Aus der Stadt Gießen.
Bezugsscheinpflichtig.
An anderer Stelle unserer heutigen Ausgabe bringen wir die Anordnung über die Einführung von Bezugsscheinen für lebenswichtige Verbrauchs- guter. Diese Maßnahme bezweckt zunächst, eine gleichmäßige und gerechte Verteilung notwendiger Bedarfsgüter sicherzustellen. Die besondere Verpflichtung aller Volksgenossen macht es für jeden unabweisbar, die Ausstellung eines Bezugsscheines nur dann zu beantragen, wenn wirklich ein unabweisbar dringender Bedarf oorliegt. In diesem Zusammenhänge sei besonders betont, daß die zuständige behördliche Stelle das Recht hat, den Nachweis der Dringlichkeit des Bedarfs zu verlangen und die Angaben genauestens nachzuprüfen.
Bei zahlreichen Geschäftsleuten sind heute vormittag Zweifel darüber aufgetaucht, ob sie heute noch Waren, wie z. B. Schuhe, Spinnstoffe usw., ohne Bezugsscheine abgeben können, oder ob Kohlenhändler heute noch ohne Bezugsscheine Kohlen liefern dürfen an solche Besteller, die die Lieferung vor der Einführung der Bezugsscheine fest bestellt hatten. Wie wir bei der Stadtverwaltung Horen, wird dort der Standpunkt vertreten, daß in den hier als Beispiel erwähnten Fällen keine Lieferung ohne Bezugsschein erfolgen darf, weil eben von heute ab alle derartige Belieferungen bezugscheinpflichtig geworden sind und für Zuwiderhandlungen Strafandrohungen bestehen.
Im übrigen sei darauf hingewiesen, daß die Stadtverwaltung im Stadthaus Bergstraße ein be-e besondere Dienststelle zur Bearbeitung aller dieser Angelegenheiten eingerichtet hat.
Kampf den Wespen.
Heber die Schädlichkeit der Wespen sind sich alle Gartenbesitzer und Hausfrauen einig. Auch die Mittel zur Bekämpfung sind bekannt. Am vollkommensten gelingt die Vernichtung, wenn man das ganze Nest zerstört, was bei kühlem Wetter geschieht, wenn die Insassen klamm und nicht stechlustig sind. Nester in der Erde oder in Baumhöhlen kann man ausschwefeln, solche, die in Gebäuden unter einem Dachballen hängen, mit einem geeigneten Erstickungsmittel bespritzen. Weiß man die Nester nicht, so fängt man die einzelnen Wespen weg. Das geschieht, indem man Flaschen mit engem Hals, z. B. größere Arzneiflaschen mit Zuckerwasferlösung füllt und sie aufstellt, oder an geeigneten Stellen, in Weinspalieren und an den Zweigen der Obstbäume aufhängt. Die gärende Flüssigkeit, der man einige Tropfen abgestandenen Bieres zusetzen kann, zieht die Wespen unwiderstehlich an. Sie betäuben sich und ersaufen in ihr. Oft ist eine solche Fangflasche schon in wenigen Tagen ganz mit toten Wespen gefüllt, und der Inhalt muß erneuert werden.
Mit dem Kampf gegen die Wespen kann gar nicht früh genug im Jahre begonnen werden. Im September, wenn die Wespenplage gewöhnlich im größten Umfang einsetzt, sind die geschlechtsreifen Tiere schon oorhanoen, die den Weiterbestand für das nächste Jahr sichern. Der Gartenbesitzer und die Hausfrau brauchen sich nicht zu wundern, wenn trotz der gefüllten Fanggläser keine merkliche Abnahme der Schädlinge zu bemerken ist. Denn bis dahin kann ein voll bevölkertes Wespennest bis zu 30 000 Insekten b" n i. Darum muß mit der Vernichtung möglichst frühzeitig begonnen werden.
Dornotizen.
Tageskalender für Montag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Der Polizeifunk meldet".
Schwerer Derkehrsunfall in Gießen.
