Ausgabe 
31.5.1939
 
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Nr. 124 Drittes Blatt

Mittwoch,ZI.MaiMY

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)

Aus der Stadi Gießen.

Röntgenstrahlen Trauring Blutwurst.

Die Wahrheit des Spruches:Kleine Ursachen, große Wirkungen" trifft wohl in den meisten Fäl­len zu. Es kann aber auch einmal umgekehrt kom­men, es können große Ursachen auch einmal kleine Wirkungen auslöscn. Der berühmte Physiker Röntgen, der 1879, also vor 60 Jahren, an un­serer Gießener Universität lehrte, entdeckte 1895 die nach ihm benannten Röntgenstrahlen. Diese unsicht­baren Strahlen durchdringen bekanntlich viele für gewöhnliches Licht undurchdringlichen Körper. Heute kennt jedes Kind diese Strahlen, und es gibt bald kaum noch einen Menschen, der nicht schon einmal geröntgt worden märe. Als um die Jahrhundert­wende die breitere Oefscntlichkeit von dieser Ent­deckung Kenntnis erhielt, hatten nur Wenige eine Ahnung von der Bedeutung dieser Strahlen für die Wissenschaft und für die Gesundheit der Menschen. Voll Staunen vernahm man, daß man den mensch­lichen Körper durchleuchten und seinen Knochenbau auf der fluoreszierenden Scheibe erkennen könne, daß sich die Ringe an der Hand deutlich von der Knochen Hand abhoben, ja daß man sogar seine Geldtasche durchleuchten könne, um festzustellen, ob noch Hartgeld darin sei. Durchleuchtete man Männ­lein und Weiblein in der Kleidung, dann konnte man ohne Ansehen des Geschlechts manchendunk­len Punkt" feststellen da sich alle Metalltcile, wie Uhren, Ringe, Halsketten und Metallknöpfe als solche dunklen Punkte auf der Scheibe abzeichneten.

Als der im Jahre 1936 verstorbene Geheimrat Professor Dr. König, ein Nachfolger Röntgens auf dem Lehrstuhl der Physik unserer Universität, um die Jahrhundertwende noch Leiter des Physi­kalischen Vereins in Frankfurt a. M. war, erschien eines Tages ein biederer, Frankfurter Metzger- meister und erklärte ihm:Ich hab in de Zcitunge von dene Strahle gelese, die bord) alles dorchdringe, nor net durck) Metall. Denke Se nor, da is mer beim Worschtmack)e mei' Trauring in die Worscht- inc.ff gefalle, un ich kann en net mehr sinne. Was dhet mei Fraa sage, wann ich kaan Trauring mer hct! Kenne Se mer da net aus der Verlegenheit helfe?"Dem Manne kann geholfen werden", dachte König.Wo haben Sie denn Ihre Würste?"Ei drauße uff dem Wage." In wenigen Minuten waren 50 Pfund duftende Blutwürste im Labo­ratorium ausgebaut, in dem sich der würzige Geruch der Würste und der Säure- und Aethergeruck) des Laboratoriums zu einem eigenartigen Gemisch ver­einigten. Und nun ging es an die Arbeit. Wurst für Wurst wurde durchleuchtet, als plötzlich der Metzger- meister freudestrahlend feinen Trauring, wohl ein­gebettet zwischen den Fettwürscln einer Wurst, auf dem Röntgenschirm entdeckte.Ei da is er ja, Herr Doktor, Gott sei Dank, daß ich den widdcr hab." Ein Schnitt mit dem Messer und der Ring konnte dem beglückten Metzgermeister von Professor König wieder an den Finger gesteckt werden.

Es ist nicht auszudcnken, was geschehen wäre, wenn damals die Röntaenstrahlen nock) nicht ent­deckt gewesen wären. Gewiß, der Metzgermeister hätte alle Würste wieder entleeren und die Wurst­masse nochmals durchwühlen können, das hätte aber für ihn großen Zeit- und auck) Geldverlust bedeutet. Hätte er alle Würste, also auch die mit dem golde­nen Inhalt verkauft, dann gab cs drei Möglich­keiten. Entweder bekani er von dem Käufer,' der den Ring rechtzeitig fand, ihn zurück: das wäre der einfachste Fall gewesen. Oder aber der Käufer be­hielt den Ring und verkaufte ihn. Dann war der Trauring für den Metzger verloren, und was hätte die Frau gesagt? Ober aber der Käufer verschluckte den Ring. Im letzteren Falle gab es wieder drei Möglichkeiten. Entweder merkte derjenige, der den Ring mit der Wurst verzehrte, gar nichts davon, dann war der Ring für immer verloren, oder er sand ihn einige Stunden nach dem Genuß das wäre aber ein Zufall ohne gleichen gewesen, oder er starb an einer durck) den Ring verursachten

Gießener Gtaditheater.

