Nr. 75 Drittes Blatt
Mittwoch, 29. März My
t>
H
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Aus der Stadt Gießen.
Abschied vom März.
Fort mit dir, März, du warst nicht sehr freundlich! Noch einmal hast du uns Schnee ins Gesicht geschüttet, noch einmal hast du uns in die dicken Mäntel gescheucht,' und die Dekorateure der Schaufenster waren höchst beleidigt über dich. Denn in den Auslagen standen schon rosig und sehnsüchtig und leicht bekleidet die schlanken Mädchen in Tausendfarbendruck. —
Ja, mit Farben übergossen, in Farben eingehüllt, lüftige Wesen, mit unbeschreiblichen Hüten, vor denen es uns Männern schauerte, vor Entzücken und (materieller) Angst zugleich: Sie standen, die Mädchen aus Gips, Holz, Wachs und was weiß ich, und streckten die Arme aus. Es' fror sie mitnichten. Es fror nur uns, die wir vorüberhasteten. Schnee fiel dicht, weiß in schönen Märchenflocken.
Aber, März, auch deine Schneeflocken taugten nichts. Zumindest nicht im Tal. Auf der Straße'zerflossen sie wässrig. Kein Schlitten konnte über sie hingleiten, nichts. Doch der Wind blies kalt von den Hängen, der große, letzte Winterwind des Jahres. Sturm geht über den Kontinent. Wir Menschen in den Tälern und auf der festen Erde merken nicht einmal jehr viel von ihm. Wir sagen: „Puhl", schütteln uns, ärgern uns, drücken den Hut fester und gehen weiter. Aber lies nur, mein Junge, was der Sturm am Sonntag erst mit den Schiffen im Aermelkanal getrieben hat: er trieb sie zu Paaren. Es sang in den Masten, grün und kalt brauste das Meer und die Passagiere lagen in den Kabinen und waren mehr als grün. Und wenig half ihnen das kalte Geglitzer von den Küsten, denn der Weg der Lichter ist weit und von da an, wo du sie wie Sterne siehst, bis dorthin, wo das Schiff unter ihren Schutz geglitten ist, ist ein weiter Weg. Zumal im Sturm.
Aber nun ist in zwei Tagen der März vorbei. Er hat bisher kaum eine Blüte zerstört. Die Blüten paßten auf. Die Blüten warten, bis der Märzen geht. Das Neue, Duftende, Lockende liegt schon in oer Luft. Wir spüren es alle. Wir beginnen schon wieder leichtsinnig den Mantel zu öffnen. —
Wir reißen die letzten Märzblätter im Kalender ab. So erleichtert... r. k.
Vomotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
NS.-Frauenschaft / Frauenwerk Gießen - Nord: 20.15 Uhr Cafe Leib Gemeinschaftsabend. — Stadttheater: 19 bis 22.30 Uhr „Der Rosenkaoalier". — Gloria-Palast, Seltersweg: ,.Bel Ami“. — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Ich verweigere die Aussage". — Frühjahrsmarkt (Schaumesse) auf Os- waldsgarten.
Gastspiel von Kammersänger Franz S ch u st e r (Staatstheater Karlsruhe).
Heute abend im Stadttheater Wiederholung der Oper „Der Rosenkavalier" von Richard Strauß. Als Gast wirkt Kammersänger Franz Schuster vom Staatstheater Karlsruhe mit. Musikalische Leitung: Paul Walter, Spielleitung: Hans Geißler, Bühnen- lbilder: Karl Löffler. Die Intendanz macht darauf .aufmerksam, daß diese Vorstellung um 19 Uhr be- iffinnt und nach 22.30 Uhr endet. Mittwoch-Miete, !25. Vorstellung.
Bezirksverwaltungögencht Gießen.
In seiner Sitzung vom 25. März fällte das Be- ^lrksverwaltungsgericht Gießen folgende Entschei- , Die Klage der Katharina Gerhard in Ober- Mörlen wegen Versagung des Wandergewerbescheins flfür 1939 wurde als unbegründet kostenpflichtig ab- ggewiesen.
Dem Antrag des Otto Schmidt in Bad-Nau- Heim (Kläger) auf Cxteilung der Erlaubnis zum Wetrich einer Gastwirtschaft im Privat-Hotel „Villa OGrunewald" wurde — vorbehaltlich der Nachprüfung Ler Bedürfnisfrage — stattgegeben.
Die Gaubesten im Reichsberufswettkampf ermittelt.
NSG. Der Gauentscheid im diesjährigen Reichsberufswettkampf fand am gestrigen Dienstag in der Gauhauptstadt Frankfurt a. M. mit der Verkündung der Gaube st en in den verschiedenen Wettkampfgruppen sein Ende.
