Ausgabe 
31.8.1939
 
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rischen Verwicklungen die Neutralität Li. tauens, entsprechend der zwischen Deutschland und Litauen bestehenden Nichtangriffsver. einbarung, in vollem Umfange ach. t e n. Die litauische Regierung hat diese Erklärung mit lebhafter Genugtuung aufgenom- men.

Rege diplomatische Tätigkeit in London.

London, 30. Aug. (Europapreß.) Minister. Präsident Chamberlain hatte am Mittwoch, vormittag Besprechungen mit Außenminister Lord Halifax, Innenminister Sir Samuel Hoare und Sir Alexander C a b o g a n , dem Unterstaats, sekretär im Foreign Office. Beim Außenminister sprachen vor der französische Botschafter in London, C o r b i n , der rumänische Botschafter T i l e a , der brasilianische Botschafter Oliveira sowie der hol- ländische Gesandte Graf Limburg-Stirum. Die Oberkommissare der Dominions kamen im Dominion-Ministerium ebenfalls zu einer Unterredung zusammen, in der ihnen Dominien« Minister Sir Thomas Jnskip die Antwort des Führers überreichte. Ferner wurde die Antwort des Führers vom britischen Botschafter i n Warschau dem polnischen Außenminister über­mittelt.

Die Sitzung des englischen Kabinetts begann um 11.30 Uhr und dauerte beinahe ändert- halb Stunden. Nach Schluß der Sitzung begab sich Lord Halifax in das Außenministerium zurück. Ein amtliches Kommunique wurde nicht oeröffent- licht. Es ist auch keine weitere Zusammenkunft des Kabinetts beschlossen worden. Am Mitttvochnach. mittag fanden sich zahlreiche Besucher im Außen. Ministerium ein. Unter ihnen befanden sich der japanische und der chinesische B o t s ch a f. ter, sowie der griechische Gesandte. Auch der amerikanische Botschafter in London, Kenne, d y, hatte eine einstündige Unterredung im Außen. Ministerium. Später begab sich Lord Halifax in Begleitung der Unterstaatssekretäre Butler und C a d o g a n nach Downing Street 10 zu Chamberlain. Der französische Botschafter in London, Sorbin, hatte am Mittwochabend eine zweite Unterredung im Außenministerium. Kurz bevor der Ministerpräsident von feiner Audienz bei König Georg zurückkehrte, die fast eine dreiviertel Stunde dauerte, fand sich der Füh> rer der Liberalen, Sir Archibald Sinclair, dock ein. Der amerikanische Botschafter in London, btt bereits in den frühen Nachmittagsstunden eine Unterredung im Außenministerium hatte, sprach am späten Nachmittag in der Downing Street noch­mals vor. In der Nacht zum Donnerstag hatte Ministerpräsident Chamberlain eine neue Audienz beim englischen König im Buckingham-Palast.

Eine interessante Stimme aus Kanada.

England und Frankreich planen einen offensivenJnterventionskrieg

Montreal, 31. Aug. (DNB.-Funksvruch.) Die französischkanadische TageszeitungL Illustration Nouvelle" stellt fest, daß England und Frankreich weder von nahe noch von fern bedroht würden. Deutschland mische sich nirgends in eng lische oder französische Angelegenheiten, (England und Frankreich mischten sich jedoch in den deutsch-polnischen Streit über Gebiete und Bevölkerungen, die, n i ch t polnisch seien. Wenn es einen europäischen Krieg gäbe, dann nicht, weil Deutschland Frankreich ober England angreift, fonbern weil Frankreich und Englanb durch ihre Einmischung in den Streit Deutschland an» greifen würden. Wenn Frankreich und England in ihrer Propaganda immer wieder behaupten: Unsere Verteidigung ist bereit, wir sind be­reit, jeden Angriff zurückzuweisen", so sei das eine kolossale Lüge. Es handle sich nicht um einen Ver­teidigungskrieg sondern um einen offensiven Interventionskrieg, den sie aus freiem

Zerschnittene Lebensader.