Gastspiel der Tegernseer Bauernbühne.

Zum heiteren Abgesang und Ausklang der Win­terspielzeit gab die Tegernseer Bauernbühne von Ander! Schultes aus Egern ein Gastspiel. Wir kennen die Tegerirscer von früheren Besuchen; sie brachten vor Jahren ThomasMagdalena" und MohrsKalteisergeift". Diesmal reisen sie mit leich­terer Ware und geben ein ländliches^ Lustspiel von Anton Mali) und Toni Gerlin in drei Akten unter dem verheißungsvollen TitelDas blau- seidene Strumpfband".

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Der Ort der Handlung ist Oberbayern, wie es sich versteht, und die Geschichte spielt im Sommer 1937; daß diese Zeitangabe nicht von ungefähr ist, merkt man an allerlei aktuellen Zutaten; es ist zum Beispiel von KdF. die Rede, vonKamps dem Verderb", von Landhilfe und Arbeitsdienst. Durch den Arbeitsdienst hat nämlich die Rost aus der Stadt das Landleben im allgemeinen und die Fa­milie Schirmadinger im besonderen kennen und schätzen gelernt, und als sie wiederkommt, kommt sie nicht bloß zu Besuch, sondern für immer: sie kriegt den Franzl und wird Bäuerin auf dem Hof, sie paßt aufs Land und hat Freude an der Bauern­arbeit und versteht was davon.

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Das geht natürlich nicht so geschwind, sonst wäre das ganze kein ländliches Lustspiel, sondern es sind allerlei Widerwärtigkeiten und Mißverständnisse aus dem Wege zu räumen, bis es soweit und alles in Ordnung ist. Erstens ist grab, als bie Rost kommt, die beste Kuh eingegangen, zweitens hat die Bäue­rin etwas gegen die Rost, der sie nicht traut, und die sie für eine städtischeFlitschn" hält, und drittens passiert die ärgerliche Geschickte mit den blauseide­nen Strumpfbändern, die an verschiedenen un­passenden Orten gefunden und der Rost zugeschoben werden. Sie gerät dadurch in einen abscheulichen Verdacht, und es dauert seine Zeit, dis die Irr­tümer aufgeklärt sind und der häusliche Frieden auf dem Hofe wieder hergestellt ist: zuletzt hat die Rosl den Franzl, die Dirn Marei den Knecht Wastl, und Bauer und Bäuerin haben ebenfalls ihren ge­fährlichen Ehestreit begraben.

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Anderl Schultes hat die Spielleitung. Die drei Akte entfalten sich im oberbayerischen Dialekt breit und behäbig, mit volksstückmäßigen Späßen und kräftig sitzenden Pointen, die zum Teil auch ohne

SA.-Slairdar1en-Sporttag 1939 in Gießen.

SSO aktive Wettkämpfer am Start. Wettbewerbe im Zeichen des Wehrsports.

Der kommende Samstag und der Sonntag brin­gen als bedeutendstes sportliches Ereignis in Gießen und weitem Umkreis den S t a n d o'r t e n s p o r t - tag der SA.-Standarte 116. Der Spolt- taq wird viele der Kameraden aus dem Kreise der . im edlen Wettstreit vereinigen, die im Laufe des Jahres in unermüdlicher Hebung an fick; gear­beitet haben, um sich spannkräftig und damit wehr­fähig zu erhalten, die immer wieder nach der Ar­beit des Tages sich auf dem Sportplatz, auf dem Schießstand usw. einfandcn und nach immer besse­ren Leistungen strebten. Dann kamen die Sturm­ausscheidungen, in denen die besten Kameraden er­mittelt wurden, die nun die Ehre haben, ihren Sturin bei dem Standarten-Sporttag in Gießen zu vertreten. Es verdient hier besonders betont zu wer­den, daß es gerade für bie SA.-Kameraden auf dem Lande kein leichtes ist, sich immer wieder für diese sportlichen Hebungen frei zu machen, denn der Arbeitstag an sich fordert schon den ganzen Monn heraus. Um so höher ist deshalb der idealistische Einsatz einzuschätzen, der in dieser steten Beteiligung an den sportlichen Hebungen zum Ausdruck kommt, ein Einsatz, der von jeher die SA. charakterisierte. Ebenso erfreulich ist es, daß für den Standarten- Sporttag die Kameraden in so überaus stattlicher Zahl mnd durchweg auf der Grundlage der Frei­willigkeit ihre Teilnehmermeldung abgaben. So werden am kommenden Sonntag rund 5 5 0 a k - tive Wettkampfteilnehmer an treten und um die Siege ringen, die in den verschiedenen Disziplinen zu erkämpfen sind.

