzlich mit der Schweiz und Frankreich vereinbarten Erleichterun­gen für den Reiseverkehr hat der Reichswirtschafts­minister angeordnet, daß künftig auch die Heber- bringung von Reisekreditbriefen und Akkreditiven inländstcher Devisenbanken nach der Schweiz bzw. nach Frankreich ohne Vorliegen einer besonderen

Kräfte der Gtaaisführung.

Der Deutschnationale Handlungsgehilsen-Ber- band. Ortsgruppe Gießen, hielt im Cafe Leib eine Mitgliederversammlung ab, in der für das ver- binberte BerwaltungSmilglied Habermann (Hamburg) das Berwaltungsmitglied des DHD. Georg Drost (Hamburg) über das Thema Kräfte der Staatsführung" sprach.

" Der Redner erinnerte zunächst daran, daß seit Jahren vom DHB. dringend gewünscht wurde, die große nationalsozialistische Bewegung an die Staats sührung heranzubringen. Ziel dieses Wun­sches sei gewesen, eine Synthese der beiden welt­anschaulich verankerten Gruppen, der Rational- sozialisten und des Zentrums zu finden. Rur wenn die große Bewegung der Rational­sozialisten zur Staatsführung hcrangczogcn werde, könne eine Beruhigung unserer politischen Ber- hältnisse eintreten. Die Aufgabe, die der neue Reichskanzler übernehme, sei ungeheuer groß und schwer, und jeder verantwortungsbewußte Deutsche könne nur wünschen, daß es dem Reichskanzler gelingen möge,, das deutsche Volk zur wahren Volksgemeinschaft zu führen. Der DHB. müsse aber aus seiner Verantwortung gegenüber dem Kaufmannsgehilfenstande deutlich zum Ausdruck bringen, daß Kräfte im neuen Kabinett wirkten, deren sozialreaktionäre Haltung und Taten in der Bergangenheit die schärfste Abwehr der nationa­len Kaufmannsgehilfen herausforderten. Das Wirken dieser Kräfte in der Staatsführung müß­ten die Kaufmannsgehilfen mit größter Besorgnis und tiefstem Mißtrauen erfüllen. Es bleibe zu hoffen und zu wünschen, daß es dem Kanzler gelingen möchte, diesen Kräften Einhalt zu ge­bieten, damit durch einen sozialreaktionären Kurs die Synthese national-sozial nicht Schaden leide.

Der Redner zeigte dann die Kräfte, auf die sich eine Staatsführung stützen müsse. In der Weimarer Derfassung stehe:Der Wille geht vom Bolle aus." Das wäre an sich richtig. Die Dynastien, die früher d^e tragenden Kräfte der Staatsführung waren, bestünden nicht mehr. Das Reichsoberhaupt, der Reichspräsident, werde vom ganzen Bolle gewählt, wurzele also tief im Bolle. Ebenso werde der Reichstag vom Volke gewählt und entspreche somit dem Bolkswillen. Run hätten wir es aber nach unserer Berfassung in der Ber- aangenhert mit dem Regieren nicht weit gebracht. Also frage es sich: Ist das deutsche Volk nicht fähig, an der Leitung seiner Geschicke selbst teil­zunehmen? Das würde wahrscheinlich niemand zugeben wollen, und es sei auch nicht richtig. Es dränge sich die andere Frage auf, ob etwa die Form, unter welcher die Mitbxteiligung sich vollzieht, nicht richtig sei. Eine autoritäre Staats- sührung, die nicht durch das Bertrauen des Bolkes untermauert sei, könne auf die Dauer nicht bestehen. Die Weimarer Derfassung habe erhebliche Mängel und Lücken gezeigt, und es stehe heute fest, daß sie nicht der Weisheit letzter Schluß sein könne. Grundsätzlich aber müsse das Dolk selbst mit die Berantwortung tragen. Der Weg der Schaffung eines Ständeparlaments als Kontrollorgan des Reichstages habe viel für sich und spiele eine große Rolle. Sicher sei. daß man zu neuen Formen in der Staatsführung kommen müsse. Je mehr und je verantwortungs­voller man das Volk an der Gestaltung der Staatsführung beteilige, um so stärker werde die eigentliche Staatsführung sein. Echte Führungs­kräfte müßten Leistungen entsprungen sein, sie mühten getragen werden von dem Bertrauen und der Treue der Gefolgschaft zum Führer. Kein Knechtsgehorsam, sondern die verantwortungs­freudige Llnterordnung der Gefolgschaft unter den durch Leistung zur Führung Berufenen. Rur eine Führung, die sich auf ein solches Ber- trauensverhältnis zur Gefolgschaft berufen könne, sei von echten Kräften getragen.