Durch das Versailler Schanddiktat wurden Ost­preußen und Danzig vom Reiche getrennt. Danzig wurde einFreistaat" mit polnischen Sonderrech­ten. Zwischen Danzig und Ostpreußen einerseits und dem Reich anderseits wurde der polnische Korridor eingeschoben, über dessen Fehlkonstruktion selbst bei den französischen Militärs und Politikern und eng­lischen Staatsmännern nur eine Meinung war. Verkehrspolitisch wurde durch diesen Korridor Ost­preußen vom Mutterlande abgeschnitten, und erst nach längeren Bemühungen kam in Paris ein Ab­kommen zwischen Deutschland und Polen zustande, das den Durchgangsverkehr durch diesen Korridor einigermaßen regelte. Trotzdem aber haben sich die Polen nicht an dieses Abkommen gehalten. Sie haben den Verkehr künstlich erschwert, die Durch­gangszüge wurden unter Ausnahmerecht gestellt; so mußten die Waggons geschlossen bleiben, Aus­steigen wurde verboten, und immer wieder sind burd) polnische Soldaten, Zollbeamte ober Eisen­bahner, die diese Züge begleiteten, deutsche Staats­angehörige verhaftet und in polnische Gefängnisse geschleppt worden. Der Rückgang des einst sehr starken Durchgangsverkehrs zwischen Ostpreußen und dem übrigen Deutschland betrug z. B. im Jahre 1933 rund 70 v. H. v _

Dabei hatte die Reichsbahn sich weder Geld noch Mühe verdrießen lassen, um die dringend notwen­dige Verbindung Ostpreußens mit dem Reiche auf­recht zu erhalten. Infolge der Schaffung des Kor­ridors hatte Ostpreußen eine Wegeverlange- r u n g nach feinen westdeutschen Absatzgebieten u m 300 bis 400 Kilometer zu verzeichnen. Das war eine Frachtverteuerung, die durch Ausnahme­tarife der Reichsbahn nicht gemildert werden konnte und sich jährlich noch immer auf etwa 25 Millionen RM. beläuft. Die Oftpreußenhilfe wendet jährlich rund zehn Millionen RM. zur Erleichterung der Frachtlage Ostpreußens auf.

Dazu tarnen aber die sonstigen hohen Aufwen­dungen der Reichsbahn, die den Bau von Grenzbahnhöfen finanzierte, zahlreiches Per­sonal neu einftellen mußte und sogar die die Durch­gangszüge begleitenden polnischen Zoll- und Paß- organe bezahlen muß! Ferner mußte ein ständiger Kampf gegen die rein bürokratischen Schwierigkeiten ausgefochten werden, die die Polen dem Verkehr in den Weg legten. Obgleich die Polen von jeder Frachtkarte einen Durchschlaa erhalten, mußten für die den polnischen Eisenbahnen zu übergebenden Ladungen auf den Grenzbahnhöfen nicht weniger als 11 Zug- und 7 Ladelisten ausgefüllt werden. Weiter mußten zweisprachige Ge­päckscheine vorhanden jein, besondere Fahrkarten mußten für diesen Durchgangsver­kehr gedruckt werden, besondere Tarife wur­den errichtet usw. usw.

Dabei war Danzig von diesem privilegierten Korridorverkehr ausdrücklich ausgenommen. Der Reisende, der ohne polnische Paß- und Zollkon­trolle nach der deutschen Stadt Danzig wollte, mußte über Danzig und Dirschau hinaus zunächst nach Ma­rienburg in Westpreußen fahren, um dann von Ma­rienwerder aus im Postauto ober in zwei aeftatteten Personenzügen sein Reiseziel, die alte deutsche Stadt Danzig, zu erreichen. Militärgüter, die durch den Korridor gebracht werden sollten, mußten vier­zehn Tage vorher angemelbet werden, zwei Militärtransporte durften sich nicht gleich­zeitig im Korridor aufhallen und den Korridor überhaupt nur am lichten Tage durchfahren.

