Nr. 124 Drittes Blatt
Mittwoch,ZI.MaiMY
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
Aus der Stadi Gießen.
Röntgenstrahlen — Trauring — Blutwurst.
Die Wahrheit des Spruches: „Kleine Ursachen, große Wirkungen" trifft wohl in den meisten Fällen zu. Es kann aber auch einmal umgekehrt kommen, es können große Ursachen auch einmal kleine Wirkungen auslöscn. Der berühmte Physiker Röntgen, der 1879, also vor 60 Jahren, an unserer Gießener Universität lehrte, entdeckte 1895 die nach ihm benannten Röntgenstrahlen. Diese unsichtbaren Strahlen durchdringen bekanntlich viele für gewöhnliches Licht undurchdringlichen Körper. Heute kennt jedes Kind diese Strahlen, und es gibt bald kaum noch einen Menschen, der nicht schon einmal geröntgt worden märe. Als um die Jahrhundertwende die breitere Oefscntlichkeit von dieser Entdeckung Kenntnis erhielt, hatten nur Wenige eine Ahnung von der Bedeutung dieser Strahlen für die Wissenschaft und für die Gesundheit der Menschen. Voll Staunen vernahm man, daß man den menschlichen Körper durchleuchten und seinen Knochenbau auf der fluoreszierenden Scheibe erkennen könne, daß sich die Ringe an der Hand deutlich von der Knochen Hand abhoben, ja daß man sogar seine Geldtasche durchleuchten könne, um festzustellen, ob noch Hartgeld darin sei. Durchleuchtete man Männlein und Weiblein in der Kleidung, dann konnte man ohne Ansehen des Geschlechts manchen „dunklen Punkt" feststellen da sich alle Metalltcile, wie Uhren, Ringe, Halsketten und Metallknöpfe als solche dunklen Punkte auf der Scheibe abzeichneten.
Als der im Jahre 1936 verstorbene Geheimrat Professor Dr. König, ein Nachfolger Röntgens auf dem Lehrstuhl der Physik unserer Universität, um die Jahrhundertwende noch Leiter des Physikalischen Vereins in Frankfurt a. M. war, erschien eines Tages ein biederer, Frankfurter Metzger- meister und erklärte ihm: „Ich hab in de Zcitunge von dene Strahle gelese, die bord) alles dorchdringe, nor net durck) Metall. Denke Se nor, da is mer beim Worschtmack)e mei' Trauring in die Worscht- inc.ff gefalle, un ich kann en net mehr sinne. Was dhet mei Fraa sage, wann ich kaan Trauring mer hct! Kenne Se mer da net aus der Verlegenheit helfe?" „Dem Manne kann geholfen werden", dachte König. „Wo haben Sie denn Ihre Würste?" „Ei drauße uff dem Wage." In wenigen Minuten waren 50 Pfund duftende Blutwürste im Laboratorium ausgebaut, in dem sich der würzige Geruch der Würste und der Säure- und Aethergeruck) des Laboratoriums zu einem eigenartigen Gemisch vereinigten. Und nun ging es an die Arbeit. Wurst für Wurst wurde durchleuchtet, als plötzlich der Metzger- meister freudestrahlend feinen Trauring, wohl eingebettet zwischen den Fettwürscln einer Wurst, auf dem Röntgenschirm entdeckte. „Ei da is er ja, Herr Doktor, Gott sei Dank, daß ich den widdcr hab." Ein Schnitt mit dem Messer und der Ring konnte dem beglückten Metzgermeister von Professor König wieder an den Finger gesteckt werden.
Es ist nicht auszudcnken, was geschehen wäre, wenn damals die Röntaenstrahlen nock) nicht entdeckt gewesen wären. Gewiß, der Metzgermeister hätte alle Würste wieder entleeren und die Wurstmasse nochmals durchwühlen können, das hätte aber für ihn großen Zeit- und auck) Geldverlust bedeutet. Hätte er alle Würste, also auch die mit dem goldenen Inhalt verkauft, dann gab cs drei Möglichkeiten. Entweder bekani er von dem Käufer,' der den Ring rechtzeitig fand, ihn zurück: das wäre der einfachste Fall gewesen. Oder aber der Käufer behielt den Ring und verkaufte ihn. Dann war der Trauring für den Metzger verloren, und was hätte die Frau gesagt? Ober aber der Käufer verschluckte den Ring. Im letzteren Falle gab es wieder drei Möglichkeiten. Entweder merkte derjenige, der den Ring mit der Wurst verzehrte, gar nichts davon, dann war der Ring für immer verloren, oder er sand ihn einige Stunden nach dem Genuß — das wäre aber ein Zufall ohne gleichen gewesen —, oder er starb an einer durck) den Ring verursachten
Gießener Gtaditheater.
