Ser Darmstädter Volksbank-Prozeß.
WSÄ. D a r m st a d t. 1. Febr. In der geftri- cn Sitzung des Darmstädter Volksbank-Prozesses wurde zunächst das Verfahren gegen Direktor -Neumann von der Landes-Versicherungsanstalt für zwei Tage abgetrennt, da Direktor Neumann zur Zeit von seinem Amt unabkömmlich ist. Dann wurde ausführlich über die innere Organi-- fation der Dolksbank gesprochen, die auch nach Ansicht der Staatsanwaltschaft tadellos gewesen sein soll. Im übrigen war die heutige Verhandlung ausgefüllt mit Ausführungen über die Höchstkreditgrenze, über die in die Höchstkrcditgrenze einzubezrchen- den einzelnen Vankgeschäfte sowie über die einzelnen Spekulationskreditc. Zu letzterem Punkt Wird von der Anklage behauptet, daß
Effekten ohne Sicherung und Einzahlung ;um vollen wert gegeben worden seien.
was von dem angeklagten Vorstandsmitglied D e cl e r brstritten wird, der angibt, die Effekten seien nur 60 bis 80 Prozent gewertet worden. Auf einen Vorschlag des Revisors sind die Effektenkredite in gesonderten Liftes geführt worden, dagegen nicht in den Protokvllbüchern, wo sie als Lombardforderungen erschienen.
In der Verhandlung des Volksbankprozesses am Mittwoch gab der Vorsitzende an Hand der Revisionsprotokolle einen eingehenden Einblick in die Kreditoperationen der Volks.ank. Er stellte dabei fest, daß auch in früheren Iahren Ueberschrei- tungen der Kreditgrenze vorgekommen waren.
Seit dem Jahre 1927 habe eine auffällige Zunahme der Sreditüberschreitungen eingesetzt.
Es entspann sich dann eine Auseinandersetzung zwischen dem Vorsitzenden und dem Angeklagten Direktor Vecker über die Forderungen nach Sicherheit bei der Kredithergabe.
Direktor V e ck e r erklärte, dah, was die Hypotheken angehe, ein hervorragender Kenner des Darmstädter Hypothekenmarktes zugezogen worden sei, dah jedoch eine besondere Schätzung des Objektes nicht mehr erfolgte. Zwischen den Aussagen B e ck e r s vor dem Untersuchungsrichter und in der Hauptverhandlung bezüglich der Vewertung der Effekten als Sicherheit für Kredite bleibt ein Widerspruch ungeklärt. Anschließend folgt die
Verlesung der sogenannten Spekulationskonten, wobei sich zeitweise eine recht lebhafte Auseinandersetzung bezüglich der Kreditsummen und der Höhe der Sicherheiten zwischen dem Vorsitzenden und Anklagevertreter einerseits und Direktor B e ck e r andererseits ergab. Direktor V e ck e r erklärt die oft fehlenden Genehmigungen damit, dah die Persönlichkeit und das Ansehen der Kreditsuchenden Bedenken oft nicht aufkommen lieh, und Genehmigungen überflüssig gemacht hätte. Auf einzelnen Konten wird festgestellt, dah auf Kredite, die als verloren angesehen werden müssen, seit mehreren Jahren keine Zinsen bezahlt wurden. Das Gericht vertagte dann die Weiterverhandlung auf Donnerstag.
Aus -er yroviuzialhaupista-t.
Mariä Lichtmeß.
Den Reigen der Frühlingsfeste eröffnet der 2. Februar mit Mariä Lichtmeh Diesen Ramcn hat das Fest von der Kerzenweihe in der katholischen Kirche erhalten, die zur Erinnerung an die Darstellung Jesu im Tempel eingeführt worden ist. Von vielen Katholiken werden an diesem Tage Kerzen zur Kirche gebracht, die mit denen zum Gebrauch in der Kirche selbst bestimmten vom Priester geweiht werden. In manchen Gegenden veranstalten Kinder Umzüge mit Lichtern, oder tanzen um ein Feuer im Freien und sagen dabei Sprüche aus, oder singen passende Lieder. Hier und da stellt man am 2. Februar einfach Lichter an die Fenster.