Starker Beifall dankte dem Redner für seine Ausführungen, an die sich eine lebhafte und teilweise tiefschürfende Aussprache anschloß. Herr B r o st gab in einem Schlußwort auf verschiedene Anfragen Auskunft, nahm zur Aussprache Stel­lung und faßte in großen Zügen nochmals das Wesentliche seiner Rede zusammen. Ortsgruppen­vorsteher Schwarz schloß mit herzlichem Dank an Redner und Anwesende den Abend.

Daten für Freitag, Z.Februar.

1721: der Reitergeneral Friedrich Wilhelm von Seydlitz in Kalkar geboren; 1809: der Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy in Hamburg geboren; 1813: Ausruf Friedrich Wilhelms III. zur Bildung freiwilliger Iägerkorps; 1845: der Dichter Ernst von Wildenbruch in Beirut geboren.

Schöffengericht Gießen.

* Gießen, 1. Febr. Aus der Untersuchungshaft wurde der Feld schütz einer Nachbar gemeinde vorgeführt, um sich wegen schweren Dieb- st a h l s zu verantworten. Einem Landwirt waren in den beiden letzten Jahren etwa 40 Zentner Frucht vom Speicher gestohlen worden. Lange Zeit wußte man nicht, wo der Dieb zu suchen sei. Schließ­lich wurde eines Tages, als niemand im Haufe an­wesend und der bestohlene Landwirt mit feiner Familie auf dem Felde war, der Feldschütz in der Hosreite des Landwirts unter verdächtigen Umstän­den von einem Einwohner gesehen. Als der Land­wirt, der hiervon erfahren hatte, gleich nach seiner Rückkunft Nachforschungen anstellte, fand man in der Scheune unter Häcksel versteckt zwei Sack Frucht. Der Feldschütz, zur Rede gestellt, gestand ein, daß er durch das Fenster eingestiegen wäre und die bei­den Säcke Frucht vom Speicher geholt hätte, um sie abends fortzuschaffen. Außerdem gab er zu, daß er kurz zuvor aus ähnliche Weise zwei Sack Frucht weggeschafft hätte. Aus Drängen des Bestohlenen unterschrieb er mehrere Schuldscheine über Beträge, die den Wert der zugestandenermaßen gestohlenen 4 Zentner Frucht weit überschritten. Hieraus und aus anderen Umständen kam das Gericht zu der Ueberzeugung, daß der Angeklagte sämtliche dem Landwirt in den beiden letzten Jahren abhanden­gekommene Frucht gestohlen hat. Im übrigen wurde er auch eines Vergehens der Amtsunterschla» g u n g für schuldig befunden. In seiner Eigenschaft als Feldschütz hatte er Ortsfremden, die sich uner­laubterweise mehrere Zentner Kartoffeln zusammen- getragen hatten, diese abgenommen, die er dann für sich verbrauchte. Ferner hatte er sich der Hehle­rei insofern schuldig gemacht, als er mehrere Zent­ner Frucht, die er von Frauen und Söhnen von Landwirten hinter deren Rücken und gegen deren Willen erhalten hatte, seines Vorteils wegen teils an einen Handwerker, bei dem er Schulden abzu­tragen hatte, und teils an einen Fruchthändler ab­setzte. Obwohl diese den Sachverhalt kannten, scheu­ten sie sich nicht, trotzdem die Frucht abzunehmen. Sie mußten sich jetzt gleichfalls wegen Hehlerei ver­antworten. Gegen sie wurde wegen Hehlerei aus Gefängnis st rasen von 3 Monat, b z w. 2 Monat erkannt. Der angeklagte F e l d sch ü tz wurde wegen fortgesetzten schweren Diebstahls, Amtsunterschlagung und Hehlerei zu einer Gesamt­strafe von 1Jahr2MonatGesängnis ver­urteilt.