Gastspiel der Tegernseer Bauernbühne.
Zum heiteren Abgesang und Ausklang der Winterspielzeit gab die Tegernseer Bauernbühne von Ander! Schultes aus Egern ein Gastspiel. Wir kennen die Tegerirscer von früheren Besuchen; sie brachten vor Jahren Thomas „Magdalena" und Mohrs „Kalteisergeift". Diesmal reisen sie mit leichterer Ware und geben ein ländliches^ Lustspiel von Anton Mali) und Toni Gerlin in drei Akten unter dem verheißungsvollen Titel „Das blau- seidene Strumpfband".
*
Der Ort der Handlung ist Oberbayern, wie es sich versteht, und die Geschichte spielt im Sommer 1937; daß diese Zeitangabe nicht von ungefähr ist, merkt man an allerlei aktuellen Zutaten; es ist zum Beispiel von KdF. die Rede, von „Kamps dem Verderb", von Landhilfe und Arbeitsdienst. Durch den Arbeitsdienst hat nämlich die Rost aus der Stadt das Landleben im allgemeinen und die Familie Schirmadinger im besonderen kennen und schätzen gelernt, und als sie wiederkommt, kommt sie nicht bloß zu Besuch, sondern für immer: sie kriegt den Franzl und wird Bäuerin auf dem Hof, sie paßt aufs Land und hat Freude an der Bauernarbeit und versteht was davon.
*
Das geht natürlich nicht so geschwind, sonst wäre das ganze kein ländliches Lustspiel, sondern es sind allerlei Widerwärtigkeiten und Mißverständnisse aus dem Wege zu räumen, bis es soweit und alles in Ordnung ist. Erstens ist grab, als bie Rost kommt, die beste Kuh eingegangen, zweitens hat die Bäuerin etwas gegen die Rost, der sie nicht traut, und die sie für eine städtische „Flitschn" hält, und drittens passiert die ärgerliche Geschickte mit den blauseidenen Strumpfbändern, die an verschiedenen unpassenden Orten gefunden und der Rost zugeschoben werden. Sie gerät dadurch in einen abscheulichen Verdacht, und es dauert seine Zeit, dis die Irrtümer aufgeklärt sind und der häusliche Frieden auf dem Hofe wieder hergestellt ist: zuletzt hat die Rosl den Franzl, die Dirn Marei den Knecht Wastl, und Bauer und Bäuerin haben ebenfalls ihren gefährlichen Ehestreit begraben.
*
Anderl Schultes hat die Spielleitung. Die drei Akte entfalten sich im oberbayerischen Dialekt breit und behäbig, mit volksstückmäßigen Späßen und kräftig sitzenden Pointen, die zum Teil auch ohne
SA.-Slairdar1en-Sporttag 1939 in Gießen.
SSO aktive Wettkämpfer am Start. — Wettbewerbe im Zeichen des Wehrsports.
Der kommende Samstag und der Sonntag bringen als bedeutendstes sportliches Ereignis in Gießen und weitem Umkreis den S t a n d o'r t e n s p o r t - tag der SA.-Standarte 116. Der Spolt- taq wird viele der Kameraden aus dem Kreise der SÄ. im edlen Wettstreit vereinigen, die im Laufe des Jahres in unermüdlicher Hebung an fick; gearbeitet haben, um sich spannkräftig und damit wehrfähig zu erhalten, die immer wieder nach der Arbeit des Tages sich auf dem Sportplatz, auf dem Schießstand usw. einfandcn und nach immer besseren Leistungen strebten. Dann kamen die Sturmausscheidungen, in denen die besten Kameraden ermittelt wurden, die nun die Ehre haben, ihren Sturin bei dem Standarten-Sporttag in Gießen zu vertreten. Es verdient hier besonders betont zu werden, daß es gerade für bie SA.-Kameraden auf dem Lande kein leichtes ist, sich immer wieder für diese sportlichen Hebungen frei zu machen, denn der Arbeitstag an sich fordert schon den ganzen Monn heraus. Um so höher ist deshalb der idealistische Einsatz einzuschätzen, der in dieser steten Beteiligung an den sportlichen Hebungen zum Ausdruck kommt, ein Einsatz, der von jeher die SA. charakterisierte. Ebenso erfreulich ist es, daß für den Standarten- Sporttag die Kameraden in so überaus stattlicher Zahl mnd durchweg auf der Grundlage der Freiwilligkeit ihre Teilnehmermeldung abgaben. So werden am kommenden Sonntag rund 5 5 0 a k - tive Wettkampfteilnehmer an treten und um die Siege ringen, die in den verschiedenen Disziplinen zu erkämpfen sind.
