Gefechtsfeld meistens zu übersehen vermochten, so hat Ptoltke in seiner neuen Strategie der Riesenheere diesen „genialen Blick" ins rein Geistige gewendet. In ihm war der Mann erstanden, ,/der den ewig ruhigen Blick nach vorne gerichtet Hielt und die Zukunft kannte, nicht als Prophet und Seher, sondern als einer, der aus dem Buche der Vergangenheit herauszulesen gelernt hat, was da kommen wird und was da kommen muß, der schon auf der Höhe von Sadova, als es schlecht zu stehen schien und alles bestürzt und sorgenvoll fragte: wie wird das enden, was wird kommen, imstande war zu melden: Eure Majestät haben den Feldzug gewonnen."
Mit Clausewitz aber sah Moltke den Urgrund alles kriegerischen Genies nicht im Wissen, sondern im Charakter. „Im Kriege", so schreibt Moltke, „wiegen die Eigenschaften des Charakters schwerer als die des Verstandes... Beim kriegerischen Handeln kommt es weniger darauf an, was man tut, als wie man es tut. Fester Entschluß und beharrliche Durchführung eines einheitlichen Gedankens führen am sichersten zum Ziele." Diese Charakterisierung bestätigte sich auch in den beiden großen deutschen Feldherren des Weltkrieges, Hindenburg und Ludendorff. Einer der engsten Mitarbeiter Ludendorffs im Kriege, Generalmajor von Haeften, hat von den beiden Männern folgendes Charakterbild entworfen: „Die feste und sichere Grundlage aller Entschließungen und allen Handelns war die durch nichts zu erschütternde Seelenstärke des Feldmarschalls, die ihre festen Wurzeln hatte in seinem tiefen Gottvertrauen, und die sich äußerte in dem Gleichmaß aller seiner Kräfte, selbst in den kritischsten Lagen. Von seiner verehrungswürdigen, in sich geschlossenen, überragenden Persönlichkeit gingen Kräfte aus, die zu höchster Hingabe befähigten und alles Menschliche und allzu Menschliche verstummen ließen. So ist das unbegrenzte Vertrauen zum Feldmarschall zu verstehen, das nicht nur seine nähere Umgebung, sondern auch das kämpfende Heer und die Heimat erfüllte. Die Ruhe und Abgeklärtheit des greisen Feldmarschalls wurden auf das glücklichste ergänzt durch das stets vorwärtsdrängende kraftvolle Wollen und die kämpferische Einsatzbereitschaft des Generals Ludendorff. Niemand hat das vielleicht früher und klarer erkannt als der Feldmarschall selbst. Der Ludendorff innewohnende Schaffensdrang setzte sich um in eine nahezu übermenschliche Arbeitskraft und einen nie ermattenden Arbeitswillen. In dieser schöpferischen Tatkraft höchster Art liegt der Schlüssel zum Verständnis für Ludendorffs Feldherrnwirken während des Weltkrieges. Sein ganzes leidenschaftliches Wollen war nur auf ein Ziel gerichtet, das deutsche Volk siegreich hindurchzuführen durch die große Not des Krieges."
Die Größe des Feldherrntums sieht von Haeften bei beiden Generälen, so hohe Bewunderung auch ihr geniales strategisches Können verdienen mag, doch tn ihrer Persönlichkeit, „beim Feld Marschall in der Größe seines Menschentums, bei Ludendorff in seiner unbegrenzten schöpferischen Tatkraft." K.
Bei der ersten Reichsstraßensammlung des Kriegs -WHW. alle bisherigen
Ergebnisse weit übertroffen.