Noch größer waren die Schwierigkeiten für den sonstigen Durchgangsverkehr, für Reisende mit Kraftwagen oder Motorrädern. Diese mußten die wenigen Durchgangsstraßen benutzen, wurden sehr häufig aus Willkür festgehalten und mit Geld- und Gefängnisstrafen belegt ober überhaupt nicht burchgelassen. Das gleiche für bie Binnen­schiffahrt. Hinzu aber kam, baß die deutschen Gütertransporte straflos beraubt wurden. Noch in der Nacht vom 21. bis zum 22. Juni 1939 wurde bei Dirschau ein deutscher Transitgüterzug von polnischen Banditen regelrecht ausgeplündert. Die Unter­suchung der polnischen Behörden ist natürlich erfolg­los geblieben, und ebenso erfolglos waren die pol­nischen Nachforschungen wegen der Beraubung zahl­reicher für Ostpreußen bestimmter deutscher Kohlen-

polnische Zollbeamte als Spione.

Eine polnische Spionagefiation mit Blinkgerät auf Danziger Boden.

Danzig, 31, August. (DBB.) Nachdem vor einigen lagen bie polnischen Zollinspektoren fterajniaf und kuspit, die in pieket, dem südlichsten Dorf des Danziger Freistaates, stationiert waren, wegen Spionage fc ft genommen worden waren, haben nunmehr die beiden übrig gebliebenen polnischen Zollinspektoren Kaminski und Pfennig, die gleichfalls in pieket ftaho- niert waren, die Flucht ergriffen und sich auf polnisches Gebiet begeben.

Die Untersuchung der Wohnung der polnischen Zollinspektoren in der polnischen Schute in pieket durch die Danziger Geheime Staatspolizei för­derte eine große Anzahl von Waffen zu Tage. Insgesamt wurden 22 piffolen zum größten Teil Armeepistoten vorgefunden und beschlagnahmt, ferner 1270 Schuß Munition. Außer- dem fand man neun Vlechschachteln in der Größe 10X5 Zentimeter, die hochwertigen Spreng­stoff enthielten, sowie mehrere Btinkappa­rate. Die Untersuchung ergab, daß im Dachboden der polnischen Schute in pieket eine Blink­st a l i o n eingerichtet gewesen ist und daß man sich mehrere Monate lang mit polnischen Soldaten jen­seits der Grenze hinter der Weichsel verständigt hatte. Wie weiter aus dem Fabriksiempel hervor­geht, sind die Waffen von der bekannten War- schauer Waffenfabrik Radon hergestellt und gelie­fert worden.

Wie die beiden von der Danziger Geheimen Staatspolizei festgenommenen polnischen Zollinspek- toren zu Protokoll gegeben haben, haben sie ge­

meinschaftlich mit den beiden flüchtig gewordenen Zollinspektoren im Freistaatgebiet, statt Zollob­liegenheiten nachzugehen, Spionage zugun­sten des polnischen Staates getrieben.

Wieder neue Verhaftungen.

Unter nichtigen Borwänden aufs schwerste mißhandelt.

Schnei bemüht, 30. Aug. (DNB.) Unter dem grotesken Vorwande einer deutschen Terror, und Spionageorganisation in Lodz, Kattowitz und Warschau auf bie Spur gekommen zu sein, unter­nahmen Mittwoch polnische Polizeioraane Haus­suchungen in biesen Stäbten und verhafteten Hunderte von Volksdeutschen. Auch diesesmal nahm die polnische Polizei die Haussuchungsbefehle zum Anlaß, um nicht nur willkürlich Verhaftungen durch- zuführen, sondern auch die unglücklichen Betroffenen in ihren Wohnungen in unmenschlicher Weife zu mißhandeln. Davon zeugten die gellenden Hilferufe und Schmerzensfchreie, bie weit­hin auf ber Straße unb in ben anliegenben Häu­sern hörbar waren.

