ling in keiner Weise geholfen werden könne, da die durchschnittliche 3ahreseinnahme aus dem reichsdeutschen Reiseverkehr in den letzten 3ahren 150 Millionen Schilling betrug. Es gebe wohl niemand, der zu hoffen wage, daß der durch die Grenzsperre verursachte Schaden ernstlich durch irgendeine Maßregel wiedergutgemacht werden könne als durch einen Entschluß der deutschen Reichsregierung, die Ausreisesperre wieder rückgängig zu machen. Der Weg dazu stehe offen. Die österreichische Regierung und die Christlich-Sozialen mühten den Mut aufbringen, ihn zubeschreiten. Don der Einsicht, daß man nicht stark genug sei, auf die Grenzsperre mit wirtschaftlichen Repressalien zu antworten, bis zu dem Entschluß, die Verständigung mit Berlin zu suchen, sei nur ein Schritt. Es gehöre ein wenig Mut dazu, den man übrigens eines schönen Tages, ob man wolle oder nicht, schließlich doch werde aufbringen müssen.
Gegen unbefugte Eingriffe in das Wirtschaftsleben.
Ministerpräsident Göring an den Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes.
Berlin, 2. Juni. (WTB.-Funkspruch.) Arnt- l i ch. In einem Schreiben des preußischen Ministerpräsidenten Göring und des - Ministers für Wirtschaft und Arbeit an den Vorsitzenden des Kampfbundes des Gewerblichen Mittelstandes Dr. von Renteln, heißt es u. a.: „Die Klagen über Eingriffe des Kampfbundes des gewerblichen Mittel st a n - d e s in das Wirtschaftsleben, haben auch in letzter Zeit nicht aufgehört, ohne das für diese Eingriffe noch Gründe der Gleichschaltung maßgebend sein könnten.
So ist z.B. bei der Durchführung der Neuwahlenzuden Jndustrie-undHan- delskammern es wiederholt vorgekommen, daß infolge des Eingreifens des Kampfbundes, der naturgemäß mehr die Interessen des Kleingewerbes vertritt, mittlere und größere Betriebe besonders auch von der Beteiligung an der Leitung der Kammer zurückgedr ängt wurden. Damit wird auch in die zurückgedrängten Wirtschaftskreise eine Unruhe hineingetragen, die sich schädlich für die Entwicklung der Wirtschaft auswirken muß. Ruhe ist aber für die Wirtschaft unbedingt nötig, wenn sie sich erholen soll. Wir ersuchen deshalb, alle (Eingriffe in öffentlich-rechtliche Körperschaften und Anstalten der Wirtschaft sowie in ihre Verbände in Zukunft zu unterlassen. Soweit Ihnen noch Eingriffe erforderlich erscheinen sollten, sind den zuständigen Ressorts entsprechende Anträge vorzulegen."
Die Preußische Staatsregierung weist ferner darauf hin, daß insbesondere bei Bankinstituten Maßnahmen unberufener Stellen unbedingt vermieden werden müssen. Bei den Sparkassen stehen lediglich den satzungsgemäß be st eilten Organen und den eingesetzten Beauftragten oder Kommissaren amtliche und geschäftliche Befugnisse zu.
Dem unverantwortlichen Treiben von Denunzianten muß gerade im Bankwesen im Hinblick auf die auch durch ungerechtfertigte Beschuldigungen nicht nur bei den Instituten selber, sondern auch in der übrigen Wirtschaft entstehenden Folgen ein Endebereitet werden. Die Aufsichtsinstanzen werden nach wie vor begründeten Beschwerden mit voller Strenge nachgehen, aber anderseits auch alle die, welche wissentlich unrichtige oder leichtsinnige Beschwerden erheben, unnachsichtlich und ausnahmslos zur Verantwortung ziehen.
Heue Schwierigkeilen für den AennWepalt Mussolini gegen französische Sabotage.