Berlin, 27. Oktober. (DNB.) Die erste Reichs- straßensammlung des Kriegs - Winterhilfswerks 1939/40 brachte dank der Opferbereitschaft des deutschen Volkes und dank des Einsatzes der Millionenzahl von DAF.-Sammlern ein Ergebnis, das alle bisherigen Ergebnisse von Reichsstraßensammlungen weit in den Schatten stellt. Die 25 Millionen Büchlein „Der Führer macht Geschichte" waren nicht nur im Handumdrehen abgesetzt, sondern darüber hinaus spendete das deutsche Volk noch einmal den doppelten Betrag des Erlöses für diese 25 Millionen Abzeichen. Mit dem Gesamtergebnis von 15117 584* *90 RM. übertrifft diese Reichsstraßensammlung die erste Reichsstraßensammlung des Vorjahres um nicht weniger als 4 530 600,15 RM. Das entspricht einer prozentualen Steigerung von 42,79 v. H. Auf den Kopf der Bevölkerung entfallen im Reichsdurchschnitt 18,9 Rpf, während das Vorjahr je Kopf der Bevölkerung 14,37 Rpf. erbrachte. Mit diesem stolzen Ergebnis hat das deutsche Volk
„Oer 53. Gegner wurde heule bezwungen"
Ende eines feindlichen Aufklärers.
16.45 Uhr Funkspruch von vorne an einen Ge- schwadergefechtsstand. Flugzeug-Geräusch über den Wolken. Einige Minuten später Funkspruch: Feindliche Maschine in großer Höhe Planquadrat I P.
Zwei Minuten nach dem letzten Funkspruch startet ein Alarmschwarm in Richtung Grenze. Der Schwarm hat in Richtung Front große Höhe gewonnen und hat Glück. Richtungsschüsse unserer Flak erleichtern dem Schwarmführer seine Aufgabe. In den Wolken kann er sich an die, zunächst nur als Punkt erkennbare Maschine heranpirschen und erkennt sie als feindliches Flugzeug. Er hat mit feinen Männern noch mehr Höhe gewonnen und erkennt die Maschine nun deutlich als feindlichen Fernaufklärer. Doch der richtige Augenblick zum Angriff ist noch nicht gekommen.
Plötzlich kurzer Befehl: Wir greifen an. Wie ein Falke, der in der Luft eine Taube schlägt, stoßen unsere Jäger „mit einigen hundert Sachen" auf ihr Wild und sitzen ihm nach wenigen Sekunden im Nacken. „Feuerstoß": MGs tacken und dazwischen hört man das etwas heisere Bellen der Bordkanonen. Todwund bäumt sich der Gegner und ver
sucht sich durch Abschwung zu retten. Aber zu spät! Unsere Jäger haben ganze Arbeit geschafft. Die Fahrt geht sausend in die Tiefe. Ein Nachstoßen unserer Männer ist nicht mehr nötig. Ihre Ausgabe ist erfüllt.
Stolz und befriedigt fliegen die Jäger nach Hause. Fast zu gleicher Zeit als unsere Maschinen in ihrem Heimathafen zur Landung ansetzen, kommt Meldung von einer Batteriestellung von vorne, die den Luft- kampf beobachtet hat: Schon nach dem ersten Feuerstoß stürzte die feindliche Maschine in die Tiefe. Später traf dann noch folgende Meldung ein: Maschine liegt verbrannt im Walde I. Zwei Mann Besatzung tot geborgen, die mit militärischen Ehren beigesetzt werden. Der dritte Mann der Besatzung, der Heckschütze, konnte sich durch Fallschirmabsprung retten, ist verwundet, und wird im Krankenhaus betreut
Bodenformation und Luftwaffe, jede an ihrem Platz, haben wieder einmal ihre Pflicht getan, wie es sich für deutsche Soldaten geziemt. Im Kriegsbuch des Geschwaders findet man die kurze Notiz: Der 53. Gegner wurde heute bezwungen.
bewiesen, daß es in Kriegszeiten fester und geschloffener denn je hinter seiner Führung steht.
Wirsschast.
500 Millionen Reichsmark 4% °/o-Reichsbahnschatzanweisungen. Berlin, 27. Okt. (DNB.) Zur Ergänzung und Vervollkommnung ihrer baulichen Anlagen sowie zur Vermehrung ihres Fahrzeugparks, die durch den allgemeinen Wirtschaftsaufschwung und das Hinzukommen von Strecken in der Ostmark, im Sudetengau und in den im Osten gebildeten neuen Reichsgauen notwendig geworden sind, begibt die Reichsbahn 500 Millionen Reichsmark 4Vi v. H. auslösbare Schatzanweisungen. Diese werden zum 1. Dezember der Jahre 1945 bis 1949 nach vorange- gangener Verlosung zum Nennwert zurückgezahlt. Der Zinslauf beginnt am 1. Dezember 1939. 200 Millionen Reichsmark konnten bereits fest unter gebracht werden. 300 Millionen Reichsmark werden zum Kurse von 98% v. H. zur öffentlichen Zeichnung vom 3. bis 13. November d. I. aufgelegt. Einzahlungen find zu 40 v. H. am 17. November und zu je 30 v. H. am 1. und 15. Dezember d. I. zu entrichten. Die neuen Reichsbahnschatzanweifungen sind mündelsicher und bei der Reichsbahn lombard- fähig.