Ein wegen Betrugs wiederholl vorbestrafter Reisender hatte einige Landwirte dadurch um 50 Mark, bzw. 30 Mark geschädigt, daß er diesen der Wahrhell zuwider vorspiegelle, sie sollten gegen Zahlung einer Kaution als Bezirksvertreter für Futterartikel angeftetit werden, während sie in Wirklichkeit Bestellscheine auf festen Bezug mehre­rer Zentner Futterkalk unterzeichneten. Wegen Be­trugs im Rückfall wurde gegen ihn unter Zubilli­gung mildernder Umstände auf eine Gefäng­nisstrafe von 6 Monaten erkannt.

Industrie- und Handelskammer Friedberg.

Die Industrie - und Handelskammer Friedberg hielt am Dienstag ihre erste 2ah- ressihung ab. Bei der Wahl des Vorsitzenden wurde Herr Louis Hirsch (Friedberg) zum Borsitzenden der Kammer einstimmig wiederge­wählt. Zu Stellvertretern wurden die Herren Karl Fr. L. Hinkel (Bilbel) und Wilhelm Krauß (Bad-Rauheun) einstimmig gewählt.

Der Borsitzende führte die neugewählten Mit­glieder, die Herren Franz Weber und Dr. Gustav Schwarz (Friedberg), Heinrich. We­

Genehmigung bis zum Höchstbetrage von 500 RM. über die Freigrenze hinaus je Monat und Person zulässig ist, sofern und sowett die Beträge in den Pässen vermerkt sind.

DerHubertus", Verein weidge­rechter Jäger, Sitz Gießen, hielt, wie man uns berichtet, am Mittwoch imHessischen Hof" seine Februaroersammlung ab. Nach Bekanntgabe Der- schiedener Neuanmeldungen und -aufnahmen sprach Geheimrat Prof. Dr. O l t über dieFuchsräude", die in den Revieren um Gießen in auffallend star­kem Maße auftritt. Bezüglich der Frage der Heber- tragbarfeit auf den Hund, die den Jäger vor allem interessiert, führte der Redner aus, daß seither alle Versucye einer Uebertraaung negativ verlaufen wären, also eine bewußte Uebertragung nie geglückt fei. Es sei daher wenig wahrscheinlich, daß sie über­haupt möglich sei. Komme sie tatsächlich vor, und handele es sich nicht um eine andere von Hund zu Hund übertragene Räude, so sei ihre Bekämpfung am Hund bei der in Frage kommenden Art nicht schwer. Der Vortragende berichtete ferner über die Fallwilduntersuchungen, die sein Institut in diesem Winter oornahm. Während in der nassen Jahreszeit Hasen stark litten, hörten die Eingänge mit dem Frost auf. Beim Rehwild treten immer wieder Magen- und Darmentzündungen auf, bei denen sich Bodenteilchen in diesen Organen nachweisen lassen. Ursache: Salzhunaer; Bekämpfung: reichliche Anlage von Salzlecken. Auffallend groß ist die Zahl der mit Rißwunden wildernder Hunde eingelieferten Stücke. Energischeres Vorgehen gegen diese Jagd- schädlinge und ihre Besitzer (Schadensersatz!) ist dringend geboten. Heber den Bezug von Fasanen und die Technik des Aussetzens sprach Ingenieur Pascoe, während Studienrat H ö l a e I über den gemeinsamen Bezug wichtiger Dinge für Iagdhege, wie Wieselfallen, Lecksteine u. ä. sich verbreitete. Den Abschluß der anregenden Versammlung bildete der Vortrag und die Besprechung des ThemasHeber die Möglichkeiten des Schrotschusses".

