Wohnungsgrundriß und Lnstallationstechnik.
Die Stadtwerke Gießen hatten für den gestrigen Abend zu einem Vortrag in den Hörsaal des Chemischen Instituts eingeladen, der in erster Linie diejenigen Interessenten vereinigte, die mit Wohnungsbau und Jnstallationstechnik zu tun haben. Dr. G o e r e s hieß die Zuhörer und den Redner willkommen. Oberingenieur Lothar Pohl, der Leiter der Abteilung „Wasser" in der Zentrale für Gas- und Wasserverwendung Berlin, sprach über das Thema „Der Wohnungsgrundriß und seine Abhängigkeit von der Installationstechnik unter besonderer Berücksichtigung der wasserhygienischen Einrichtungen". .
Der Redner ging davon aus, daß das Streben nach einer besseren Wohnkultur so alt sei, wie die Menschheit selbst. Wenn man von den technischen Bedürfnissen in der Wohnung spreche, übergehe man aber meistens das erste und wichtigste Bedürfnis, den Wasseranschluß an eine zentrale Versorgung. Die Frage des Wasseranschlusses sei durchaus nicht selbstverständlich, und auch auf diesem Gebiete gebe es noch manches Problem zu lösen. Leider fehle dem größten Teil der Woynungen noch eine wasserhygienische Einrichtung zur regelmäßigen Körperpflege.
Die Gesunderhaltung unserer Jugend ist unsere wichtigste Aufgabe! TNeldet der 3XS*B. Freiplähe für Kinderlandverschickung!
Diese Einrichtung fehle vor allem in Wohnungen, in denen sie am notwendigsten sei. Gerade die körperlich arbeitende Bevölkerung mit geringem Einkommen bedürfe besonders der Möglichkeit einer Verbesserung der Gesundheitspflege. Bäder seien meist nur in den teuren Wohnungen vorhanden. Die berechtigte Sorge um die Gesundheit aller Schaffenden und ihrer Familien fordere für jede Wohnung eine Badeeinrichtung. Diese Forderung lasse sich, so sagte der Redner, ohne weiteres durchführen. Ein geräumiges Badezimmer sei dazu gar nicht nötig. Die Badewanne sei keine unbedingte Notwendigkeit. Vielmehr sei der Dusch- und Brauseanlage alle Aufmerksamkeit zuzuwenden. In seinen weiteren Darlegungen sprach der Redner über die kostenmäßig tragbare Warmwasserversorgung für diese Duschanlagen und zeigte außerdem eine Reihe von Plänen, in denen glückliche räumliche Lösungen ohne fühlbare Einschränkungen des an sich schon geringen Wohnraumes festgelegt waren. In grundsätzlichen Darlegungen beschäftigte sich der Redner außerdem mit dem hohen Wert des Wassers für die Pflege der Gesundheit und die Erhaltung des Lebens überhaupt.
Gchlußfeier
der Landwirtschastsschule Gießen.
Die Landwirtschaftsschule Gießen hielt im Saalbau Liebigstraße ihre Schlußfeier ab, zu der auch Kreisbauernführer Ott, der Stabsleiter der Kreis- bauernschaft, Dr. Craemer, Tierzuchtdirektor, Landwirtschaftsrat Dr. E. Wagner, Beigeordneter Nicolaus, mehrere Ortsbauernführer und viele Eltern und Gäste erschienen waren.
Die Jungen und Mädchen gaben mit ihren Gedichten, Schargesängen und Volkstänzen einen Einblick in die Fülle des Unterrichtsstoffes. Mit ihren Turn- und Gymnastikübungen zeigten sie, daß auch die Leibesübungen hier eine Pflegestätte gesunden habetz. Ein Schüler sprach über die Aufgaben des Bauern in der Erzeugungsschlacht, und ein Mädchen, die 2. Gausiegerin im Reichsberufswettkampf des Vorjahres, sprach über die Erleichterungen, die notwendig sind, um die Bauersfrau zu entlasten.
