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2.6.1933 Erstes Blatt
 
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ling in keiner Weise geholfen werden könne, da die durchschnittliche 3ahreseinnahme aus dem reichsdeutschen Reiseverkehr in den letz­ten 3ahren 150 Millionen Schilling be­trug. Es gebe wohl niemand, der zu hoffen wage, daß der durch die Grenzsperre verursachte Scha­den ernstlich durch irgendeine Maßregel wieder­gutgemacht werden könne als durch einen Ent­schluß der deutschen Reichsregierung, die Aus­reisesperre wieder rückgängig zu machen. Der Weg dazu stehe offen. Die österreichische Re­gierung und die Christlich-Sozialen mühten den Mut aufbringen, ihn zubeschreiten. Don der Einsicht, daß man nicht stark genug sei, auf die Grenzsperre mit wirtschaftlichen Repres­salien zu antworten, bis zu dem Entschluß, die Verständigung mit Berlin zu suchen, sei nur ein Schritt. Es gehöre ein wenig Mut da­zu, den man übrigens eines schönen Tages, ob man wolle oder nicht, schließlich doch werde aufbringen müssen.

Gegen unbefugte Eingriffe in das Wirtschaftsleben.

Ministerpräsident Göring an den Kampf­bund des gewerblichen Mittelstandes.

Berlin, 2. Juni. (WTB.-Funkspruch.) Arnt- l i ch. In einem Schreiben des preußischen Ministerpräsidenten Göring und des - Ministers für Wirtschaft und Arbeit an den Vor­sitzenden des Kampfbundes des Gewerblichen Mit­telstandes Dr. von Renteln, heißt es u. a.: Die Klagen über Eingriffe des Kampf­bundes des gewerblichen Mittel st a n - d e s in das Wirtschaftsleben, haben auch in letzter Zeit nicht aufgehört, ohne das für diese Eingriffe noch Gründe der Gleichschaltung maßgebend sein könnten.

So ist z.B. bei der Durchführung der Neuwahlenzuden Jndustrie-undHan- delskammern es wiederholt vorgekommen, daß infolge des Eingreifens des Kampfbundes, der na­turgemäß mehr die Interessen des Kleingewerbes ver­tritt, mittlere und größere Betriebe besonders auch von der Beteiligung an der Leitung der Kammer zurückgedr ängt wurden. Damit wird auch in die zurückgedrängten Wirtschaftskreise eine Unruhe hineingetragen, die sich schädlich für die Ent­wicklung der Wirtschaft auswirken muß. Ruhe ist aber für die Wirtschaft unbe­dingt nötig, wenn sie sich erholen soll. Wir er­suchen deshalb, alle (Eingriffe in öffentlich-recht­liche Körperschaften und Anstalten der Wirtschaft so­wie in ihre Verbände in Zukunft zu unter­lassen. Soweit Ihnen noch Eingriffe erforderlich erscheinen sollten, sind den zuständigen Res­sorts entsprechende Anträge vorzulegen."

Die Preußische Staatsregierung weist ferner darauf hin, daß insbesondere bei Bankinsti­tuten Maßnahmen unberufener Stellen unbe­dingt vermieden werden müssen. Bei den Sparkassen stehen lediglich den satzungs­gemäß be st eilten Organen und den ein­gesetzten Beauftragten oder Kommissaren amtliche und geschäftliche Befugnisse zu.

Dem unverantwortlichen Treiben von Denunzianten muß gerade im Bank­wesen im Hinblick auf die auch durch ungerecht­fertigte Beschuldigungen nicht nur bei den In­stituten selber, sondern auch in der übrigen Wirt­schaft entstehenden Folgen ein Endebereitet werden. Die Aufsichtsinstanzen werden nach wie vor begründeten Beschwerden mit voller Strenge nachgehen, aber anderseits auch alle die, welche wissentlich unrichtige oder leichtsin­nige Beschwerden erheben, unnachsichtlich und ausnahmslos zur Verantwor­tung ziehen.