**SportkampfgemeinschaftimHunde- spor t. Die Polizei- und Schutzhunde-Vereine Gie­ßen, Wieseck, Lollar und Großen-Buseck, die sich seit etwa zwei Jahren zu einer Sportkampsgemeinschaft zusammengeschlossen haben, hielten am Sonntag in der Gastwirtschaft von Weller in Wieseck ihre zweite Jahreshauptversammlung ab. Der Vorsitzende der Gemeinschaft brachte in feinem Jahresbericht zum Ausdruck, daß innerhalb der Vereine wertvolle Arbeit geleistet, und der Wellbewerbsgedanke in der Gemeinschaft durch enge sportliche Zusammenarbeit gefördert wurde. Bisher wurden zwei Sportwett- kämpfe, in Wieseck und in Alten-Buseck, abgehalten, die einen schönen Verlauf nahmen. Als Ort der Prü­fung für das Jahr 1933 wurde Lollar durch das Los bestimmt. Die Prüfung findet voraussichtlich Ende September 1933 statt. Die Dorstandswahl fand mit der einstimmigen Wiederwahl des bisherigen Vor­standes schnelle Erledigung. Mit dem Wunsche zu weiterer gedeihlicher Zusammenarbeit wurde die Versammlung geschlossen.

b c r (Bad-Rauheim) und Ewald M o r h e n n (Hirzenhain) in ihr Amt ein.

Rach einem Rückblick des Borsitzenden über das abgelaufene Wirtschaftsjahr 1932 erstattete der Syndikus der Kammer, Herr Dr. Göbel (Fried­berg), den ausführlichen Jahresbericht der Geschäftsführung. Ec zeigte, wie die Kam­mer im vergangenen Jahre auf allen Gebieten der Wirtschafts-, Finanz- und Berkehrspolitik bestrebt war, die Interessen der bezirkseingc- sessenen Firmen in diesen Zeiten verschärfter Wirtschaftskrise wahrzunehmen.

Die gegenwärtige Wirtschaftslage wurde ein­gehend erörtert. Hierbei wurde betont, daß die Rotlage in den mittelftänblcri* schen Industrie- und Handelszwei­gen mindestens ebensogroh sei, wie die einzelner Teile der Landwirtschaft. Richt dringend genug könne vor einseitigen Schutzmaßnahmen gewarnt werden. Jede zu weitgehende Ausdehnung des Bollstreckungsschutzes müsse zu einer Lahmlegung von Handel und Gewerbe, zugleich

aber auch zu einer Kreditabschneidung für die noch gesunden Landwirtschaftsbetriebe führen. Die Interessen von Industrie, Handel und Landwirt­schaft seien untrennbar miteinander verbunden. Richt zu unterschätzen seien auch die Schäden, welche durch die politische Beunruhigung der Wirtschaft zugefügt würden. Cs könne deshalb die Forderung nach einer ruhigeren und stetigeren Gestaltung ber politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse nicht deutlich genug erhoben werden.

Im weiteren Berlauf der Sitzung wurde erneut die Rotwendigkeit der Herabsetzung der Gebühren für die Eintragung ins Handelsregister betont. Schließlich fanden verschiedene Angelegenheiten, wie Berkausszeit für Automaten, Reuregclung des Kleingutver- kehrS, Rabattfrage^ usw. ihre Erledigung.

Sprechstunden der Redaktion.

11.30 bis 1230 Uhr. 16 bis 17 Uhr. Samstag nachmittag geschlossen.

Zwei Berliner Portiers erzählen.

Unpolitischer Brief aus der Reichöhauptstadt.

Don per Schtoenzen.