Von dem Ausmaß dieser Mißhandlungen maa bie Tatsache Zeugnis ablegen, daß polnische (!) Nachbarn unb Passanten herbeieilten, unb die Polizei aufforberten, die Gefangenen doch in Ruhe zu lassen, da die Schreie nicht mehr zu ertragen seien. Sie wurden jedoch von der Polizei brutal aufgefordert, sich zu entfernen und sich um ihre eigenen Sachen zu kümmern, nicht um bas Schicksal vondeutschen Schweinen", lieber den Verbleib ber Verhafteten, bie kurz darauf wie Verbrecher ab geführt wurden, konnten die zurückgebliebenen Angehörigen nichts in Erfahrung bringen. Die Wohnungen der Verhafteten wurden von den polnischen Schergen bis aufs -Letzte aus« geplündert.

züqe ober des Diebstahls von Automobilzubehor, für das bie polnischen Spitzbuben anscheinend eine be­sondere Vorliebe hegen. Alle diese Zustande sind durch den polnischen Chauvinismus hervorgerufen oder sogar noch im Laufe ber Jahre verschlimmert worden. Die Fehlkonstruktton dieses wahnwitzigen Gebildes Korridor hat sich also auch verkehrspolitlsch deutlich gezeigt.

Reue Llnierbrechuugen des Bahnverkehrs.

Polen verletzt den Staatsvertrag über den privilegierten Korridorverkehr.

Berlin, 30. Aug. (DNB.) Der planmäßig um 10.22 Uhr ab Marienburg verkehrende privile­gierte V-Zug 24 Marienburg D an - zig Groß-Boschpol Stolp Stettin Berlin, Stettiner Bahnhof, ist heute von ben polnischen Staatsbahnen nicht übernommen worden. Die Polen haben weder Lokomotive noch Zugbegleitpersonal gestellt. Der Zugverkehr gehört zu dem durch den deutsch-pol­nischen Staatsvertrag vom 21. April 1921 (Pariser Staatsvertrag) privilegierten Zugver­bindungen zwischen Ostpreußen und dem übrigen Deutschen Reich. Das Ver­halten Polens ist somit sowohl eine Verletzung dieses Staatsvertrages als auch ber aus ben deutsch-polnischen Fahrplankonferenzen in Aus­führung dieses Staatsvertrages getroffenen Verein­barungen.

Wie bie ,Hberschlesische Dolksstimme" meldet, haben die Polen nach ihrem heimlichen Abzug aus ihrer Grenzabfertigungsstelle im Beuthener Hauptbahnhof nun ebenso rechtswidrig ihren bisher einigermaßen normal durchgeführten E i s e n- bahnverkehr von und nach Beuthen in C h o r z o w e t n g e ft e 111 Mit rücksichtsloser Ge­walt drängten polnische Eisenbahn- und Polizei-

beamte z.B. am Mittwochvormittag aus dem sonst in Beuthen um 12.50 Uhr eintreffenden inter­nationalen Fernv-Zug alle Fahrgäste, ganz gleich welcher Nationalität, aus den Wagen, die bestimmungsgemäß bis Berlin u n d O st - ende als Kurswagen weitergehen sollten. Besonders unverschämt benahmen sie sich gegen­über zahlreichen reichsdeutschen Flücht­lingen aus Bielitz-Biala, Kattowitz und Kömgs- hütte. Sie jagten diese Bedauernswerten und ver­ängstigten Menschen über bie nahegelegene Kohlen­halde auf die Straße Königshutte Beuthen und erlaubten noch nicht einmal, daß die mit Koffern schwer bepackten reichsdeutschen Flüchtlinge bie Straßenbahn bis in unmittel­bare Grenznahe benutzten.

Aussichtslos erKampf gegen den Preiswucher in Polen.

Warschau, 31. Aug. (DNB.-Funkspruch.) Be­zeichnend für die Katasttophen-stimmung ber politi­schen Bevölkerung angesichts ber auf die Spitze ge­triebenen KriegsvorberMungen find bie fprung- haftenErhöhungenberLebensmittel- preise. Die Regierung ist machtlos. Die Höchstpreislisten, bie bie Regierung in allen Läden auShängen ließ, sind weiter nichts als ein Stück Papier, das der jüdische Preiswucher längst außer Kraft gesetzt hat. Verzweifelt versucht man in ein­zelnen Städten Maßnahmen gegen bie zum Chaos treibenden Zustände in die Wege zu leiten. In Krakau und anderen Städten wurden beson­dere Büros zum Kampf gegen ben Preiswucher eingerichtet. In Lemberg hat sich sogar eine Bur- germiliz gegen die Preistreiber gebildet.