Rhein-Mainische Börse.
Miltagsbörse sehr still.
Frankfurt a.M., 27. Okt. Den vorbörslichen Erwartungen entsprechend lag die Börse sehr still, insbesondere am Aktienmarkt, an dem nur ganz vereinzelt geringe Kundschaftsaufträge Vorlagen. Dagegen setzte sich am Markt der festverzinslichen Papiere die Nachfrage fort, allerdings war sie weniger lebhaft als an den Tagen zuvor, da das Hauptinteresse weiterhin den Steuergutscheinen galt. Im Telephonverkehr gingen von der Serie I April-Mai mit 98,75 bis 98,65 (98,40) um. In der Serie II war die Nachfrage wesentlich größer.' An den Aktienmärkten blieb die Entwicklung uneinheitlich, es ergaben sich meist nur Abweichungen um Prozentbruchteile. Von den führenden Werten bröckelten IG.-Farben auf 158,65 (158,90), Verein. Stahl auf 91,50 (91,75), AEG. auf 114,25 (115) und Rheinstahl auf 125,50 (126.50) ab, während Hoesch mit 107 (106,90) und Mannesmann mit 100,50 behauptet blieben. Im übrigen zeigten von den zunächst notierten Werten Gessürel mit 132,90, Demag mit 133,75, AG. für Verkehr mit 103,75 Besserungen bis 1 v. H., Rheinmetall, VDM. und Heidelberger Zement gewannen bis 0,50 v. H.
Im Verlaufe herrschte bei eher etwas nachgeben
den Kursen nahezu völlige Geschäftsstille. IG.-Farben weiter abbröckelnd auf 158,13 nach 158,65. Von später notierten Werten zogen Rheinische Elektro 2 v. H. an auf 107, Felten 1 v. H. auf 136, dagegen Siemens 196 (197), im übrigen hielten sich die Abweichungen unter 1 v. H.
Am Rentenmarkt war die Haltung, wie schon erwähnt, weiter fest, das Geschäft jedoch wesentlich stiller. Auch in Steuergutscheinen ließ es später merklich nach. Man erörterte u. a. die Kapitalansprüche der Reichsbahn. Liqui-Pfandbriefe schwankten bis 0,25 v. Sy, während Industrie-Obligationen und Stadtanleihen fast unverändert lagen. Goldpfandbriefe waren z. T. mangels Angebot gestrichen. Reichsaltbesitz unv. 134.65, Reichsbahn- VA. 0,40 v. H. ermäßigt auf 123,75.
Der Frei verkehr war geschäftslvs. Tagesgeld unv. 2 v. H.
Steigerung
der deutschen Wollerzeugung.
In einem Erlaß an die Gemeinden erklärt der Reichsinnenminister, es würde nicht den national- wirtschaftlichen Notwendigkeiten entsprechen, wenn, wie es gelegentlich vorgekommen sein soll, die Beschaffung geeigneter Weideplätze für die Schafhaltung bei den Gemeinden oder Ge- meindeverbänden auf Schwierigkeiten stößt. Gegenwärtig sei es mehr denn je erforderlich, die einheimische Rohstoffversorgung z u st e i g e r n. Das könne für die Wollerzeugung nur erreicht werden, wenn gleichzeitig d i e Futtergrundlagen für die Schafhaltungen ausreichend sichergestellt und erweitert werden. Der Minister ersucht, die Bestrebungen zur Steigerung der Woll- erzeugung tatkräftig zu unterstützen und alle zum Beweiden durch Schafe geeigneten Flächen und Grundstücke, soweit irgend möglich, hierfür zur Verfügung zu stellen.