Ganz verschieden und mannigfaltig sind die Sitten und Volksbräuche in den einzelnen Ländern an diesem Tage. Wer recht viele Zaubersprüche weih und hersagt, der bleibt nach altem Glauben von Ungeziefer verschont. In Kurhessen wird demjenigen der Flachs vortrefflich gedeihen, der tüchtig Hirsebrei und eine lange Bratwurst dazu verspeist. Der badische Bauernsmann oder seine Kinder ziehen an Mariä Lichtmeß eine Kette dreimal um ihr Wohnhaus nebst dazu gehörigen Gebäuden. Dadurch sollen nach althergebrachter Anschauung Mäuse und etwaige Schlangen verjagt bleiben. In der Provinz Sachsen veranstaltet die Jugend lustige Umzüge und erhält dabei Gaben und Geschenke. In verschiedenen Orten herrscht heute noch die Sitte, daß Dienstboten und Gesinde, nicht wie bei uns üblich an Weihnachten oder Reujahr, sondern an Mariä Lichtmeß ihre Herrschaft wechseln und nach Empfang des Lohnes wandern. In Bayern erhalten sie bei dieser Gelegenheit einige Tage Ferien und verbringen sie entweder bei den Angehörigen, oder in fröhlicher Gesellschaft im Wirtshaus.
Für den Bauersmann hat der Tag Mariä Lichtmeß besondere Bedeutung. Für ihn heißt das Sprichwort:
„Mariä Lichtmeß Spinn'n vergeß, Bei Tag zu Rächt eß!" Er will gewissermaßen seine Winterruhc ab- sch.i.ßen und die eine oder andere vom Herbst her verolieoene, vielleicht auch schon manche notwendige Arbeiten vorsorglich für das Frühjahr verrichten. Mancher andere möchte aber weiterhin ausruhen und sagt lieber:
„Lichtmessen, der Winter halb vergessen!" oder ..Lichtmessen, der Winter bald vergessen!"
Der sinnende Bauersmann läßt von nun an seine fleißigen, nimmermüden Hände nicht länger als die Ratur gebietet, untätig im Schoß liegen. Schon „Mit Fabian und Sebastian (20. Januar) fangen die langen Tage an!“ Und wahrlich, in der Tat sind die Tage seit der Wintersonnenwende beträchtlich länger geworden und die Strahlen der immer höher steigenden Sonne haben an Kraft und erweckendem Leben merklich zugenommen. An ganz besonders warmen und geschützten Plätzchen zeigen sich im Garten die ersten Vorboten des Frühlings. Etwas vorwitzig, aber doch vorsichtig, lugen die ersten grünen Spitzen der Schneeglöckchen aus der kalten Erde hervor.
Obwohl der Bauersmann sich Anfang Februar nach dem Frühjahr mit seinen mannigfaltigen Arbeiten sehnt, so will er allerdings an Mariä Lichtmeß noch kein warmes Wetter, sondern lieber Schnee, Eis und Sturm. Denn dann hat er die Gewißheit, daß der Frühling zur rechten Zeit einziehen wird, und er nicht durch „scheues“ Wetter die Aussaat verzögert. So besagen die alten Bauernregeln:
„Tut sich um Lichtmeß die Sonn' einfinden, Ist noch viel dahinten."
„Wenn's an Lichtmeß stürmt und schneit, 2st der Frühling nicht mehr weit.“
Bornotizen.
