Aus fremden Literaturen.
— Charles de Co st er: Die H 0 chzeits « reise, Roman. Aus dem Französischen übertragen von Albert W e s s e l s k i. 277 Seiten. Leinen 3,50 RM. Jrn Insel-Verlag zu Leipzig. —(133)— In diesem Jahre begeht man de Costers 60. Todestag. Von ihm stammt das Wort: ich gehöre zu denen, die zu warten wissen. Das war nicht von ungefähr gesagt, denn er gehörte auch zu den Dichtern, die bei Lebzeiten nicht bekannt und nicht gelesen werden. Erst in Deutschland und erst lange nach Costers Tode fanden seine Bücher, vor allem „Uilenspiegel und Lamme Goedzak", die Verbreitung und Würdigung, die ihrem weltliterarischen Range entsprechen. Drei Jahre nach dem „Uilenspiegel", 1870, mitten im Kriege, erschien „Le voyage de noce"; Coster bemerkte dazu: ,„Die »Hochzeitsreise^ ist der Roman zweier junger verheirateter Liebender... Es sind Szenen der Liebe, alles ist der Natur entnommen ... Dieses süße Glück, diese schönen Torheiten, an denen kern Makel sonst haftet, als daß sie rechtmäßig sind — ich sage bas nicht...es wäre
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Kür den Bücheriifch.
Der Führer der Luftschiffe.
— Thor Goote: Peter Strasser,der F. d. L. Der Führer der Luftschiffe. Mit einem Geleitwort vom Oberbefehlshaber der Luftwaffe, Generalfeldmarschall Hermann Göring. 288 Seiten mit 39 Abbildungen. Kartoniert 3,80 RM., Leinen 4,80 RM. Breidenstein Verlagsgesellschaft, Frankfurt a. M. — (151) — Thor Goote wurde in diesem Jahre, wie seinerzeit ausführlich berichtet, mit dem Gau-Kulturpreise des Gaues Hessen-Nassau ausgezeichnet. Sein Buch über Fregattenkapitän Peter Strasser, den Führer der deutschen Marineluftschiffe im Kriege, erhielt früher bereits den Preis der Stadt Frankfurt a. M. für das beste Buch auf dem Gebiete der Luftfahrt. Es ist eine Tatsachenschilderung, die sich wie ein spannender- Roman lieft: in einem knappen und fachlichen Stil geschrieben wie die Geschichte des Fliegerhauptmanns Berthold, behandelt dieses Werk, ähnlich wie Gootes Munitions- kolonnen-Roman „Wir fahren den Tod", ein im großen Gesamtbilde des Weltkrieges verhältnismäßig unbeachtet gebliebenes Teilgebiet, die heroische und ruhmreiche Geschichte der Marine - Luftschiffe: diese Chronik reicht vom Herbst 1913 bis zum August 1918, umfaßt also eben fünf Jahre; das ist eine geringe Zeit, aber sie enthält ein Heldenlied deutschen Soldatentums, dos bisher — im Vergleich zu anderen Waffengattungen — unverdienterweise allzu wenig gewürdigt worden ist. Zentralfigur ist der F. d. L., der Führer der Lustschiffe, Peter Strasser, der 1918 bei einem Angriff über England wie so viele andere gefallen ist: Strasser war die Seele der damals noch ganz jungen, in den ersten Anfängen steckenden, unerprobten, von vielen Mißerfolgen und großem Mißtrauen in ihrer Entwicklung bedrohten und gehemmten Waffe. Strasser war die ideale Persönlichkeit, diese Waffe zu einem scharfen, praktisch brauchbaren Instrument zu entwickeln, deren Einsatz besonders während der letzten Jahre von sehr wesentlicher Bedeutung für die deutsche Kriegführung wurde; in Strasser vereinigten sich die Fähigkeiten des geborenen Soldaten und hervorragenden Führers mit dem gerade hier so notwendigen technischen Verständnis und Weitblick, die Begabung eines glänzenden Organisators mit menschlicher Vornehmheit, Charakterstärke und mit der Zähigkeit eines unerschütterlichen Aufbauwillens und Kampfgeistes: deshalb war die Marineluftschiffahrt im Kriege recht eigentlich Strassers Werk und ihre Geschichte von der seinen gar nicht zu trennen. Gootes Buch ist „um Tatsachen gestaltet": es verarbeitet eine Menge authentischen Quellenmaterials und erhält dadurch ausgesprochen dokumentarischen Wert, der durch die Beigabe zahlreicher, zum Teil kaum bekannter Photographien außerordentlich gesteigert wird. In Gootes Darstellung ist übrigens die Schilderung der inneren Kämpfe um den Ausbau der neuen Waffe nicht weniger aufschlußreich und packend als die der zahllosen, immer wieder mit schmerzlichen Verlusten an wertvollen Menschen und kostbarem Material bezahlten Angriffe auf England: ehe unsere Marine- luftschiffe gebaut, eingesetzt werden und kämpfen konnten, mußten unendlich zermürbende Schwierigkeiten und Widerstände überwunden werden; die Darstellung des „Papierkrieges", der Gegnerschaft Bethmann-Hollwegs und der „Allerhöchsten Stellen" und die Szenen mit dem alten Grafen Zeppelin gehören zu den eindrucksvollsten Partien dieses Werkes, das eine seit langem bestehende Lücke in der deutschen Weltkriegsgeschichte vortrefflich ausfüllt.