Bei Einberufenen kein Steuer-Säumniszuschlag.
Der Reichssinanzminister hat angeordnet, daß von Steuerpflichtigen, die der Wehrmacht angehören, also von aktiven Wehrmachtangehörigen, Wehrpflichtigen des Beurlaubtenstandes, die in den aktiven Wehrdienst eingestellt worden sind und von sonstigen Personen, die in den aktiven Wehrdienst eingestellt wurden, ein Säumniszuschlag nicht zu erheben ist. — Es handelt sich hier um den Steuer- Säumniszuschlag, der in Höhe von 2 v. Sy des rückständigen (Steuerbetruges sonst immer dann zu entrichten ist, wenn eine Steuerzahlung nicht rechtzeitig geleistet wird. Dieser Säumniszuschlag kann sowohl von Steuern des Reichs, wie auch der Länder und Gemeinden erhoben werden.
Krankenbauspflege für die Zivilbevölkerung gesichert.
.Vierjahresplan", s |(i die Wehrmacht x **
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den wie bisher durchgeführt.
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In einer Schilderung der Sozialversicherung Kriege bemerkt Ministerialrat Dr. Münz Reichsarbeitsministerium im ----f* "
fei selbstverständlich, daß sich größerem Umfange die Belegung in bgj Krankenhäusern für d i e Verwund-, t e n sichern mußte. Es sei jedoch Vorsorge dasix getroffen, daß die Krankenhauspflege für b e Zivilbevölkerung im notwendigen Umfang| gesichert bleibt. In genügender Zahl, so [gj er weiter, sind neben den Krankenhäusern Hilf^
krankenhäuser vorgesehen, die entweder schy bestanden haben oder alsbald dafür eingerichij wurden. Zu einem großen Teil sind auch die Hei^
Vor keinem Feind wird Deutsch, land kapitulieren.
Lin Volk Hilst sich selbst. Darum opfere für das Kriegs
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ft ä tte n der Landesoersicherungsanstalten sjx ' Heereszwecke herangezogen worden. Die Lunge» r Heilstätten werden jedoch ihrem bisherigen Zweg i : dienstbar bleiben. Die Heilverfahren für Lunge» 77 und Lupuskranke sowie für Geschlechtskranke we>
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Monats und 28 Tagen Untersuchungshaft, ve:. T urteilt. Strafmildernd wurde die Jugend, bcs $ reumütige Geständnis und die Unbestraftheit b« Angeklagten berücksichtigt. \
Rundfunkprogramm
Sonntag, 29. Oktober.
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Strafkammer Gießen.
Der I. B. in Allmenrod war wegen Notzucht» versuch an einer Frau angeklagt. Der Angeklogr war in vollem Umfang geständig.
Der Anklagevertreter beantragte eine Gefängnis strafe von acht Monaten und mit Rücksicht a-f das Geständnis Anrechnung der erlittenen Untea
suchungshaft.
Der Angeklagte wurde zu einer Gefängnis» strafe von fünf Monaten, abzüglich ein«
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6 Uhr: Hafenkonzert. 8.05: Wir fingen den Sow tag ein! Ausführung: Der Chor des Reichssender; Frankfurt. 8.45: „Die letzte Hochzeit auf Borke-', Eine Geschichte aus der Tucheler Heide. 9: Glöv biges deutsches Herz. Eine Stunde der Besinnung am Feiertag. 10: Großes Orchesterkonzert. Das große Orchester des Reichssenders Frankfurt. 11.3<t Das Tier und wir. Unterhaltsames und Belehrende! aus dem Frankfurter Tiergarten. 12: Soldaten - Kameraden. Die bunte Stunde unserer WehrmM mit den schönsten Liedern und Märschen aller Truppenteile. 12.30 bis 12.40: Nachrichten. 13: Mi.:- tagskonzert. Ausführung: Das kleine Orchester bei RS. Frankfurt. 14: Uns gehört der Sonntag! Gil Reigen sorgloser Melodien. 15: Jungmädel finge« in Lazaretten. 15.30: Volkstum und Heimat: „Bein Leisenbauer ist Weinguff". 16: Der Bielefelder Kinde rchor singt. 17: Nachrichten. 17.10: Grohe- Wunschkonzert der Wehrmacht. 20: Nachrichter. 22 bis 22.15: Nachrichten.