^2lus dem Etadttheater-Bureau wird uns geschrieben: Heute 20 Uhr Austausch- ?anspicl des Stadttheaters Koblenz. Unter der vpielleitung von Intendant Bruno Schoen- C das Schauspiel: „Gestern und Heute"
y^rifta Winslve, bekannt durch den Film: „Mädchen in Uniform", zur Aufführung. In der des Fräulein von Kesten Hedwig Schlich- te r Berlin, die sowohl im Film, wie auch bei den Berliner Aufführungen diese Rolle mit stärkstem Erfolge spielte. Ende gegen 23 Uhr. Das Gast- splel ist außer Abonnement und zu ermäßigten Operettenpreisen. Abonnenten ermäßigte Schau- splelpreise. Schülerkarten haben keine Gültigkeit.
Als 17. Vorstellung im Freitag-Abonnement am Freitag „Hamlet". Trauerspiel von Shake
speare. Spielleitung: Oberspielleiter Peter Fas- sott: in der Titelrolle Karl Bruck. Gewöhnliche Preise. Spieldauer von 20 bis 23 Uhr. — Eine Dollsvorstellung zu kleinen Preisen findet am Samstag, 4. Februar, 20 Uhr, statt mit einer Aufführung der Komödie: „Politik der Weiber- röckc" (Spielleitung: Wolfgang Kühne). Ende: 22 Uhr. -- Einen Lichtbildervortrag über seine Erlebnisse bei seinem Weltflug hält am Sonntag, 5. Februar, 20 Uhr, der deutsche Weltflieger Wolfgang von Gronau im Stadttheater. Die Veranstaltung ist außer Abonnement. Mitglieder des Luftfahrlvereins, des Oberhessischen Automobilklubs und Studenten erhalten 20 Prozent Ermäßigung auf alle Plätze von 2 Mk. an. — Zu kleinen Preisen wird das deutsche Frontstück: „Die endlose Straße" von Graff und Hintze unter der Spielleitung des Intendanten am Montag, 6. Februar, zum letztenmal zur Aufführung kommen. Spieldauer von 20 bis 23 Uhr.
Daten für Donnerstag, 2.Februar.
962: Otto I. wird zum Kaiser gekrönt. Beginn des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Ration": — 1829: der Raturforscher Alfred Brehm in Renthendorf geboren.
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* Bataillonsübung. Unser Bataillon rückt morgen unter Führung des stellv. Datail- lonskommandeurs. Hauptmanns von Stockhausen, zu einer Felddienstübung aus. Die Soldaten marschieren in feldmarschmäßiger Ausrüstung um 6 Uhr ab mit dem Ziel Lang-Göns. Im Raume bei Lang-Göns wird sodann die Felddienstübung abgehalten. Gegen 13.30 Uhr sind die Soldaten zurückzuerwarten. Der Weg führt sie über Klein-Linden und die Frankfurter Straße nach Gießen.
*• A u f der Eisbahn verunglückt. Beim Vergnügen auf der Eisbahn ereigneten sich in der Umgegend von Gießen zwei Unglücksfälle, deren bedauernswerte Opfer in die hiesige Chirurgische Klinik eingeliefert wurden. In Bieber bei Rodheim stürzte der 13 Jahre alte Schüler Gustav Bremer auf dem Eise so unglücklich, daß er einen Bruch eines Oberarms davontrug. In Rordeck kam der in dem dortigen Knabenpensionat untergebrachte 14 Jahre alte Schüler Otto Gerold T a n h e n aus Oldenburg (ein Sohn des früheren oldenburgischen Ministerpräsidenten^ auf dem Eis unglücklich zu Fall und erlitt dadurch einen Unterschenkelbruch.