Zu der Abschlußkundgebung des Gauentscheids im Reichsberufswettkampf hatten sich am Dienstagvormittag die 2200Kreissieger aus dem Gau Hessen-Nassau in einer Montagehalle der Adler-Werke versammelt, um nach drei heißen Wettkampftagen der Siegeroerkündung beizuwohnen.
Nach der Eröffnung der von HI. und Werkschar gestalteten Feierstunde durch Bannführer Becker, den Gaubeauftragten für den Reichsberufswettkampf, ergriff Gauobmann Becker das Wort. Einleitend sprach er von dem großen Verdienst, das sich die HI. mit der Schaffung dieses beruflichen Wettkampfes erworben habe, um dabei die gute Zusammenarbeit zwischen der DAF. und der HI. herauszustellen. Damit verband er seinen besonderen Dank für Bannführer Becker, den Gaubeauftragten des RBWK., der im diesjährigen Berufswettkampf vorbildliche Arbeit geleistet habe. Er führte dann weiter aus, daß wir durch Leistung und Können dem Füh
rer und dem Volk am besten unseren Dank abzustatten vermögen. Nur die beste Arbeit ermögliche Deutschland, seinen Platz an der Sonne zu behaupten. Reichsberufswettkampf und Leistungskampf seien eng miteinander verbunden, da sie der Steigerung, der Leistung des einzelnen und der Gemeinschaft dienen. Er schloß mit dem Appell, die Jungen und Mädel, Männer und Frauen mögen immer wieder am RBWK. teilnehmen, um ihren Willen zur zur Leistung zu bekunden.
Anschließend sprach Gebietsführer Brandt, der zunächst den Wettkämpfern, Wettkampfleitern und den zahllosen unbekannten Helfern für ihre Unterstützung dankte. Dann betonte er, es sei nicht entscheidend, wer Gaubester geworden sei, sondern allein entscheidend sei, daß alle das Gefühl hätten, an einer großen Sache mitgewirkt zu haben. Der RBWK. stelle kein ^Preisausschreiben dar, in dem man etwas gewinnen könne, sondern er gebe jedem Teilnehmer das stolze Bewußtsein, seine Pflicht Deutschland und der nationalsozialistischen Bewegung gegenüber erfüllt zu haben. Der schönste Lohn sei das Gefühl, sich voll eingesetzt zu haben.
Bannführer Becker verlas sodann die Namen der G a u b e st e n , die in den einzelnen Sparten ermittelt worden waren. Aus diesen Gaubesten wer-
Die Wehrabzeichen-Arbeit unserer SA.
-
Im Bereiche der SA.-Standarte 116 fanden am vergangenen Samstag und Sonntag wieder Prüfungen zur Erlangung des SA.-Wehrabzeichens
statt. Die Prüflinge, die in SA.-Wehrabzeichen- Gemeinschaften auf sportlichem, wehrsportlichem und geländesportlichem Gebiet ihre Ausbildung erhielten, mußten nunmehr ihre erreichte Ausbildungsstufe unter Beweis stellen. Trotz des ungünstigen Wetters wurden gute. Leistungen erzielt. Dies ist auch zugleich ein Gradmesser für den hohen Stand der Ausbildung. Während der mehrmonatigen Ausbildungszeit hat sich unter den Männern der SA., der Politischen Leitung und des NSFK. eine gute Kameradschaft herausgebildet, die ein erfreuliches Bild der engen Zusammenarbeit der Partei und ihrer Gliederungen zeigt.
Hitler-Jugend Bann 116.
Stamm 1/116.
Am kommenden Donnerstag findet 20.15 Uhr eine Führertagung der Gefolgschaftsführer statt. Vertreter können nicht entsandt werden. Ort: Standortdienststelle Seltersweg.
..Heil Hitler!
Dr. Schneider, Oberstammführer.
den von der Reichsstelle des RBWK. bann die Gausieger ermittelt, die an dem Reichsentscheid in Köln teilnehmen werden.
Aus der Namensliste geben wir folgenden Aus« zug für Oberhessen:
Gruppe Nährstand.
Landmädel ohne Fachschule (Leistung-« klasse 1): Lilli Sterck, Bettenhausen /Kr/Gießen).
Geflügelzüchterinnen: L.is«mtte Hüb« n e r, Gießen.
Bauer mit Fachschule: Richard V o g e l, Mainzlar (Kreis Gießen).
Melker: Erich Heinscher, Selgendorf bei Ulrichstein (Lehrgut der Landesbauernschaft).
