Ausgabe 
30.5.1939
 
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Kr. 123 Zweiter Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Dienstag, 30. Mai My

Aus der Stadi Gießen.

Kleiner Abendbummel.

Nicht weit von meinem Haufe brennt das einsame Licht einer Laterne. Wenn ich am geöffneten Fenster stehe, sehe ich die Falter und Käser um die Licht­quelle schwirren. Es ist ein Surren und Brummen und sinnloses Flügelschlagen, das so lange währt, wie der Lichtschein leuchtet. Aber das blinde Spiel dieser geflügelten Lebewesen gehört zu dem vorsom­merlichen Abend wie der süße Duft, der aus den Büschen des Borgartens emporsteigt. Welche Köst­lichkeit, diesen Duft zu atmen, welcher Genuß, die .Stille dieser Stunde zu spüren. Die Verlockung zu einem kleinen Abendbummel ist zu groß, als daß man ihr widerstehen könnte.

Wenige Schritte vom Hause entfernt steht eine junge Birke. Ihre Blätter rieseln sacht im kaum spürbaren Abendwind, und es ist, als flüstere der Baum in einer ihm eigenen Sprache. In dunkle Schatten hüllen sich die Giebel der am Stadtrand vereinzelt stehenden Häuser, doch an der Straßen­seite blinken friedliche Lichter, und dann und wann kann man durch geöffnete Fenster in freundliche Zimmer schauen. Im Borübergehen vetnimmt das Ohr Bruchstücke aus einem Radiokonzert.

Aber drüben, wo sich ein heller Schein über den Himmel hinzieht, liegt der Kern der Stadt, in der tagsüber das geschäftige Leben seine laute Melodie singt, die auch jetzt noch nicht ganz ver­stummt ist. Das Rollen der Eisenbahnzüge klingt wie fernes Donnern, dem das Brausen und Surren der Motorc antwortet. Vom Güterbahnhof her tönt das Geräusch der Signalhörner laut in den Abend.

Der süße Dust des Flieders erfüllt die Luft mit tausend Wohlgerüchen. Es ist schön, eine Weile in der Anlage zu verbringen. Langsam aber folgt auf den Abend die Nacht, und wenn sie auch in dieser Jahreszeit mannigfache Reize birgt, so wird sie doch obgelöst durch den Werktag, der in aller Frühe wieder zur Tätigkeit ruft. So findet auch der er­quickende abendliche Bummel sein Ende, noch ehe in* den Wohnhäusern die letzten Lichter verlöschen.

Sch.

Dornotizen.

Tageskalender für Dienstag.

Stadttheater: 20 Uhr, einmaliges Gastspiel der Tegernseer Bauernbühne Ander! SchultesDas blauseidene Strumpfband". Gloria-Palast (^el- tersweg):Drei Frauen um Verdi". Lichtspiel­haus (Bahnhofstraße):Der Vierte kommt nicht".

Tegernseer Vauernbühne Ander! Schultes im Stadttheater Gießen.

Am heutigen Dienstag findet im Stadttheater Gießen ein Gastspiel der Tegernseer Bauernbühne Ander! Schultes mit dem LustspielDas blauseidene Strumpfband" von Anton Mayl statt. Die Bühne Ander! Schultes aus Egern am Tegernsee hat früher bereits mit großem Erfolge in Gießen gastiert. Die Spielleitung hat Anderl Schultes. Beginn der Vor­stellung 20 Uhr, Ende 22.30 Uhr.

Hermann Elle 85 Jahre alt.

Am morgigen Mittwoch, 31. Mai, wird unser langjähriger Arbeitskamerad im Gießener Anzeiger, der frühere Buchdruckereifaktor Hermann Elle in bester Gesundheit 85 Jahre alt. Der alte Herr zog einige Jahre nach seinem liebertritt in den Ruhestand von Gießen nach Dresden und wohnt jetzt mit seiner Tochter und seinem Schwiegersohn in Halle a. d- Saale. Mit seinen früheren Ärbeits- kameroden und seinem großen Freundes- und Be­kanntenkreis in Gießen unterhält er noch rege brief­liche Verbindungen, und auch an Unternehmungslust zu Reisen, ja sogar zu KdF.-Fahrten auf der See, hat es dem alten Herrn bisher nicht im geringsten gefehlt. Trotz seines hohen Alters ist er noch für alles Große und Schöne und vor allem für frohe Reiseerlebnisse sehr aufgeschlossen. Dem Jubilar gelten am morgigen 85. Geburtstage in alter herz­licher Verbundenheit auch unsere besten Glück­wünsche.