London, 2. Ium. (LAB. Juntfprud).) Hebet einen erneuten Aufschub der Paraphierung des viermächtepakles glaubt „Daily Telegraf" berichten zu können, daß es sich um Mei - nungsverschiedenheiten über wichtige politische Punkte handele. Die betei- ligten Juristen hätten sich deshalb an ihre Regierungen wenden müssen. Beispielsweise hätten d i e letzten französischen Abänderungen, die den Pakt für die kleine Entente annehmbar machten, nach Ansicht Mussolinis den wahren kern des Paktes zerstört, weil sie geeignet waren, jede Revision der Jriedensver- träge nicht nur außerhalb, sondern sogar innerhalb des Rahmens des Völkerbundes zu verhindern. Infolgedessen habe Rom auf einer neuen Fassung bestanden, die eine Revision innerhalb des Rahmens des Völkerbundes zuläßt. Jetzt sei die Frage, ob die kleine Entente neue Einwendungen machen wird.
Ferner habe die Art und Meise, in der im französischen Wortlaut Artikel 16 der völkerbunds- sahung (Sanktionen) erwähnt wird, Aufklärung gefordert. Endlich sei angeregt worden, d i e
Vorbereitung her großen Reichssteuerreform Vereinfachung und Erleichterung auf der ganzen Linie.
Berlin, 1. Juni. (LRB. Eig. Meld.) Wie wir von maßgebender Seile erfahren, beabsichtigt das Reichsfinanzministerium, spätestens im Frühjahr 1934 eine grundlegende Vereinfachung unseres gesamten Steuersystems durchzuführen, und zwar für das Reich, die Länder und die Gemeinden.
Mit der Fülle der Steuern und der Kompliziertheit des Steuerrechts wird damit durchgreifend Schluß gemacht. Das Aufkommen soll in an- gemessenem Verhältnis zu den Unkosten stehen und die Steuern sollen für die Wirtschaft tragbar und gerecht sein. Die Vereinfachung sieht wesentliche Erleichterungen für die Steuerpflichtigen vor. In Zürnst sollen dann nicht mehr von Reich, Ländern und Gemeinden Steuerbescheide gegeben werden, und es ist dann nicht mehr an eine Unzahl von Stellen zu zahlen, sondern nur an eine einzige Stelle, und das ganze Steuerformular soll nicht mehr als eine Seile ausmachen. Diese große Steuerreform soll einen durchgreifenden Abbau der auf der deutschen Produktion beruhenden Steuerlasten bringen. Außer der Kraftfahrzeugsteuer wird eine Reihe anderer Steuern verschwinden.
Zur Durchführung dieser Maßnahmen ist es allerdings nötig, daß die Wirtschaft und jeder Einzelne sich bemühen, das Reichsfinanzministerium durch pünktliche Zahlung der fälligen Steuern jetzt so zu entlasten, daß an dem großen Reformwerk ohne Verzögerung gearbeitet werden-kann.
Ein amerikanischer Vorschlag zur Stabilisierung der Währungen.
neuyork, 2. Juni. (WTB. Funkspruch.) „Reu- york Tiemes" meldet aus Washington, daß präsi-
Regelung der G leichb erechtigu ngs- frage der Abrüstungskonferenz zu ü b e r l a s s e n. Abgesehen von diesen wesentlichen Meinungsverschiedenheiten habe es noch kleinere gegeben, die infolge von^ Unterschieden im Wortlaut der deutschen, französischen, englischen und italienischen Fassung entstanden waren. Das Fortbestehen von Schwierigkeiten meldet auch eine Reu- •termelöung aus Genf, nach der der britische Luftfahrtminister Lord Londonderry und der Un- terstaalssekretär des Aeußeren Eden heute abend nach Paris abreisen werden, um dort mit dem französischen Außenminister Paul-Boncour den Viermächtepakt zu erörtern.