•* Frauengruppe der Deutschen Volkspartci. Man berichtet uns: In der Versammlung der Frauengruppe der DDP. am 30. Januar hielt Frau Studienrätin Reis- Haus- Frankfurt einen Vortrag über Gustav Stresemann. Cs war ein Erlebnis, eine Feierstunde. In vollendeter Form, unterstützt von großer Sachkenntnis, gab die Rednerin ein Bild des großen Mannes. Sie begann damit, dah sie den Zuhörern die schwere Zeit ins Gedächtnis zurück- rief, in der Gustav Stresemann im August 1923 den Reichskanzlerposten übernahm: der passive Widerstand war am Ende seiner Kraft, die deutsche Mark sank ins Bodenlose, die Separatisten am Rhein und die Kommunisten in Sachsen unterwühlten die Grundmauern des Reichs. Schritt für Schritt lieh Frau Reisbaus die gewallige Arbeit Stresemanns an dem geistigen Auge der Anwesenden vorbeizieheir. Man erlebte den Abbruch des passiven Widerstandes, den Sturz des Kanzlers Stresemann, seine Ernennung zum Außenminister, die Londoner Konferenz, Lo- carno, die Räumung des Ruhrgebiets und der Kölner Zone, Deutschlands Aufnahme in den Völkerbund, die Unterredung mit Briand in Thoiry, die Unterzeichnung des Kelloggpaktes in Paris, die Haager Konferenz und die dort erkämpfte Zusage der Räumung der Rheinlande bis zum 30. Juni 1930. Sodann führte die Rednerin den Anwesenden Gustav Stresemann als Menschen vor Augen. Sie sprach von seiner reichen Begabung, seinen vielseitigen Interessen, seiner ausgedehnten literarischen Tätigkeit. Mit Erschütterung hörte man von dem Kampf des unermüdlich tätigen Mannes mit der schweren Krankheit, deren erste Anzeichen sich nach der Unterredung mit Briand in Thoiry bemerkbar machten und die in wenigen Jahren seinen Tod herbeiführte. In der Aussprache bedauerte Herr Oberreallehrer Appel, dah die Jugend diesen Vortrag nicht angeyört habe, der ihr in Stresemann das Bild eines in tiefstem Sinne deutschen Mannes gezeigt habe, dessen rastloses und selbstloses Wirken nur das eine Ziel kannte: den Wiederaufstieg Deutschlands. Herr Landgerichtsdirektor S ch u d t betonte, dah ohne die durch Stresemanns Politik erreichte Räumung der Rheinlande alle durch seine Rachfolger erzielten Erfolge in der Außenpolitik unmöglich gewesen wären.
(*i.rgesandt.
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Beschwerde über die Kraftwagenverbindung Gießen—Gambach.
Arn Dienstag wurden auf allen Haltestellen dieser Verbindung — außer Gießen kommen 9 Dörfer in Frage — die Autos: Gießen ab 8.15 Uhr, 13.05 Uhr, und Gambach ab 9.17 und 14.05 Uhr von vielen Reiselustigen vergeblich erwartet. Die Reichspost lieh sie wegen des Glatteises nicht fahren. Dafür haben wir Verständnis. Aber es ist unverantwortlich, die Leute stundenlang unter freiem Himmel im Ungewissen z u lassen. Es sei hier einmal auf Kränkliche hingewiesen: zum andern an jugendliche Schüler, die in diesem Falle dem Wetter und somit der Grippegefahr
ausgesetzt find. Ratlos flehen sie da, denn die Post kümmert sich nicht um sie. Das wäre bei der Reichsbahn einfach undenlbar! U. C. hätte die Post an den 4 Haltestellen in Gießen je ein P l a - k a t anbringen müssen, das die Leute aufgeklärt hätte. Ferner hätte sie wenigstens die in Betracht kommenden P o st st e I l e n der Strecke telephonisch von ihrer Absicht, daS Auto erst um 17.25 Uhr in Dießen abzulassen, verständigen müssen. Da dies nicht geschah, muhten Reisende und b.'sorgte Eltern durch die Poststellen telephonisch in Gießen nach dem Verbleib des Autos anfra- gen lassen. Aber man höre und staune! Um 14.55 Uhr, nachdem das Auto nahezu 6 Stunden fällig war, gab das Hauptpostamt ungefähr folgende Antwort: „Rusen Sie um 3 Uhr nochmals an. eS ist eben niemand da, der Bescheid weih!" Das ist ein schlechter „Dienst am Kunden".