Die Zeitfolge für diese große sportliche Veranstaltung bringt eine Fülle der interessantesten Wettbewerbe. Im Mittelpunkt stehen die Wehrmannschaftskämpfe, die wehrsportlichen Mehrkämpfe und die wehrsportlichen Einzelkämpfe. In den Wehrmann- schaftskämpfen werden die verschiedenen Stürme mit starken Aufgeboten antreten. Manche Stürme werden bis zu 40 Mann stellen und damit erkennen lassen, mit welchem Ernste die wehrsportliche Er
ziehungsarbeit betrieben worden ist. Gleichzeitig sollen die wehrsporllichen Leistungen der Mannschaften bei diesem Standarten-Sporttag vor einer größeren Öffentlichkeit den Beweis dafür erbringen, daß bie SA. für die vor- und nachmilitärische Ausbildung, die ihr durch den Führer übertragen worden ist, bestens gerüstet ist.
Reben den wehrsportlichen Wettkämpfen werden auch in verschiedenen Disziplinen der Leichtathletik Wettkämpfe austragen, der tiefere Sinn und die Bedeutung des Standarten-Sporttages liegt aber darin, einer großen Zahl der Kameraden einen möglichst universellen körperlichen und geistigen Einsatz zu ermöglichen. Die Wettkämpfe werden sich vollziehen unter dem Gesetz der ritterlichen Achtung vor dem Gegner und der strikten Einhaltung aller Wettkampfbedingungen. Auf die einzelnen Wettkämpfe, bie ber Standartensporttag bringen wirb, kommen wir noch zurück.
Für die siegreichen Mannschaften und Einzel- kämpfer wurden zahlreiche schöne Preise gestiftet, die je nach ihrer Art dem Sturm oder dem Einzelkämpfer zukonunen, der den Sieg errungen hat. So haben Kreisleiter Backhaus, Oberbürgermeister Ritter, Landrat Dr. Lotz, die Gießener Bankenvereinigung, die Bezirksfparkaffe Gießen, SA.-Obertruppfllhrer Graf Solms zu L o n b a ch, ferner die Ortsgruppe Mitte der NSDAP., außerdem verschiedene Firmen in Gießen und Gießen-Wieseck Preise gestiftet, die für den Einsatz der We/tkämpfer eine 'würdige und schöne Anerkennung darstellen werden. Verschiedene Preise gelten als Winderpreise und werden auch in den nächsten Jahren umkämpft werden.
Der Standartelisporttag wird mit einer feierlichen Vereidigung der Wettkämpfer am Samstagabend auf dem Brandplatz eröffnet und am Sonntagabend mit einer Abschlußkundgebung auf dem Universitätssportplatz und einem Vorbeimarsch in der unteren Kaiserallee abgeschlossen.
Darmverschlingung. Im letzteren Falle gab es dann wiederum drei Möglichkeiten. Entweder wurde ber Betreffende ohne Obduktion beerdigt, bann, konnte die eigentliche Ursache des Todes nicht festgestellt werden, der Ring wurde mitbegraben; oder aber der Ring wurde bei der Obduktion als Todesursache festgestellt, ohne daß man den Besitzer des Ringes feststellen konnte, oder aber man konnte auf Grund der eingravierten Daten in dem Ring den Besitzer ermitteln — und was dann?
Alle diese Komplikationen sind durch die unsichtbaren Röntgenstrahlen vermieden worden. Also doch „kleine Ursachen, große Wirkungen!" L. G.
Dornotizen.
Tageskalenber für Mittwoch:
Gloria-Palast (Seltersweg): „Drei Frauen um Verdi". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Der Vierte kommt nicht".
Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde.
Am morgigen Donnerstagabend im Botanischen Institut Vortrag von Professor Dr. Küster über „Plasmapfropfungen, Untersuchungen im Botanischen Institut zu 'Gießen".
Lersickerungskarten durch die Kreishandwerkerschafien.