Der pfingstverkehr hei -er Reichsbahn.

Kleine Statistik vom Bahnhof Gießen.

Wie immer an Festtagen, hat die Reichsbahn auch zu Pfingsten durch die Ausgabe verbilligter Festtagsrückfahrkarten nach allen Bahnhöfen Anreiz zu einer Pfingstreife in die nähere Umgebung oder in die Ferne gegeben und damit sicherlich manchen Reisewunsch erfüllt. Wie zu erwarten, war auch der Pfingstverkehr recht lebhaft, und der Gießener Bahn­hof bot vor Pfingsten und während der Feiertage ein bunt bewegtes Bild.

An den Fahrkartenschaltern herrschte Hochbetrieb, zeitweise hatte sieben Schalter vollauf zu tun, um die Fahrgäste mit Fahrausweisen zu versehen. Die Wehrmacht hatte schon einige Tage vor dem Fest ihre Fahrkarten im voraus erhalten und damit den Verkehr an den Schaltern entlastet.

In der Zeit von Donnerstag, 25. Mai, bis zum zweiten Pfingstfeiertag reiften rund 20 000 Per­sonen in Gießen ob, eine wesentlich größere Zahl als Ostern dieses Jahres. Die Verkehrsspitze wurde am Psingstsamstag und am 1. Pfingstfeiertag er­reicht, an denen je 5000 Personen Gießen verließen. Das Charakteristische an dem Pfingstverkehr waren auch die vielen Fahrten auf weite Entfernungen, die höhere Einnahmen brachten. Am zweiten Pfingstfeiertag setzten bereits die Rückreisen ein und brachten dem Gießener Bahnhof einen außer­ordentlich lebhaften Verkehr.

Der Gepäckverkehr war ebenfalls lebhaft, ebenso wie der Expreßgutverkehr, der im Versand um 6 v. H. und im Empfang um 10 v. H. sogar über dem vorjährigen Pfingstexpreßgutverkehr lag. gur Bewältigung dieses Verkehrs hatte die Reichsbahn wieder besondere Maßnahmen getroffen, um die Expreßgüter so schnell wie möglich ohne Störung des Reisezugverkehrs zu befördern. Leider mußte aus Gründen der pünktlichen Durchführung der Reise­züge eine Annahmesperre für schwere und unhand­liche Expreßgüter verhängt werden, -für die aber immer noch die Eilgutbeförderung offenstand.

Um die Fernexpreßgüter schnell zu befördern und die Fern-V-Züge zu entlasten, verkehrte wieder das bekannte Schnellgüterzugpaar Frankfurt a. M. HamburgAltona und HamburgAltonaKarls­ruhe, das auch Expreßgüter für Gießen anbrachte und von Gießen abbeförderte.

Der Eilgutverkehr war infolge stärkeren Ver­sandes von Frühgemüse und von Milcherzeugnifsen Der VHE. tagt auf

Am 10. und 11. Juni hält der Vogelsberger Höhen-Club seine 58. Hauptversammlung auf dem Hoherodskopf ab. Für Samstag, 10. Juni, ist nach­mittags eine Beiratssitzung vorgesehen, die der Er­ledigung der geschäftlichen Angelegenheiten dienen» wird. Sodann wird sich ein Begrüßungsabend im Klubhaus anschließen. Den Höhepunkt der Tagung bildet die Hauptversammlung am Sonntag, 11 Juni, vormittags, im Saale des neuen Klubhauses. Diese Veranstaltung wird zu einer feierlichen Weihestunde ausgestaltet werden. Anschließend findet gemein­sames Mittagessen statt, dem am Nachmittag frohes Volksfest und schließlich der festliche Ausklang fol­gen werden.