Ein Schulaufsatz über den Portier Hütte zu be­ginnen:Der Portier zerfällt in zwei Teile ..."

Nämlich in den eigentlichen Portier und in den Wagenmeister". Dieser Meister, wie der Engel vor das Paradies gestellt, überragt um Haupteslänge alle Passanten. Seine weißbehandschuhten Hände fliegen wie Tauben des Himmels auf und ab, rich­tungweisend und beruhigend dirigieren sie die edle Meute der Motoren, die oorm Portal schnaubt.

Ihn, den Vater der Himmelstochter, der Ord­nung, muß ich sprechen. Aber wie? Etwa von links unten zu Fuß das tressengeschmückte Haupt an- quatschen? Ausgeschlossen!

Also nehme ich eine Tore, 30 Meter vorm Ho­tel, gebe dem Schofför fünfzig Pfennige und lasse mich vors Portal fahren.

Der Wagenmeister tritt prächtig wie ein Kosaken­hetman an den Wagenschlag ein würdiger Kon­takt ist gegeben ...

,Jo, was soll ich Ihnen sagen? Sehen Sie, das Amt des Wagenmeisters hat seine unsichtbare Seite. Wagen links und rechts zu winken, eine Hand an den Wagengriff, die andere an den Mützenrand zu führen, das ist nur die äußere Parade. Aber ber feine Blick, der macht's! Mit einem Gesicht, vorn linken bis zum rechten Ohr nichts als Diskretion, muß man feine Leute durchschauen. Ob echt, ob Talmi. Ich sage Ihnen, es gibt Portiers, die er­kennen einen Fassadenkletterer an der Art, wie er aus dem Auto steigt! Die Fingerspitzen die ma­chen den Portier aus, und nicht das Längenmaß, vor dem die oberflächliche Well den nötigen Respekt empfinden soll."

Unb wie ist der Werdegang von Kindesbeinen bis zur Position am Portale?"

Nun, bis zum Jünglingsalter ist das Dasein bekanntlich Privatsache. Dann kriegt man als Kell­nerlehrling den ersten Schliff, dann geht's ins Aus­land, um Sprachen, Sitten unb Gebräuche ber Na­tionen zu erlernen. Dann rauf auf die Entwick­lungsleiter: Chef de Rang, Chef d Etage, Oberkell­ner und so weiter ..."

Bis zum Wagenmeister!"

Unb weiter noch! Wenn Sie sich hineinbemühen wollen unb mit unserem Chefportier sprechen? Er ist selbständiger Unternehmer. Denn die Portier­stellen werden in ersten Hotels nicht etwa bezahlt, sie werden verpachtet. Der Portier hat seine eigenen Angestellten, Boten und Boys. Stellen Sie sich das Auskunftssystem eines Hotels bitte so ähn- lich vor wie die Postgesellschaft der Grafen von Thum und Taxis innerhalb des damaligen Staates."

Ick) trat nun in die Halle, um den Grafen von Thum Und Taxis zu sprechen. Ich wartete eine Stunde der Geduld, bis der Hausapparat den Post- minister des Luxushotels einen Moment freigab. Er bat mich in das elegante Portierbüro.

.Herr Minister bitte etwas über die Psycho­logie des Portierberufes."

Also: Der Portier sieht alles aber man sieht ihm nichts an. Portier fein, heißt die Kunst der Verbindlichkeit beherrschen. Unb zwar in mindestens

drei Sprachen. Er muß einfach alles wissen. Vom Spielplan der Theater über die Kursbücher bis zu den Wünschen und Affären der Gäste. Alles! Er muß ganz nach Erfordernis so aussehen können, als ob er alles ober als ob er nichts weiß. Er muß sich für die Fälle von hundert Leuten inter effieren, als stünde seine Seligkeit aus dem Spiel. Er muß den beruhigenden Eindruck vermitteln, daß er kein privates Eigenleben besitzt. Wenn er das mit kluger Konsequenz ein paar Jahrzehnte durch hält so ist dieses Eigenleben aufs Beste gesichert. Reportern gegenüber drückt er sich in höflichen Un Verbindlichkeiten aus, wie Sie hernach bei Durch sicht Ihres Stenogramms konstatieren können. Ver­zeihen Sie, ich werde benötigt..