Hans Thyriot
Deutsche Erzähler.
— Edgar Maaß: Das große Feuer. Roman. Preis in Leinen geb'. 5 Mark. Propyläen- Verlag Berlin — (70) — Noch in unserer Kinderzeit war die Geschichte von dem furchtbaren Brand, der im Mai des Jahres 1842 den größten Teil der Hamburger Altstadt in Schutt und Asche gelegt hat, höchst lebendig, wohl der beste Beweis von dem starken Eindruck dieser verheerenden Katastrophe auf die Zeitgenossen. Hamburg hatte durch seine enge wirtschaftliche Verflechtung mit England gerade zu jener Zeit die ersten sozialen Auswirkungen der be- ginnenben Industrialisierung zu spüren bekommen. So wurde nach Hamburg geflohenen Anhängern der Chartistenbewegung die Schuld an dem Ausbruch des Brandes in die Schuhe geschoben, aber der Verdacht war wohl unbegründet. Auch Edgar Maaß läßt die Frage offen. Mit faszinierender Darstellungskraft schildert er das Aufkommen des Brandes und fein unaufhaltsames Vorrücken über Straßen und Fleete hinweg, einen Stadtteil nach dem andern in Asche legend, bis die Wälle und großzügig vorgenommene Sprengungen ihm Halt geboten und der Wind sich legte. Vor dem düster farbigen Hintergrund dieser gewaltigen Naturkatastrophe entsteht von der gesellschaftlichen Struktur des damaligen Hamburg ein ungemein lebendiges Bild, aus dem sich eine Fülle mit feinem künstlerischen Empfinden und warmherzigem Verständnis gestalteter Menschen herausheben, deren Reaktion auf das Erlebnis des großen Brandes Edgar Maaß mit stark dramatischem Akzent charakterisiert hat. So unheimlich die geradezu phantastische Vision der Katastrophe ist, so packend ist doch auch der Eindruck, der sich ihr entgegenstellenden Gemeinschaft von Senat und Bürgerschaft. Was uns der Dichter hier in eindringlichen Szenen erleben läßt, weist aus dem Zeitbild des großen Brandes hinaus in unsere Tage. Fr. W. Lange.
— Franz Turnier: „Der Soldateneid". Eine Erzählung. In Leinen geb. 4,20 RM. Albert Langen / Georg Müller Verlag. Miinchen. — (123) — Zu den mancherlei Büchern,' die von der Heimkehr der Ostmark ins Reich Kunde geben, ge- sellt sich dieses Werk, das, unmittelbar aus dem Erleben jener denkwürdigen geschichtlichen Tage entstanden, in einem tieferen Sinne als Bild und Bericht es vermögen uns Größe und Ausmaß dieses Geschehens in Erinnerung bringt. „Volksrecht bricht Staatsrecht. Gesetz, Ehre und Gehorsam bestehen nicht für sich, sie kommen vom Volk, weil alles vom Volk kommt." Diese Wahrheit, zu Anfang nur dumpf geahnt, dann, als das Schicksal 'immer drohender auf sie zuschreitet, in tödlichem Ernst am eigenen Dasein erlebt, spricht aus den Gedanken und Handlungen einiger junger Soldaten, die sich unter dem Zwang der Ereignisse vor eine unabwendbar tragische Entscheidung gestellt sehen. Allzubald lernen sie begreifen, daß es in diesen Stunden äußerster männlicher Bewährung keine Ausflucht gibt, sondern daß sie gefaßt dem Schicksal begegnen müssen. Und sie handeln mit elementarer Notwendigkeit, wie es ihnen das Gewissen befiehlt, dem Drange folgend, daß Blut zu Blut will und Volk zu Volk. Mit dem Gd der österreichischen Sol
daten auf den Führer des deutschen Volkes und Reiches, einem Vorgang, dem Tumler in großartiger Anschaulichkeit uns vor Augen führt, klingt diese packende männliche Dichtung aus: Bild und Zeugnis der zu ihrer Sendung erwachenden deutschen Welt.