Die Zeitfolge für diese große sportliche Veranstal­tung bringt eine Fülle der interessantesten Wettbe­werbe. Im Mittelpunkt stehen die Wehrmannschafts­kämpfe, die wehrsportlichen Mehrkämpfe und die wehrsportlichen Einzelkämpfe. In den Wehrmann- schaftskämpfen werden die verschiedenen Stürme mit starken Aufgeboten antreten. Manche Stürme wer­den bis zu 40 Mann stellen und damit erkennen lassen, mit welchem Ernste die wehrsportliche Er­

ziehungsarbeit betrieben worden ist. Gleichzeitig sollen die wehrsporllichen Leistungen der Mannschaf­ten bei diesem Standarten-Sporttag vor einer grö­ßeren Öffentlichkeit den Beweis dafür erbringen, daß bie SA. für die vor- und nachmilitärische Aus­bildung, die ihr durch den Führer übertragen wor­den ist, bestens gerüstet ist.

Reben den wehrsportlichen Wettkämpfen werden auch in verschiedenen Disziplinen der Leichtathletik Wettkämpfe austragen, der tiefere Sinn und die Bedeutung des Standarten-Sporttages liegt aber darin, einer großen Zahl der Kameraden einen möglichst universellen körperlichen und geistigen Ein­satz zu ermöglichen. Die Wettkämpfe werden sich vollziehen unter dem Gesetz der ritterlichen Achtung vor dem Gegner und der strikten Einhaltung aller Wettkampfbedingungen. Auf die einzelnen Wett­kämpfe, bie ber Standartensporttag bringen wirb, kommen wir noch zurück.

Für die siegreichen Mannschaften und Einzel- kämpfer wurden zahlreiche schöne Preise gestiftet, die je nach ihrer Art dem Sturm oder dem Einzelkämpfer zukonunen, der den Sieg errungen hat. So haben Kreisleiter Backhaus, Oberbürgermeister Ritter, Landrat Dr. Lotz, die Gießener Bankenvereinigung, die Bezirksfparkaffe Gießen, SA.-Obertruppfllhrer Graf Solms zu L o n b a ch, ferner die Ortsgruppe Mitte der NSDAP., außerdem verschiedene Firmen in Gießen und Gießen-Wieseck Preise gestiftet, die für den Ein­satz der We/tkämpfer eine 'würdige und schöne An­erkennung darstellen werden. Verschiedene Preise gelten als Winderpreise und werden auch in den nächsten Jahren umkämpft werden.

Der Standartelisporttag wird mit einer feierlichen Vereidigung der Wettkämpfer am Samstagabend auf dem Brandplatz eröffnet und am Sonntagabend mit einer Abschlußkundgebung auf dem Universitäts­sportplatz und einem Vorbeimarsch in der unteren Kaiserallee abgeschlossen.

Darmverschlingung. Im letzteren Falle gab es dann wiederum drei Möglichkeiten. Entweder wurde ber Betreffende ohne Obduktion beerdigt, bann, konnte die eigentliche Ursache des Todes nicht festgestellt werden, der Ring wurde mitbegraben; oder aber der Ring wurde bei der Obduktion als Todesursache festgestellt, ohne daß man den Besitzer des Ringes feststellen konnte, oder aber man konnte auf Grund der eingravierten Daten in dem Ring den Be­sitzer ermitteln und was dann?

Alle diese Komplikationen sind durch die unsicht­baren Röntgenstrahlen vermieden worden. Also dochkleine Ursachen, große Wirkungen!" L. G.

Dornotizen.

Tageskalenber für Mittwoch:

Gloria-Palast (Seltersweg):Drei Frauen um Verdi". Lichtspielhaus (Bahnhofstraße):Der Vierte kommt nicht".

Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde.

Am morgigen Donnerstagabend im Botanischen Institut Vortrag von Professor Dr. Küster über Plasmapfropfungen, Untersuchungen im Botani­schen Institut zu 'Gießen".

Lersickerungskarten durch die Kreishandwerkerschafien.