*
Treffen diese Rachrichten, für die im Augenblick keine Bestätigung zu erlangen ist, zu, so haben sich die Hoffnungen aus eine vernünftigere Einstellung der französischen Politik, die durch die letzten Erklärungen Daladiers geweckt worden sind, als u n- begründet erwiesen. Frankreich steht vor der Wahl zwischen der Beteiligung an einem Werk des Friedens oder der Unterwerfung unter den egoistischen Willen seiner östlichen Trabanten.
dent Roosevelt einen plan habe, den die vereinigten Staaten auf der Weltwirlschaftskonferen; zur Sprache bringen wollten. Danach soll unter Zusammenwirken der verschiedenen Zentralbanken eine allmähliche W i e d e r v e r t e i l u n g des Goldes über die ganze Welt vorgenommen werden. Ls soll ein Zustand herbeigeführt werden, bei dem die Deoisendecke in den einzelnen Ländern je 25 v. h. des umlaufenden Geldes beträgt. 20 v. h. davon sollen aus Gold, 5 v. h. aus Silber bestehen.
Die Sühne für den Altonaer Blutsonntag.
Das Sondergericht fällt vier Todesurteile.
Altona, 2. Juni. (WTB. Funkspruch.) In dem Prozeß vor dem Altonaer Sondergericht über die blutigen Vorfälle am 17. Juli 1932 wurde heute das Urteil gesprochen. Das Sondergericht verurteilte die vier Angeklagten Luetgens, Tesch, Wolff und Möller wegen gemeinschaftlichen Mordes, die drei letztgenannten außerdem wegen L a n d f r i e d e n s b r u ch s und Aufruhr zum Tode. Die Angeklagten Wendt und Diehl erhielten je 10 Jahre, Kuhlmann 7 Jahre, Luehnflaeden und Uhle je 5 Jahre, Jakob 3! Jahre Zuchthaus, sämtlich wegen Beihilfe zum vollendeten Mord und wegen Landfriedensbruches und Aufruhr. Drei Angeklagte wurden freigesprochen.
Oie hessische Kirchenregierung an D. von Bodelschwingh.
Darmstadt, 1.3uni. (WER.) Die hessische Kirchenregierung hat heute folgendes Telegramm an den neuen Reichsbischof O. von Bodelschwingh gesandt: „Die Kirchenregierung der Hessischen Landeskirche spricht dem berufenen Führer der Deutschen Evangelischen Kirche einstimmig vollstes Vertrauen aus und gelobt Fürbitte und G'e f o l g s ch a f t im Dienst an Kirche und Volk.
(gez-): D. Dr. Dr. Dreh l."
Aus der provinzialhaupiftadt.
Oer Monat der Rosen.
An Hecken von wilden Rosen, am rieselnden Dach entlang, führte uns der Mai auf sonnigem Pfade ins Wunderland des Juni. „Rosenmonat" nennt man ihn, und blühendes, glühendes Erwarten liegt in seinem Duft. Es ist ein eigener Atem, der unsere Brust weitet, — ein neues Pulsen im Blut: Leben — schäumendes Leben, glücksuchendes und glückverheißendes Werben ist der Atem des Iuni. Um blühende Blumen taumeln Schmetterlinge, Libellen und Käfer. Der süße Duft der Linden lockt die Bienen und der goldenschimmernde Rosenkäfer hat das duftigste Dettchen am Herzen der Blumenkönigin.
Tlnd auf den Feldern und am Wiesenrain wippen und nicken Tausende von Blütenköpfen in Sternen, Dolden und Glockenform. Die Getreideähren bekommen schon Körner. Mohn, Kornblu- men, Kornraden und Wicken haben sich zum Leidwesen des Landmannes als lustige Gäste unter das Getreide gemischt und schauen neugierig in die Vogelnester der Wachteln und Lerchen, aus denen die flügge Brut die ersten Ausflüge in das harte Leben nimmt. Auch die Mäuse huschen durch den Wald der strebenden Halme.