Diele Interessenten.
König, Kriegsmann, Herkules...
Zum 200.Todestage Augusts des Starken am l.$cbruor. Don Maximilian pallanca.
v.
Bild einer Persönlichkeit.
Wir Heutigen pflegen, taucht uns gelegentlich der Rarne Augusts des Starken auf, uns zunächst einmal zu erinnern: „Aha — der königliche Liebhabe r!" Und wirklich hat dieser deutsche Herkules nicht nur Bärenkräfte, sondern auch ein verblüffend weiches Herz besessen. Es wird nie gelingen, die Zahl der Mädchen und Frauen festzustellen, die er geliebt; schon zu seinen Lebzeiten sagte ihm die Markgräfin zu Bayreuth 354 Kinder nach ... neuere Forschungen beziffern die Abkömmlinge des Kurfürsten-Königs groß- zügig mit rund 1000 ... Von seinen vielen Geliebten ist noch heute am bekanntesten die schon erwähnte, hochgebildete Aurora v. König s m a r ck, die Mutter des Grafen Moritz von Sachsen: abgelöst wurde sie in der Gunst, des Fürsten durch die geschiedene Polin Lubo- m i r f f a, die spätere Fürstin von Teschen: auf sie folgte die Türkin F a t i m e, die August der Starke aus dem Ungarnfeldzug sozusagen als Kriegsbeute mit heimbrachte, ferner die mit einem polnischen Weinschankbesitzer verheiratete Französin Henriette Renard: an diese schlossen sich an die geschiedene Frau des Grafen H o y m, die Holsteinerin v. Brockdorff und vor allem die Gräfin Kofel, die sich sieben Jahre lang in der Gunst des wetterwendischen fürstlichen Liebhabers erhielt, bis August ihrer überdrüssig wurde, sie eines Tages einfach verhaften ließ und Jahrzehnte lang interniert hielt ...
August der Starke ist der vornehmste Repräsentant des „galanten Sachsen" gewesen, das wegen eben dieser seiner Galanterie im 18. Jahrhundert Weltruf genoß. Das Wirken dieses Fürsten recht zu erfassen, muh man gestehen, daß er zwar a l s Politiker ein Phantast war und blieb, daß aber seiner ausgesprochenen Künstlernatur Sachsen viel Hervorragendes, einzig Dastehendes zu verdanken hat. Das heutige Gesicht der schönen Residenz- stadt Dresden ist zum großen Teil ein Werk Augusts des Starken. Früh schon regte sich sein Sinn für Architektur und seine Lust am Schaf- fen repräsentativer Baudenkmäler. Während seiner Regierung entstanden ganze neue Stadtteile — nicht nur zu Dresden, sondern vor allem auch zu Leipzig, in dem von ihm geliebten und oft besuchten „Klein-Paris", das noch zu Goethes Zeiten mit Recht als eine der führenden europäischen Mode- und Kunststädte galt. Des Kurfürsten Befehl zauberte allenthalben imposante Schloß- und Museumsbauten herauf, Theater, Kirchen, Drücken, Parks, Vergnügungsstätten, und bei fast jedem Bau war er zumeist beteiligt als planender Architekt. Er verstand es, aus allen Weltgegenden namhafte Künstler an seinen Hof zu ziehen und sie durch fürstliche Besoldung zu wirklichen Taten anzuspornen. Die Dresdener Oper ward unter ihm weltberühmt. So urteilt 1718 der Reisende Baron v. Loen: „Alle Künste und Wissenschaften scheinen sich hier zur bloßen Lust zu vereinigen. Die außerordentlichen Besoldungen, welche der König den Spielenden reichen läßt, haben aus Italien als der hohen Schule der Musik die besten und vortrefflichsten Meister dieser Kunst nach Dresden gelockt. Man hört hier alles, was die Musik Schönes und Zärtliches hat: das ganze Orchester ist dabei mit den besten Instrumenten erfüllet ..." Dem Dresden Augusts des Starken hat noch Herder den Ehrentitel verliehen: „Deutsches Florenz ..