Montag, 30. Oktober.
6 Uhr: Landvolk, merk' auf! 6.10: Morgengyin- naftit 6.30: Frühkonzert. Kleines Orchester. 7 biis „ 7.15: Nachrichten. 8.05*: Gymnastik. 8.20: KlW Ratschläge für den Garten. 8.35: Musik am Vormittag. Das Orchester des Reichssenders Leipzig 9.30: Schulfunk. Wie Kasperle den Königssohn befreite. Spiel einer Puppenbühne. 10: Frohe Weiser. 11: Konzert. 12: Stadt und Land — Hand in HanL 12.10: Schloßkonzert Hannover. Das Niedersachsen- Orchester. 12.30 bis 12.40: Nachrichten. 14: Nachrick ten. 14.15: Das Stündchen nach Tisch. 15: NaH mittagskonzert. 17: Nachrichten. 17.10: Konzert. 18: Klingende Liebesgaben. Eine fröhliche Sendung bei Reichssenders Frankfurt für die Kameraden oifl Westwall. 19.10: Otto Dobrindt spielt. Dazwischen Berichte. 20: Nachrichten. 20.15: Übertragung vom Deutschlandsender. 22 bis 22.15: Nachrichten.
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Roman non UJaltbcr Klocpfer
(Wright dg Carl Dimtftr verlsg - Berlin w 62
27. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„So was verstehe ich nicht. Da heißt es immer, die stellenlosen jungen Kollegen sitzen nur so herum, und wenn es darauf ankommt, gibt es sie auf einmal nicht."
„Junge Aerzte? Bei mir war überhaupt keiner unter vierzig."
„Ja, was machen wir denn nun?"
„Nochmal inserieren, denke ich, aber diesmal in einer großen Tageszeitung", schlägt sie vor.
„Einverstanden. Und wenn es durchaus nicht anders geht, lasse ich in Gottes Namen halt nochmals 5000 Mark nach. Weiter kann ich beim besten Willen nicht herunter mit dem Preis. Ich konnte hier eine gute Praxis übernehmen, jedoch brauche ich dazu Kapital."
„Und Friedrich?"
„Das Geld für Friedrich werde ich hier zu beschaffen suchen. Sobald ich es habe, rufe ich Sie an. Diese elende Hypothek! Was habe ich mir da aufgehalst! Heute nachmittag werde ich Ihnen München zeigen, ja?"
„Ich mochte mit dem Mittagszug zurück. Die Gunda ist mir nicht zuverlässig genug", lehnt Nikotine ab.
„Sie sind ein prachtvoller Kerl, Fräulein Ferber; ich kann Ihnen gar nicht genug danken für alles, was Sie in dieser Zeit für uns tun", sagte Severin herzlich und ergreift ihre Hand.
Nikotine blickt stumm ins Leere. Wenn ich andern Leuten ihre Sorgen schleppen helfe, bin ich „prachtvoll", grübelt sie erbittert. Er soll doch feine Diva einspannen, diese Zierpuppe. Aber mit der kann er das nicht machen. Nikotine würgt zornige Tränen hinunter, die nicht gemeint werden dürfen.
„Sonst noch etwas? Dann kann ich ja gehen", sagt sie schroff.
„O bitte, bringen Sie den Kindern eine Kleinigkeit mit. Hier ist Geld. Und richten Sie ihnen aus, ihr Papa denkt oft an sie. Und geben Sie jedem einen Kuß von mir, ja?"
„Hoffentlich genügt ihnen dieser Ersatz", lächelt Nikoline spöttisch und geht rasch aus dem Zimmer.
15. Kapitel.
Severin macht sich nach Fräulein Ferbers Weggang auf den Weg zu Riele.