Der Direktor der Schule, Oberlandwirtschaftsrat Dr. Lung, dankte allen Eltern, die ihre Kinder in die Landwirtschaftsschule geschickt haben, für ihre Mithilfe. Er stellte die Erfolge der Schule in den Vordergrund, an der Lehrerinnen, Lehrer und Referendare ihre Staatsprüfung abgelegt haben, und berichtete mit Stolz davon, daß durch die Jungen der 1., 2. und 6. Kreissieger, von den Mädchen die
Die Landwirtschaft braucht Mdei aus dem Pflichtjahr!
Die Pressestelle des Landesarbeitsamts Hessen teilt mit:
In der Tagespresse ist in den letzten Wochen wiederholt darauf hingewiesen worden, daß das Pflichtjahr für Mädchen vor allem den Zweck hat, der deutschen Landwirtschaft zusätzliche Arbeitskräfte zuzuführen. Wenn heute wegen des Kräftemangels in einzelnen Gebieten des Reiches bereits die Aufrechterhaltung des landwirtschaftlichen Erzeugungsstandes gefährdet ist, bann ist wirklich der äußerste Zeitpunkt gekommen, um den bäuerlichen Betrieben wirksam zu helfen. Leider zeigen die bisherigen Erfahrungen der Arbeitsämter bei der Durchführung des Pflichtjahres, daß ein recht erheblicher Teil der Eltern und Mädel den Sinn dieser Einrichtung noch nicht in vollem Umfange erfaßt oder jedenfalls noch nicht die persönlichen Folgerungen für sich gezogen hat. In den größeren und Großstädten des Landesarbeitsamtsbezirks Hessen hat sich der überwiegende Teil der Mädel zur Ableistung des Pflichtjahres in städtischen Haushalten gemeldet, während der Hauptbedarf an Pflichtjahrmädeln auf dem Lande gegeben ist.
An die Eltern und vor allem an die Müller ergeht deshalb der Appell, sich den Notwendigkeiten des Augenblicks nicht zu verschließen. Jede Mutter muß erkennen, daß die Arbeit in der Landwirtschaft für alle Mädchen, die dafür geeignet sind, eine Pflicht ist, der sich niemand entziehen kann; jede Mutter sollte sich der Verantwortung bewußt sein, die ihr bei der Beratung und Beeinflussung ihres Kindes zufällt. Vor allem müßten sich die Eltern auch vor einer allzu, großen Aengstlichkeit hüten, die nach den tatsächlichen Verhältnissen unbegründet ist. Sie müssen sich, wenn die Mädchen das Kindesalter überschritten haben, auch einmal enl- schließen, sie aus ihrer ständigen Betreuung fortzulafsen. Die Mädchen sollen Gelegenheit erhalten, sich in fremden Verhältnissen zurechtzufinden und mit wachsender Selbständigkeit einen eigenen kleinen Arbeitsbereich auszufüllen.
Dssr an sich verständlichen Sorge der Eltern um das Wohlergehen ihrer Kinder wird von den Arbeitsämtern in jeder nur möglichen Weise Rechnung getragen. Jede Arbeitsstelle auf dem Lande wird vom Reichsnährstand geprüft; dieser übernimmt gemeinsam mit BDM. und dem Arbeitsamt die Betreuung der Pflichtjahrmädel. Im übrigen aber sind die Mädel nicht aus der Welt; sie bleiben im Bezirk der Gaue Hessen-Nassau und Kurhessen, also in der engsten oder näheren Umgebung. Selbstverständlich werden Mädchen, die körperlich nicht leistungsfähig fifib, nicht für landwirtschaftliche Stellen ausgewählt. Aber normal entwickelte Mädel pflegen sich erfahrungsgemäß bei der Landarbeit sehr gut herauszumachen; sie tragen durch den Aufenthalt auf dem Lande
einen dauernden Gewinn für ihre g'anze körperliche Entwicklung und ihr ferneres Leben davon, ganz abgesehen von der Erweiterung ihres Gesichtskreises und der allgemeinen Bereicherung, die jeder Städter empfängt, der nicht nur zu Besuch, sondern zum Mitleben und Mitarbeiten auf dem Lande geweilt hat.