Forstanwärter: Alexander Aug. Häuser, Ockstadt.
Gärtner, Fachgebiet Baumschulen; Willi Engelhardt, Heuchelheim.
Gruppe Nahrung und Genuß.
Molkerei (Frischmilch): Otto Schorn« bert, Storndorf bei Alsfeld.
SPITZENLEISTUNG
OPEL
Molkerei (Laboranten): Marie W e l« ler, Lauterbach.
Hilfsarbeiter: Helga Maurer, Lauter« bad).
Gruppe Hausgehilfen.
Im hauswirtschaftlichen Jahr: Liefet Klinket, Büdingen.
Tagesmädchen: Maria M a i d h o f. Lich^
Gruppe Wald und Holz.
Fachschaft Sägewerke: Heinrich Klein« b ö h l, Nidda.
Fachschaft Forstanwärter: Paul Pfeifer, Forstschule Schotten.
Fachschaft Hilfsarbeiterinnen: ßinct Schneider, Lollar (Kreis Gießen).
Gruppe Eisen und Metall.
Betriebselektriker: Erich Rudolfs Wetzlar.
Gruppe Steine und Erden.
Pflast er st einmacher: Martin Kaiser II., Ober-Widdersheim.
Ziegler: Erwin Jammer, Gießen.
Feuerfest forme r: Wiegand P f ei l, Mainz« lar.
Gruppe Bergbau.
BL *'*
^z'*
Links oben: Beim Entfernungsschätzen.
Nebenstehend: PL., NSFK. und SA. beim Keulenzielwurf im Gemeinschaftskampf um das SA.-Wehrabzeichen.
(Aufnahmen |2]: Geilfuß, SA.-Standarte 116.)
Bergjungmann über Tage: Felix K l i« inowicz, Trais-Horloff.
Bedienungsmannschaften maschine l« ler Anlagen: P. Leop. L i e b e r t, Trais« Horloff.
Gruppe Textil.
Leinenweberei: Otto Hansel-, Kreis Als« feld-Lauterbach.
Gruppe Leder.
Schuhmacherhandwerk:, Fritz Becker, Kreis Alsfeld-Lauterbach.
Gruppe Bekleidung.
Schneiderhandwerk: Friedrich Wolf, Kreis Alsfeld-Lauterbach.
Kopfbekleidung: Alfred R i n n i n 5 I a n b, Kreis Alsfeld-Lauterbach.
Gruppe Druck und Papier.
Arbeiterinnen in der Papi et her« stellung: Erika R a s ch , Oberschmitten.
Papierausrüster: Hermann Eberhard, Oberschmitten.
Am Witdkarnickelbau.
Von Karl Scherer.
I Als Langohr, der alte Kaninchenrammler, daran- ning, seinen Bau am Hang des Föhrenhügels zu Mallen, standen die jungen Kiefern noch dicht und buschig, Schnee und Regen mußten schon tagelang । allen, ehe die Niederschläge den lettigen Grund durchweichten. Nur wenn der Wintersturm die Mocken in Masse von der Blöße im Grund unter loie Kusseln fegte und fußhohe Wehen auftürmte, Mtten der Flitzer und seine zahlreiche Nachkommenschaft ihre Not im Kampf gegen Wind und Wetter. Im Sommer und Herbst aber war's still mnd heimlich an der entlegenen Föhrenhalde, zu wer sich selten ein Mensch verirrte: Heidekraut trieb 'n dichten Wellen und den Stämmchen, Astmoos und Wurmfarn wucherten zwischen den Stauden und gaben Schutz und Deckung gegen Sicht von l'ben und außen.
Doch die Jungföhren wuchsen rasch heran. Manche fielen der Fichtenmotte zum Opfer, andere erstickten, weil die Stärkeren sie im Wachstum Aberholten und das dunkle Nadeldach ihnen Licht ind Luft nahm. So wurde es lichter unter den Stämmchen, und mit der zunehmenden Durchstch- logteit der Schonung wuchs die Gelahr für ihre i Bewohner.
*
Die Sonne steht schon tief, die hohen Stämme । :oerfen lange Schatten. Am Bau unter den Bäumen regt sich's. Behutsam und zögernd schiebt sich her alte Rammler aus der Röhre, hockt sich vor । Ker Einfahrt nieder und sichert lange in die Runde, äoch der schnuppernde Windfang — für die unberührte Hasensippe die wirksamste Schutzwaffe — i nimmt keine gefahrdrohende Witterung auf. Schon will er in hastigen Fluchten zwischen den sprossen- !°n Weichselbüschen untertauchen, um die weiche Irinbe zu schälen, und die ersten grünen Blatt- I tnofpen zu äsen — da ist er wie der Blitz wieder I i'i der Röhre verschwunden. Denn der große dunkle | Schatten, der in hoher Fahrt unter den Bäumen I hi-rangleitet, ist der gefürchtetste unter seinen gefederten Feinden — der Hühnerhabicht, der zur ' Brutzeit und während des Sommers unter seinen ?■ 2-rtgenossen fürchterlich Musterung hält. Kurze Zeit tsocft er auf dem Dürrast der Sck)warzkiefer, dann l! streicht er weiter seinem Schlafbaum am Wald- - rund über den Wiesen zu ...