Am gestrigen Sonntagnachmittag ereignete sich in der Kaiserallee in der Nähe der Volkshalle ein schwerer Verkehrsunfall. Dort stießen ein Lastkraftwagen und ein Personenauto so heftig zusammen, daß das Personenauto zertrümmert wurde und von den beiden Insassen der eine den Tod fand, während der andere mit schweren Schädelverletzungen nach der Chirurgischen Klinik verbracht werden mußte. Bei dem tödlich Verunglückten handelt es sich um den Georg Karl aus Ehringshausen (Kreis Wetzlar), der unmittelbar nach seiner Einlieferung in die Chirurgische Klinik verstarb. Der schwerverletzte Mitfahrer ist der 43 Jahre alte Emanuel Nicolaus aus Reißwitz (Oberschlesien). Die polizeilichen Feststellungen wurden sofort ausgenommen.
Oer Fahrplan der Reichsbahn im Bezirk Gießen.
Gültig ab 28. August
Die nachstehend angeführten Züge verkehren täglich.
Bei den mit einem fetten e bezeichneten Zügen ist damit zu rechnen, daß sie aus betrieblichen Gründen zeitweise mehr oder minder langen Aufenthalt auf den Stationen bekommen, so daß nicht immer mit
1939 bis auf weiteres.
ihrer pünktlichen Ankunft bzw. Abfahrt zu rechnen ist. Die Verspätung dieser Züge wird jeweils im Bahnhof durch Aushang besonders bekanntgegeben.
Eine Gewähr für die Einhaltung dieses Fahrplans wird von der Reichsbahn nicht übernommen.
Ankunft
der Züge.
Abfahrt
der Züge.
Zeit
Zug-Nr.
aus Richtung
Zeit.
Zug-Nr.
Richtung
5.14
5.35
6.41
7.08
7.38
7.39
7.41
7.49
8.22
8.59
<>2552
D18 o 727
501 0 1608 o 790 o 552 e D76
775
421
Londorf Berlin Friedberg Gelnhausen Betzdorf Marburg Fulda Hamburg-Kassel Frankfurt a. M. Koblenz
4.36
5.22
5.28
5.38
5.47
6.21
6.50
7.53
8.27
8.37
o 704 «1611 o 799 o 504
D18 »2551 1615 v D76 o 506
775
Frankfurt a. M. Dillenburg Marburg Gelnhausen Frankfurt a. M. Grünberg Troisdorf Frankfurt a. M. Gelnhausen Marburg
9.16
9.49
2566
786
Grünberg Marburg
8.38
9.55
553
786
Fulda
Frankfurt a. M.
11.15
11.45
12.07
E71 0 1618 o 554
Frankfurt a. M
Betzdorf
Fulda
10.32
11.19
12.12
1625
E71 0 1627
Siegen Hannover Troisdorf
12.24
14.03
o 773 o 776
Frankfurt a. M. Marburg
12.33
14.52
e 773
o 796
Marburg
Frankfurt a. M.
14.07
15.23
17.16
o 411
376
794
Wetzlar Hagen Marburg
15.17
17.00
17.26
375 »2561 o 794
Hagen Lollar Frankfurt a. M.
17.57
«2560
Grünberg
17.40
«1635
Dillenburg
18.10
707
Frankfurt a. M.
18.01
o 565
Fulda
19.24
19.35
1636
E72
Dillenburg Hannover
18.20
18.26
0 2557
420
Grünberg Koblenz
19.36
o 507
Gelnhausen
18.55
512
Gelnhausen
19.42
o 781
Frankfurt a. M.
19.41
E72
Frankfurt a. M.
21.04
o 415
Koblenz
20.10
0 559
Fulda
21.34
568
Fulda
21.17
»2559
Londorf
21.34
o 513
Gelnhausen
22.11
o D75
Hamburg
22.07
o D75
Frankfurt a. M.
22.48
782
Frankfurt a. M.
22.31
1644
Dillenburg
23.08
0 1649
Dillenburg
23.44
D17
Frankfurt a. M.
23.46
D17
Berlin
Weitere Jüge, die aber auch zeitweilig ausfallen können.
Zur befleren Bedienung des Berufsverkehrs wer-1 mit einem zeitweiligen Ausfall dieser Züge muß aber den noch die nachstehenden Züge ab sofort gefahren, I gerechnet werden.
Ankunst in Gießen. Abfahrt in Gießen.
rg-Nr.
von
Ankunft
Zug-Nr.
bis nach
Abfahrt
771
Frankfurt a. M.