Wie in dem Rechenschaftsbericht 1938 des Ge­schäftsführers in der VereinszeitfchriftDer Vogels­berg" u. a. zu lesen ist, umfaßte der Gesamtverein Ende 1938 insgesamt 37 Zweigvereine mit 2698 Mitgliedern. Don 31 Zweigvereinen wurden ins­gesamt 433 Wanderungen durchgeführt, an denen sich 9530 Wanderer beteiligten. Auf diesen Wande­rungen wurden 220 125 Kilometer mit der Eisen­bahn, 39 896 Kilometer mit Omnibussen der Reichs­post und 214 912 Kilometer mit sonstigen Ver­kehrsmitteln (Privatomnibussen) zurückgelegt. An Wanderauszeichnungen wurden innerhalb der ober- hessischen Vereine verliehen (goldene oder andere Abzeichen) von: Alsfeld 17, Büdingen 9, Busecker- tal 5, Butzbach 41, Friedberg 11, Gießen 20 und

sehr lebhaft und war im Versand um 27 v. H. und im Empfang sogar um 66 v. H. höher als im vori­gen Jahr an Pfingsten.

Diese kleine verkehrsstatistisckje Uebersicht zeigt auch, welche große Arbeit betrieblich zu leisten war, denn die Tausende von Reisenden und die Hunderte von Gütertonnen mußten befördert werden, wozu Sonderzüge, Zugverstärkungen, besondere Bahn- hofsfahrordnungen u. a. m. notwendig waren. Dank der Einsatzbereitschaft aller beteiligten Dienststellen und Eisenbahner wurde der diesjährige Pfingstoer- kehr glatt und ohne Unfälle abgewickelt, bis auf einige unvermeidliche, geringfügige Verspätungen am Pfingstsamstag. KL

Reger Wanderer- nnd Ausflüglerverkehr.

Wenn auch das Wetter am ersten Pfingstfeiertag nicht so schön und verlockend war, wie wir es alle gewünscht hatten, so bot es doch, insbesondere in den Nachmittagsstunden, dankbar begrüßte Gelegen­heit zu Spaziergängen und mehr ober minder weiten Ausflügen in die Umgebung der Stadt. Der gestrige zweite Feiertag brachte, veranlaßt durch das erheblich günstigere Wetter, noch eine Steige­rung des Spaziergänger- und Wandereroerkehrs. In Feld und Wald, insbesondere im Schiffenberger Wald, aber auch nach dem Hangelstein und der Badenburg zu, ebenso in Richtung Krofdorfer Wald und Dünsberg, konnte man viele Ausflügler be­merken, während unmittelbar vor der Stadt, z. B. im Nizza, im Bergwerkswald, an der Lahn und auf dem Trieb, die Spaziergänger in großen Scha­ren Erholung von den Alltagsmühen suchten. Der etwas frische Maiwind ließ zwar den Uebergangs- mantel noch angebracht sein, und die Kleinkinder in den Sportwagen packte man mit gutem Grund auch noch fürsorglich in ein warmes Mäntelchen ein, aber angenehm und erfrischend war dennoch dieserAusflug ins Grüne", wenn man auch dabei nur im windgeschützten Innern des Waldes sich für einige Zeit zu guter Rast hinsetzen konnte. Alles in allem kann man aber den beiden Pfingstfeiertagen das Zeugnis ausstellen, daß sie sich erheblich besser gezeigt haben, als man einige Tage vorher anzu­nehmen geneigt war.

dem Hoherodskopf.

6 für Kinder, Grstnberg 4, Hungen 7, Hüttenberg 1, Laubach 5, Lauterbach 12, Lich 13, Nidda 16, Schotten 11; in den anderen Vereinen Darmstadt 66, Frankfurt 26, Fulad 21, Gelnhausen 10, Hanau 11, Langen 7, Mainz 35, Offenbach 32, Salmünster 5, Schlüchtern 9.

Außer den Wanderungen erstreckt sich die haupt­sächliche Außentätigkeit der Zweigvereine auf die Wegebezeichnung, die Errichtung und Instandhal­tung von Rastplätzen (Bänken), Türmen und Hüt­ten. Das Wegenetz, dessen Markierung der Obhut der Zweigvereine anoertraut ist, ist auf rund 1750 Kilometer gestiegen. In Fragen des Naturschutzes arbeiten viele Zweigoereine mit den zuständigen Behörden zusammen. Kulturbelange werden ge­pflegt durch naturkundliche, kultur- und heimatge­schichtliche Vorträge auf Wanderungen oder im Rahmen der Monatsoersammlungen.

