28 Fortsetzung Nachdruck oerboten!
Montrey sah, wie Grude aufschnellte und nach der Tür ging. Aber er hatte sich schon als Posten daoorgestellt. „Betrüge sie nicht noch ein zweites Mali-
Wellenberg, der eben die Klinke herabdrückte, mußte Gewalt anwenden um Einlaß zu bekommen. Erschrocken sah er in die erregten Gesichter der beiden. „Du gehst. Dick! —" befahl er.
„Nein! Oder ja! Ich pack ja eh schon zusammen. Aber nicht für eine Relle nach Kalkutta. Ich fahr' nach England. Und die Vena kommt mit mir. Was geht uns die Christa an?"
„Dick!" rief Wellenberg und schüttelte ihn hart an den Schultern.
„Bitte", wehrte sich dieser und streifte die muskulösen Arme ab. „Frag den Felix. Der hat auch g'sagt: Was liegt dran, wann ich zugrund geh! — Also für was fahr ich nach Indien? Für was, möcht ich wissen? Die erste Frag' von der Christa wird sein: Wieh gehfs meinem Felitsche? — Was macht er denn? — Ist er g'sund und froh und schon wieder ein bisserl auf der Höh? — Und ich muß sag'n. Er hat sich wieder dem Morphiumteufel verschrieb n. Da is nix mehr zu rett'n."
Wellenberg blickte warnend zu Montrey hinüber. Aber der setzte jetzt alles auf eine Karte. „Sein Ehrenwort, daß du von heute ab das oer- dämmte Gift sein läßt, ober, so wahr ich Montrey heiß: ich laß dich im Stich! Dich und die Christa! Dann soll's lieber dem Hamstcad feine Frau werd'n. Oder drub'n mit ihm unter die Erd'n kommen, als daß sie das ganze Elend mit dir noch einmal erleb'n muß."
„Ich kann nicht!"
„Dann b'hüt dich also Gott, Felix! Wir hab'n uns weiter nix mehr zu sag'n."
Aber noch ehe er die Klinke herabzudrücken vermochte, hatte er ihn zurückgerissen. „Mein Ehren- wort. Dick!"
Trotz der ungeheuren Erregung, die Montrey durchraste, gab er sich ganz beherrscht und ruhig. „Schau, das heiß' ich wirklich einmal gehandelt wie ein Mann. Und der Christa werd' ich's schon sag'n, was du ihr für ein Opfer bringst. Sie weiß schon zu schätz'n. Heut abend sahr'n wir also dann weg, die Lena und ich. Kümmern brauchst dich um gar nix, Felix. Wann's ein bisserl geht, bringen wir den Hamstcad nach England. Die Lena, die kennt sich schon aus in die Krank'n und weiß, was möglich is und was nicht. Weißt, ich mein halt, in England is auch für die Christa besser. Indien fürcht' ich Selber wie den Teufel. Das Klima vertragt nicht oder."
„Ja, bitte, Dick! Mach es so! Ich bin dir ja so dankbar."
„Sag net alleweil „Dank schön", wehrte dieser ab. „Die Lena und ich bleib'n bei der Christa, fo lang's uns braucht. Wann irgendwas sein sollt, depeschiere ich sofort. Und jetzt legst dich ein bis
serl nieder und machst die Aug'n zu und grübelst über mx mehr nach. Es ist noch immer alles recht ward n.
Ehe Montrey das Zimmer verließ, schickte er noch einen bittenden Blick zu Wellenberg hinüber. Der verstand sofort, daß er Grude jetzt nicht allem lassen durste. BerständnisooU gab er Montrey ein stummes Zeichen der Beruhigung.
Mit einem Aufatmen drückte dieser die Klinke hinter sich herab. Er, der sonst nur so geringe Erfolge im Leden davontrug, hatte heute den größten Sieg zu verzeichnen, dem Freunde das Ehrenwort abgenommen zu haben, daß er dem Morphium entsagte. e
Die Tage, welche bis zum Eintreffen von Dick und Lena in Kalkutta vergingen, waren ein Martyrium für Grude. Immer sah er die Geliebte in Not, voll Verzweiflung, selbst erkrankt, im Kampfe mit'fremden gehässigen Menichen.
Dann kam nach fünf Tagen endlich das versprochene Telegramm, das die erste Nachricht brachte.