In diesen lebensvollen Monat fällt in diesem Jahr das Fest der Pfingsten, das Fest des heiligen Geistes, an dem die Jünger in allen Zungen von Christi und seiner Lehre predigten. Und in allen Zungen predigt uns die Natur in tausend Wundern das Hohe Lied gottschöpferischen Werdens. An den Kirchentüren, auch wohl vor den Altären, prangt die stolze Birke, deren lichtgrünes Festgewand einen zarten, süßen Duft verbreitet.
Auch Blumen gibt es, um die sich als Pfingst- symbol ein Sagenkreis schlingt: so die meist wildwachsende Pfingstrose, deren botanischer Name „Peonia" auf ihre griechische Heimat hinweist. Goethe hat diese Blumen besonders geliebt. Die Schwertlilie, der Waldmeister, das „Gelboeigelein" (Goldlack), sind auch zu Sinnbildern des Pfingstfestes erhoben worden.
Und überall spielt der Kalmus zu Pfingsten eine große Rolle, namentlich die Jugend erzeugt mit dem sonst sehr nützlichen Gewächs jenes wundervolle Tongeräusch, das man „Piepen" nennt.
M. Gr 8 hn.
Vornotizen.
— Tageskalender für Freitag. Stadttheater: 20.15 bis 22.45 Llhr, Benefiz-Vor- stellung der Mitglieder des Stadttheaters Gießen „Krieg im Frieden". — Lichtspielhaus Bahnhofstraße: „Ich bei Tag -und Du bei Rächt". — Astoria-Lichtspieie: „Die Rächt gehört uns".
** Haltlose Gerüchte. Die hessische Gaupressestelle der RSDAP. teilt mit: Gerüchte über ein großes SA.-Treffen an Pfingsten und die Anwesenheit des obersten Führers oder des Stabschefs Röhm entbehren jeder Begründung.
•* Ernennung Bei der Technischen Hochschule Darmstadt. Das Hessische Ministerium für Kultus und Bildungswesen gibt bekannt: Ernannt wurde am 31. Mai 1933 der kommissarische Bürgermeister bei der Stadt Darmstadt Dipl.-3ng. Otto Kopp zum ehrenamtlichen kommissarischen Kanzler bei der Technischen Hochschule Darmstadt.
** 3ustizpersonalie. 3n den Ruhestand versetzt wurde der Oberamtsrichter bei dem Amtsgericht Bad Wimpfen Dr. Karl Gebhard auf Äachfuchen mit Wirkung vom 1. 3uli 1933.
Ungültig werdende Briefmarken. Die Freimarken zu 3 bis 80 Pfennig der Ausgabe 1926/27 mit Bildnissen von Goethe, Schiller, Friedrich dem Großen, Kant, Beethoven, Lessing, Leibniz, Bach und Dürer, sowie die gleichen Freimarkenstempel auf Postkarten, Briefumschlägen usw. verlieren Ende 3uli ihre Gültigkeit zum Freimachen von Postsendungen. Richt verbrauchte Wertzeichen dieser Art können im
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Ein vaterländischerRoman vonHansDietzke
Urheber-Rechtsschutz
durch Verlag Oskar Meister, Werdau.
13. Sortierung. Rachdruck verboten!
In der Gesindestube sitzt Förster Brinkmann mit dem alten Diener Tobias bei einer Pfeife holländischen Tabaks, den er soeben aus Breslau mitgebracht hat. Sein Schlitten steht drüben in der Remise, und die Gäule ruhen beim Futter iin Stall, es war wieder eine gefährliche Fahrt mit den Packen geheimer Flugblätter, die ihm der Professor Berger an den Baron mitgegeben hat. Run sind dem Forster ein vaar Stunden Ruhe gegönnt, dann müssen die Zettel noch in der Nacht an alle Partei- gänger hinaus in die Landgemeinden, die Herr von Löbau bestimmt.