Unb während er wieder den Oberbefehl über nimmt, während die Pagen mit eiligen Ordres wie die Adjutanten über die schweren Teppiche kreuzen, die Boys die Türen vor strahlenden Garderoben aufreißen, und die Hände des Wagenmeisters durch die Benzinwolken leuchten, verlassen mir die inter­nationale Stätte.

*

Unb auf zum Gegenpol...

Berlin NO. Vor uns steht der Portier eines jener Vergnügungspaläste, die mit hängenden Gärten und Tischtelephonen, mit Springbrunnen unb Licht- Effekten reklamieren. An der Wand hängt ein Pappschild:Rundtanz", und auf dem Gange ver­kündet sogar eine Inschrift:One=ftep verbaten".

Der Portier wiegt laut eigener Angabe 287 Pfund und lehnt mit diesem imposanten Eigengewicht gleichwohl sehr elegant und lässig an der Wand .

Was es hier zu tun gibt? Aufpassen, daß die Gäste sich freuen und keiner sich ärgert. Jeder Aer- ger wird sofort im Keim erstickt. Denn hier nehmen mitunter die Meinungsverschiedenheiten der Gäste solche Formen an, wie sie sich mit dem vornehmen Charakter unseres Lokals nicht vereinigen lassen. In solchem Falle fordere ich die Gäste mit dem Nachdruck meiner Schwerkraft auf, sich das Eta blissement mal von außen anzusehen ..

Ein Blick auf den Brustumfang des Sprechers, und ich bin entschlossen, mich auf keinen Fallzu ärgern" ... Ich bringe in höflichem Flüsterton in bie Geschichte seines Lebens ein:

Wie ich achtzehn Jahre alt war, wollt' ich mal was Neues sehen. Ab nach Belgien, per Schub zu­rück. Matrose an Bord des SchnelldampfersCä­cilie". Ringkämpfer. Weltkrieg. Mit 23 Splittern unb drei MG.-Kugeln im Balg Parole Heimat. Ringer und Ausrufer auf dem Rummel. Unb jetzt hier in gehobener Position. Ich habe allerhand mit gemacht, Herr. Wenn Sie mal einen Roman schrei­ben wollen, unb es fällt Ihnen nischt ein kom men Sie zu mir ich kenne bas menschliche Leben aus dem Effeff!"

Wer könnte mehr von sich behaupten...!?

Ich nicht. Sonst würde ich nicht immer wieder dazu lernen. Bisher habe ich immer geglaubt, daß ein Portier fest besoldet sei. Unb daß ich stärker als jeder Portier sei... Dies Interview hat den Irrtum berichtigt.

Buntes

Ein neuesAdreßbuchs für Ehikagos Unterwelt.