Christa wohlauf, stop, Hamstead sehr geschwächt, stop, aber auf dem Wege der Besserung stop, lieber- fieblung nach England unmöglich stop.
„Christa wohlauf." Grude las nur wieder und immer wieder diese beiden Worte. Daß sie ‘o weit weg war, beeinträchtigte seine Freude nicht. Er fühlte nur eine Beruhigung ohnegleichen. Und ein Gefühl der Scham. Er hotte Madlen bereits vergessen. Der Umstand, daß sie die letzten Monate von ihm getrennt gelebt hatte, beschleunigte die Entwöhnung von ihr.
Nur abends, wenn er in das Kinderzimmer trat und jein kleines Mädchen für ein paar Minuten in den Armen hielt, kam ihm das Erinnern, daß es eine Frau gegeben hatte, die Mutter dieses Kindes gewesen war. Die Geheimrätin forschte schweigend in seinen Augen, nickte dann, als wüßte sie um seine Gedanken und billige sie. Zärtlich nahm sie bas Kleine wieder an sich, wenn er es ihr zurückgab.
Der Schwiegersohn tat ihr leib. Nachts hörte sie ihn ruhelos von einem Zimmer ins andere wandern. Wie er sich zuweilen auf bas Bett warf, mieber hochsprang, um bann bie Wanberung von neuem zu beginnen.
Einmal nahm sie sich den Mut, ftanb auf unb ging zu ihm hinüber. In Angst unb Liebe fragte sie ihn, was ihm sei.
Da stöhnte er wie ein Tier. „Dick weiß nicht, was er von mir verlangt hat! Ich kann nicht mehr! — Selbst um ben Preis meines Ehrenwortes nicht!" Dabei hatte er wie ein Irrsinniger an dem großen Spiegel gerüttelt, daß sie erschrocken die Hand dar- nach ausstreckte, aus Angst, er möchte über ihn zusammenbrechen.
Erst eine Stunbe später war er bann ruhiger geworben.
Seither wogte sie kaum mehr einzuschlafen, bis er seine Wanberung nicht beenbet hatte. Erst wenn sie hörte, daß er das Licht löschte, das leise Krachen seiner Matratze verriet, daß er sich hinlegte, drückte sie ben Kopf zurück unb ließ ihn tobmübe in die Kissen fallen.
Wellenberg kam täglich, nach ihm zu sehen. Er als Arzt konnte allein bie Tragweite dieses Ver
zichtes ermeffen. Aber er durfte nichts davon merken lassen. Grude hatte fein Ehrenwort gegeben und würde es halten.
Aber weder er, noch Dick ahnten, wie oft der Freund vor seinem Medikamentenschrank stand. Nur der Gedanke an Christa hielt ihn immer wieder zurück, das Letzte zu versuchen.
Einmal kam Wellenberg gerade in dem Moment, in welchem Grude seinen Browning in die Labe feines Schreibtisches zurücklegte. Blick tauchte in Blick.
„Es ist nicht mehr zu ertragen!" stöhnte Grube.
„Willst bu nicht wieder ein paar Wochen in das Sanatorium von Professor Haider?" fragte Wellen-
„Nie mieber! Seit acht Tagen ist keine Nachricht mehr von Dick unb Lena eingetragen."
„Es wirb Hamsteab besser gehen."
Da Grude eben nach dem Sprechzimmer gerufen wurde, zog Wellenberg die Schublade heraus unb nahm ben Browning an sich. „Besser ist besser!" buchte er.
Am nächsten Abenb traf eine Depesche ein, die nur zwei Worte enthielt:
„Komm. Dick."
Der Aufgabeort bes Telegramms war Port Rush.
Grube zitterte vor Ungewißheit, rief sofort Wellenberg an, besorgte sich einen Vertreter, packte selbst bas Nötigste unb orientierte sich über die fahrplan- mäßige Abfahrt bes Flugzeuges, bas nach Englanb
Wellenberg, ber eine halbe Stunde später kam, schüttelte ben Kopf über biese Hast. „Es hätte wahrscheinlich gar keine solche Eile gehabt", sagte er mahnen b, als er Grude ss erschöpft und abgespannt antraf. „Wenn Dick das gewußt hätte, würde er es sicher unterlassen haben, so zu depeschieren. Man soll niemals etwas übertreiben."