Neben der verständlichen Sorge der Eltern um ihre Kinder werben aber vielfach von den Erziehungsberechtigten auch Gründe für die Einweisung in einen städtischen Haushalt vorgebracht, die in keiner Weise als berechtigt ober auch nur verständlich angesehen werden können. Das Pflichtjahr wird von manchen Volksgenossen immer noch als ein lästiges liebel empfunden, mit dem man auf die angenehmste Art fertig werden möchte, und so meint man dann, es wäre am bequemsten, wenn das Kind in der Stadt verbleibt. Oder aber die Mädel bzw. deren Eltern wollen die Verzögerung des Eintritts in einen gewerblichen ober kaufmännischen Beruf dadurch umgehen, daß das Mädel außer feiner Tätigkeit im Haushalt am Abend schon einen Stenographiekursus mitmacht ober eine ähnliche zusätzliche Ausbildung bekommt. All diese Versuche lassen sich mit dem Sinn des Pflichtjahres nicht in Einklang bringen. Für alle Pflichtjahrmädchen, die später in einen gewerblichen oder kaufmännischen Beruf gehen wollen, beginnt die Berufsausbildung ein Jahr später. Es geht nicht an, daß einige Mädchen deshalb in städtische Haushalte vermittelt werden wollen, um gegenüber den übrigen einen Vorsprung in der Berufsausbildung oder einen sonstigen angeblichen oder tatsächlichen Vorteil zu erzielen.
Da die Eltern und Mädel zum größten Teil nicht von sich aus zu der richtigen Einstellung zum Pflichtjahr gekommen find, hat der Präsi
dent des Landesarbeitsamts Hessen die Arbeitsämter seines Bezirks angewiesen, fortan körperlich geeignete Mädel nur noch in landwirtschaftlichen Stellen a n- zusehen und solchen Mädeln auch nur die Zustimmung zum Antritt einer Stelle in der Landwirtschaft zu erteilen. Neben der ländlichen Arbeitsstelle steht gleichberechtigt die Mitarbeit im Landdienst der HI. Mädel, die das erforderliche Alter erreicht haben und im weiblichen Arbeitsdienst Aufnahme finden, können auch auf diese Welle einen Teil des Pfiichtjastres ableisten. Das hauswirtschaftliche Jahr auf dem Lande schließlich ist für diejenigen Mädel bci- behallen worden, die gern aufs Land gehen wollen, aber noch nicht den vottm Arbeitsplatz einer Jugendlichen ausfüllen können. Ferner gibt es auch Amfchulungslager, in denen die Stadtmädel zunächst zu einer Gruppe zufam- mengefaht und mit den ländlichen Verhältnissen und der landwirtschaftlichen Arbeit vertraut gemacht werden.
Es ist nichts Außergewöhnliches, nichts Unbilliges, was von den Eltern und Mädeln verlangt wird, es ist etwas, was Tausende von deutschen Madeln schon erprobt und mit bestem Erfolg geleistet Haben. Der Bedarf der Landwirtschaft an Arbeitskräften wird voraussichtlich noch lange Zeit anhalten. Es hat daher keinen Sinn, mit der Ableistung des Pflichtjahres etwa zu warten. Das Mädel verliert dadurch nur Zeit, gewöhnt sich an ein leichtes Tagewerk und muß dann später doch den Dienst in der Landwirtschaft ableisten. Darum ist es <im 'besten, jeder entschließt sich rasch, zu tun, was notwendig ist.
Postdienststelle für Gießen-Ost.
Im „Gießener Anzeiger" Nr. 24 vom 29./30. Januar und Nr. 30 vom 5./6. Februar 1938 wiesen wir in einer Betrachtung über „Baulücken in Gießen" darauf hin, daß im Stadtteil Gießen-Ost der Mangel an einem Postamt immer stärker empfunden werde. Angesichts^rxiancher Baulücken in den Straßenzügen jener Stadtgegend machten wir den Vorschlag, dort ein Haus für ein Bezirks-Postamt zu errichten bzw. zum mindesten eine Postdienststelle zu schaffen. In dankenswerter Weise ariff der Leiter des Gießener Postamts, dem ja aus feiner täglichen praktischen Erfahrung der Notstand des Postdienstes in diesem Stadtteil ausreichend bekannt ist, den Gedanken auf und machte feine vorgesetzte Behörde auf diesen dringlichen Wunsch der Oeffentlichkeit aufmerksam.