In seinem Bestreben, das Banditentum in Chi­cago bis zur Eröffnung der großen Welt-Aus­stellung möglichst auszurotten, macht der Bür­germeister dieser berüchtigsten Unterwelts-Stadt der Bereinigten Staaten, Anton Czermak, die größten Anstrengungen. Er hat nicht mehr viel Zeit zu verlieren, denn im Juni soll sich der Fremdenstrom aus allen Teilen der Welt nach Chicago ergießen, und bis dahin soll für Ruhe und Sicherheit gesorgt fein. Eine der wichtigsten Waf­fen in diesem Kamps ist die Beröffentlichung eines neuen ^Adreßbuches der Untertoelt, in dem alle Feinde der Oeffentlichkeit" namentlich und in der Reihenfolge ihrer Gefährlichkeit verzeichnet sind. Die Liste umfaßt die Hamen von 730 der Polizei genau bekanntenGangsters, von denen zwei Drittel der einst von Capone geschaffenen Organi­sation angehören. Man erfährt auch auf dieser Beröffentlichung zum erstenmal Genaues überden Rachfolger des im Gefängnis sitzenden Al Capone als3ar der Chicagoer Hntcrtoelt. Als ., Feind der Oeffentlichkeit Rr. 1 wird nämlich der frühere älnterbefehlshaber Capones Murray Humphries aufgeführt. Dieser Berbrecher, der früher die be­rüchtigten Schlachten für Capone ausfocht, soll nun an der Spitze der ganzen Bande stehen, und er hat die Organisation von einem Unternehmen, das sich hauptsächlich dem ungesetzlichen Bier- schmuagel widmete, auf ein reinesErpresser-Ge­schäft" umgestellt. Mit dem Alkoholschmuggel ist heute nicht mehr viel zu verdienen. Andere Ha­men der Liste gehören erbitterten Feinden CaDo- nes an. Als Rr. 2 steht unter den öffentlichen Feinden Willam White, bekannt alsDreifinger- Jack", auch er einst einLeutnant" Capones, der besonders die Erpressung der Gewerkschaften durchführte. Weder Humphries nochDreifinger- Jack" sind von dieser Aufzeichnung erbaut, die sie in der Berbrecherliste genießen. Als sie vor kur­zem wegen des Tragens von verborgenen Waffen vor Gericht erschienen, erhob ihr Rechtsanwalt entrüsteten Einspruch dagegen, daß die Damen

Allerlei.

von Bürgern als dieöffentlicher Feinde" durch HerausgÄe einer Liste verbreitet würden. Men­schen gegenüber, die so bereits als Berbrecher ab­gestempelt seien, könne man von den Richtern kein unvoreingenommenes Urteil erwarten. In dem seltsamenAdreßbuch" wimmelt es von seltsamen Spitznamen. Da erscheint an dritter Stelle Wil­liamKlondike" O'Donnell, ein weitbekannter und sehr reich gewordener Bierschmuggler. An vierter StelleMachine-Gun" Jack McGum, einer der gefährlichsten Männer der einstigen Leibwache Ca­pones, der die Angriffe mit Maschinengewehren leitete. D en fünften Platz nimmt Frank Ritti ein, der diegeschäftliche Leitung" der Capone-Or- ganisation inne hatte.

Ein Denkmal für die Brüder Wright.

Es sind in diesem Jahre drei Jahrzehnte ver­gangen, seit das erste Flugzeug, von Menschen­hand gesteuert, sich in die Lüste erhob. Aus bie* fern Anlaß ist jetzt den beiden Erfindern ber Flug- maschine, Wilbur unb Orville Wright, ein ein­drucksvolles Denkmal an der Stelle ihres ersten Triumphes gesetzt worden.Zur Erinnerung an die Eroberung ber Luft burch bie CB rüber Wilbur unb Orville Wright, geplant burch ihr Genie, vollenbet durch zähe Entschlossenheit und unbe­zwinglichen Glauben." So lautet bie Inschrift am Sockel einer riesigen weißen Granitsäule, bie sich 20 Fuß hoch am Fuße ber Kill Devil-Hügel von Rorb-Carolina erhebt. Unter ber Inschrift stehen bie Damen ber Brüder unb darunter bie Ueber- setzung einiger Berse aus einem Gedicht des grie­chischen Dichters Pindar. Auf den Hügeln dieses Ortes, ber sich burch seinen besonbers gleichmäßi­gen unb kräftigen Wind auszeichnete, haben bie Drüber brei Jahre lang ihre Gleitflug-Bersuche unternommen. Die ganze Zeit über lebten sie hier in einer Hütte, arbeiteten und experimentier­ten unermüdlich, begannen immer wieder von neuem, bis sie eines Tages im Jahre 1903 nicht länger die Höhe der Hügel zu ihrem Start brauch­ten, sondern sich mit Hilfe eines Petroleum-Mo­tors mit ihrer Maschine von ber Ebene aus in die Lüste erheben konnten.