— Ulrich Sander: Mann vom See. Roman. Geb. 5,80 Mark. Gerhard Stalling Verlag, Oldenburg t. O./Berlin. — (116) — Der See und der Krieg als Naturgewalten, bestimmen Inhalt und Gestalten des Romans. Wilhelm Mann bewährt sich, erst in einem harten Fischerleben, dann als Mann und Soldat. Eine Bauerntochter wird seine Frau. Sie besteht nicht vor der Größe und Einsamkeit des Sees und der Härte des Krieges, der sie des steten festen Halles ihres Mannes beraubt. Dieser wird als Meldegänger der treueste Helfer seines Hauptmanns, dem er auch in persönlichen Sorgen und Kümmernissen in der Einfalt und Klugheit des einfachen Mannes Berater wird. Seinen Kameraden ist er in wortloser Pflichterfüllung Vorbild in allen soldatischen Tugenden. So ist er schließlich Halt und Rückgrat der ganzen Kompanie. Aus schweren Gefahren und Kämpfen wächst er empor zum freien deutschen Mann und Krieger. Der Roman schließt, als Wilhelm am Kriegsende zu seiner Arbeit am See zurückkehrt, mit dem Ausblick, daß er mit seiner zweiten Frau, einer einfachen Fischerstochter, das schwer erkämpfte Glück seines Herzens finden wird.
— Otto Völckers: Der Schmied der Götter. Leben und Liede des Hephaistos. Roman. 262 Seiten. RM. 4,80. Sozietäts-Verlag, Frankfurt am Main. — (141) — Hephaistos, der Gott des Feuers, den die Römer Vulkan nannten, Sohn des Zeus und der Hera, ist eine der anziehendsten Gestalten des antiken Göttechimmels. Seine Geschichte schildert im Spiegel des 20. Jahrhunderts, mit den Stilmitteln eines psychologischen Romans, Otto Völckers. Es ist eine heitere, mitunter auch rührende Geschichte. Die Sonne Homers lächelt
über der von Göttern und Titanen, Nymphen und Satyrn, Riesen und Ungeheuern bevölkerten Welt — die Grazien begleiten den munteren Fluß der Erzählung. Doch entbehrt sie keineswegs der tieferen Bedeutung und eines sinnvollen Ernstes. Von den Unsterblichen verlassen, ragt der Olympos heute ins griechische Land. Aber mitnichten sind die alten Götter gestorben. Noch wandeln sie verborgen unter uns Lebendigen, so sagt der Verfasser, wir müssen sie nur erkennen.
— Walter von Hollander: Therese Larotta. Roman aus dem Engadin. Leinen 4,— Mark. Propyläen-Verlag, Berlin. — (142) — Die Wunder der Engadiner Bergwelt sind der Hintergrund dieses Romanes, in dessen Mittelpunkt eine Frau steht, deren Leben nur der Arbeit ihres kleinen Bauerngutes gewidmet ist, das sie für ihre beiden kleinen Söhne erhalten will. Einsam ist sie, aber ihr gesunder Instinkt bewahrt sie vor falschen Wegen. Da tritt ein Mcmn in ihr Dasein, dem sie sich schenkt, obwohl sie nicht an die Dauer dieser Liebe glaube kann. Ihre Geradheit, ihre ruhige Sicherheit und ihr klares Menschentum halten alle schweren Konflikte von ihr fern. So findet sie zum dauernden Glück. Dem Dichter ist die Gestalt mit einer wunderbaren Ausgeglichenheit zwischen Wirklichkeit und Traum gelungen..