Deutschland

achtet die Neutralität Litauens.

Berlin, 30. Aug. (DNB.) Der deutsche Ge­sandte in Kaunas hat der litauischen Regierung bie Erklärung abgegeben, Deutschlanb werbe bei kriege-

Llmkämpste Erde.

Von Heryberi Menzel.

Unsere Landschaft bie Landschaft ber Grenzmark P o s e nW e st p r e u ß e n ist scheu. In der Geschichte lebt sie so dunkel fast wie in der Sage. Die Chronisten beginnen erst. Und nun in jüngster Zeit erst häufig läßt sie uns Funde tun, in Urnen und Gräbern ber Vorfahren, die uns wie Grüße find von ben Goten und anderen Germanen­stämmen, die vor Jahrtausenden hier lebten. An einer ber Netzebrücken steht ein steinerner Ordens­ritter auf Wacht. Unb auch das Standbild Fried­richs des Großen ist mehr denn Stein. Wir aber, hart an ber Grenze, haben es nah zu ben Gräbern derer, die unserer Heimat sich opferten, nach dem Weltkrieg noch, als hier der Grenzkampf entbrannte, der uns so vieles dann nahm.

Von der Zeit sind wir noch heut überschattet. Und ein jeder verspürt es wohl, ber zu uns kommt. Dies ist die Landschaft ber Mütter, bie ihre gefallenen Söhne in Nächten rufen hörten und während des Kampfes noch suchen gingen unb zurücktrugen in die Stadt.

Es klingt vieles wie Sage schon wieder. So auch bleibt alles in dieser Landschaft verschlossen.

Man muß hier ausgewachsen fein, um bas ganz zu verstehn. Man muß hier viel allein gewesen sein mit ben Seen unb Wäldern. Unb man weiß bann alles, was einem keiner mehr sagen kann.

Aus dem Kosakenberg trommelt es dumpf, wenn uns Gefahr droht, und bie Schimmel ohne Köpfe umjagen das gefährdete Land.

Es liegt weit unter dem östlichen Himmel, Dörfer und Städte sind bald aufzuzählen, nicht so nachbar­lich wie anderswo rücken die Gehöfte zusammen; in den Hauländereien muß man schon oft weit aus­spähen, um den Nachbarn zu finden. Bisweilen ent­deckt man ihn nur so wie man ben Reiher auf­stört. Langsam gehen bie Menschen durch ihren Tag, aber sie wissen von draußen und drüben, jenseits der Grenze. Sie sind zumeist Bauern und Ackerbürger. Sie tragen ihr Grenzerschicksal. Ihre Heimat ist mehr für sie als nur Erde, bie bebaut fein will, unb fehen sie Wolken unb Sturm aufsteigen und näher grollen, so ist das Erinnern in ihnen daran, wie oft sie hier standen und ein ander Wetter düster heranzog für eine ganze Welt. Sie tun ihre Pflicht, aber sie fühlen sich zu mehr verpflichtet, sie erfüllen ihr Leben, aber es gehen mit ihnen die Vor­dem, und es verlangen alles von ihnen, bie nach ihnen kommen.

Sie find arm, die hier wohnen, aber sie sind nicht bedürftig. Sie sind wach, aber sie sind auch von einer offenen Herzlichkeit. Gern sehen sie Gäste und dann sind sie schon fröhlich mit ihnen und humorig. Sie erfuhren von dem Farbenspiel des Himmels und den vorüberziehenden Wolkengebil­den Tieferes und Gültigeres als bie in ben gro­ßen Städten von allem bunten Getriebe. Meist wis­sen sie auch vom eigentlichen Leben mehr, denn sie sahen länger und klarer in alte und junge Her­zen. Einer, ber Weiden schneidet und bindet und Körbe flicht, hat auch mehr Zeit, alles recht zu be­sinnen.