„Wir wollen's ja alles noch tragen die Zeit — wenn's nur hilft, wenn's nur dann besser wird — endlich." Der alte Tobias spinnt seine Gedanken, ln langen Winternächten ist viel zu viel Zeit für alles Grübeln. Gram und Trauer haben ihn vorzeitig gealtert. Auch er hat den einzigen Sohn verloren, den Jochen, der Verwalter war oben im Ostpreußischen auf dem anderen Gute des Barons Die Franzosen haben ihn zu Tode gequält, als damals, im Sommer 1812, die Heeressäule nach Rußland zog. Als die Blutsauger alles Vieh und alle Zugtiere weggeschleppt hatten nach den fremden Magazinen, mußten die Bauern ihre eigene Habe auf ihren Wagen laden und sich wie das Vieh da- vorspannen und Frondienste leisten, die der Stolz seines Jochen nicht ertrug. Und als man ihm die Peitsche anbot, war es aus mit aller Beherrschung er schlug zu wie ein Rasender. Französische Kolben haben ihm den Schädel zertrümmert ... nicht einmal die Kugel im Kampf gegen eine Uebermacht, wie es Brinkmanns Sohn geschah, durfte feinem jungen Leben ein Ende machen. Wie einen Hund haben sie ihn erschlagen.
Der Alte stöhnt auf und lehnt schwer den müden Kopf gegen die Fäuste. Der Förster sieht ihn schweigend an. So ist das nun: Jeder hat das Liebste verloren, alle Fröhlichkeit, aller Glaube an das Schöne dieses Lebens sind dahin, in Blut und Mord erstickt. —
Im Herrschaftshof, mit dem riesigen barockenen Portal und den schmiedeeisernen, kunstvollen Wind- lichtem, die zu manchem heiteren Feste den Gästen geleuchtet haben, die mit ihrem hellen Schein manche mit reicher Beute beladene Jagdgesellschaft an düsteren Wintertagen begrüßten, blendet auf glitzerndem Schnee aus drei hohen Fenstern das Licht der Kerzen. Bezwingend sanft, in ihrer majestätischen Schönheit, schwingen aus dem Salon der
Baronesse die Töne des Händelschen Largo in die weiße Stille. Jeanette und Maria musizieren. Nebenan aber sitzt der Baron in dem Herrenzimmer über den Akten und Papieren, die voll sind von Plänen und Gedanken, wie man das Joch der Fremden endlich zertrümmern kann.
Trügischer Friede, den die Natur im Wirbeltanz ihrer schneeigen Flocken über Haus und Hof breitet.
Der französische Hauptmann in seinem Zimmer, auf dem gegenüberliegenden Flügel, sinnt mit verträumtem Blick in den lustigen Flockentanz vor seinen Fenstern. Ganz leise schweben von drüben her die Töne der Musik zu ihm.
Lefeore tritt ans Fenster. Noch immer wirbelt Schnee in dichten Flocken, kaum daß der suchende Blick die erhellten Fenster des jenseitigen Flügels findet. Dort sitzt nun seine Jeanette — bei der Baronesse. Herzen überbrücken Welten von Haß und Feindschaft. Des Hauptmanns Züge werden entspannter bei dem Gedanken an seine Frau. Er segnet den Tag, der sie hierhergebracht hat. Komme in Zukunft was wolle — er hat noch einmal in die fünften Augen der zärtlichsten Frau gesehen, die Hingebung ihrer zarten Arme gespürt. Mögen es noch Tage, so Gott will, Wochen sein bis zur Trennung — er geht in Kampf und Mühen, gestärkt mit einer Kraft, die nicht von dieser Welt ist, die nur ein Herz, das ganz zu sieben vermag, geben kann. —
3m Herrenzimmer, das von dem Salon nur durch eine schwere Portiere getrennt ist, sitzt der Baron vor dem wärmenden Kaminfeuer an feinem Schreibtisch. Akten, Eingaben, Berichte — alles türmt sich zu umfangreichen Stößen, die ihrer dringenden Erledigung harren. Das wichtigste ist die schnelle und wirksame Verteilung der Flugblätter. Forster Brinkmann muß sie noch heute nacht an die Stellen des Landkreises zur Verteilung bringen, die Herr von Löbau ausgesucht und ausgezeichnet hat. Ein Dutzend schwerer Pakete harren ihrer heimlichen Beförderung. Sie müssen fort aus dem Schloß, ihre Entdeckung birgt Gefahr für Eigentum und Leben.