Es erfolgte keine Erwiderung. Grude ersuchte ihn nur, ab und zu nach der Mariahilfer Straße zu sehen, weniger seines Vertreters, als um ber Mutter unb bes Kinbes willen. Wellenberg versprach, täglich herunterzukommen. Er wollte ben Freunb soviel als möglich beruhigen.
Als es Zeit war, brachte er Grude selbst noch zum Flugplatz und ging mit ihm nach dem Doppeldecker, in welchem nur drei Plätze belegt waren. „Sorge dich um nichts", bat er, als die Propeller zu surren begannen. „Ich halte alles in Ordnung. Du kannst ruhig eine Woche bleiben! Hörst bu, Felix!"
Der nickte dankbar unb streckte noch einmal bie Hanb aus ber Tür.
„Unb laß halb etwas von bir hören", bat Wellenberg.
„Sowie ich angekommen bin."
Dann liefen bie Räber über bie glatte Fläche ber Wiese bahin. Der Vogel schraubte sich hoch unb stieß bann fast kerzengerade in den Abendhimmel. Wellenberg starrte ihm nach, bis er nur noch als kleiner Punkt zu sehen war.
In Köln wechselte Grube die Maschine. Erstes Morgengrauen lag über bem Kanal, als man biefen in geringer Höhe überflog.
Er war so tobmübe, baß er trotz des Lärmes, den die Propeller verursachten, einschlief.
Taub an allen Gliedern stieg er in London aus der Maschine. Das Flugzeug noch Ebinburg startete erst am Nachmittag. Er benützte ben großen Omnibus, der die angekommenen Passagiere nach ber City brachte und ließ sich ein Hotel nennen.
Er hatte das Sebürfnis, zwei Stunden ober auch nur eine halbe, wenn es nicht anders ging, gerade ausgestreckt auf einem Bett zu liegen, um feine Rerocn ruhen zu lassen. Der Höllenlärm der Ma- jchine surrte in ihm nach, und fein ganzer Körper wurde fortwährend in Schwingungen versetzt, als habe er eine wochenlange Seereise hinter sich.
Außerdem war es ihm peinlich, so vor Christa zu treten. Er wollte doch wenigstens einen einigermaßen annehmbaren Eindruck machen.
Eine Stunde vor der Abfahrt des Flugzeuges weckte ihn der Boy, hatte schon ein kleines Souper im Nebenzimmer bereit und bie Rechnung daneben gelegt, desgleichen hielt er das Billett für ben Omnibus unb das Flugzeug in Händen. Das Hotel wußte, wie man feine Gäste verwöhnte und sich ein dankbares Erinnern sicherte. Man findet sich doch in alles, dachte Grude, als er eine Stunde später in die Kabine kletterte, diesmal weniger müde, weniger abgespannt, weniger von einem Gefühl ber Erwartung beseelt. An bas Reifen im Flugzeug konnte man sich gewöhnen. Er hatte eine Depeiche an Dick auf- gegeben, bie ihm fein Kommen mit dem Frühfchnell- Zug meldete. Don (Ebinburg nach Port Rush gab es keine Suftoerbinbung.
Die Stunben jagten sich. Da bei seiner Ankunft in Ebinburg ein Schlafwagenplatz nicht mehr zu haben war, begnügte er sich mit einem Abteil zweiter Klasse, bas ihm allein zur Verfügung stand.
Seine Nerven beruhigten sich immer mehr. Selbst wenn Ehrista wirklich erkrankt mar — hatte sie ja Lena und Dick um sich, unb in ein paar Stunben war er selbst bet ihr. Immer tiefer glitt fein Kopf in bie Kissen. Die Lider fielen ihm herab. Das Sönnern des Zuges, ber eben über eine Brücke fuhr, riß ihn noch einmal hoch. Aber bas Sdjlafbcbürfnis war zu groß. Die Räber fangen immer bas gleiche Lieb, bald — balb — balb. Er horchte noch eine kurze Weile, lächelte unb schloß die Augen.