Heue Schwierigkeilen für den AennWepalt Mussolini gegen französische Sabotage.

London, 2. Ium. (LAB. Juntfprud).) Hebet einen erneuten Aufschub der Paraphie­rung des viermächtepakles glaubtDaily Tele­graf" berichten zu können, daß es sich um Mei - nungsverschiedenheiten über wich­tige politische Punkte handele. Die betei- ligten Juristen hätten sich deshalb an ihre Regie­rungen wenden müssen. Beispielsweise hätten d i e letzten französischen Abänderungen, die den Pakt für die kleine Entente an­nehmbar machten, nach Ansicht Mussolinis den wahren kern des Paktes zerstört, weil sie geeignet waren, jede Revision der Jriedensver- träge nicht nur außerhalb, sondern sogar innerhalb des Rahmens des Völkerbundes zu verhindern. Infolgedessen habe Rom auf einer neuen Fassung bestanden, die eine Revision in­nerhalb des Rahmens des Völkerbundes zuläßt. Jetzt sei die Frage, ob die kleine Entente neue Einwen­dungen machen wird.

Ferner habe die Art und Meise, in der im fran­zösischen Wortlaut Artikel 16 der völkerbunds- sahung (Sanktionen) erwähnt wird, Aufklä­rung gefordert. Endlich sei angeregt worden, d i e

Vorbereitung her großen Reichssteuerreform Vereinfachung und Erleichterung auf der ganzen Linie.

Berlin, 1. Juni. (LRB. Eig. Meld.) Wie wir von maßgebender Seile erfahren, beabsichtigt das Reichsfinanzministerium, spätestens im Frühjahr 1934 eine grundlegende Vereinfachung unseres gesamten Steuersystems durch­zuführen, und zwar für das Reich, die Länder und die Gemeinden.

Mit der Fülle der Steuern und der Kompliziert­heit des Steuerrechts wird damit durchgreifend Schluß gemacht. Das Aufkommen soll in an- gemessenem Verhältnis zu den Un­kosten stehen und die Steuern sollen für die Wirtschaft tragbar und gerecht sein. Die Vereinfachung sieht wesentliche Erleich­terungen für die Steuerpflichtigen vor. In Zü­rnst sollen dann nicht mehr von Reich, Ländern und Gemeinden Steuerbescheide gegeben werden, und es ist dann nicht mehr an eine Unzahl von Stellen zu zahlen, sondern nur an eine ein­zige Stelle, und das ganze Steuerformular soll nicht mehr als eine Seile ausmachen. Diese große Steuerreform soll einen durchgreifenden Abbau der auf der deutschen Produk­tion beruhenden Steuerlasten bringen. Außer der Kraftfahrzeugsteuer wird eine Reihe an­derer Steuern verschwinden.

Zur Durchführung dieser Maßnahmen ist es aller­dings nötig, daß die Wirtschaft und jeder Einzelne sich bemühen, das Reichsfinanzministerium durch pünktliche Zahlung der fälligen Steuern jetzt so zu entlasten, daß an dem gro­ßen Reformwerk ohne Verzögerung gearbeitet wer­den-kann.

Ein amerikanischer Vorschlag zur Stabilisierung der Währungen.

neuyork, 2. Juni. (WTB. Funkspruch.)Reu- york Tiemes" meldet aus Washington, daß präsi-

Regelung der G leichb erechtigu ngs- frage der Abrüstungskonferenz zu ü b e r l a s s e n. Abgesehen von diesen wesentlichen Meinungsverschiedenheiten habe es noch kleinere gegeben, die infolge von^ Unterschieden im Wort­laut der deutschen, französischen, englischen und ita­lienischen Fassung entstanden waren. Das Fortbe­stehen von Schwierigkeiten meldet auch eine Reu- termelöung aus Genf, nach der der britische Luft­fahrtminister Lord Londonderry und der Un- terstaalssekretär des Aeußeren Eden heute abend nach Paris abreisen werden, um dort mit dem fran­zösischen Außenminister Paul-Boncour den Viermächtepakt zu erörtern.