Im Verlaufe des vorigen Jahres wurden dann mehrere Möglichkeiten zur Schaffung einer Post
dienststelle erwogen. Von dem Bau eines Hauses mußte leider Abstand genommen werden. Nunmehr steht eine Lösung, mit der man für absehbare Zeit zufrieden fein kann, in guter Aussicht. Es ist beab» sichtigt, im Parterre eines Hauses in der oberen Kaiserallee Räume zu mieten und dort eine Postdienststelle Gießen,-Ost einzurichten. Die Vertragsoerhandlungen sind zur Zeit noch im Gange, man kann aber die Hoffnung hegen, daß sie in nächster Zeit zu einem erfolgreichen Abschluß kommen werden. Dann wird es nach der Räumung der Lokalitäten durch den jetzigen Inhaber und nach einigen für die Postzwecke erforderlichen Umbauten möglich sein, voraussichtlich von Mitte des kommenden Sommers ab die Postdienststelle Gießen-Ost dem Dienst für die rund 8000 Bewohner jenes Stadtteils zur Verfügung zu stellen.
4. Kreissiegerin im Reichsberufswettkampf gestellt wurden. Eine besondere Anerkennung wurde der Schule für den Dorfgemeinschaftsabend zuteil, den sie anläßlich des Kreisbauerntages in Friedberg vorgeführt hatte. Direktor Dr. Lung ermahnte die Jungens, nicht fahnenflüchtig zu werden und der Scholle die Treue zu bewahren, und die Mädchen erinnerte er daran, daß der Jungbauer auch eine tüchtige Hausfrau brauche, damit er das Erbe der Dä^er wahren kann.
Kreisbauernführer 011 dankte Oberlandwirt- fchaftsrat Dr. Lung und dessen Mitarbeitern für die reichliche Mühe, die sie sich mit der Dorfjugend gegeben haben, und sagte, zu den Schülern gewandt, daß die Bauern stolz sind auf ihre Jugend, die sich frisch und mutig gezeigt und sich unter der Anleitung der Lehrer das theoretische Wissen für ihren Beruf erarbeitet hat, das sie befähigen wird, einstmals ihre Pflicht gegenüber dem Berufsstande und dem Volke zu Erfüllen. Er ggb feiner Genugtuung darüber Ausdruck, daß sich die Jugend unbeschwert der Freude hingibt; denn nur ein
froher Mensch wird hart und tapfer sein können, wenn schwere Aufgaben an ihn herantreten.
Durch eine umfangreiche Ausstellung von Handarbeiten aller Art bewiesen die Mädchen, daß der Nutzen, den sie mit heimnehmen, ein sehr großer ist. Ein Dorfgemeinschaftsabend beschloß die schöne Feier.
»Lachendes Allerlei/'
Wieder eine große „kdF."-Veranstallung.
Unter dem Motto „Lachendes Allerlei" findet am 3. April im Gloria-Palast, Gießen, ein üoh der NS.-G. „Kraft durch Freude" veranstalteter Bunter Abend mit Herbert Jäger und Udo V i e tz statt. Herb.Jäger ist durch seine SenduiTgen im Deutschlandsender „Allerlei von 2 bis 3" als „Jäger aus Kurpfalz" feit langem bekannt. Udo V i e tz, der vielseitige Ansager und Vortragskünstler, zeichnet für Stunden köstlichen Humors und Heiterkeit verantwortlich. Außerdem wirken mit: Ingrid Larssen, Deutschlands beliebteste Saxophonsolistin, Leonore Bader, der Liebling der deutschen Rundfunkhörer, und Helmuth Moenke, der Meister des Akkordions.
Genossenschaft für Viehverwertung Gießen.
