Die stummen Gäste von Zweilinden
NomanvonAnny vonpanhuys.
Copyright by Belletristische Korrespondenz Bechthold.
29 Fortsetzung. Nachdruck verboten!
Angela wiederholte ihre Frage. Wie ein Hauch klang es an sein Ohr: ,Mennst du Konrads Mutter?"
Er neigte den Kopf. „Ja, Angela, ich kenne sie, und wenn es auch lange her ist, mehr als ein Vierteljahrhundert, so weiß ich doch noch heute, mit welchem Jubel sie mir ihre Liebe gestand."
Angelas Hände verkrampften sich. „Ihr habt euch liebgehabt, sie und du, Vater?"
Er erwiderte nach kurzem Zögern: „Sie hat mich lieb gehabt, ich aber begehrte nur ihren Reichtum, ich log ihr Liebe. Als ich die irrtümliche Nachricht hörte, sie wäre eigentlich arm und sie hätte nichts von dem Reichtum ihres Pflegevaters geerbt, t>a trat ich rücksichtslos zurück, unbekümmert darum, ob ich ihr Schmerz bereitete."
Wulf Speerau konnte einfach nicht anders, er mußte Angela diese Wahrheit sagen. Der Ort, die Stimmung erpreßten sie ihm wie ein Geständnis, oder noch eher wie eine Beichte. Und nun er die Beichte einmal begonnen, sloß sie ihm auch weiter von den Lippen wie von selbst.
An diesem Nachmittag, in der Kirche Belsn, beichtete Wulf Speerau Angela einen großen Teil seiner Vergangenheit. In leisem, geheimnisvollem Flüstern drängte sich Satz auf Satz aus seinem Munde an ihr Ohr, und Angela saß ganz still, begriff immer besser, warum Bettina von Zweilinden die Liebe ihres Sohnes nicht billigte und nicht billigen konnte. Ganz erschöpft schloß Wulf Speerau endlich: „Nun weißt du, Kind, woran euer Glück zerbrochen ist. Mein unseliger Name hat Bettina von Zweilinden genug gesagt und die Vergangenheit wieder aufgewühlt. Ich habe gemein gehandelt, und jetzt kommt die Strafe dafür, aber sie trifft dich, mein armes Kind."
Angela war nicht fähig, ein gutes Wort zu sagen, obwohl der neben ihr Sitzende darauf zu warten schien. Sie murmelte: „Hättest du lieber weitergeschwiegen, jetzt hast du mir doch nur noch eine weitere Last zu der alten aufgepackt."
Wulf Speerau dachte erschreckt, sie hatte recht, worum hatte er nicht weitergeschwiegen, er hatte ja niemand durch sein Geständnis geholfen. Ein Glück nur, daß er das Allerschlimmste für sich behalten. Er seufzte: „Wir wollen nach Hause gehen, Angela."
Langsam verließen die zwei die Kirche.
Wie benommen schaute sich Wulf Speerau draußen um. Die Sonne blendete seine Augen, und er stolperte, mußte sich an die Kirchenmauer lehnen.
Angela nahm seinen Arm. „Soll ich dich führen, Vater, oder noch besser, wir wollen ein Auto nehmen, so arm sind wir ja nicht mehr, daß wir das nicht einmal tun dürften."
Er warf ihr einen dankbaren Blick zu. „Wenn du meinst, wir dürfen so leichtsinnig sein, dann würde ich gern mit dem Auto fahren: mir ist elend zumute, und ich meine fast, der Boden unter mir schwankt auf und ab."
Schon hatte Angela eine Autotaxe angerufen, aber es gelang ihr nur mit Hilfe des Chauffeurs, dem Vater in den Wagen zu helfen. Grenzenlose Angst überfiel sie. Sie war vorhin zu hart gewesen zum Vater, nicht das kleinste freundliche Wörtchen hatte sic für ihn gehabt, nachdem er sich so tief vor ihr gedemütigt und ihr bekannt, wie schlecht er an der Frau gehandelt, die später Konrads Mutter geworden. Nichts als den Vorwurf, er hätte lieber schweigen sollen, hotte sie für ihn gehabt.
Sie redete während der Fahrt zärtlich auf ihn ein: „Laß nur gut sein, Vater, quäle dich nicht mehr mit den alten Geschichten und werde nur wieder ruhig, alles andere ist jetzt ganz Nebensache!" Er versuchte zu lächeln, aber seine Kraft reichte dazu nicht aus. Nur sein Mund verzog sich fast weinerlich.