Die Landschaft ist nirgends trostlos, wie man viel­leicht denkt, auf ben weiten Feldern stehen noch im­mer Büsche unb Bäume mit sehr eigenen Gesichtern, und am Horizont dunkelt immer ber Wald, bie Landstraßen sind noch selten erst Chausseen; wenn in den Sandwegen bie Kraftwagen steckenbleiben, so offenbart sich in bem lächelnden Gesicht des Bauern, ber dazu kommt, die ganze Verschmitztheit der Landschaft, bie sich noch immer nicht ganz er­obern ließ; sie muß auch erst eigentlich noch ent­deckt werden in ihrer Schönheit und Fruchtbarkeit.

Dies Land erlebt der Jäger wohl am besten, der die Rebhühner und Fasanen aufspürt, ben das Rot­wild lockt und die Ente. Der muß nun durch endlose Weidenkulturen, über Brüche hinweg mit den Bir­ken und hohen Wacholdern, um Moore- dann; bie Heide trifft er hier und dichte Wälder, weite Me­sen wieder und Fließe und Gräben und umschilften Fluß, auf lange schmale Halbinseln verirrt er sich, und dann tun sich weit die Seen vor ihm auf, er fährt mit dem Kahn durch das Schilf, unb am Abend im Dorfkrug, wenn er die Sagen und Spuk­geschichten hört und auch bei politischen Gesprächen mittut, die bei ber nahen Grenz und dem Zöllner am Tisch nun doch ein wenig bemerkenswerter sind, dann fühlt er sich auf einmal selbst wie hier zuge­hörig, und bann ahnt er auch, warum es die Grenzmärker so wenig hinauslockt: sie haben hier alles, bie Frauen, die Männer, was ein Leben er­füllt und was es zur Sage macht.

Wir lieben unsere Heimat und geben sie nicht leicht preis, um eines besseren Lebens ober Ver­dienstes willen. Es zieht auch noch jeden zurück. Denn wir find alle noch Bauern, denn mir sind alle noch Ascher, und wir sind alle noch Jäger. Unb könnten mir bas alles auch noch moanbers sein, eins bleibt uns hier vorbehalten: auf Grenzmacht stehen unb Kolonisator sein!

Wir lieben bie Fahrt mit Pferben, zu Wagen unb Schlitten, wir lieben das Schilfgrün im Frühling

ebenso wie die Nebelmorgen und die weite Bräune der abgeernteten Felder mit ben Kartoffel- und Rübenmiten und den hohen Getreideschobern. Wenn mit ihren Wagen bie Dauern zu Markte fahren in unsere kleine Stadt, an jedem Freitag, dann wissen mir alle: dies gehört uns wie ihnen, unb obmohl ich fein Bauer bin unb keiner der Gutsbesitzer, ich bange um die Ernte so wie sie, unb wenn da der eine auf dem Platz in den Kasten greift und an ben Hinterbeinen eins ber quietschenden Ferkel stolz in bie Höhe zieht, ich freue mich mit ihm über all das rosane Leden aus seinen Ställen wie über die Karp­fen und Schleie und Aale unb Hechte im Zober des Fischerwagens: dies alles ist Grenzmark, dies alles ernährt uns wie bie mit Körben- und Weidensesseln hochbepackten Leiterwagen, bie zu gleicher Zeit und täglich aus der Stadt hinausfahren in alle Welt.

Dies ist unser Brot, dem gilt unsere Arbeit. Wald und See und Bruch und Schilf unb schwebender Reiher, o Heimat in vielfältiger Schöne, dich heben wir. Im Blick des Bauern, im Blick des Fischers, im Blick des Ackerbürgers noch und des Beamten steht dein Schicksal als dos eigene große. Wieviel noch mehr davon zu sagen märe, du gebietest zu schweigen. Wer von dir mehr aussagen mill, per tue es rote du, in der Sage allein; die Wälder rauschen, bie Seen lächeln besonnt, und ber Reiher entschwebt und fährt nieder anderswo im Schilf.

Feinschmecker unter den Tieren.