Die Genossenschaft für Di chver wertung Gießen e. G. m. b. H. hielt am Samstag unter Leitung des Aussichtsratsoorsitzenden, Ortsbauernsührers Scha- f e r (Annerod) im „Burghof" zu Gießen ihre ordentliche Generalversammlung ab, der auch Ober« reoisor Direktor Hartmann und Direktor 2r. van Bentheim beiwohnten.
Der Direktor der Genossenschaft, Heß, erstattete den Jahresbericht, aus dem u. a. entnommen werden konnte, daß der Umsatz eine 200projent;ge Steigerung erfahren hat. Der Mitgliederstand weist
f'“Musiko"Challier
Gegr. 18 57* 01 655611 • NeuenweglO
Vas Wöchm WO.
Nomon von rvalthec kloepffcr.
Copyright by dntl Duncker Verlag,Aeclin>VZ5
32. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Holl überlegte zornig, ob er sich diesen Herrn Tinser nicht kaufen sollte. Es war für ihn eine ausgemachte Sache, daß Tinser fein Nachfolger war. Wozu wäre Maxie sonst mit diesem Herrn nach Gattersee gefahren? Holl kaute aus einer Glas- rispe herum und stellte sorgenvoll fest, daß ihm das abtrünnige Mädchen Maxie viel mehr zu schaffen machte als gut war.
Ringsum duftete es stark nach Harz, noch Kiefern und Mutter Erde. Ein fleißiger Käfer turnte an einer Marguerite herum, und Grashüpfer sprangen durch die grüne Wildnis. Geschäftige Ameisen liefen kopflos über einen ausgetretenen Pfad, als hätten sie etwas vergessen. Holl preßte sein Gesicht zwischen die Pflanzen und hörte den gesunden Schlag seines Herzens. Er gestand sich, daß er Maxie noch immer liebe, sonst wäre ja alles viel einfacher.
In der Ferne meinte ein Kind in langgezogenen Tönen. Andere hatten demnach auch ihre Zusammenstöße mit dem Leben, dachte er, aber es war ein spärlicher Trost. Nun setzten die Töne aus; jetzt kamen sie wieder. War das überhaupt ein weinendes Kind? Das klang doch mehr nach Stöhnen. Holl stützte sich auf die Ellbogen und lauschte. Dann erhob er sich, um nachzusehen. Es schien aus dem Wäldchen zu kommen. Er ging am Rand des Jungholzes entlang. Die langgezogenen Töne nahmen an Stärke zu, ein heller Stein kam in Sicht, der wie eine Bank aussah. Holl drang in die Büsche, kreuz und quer,. immer diesen klagenden Vokalen nach, räumte Blätter zur Seite und Föhrennadeln und stand endlich, ziemlich erschrocken, vor einem menschlichen Körper, der sich schwach bewegte und mit dem Kopf noch im Dunkeln lag. Holl bückte sich, schob Zweige auseinander und erkannte voll Entsetzen Tinser.
Holls nächster Gedanke war: hier liegt ein danebengelungener Selbstmord vor. Denn Gesicht und Kleider Tinsers waren mit Blut verschmiert. Da Holl aber weder Waffe noch Einschußöffnung fand, entschied er sich für Mordanschlag. Tinser hatte die Lider geschlossen und schrie unterdrückt, als Holl ihn anfaßte.
„Was ist denn geschehen?"
Nur Stöhnen als Antwort.
„Hat Ihnen jemand was getan?" rief Holl in das fremde Ohr.
Tinser schlug die Augen auf.
„Wer hat Sie denn so zugerichtet, Mann? Wie? Ich verstehe nicht! Gaidl sagen Sie? Gaidl?"
Tinser machte kraftlos eine bejahende Kopfbewegung.
„Ja, wer ist denn dieser Gaidl? Gaidl, Gaidl — kenne ich nicht." Plötzlich hatte er eine Erleuchtung. „Ist Gaidl etwa jener Mann, den Sie in Seesham bei sich im Wagen hatten?"
Tinser nickte.
„Er hat Sie niedergeschlagen? Warum denn nur? Wegen Geld?"