Die Museen füllten sich mit Kunstwerken und Seltenheiten aus aller Herren Ländern; August der Starke ist ein schier vorbildlicher Protektor und Förderer sowohl der materiellen als der geistigen Kultur seiner Zeit gewesen. Unter seiner Regierung wurde u. a. endlich das die Europäer seit Jahrzehnten in Atem halten )e Porzellanproblem befriedigend gelöst, und zwar auf einem seltsamen Umweg —: die Umwandlung unedler Metalle in Gold zu vollenden, zog August der Starke den angeblichen Alchemisten Johann Friedrich B ö t t g e r an den Hof, dem zwar die Goldfindung nicht glückte, der aber über seinen Experimenten zufällig das Hartporzellan erfand, dessen kunstvolle Herstellung unter Mitwirkung Augusts des Starken zu einem blühenden sächsischen Fabrikationszweig ward.
Der deutsche Herkules hat seiner Zeit und seinem Land Anregung auf Anregung gegeben. Er hat das sächsische Heer noch auf eine Höhe gebracht, die Europa Respekt einflöhte. Gr betrieb planvolle Siedlungspolitik, vor allem in Polen, förderte den Handel und die Manufakturen, sicherte Sachsen und Polen an den Grenzen durch Festungen, ließ die Straßen ordnungsgemäß vermessen, gestaltete das Postwesen geradezu modern aus, ließ Armen- und Waisenhäuser bauen, schuf eine neue Zivilprozeßordnung, bildete das Strafprozehwesen aus, finanzierte wissenschaftliche Expeditionen, die ihm unter anderem das hohe Lob L e i b n i z' einbrachten, ward ein Förderer der Wissenschaften, von denen ihn vor allem die Raturwissenschaften von Jugend auf anzogen, reorganisierte in seinen letzten / Regierungsjahren die Verwaltung, schuf für die Armee neue, zum Teil vorbildliche Dienst- und Exerzier-Reglements, wodurch er eine bedeutsame Fortbildung der methodischen Gesechtstaktik, die er in eingehenden, von ihm geleiteten Ma- növern auf ihren praktischen Wert erproben lieh, erreichte — alles in allem - - eine respektable Lebensleistung, die ihm gerechterweise auch bei uns Rachfahren noch einigen Ruhm sichern muh.
Allerdings hat er sich lebenslang weniger als Landesvater denn als albertinischer Wettiner gefühlt, als Haupt der kurfürstlichen Linie seines zu den edelsten Geschlechtern Europas zählenden Hauses, die er enrporgehoben hat zu königlichem Rang, und die der vohn weiter auswärts führen sollte, höher möglichst als alle anderen deutschen Dynastien, zu einer den Bourbonen und den Habsburgern ebenbürtigen Würde. Diesem phantastischen Traum Erfüllung zu schaffen, ist ihm nicht geglückt, obschon ihn ein gütiges Geschick mit Talenten reich ausgestattet hatte ... allzu oft und gern verlor er das Mah der Dinge und urteilte nicht nach Wirklichkeit, sondern nach Phantasien, von denen er sich lustvoll umgaukeln lieh ... Ehrgeiz aber war, neben seiner Vergnügungssucht, die Hauptleidenschaft, die ihn völlig beherrschte: und es gibt schlimmere Eigenschaften als den Raturtrieb, seine Ziele möglichst hoch zu spannen ...