Noch einmal lieft der Baron den Brief des Professor Berger aus Breslau durch, bevor er ihn beantwortet. Er ist vom gleichen Tag datiert und lautet:
„Mein verehrter Herr Baron!
Durch Ihren braven Förster Brinkmann sende ich Ihnen die für Ihren Landkreis bestimmten Flugblätter und hoffe, daß es Ihnen möglich ist, sie' schnell und sicher unter unsere Parteigänger zu verteilen.
Gerade jetzt erachte ich den Zeitpunkt einer letzten, großen Erweckung aller treibenden Kräfte der nationalen Bewegung für unendlich wichtig. Setzen Sie, verehrter Baron, alles daran, daß die Werbeschriften ihren Zweck ganz erfüllen. Unser geheimer Drucker hat in langen Nächten die Herstellung ermöglicht. Wir wählten diesmal bewußt einen Auszug aus den „Drei Bekennt-
stürmen seine Worte auf den Baron ein, der erschreckt aufgesprungen ist.
„Der Bund ist verraten — Vaterl Heute abend wollen sie in Breslau Professor Berger festnehmen --Döllnitz sind sie auf der Spur — man wird keinen Pardon geben!"
Die Hände des Barons fassen in Entsetzen nach den Schultern seines Sohnes. Er starrt ihn an, als spräche ein Gespenst diese grauenhaften Worte.
«,Dater — man muß ihnen Hilfe bringen--
sofort, ehe es zu spät ist!" Die Stimme des jungen Karl schreit in Verzweiflung.
„Ueberleg dir, was du sprichst — das kann doch nicht wahr fein — woher weißt du das?!" Der Baron klammert sich noch einen Augenblick an die Hoffnung eines Irrtums.
Karl macht sich frei von den haltenden Armen des Vaters. Seine Fäuste trommeln in die Luft. „Es ist wahr! Ich weißes — frag jetzt nicht--
wir müssen helfen! Ich bin auf Umwegen hierher geritten — niemand hat mich gesehen — ich bin durch die Hinterpforte in den Park gekommen — sie haben heute keine Wachen stehen--meine
Spuren sind längst im Schnee verweht — nicht einen halben Steinwurf weit ist Sicht..."
Ehe der Baron noch etwas erwidern kann, kommt Maria aufgeregt durch die Portiere vom Salon her in das Herrenzimmer. Als sie in den Lichtjchein der Kerzen tritt, starren ihre dunklen, verschreckten Augen aus bleichem Gesicht fragend die Männer an. „Was weißt du von Döllnitz — Karl?!" Da ihr Bruder schweigt, eilt sie auf den Vater zu. „Sagt mir die Wahrheit! ...Er ist in Gefahr!"
„Wir werden ihn retten, mein Kind!" Der Baron ist ganz ruhig geworden. Das Unabänderliche verlangt, daß man handelt. „Geh in die Gesindestube, Karl. Dort wartet der Förster. Er soll sofort anspannen. Laß dir vom Tobias die Waffen aus dem Versteck geben und mache sie schußfertig — ich fahre selbst."
Karl eilt hinaus. Maria hält den Vater umschlungen. „Du wirft ihn retten? ...", ihre Stimme zittert, ihr Körper bebt vor Erregung, „... du mufjt ihn aufs Schloß bringen — nur hier ist er m Sicherheit — wir werden einen Ausweg finden ■ •. Unablässig suchen ihre Augen in denen des Auers die Erfüllung des heißen, schmerzhaften Wunsches.