— Paul Keller: Waldwinter, Illustrierte Jubiläumsausgabe, 500. Tausend mit 25 Zeichnungen von Erich Fuchs. Preis in Leinen geb. 3,75 Mark im Bergstadtverlag, Breslau. — (30) — „Waldwinter" ist der erste Roman des bekannten schlesischen Dichters. Zeitlos ist das Geschehen in diesem Roman, der in die stille Welt der schlesischen Berge führt. Die Freude an der Natur, am unverbildeten Menschen, das Reifen und Wachsen an Schuld und Schicksal, alles Geschehen zwingt den Leser in seinen Bann. Die Illustrationen von Erich Fuchs sind eine wohlgelungene Ergänzung der Worte Paul Kellers.
England und die Engländer.
zu dumm —, werden durchkreuzt von der Eifersucht einer geizigen Mutter..." Es ist ein schönes Verdienst des Insel-Verlages, daß er in der „Bibliothek der Romane" dem „Uilenspiegel", der „nationalen Bibel des belgischen Volkes", in einer Neuausgabe nun auch die Hochzeitsreise" als das zweite Hauptwerk de Costers folgen ließ, und es ist zu wünschen, daß die kürzlich beendete Verfilmung dem Buche neue Leser und beständige Freunde gewinnt; denn es ist ohne Zweifel begründet, wenn der Verlag dieses Werk als eine der schönsten Liebesgeschichten ankündigt, — und zwar eine, die auf die wunderbärste Weise beginnt: mit einer Erweckung und Auferstehung vom Tode nämlich, wie man der-
— A. Hillen Ziegfeld: England inder Entscheidung. Mit 30 Bildern und 10 Karten. Preis Leinen 6,80 Mark, kart. 4,80 Mark. Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig. — (143) — Eine freimütige Deutung englischer Wirklichkeit, so nennt A. Hillen Ziegfeld sein neues Buch, das gerade heute, in einer Periode schärfster Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und dem Jnselreich, zu zeigen vermach, wie weit sich England durch eine überstürzte und zerfahrene Diplomatie von der traditionellen Linie seiner Weltpolitik entfernt hat, wie es aber auch jene alten Methoden des kompro- mißfreudigen Opportunismus, des „wait and see“ und des „Teile und Herrsche" angesichts der neuen Weltlage kaum mehr gebrauchen kann, wie es andererseits zum Handeln gezwungen ist, ohne schnell handeln zu können, wie es mit einem 'Wort feine innere Lebenssicherheit zu verlieren droht. Dies alles wird um so deutlicher, als Hillen Ziegfeld in keinerlei Vorurteilen gegenüber England befangen ist, vielmehr aus seiner reichen und genauen Kenntnis englischer Geschichte und Gegenwart alle positiven Momente zusammenträgt, die am Aufbau des Britenstaates und des Empire mitgewirkt haben. Der Verfasser wollte eine Wesenskunde des Engländers schäften, die geeignet sei, in Deutschland das Verständnis für das Volk jenseits des Kanals zu erleichtern. Dieses Vorhaben ist durchaus gelungen, wenn es auch vielleicht vom Leser gelegentlich als störend empfunden wird, daß er in verschiedenen Kapiteln des Buches ost dieselben geschichtlichen Tatbestände in anderer Beleuchtung wiederholt vorgesetzt bekommt. Freilich sind diese Wiederholungen aus der Absicht gerechtfertigt, die ungeheure Fülle des Stoffes in eine systematische Ordnung zu bringen, was gerade bei der außerordentlichen Kompliziertheit und scheinbaren Gegensätzlichkeit des englischen Charakters notwendig sein mag. So liegt hier also geradezu ein Kompendium der englischen Wesenskunde vor, das — ohne ein trockenes Gelehrtenwerk sein zu wollen — doch selbst dem politischen Fachmann und Englandkenner noch erschöp- ende Auskünfte und neuartige Hinweise zu geben
vermag. Wer das Buch richtig und mit Nutzen zu lesen versteht, wird bei eigenem Nachdenken aus ihm eine' Menge von Erkenntnissen und Schlüssen ziehen können, 'die für die Beurteilung des weltpolitischen Kampfes von heute arößte Bedeutung haben. , Heinrich Evers.