Tinser gurgelte undeutliche Worte, mit denen sich Holl nicht zurechtfand. Zwei derselben kehrten immer wieder: das Wort „Einbruch" und das Wort „Föpplfaden". Holl hatte keine Ahnung, wie das zusammenhing. Er sagte:
„Ich hole jetzt Hilfe. Ich komme gleich wieder." Dann stürzte er davon. Er lief nach der Fabrik und alarmierte, was ihm in den Weg kam. Sein Gerenne und Geschrei lockte auch den Hausmeister herbei.
„Was ist denn los? Brennt es?"
„Man hat Tinser überfallen. Er liegt schwer verletzt drüben im Wäldchen. Wir brauchen eine Tragbahre. Wo bleiben denn diese langweiligen Brüder? Sie kommen doch auch mit, Giesecke?"
„Jawoll, natürlich!" murmelte der verstört.
Als Holl mit seinen Helfern an di,e Unglücksstelle zurückkam, war Tinser ohne Bewußtsein. Man trug ihn ins Krankenhaus. Es dauerte nicht lange, so erschien Paula Gieseke, atemlos, halb gelähmt vor Schreck und ganz verweint. Als sie Tinser gewahrte, den man inzwischen zu Bett gebracht hatte, schrie sie hemmungslos:
„Mein Gott, wie haben sie ihn zugerichtet! Alles voll BlutI Aber ich weiß schon, das war — dieser Mensch, dieser Verbrecher! Ach, Desi, was haben sie mit dir angestellt? — Muß er sterben?" wendete sie sich totenblaß an Dr. Holl.
„Das wollen wir nicht hoffen. Ich muß erst untersuchen", tröstete er. Die Diagnose lautete: Schlag llstt einem harten Gegenstand, Zerreißung der Kopfschwarte, Gehirnerschütterung und Bluterguß m die Gehirnhäute. Der Schädelknochen war zum Glück nicht geborsten. Ob in der Tiefe noch weitere Verletzungen Vorlagen, entzog sich der Entscheidung. Man konnte nichts tun, als abwarten. Holl nahm mit einiger Verblüffung zur Kenntnis, daß zwischen Herrn von Tmser und Fräulein Gieseke nähere Beziehungen bestanden. Gleich zwei Liebchen, das ist em bißchen mel, dachte er bitter. Anschließend hatte
Holl eine zwar nur geflüsterte, aber desto wichtigere Unterredung mit dem Hausmeister.
„Haben Sie eine Ahnung, Gieseke, wen Ihre Tochter mit dem Verbrecher meint?"
Emil Gieseke schüttelte den Kops. Auch ihm war neu, daß sich zwischen dem Baron und Paula etwas angesponnen hatte. Er nahm das mit gemischten Gefühlen auf und machte eine verkniffene Miene. Leider war zu einer sofortigen Aussprache hier durchaus nicht der Ort. Später würde er ja hören.
„Wissen Sie, wer Tinser Überfällen hat, Gieseke? Ein gewisser Gaidl, wenn ich recht verstanden habe, jenes Subjekt aus Seesham, von dem ich Ihnen erzählte: unser Kabinenmann. Tinser hat vorhin auch etwas von Einbruch und Föpplfaden gestöhnt. Immer wieder hat er diese zwei Worte gebraucht. Können Sie sich das zusammenreimen? Die neue Erfindung ist doch noch gar nicht in Betrieb", sagte Holl.
Gieseke erschrak sichtlich und erwiderte:
„Lieber Himmel, es wird doch nicht das Herstellungsgeheimnis in Gefahr sein? Vielleicht will man einbrechen und das Manuskript stehlen? Ich muß sofort zum Chef. Hat der Baron sonst noch etwas geäußert?"
„Gar nichts. Nur diese Worte."
Emil Gieseke rannte hinaus. Holl und die Schwestern hatten vollauf damit zu tun, das verzweifelte Mädchen zu beruhigen und zum Gehen zu bewegen. Als Holl den Hausmeister einige Zeit später wieder traf, zog ihn Gieseke beiseite.