Dor einigen Tagen hatte er eine zwar nur geflüsterte, aber desto zähere Unterredung mit der Firma Neuner & Nach, die von einem demütigenden Erfolg gefrönt war. Diese Verdrießlichkeit wenigstens ist beseitigt. Was ihm jetzt bevorsteht, ist weit schlimmer. Um Zeit zu gewinnen, säubert er umständlich seine Schuhe auf dem Fußabstreifer, ehe er klingelt.
„Tag Riele", grüßt er unbefangen, obschon ihm flau zumute ist.
„Ach, sieh' mal an, man kommt endlich", empfängt ihn die Fabri. „Hat man sein Unrecht eingesehen?"
„Ich hatte Sehnsucht nach dir. Riete."
Sie nimmt das für eine Abbitte und sagt milder: „Du warst abscheulich zu mir, Franz. Auch Ulrike war empört, mit der ich dieser Tage in Wieslee war."
„Du wirft versöhnlicher urteilen, wenn ich dir alles erzählt habe. Ach Riele..Entmutigt läßt er die Hände sinken und folgt ihr ins Wohnzimmer, wo wilde Unordnung herrscht. Die Fabri fegt mit schöner Bewegung viele Dinge von der Couch, einen Strumpf, eine Kleiderbürste, ein Buch und eine leere Pralinenschachtel, pufft ein paar Kisten auf und lädt ein:
„Setz dich, Franz."
Severin gehorcht. Die Fabri sitzt ihm gegenüber auf einem niederen, drolligen Hocker, hat die seidenen Strümpfe überkreuzt und stört ihn in dieser Stellung ' beträchtlich. „Komm neben mich, bitte, sonst bringe ich keinen Ton heraus."
„Was ist denn los? Ist etwas passiert? So sprich doch."
„Ich bin in einer scheußlichen Zwickmühle. Ich bin nämlich in Geldverlegenheit, verstehst du? Da hat man einen Hausen in diesem Spital stecken, aber es ist nicht greifbar. Das treibt mich schon lange herum, und ich habe es dir schon längst beichten wollen, aber ich..
„Ach so, Franz." Sie läßt den Knopf fahren, mit dem sie getändelt hat, und sieht zu Severin auf.
„Ja. Und ich will dir das jetzt der Reihe nach auseinanderlegen, Riele. Du weißt doch, was eine Hypothek ist? Hör' zu." Stockend, mit vielen kleinen Hauptsätzen, trägt er ihr die Geschichte mit dem Krankenhaus, mit Friedrich, mit den säumigen Schuldnern und dem Dückerschen Brief vor. Dieses Sichentbloßen ist schwer wie kaum etwas auf der
Welt; denn er muß feinen Stolz unter die Füße treten, muß sich klein und hilflos machen und muß seine schiefe Lage einer Frau eingestehen, die ihm in die Bezirke der Armut und der Bedrängtheit vielleicht nicht zu folgen vermag. Das ist bitter, und er knackt die Zähne zusammen vor Scham. „Begreifst du nun, Riele, daß meine Weigerung letzthin weder Knauserei noch Tyrannei war? Wenn es nach mir ginge, wenn dieses dumme Geld nicht wäre, hättest du fünf solche Zimmer an- schasfen können. Sag doch was, Riele!"
„Armer Franz, ganz armer Franz", sagt sie leise und streicht über sein Haar. Wie damals in der allerersten Zeit wird sie auch jetzt wieder angerührt von jenem Unverständlichen, das sie zu Severin hinzieht, von jener Ahnung schlichten Menschentums, das nicht der gewitzte Tino und nicht alle andern ausstrahlen, sondern nur Franz Severin allein. „Dummer, ganz dummer Franz, warum hast du das nicht gleich gesagt? Ausgeführt hast du mich Tag für Tag, Auslagen hast du gehabt mit mir — und ich habe von nichts gewußt."
Sie drängt ihren jungen, weichen Körper dicht an ihn, legt die Hand um seine Schulter und flüstert zärtliche Worte. Wenn er jetzt weiterspricht, muß sie weinen; so ist es in diesem Moment um sie bestellt.