Für 50jöhrige Treue mürben 3 Mitglieder, für 40jährige Mitgliedschaft 1 Mitglied und für 25- jährige treue Mitarbeit 24 Mitglieder mit der Ehrennadel ausgezeichnet.

Dr. Bruchhäuser 70 Jahre alt.

Bei dieser Gelegenheit sei bereits vermerkt, daß der Vereinsführer des Gesamt-VHC., Dr. med. Bruchhäuser in Ulrichstein am 21. Juni seinen 70. Geburtstag begehen > kann. Dr. Bruch­

häuser, eine weithin im Vogelsberg und roeilj über den Kreis des VHC. hinaus geschätzte und be­liebte Persönlichkeit stammt aus Gießen. Nach seinem Studium der Medizin in unserer Stadt wirkte er als Arzt in Grebenhain. Von dort ging er nach Ulrichstein, wo er nunmehr seit annähernd 40 Jahren lebt und wirkt. Nachdem er schon in Gre­benhain dem VHC. beigetreten war und sich allezeit eifrig für die VHC.-Sache eingesetzt hatte, wurde er 2. Vorsitzender des Gesamtvereins und an* 29. Mai 1920 zum 1. Vorsitzenden gewählt. Seitdem hat er mit vorbildlicher Tatkraft für die Ausgaben des VHC. gewirkt. Unter seiner Führung des Ge­samtvereins wurde auf der Herchenhainer Höhe das Ehrenmal des VHC. geschaffen, die Jugendherberge errichtet und das Vater-Bender-Heim erbaut, auf dem Hoherodskopf das Jäger-Heim vom Gefamt- oerein übernommen und das alte Klubhaus ausgc- baut. Auch als Mensch und Arzt hat sich Dr. B r u ch- h ä ufer durch seine ausgezeichneten Charakter­eigenschaften und durch sein allezeit liebenswürdiges

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unb hilfsbereites Wesen überall große Werk, schätzung erworben. Zu seinem 70. Geburtstage gel­ten ihm die herzlichsten Wünsche vieler Volksge­nossen in Stadt unb Land, insbefonbere natürlich seiner VHCer. Auch wir bringen dem um bie All­gemeinheit oerbienten Manne zu feinem Geburts­tage unsere besten Wünsche bar.

Fisch auf jeden Tisch.

Nach wie vor bieten sich ber Hausfrau alle Mög< lichkeiten, frischen Fisch in den verschiedensten Va­riationen auf den Tisch zu bringen. Mit Ausnahme von Goldbarsch sind alle Sorten von frischen See­fischen vollkommen ausreichend vorhanden, beson­ders Kabeljau ist in ganz besonders starkem Maße auf dem Markt. Die vielen Zubereitungsmöglich­keiten, die gerabe dieser Fisch zuläßt, sollten unsere Hausfrau besonders stark zu seiner Verwendung anregen. Leider zeigt es sich, daß für die Küche in etfter Linie Goldbarsch sehr stark gefragt wird, von dem Kabeljau ober dem Seelachsfilet wird leider, lediglich infolge seines weniger guten Aus­sehens, noch nicht soviel Gebrauch gemacht, wie es im Interesse unserer Ernährungslage notwendig wäre. Sehr empfehlenswert ist auch für den Abend­tisch die Verwendung von Räucherfischen und Ma­rinaden. Stückenfifche sind völlig ausreichend vor­handen, unb wer einmal sich mit dem Geschmack dieser ausgezeichneten Räucherfische angefreunbet hat, wirb sie nicht mehr auf dem Abendbrottisch vermissen wollen.

Gießener Wochenrnarktprette.

* G i e ß e n , 30. Mai. Aus dem heutigen Wochen», markt kosteten: Markenbutter, % kg 1,60 Mark, Matte 25 bis 50 Pf., Käse, das Stück 4 bis 10- Wir­sing, grün, V> kg 25, Gelberüben, neue, Bündel 25 bis 35, alte, % kg 15 bis 18, Spinat 20 bis 25, Spargel, 1. Sorte 64, 2. Sorte 58, 3. Sorte 55, 4 Sorte 30, Erbsen 25, Tomaten 50, Zwiebeln 16 bis 18, Rhabarber 10 bis 18, Kartoffeln, alte 5, 5 kg* 45 Pf., 50 kg 3,40 bis 4, Mark, neue, % kg 18 Pf., Salat, Stück 15 bis 25, Salatgurken 50 bis 80, Oberkohlrabi 15 bis 25, Lauch 5 bis 15, Rettich, Bün­del 12 bis 25, Stück 10 bis 20, Radieschen, Bund 10 bis 15 Pf.