„Wir bringen ihn hierher. Sorge du und Karl, daß niemand im Wege ist." Mit sanfter Gewalt Mt er die Arme Marias. Dann wendet er sich den Papieren auf seinem Schreibtisch zu, die er hastig zusammenräumt und in das Geheimfach verschwin- den läßt, das ein altes Gemälde vor ungebetenen Blicken verbirgt.
Maria steht inmitten des Zimmers, als erwarte sie noch irgend etwas von ihrem Vater, das ihre jagende Angst lindern könne.
(Fortsetzung folgt) ■< , '
Nissen" von Clausewitz, da es mir das richtigste schien, noch einmal ein zusammenfassendes Ermahnen an das persönliche Ich unserer Parteigänger ergehen zü lassen, wofür mir der Aufruf der Clausewitz ganz besonders geeignet scheint. Er berührt alle Punkte des Denkens und der Seele und ist durch die Kraft feiner ehrlichen Ueberzeugung einer starken Wirkung bei allen sicher.
Heute erhielt ich durch Sonderkurier einen kurzen Bericht unseres Freundes Hauptmann Döllnitz, der heute abend in Breslau einzutreffen hofft und in meiner Wohnung ein letztes Mal zu den Führern des Tugendbundes unseres Gaues sprechen will, denn wir stehen vor entscheidenden Ereignissen, die den so sehnlichst von uns allen erwünschten Aufstand mit der Schnelle eines Gewitters herbeischaffen können. In den allernächsten Tagen, vielleicht morgen schon, wird der König aus Potsdam hier eintreffen und mit der Regierung hierher übersiedeln. Ich hoffe, daß unser Hauptmann Döllnik mit dem Feuer seiner Rede auch den letzten Zweifler unter den Führern überzeugt, damit er sich freudig und aus innerstem Herzen zur Sache der Freiheit bekennt. Dann soll unser Wort offen fein wie eine lodernde Flamme, dann wollen wir mit Denken und Taten aus den dumpfen Stuben heraus auf bie offene Walstatt treten. Noch lauern Spione über unserem Tun, und Heimlichkeit muß unsere Bundesgenossin sein - aber ertragen wir alle Mühsal geduldig diese letzten Wochen, das Be- wußtsein der Morgenröte läßt auch die trübste Nacht uns überwinden!"
Der Baron überfliegt die Schlußzeilen, die ihm den Empfang des Briefes für Döllnitz bestätigen und ihm sofortige, genaue Nachricht über das Eintreffen des Hauptmanns in Breslau versprechen
Bewegt legt Herr von Löbau den Bries aus der Hand und öffnet eines der gewichtigen Pakete, denen er ein Flugblatt entnimmt.
In fetten, wuchtigen Lettern steht als Kopf darüber: Das sei dein Bekenntnis! Der Baron ent' SItetr.n?IL9an3 bas Blatt und beginnt zu lesen. -Oas sind Worte, die jeden angehen, das sind Doku- mente der Zeit, für jeden geschrieben von jedem erlebt. Das sind Worte voll bitterster Wahrheit, voll ehrlichstem Bekennen.
Als dann der Baron noch einmal die Liste der Parteigänger des Kreises Löbau und den Dertei- lungsplan erwägt, kommen von draußen her hastige Schritte auf den steinernen Treppenstufen naher. Im nächsten Augenblick öffnet sich die Geheimtür, die, unsichtbar für Fremde, in der dunklen, holzgetafelten Wand eingelassen ist , schwerem Reitpelz, mit dicker Schneekruste bedeckt, hochrot >m Gesicht von der Anstrengung des scharfen Rittes, tritt Karl von Löbau vor sei- neu Vater. Er reißt von den zerzausten Haaren die Kappe, die seine bebenden Fäuste pressen. Keuchend .