1.15
404
Wetzlar
4.48
403
Wetzlar
5.52
573
Fulda
11.23
580
Grünberg
6.16
780
Frankfurt a. M.
12.39
509
Nidda
7.30
555
Fulda
12.44
703
Friedberg
7.33
1728
Wetzlar
13.42
574
Fulda
9.04
416
Wetzlar
14.10
411
Wetzlar
14.07
2555
Grünberg
15.15
2558
Grünberg
14.24
446
Limburg
16.36
505
Gelnhausen
14.45
518
Gelnhausen
16.38
719
Frankfurt a. M.
16.33
726
Frankfurt a. M.
18.40
562
Fulda
16.56
708
Frankfurt a. M.
19.52
1634
Wetzlar
18.35
482
Weilburg
19.59
473
Limburg
19.37
569
Grünberg
23.11
483
Weilburg
21.48
516
Nidda
23.12
Treudienst-Ehrenzeichen beim Bahnbetriebswerk Gießen.
In diesen Tagen konnte der Lokomotivführer Heinrich D e b u s , Gießen, Ebelstraße 23, auf eine 40jährige Eisenbahndienstzeit zurückblicken. Der stellvertretende Vorstand des Reichsbahn-Maschinen- Amtes, Reichsbahnamtmann Hammel, überreichte dem Jubilar mit einer Ansprache in würdiger Form das Treudienstehrenzeichen in Gold. Der Jubilar, erfreut über die Ehrung, dankte recht herzlich.
Ferner wurden noch folgende Gefolgschaftsmitglieder mit dem Treudienstehrenzeichen für 25jährige
Eisenbahndienstzeit ausgezeichnet: Reichsbahninspektor Knapp, Wagenputzer Heinrich Volk und Ludwig Weiß. Der stellvertretende Betriebsführer, Reichsbahninspektor Rau, hielt eine kurze Ansprache und heftete den Jubilaren das Ehrenzeichen an die Brust.
Auguste prasch-Grevenberg 85 Jahre alt.
Am 23. August wurde die auch in Gießen bekannte Schauspielerin Auguste Prasch-Grevenberg 85 Jahre alt. Die Jubilarin, die etwa um 1870 am Hoftheater in Meiningen ihre Laufbahn als
Schauspielerin begann, hat sich durch ihre wieder, holten Gastspiele am Stadttheater in Gießen in der Zeit der Jntendantentätiakeit ihres Sohnes Dr. Rolf Prasch auch bet dem Gießener Theaterpublikum viel Sympathie erworben. Ihre Gastsviele in Gießen brachten ihr stets außerordentliche Beifallskund- gebungen als äußeres Zeichen der Anerkennung ihrer hohen schauspielerischen Leistungen em. Trotz ihres hohen Alters hat die Künstlerin noch nicht daran gedacht, sich der beschaulichen Ruhe hinzugeben, son- dem sie hat in diesem Jahre sogar noch in dem Film „Das unsterbliche Herz" als Mutter Peter Henleins mitgewirkt.
Weiterer Abbau der Tlotverordnungen in der Invalidenversicherung.
NSG. Wie der Leiter der Landesversichemngs- anstalt Hessen mitteilt, sind die Ausführungsbestimmungen zu dem zum 50. Geburtstage des Führers verkündeten Gesetz zum weiteren Abbau der Not- Verordnungen nunmehr erschienen. Die Kinder- zuschüsse und die Waisenrenten werden vom l.Juli 1939 ab allgemein bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres gezahlt. Sind Kinder bereits vor Vollendung des 18. Lebensjahres aus dem Rentenbezug ausgeschieden, oder war für sie früher überhaupt noch keine Rente oder Kinderzuschuß bewilligt worden, so empfiehlt es sich, für diese Kinder, sofern für sie inzwischen nicht bereits die Bezüge ab 1. Juli 1939 festgesetzt worden sind, alsbald Antrag auf Feststellung der Waisenrente oder des Kinderzuschus- ses zu stellen. Das Ruhen der Renten aus der In- oalidenversicherung neben Dersorgungsrenten und pensionsähnlichen Bezügen ist ab 1. Juli 1939 ganz beseitigt worden.