*

** Arbeitsjubiläum. Das Gefolgschafts* mitglied Heinrich W i ß n e r aus Beuern feierte' am Samstag fein 25jqhriges Arbeitsjubiläum in der Firma Metallgießerei Wilhelm Zimmer GmbH. Gießen. Aus diesem Anlaß fand im Werk I der*

Oer Vierte kommt nicht." Lichtspielhaus.

Der Kriminalfilm ist noch immer ein Lieblings­kind der Produktion und wird es wohl auch bis auf weiteres bleiben; die Gründe liegen, auf ber Hand: im Stofflichen begründete Spannung und Anregung der Phantasie verbinden sich hier fast immer mit Möglichkeiten technischer Art, in deren Anwendung die Kamera vielfach dem Theater ebenso überlegen ist wie dem Buche. Das Drehbuch schrieben diesmal Charles Klein und M. W. .K i m m i ch , der auch Regie führte. Es handelt sich um die Aufklärung eines Kapitalverbrechens in Schweden. Der Film ist sorgfältig aufgebaut und in »Szene gesetzt: er beginnt mit Musik und im ge­dämpften Tone eines Kammerspiels. Dann folgt, Ziemlich zu Beginn der Handlung, .die Entdeckung Les Verbrechens; drei von vier alten Schulkame­raden, die sich von Zeit zu Zeit zum Quartettspielen «treffen, warten vergeblich auf den vierten, der ohne Begründung und Entschuldigung ausbleibt; der Vierte kommt nicht, er wird wenig später tot auf- gesunden. Man muß zunächst Selbstmord annehmen, päter finden sich Verdachtsmomente, die auf ein Verbrechen schließen lassen. Der Film bedient sich Der analytischen Technik. Die Polizei bleibt im wesentlichen aus dem Spiel; bie Freunde des Toten uchen den Fall auf eigene Faust zu klären; immer« bin muß ber Kreis ber Beteiligten ein wenig er­weitert werden. Die Kamera reiht Szene an Szene, .etzt Bild neben Bild wie in einem Mosaik, unb :s ist für ben gefesselten Beschauer sehr reizvoll, zu verfolgen, wie ganz allmählich Licht in bas Dunkel lällt, bie Spuren sich häufen, roieber verwischen unb verwirren, unb wie nach unb nach auf glaubhafte Lßeife sechst jene, die sich aus Freunbschaft um die Aufklärung bemühen, vom Verdacht gestreift wer­den, bis endlich in einer dramatisch zugespitzten, ü berraschenden Szene gegen Ende der wahre Schul­dige entlarvt wird. Die Besetzung ist sorgsam ge­wählt und so ebenmäßig abgewogen, daß von einem wirklichen Ensemblespiel gesprochen werden kann. Die Männer haben darstellerisch das Uebergewicht: Ferdinand Marian, Franz Schaf he itlin, ferner Hinz, Alexander Engel, Karl Foch- Le r, Werner Schars und Dr. Stimme!; unter den weiblichen Rollen ist wohl bie sch merz en­twiche Mutter ber Frau Lina Lossen zunächst nennen, ferner Elisabeth W nbt, Dorothea II i e ck, Melitta Kiefer unb Charlott Dau - tert. Der Kameramann heißt Fritz Arno A a g n e r. (Tobis.)

Im Vorprogramm sieht man bie neue Wochen­schau der Tobis, einen Kulturfilm mit schönen und lebendigen Aufnahmen von einem, Jagdreiten ber Reitschule in Hannover, unb ein kleines Lustspiel.

Hans Thyriot.

Reiherflug.