!Im März steht der Laubwald noch kahl und | grau, doch der Vorfrühling hat schon an Busch u.ib Baum fein Wesen, Sauerklee und Wind-.
röschen kommen hervor. Die schlimmste Zeit des Jahres, wo die erfahrene Urahne des Stammes die Hauptröhre im Innern des Baues durch eine feste Wand abfchließen mußte, um dem eisigen Ost- zug den Durchzug zu versperren, und alt und jung sich auf engem Raum zu wechselseitiger Erwärmung zusammenschob, liegt zurück. Auch im Kaninchenbau will es Frühling werden. Das stärkste Paar hat die schwächeren verdrängt, um Raum zu schaffen für den bald zu erwartenden Nachwuchs. Die Verdrängten haben in der Nähe alte verlassene Röhren bezogen ober neue gegraben.
*
Mutter Graubalg hat es schwer. Bei Kaninchens erneuern sich die Mutterfreuden während des Frühlings und des Sommers fast alle sechs Wochen, und das geht so bis in den Oktober und bei milder Witterung bis in den November hinein. Oft gräbt die Zibbe iij der weitläufigen Burg eine abgelegene, mit weicher Hasenwolle ausgepol- stete Kammer, die den empfindlichen Nachkommen Schutz gegen die groben Zärtlichkeiten des Familienvaters gewähren soll, ober sie bringt ihre Jungen in einem abseits des Hauptbaues unter Wur- zelftöcken gelegenen Notbau zur Welt, wo die rasch Heranwachsende Generation bleibt, bis sie der unmittelbar folgenden Platz macht.
Nicht viel größer als eine Faust, huschen die grauen Flitzer von Röhre zu Röhre rupfen an Halm und Kraut oder recken sich neugierig zu handhohen Kegeln auf. Nun jagen sie sich munter über den Grasgrund, daß die steil erhobenen, leuchtendweißen „Blümchen" in der Sonne blitzen, oder balgen sich wie luftige Rängen. Da taucht zwischen den Bäumen das Ochsengespann des Bauern auf — und wie die Gnomen im Märchen ist das Rudel in den Röhren verschwunden — mit gutem Grund: kein anderes Kleinwild ist von so vielen Feinden umdroht wie das Wildkarnickel.
*
Maisonne über dem frisch ergrünten Buchenhochwald. Auch Familie Reineke hat sich wieder einmal vermehrt; sieben Iungfüchse lungern in den Röhren des labyrinthischen Baues herum und schreien nach Fraß. Vor der Hauptröhre liegen Entenruder, Fasanenschwingen und Rebhuhnflügel durcheinander, und wenn der Förster nicht bald aufräumt, hat er über Wochen sieben rote Räuber mehr im Revier. Der aber will heute den starken Bock bestätigen, der allabendlich um die Dämmerstunde durch die Bachsenke an dem alten Kaninchenbau vorüber nad) der Kleebreite am Waldrand zieht. Gut gedeckt liegt der Grünrock mit dem starken
Griffon neben sich im hohen Gras; die Blöße läßt er nicht aus den Augen. Aus den Röhren unter ihm kommt nach und nach ein Dutzend grauer Wichtelmänner hervor und tummelt sich zwischen den Stauden, denn der Wind steht gut. Die Sonne ist versunken, doch das Büchsenlicht hält noch an.
Da wird der Rüde unruhig und windet leise winselnd mit erhobenem Windfang nach dem jenseitigen Hang hinüber, von dem fidj dichte Junglärchen wie eine grüne Wayd herabziehen. Zwischen dem Heidekraut unter den Lärchen schimmert es rot, und ein dunkler Strich schiebt sich lautlos aus der Schonung durchs hohe Gras; nun tauchen da und dort noch andere Spitzbubengesichter auf, geduckt und lauernd schleichen sie der Alten nach — die Fähe aus dem eine halbe Stunde entfernten Bau im Hochholz hat ihr Geheck zu einem Ueber- sall auf Familie Graubalg herangefuhrt.