Bei dem Bezug von Renten aus der Reichsunfall. Versicherung ruht die Rente aus der Invalidenver. sicherung ab 1. Juli 1939 im allgemeinen nur noch zur Hälfte. Ist die Unfaörente niedriger als die Hälfte der Rente aus der Jnvalidenversichemng, so tritt in der Höhe dieser letzten Rente eine Aende- rung nicht ein. Die Neufestsetzung der nach den seit- herigen Bestimmungen neben anderen Bezügen noch zum Teil aus der Jnvalidenversichemng gezahlten Renten, deren Höhe sich ab 1. Juli 1939 ändert, wird ohne weiteres von Amts wegen vorgenommen werden. Rentenberechtigte, deren Rente aus der Invalidenversicherung wegen des Bezugs einer höheren UnfaCrente in voller Höhe ruht, haben alsbald Antrag auf Zahlung der in Betracht kommenden Teilrente aus der Invalidenversicherung zu stellen.
Landschaften des Volksdeutschtums auf den Bildquittungen.
NSG. Die deutsche Jugend in aller Welt ist der verständnisvollste Helfer des Volksbundes für das Deutschtum im Ausland. Die Jungen und Mädel im Reich bestätigen die große Gemeinschaft, die sie mit denen draußen verbindet, in diesem Jahre wieder durch eine Schulsammlung. Die Möglichkeit dazu gibt ihnen der VDA. als Betreuer des Dolksdeutsch- tums jenseits der Reichsgrenzen. Die Jugetck» aller reichsdeutschen Schulen sammelt bei Bekannten, Freunden und Verwandten. Die Sammelhefte enthalten Quittungsmarken über Beiträge zwischen 10 Rpf. und 1 RM. Darauf sind führende Persönlichkeiten aus den Volksgruppen und besonders kenn- zeichnende Stätten deutschen Kulturschaffens jenseits Der Grenzen dargestellt. Diese Zeichnungen werden den einzelnen Spender stolz darauf machen, daß auch er dieser größeren Volksgemeinschaft augdjört. In unserem Gau führt der Gauverband des VDA. die Sammlung zwischen dem 29. August und dem 5. September durch.
Das ist kein Spielzeug für Kinder!
Der Hans will etwas zum Spielen haben. „Da, nimm!" sagt die Mutter, „und laß mich jetzt eine Weile in Ruhe!" Sie greift eine Schachtel Streichhölzer vom Brett und wirft sie dem Kleinen zu. „Du kannst damit Figuren legen und die Hölzchen schön glatt aus- und einpacken. Da hast du auch etwas zu tun!" Der Hans tut es auch. Er spielt schön und ist ganz brav. Mit einemmal, die Mutter ist grab im Nebenzimmer, brüllt er entsetzlich. Was war geschehen? Der Junge wollte mal so machen wie der Vater, wenn er die Pfeife ansteckt. Er hatte sich gemerkt, daß man dazu die Streichhölzer braucht. Und nicht lange dauerte es, da stand der Anzug des Jungen in hellen Flammen. Die Mutter erstickte war das Feuer, aber die Brandnarben behält Hans das ganze Leben. Ja, liebe Mütter, Streichhölzer sind wirklich kein Spielzeug für Kinder.__
Der Täter mitten unter uns
Roman von Kurt Riemann
Copyright by Verlag «Oskar Meister, tDeröau L Sa.
17. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Die Ueberraschung ist zu groß. Die Frau, die er niemals hier erwartet hätte, steht da unten neben dem Werkmeister und schaut zu ihm hinauf: Vivie Holgerson.
„Na, nun steigen Sie mal ’runter, Doktor!" lacht Morell. „Einer von unfern neuen Chefs ist da!"
Besangen steht er vor ihr, sieht verlegen bald auf feine Kleidung, bald auf seine schmutzigen Hände.
Herzlich aber streckt ihm Vivie die Rechte entgegen.
„Sie dürfen ruhig zugreifen, Herr Doktor!" lächelt sie. „Ich habe auch oft in Vater Morells Pflaumen gesessen und weiß, daß man ganz grüne Hände bekommt. Und verzeihen Sie mir den Heber- fall ... ich hatte solche Sehnsucht danach, wieder einmal mit den Menschen zusammen zu sein, die ich in meiner Jugendzeit so lieb gewonnen habe. Wir Mädchen waren mehr bei Morells im Garten als dayeim."
Doller Freude und Stolz geleitet der Alte seinen Gast in die Laube.