— Irene Seligo: Zwischen Traum und Tat, Englische Profile. Preis geb. 7,50 Mark. Societäts-Verlag, Frankfurt a. M. — (3) — Für diese Sammlung von Bildnissen bedeutender Engländer hat die Verfasserin zwölf nach Rasse und Geist für den englischen Typ repräsentative Gestalten herausgegriffen, beginnend mit der Zeit des Erwachens des englischen Nationalgefühls im 15. Jahrhundert bis auf unsere Tage. Wir finden in dieser Gemäldegalerie Sir Robert Ralegh, den ersten Baumeister des Weltreiches Milton, den Dichter des verlorenen Paradieses, Cook, den großen Weltumsegler Gordon, den Helden von Khartum und den Dichter T. E. Lawrence neben einer Reihe weniger volkstümlicher Gestalten, die jedoch der Verfasserin in ihrem Profil das englische Wesen am deutlichsten zum Ausdruck zu bringen schienen. Jedes einzelne Porträt ist mit historischer Treue angelegt worden und doch ist die Schilderung so lebendig, daß man nicht nur von den einzelnen Gestalten einen ungemein plastischen Eindruck erhält, sondern daß sie als Ganzes zu tiefen Erkenntnissen englischen Wesens aus Englands Geschichte fuhren. Eine Reihe Porträtwiedergaben unterstützen die Lektüre des interessanten und fesselnden Buches.
Fr. W. Lange.
— Hans Grimm: Wie ich den Engländer sehe. Preis kart. 1 Mark. C. Bertelsmann Verlag, Gütersloh. Hans Grimm sucht beim Briten ZU dem Verständnis für die deutsche Wirklichkeit ein Sehen und Bejahen des eigenen Anteils an den uns „Nordmännern" gemeinsamen Aufgaben der Zukunft. Es geht ihm um die Verantwortung der aermanisck bestimmten Völker für das Schicksal unserer Welt. Aus Einsicht in englisches Wesen und englische Seele spricht Hans Grimm zu einer Frage, die alle angeht.
Gestalten der denffchen Dichtung.
— Moritz Jahn: Die Gleichen. Eine Erzählung um Gottfried August Bürger. 108 Seiten. In Leinen 3 Mark. Verlag Albert Langen/Georg Müller, München, 1939. — (115) — Moritz Jahn, der unter lebhafter Förderung des Freiherrn Bör- ries von Münchhausen zuerst mit einer Reihe niederdeutscher Erzählungen und Gedichtbände („Boleke Roleffs", „Die Geschichte von den Leuten an der Außenfohrde", „Im weiten Land", „Unke- punz" und „Ulenspegel un Jan Dood") an die Oeffentlichkeit getreten ist, darf mit diesem neuen Buche einen wohlbegründeten Anspruch darauf erheben, auch außerhalb eines landschaftlich begrenzen Bezirkes in Deutschland aufgenommen und gewürdigt zu werden. Die Erzählung „Die Gleichen" ist eine formal und geistig mit überlegener Beherrschung und künstlerischer Reife gestaltete Novelle, deren Thema die bekannte unselige Liebes- und Ehegeschichte des Dichters Gottfried August Bürger ist. Dieser (1748 bis 1794), als Mitglied des Göttinger Dichterkreises, als llebersetzer („Münchhausen') und vor allem als Balladendichter („Lenore", "Der wilde Jäger", „Das Lied vom braven Mann", „Des Pfarrers Tochter zu Taubenhain") bekannt und volkstümlich geworden, hat ein wenig glückliches Leben geführt; feine Doppelneiguna zu den Schwestern Dorette und Molly (Auguste) Leonhardt hat. fein Dasein wie feine Dichtung verhängnisvoll beschattet, und eine dritte, bald wieder geschiedene Ehe mit der Stuttgarterin Clise Hahn, dem ^Schwabenmädchen", brachte erst recht keinen Segen. Bei Jahn handelt es sich nur um die beiden Schwestern; seine Erzählung, allem nüchternen Realismus ab gewandt^ trägt die Dinge mit zartem Takt und behutsam spürsinnigem Einfühlungsvermögen an den Leser heran; er begreift diese Doppelneigung als schicksalhaftes Zentralerlebnis des Dichters und sieht im Einmaligen und Besonderen das Allge- mcine: der Fall Bürger ist hier mit einer hohen @abc der Intuition gleichsam transparent und beispielhaft geworden für das Außerordentliche jeder echten künstlerischen Eristenz, für die Disproportion (um einen Begriff Goethes zu gebrauchen) des dämonischen Menschen mit dem Leben und mit seiner bürgerlichen Umwelt. Man wird die niederdeutsche Herkunft dieses Buches nach wenigen Sei
ten empfinden; man wird aber auch bald gewahr werden, wie weit die Erzählung über den Umkreis der Landschaftskunst ober Heimatdichtung im engeren Sinne hinausreicht. Hans Thyriot.