*

Treffen diese Rachrichten, für die im Augenblick keine Bestätigung zu erlangen ist, zu, so haben sich die Hoffnungen aus eine vernünftigere Einstel­lung der französischen Politik, die durch die letzten Erklärungen Daladiers geweckt worden sind, als u n- begründet erwiesen. Frankreich steht vor der Wahl zwischen der Beteiligung an einem Werk des Friedens oder der Unterwerfung unter den egoisti­schen Willen seiner östlichen Trabanten.

dent Roosevelt einen plan habe, den die vereinigten Staaten auf der Weltwirlschaftskonferen; zur Sprache bringen wollten. Danach soll unter Zu­sammenwirken der verschiedenen Zentralbanken eine allmähliche W i e d e r v e r t e i l u n g des Goldes über die ganze Welt vorge­nommen werden. Ls soll ein Zustand herbeigeführt werden, bei dem die Deoisendecke in den einzelnen Ländern je 25 v. h. des um­laufenden Geldes beträgt. 20 v. h. davon sollen aus Gold, 5 v. h. aus Silber bestehen.

Die Sühne für den Altonaer Blutsonntag.

Das Sondergericht fällt vier Todesurteile.

Altona, 2. Juni. (WTB. Funkspruch.) In dem Prozeß vor dem Altonaer Sondergericht über die blutigen Vorfälle am 17. Juli 1932 wurde heute das Urteil gesprochen. Das Sondergericht verur­teilte die vier Angeklagten Luetgens, Tesch, Wolff und Möller wegen gemeinschaftlichen Mordes, die drei letztgenannten außerdem wegen L a n d f r i e d e n s b r u ch s und Auf­ruhr zum Tode. Die Angeklagten Wendt und Diehl erhielten je 10 Jahre, Kuhlmann 7 Jahre, Luehnflaeden und Uhle je 5 Jahre, Jakob 3! Jahre Zuchthaus, sämtlich wegen Beihilfe zum vollendeten Mord und wegen Land­friedensbruches und Aufruhr. Drei An­geklagte wurden freigesprochen.

Oie hessische Kirchenregierung an D. von Bodelschwingh.

Darmstadt, 1.3uni. (WER.) Die hessische Kirchenregierung hat heute folgendes Telegramm an den neuen Reichsbischof O. von Bodelschwingh gesandt:Die Kirchenregie­rung der Hessischen Landeskirche spricht dem be­rufenen Führer der Deutschen Evangelischen Kirche einstimmig vollstes Vertrauen aus und gelobt Fürbitte und G'e f o l g s ch a f t im Dienst an Kirche und Volk.

(gez-): D. Dr. Dr. Dreh l."

Aus der provinzialhaupiftadt.

Oer Monat der Rosen.

An Hecken von wilden Rosen, am rieselnden Dach entlang, führte uns der Mai auf sonnigem Pfade ins Wunderland des Juni.Rosenmonat" nennt man ihn, und blühendes, glühendes Erwar­ten liegt in seinem Duft. Es ist ein eigener Atem, der unsere Brust weitet, ein neues Pulsen im Blut: Leben schäumendes Leben, glücksuchen­des und glückverheißendes Werben ist der Atem des Iuni. Um blühende Blumen taumeln Schmet­terlinge, Libellen und Käfer. Der süße Duft der Linden lockt die Bienen und der goldenschimmernde Rosenkäfer hat das duftigste Dettchen am Herzen der Blumenkönigin.

Tlnd auf den Feldern und am Wiesenrain wip­pen und nicken Tausende von Blütenköpfen in Sternen, Dolden und Glockenform. Die Getreide­ähren bekommen schon Körner. Mohn, Kornblu- men, Kornraden und Wicken haben sich zum Leid­wesen des Landmannes als lustige Gäste unter das Getreide gemischt und schauen neugierig in die Vogelnester der Wachteln und Lerchen, aus denen die flügge Brut die ersten Ausflüge in das harte Leben nimmt. Auch die Mäuse huschen durch den Wald der strebenden Halme.