„Ja, es geht mir augenblicklich dreckig, Riele, und ich hätte dir das natürlich schon längst sagen sollen. Aber all das Schöne mit dir möchte ich ttotzdem um keinen Preis hergeben. Ich war ja vorher gar kein richtiger Mensch. Ohne Freude, ohne Freunde, ohne Frau hab' ich dahingelebt: immer bloß Arbeit und Kleinliches. Und dann bist du gekommen, und dann war es auf einmal hell und anders. Sogar mein Beruf, den ich die letzten Jahre wie Frondienst empfunden habe, macht mir jetzt wieder Spaß, und ich kann gar nicht erwarten, bis es losgeht. Mit dir, Riele, und für dich, Riele, kann ich alles", stammelt er und hat sich aus dem Dickicht feiner Sorgen glücklich hinausgeflüchtet. Er wühlt den Kops an ihre Schulter, er bedeckt ihr Gesicht mit Küssen und benimmt sich ganz so, als ob es kein Eschelbrunn und keinen Friedrich gäbe ...
Die Fabri rettet sich als erste von diesem davongaloppierenden Rausch auf festen Boden. Sie streicht ihre Haare zurecht, glättet ihr Kleid und sagt plötzlich ernüchternd und schmerzhaft, weil kein rechter Uebergang da ist:
„Du mußt also dreitausend Mark haben?"
„Ja", bestätigt Severin kleinlaut, wie mit dem Kopf in eiskaltes Wasser gestoßen.
„Was machen wir denn da?"
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„Ich habe an deine Großmutter gedacht, Riele..' „Omama kannst du ruhig ausschalten, Franz. Ebenso gut kannst du an eine Wand hinreden."
„Ich will das Geld ja nur geliehen. Wenn bai Praxis verkauft ist, bekäme sie es sofort wieder" sagt er leise.
„Omama leiht grundsätzlich nichts her, und wem du der Kaiser von China bist. Alle Fobttnetm- haben diesen hartherzigen Zug. Nein, mit Großmama ist nichts zu machen. Laß mich mal über legen."
„Du hast so viele Bekannte, Riete; vielleicht H einer darunter. Du kannst dir gar nicht vorstelle«. Wie peinlich mir diese Bettelei ist", seufzte er gequält.
,Laß nur, ich muß nachdenken", wehrt sie fein*
Zwischenrede ab. Sie erwägt flüchtig Leinfelder und verwirft ihn sogleich wieder. Dann geht sie bü lange Reihe ihrer Bekannten durch. Lankes lM selbst Schulden. Ihre Freunde beim Film sind aueh nicht auf Rosen gebettet. Die vielen andern, die v hohen Stellungen sind, Geld haben oder klein! Herrgötter in Betrieben und Unternehmen spiele«, Wie wäre es mit denen? Sie scheiden aus. Wo in der Mann, der dreitausend Mark in den blinder Nebel hinein leiht? Ohne Sicherheit, denn das übn- lastete Krankenhaus zählt ja nicht. All diese LeM sind nette Menschen, gute Gesellschafter, aber betf Geld, bei so viel Geld hört der Spaß auf. Blei» Ulrike. ' Ein vortreffliches Mädchen, das nur de> einen Fehler hat, daß es gestern ins Ausland g-e reist ist. Eine bekümmerte Faltenjalousie bildet H auf Rieles Heller Stirn. Sie sagt traurig:
„Wenn ich es recht überlege, ich weiß niemand! Da bildet man sich ein, man hat einen Troß Freunden, und wenn sie gebraucht werden, schrump fen sie zusammen und verflüchtigen sich. Ganz allett steht man, wenn es darauf ankommt; ob du e; glaubst oder nicht, Franz." Diese Binsenwahrhet wird die Fabri zum erstenmal in ihrem Leben st!» inne.
„Ja, dann...", beginnt Severin den Satz uw schließt mit einer kleinen Handbewegung ab, b^t tödliche Hoffnungslosigkeit ausdrückt.
„Halt, ich habe eine Idee, Franz!"
Riele sagt das ungeheuer fröhlich, springt in W Schlafzimmer, reißt Schranktüren auf, Schubfachs Schachteln, belädt sich mit allerlei Dingen urw kommt mit einem Pelzmantel, einem Sparkasse^' buch und verschiedenen Schmuckgegenständen zuri». Auch die Armbanduhr von Franz ist dabei.
(Fortsetzung folgt.)