— Anton Mayer: Der Göttergleiche. Erinnerungen an Rudolf G. Binding. 94 Seiten, mitten und Loenina Verlag, Potsdam 1939. — (137) — Unsere Leser werden sich vielleicht mit stillem Vergnügen der hübschen Anekdote aus Vinnings Kavalleristenzeit erinnern, die wir einige Tage nach feinem Tode im Feuilleton brachten: der sie erzählt hatte, ist der Verfasser dieses kleinen Buches, jüngerer Regimentskamerad Dindings bei ben Königin-Husaren in Grimma, Berliner Stu- dlengenosse, Reisebegleiter und Freund des Dichters, derselbe „Anton", der im „Erlebten Leben" eine nicht unbedeutende, als Anreger der berühmten Reise nach Griechenland vielleicht sogar in gewissem Sinne entscheidende Rolle spielt. Was Mayer hier, bescheiden und anspruchslos, berichtet, rundet das autobiographische Dokument des „Erlebten Lebens" auf eine so liebenswürdige wie vielfältig aufschlußreiche Weise ab. Dindings private Exlstenz ist Zeit feines Lebens hinter der makellosen Sachlichkeit feines Werkes zurückgetreten- diese Erinnerungen hier an den „Göttergleichen"', wie der Reserveoffizier R. G. V. im Regiment mit ahnungsvoller Auszeichnung genannt wurde, haben den unmittelbaren Reiz persönlicher Begegnung, vertrauter Bekanntschaft und schmerzlich-liebevoll bewahrter Erinnerung an einen außerordentlichen Menschen: sie sind dazu angetan, das objektive Bild, das wir uns, auch nach dem „Erlebten Leben" noch, von Bindings menschlicher und geistiger Erscheinung machen, mit manchen kleinen, dennoch charakteristischen Zügen zu bereichern und vom Anekdotischen her beziehungsvoll aufzulockern: die geliebte Gestalt des Dichters wird vielen seiner Freunde nach der Lektüre dieser Erinnerungen noch näher und heller belichtet vor Augen stehen und unvergeßlich bleiben. Das sehr hübsch ausgestattete Büchlein fügt sich auch äußerlich vollkommen dem Bilde der kleinen Binding-Bände ein; man stellt es gern in die stattliche Reihe hinein.
Hans Thyriot.
gleichen sonst nur in heiligen Schriften ober im Volksmärchen findet. Aber die Hochzeitsreise" ist nicht nur eine Liebesgeschichte, eine der schönsten, sondern auch ein Charakterbild von großartiger und manchmal unheimlicher Schärfe und Naturtreue. Die Gestalt der Mutter Roosje ist mit einer realistischen Unerbittlichkeit empfunden und dargestellt, daß ihr Ausmaß mehr als einmal die Hauptfiguren der Liebeshandlung überschattet: die Gestalt der Schwiegermutter, eine Figur, die bei uns fast ausschließlich der plattesten und abgeschmacktesten Komik, den obskuren Bezirken der Witzblatt-Literatur und allenfalls des billigen Schwankes angehört, ist bei de Coster zu einer Erscheinung geformt, die aus Shakespeares unerschöpflichem Pandaimonion stammen könnte und im Französischen wohl nur im alten Grande! bei Balzac ihr Gegenbild findet, — im Deutschen, soweit wir zu sehen vermögen, nirgends. — Heute, 60 Jahre nach de Costers Tode, ist es wohl so weit, daß man seine Bücher nicht mehr ausführlich anzupreisen braucht: wir sind gewiß, daß die neue, geschmackvolle und bemerkenswert wohlfeile Ausgabe der Jpsel sehr schnell ihren Weg machen wird. Hans Thvriof.