In diesen lebensvollen Monat fällt in diesem Jahr das Fest der Pfingsten, das Fest des heiligen Geistes, an dem die Jünger in allen Zungen von Christi und seiner Lehre predigten. Und in allen Zungen predigt uns die Natur in tausend Wundern das Hohe Lied gottschöpferischen Werdens. An den Kir­chentüren, auch wohl vor den Altären, prangt die stolze Birke, deren lichtgrünes Festgewand einen zarten, süßen Duft verbreitet.

Auch Blumen gibt es, um die sich als Pfingst- symbol ein Sagenkreis schlingt: so die meist wild­wachsende Pfingstrose, deren botanischer Name Peonia" auf ihre griechische Heimat hinweist. Goethe hat diese Blumen besonders geliebt. Die Schwertlilie, der Waldmeister, dasGelboeigelein" (Goldlack), sind auch zu Sinnbildern des Pfingst­festes erhoben worden.

Und überall spielt der Kalmus zu Pfingsten eine große Rolle, namentlich die Jugend erzeugt mit dem sonst sehr nützlichen Gewächs jenes wundervolle Tongeräusch, das manPiepen" nennt.

M. Gr 8 hn.

Vornotizen.

Tageskalender für Freitag. Stadttheater: 20.15 bis 22.45 Llhr, Benefiz-Vor- stellung der Mitglieder des Stadttheaters Gießen Krieg im Frieden". Lichtspielhaus Bahnhof­straße:Ich bei Tag -und Du bei Rächt". Astoria-Lichtspieie:Die Rächt gehört uns".

** Haltlose Gerüchte. Die hessische Gau­pressestelle der RSDAP. teilt mit: Gerüchte über ein großes SA.-Treffen an Pfingsten und die An­wesenheit des obersten Führers oder des Stabs­chefs Röhm entbehren jeder Begründung.

* Ernennung Bei der Technischen Hochschule Darmstadt. Das Hessische Ministerium für Kultus und Bildungswesen gibt bekannt: Ernannt wurde am 31. Mai 1933 der kommissarische Bürgermeister bei der Stadt Darm­stadt Dipl.-3ng. Otto Kopp zum ehrenamtlichen kommissarischen Kanzler bei der Technischen Hoch­schule Darmstadt.

** 3ustizpersonalie. 3n den Ruhestand versetzt wurde der Oberamtsrichter bei dem Amts­gericht Bad Wimpfen Dr. Karl Gebhard auf Äachfuchen mit Wirkung vom 1. 3uli 1933.

Ungültig werdende Briefmar­ken. Die Freimarken zu 3 bis 80 Pfennig der Ausgabe 1926/27 mit Bildnissen von Goethe, Schiller, Friedrich dem Großen, Kant, Beethoven, Lessing, Leibniz, Bach und Dürer, sowie die gleichen Freimarkenstempel auf Postkarten, Brief­umschlägen usw. verlieren Ende 3uli ihre Gültig­keit zum Freimachen von Postsendungen. Richt verbrauchte Wertzeichen dieser Art können im

NMMWkil

Ein vaterländischerRoman vonHansDietzke

Urheber-Rechtsschutz

durch Verlag Oskar Meister, Werdau.

13. Sortierung. Rachdruck verboten!

In der Gesindestube sitzt Förster Brinkmann mit dem alten Diener Tobias bei einer Pfeife holländi­schen Tabaks, den er soeben aus Breslau mitge­bracht hat. Sein Schlitten steht drüben in der Re­mise, und die Gäule ruhen beim Futter iin Stall, es war wieder eine gefährliche Fahrt mit den Packen geheimer Flugblätter, die ihm der Professor Berger an den Baron mitgegeben hat. Run sind dem Forster ein vaar Stunden Ruhe gegönnt, dann müssen die Zettel noch in der Nacht an alle Partei- gänger hinaus in die Landgemeinden, die Herr von Löbau bestimmt.