Jeder selbständige Handwerker, der nach dem Altersversorgungsgesetz versicherungspflichtig und nicht durch eine Lebensversicherung von der Versicherungspflicht befreit ist, muß sich die Versicherungskarte und die zu klebenden Beitragsmarken selbst besorgen. Durch einen Erlaß des Reichsarbeitsministers sind jetzt die Kreishandwerkerschaften als Ausgabestellen 'für die Versicherungskarte bestimmt worden.
DDM.-llutergau 116 Gießen.
M.-Gruppe 4/116 Gießen-Nord.
Alle Mädel der Gruppe treten Donnerstag, 1. Juni, um 20.15 Uhr, in Kluft mit Sportzeug zum Gesundheitsappell an der Schillerfchule an. Auch Mädel, die vom Sport befreit sind, müssen kommen.
Der studentische Landdienst im Gau
Heffen-Aaffau wird verdreifacht.
NSG. Bei ber Schlußkunbgebung auf dem Deutschen Reichsstudententag in Würzburg verkündete Reichsstudentenführer Dr. Scheel, daß in diesem Sommer 25 000 Studenten und Studentinnen im Landdienst an den deutschen Ostgrenzen eingesetzt werden.
Der Gau Hessen-Nassau wird in diesen Sommerferien den Landdiensteinsatz gegenüber dem Vorjahre verdreifachen. An allen Hoch- und Fachschulorten werden im Laufe des Monats Juni große Landdienstkundgebungen mit Rednern aus den an Polen grenzenden Gauen stattfinden. Für Frankfurt a. M. und Darmstadt sind Kundgebungen mit dem Reichseinsatzreferenten Kracke (München) vorgesehen, für .Weilburg und Gießen wurde Gauamtsleiter Hauptmann aus Oberschlesien gewonnen. Auf sämtlichen Kundgebungen wird Gaustudentenführer K u g e l m a n n sprechen.
Freiwillige Meldungen für den studentischen Landdienst werden von den Kameradschaftsführern des NSD.-Studentenbundes und den Einsatzreferenten der Hoch- und Fachschulen bis zum 10. Juni entgegengenommen. Da der Haupteinsatz bereits am 15. Juli beginnt, wird im Hinblick auf die Wichtigkeit des studentischen Landdiensteinsatzcs im Osten
Aus dem „Wochenspruch der NSDAP."
i
das Semester voraussichtlich schon an diesem Termin schließen.
Heute letztes Maienblasen.
Am heutigen Mittwoch, 31. Mai, findet vom Turme der Johanneskirche das letzte Maien- blajcn in diesem Jahre statt. Zur Darbietung kommen: 1. „Großer Gott, wir loben dich"; 2. „Das treue deutsche Herz"; 3. Deutschlandlied und Horst- Wessel-Lied.
Mit dieser letzten Maienmusik findet für dieses Jahr eine Veranstaltung ihren Abschluß, bie in unserer Stadt, vor Jahren angeregt und eingeführt von Amtsgerichtsrat Gros.'zu einem alljährlich dankbar begrüßten traditionellen Dienst an ber Gemeinschaft geworden ist. Die Männer, die sich auch diesmal wieder mit ihrer instrumentalen Kunst für diese schöne Sache zur Verfügung stellten, verdienen alle Anerkennung. Diese kam bei den bisherigen Maimusikern durch zahlreichen Besuch dankbarer Zuhörer bereits zum Ausdruck, und sie wird sicherlich auch am heutigen letzten Abend dieser Art noch einmal durch zahlreichen Besuch bestätigt werden.
Zähmung widerspenstiger Pferde.
Auf Veranlassung der Landesbauernschaft Hessen- Nassau wird der Pferdesachverständige Inspektor Frank am Samstag, 10. Juni, um 10 Uhr vormittags, in der Veterinärklinik zu Gießen einen Vortrag mit praktischen Vorführungen über die zweckmäßige Behandlung bösartiger Pferde halten. Diese Vorführungen werden alle Bauern, Landwirte, Pferdehalter, Kutscher und am Pferd anteilnehmende Fachleute interessieren, da hier ein Gebiet der Pferdehaltung behandelt wird, das den Pferdebesitzern und -Pflegern bisher schon manche Sorge bereitet hat. Wie man Beißer, Schläger, Leinenkneifer und Nichtzieher zur Vernunft bringt, ohne sie zu quälen, das wirb in praktischen Vorführungen gezeigt werden. Die Pferdebesitzer werden aufgefordert, möglichst viel bösartige und verdorbene Pferde zu den Vorführungen mitjubringen.