— Knut Hamsun: „Mysterien". Roman. Neue Uebersetzung von I. Sandmeier. In Leinen geb. 3,80 RM. Verlag Albert Langen/Georg Müller, München. —(124)— Die „Mysterien" Knut Hamluns waren einst vor der Jahrhundertwende jenes Werk, das Albert Langen, nachdem es ihm überraschend in die Hände. geraten war, bewog, seinen Verlag zu gründen. Aufgeschlossen für alle echte und große Kunst hatte er die Stärke dieser Dichtung erkannt und ihr wie'allen nachfolgenden Werken des großen Norwegers die Wege geebnet, die feinen Namen zu Erfolg führten. In der unverwelklichen Frische ihrer Zeitlosigkeit zieht darum diese Geschichte von Johan Nilsen Nagel auch heute noch den Leser in ihren Bann. Dieser Fremdling, der eines Tages in einer kleinen Stabt auftauchte, „eine Menge auffallenber Dinge trieb unb ebenso plötzlich roieber verschwand, wie er gekommen war", ist eine jener eigentümlichen Hamsunschen Gestalten. Während er zu Anfang einer bunflen Kriminalgeschichte nachspürt, sieht er sich bald barauf durch seine seltsame Liebe zu zwei Frauen in einen Strudel seelischer Geheimnisse hineingerissen, bie ihn fein Gleichgewicht kosten unb ins Verberben ziehen. An ber Unbegreiflichkeit des Lebens fcheiternb, wirb ihm schließlich ber Meeresgrund zur letzten, alle anberen Mysterien entschlei- ernben Zuflucht. Knut Hamsun, ber in Kürze sein achtzigstes Lebensjahr do Öen bet, konnte keine schönere Ehrung wiberfahren als mit dieser Volksausgabe eines seiner berühmtesten Werke.
Reue TierbiWr.
— „ Buschi ". Vom Drangt Säugling zum Backenwülster. Von Professor Dr. G. Brandes. 132 Seiten mit 155 Abbildungen. Seinen RM. 4,80. Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig. — (93) — Professor Brandes brachte es zuwege, einen Orangsäugling durch geschickte Behandlung großzuziehen und ihn lange Jahre hindurch zu beobachten. Sein« Ergebnisse schildert er in einer höchst originellen Art, indem er Wort und Bild Zusammenwirken läßt und eine Darstellung findet, die in ihrer unterhaltsamen Anschaulichkeit den Forscher und Laien in gleicher Weise anspricht. Ohne in den Fehler der Vermenschlichung zu fallen, zeigt Brandes, was diese interessante Tierart auszeichnet, und wie ber Gelehrte immer roieber gezwungen ist, bie Fragen nach ben Beziehungen bes Menschengeschlechts zu den hochstehenden Menschenaffen aufzuwerfen. Damit wird bie Abstammungslehre unmittelbar be- rührt^ So wird das Buch zahlreiche dankbare Leser finden.
— Curt Strohmeyer: Der wilde Wisent K o s ch t a n ° T a u. Ein Roman. Mit 32 Aufnahmen. Preis broschiert 3,75 Mark, Ganzleinen 5 Mark. Deutscher Verlag, Berlin. — (79) — Der Wisent, dieses herrliche Großwild aus der grauen Vorzeit, ist in den freien Wildbahnen ausgestorben und in bie beschränkte Freiheit großer Gehege ein» gezogen. Das Schicksal bes Recken Koschtan-Tau, bes letzten in freier Wildbahn geborenen Wisent-Stieres, schildert Curt Strohmeyer. Wie schon in seinem Roman von den letzten Bibern, läßt Strohmeyer auch hier das Tier selbst allein als Geschöpf lebendig werden. Strohmeyer ist ben Spuren bes Wisents nachgegangen in ben großen Gehegen und Tiergärten unseres Kontinents. Aus dem Ergebnis seiner Reisen formte er ben Roman des Koschtan-Tau, dessen Schichsal sich in Deutschland erfüllte. Zahlreiche schöne Aufnahmen heben den Reiz dieses Buches.