Wir wollen's ja alles noch tragen die Zeit wenn's nur hilft, wenn's nur dann besser wird endlich." Der alte Tobias spinnt seine Gedanken, ln langen Winternächten ist viel zu viel Zeit für alles Grübeln. Gram und Trauer haben ihn vor­zeitig gealtert. Auch er hat den einzigen Sohn ver­loren, den Jochen, der Verwalter war oben im Ost­preußischen auf dem anderen Gute des Barons Die Franzosen haben ihn zu Tode gequält, als da­mals, im Sommer 1812, die Heeressäule nach Ruß­land zog. Als die Blutsauger alles Vieh und alle Zugtiere weggeschleppt hatten nach den fremden Magazinen, mußten die Bauern ihre eigene Habe auf ihren Wagen laden und sich wie das Vieh da- vorspannen und Frondienste leisten, die der Stolz seines Jochen nicht ertrug. Und als man ihm die Peitsche anbot, war es aus mit aller Beherrschung er schlug zu wie ein Rasender. Französische Kolben haben ihm den Schädel zertrümmert ... nicht ein­mal die Kugel im Kampf gegen eine Uebermacht, wie es Brinkmanns Sohn geschah, durfte feinem jungen Leben ein Ende machen. Wie einen Hund haben sie ihn erschlagen.

Der Alte stöhnt auf und lehnt schwer den müden Kopf gegen die Fäuste. Der Förster sieht ihn schwei­gend an. So ist das nun: Jeder hat das Liebste verloren, alle Fröhlichkeit, aller Glaube an das Schöne dieses Lebens sind dahin, in Blut und Mord erstickt.

Im Herrschaftshof, mit dem riesigen barockenen Portal und den schmiedeeisernen, kunstvollen Wind- lichtem, die zu manchem heiteren Feste den Gästen geleuchtet haben, die mit ihrem hellen Schein manche mit reicher Beute beladene Jagdgesellschaft an düsteren Wintertagen begrüßten, blendet auf glitzerndem Schnee aus drei hohen Fenstern das Licht der Kerzen. Bezwingend sanft, in ihrer maje­stätischen Schönheit, schwingen aus dem Salon der

Baronesse die Töne des Händelschen Largo in die weiße Stille. Jeanette und Maria musizieren. Nebenan aber sitzt der Baron in dem Herrenzimmer über den Akten und Papieren, die voll sind von Plänen und Gedanken, wie man das Joch der Fremden endlich zertrümmern kann.

Trügischer Friede, den die Natur im Wirbeltanz ihrer schneeigen Flocken über Haus und Hof breitet.

Der französische Hauptmann in seinem Zimmer, auf dem gegenüberliegenden Flügel, sinnt mit ver­träumtem Blick in den lustigen Flockentanz vor sei­nen Fenstern. Ganz leise schweben von drüben her die Töne der Musik zu ihm.

Lefeore tritt ans Fenster. Noch immer wirbelt Schnee in dichten Flocken, kaum daß der suchende Blick die erhellten Fenster des jenseitigen Flügels findet. Dort sitzt nun seine Jeanette bei der Ba­ronesse. Herzen überbrücken Welten von Haß und Feindschaft. Des Hauptmanns Züge werden ent­spannter bei dem Gedanken an seine Frau. Er seg­net den Tag, der sie hierhergebracht hat. Komme in Zukunft was wolle er hat noch einmal in die fünften Augen der zärtlichsten Frau gesehen, die Hingebung ihrer zarten Arme gespürt. Mögen es noch Tage, so Gott will, Wochen sein bis zur Tren­nung er geht in Kampf und Mühen, gestärkt mit einer Kraft, die nicht von dieser Welt ist, die nur ein Herz, das ganz zu sieben vermag, geben kann.