*
** Silberne Hochzeit. Am morgigen Donnerstag, 1. Juni, begehen der Kutscher Heinrich Ha us sauer und Frau, Bruchstraße 26 wohnhaft, das Fest ber silbernen Hochzeit. Dem Jubelpaar auch unfern herzlichen Glückwunsch.
Text verständlich würden. Schultes spielt auch den siebzigjährigen Knecht Nickel, „seit Lebzeiten am Hof", einen bäuerlichen Raisonneur voll abgeklärter Lebenserfahrung, Gemütsruhe und gal- ligem Humor. Sefferl Höfer macht die Rosl, ein' Naturkind von ursprünglicher Herzlichkeit und Fröhlichkeit. Miezl Leitner und Seppl Gero- m ü 11 c r gaben in ergötzlichen Auseinandersetzungen über die Technik des „Kammerfensterlns" das verliebte Gesindepärchen, Ludwig Sippl und Mia Schenk waren Bauer und Bäuerin in hitzigem Wortgefecht.
Dem Gastspiel wurde eine sehr freundliche Aufnahme, zuteil. Besonderen Anklang fanden bie stilgerechten Einlagen: die glockenklaren Jodler von Stefferl Höfer, ein sauber gespieltes.Schramml- Trio und ein zünftiger Schuhplattler.
Hans Thyriot.
Das rote Leuchten.
Don Paul Eipper.
An einem heißen Julisonntag im Jahre 1925 lag mitten auf dem Bürgersteig einer Straße des Berliner Westens ein schmales grünes Kaktusblatt. Weil ich der Meinung bin, daß auch die Pflanzen Not und Leid schmerzhaft empfinden, bückte ich mich herunter zum staubig-trockenen Steinpflaster und trug die weite Sprosse in meine Wohnung.
Vierzehn Jahre sind seitdem vergangen; aus dem kümmerlichen Findling wurde ein fast meterhoher, dichter Phylloeaetus-Busch, der nun die gegenseitige Treue — zum erstenmal in dieser langen Zeit — durch sechs wundersame Blüten sich und mir bestätigt hat.
Eines Morgens zu Ende des April sahen mir winzige Knospen an zwei der flachen Lanzenblätter des Phyllocaetus. Die zunächst unscheinbar graugrünen Sterne vergrößerten fick) in raschem Wachstum, setzten sich auf grüne, stachelige Stiele und kurvten so in schöner Schwingung fort von ihrem Mutterblatt. Die runde Sternform wurde bald zum länglichen Tropfen, dessen Spitze aber auch bann noch fest geschlossen blieb, als bie Blütenhütte schon goldgelb schimmerte mit einem lachsroten Hauck).
Als ob bie breikantigen Blattsprossen nicht hinter ihren flach gekerbten Schwestern Zurückbleiben wollten, erschienen nun auch dort vier kleine Blütentriebe. Aber sie konnten unsere menschliche Aufmerksamkeit zunächst nicht aus sich lenken, denn eben jetzt entfaltete die erste Knospe ihre Feuerpracht.
' Nun sehe ich vom Morgen bis zum Abenb bieses prangende Leuchten über meinem Schreibtisch; ein rotes Traumgebilde schwebt scheinbar frei im Raum und taucht zugleich von unten hoch, in der Widerspiegelung der Glasplatte, bie meiner Hand zur Unterlage bient.
Draußen vor dem Fenster stehen die Kiefern des Grunewalbes, der mir in mancher Vollmondnacht zum Taufendfäulen-Saal geworden ist; nun bildet er den schmucklos dunklen Hintergrund für meine Flammenblüte; deren Urahn dem tropischen Amerika entstammt. Er wucherte in der Borkenrinde alter Mammutbäume; Kolibris und edelsteinglänzende Schmetterlinge gaukelten in seinen Kelch, holten sich Nektar und Honig, führten zugleich bie Wechselbestäubung aus, als Dank und Gastgeschenk.
Die kleinen Flügelwesen aber konnten kaum mit stärkerer Magie von der Glut der Farbe angezogen worden sein als nun ber Mensch, ber staunend diese Schönheit in .sich bannen möchte. Er sieht bie Form, bas rote Leuchten; er zählt die Blütenblätter, die sich schuppenartia ineinanderstaffeln und eine edel schlanke Schutzhöhle bilden für die Staubgefäße und den weißen Stempel, der sie in seiner langen, feinen Stielung alle überragt.