„Guck mal, Mutter, wen ich hier bringe! Na ... nu bist du aber sprachlos, was?"
Nein, Mutter Morell ist gar nicht sprachlos. Sie lacht und meint in einem Atemzug, schüttelt ihrem Gast die Hände, sorgt für Tee, bann muß sie wie- ber mit der Schürze über die Augen wischen ... das geht bis Vater Morell energisch auf den Tisch schlägt.
„Schluß mit der fieulerei, Mutter! Nun laß die anbern auch mal wieder zu Wort kommen!"
Unter den einfachen ehrlichen Menschen und ihrer klaren, herzlichen Art taut Vivie Holgerson förmlich auf. Sie spricht und lacht, wird lebhaft und lebendig, es ist, als erwache sie aus einer Art Erstarrung.
„Wie schön ist das, wieder mal bei Ihnen zu sein, Mutter Morell! Ich darf doch noch so zu Ihnen agen?" fragt sie lachend und brückt das kleine rund- liche Frauchen an sich.
„Ich danke Ihnen wirklich von ganzem Herzen für den schönen Nachmittag. Mir ist zumute, als sei meine ganze Jugendzeit wieder lebendig geworden! Hier bei Ihnen ist alles noch beim alten geblieben — ogar der Napfkuchen ist noch genau so gut wie damals — vor zehn Jahren."
„Nun hat's bei Muttern gezündet! Jetzt schnappt ie über vor Stolz!" neckt Vater Morell.
„Ach du — stell dich mal nicht an! Du erzählst ja auch drei Wochen davon, daß wir solchen Besuch gehabt haben!" weist sie ihren Alten zurecht und meint dann, wenn sie das geahnt hätte, daß die gnädige Frau käme, bann hätte sie sich noch viel mehr angestrengt. So sei es ja nicht der Rede wert.
Aber Vivie wird beinahe böse über die „gnädige Frau".
„Für Sie bleibe ich die Vivie — und wenn ich hundert Jahre alt werden sollte, Mutter Morell!"
Darauf gibt's natürlich Widerspruch, und schmun- zelnd sieht Vater Morell zu, wie beide Frauen in edlen Wettstreit geraten.
Joachim Hellmers aber sitzt still und beklommen in seiner Ecke. Immer wieder muß er zu Divian Holgerson hinüberschauen. Wie können diese samtschwarzen Augen aufleuchten! Wie hinreißend kann dieser Mund sein, wenn er sich zu einem Lächeln formt! — Wie herzlich, wie natürlich ist diese zurückhaltende stille Frau hier unter schlichten, wahrhaften Menschen —!
Er fühlt fein Herz hart klopfen, als er beim Aufbruch vorschlägt, den Rückweg gemeinsam zu machen, und glaubt kaum, daß Sie mit ihm gehen wird.
Doch zu seiner großen Freude erklärt sie sich einverstanden. Ganz schlicht und ohne Zögern.
Sie verabschieden sich von den beiden gastlichen Alten aufs herzlichste.
„Unb vergessen Sie das Wiederkommen nicht, Frau Divie! Weiter hat sich Mutter Morell nichts abhandeln lassen. „Unfer Doktor kommt auch gern, und wir freuen uns so schrecklich, wenn wir Besuch haben."
Lange winken ihnen die beiden guten Leutchen nach.
Dann gehen sie schweigend in den sinkenden
Er sieht sie überrascht an, und mag es nun
Sommerabend. Die Sonne hak sich hinter einen Dunstschleier zurückgezogen unb das Abendrot über die Höhen geschickt. Aus den Gärten der Vorstadt tönt eine Harmonika. Manchmal auch ein helles Lachen fröhlicher Menschen. Ganz aus der Ferne tönt dumpf das Heulen einer Dampfpfeife. Auf der Themse geht ein Schiff stromab in See.
,Lch muß Ihnen etwas gestehen, Herr Doktor", beginnt Vivie nach einer Weile zögernd das Gespräch, und auf seinen fragenden Blick erklärt sie freimütig, daß sie den letzten Teil seines Gesprächs mit Morell gehört habe.