3m Herrenzimmer, das von dem Salon nur durch eine schwere Portiere getrennt ist, sitzt der Baron vor dem wärmenden Kaminfeuer an feinem Schreib­tisch. Akten, Eingaben, Berichte alles türmt sich zu umfangreichen Stößen, die ihrer dringenden Erledigung harren. Das wichtigste ist die schnelle und wirksame Verteilung der Flugblätter. Forster Brinkmann muß sie noch heute nacht an die Stellen des Landkreises zur Verteilung bringen, die Herr von Löbau ausgesucht und ausgezeichnet hat. Ein Dutzend schwerer Pakete harren ihrer heimlichen Beförderung. Sie müssen fort aus dem Schloß, ihre Entdeckung birgt Gefahr für Eigentum und Leben.

Noch einmal lieft der Baron den Brief des Pro­fessor Berger aus Breslau durch, bevor er ihn be­antwortet. Er ist vom gleichen Tag datiert und lautet:

Mein verehrter Herr Baron!

Durch Ihren braven Förster Brinkmann sende ich Ihnen die für Ihren Landkreis bestimmten Flugblätter und hoffe, daß es Ihnen möglich ist, sie' schnell und sicher unter unsere Parteigänger zu verteilen.

Gerade jetzt erachte ich den Zeitpunkt einer letz­ten, großen Erweckung aller treibenden Kräfte der nationalen Bewegung für unendlich wichtig. Setzen Sie, verehrter Baron, alles daran, daß die Werbeschriften ihren Zweck ganz erfüllen. Unser geheimer Drucker hat in langen Nächten die Herstellung ermöglicht. Wir wählten diesmal bewußt einen Auszug aus denDrei Bekennt-

stürmen seine Worte auf den Baron ein, der er­schreckt aufgesprungen ist.

Der Bund ist verraten Vaterl Heute abend wollen sie in Breslau Professor Berger festnehmen --Döllnitz sind sie auf der Spur man wird keinen Pardon geben!"

Die Hände des Barons fassen in Entsetzen nach den Schultern seines Sohnes. Er starrt ihn an, als spräche ein Gespenst diese grauenhaften Worte.

«,Dater man muß ihnen Hilfe bringen--

sofort, ehe es zu spät ist!" Die Stimme des jungen Karl schreit in Verzweiflung.

Ueberleg dir, was du sprichst das kann doch nicht wahr fein woher weißt du das?!" Der Baron klammert sich noch einen Augenblick an die Hoffnung eines Irrtums.

Karl macht sich frei von den haltenden Armen des Vaters. Seine Fäuste trommeln in die Luft. Es ist wahr! Ich weißes frag jetzt nicht--

wir müssen helfen! Ich bin auf Umwegen hierher geritten niemand hat mich gesehen ich bin durch die Hinterpforte in den Park gekommen sie haben heute keine Wachen stehen--meine

Spuren sind längst im Schnee verweht nicht einen halben Steinwurf weit ist Sicht..."

Ehe der Baron noch etwas erwidern kann, kommt Maria aufgeregt durch die Portiere vom Salon her in das Herrenzimmer. Als sie in den Lichtjchein der Kerzen tritt, starren ihre dunklen, verschreckten Augen aus bleichem Gesicht fragend die Männer an.Was weißt du von Döllnitz Karl?!" Da ihr Bruder schweigt, eilt sie auf den Vater zu. Sagt mir die Wahrheit! ...Er ist in Gefahr!"

Wir werden ihn retten, mein Kind!" Der Baron ist ganz ruhig geworden. Das Unabänderliche ver­langt, daß man handelt.Geh in die Gesindestube, Karl. Dort wartet der Förster. Er soll sofort an­spannen. Laß dir vom Tobias die Waffen aus dem Versteck geben und mache sie schußfertig ich fahre selbst."

Karl eilt hinaus. Maria hält den Vater um­schlungen.Du wirft ihn retten? ...", ihre Stimme zittert, ihr Körper bebt vor Erregung,... du mufjt ihn aufs Schloß bringen nur hier ist er m Sicherheit wir werden einen Ausweg finden . Unablässig suchen ihre Augen in denen des Auers die Erfüllung des heißen, schmerzhaften Wunsches.