Angela war froh, als das Auto vor dem barackenartigen Häuschen hielt und sie dann den Vater in die Stube gebracht hatte. Er war völlig erschöpft, und doch müßte er sprechen. Er bat: „Verzeihe mir, Angela, daß ich dich belastet habe mit dem, was ich getan. Es soll dich nicht drücken. Du weißt doch nun wenigstens, warum Frau von Zweilinden von uns abrückte. Ich habe dir eine gute, reiche Zukunst verpfuscht." Er saß am Tisch und stützte den Kopf in die Hände. „Ach, Kind, wie ist einem nur zumute, wenn man so, wie ich jetzt, einsieht, daß man nicht nur das eigene Leben verpfuscht hat, sondern auch das anderer noch mit dazu. Und was ist mein Leben gewesen? Nur eine Kette von Aufregungen und Sorgen. Verflucht sei aller Leichtsinn meiner Jugend, der mich auf die Iammerstraße gebracht!" Er lachte bitter. „Sekt und Kartenspiel, dazu leichtfertige Frauen brachten mich um mein Geld, und als ich mein schönes Heim so verzettelt für nichts, riß mich das Abenteurerleben an sich. Und das Abenteurerleben ist wie ein großer Polyp, wie so ein gräßlicher Riesenfisch mit vielen Armen, mit denen es die in seine Gewalt Geratenen umklammert und erstickt. Mit dem Rest meines Geldes reifte ich aus meinem verlorenen Daheim direkt nach Monte Carlo, verspielte es bis auf ein winziges Sümmchen. Ein reicher Amerikaner, den ich am Spieltisch kennengelernt und dem es Vergnügen bereitete, ein bißchen Beschützer zu spielen, wenn es nicht viel kostete, nahm mich als Diener mit nach Neuyork. Sonst wäre ich ohne Geld nicht ins Land gekommen. Drüben ließ er mich laufen. Es war so ausgemacht, und er verspürte auch keine Lust, sich weiter mit mir zu belasten. Da saß ich denn in
der erdrückenden Atmosphäre der Riesenstadt und versuchte es nun mit allen mögliches Beschäftigungen. Nichts klappte! Das Schicksal führte mich dann nach Uruguay, dort ging es mir heffer. Ich war Landwirt gewesen, verstand etwas von Saat und Ernte, konnte reiten und fahren. Auf einer Ochsen- farm lebte ich ein paar Jahre als tilRann für alles, doch die Unruhe in meinem Blute hielt das einförmige Leben nicht aus. Es folgten noch ein paar unstete Jahre, dann fuhr ich als Trimmer mit einem Lastdampfer nach Portugal. Von dort versuchte ich mein Glück in Spanien. Und hier blieb ich hängen. Arbeiter war ich geworden, einer, der sich immer dort meldete, wo viele Leute gesucht wurden. Ich habe bei mancher Ausschachtung geholfen und bei mancher Straßenpflasterung. Ich habe aber auch oft versucht, ein bißchen aus dem Dreck zu krabbeln, doch es glückte mir nicht, und da gab ich es schließlich auf."
Seine Augen, die bisher zu Boden geblickt, hoben sich jetzt, sahen Angela an, die am Herde stand. „Liebe Angela, erst du hast meinem bisher so elenden Leben wieder die rechte Farbe gegeben, durch dich habe ich wieder gute Stunden gehabt." Er unterbrach sich. „Es ist nicht richtig, wenn ich sage, wieder gute Stunden, denn eigentlich habe ich niemals wirklich gute Stunden, was ich jetzt darunter verstehe, vorher gekannt. Auch damals nicht, als ich noch der Schloßherr war. Erst deine Anhänglichkeit und Zärtlichkeit erweckten in mir Empfindungen, die mir bis dahin fremd gewesen, du wurdest allmählich mein Glück, deine Liebe wurde mein wertvollster Schatz. Und wenn ich jetzt so zurück- denke, hat sich das ganze Leben doch gelohnt, weil ich dich gesunden, Mädelchen. Ich fühle mich völlig mit dir verwachsen, lieber wie dich, könnte ich mein eigen Fleisch und Blut bestimmt nicht haben."
Er erschrak. Das hatte er nicht sagen wollen, es war ihm über die Lippen geschlüpft, und jetzt konnte er es nicht mehr zurücknehmen, es war schon zu spät.
Angela hatte dem Vater eine Tasse starken Kaffee bereiten wollen und die Vorbereitungen dazu getroffen. Sie hatte aufmerksam zugehört, und ihr Mitleid war wach geblieben während seiner Erzäh- lung. Bei dem letzten Satz zuckte sie zusammen, und die Kaffeebohnen, die sie eben in die Mühle schütten wollte, entfielen ihrer Hand. Sie war mit zwei schnellen Schritten am Tisch, und ihre Augen blickten den Mann beinahe entsetzt an.