Plötzlich entdeckt der Mensch am Zackenranh des untersten Blütenblattes einen lichten Tropfen; er war vor einer Stunde noch nicht da; jetzt trifft ihn ber Strahl ber Mittagssonne, und als ob diese Berührung viel zu hart gewesen.wäre, fällt nun ber farblos helle Tropfen auf mein Manuskriptpapier. Mit ber Kuppe bes kleinen Fingers nehme ich die ölig haftende Flüssigkeit behutsam weg und führe sie hoch zu meiner Zunge: nun weiß ich um den Duft aller Welten und um bie Süße bes Himmels.
Morgen aber öffnet sich der andere Flammenbecher in jenem grünen Phyllocaetus, ber eigentlich auf einer Großstadtstraße hätte sterben sollen.
Zeitschriften.
— Zur 5. Neichsnährstandsausstellung in Leipzig bringt die „I 11 u st r i r t e Zeitung" einen Aufsatz bes Reichsbauernführers und Reichsernäh- rungsminifters Darre über bas Thema: „Ohne Bauerntum stirbt das Volk; auch der übrige Inhalt der Nummer ist hauptsächlich diesem Gedanken gewidmet. Mehrere Seiten enthalten farbige Wiedergaben von Gemälden Oskar Justs und stellen charakteristische Bauernköpfe dar. Reichsabteilungs- leiter im Reichsnährstand Dr. F. Lorz behandelt das Thema: „Hat der deutsche Bauer mehr erzeugt?" Auch dieser Aufsatz ist von zahlreichen Bildern begleitet
Glona-palast:,,Drei§rauenumVerdi"
3n der Reihe ber Musik-Filme, bie uns bie letzten Jahre beschert haben, burfte dieser nicht fehlen; man muß sich fast wundern, dasi eine rührige Produktion nicht früher auf den Einfall geriet, und C5 lag nahe, baß er von Italien feinen Ausgang nahm. Verdis Aufstieg aus der Namenlosigkeit des jungen Anfängers zum Weltruhm: das ist ber Inhalt einer Bilderfolge, bie weniger dramatisch und ausgeprägt filmisch als vielmehr vom Anekdotischen, vom Persönlich-Biographischen und vom Opernhaft- Theatralischen her ihre Spielform gewinnt und überdies musikalisch, besonders gesanglich, von einer Reihe ber bekanntesten und schönsten Melodien Verdis verklärt wird. Der Film bezeichnet den Werdegang des Meisters vor allem durch die drei Frauengestalten, die in seinem Privatleben und in seiner künstlerischen Entwicklung eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben: Margherita Barezzi, seine erste Gemahlin und getreue Gefährtin in den schweren Zeiten des Aufstiegs, die schwärmerische und eifersüchtige Giuseppina Strepponi und die deutsche Sängerin Teresina Stolz. Verdi selbst ist in ber Darstellung von Fosco Giachetti eine eble, in ber Maske glücklich getroffene, freilich auch über- wiegenb passiv - repräsentative Erscheinung. Die Barezzi und die Strepponi werden von Germana Paolieri und Gaby Morlay mit weiblichem Gefühl und Temperament überzeugend charakterisiert; Maria C e b o t a r i singt mit ber virtuos beherrschten Hohe eines strahlenden Soprans die Teresina. Verhältnismäßig spät erscheint Benjamino Gigli als ber Tenor Mirate auf ber Szene: er tritt im Gefüge bes Ganzen nicht so sehr in ben Vordergrund^ wie in manchen feiner früheren Ge- fangsfilmc, in benen er bie Szene von Anfang bis zu Ende beherrschte, aber er bleibt völlig in ber musikalischen Sphäre bes italienischen Belcanto, bie fein eigentliches Feld ist: ber unerschöpfliche Melodienreichtum feines großen Landsmannes gestattet ihm eine herrliche Entfaltung, und das „La donna e mobile", von ihm über die Lagune von Venedig hingesungen, ist ein ungetrübter Genuß. Carmine Gallone führte mit sicherem Instinkt für die musikalischen wie die theatralischen Möglichkeiten des von Lucio d'Ambra verfaßten Drehbuches Regie. — (Jtala-Film der Tobis, nachsynchronifiert.)
*
Ein interessanter Kulturfilm und die neue Wachem schau vervollständigen bas Programm.
Hans Thyriot.