23on Karl Scherer.

lieber bem mächtigen Seebecken zwischen hohen Wälbem ist bie Sonne aufgegangen; auf der spiegel­glatten Wasserfläche, die im Zwielicht des Früh­dämmers wie ein schillernder Opal glänzte, liegt blutroter Schein. In den knospenden Schwarz­pappeln an der See-Enge, über bie ber kilometer- lange Viabukt bes Schienenweges läuft, pfeifen bie Stare, golbgelbe ftäubenbe Samenwölkchen wirbeln aus den Mandelweiden im Frühwind über bie sumpfigen Ufer. Unter den Rohrstauden und ben lichtgrünen Schossen ber jungen Schilfkolben rubern schwarzblaue Wasserhühner umher, fischenbe Hau­bentaucher gleiten über bie weite, jetzt in tausend funkelnden Reflexen glitzernde Fläche, Moasammern knarren in den Ellern, und ber rostrote Rohr­dommelhahn läßt seinen brüllenden, schreckhaften Liebesruf hären.

Aus ben Kronen ber alten Eichen auf der Hügel­kette über dem See kommt heiseres Krächzen, Gieren und Schnalle n. Dort>stehen in den noch unbelaub­ten Wipfeln ber starken Stämme bie Brutstände ber Fischreiher, mehr als ein Dutzenb Horste. Die alten Reiher streichen ab und zu, und wenn sie breit klafternd heranschweben, verstummt der letzte Unken­ruf im Röhricht. Auf den grobgefügten, fturmfeften, innen aber mit feinen Reisern und biegsamen Weidenruten ausgepolsterten Horsten stehen die Jungvögel, ihre grauen Schattenrisse schneiden dun­kel in die übersonnten Walken. Jetzt zieht ein Reihervater in prächtigem Flug über ben See, atzt bie schreienbe Brut unb streicht unverweilt roieber dem schlammigen Ufer zu, um bald mit schwerem Kropf zurückzukehren und ben auf bie höchsten Ast- spitzen hinausgefluberten Nesthockern Weißfische unb junge Aale, Elritzen und braune Moorfrösche hin­einzuwürgen. Dann isr bie Reiherhenne ba, unb nicht lange nachbem sie abgestrichen ist, rubert der Alte wieder heran. So geht es tagsüber auf allen Horsten; erst wenn ber Abend kommt und bie Sterne Heraufziehen, wird es still in den Kronen. Auf dem stärksten Wipfelast über ber Brut fußt ber Familienvater, und die Muller deckt ihr wärmendes Kleid über bie noch schwach befieberten Nestlinge, l

Steigt bann ber Mond hinter ben Hügeln herauf unb gießt sein Silberlicht über See unb Walb, liegt tiefes Schweigen über den Bäumen, bis im Osten das Frührot des nächsten Tages erwacht und bas Spiel von neuem beginnt...

Der Reiher, ein wehrhafter, flugkräftiger und schöner, als Fischräuber aber schäblicher Großwilb- vogel, wurde mehr als ein Jahrtausend hindurch um bes hohen Reizes ber Beizjagd und bis in unsere Zeit hinein um seiner Schmuckfebern willen gejagt unb verfolgt unb zu Millionen vernichtet, so daß er heute, obwohl unter Schutz gestellt, in Deutschland fast völlig ausgerottet ist.

Einst war er ein häufiges Flugwild auf allen deutschen Seen und Strömen; das war die Blüte­zeit der Falknerei, die als die vornehmste Art des Weibwerks galt. Die Jagb mit bem Beizoogel, zu­erst von den Arabern betrieben, bann lange Zeit fast vergessen unb erst burch bie Gründung ber Gaufalkenhöfe von Braunschweig. Ortelsburg unb Robenkirchen neu belebt, wurde in Deutschland seit dem frühesten Mittelalter geübt; schon zur Zeit der Karolinger stand sie in hohem Ansehen. Die Reiherbeize war neben dem Turnier bie edelste aller ritterlichen llebungen; wahrscheinlich war bie Falken- jngbbas einzige höfische Spiel, bas beide Geschlech­ter gemeinsam ohne Vorwurf genießen bürsten". Ihre Glanzzeit erlebte sie unter dem Staufer Fried­rich II., dem Sohn Heinrichs VI., ber auch die erste Abhandlung über diese Jagdart verfaßte. In den langwierigen Kämpfen mit ben lombarbischen Städten sah Friedrich sich 1248 zur Aufgabe der Belagerung von Parma gezwungen, weil die Ver­teidiger sein verschanztes Lager überrumpelten, als er gerade auf der Reiherbeize war...