Jeder selbständige Handwerker, der nach dem Al­tersversorgungsgesetz versicherungspflichtig und nicht durch eine Lebensversicherung von der Versicherungs­pflicht befreit ist, muß sich die Versicherungskarte und die zu klebenden Beitragsmarken selbst besor­gen. Durch einen Erlaß des Reichsarbeitsministers sind jetzt die Kreishandwerkerschaften als Ausgabe­stellen 'für die Versicherungskarte bestimmt worden.

DDM.-llutergau 116 Gießen.

M.-Gruppe 4/116 Gießen-Nord.

Alle Mädel der Gruppe treten Donnerstag, 1. Juni, um 20.15 Uhr, in Kluft mit Sportzeug zum Gesundheitsappell an der Schillerfchule an. Auch Mädel, die vom Sport befreit sind, müssen kommen.

Der studentische Landdienst im Gau

Heffen-Aaffau wird verdreifacht.

NSG. Bei ber Schlußkunbgebung auf dem Deut­schen Reichsstudententag in Würzburg verkündete Reichsstudentenführer Dr. Scheel, daß in diesem Sommer 25 000 Studenten und Studentinnen im Landdienst an den deutschen Ostgrenzen eingesetzt werden.

Der Gau Hessen-Nassau wird in diesen Sommer­ferien den Landdiensteinsatz gegenüber dem Vorjahre verdreifachen. An allen Hoch- und Fachschulorten werden im Laufe des Monats Juni große Land­dienstkundgebungen mit Rednern aus den an Polen grenzenden Gauen stattfinden. Für Frankfurt a. M. und Darmstadt sind Kundgebungen mit dem Reichs­einsatzreferenten Kracke (München) vorgesehen, für .Weilburg und Gießen wurde Gauamtsleiter Hauptmann aus Oberschlesien gewonnen. Auf sämtlichen Kundgebungen wird Gaustudentenführer K u g e l m a n n sprechen.

Freiwillige Meldungen für den studentischen Landdienst werden von den Kameradschaftsführern des NSD.-Studentenbundes und den Einsatzreferen­ten der Hoch- und Fachschulen bis zum 10. Juni entgegengenommen. Da der Haupteinsatz bereits am 15. Juli beginnt, wird im Hinblick auf die Wichtig­keit des studentischen Landdiensteinsatzcs im Osten

Aus demWochenspruch der NSDAP."

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das Semester voraussichtlich schon an diesem Ter­min schließen.

Heute letztes Maienblasen.

Am heutigen Mittwoch, 31. Mai, findet vom Turme der Johanneskirche das letzte Maien- blajcn in diesem Jahre statt. Zur Darbietung kom­men: 1.Großer Gott, wir loben dich"; 2.Das treue deutsche Herz"; 3. Deutschlandlied und Horst- Wessel-Lied.

Mit dieser letzten Maienmusik findet für dieses Jahr eine Veranstaltung ihren Abschluß, bie in unserer Stadt, vor Jahren angeregt und eingeführt von Amtsgerichtsrat Gros.'zu einem alljährlich dankbar begrüßten traditionellen Dienst an ber Ge­meinschaft geworden ist. Die Männer, die sich auch diesmal wieder mit ihrer instrumentalen Kunst für diese schöne Sache zur Verfügung stellten, verdienen alle Anerkennung. Diese kam bei den bisherigen Maimusikern durch zahlreichen Besuch dankbarer Zuhörer bereits zum Ausdruck, und sie wird sicher­lich auch am heutigen letzten Abend dieser Art noch einmal durch zahlreichen Besuch bestätigt werden.

Zähmung widerspenstiger Pferde.

Auf Veranlassung der Landesbauernschaft Hessen- Nassau wird der Pferdesachverständige Inspektor Frank am Samstag, 10. Juni, um 10 Uhr vor­mittags, in der Veterinärklinik zu Gießen einen Vortrag mit praktischen Vorführungen über die zweckmäßige Behandlung bösartiger Pferde halten. Diese Vorführungen werden alle Bauern, Land­wirte, Pferdehalter, Kutscher und am Pferd anteil­nehmende Fachleute interessieren, da hier ein Ge­biet der Pferdehaltung behandelt wird, das den Pferdebesitzern und -Pflegern bisher schon manche Sorge bereitet hat. Wie man Beißer, Schläger, Leinenkneifer und Nichtzieher zur Vernunft bringt, ohne sie zu quälen, das wirb in praktischen Vor­führungen gezeigt werden. Die Pferdebesitzer wer­den aufgefordert, möglichst viel bösartige und ver­dorbene Pferde zu den Vorführungen mitjubringen.