Zweimal blitzt es auf, den dritten Rotrock würgt der scharfe Drahthaar ab; die flinken Schemen haben die Röhren eingeschluckt. Morgen in der Frühe wird der Dackel des Försters die vier Ueberlebenden aus dem Mutterbau holen...
Hochschulnachrichten.
Professor Dr. Konrad Rieger, em. Ordinarius für Psychiatrie an der Universität Würzburg, ist im Alter von 83 Jahren gestorben. Professor Rieger wurde 1878 Assistenzarzt an der Psychiatrischen Abteilung des Julius-Spitals in Würzburg, wo er sich 1882 habilitierte. Vier Jahre später wurde er Professor für Psychiatrie und Oberarzt des Julius-Spitals. Seine Ernennung zum Ordinarius erfolgte 1895, seine Emeritierung 1925. Seine Arbeitsgebiete waren Schädellehre, neurologische, physiologische, psychologische, psycho-pathologische und ge- richtlich-psychiatrische Fragen usw. Die Freudsche Psychoanalyse hat Professor Rieger frühzeitig bekämpft.
Professor Dr. Wilhelm Franz, der em. Ordinarius der englischen Philologie an der Universität Tübingen, beging seinen 80. Geburtstag. Professor Franz hat von 1897 bis 1929 in Tübingen gewirkt; sein bedeutendes Werk über Shakespeares Sprache, Metrik und Rhythmus erscheint jetzt in vierter erweiterter Auflage.
Geh. Hofrat Professor Dr. Karl Diehl, der em. Ordinarius für Volkswirtschaftslehre an der Universität Freiburg, vollendete fein 75. Lebensjahr. Diehl habilitierte fick) 1890 in Halle, wurde burd) 1893 ao. Professor und folgte 1898 einem Rufe an die Universität Rostock, ein Jahr später an die
Universität Königsberg. 1908 ging er nach Freiburg, wo er nach Ablehnung von Berufungen nach Breslau und Halle bis zu seiner Emeritierung 1934 gelehrt hat. Der Gelehrte hat sich vorwiegend mit S"o- zialwifsenschaften beschäftigt.
Lichtspielhaus:
„Ich verweigere die Aussage".
Der Titel klingt heftig nach einem Kriminalreißer älteren Stils, aber der Fall ist offenbar ernstgemeint und die Schwurgerichtsverhandlung nur das letzte, allerdings entscheidende Kapitel einer langsam brüchig gewordenen, kinderlosen Ehe. Die Ehefrau, die vor der Scheidung steht, um sich anderweitig zu verheiraten, ist der Beihilfe zum Mordversuch an ihrem Gatten angeklagt. Zum Glück kommt dieser mit dem Leben davon, während sich der Täter der irdischen Gereck)tigkeit entzieht. Die Verhandlung steht lange auf des Messers Schneide, weil eine Hauptzeugin^ welche die Angeklagte entlasten könnte, aus selbstsüchtigen Motiven die Aussage verweigert. Dennod) kommt das Gericht, was man kaum noch zu hoffen wagte, zu einer Freisprechung, und die Ehegatten finden sick) wieder. Die Fabel ist, wie man wohl schon diesen knappen Andeutungen entnehmen wird, nid)t eben besonders erfreulich, und der Besuck)er wird vermutlid) auch einige ungeklärte Fragen mit nach Hause nehmen. Immerhin ist der von Otto Linne-- kogel inszenierte Film geeignet, zum Nachdenken über die manchmal hoffnungslose Verflechtung menschlicher Beziehungen wie über die Fragwürdigkeit des Indizienbeweises und der subjektiv getrübten Zeugenaussage anzuregen. Olga Tschechowa und Albrecht Schoenhals spielen mit dankbar empfundener Dämpfung von Gefühlsausbrüchen und Wahrung der Formen das Ehepaar, Gustav Dießl den ein wenig undurchsichtigen, berühmten Dritten. Ein neuer Name: Hanne Mertens; man kann den Umfang ihrer Begabung nach dieser Rolle kaum abschätzen^ möglicherweise beginnt hier eine interessante darstellerische Entwicklung. Die menschlich bewegteste Gestalt gibt wohl Frieda Richards in den paar knappen Szenen der alten Mutter. Mit schönem Temperament und überzeugender Wärme spricht Hans Brausewetter die Rede des Verteidigers. Vom übrigen Ensemble seien Herbert Hübner, Paul Otto und Ewald W e n ck gendnnt. — (Märkische-Panvrama-- Schneider-Südost.)
*
Die neue Tobis-Wochenschau und ein aufklärender Film über Rundfunkstörungen vervollständigen das Programm. Hans Thyriot.