Wir bringen ihn hierher. Sorge du und Karl, daß niemand im Wege ist." Mit sanfter Gewalt Mt er die Arme Marias. Dann wendet er sich den Papieren auf seinem Schreibtisch zu, die er hastig zusammenräumt und in das Geheimfach verschwin- den läßt, das ein altes Gemälde vor ungebetenen Blicken verbirgt.

Maria steht inmitten des Zimmers, als erwarte sie noch irgend etwas von ihrem Vater, das ihre jagende Angst lindern könne.

(Fortsetzung folgt)< , '

Nissen" von Clausewitz, da es mir das richtigste schien, noch einmal ein zusammenfassendes Er­mahnen an das persönliche Ich unserer Partei­gänger ergehen lassen, wofür mir der Aufruf der Clausewitz ganz besonders geeignet scheint. Er berührt alle Punkte des Denkens und der Seele und ist durch die Kraft feiner ehrlichen Ueberzeugung einer starken Wirkung bei allen sicher.

Heute erhielt ich durch Sonderkurier einen kur­zen Bericht unseres Freundes Hauptmann Döll­nitz, der heute abend in Breslau einzutreffen hofft und in meiner Wohnung ein letztes Mal zu den Führern des Tugendbundes unseres Gaues spre­chen will, denn wir stehen vor entscheidenden Er­eignissen, die den so sehnlichst von uns allen er­wünschten Aufstand mit der Schnelle eines Ge­witters herbeischaffen können. In den allernächsten Tagen, vielleicht morgen schon, wird der König aus Potsdam hier eintreffen und mit der Re­gierung hierher übersiedeln. Ich hoffe, daß unser Hauptmann Döllnik mit dem Feuer seiner Rede auch den letzten Zweifler unter den Führern überzeugt, damit er sich freudig und aus inner­stem Herzen zur Sache der Freiheit bekennt. Dann soll unser Wort offen fein wie eine lo­dernde Flamme, dann wollen wir mit Denken und Taten aus den dumpfen Stuben heraus auf bie offene Walstatt treten. Noch lauern Spione über unserem Tun, und Heimlichkeit muß unsere Bundesgenossin sein - aber ertragen wir alle Mühsal geduldig diese letzten Wochen, das Be- wußtsein der Morgenröte läßt auch die trübste Nacht uns überwinden!"

Der Baron überfliegt die Schlußzeilen, die ihm den Empfang des Briefes für Döllnitz bestätigen und ihm sofortige, genaue Nachricht über das Ein­treffen des Hauptmanns in Breslau versprechen

Bewegt legt Herr von Löbau den Bries aus der Hand und öffnet eines der gewichtigen Pakete, denen er ein Flugblatt entnimmt.

In fetten, wuchtigen Lettern steht als Kopf darüber: Das sei dein Bekenntnis! Der Baron ent' SItetr.n?IL9an3 bas Blatt und beginnt zu lesen. -Oas sind Worte, die jeden angehen, das sind Doku- mente der Zeit, für jeden geschrieben von jedem erlebt. Das sind Worte voll bitterster Wahrheit, voll ehrlichstem Bekennen.

Als dann der Baron noch einmal die Liste der Parteigänger des Kreises Löbau und den Dertei- lungsplan erwägt, kommen von draußen her hastige Schritte auf den steinernen Treppenstufen naher. Im nächsten Augenblick öffnet sich die Ge­heimtür, die, unsichtbar für Fremde, in der dunk­len, holzgetafelten Wand eingelassen ist , schwerem Reitpelz, mit dicker Schneekruste bedeckt, hochrot >m Gesicht von der Anstrengung des scharfen Rittes, tritt Karl von Löbau vor sei- neu Vater. Er reißt von den zerzausten Haaren die Kappe, die seine bebenden Fäuste pressen. Keuchend .