Von ber flandrischen Ritterburg hoch über bem Flußtal kommt ein glänzender Reiterzug herab, reichgeschirrte Pferde, die Junker im braunen Wild­leberwams, bie Ebelfrauen in wallenben Schleiern und grünen .Samtgewändern und federgeschmückter Marderkappe. Am Erlendruch warten die voraus­gesandten Falkeniere. Das ganze Bruch lebt, Wasser­rallen laufen über die violetten Blatteller ber weiß- blühenben Seerosen, Wilbenten streichen über bas Rohr, doch noch ist kein Reiher zu sehen. Die fischen jetzt an den fernen, reichbesetzten Klosterteichen; erst wenn die Sonne zur Rüste geht, kehren sie zu ihren Geständen in den hohen Eschen zurück.

Da hebt ber, auf einem Hügel haltende Vorreiter, der auf bem Sattelknopf ben Rahmen mit ben ver­kappten Jagdfalken trägt, bas blanke Weibmesser und wendet sein Pferd im Sprung nach Westen bas Zeichen, baß ein Reiher vor ber sinkenben

Sonne heranschwebt. Der hatte am verschilften Wei* her junge Karpfen unb Schleien gefischt unb strebt mit gefülltem Kropf bem Horste zu. Jauchzend, mit verhängten Zügeln sprengt die Kavalkade dem Wild entgegen. Der Reiher wendet mit heiserem Angstruf, entkröpst sich zu leichterem Flug und sucht zu ent« kommen. Da wirdEdilo", ber stärkste der Falken, enthaubt und'hochgeworfen, steigt mit wildem Schrei windschnell auf und hat in Augenblicken den Ver­folgten überhöht. In jagender Fahrt über Stock unbi Stein, durch Bruch unb Heibe folgt bas Geschwabey dem Fliehenden. Jetzt hat der Falke ihn irreicht, fällt wie ein Keil herab und schlägt seine scharfen Fänge mit festem Griff in ben Hals bes Opfers. Feberwirbelnb sinken beide in schrägem Gleiten zu Boden, indessen bas Reiterfeld heranstürmt, jeder von dem Ehrgeiz beseelt, bem Verenbenben bie schmuckvollen Nackenfebern zu rauben ...

*

Versunkene Zeiten. In Deutschland ist, wie er» roähnt, ber Fischreiher fast vernichtet; an einigen wenigen märkischen Seen, am Main unb Altrhein unb in ben Mooren ber niebersächsischen Heibe sind noch geringe Bestäube 3U1 finden. Auf den großen Besitzungen Englands und Hoch-Schottlands mit den fischreichen Wildwässern wird er noch verständnis­voll gehegt. Ein besonders anziehendes Bild bieten die zum Wahrzeichen der Stadt gewordenen Reiher» gestände Rotterdams. Um die Mitte des letzten Jahr­hunderts siedelten sich in den hohen Bäumen des dortigen Zoologischen Gartens neben bem mächtigen Vogelhaus Fischreiher an, wahrscheinlich angelockt burch die Schwärme exotischer und europäischer! Wasseroögel, welche die Freianlagen bes Gartens bevölkern. Als Zugvögel im Herbst nach bem Süben ziehenb, kehrten sie regelmäßig zurück unb behüten sich von Jahr zu Jahr mehr aus. Inzwischen wuchs Rotterbam zur Halbmillionenstabt an, neue Stadt­viertel entstanden, und die fortschreitende Aus­dehnung des Weichbildes Zwang die Bewohner bet' Kolonie zu immer weiteren Flügen zur Nahrungs­suche nach ben Kanälen, Wasserläufen unb Stranb- jeen ber Lanbfchaft. Heute zählt ber Garten etwa 150 Horste; bie ständig ab-- und zustreichenden großen Vögel beleben das Stadtbild in wunder­barer Weise unb finb zu Lieblingen ber Bewohner geworben.

Hochschuluachrichten.

Der ao. Professor Dr. Hermann v. Mangolbt (öffentliches Recht) an ber Universität Tübingen wurde zum ordentlichen Professor in Tübingen er­nannt.