Alles in allem —: eine sittliche Gröhe ist August der Starke so wenig gewesen wie ein glücklicher Politiker; aber er gehört zu den markantesten Persönlichkeiten seiner reizvoll- bunten Zeit ... einer Zeit, deren uns heute noch geläufiges Antlitz mitzuschaffen er berufen gewesen ist, und aus der heraus er auch verstanden sein will — mit seinen Hellen wie mit seinen dunklen Seiten. Was bleibt zu sagen? —: er war ein Mensch mit allen Vorzügen und Schwächen dieser König, Kriegsmann und Herkules, der vor nunmehr zwei Jahrhunderten klaglos und tapfer die Augen zur ewigen Ruhe schloß . ..
Buntes
Oie päpstliche Sternwarte zieht um.
In allernächster Zeit wird das romantische Bild der Vatikanstadt, dieses mauerumgürteten Hügels jenseits des Tibers, wieder eine Aenderung erfahren. Wurde es gestern um moderne Funktürme bereichert, die über die Peterskuppel hinausragen, so verliert es morgen die kleine Kuppel der Sternwarte, die so sonderbar von den Zinnen der heiligen Stadt ins Valle dell’ Inferno, ins Höllental hinunterschaute. Das Observatorium zieht nämlich um, nach Castelgandolfo, dem alten Sommersih der Päpste über dem Albanosee, und wird bei dieser Gelegenheit nach den neuesten Erfahrungen der Wissenschaft umgestaltet. Ist doch Pius XI. nicht nur ein leidenschaftlicher Bergsteiger gewesen, sondern heute noch ein Liebhaber der Astronomie, eine Reigung, die er mit Pius IX. teilt.
Am 11. Rovember 1932 wurde in der Vatikanstadt zwischen dem Heiligen Stuhl und den Zeihwerken in Jena der Vertrag geschlossen, der die Lieferung der besten Einrichtungen für die neue Spccola Vaticana bestimmt. Zwei Kuppeln, Spiegelteleskop mit Astrograph, Blindkomporator und Keilphotometer und Koordinatenmesser — für Laien schwer begreifliche Dinge. Selbstverständlich braucht sich kein Sternengucker mehr den Hals zu verrenken, die Kuppeln haben ihre neuzeitlichen Schwenkbühnen, die sich nach Belieben orehen, wenn man auf den Knopf brüdt. Dis Ende des nächsten Jahres muß alles an Ort und Stelle sein. Und da auch sonst Tag und Rächt an der Verschönerung des uralten Langobarden
Allerlei.
schlvsses in Castelgandolfo - Schloß des Gan- dolphus - gearbeitet wird, sogar mächtige Pinien schafft man unter großen Transportschwierigkeiten hin, glaubt man in Rom, daß sich;der Papst im übernächsten Sommer endlich einmal am Al- banosee Hitzeferien gestatten wird. Heuer wird er wegen des heiligen Jahres nicht dazu kommen. G. W. E.
Lautarchiv der Schauspielkunst.
Eine wichtige Aufgabe hat seit langem das Lautarchiv der Schauspielkunst am Institut für Literatur- und Theaterwissenschaft an der Universität Kiel gefördert. Das Kieler Institut hat schon vor Jahren seinem Theatermuseum ein Archiv eigener Schallplattenausnahmen angegliedert, um so das Wesenszentrum der Theaterkunst, das gesprochene Wort des Schauspielers, für die Zukunft zu erhalten. Die bisherigen Aus. nahmen geben ein lebendiges Dild von der Ent- Wicklung des schauspielerischen Sprechstils seit dem Ausklingen der Meininger Schule bis zur Gegen- wart. Um der wichtigen Aufgabe künftig möglichst umfassend gerecht werden zu können, hat sich das Kieler theaterwissenschaftliche Institut mit der staatlichen Lautabteilung in Berlin zu einer Arbeitsgemeinschaft für das Lautarchiv der Schauspielkunst verbunden. Die Auswahl berücksichtigt ebenso sehr die überragende tünftlmfcbe Persönlichkeitsleistung wie die Besonderheit stilkünstlerischer Auffassung. Die Aufnahmen kommen nicht in den Handel, sondern sind lediglich für wissenschaftliche und museale Zwecke bestimmt.