„Zunächst war ich erschrocken, das werden Sie begreifen können. Aber bann erkannte ich doch, daß Ihre Sorgen nicht unbegründet sind. Ich mochte Ihnen nun hier die Erklärung abgeben, daß sich mit meinem Einverständnis nichts ändern soll in Ihrer Arbeit. Alles soll beim Alten bleiben. Auch mein Onkel ist der gleichen Ansicht."
„Ich danke Ihnen!" antwortet Hellmers mühsam. Alles hatte er erwartet, aber nicht das.
Unb dann ist es mit einem Male, als sei seine Zunge gelost. Er beginnt zu sprechen. Don seinem ersten Zusammentteffen mit Sir John. Don seinen ersten Tagen in London. Don seiner Arbeit. Don feinen Sorgen und von feiner Hoffnung. Ja, er verschweigt nicht, wie sehr gerade jetzt die Weiterentwicklung seiner Arbeit von der Einsicht der Besitzer abhängt.
,X£s wirb Gelb kosten, viel Geld. Vielleicht ist ber erwartete Erfolg nicht gleich da. Die ganze Geschichte unserer Industrie ist ja nichts anderes als eine Kette von Hoffnungen, enttäuschten und erfüllten. Das Risiko muß jeder eingehen. Wer nichts wagt, gewinnt nichts. Unb mir sind die Hände gebunden, wenn ich nicht bei den Werkeigentümern Verständnis dafür finde. Ihr Herr Vater war in dieser Weise ein vorbildlicher Vorgesetzter, der volles Verständnis dafür hatte."
„Sie sollen bei uns nicht weniger Entgegenkommen finden, Herr Doktor!" versichert Vivie.
Er nickt chr dankbar zu. „Sie haben viel Vertrauen zu mir. gnädige Frau!"
„Ja... ich habe Sie im Werk gesehen... ich habe gehört, wie Morell von Ihnen spricht... aber selbst, wenn das alles nicht wäre ... auch bann würde ich nicht anders handeln."
fein, daß fein Blick mehr verrät, als er verraten dürfte — Vivie wird verlegen. Hastig streckt sie ihm ihre schmale Rechte entgegen.
,Zch muß jetzt aber heim. Entschuldigen Sie mich! Ich mochte mir dort eine Taxe nehmen... und vielen Dank für Ihre Begleitung. Sie haben mir viel Vertrauen entgegengebracht in dieser Stunde, Herr Doktor. Ich sehe, daß mein Vater ein besserer Menschenkenner war als seine Töchter. Leben Sie wohl!"
Schnell schreitet sie von bannen.
Joachim aber steht noch eine Weile wie betäubt dann geht er langsam in die Stadt zurück.
Ein leeres, trübseliges möbliertes Zimmer wartet auf ihn. Nie fühlte er sich so einsam wie in dieser Stunde.
15.
Inspektor Linkerton sieht genauer h i n.
Zwei Wanderer bewegen sich ruhig die einsame Küstenstraße entlang, die auf die Höhen von Dort' moor-Forest führt, der eine mager unb sehnig, de- häbig unb rund ber anbere. Sie scheinen keinen Blick für die herbe Schönheit dieser Landschaft zu haben, für ihre Einsamkeit, ihre erhabene Weite, sondern sie sind in ein lebhaftes Gespräch vertieft.
Jetzt bleibt ber Jüngere von ihnen stehen, hott ein Blatt Papier aus ber Tasche unb beginnt offenbar feine Auszeichnungen mit ber Umgebung zu vergleichen. ,
„Kein Zweifel", stellt er enblich fest unb beutet M den Abhang, ber zur See abstürzt, „wir sind an Der Morbstelle — ober Hnglücksstelle, je nachdem. S)*er die einsame Brücke, ber Abhang — dort unten Der erste Absatz, auf dem man bie Brieftasche fand, vie ist bei bem Sturz aus dem Jackett geflogen und hier liegengeblieben. Auf jener Felsennase einige Meier darunter fand man ihn." .
Inspektor Linkerton, denn das ist der rundliche o« beiden Männer, nickt nur und kaut an seiner Agars- Dann begibt er sich an die Untersuchung. Pemluy genau wird jeder Quadratmeter Erde überprüft-
Besondere Aufmerksamkeit erregt ein 3auJ®J Schotter, ber am Straßenranbe liegt, Kleinschlag zum Ausbessern ber Straße, ber hier als Vorrat auf
gehäuft ist.
(Fortsetzung folgt)