Auch Tiere der gleichen Art können große Der- schiedenheiten des Charakters unb des Tempera­mentes auf weifen. Das weiß jeder, ber sich einmal gründlich mit ihnen beschäftigt hat. Innerhalb der­selben Rasse scheiden sie sich in Ruhige unb Tempe­ramentvolle, unb nirgends kommen natürlich die charakterlichen Eigenschaften unb Unterschiede deut­licher zum Ausdruck als beim Fressen. Nun hat man, wie bie Frankfurter WochenschriftDie Um­schau" mitteilt, Versuche mit verschiedenen Futter- (orten gemacht, bie bei ben Tieren verschieben be­liebt sind, unb an ihrem Verhalten diesem Futter gegenüber kann man ihre Charaktereigenschaften unb Fähigkeiten studieren. Die gefräßigen Makaken zum Beispiel fressen meistens bie Futtersorte, von der am meisten vorhanden ist, auch wenn sie sie an sich weniger gern haben als eine andere. Aehnlich verhalten sich im allgemeinen die Meerkatzen. Da­gegen zeigen bie Kapuzineräffchen sich als Fein­schmecker, indem sie das wählen, was sie gern fres­sen, auch wenn es wenig ist. Erschwert man den

Tieren bas Erreichen des bevorzugten Futters, so wählen Makaken unb Meerkatzen meistens das leichter Erreichbare. Doch auch bei solchen einfachen Handlungen zeigen sich schon die erwähnten charak­terlichen Eigentümlichkeiten, sogar bei den ge­fräßigen Makaken.

Daß viele Tiere, vor allem Affen, aber auch Mäuse, Ziegen, Hunde, Bären und andere, zu einer gewissen Gedächtnisleistung befähiat sind, ist be­kannt. Sie suchen das vor ihren Augen unsichtbar verdeckte bevorzugte Futter unb verschmähen dem­gegenüber bas schlechtere, sichtbare Futter. Selbst wenn beide Futterarten verdeckt sind unb sie durch Zufall zuerst an das schlechtere Futter kommen, suchen sie nach dem besseren. Ein Schimpanse mi.ro sogar wütend, wenn man ihm eine zugedeckt lie­gende Banane, von ber er weiß, daß sie dahinge- legt wurde, heimlich gegen ein Blatt Salat ver­tauscht. Im Gegensatz zu den eingangs erwähnten Säugetieren, bie, wenn ihr Suchen keinen Erfolg hat, sich relativ gleichgültig ablenken lassen, haben die höheren 21 ff en die Fähigkeit, sich auch längere Zeit nachher an bestimmte Dinge zu erinnern.

Erlebnis im Schweinestall.

In einer farbig illustrierten PlaudereiW* Kopftuch, blauer Kittel", den bas SeptembeM von VelHagen & Klasings M o n als* heften veröffentlicht, schildert Margret ®eD* Hardt den weiblichen Arbeitsdienst in einem Ostseelager. Es ist für die Mädel nicht immer VW» an die Arbeit heranzukommen. Bezeichnend ist, wa eine Arbeitsmaid erzählt:Mein Bauer hatte nu^ bestimmt nur ungern unb ber Not gehorchend ge nommen, benn feine Frau liegt seit einer Woche im Krankenhaus, unb bie Arbeit wächst ihm über o Kopf. Als ich ankam, war er gerade dabei, oas Schweinefutter zurechtzumachen. Als ich 9el wollte, wehrte er unwillig ab. ,Zu so etwas taug doch die Stadtbinger nicht/ Dabei quiekten o« Ferkel schon ganz jämmerlich im Stall. Da ya ich, ohne nochmals zu fragen, mit beiden S)aiwe in den Kübel gegriffen, alles durcheinanbergemeng unb ben Schweinen in bie Tröge gegoffen. Lei hatte ich dabei keine Zeit, bas Gesicht des Bauern zu betrachten, aber gemerkt habe ich doch, oa» fein Vorurteil überwunden hatte, unb schon a Abenb waren wir gute Frsunbe. Sein »Dank auu, schön' am Abenb hat mich mehr gefreut als großen Lobreden je könnten."