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** Silberne Hochzeit. Am morgigen Don­nerstag, 1. Juni, begehen der Kutscher Heinrich Ha us sauer und Frau, Bruchstraße 26 wohn­haft, das Fest ber silbernen Hochzeit. Dem Jubel­paar auch unfern herzlichen Glückwunsch.

Text verständlich würden. Schultes spielt auch den siebzigjährigen Knecht Nickel,seit Lebzeiten am Hof", einen bäuerlichen Raisonneur voll ab­geklärter Lebenserfahrung, Gemütsruhe und gal- ligem Humor. Sefferl Höfer macht die Rosl, ein' Naturkind von ursprünglicher Herzlichkeit und Fröh­lichkeit. Miezl Leitner und Seppl Gero- m ü 11 c r gaben in ergötzlichen Auseinandersetzun­gen über die Technik desKammerfensterlns" das verliebte Gesindepärchen, Ludwig Sippl und Mia Schenk waren Bauer und Bäuerin in hitzigem Wortgefecht.

Dem Gastspiel wurde eine sehr freundliche Auf­nahme, zuteil. Besonderen Anklang fanden bie stil­gerechten Einlagen: die glockenklaren Jodler von Stefferl Höfer, ein sauber gespieltes.Schramml- Trio und ein zünftiger Schuhplattler.

Hans Thyriot.

Das rote Leuchten.

Don Paul Eipper.

An einem heißen Julisonntag im Jahre 1925 lag mitten auf dem Bürgersteig einer Straße des Ber­liner Westens ein schmales grünes Kaktusblatt. Weil ich der Meinung bin, daß auch die Pflanzen Not und Leid schmerzhaft empfinden, bückte ich mich herunter zum staubig-trockenen Steinpflaster und trug die weite Sprosse in meine Wohnung.

Vierzehn Jahre sind seitdem vergangen; aus dem kümmerlichen Findling wurde ein fast meterhoher, dichter Phylloeaetus-Busch, der nun die gegenseitige Treue zum erstenmal in dieser langen Zeit durch sechs wundersame Blüten sich und mir be­stätigt hat.

Eines Morgens zu Ende des April sahen mir winzige Knospen an zwei der flachen Lanzenblätter des Phyllocaetus. Die zunächst unscheinbar grau­grünen Sterne vergrößerten fick) in raschem Wachs­tum, setzten sich auf grüne, stachelige Stiele und kurvten so in schöner Schwingung fort von ihrem Mutterblatt. Die runde Sternform wurde bald zum länglichen Tropfen, dessen Spitze aber auch bann noch fest geschlossen blieb, als bie Blütenhütte schon goldgelb schimmerte mit einem lachsroten Hauck).

Als ob bie breikantigen Blattsprossen nicht hinter ihren flach gekerbten Schwestern Zurückbleiben woll­ten, erschienen nun auch dort vier kleine Blüten­triebe. Aber sie konnten unsere menschliche Aufmerk­samkeit zunächst nicht aus sich lenken, denn eben jetzt entfaltete die erste Knospe ihre Feuerpracht.

' Nun sehe ich vom Morgen bis zum Abenb bieses prangende Leuchten über meinem Schreibtisch; ein rotes Traumgebilde schwebt scheinbar frei im Raum und taucht zugleich von unten hoch, in der Wider­spiegelung der Glasplatte, bie meiner Hand zur Unterlage bient.

Draußen vor dem Fenster stehen die Kiefern des Grunewalbes, der mir in mancher Vollmondnacht zum Taufendfäulen-Saal geworden ist; nun bildet er den schmucklos dunklen Hintergrund für meine Flammenblüte; deren Urahn dem tropischen Ame­rika entstammt. Er wucherte in der Borkenrinde alter Mammutbäume; Kolibris und edelsteinglän­zende Schmetterlinge gaukelten in seinen Kelch, hol­ten sich Nektar und Honig, führten zugleich bie Wechselbestäubung aus, als Dank und Gastgeschenk.

Die kleinen Flügelwesen aber konnten kaum mit stärkerer Magie von der Glut der Farbe angezogen worden sein als nun ber Mensch, ber staunend diese Schönheit in .sich bannen möchte. Er sieht bie Form, bas rote Leuchten; er zählt die Blütenblätter, die sich schuppenartia ineinanderstaffeln und eine edel schlanke Schutzhöhle bilden für die Staubgefäße und den weißen Stempel, der sie in seiner langen, feinen Stielung alle überragt.