„Ich habe Herrn Hegemann alles berichtet. Der war natürlich furchtbar erschrocken. Er meint auch, daß er es auf den Tresor abgesehen hat. Aber diese Burschen sollen nur kommen. Wir versalzen ihnen schon die Lust an Einbrüchen",^sagte der alte Mann grimmig. <
„Ja, glauben Sie denn, daß Gaidl und Konsorten sich das jetzt noch trauen? Das erscheint mir zweifelhaft. Sie müssen doch damit rechnen, daß Tinser gefunden wird."
„Damit rechnen sie eben nicht, Herr Doktor. Sie halten Tinser für tot. Ist ja auch nur reiner Zufall, daß der arme Herr Baron nicht an dem Hieb cktzstorben ist. Sie glauben die vermeintliche Leiche so gut im Gebüsch versteckt zu haben, daß man sie । über Jahr und Tag nicht entdeckt, außer bei einer ■ Streife. Und die setzt frühestens in ein paar Tagen ' ein. Bis dahin wollen sie ihr Vorhaben aber aus- geführt haben, stelle ich mir vor."
„Was Sie da Vorbringen, hat Hand und Fuß. Man merkt den ehemaligen Polizeidiener heraus. Nur schade, daß es auch anders kommen kann,"
„Das mag nun fein, wie es will. Auf alle Fälle sind wir vorbereitet. Sie sollen- nur kommen. Ich habe allen Beteiligten strenges Stillschweigen auferlegt. Wer das Maul aufmacht, fliegt. Wir müssen ein bißchen hanebüchen vorgehen, damit die Leute nicht plaudern. Das ist meine einzige Sorge. War so ein feiner junger Mensch, der Herr von Tinser, nun nun muß er vielleicht fein Leben lassen", klagte Gieseke voll aufrichtiger Anteilnahme.
„Wie ist es denn mit der Polizei?"
„Das regelt der Chef persönlich."
„Ich bin auch Ihrer Ansicht. Wenn die Kerle — wir reden immer in der Mehrzahl, aber einer allein kann das wohl nicht machen —, wenn die Kerle also wirklich kommen und es auf den Tresor abgesehen haben, kommen sie bald."
„Sehr richtig! Ich vermute, in der Nacht vom Samstag auf Sonntag", pflichtete Gieseke bei. Do ist das Werk ja wie ausgeftorben. Jetzt muß ich aber an meine Arbeit, Herr Doktor."
Holl schritt zum Tierzwinger.
Heute war ein Tag wie selten im Leben. Den mußte man im Kalender rot anstreichen. Maxie, die Blutgeschichte, Tinser. Heute kam schon alles zusam- men. Holl erkundigte sich bei dem Wärter nach Ferkel 6.
„Lebt es noch, Huber?"
„Leben ist gar fein Ausdruck", grinste der über das ganze Gesicht. „Es frißt, und wie! War das ein Appetitmittel, das Sie ihm eingespritzt haben?
„Nein", lächelte Dr. Holl. „Arteigenes Blut. Also keine außergewöhnlichen Anzeichen?"
„Nicht im mindesten, Herr Doktor."
Holl atmet auf. Wenn Ferkel 6 bis morgen früh so weitermachte, konnte der Tierversuch als einwandfrei gelungen gelten. Dann fehlte als Abschluß nur noch das Experiment am Menschen.
Solange müssen Sie sich mit meinem Abmarsch noch gedulden, Fräulein Hegemann. Dann aber schnellstens, knurrte er vor sich hin. Es war peinlich' zu denken, daß man inzwischen der Dame über den Weg laufen konnte. Aber schließlich kam die Wissenschaft vor einem unnützen jungen Mädchen. Man mußte sich für diesen Fall, der hoffentlich nicht em- treten würde, mit Dickfälligkeit panzern.
Es war am nächsten Tag. Holl stand mit Dr. Kistenmacher an Tinsers Bett und spielte mit dem Hörrohr. Durch das hohe Krankenzimmer flutete übermäßig viel Licht. Um den Patienten davor zu schützen, hatte man einen Schirm vor fein Lager gestellt. Auf Tinsers Kopf lag ein kleiner Eisbeutel.
(Fortsetzung folgt!)