Eine müde Sonne spielte in zitternden Reflexen über fein Gesicht unb ließ ihn erwachen. Sein erster Blick galt der Uhr. Eine halbe Stunde noch. Er begann Toilette zu machen unb seinen Koffer in Ordnung zu bringen. Als er bas Fenster herabließ, schlug ihm Geruch von Meer unb Algen entgegen. Links bes Schienenstrangs plätscherten graue Wellen, bie ein Nordost in tändelndem Spiel vor sich hertrieb.
Jetzt, so nahe am Ziel, überfiel ihn wiederum bie Erregung. Am Fenster stehenb, ließ er ben Wind durch sein Haar gleiten. Manchmal überkam ihn das Gefühl, als wäre er ein Greis! Als trüge er sechzig Jahre auf bem Rücken ober mehr! Er hatte alles durchlebt, was ein Mensch durchleben konnte. Leib! Nichts als Leib! Von jenem unseligen Tage an, da er sich durch fein unbedachtes „Ja" Madien geschenkt hatte. Warum hatte er nicht gewartet — und gehofft— unb Himmel unb Erbe in Bewegung gesetzt, sich Gewißheit zu holen, ob sie lebte ober wirklich tot war.
lSchluß folgt.)
Melzelsippe im HanS der Deut» schen Arbeitsfront am Samotag, dem 2. Dezember 1933.
Ab morgens 9 Uhr: Wellfleisch m. Kraut.
ES ladet ergebenst ein vmod Hch. Bartholomäus — Hch. Bönsel Gießen, Schanzenftr. 18, Televbon 3251
Amtliche Bekanntmachung des Kreisamts Alsfeld.
Das Krcisarnt Alsfeld sieht sich veranlaßt, hierdurch nochmals zur öffentlichen Kenntnis zu bringen, daß grundsätzlich alle Schlachtungen, auch haus- und Jlol- fchlachtungen, bei der zuständigen Schlacht- fteuerhebestclle schriftlich anzumelden sind, unb zwar hat bie Anmeldung vor der Schlachtung, bei einer Notschlachtung vor der Fleischbeschau zu erfolgen. Bei der Anmeldung ist stets eine amtliche Gewichts- bescheimgung mit oorzulegen: nur im Falle der Hausschlachtung unb ber Schlachtung einer Magerkuh bedarf es ber Dor- läge einer Gewichtsbefcheinigung nicht. Im letztgenannten Falle ist dagegen eine Be- scheinigung des Fleischbeschauers, baß das Echlachlticr als Magerkuh anzusehen ist, beizufügen. 7260C
Die Anmeldung ber Schlachtung hat auch bann zu erfolgen, wenn wie z. B. bei ber Hausschlachtung eines Schweines innerhalb eines Kalenderjahres oder bei der Schlachtung von Kälbern mit einem Lebendgewicht bis zu 30 kg einschließlich, Schweinen mit einem Lebendgewicht bis zu 40 kg einschließlich, Schafen mit einem Lebendgewicht bis zu 20 kg einschließlich ufw. Steuerfreiheit besteht.
von der Anmeldung befreit sind lediglich die auf Grund polizeilicher Anordnungen vorgenommenen Tötungen von an Seuche erkrankten oder verdächtigen Tieren.
Zuständige Schlachtsteuerhebestelle ist die Gemeindekafse (Stabttaffe) berienigen Gemeinde, in deren Gemarkung bie Schlach. tung vorgenommen wird. In selbständigen Gemarkungen ist zuständige Schlachtsteuer- hebcstelle bie Kasse derjenigen Gemeinde, welcher die selbständige Gemarkung in po- lizeilicher Hmsicht zugeteilt ist.
Zum Schlüsse weist das Kreisamt noch besonders darauf hin, daß eine Steuerhinterziehung, ohne bafo der Dorsatz ber Steuerhinterziehung feftgeftcUt zu werden braucht, als vorliegend angenommen wird, wenn die vorgeschriebene Anmeldung nicht abgegeben wird. Dieses gilt auch, wenn
1. eine steuerpflichtige Schlachtung — außer der Notschlachtung — Borgern) m men wird, bevor sie angcmclbet unb bie Steuer entrichtet worden ist,
1. eine Anmeldung unrichtige Angaben enthält, bie geeignet sinb, eine Der- kürzung ber Schlachtsteuer herbeizu- führen
8. eine Gewichtsbefcheinigung oorgdegt wirb, bie sich nicht auf bas zur Schlachtung bestimmte Tier bezieht
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