Plötzlich entdeckt der Mensch am Zackenranh des untersten Blütenblattes einen lichten Tropfen; er war vor einer Stunde noch nicht da; jetzt trifft ihn ber Strahl ber Mittagssonne, und als ob diese Be­rührung viel zu hart gewesen.wäre, fällt nun ber farblos helle Tropfen auf mein Manuskriptpapier. Mit ber Kuppe bes kleinen Fingers nehme ich die ölig haftende Flüssigkeit behutsam weg und führe sie hoch zu meiner Zunge: nun weiß ich um den Duft aller Welten und um bie Süße bes Himmels.

Morgen aber öffnet sich der andere Flammen­becher in jenem grünen Phyllocaetus, ber eigentlich auf einer Großstadtstraße hätte sterben sollen.

Zeitschriften.

Zur 5. Neichsnährstandsausstellung in Leipzig bringt dieI 11 u st r i r t e Zeitung" einen Auf­satz bes Reichsbauernführers und Reichsernäh- rungsminifters Darre über bas Thema:Ohne Bauerntum stirbt das Volk; auch der übrige Inhalt der Nummer ist hauptsächlich diesem Gedanken ge­widmet. Mehrere Seiten enthalten farbige Wieder­gaben von Gemälden Oskar Justs und stellen charakteristische Bauernköpfe dar. Reichsabteilungs- leiter im Reichsnährstand Dr. F. Lorz behandelt das Thema:Hat der deutsche Bauer mehr er­zeugt?" Auch dieser Aufsatz ist von zahlreichen Bildern begleitet

Glona-palast:,,Drei§rauenumVerdi"

3n der Reihe ber Musik-Filme, bie uns bie letzten Jahre beschert haben, burfte dieser nicht fehlen; man muß sich fast wundern, dasi eine rührige Produktion nicht früher auf den Einfall geriet, und C5 lag nahe, baß er von Italien feinen Ausgang nahm. Verdis Aufstieg aus der Namenlosigkeit des jungen Anfängers zum Weltruhm: das ist ber In­halt einer Bilderfolge, bie weniger dramatisch und ausgeprägt filmisch als vielmehr vom Anekdotischen, vom Persönlich-Biographischen und vom Opernhaft- Theatralischen her ihre Spielform gewinnt und überdies musikalisch, besonders gesanglich, von einer Reihe ber bekanntesten und schönsten Melodien Verdis verklärt wird. Der Film bezeichnet den Werdegang des Meisters vor allem durch die drei Frauengestalten, die in seinem Privatleben und in seiner künstlerischen Entwicklung eine nicht unwesent­liche Rolle gespielt haben: Margherita Barezzi, seine erste Gemahlin und getreue Gefährtin in den schwe­ren Zeiten des Aufstiegs, die schwärmerische und eifersüchtige Giuseppina Strepponi und die deutsche Sängerin Teresina Stolz. Verdi selbst ist in ber Darstellung von Fosco Giachetti eine eble, in ber Maske glücklich getroffene, freilich auch über- wiegenb passiv - repräsentative Erscheinung. Die Barezzi und die Strepponi werden von Germana Paolieri und Gaby Morlay mit weiblichem Gefühl und Temperament überzeugend charakteri­siert; Maria C e b o t a r i singt mit ber virtuos beherrschten Hohe eines strahlenden Soprans die Teresina. Verhältnismäßig spät erscheint Benjamino Gigli als ber Tenor Mirate auf ber Szene: er tritt im Gefüge bes Ganzen nicht so sehr in ben Vordergrund^ wie in manchen feiner früheren Ge- fangsfilmc, in benen er bie Szene von Anfang bis zu Ende beherrschte, aber er bleibt völlig in ber musikalischen Sphäre bes italienischen Belcanto, bie fein eigentliches Feld ist: ber unerschöpfliche Melo­dienreichtum feines großen Landsmannes gestattet ihm eine herrliche Entfaltung, und dasLa donna e mobile", von ihm über die Lagune von Venedig hingesungen, ist ein ungetrübter Genuß. Carmine Gallone führte mit sicherem Instinkt für die musikalischen wie die theatralischen Möglichkeiten des von Lucio d'Ambra verfaßten Drehbuches Regie. (Jtala-Film der Tobis, nachsynchronifiert.)

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Ein interessanter Kulturfilm und die neue Wachem schau vervollständigen bas Programm.

Hans Thyriot.