„D u b i ft also nicht mein Vater; ja, um des Himmels willen, wie soll ich das verstehen?"
Sie klammerte sich an den Tisch, sank auf einen der Holzstühle; aber ihre Augen gaben das Gesicht des weißhaarigen Mannes am Tisch nicht eine Sekunde frei. Sie drängte: „Rede doch, gütiger Hirn- mel, rede doch, bist du mein Vater oder bist du es nicht? Erkläre mir, was du vorhin gesagt hast, das Rätsel ist für meinen armen Kops zu schwer."
Wulf Speerau war die Kehle eng, es ward ihm das Reden zur Qual. Endlich aber sprach er weiter: „Als ich hier in Spanien Obdach suchte, verirrte ich mich, da ich in der Gegend bei Ausschachtungsarbeiten beschäftigt war, nach dem Stadtteil Coll Blanch und kam durch diese Gasse hier. Auf meine Nachfrage um Unterkunft wies man mich zu deiner Mutter."
„Deine Mutter, liebe Angela", erzählle Wulf von Speerau weiter, „ließ mich ein; sie war damals fast so schön wie du, Mädelchen, und ich staunte sie an. Hatte lange nicht so was Liebliches gesehen. Ihr Mann war Musiker. Ein hübscher Mensch, der vielleicht, wenn er gründlich ausgebildet worden wäre, ein großer Künstler hätte werden können. Er spielte so wundervoll Geige, daß ich, der ich nicht einmal ein besonderer Musikfreund bin, ihn ab und zu bat, mir doch etwas oorzuspielen. Er spielte abends in den Kneipen, und er war ein Genie. Ohne jeden Unterricht war er zu einem riesigen Können gelangt. Ein Streit im Wirtshause, in den man auch ihn hineinzog, war sein Unglück. Die jungen Kerle sind hier manchmal ein bißchen allzu schnell mit dem Messer bei der Hand. Und so geschah es plötzlich. Ohne daß man etwas von ihm wollte, wurde er das Opfer des unglückseligen Abends, tot brachte man ihn hier ins Haus. Deine Mutter war ganz aufgelöst vor Verzweiflung. Sie stand allein in der Well, erwartete in Kürze ihr Kindchen, und Ersparnisse besaß sie auch nicht. Sie bat mich händeringend, nur ja nicht auszuziehen, wie ich es eigentlich beabsichUgte, sonst müsse sie verhungern.
Vier Wochen nach dem Tode deines Vaters kamst du zur Welt, und weiß der Himmel, als dein dummer, unwissender Kinderblick zum ersten Male meine Augen traf, war es mir, als ob in meinem Herzen ein Empfinden wach wurde, daß ich bis zu jenem Moment noch nie verspürt. Niemals habe ich vordem gewußt, was Liebe dieser Art ist. Meine Eltern hatten sich nicht viel um mich gekümmert; Vater war ein Lebemann, Mutter eine Dame der großen Well, die überall dabei war, wo sie sich in teuren Toiletten zeigen konnte, und beide hatten sich nie sonderlich bemüht, mehr von mir zu verlangen als Respekt. Nach ihrem Tode war ich schon selbst ein Lebemann, oder richtiger, ein verlebter Mann, der dem Wort „Liebe" allerhöchstens nur einen komischen Geschmack abzugewinnen vermochte.
Aber jetzt, mit einem Male, geschah das Wunder. Zwei große schwarze Kinderaugen brachten es zustande. Ich spürte mein Herz warm werden unter dem Unschuldsblick, und ich neigte mich nieder und küßte die Kinderstirn mit einem Gefühl von Scheu, Andacht und Zärtlichkeit." Er holle tief Atem. „Seitdem war ich wie vernarrt in das kleine Mädelchen, das in der laufe die Namen Angela Maria Dolores erhielt.
(Fortsetzung folgt.)
nicht zu verwechseln mit dem Film gleichen Namens, der vor einigen Wochen gezeigt wurde!
B Lichtspielhaus • Gießen
Heute und morgen Mittwoch:
der neue große Tonfilm der deutschen Erhebung, zum erstenmal in Gießen
In diesem Film werden zum erstenmal Originalaufnahmen von historischer Bedeutung gezeigt, u.a. die Festnahme n. das Schicksal von
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Vorprogramm, 8.30 Ohr:
Konzert-Vortrag der SA-Kapelle Gießen, Standarte 116
unter Leitung des Kapellmeisters L. Niebergall
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Englischer Oberkursus (Lektüre) Hörsaal 39
Dienstag: Englisch für Fortgeschrittene Hörsaal 39
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Mittwoch: Französich für Fortgeschrittene Hörsaal 34
Latein (Vorbesprechung)
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