Tannenberg in den Erinnerungen eines Mitkämpfers
Die kriegerischen Geschehnisse in Ostpreußen vom Tage der Mobilmachung bis zu dem gewaltigen Höhepunkt der Tannenberger Schlacht bilden ein in sich geschlossenes Ganzes, welches in gerader Lime und in nachträglich erstaunlicher Folgerichtigkeit zu dem größten und wohl auc^ am schwersten errungenen Siege deutscher Truppen in der Weltgeschichte führte. Persönliche Aufzeichnungen, Kriegstagebücher und Feldzugbriefe, die nun in diesen Tagen aus der Schublade geholt werden, geben in fast wundersamer Weise ein farbensattes, von der wachen Erinnerung neubelebtes Bild jener Wochen, in denen ein Feldherrnpaar im ersten Strahlenkranz des Ruhmes sichtbar wurde, in denen eine deutsche Provinz gerettet und befreit war und in denen eine wohl auf verlorenem Posten stehende, dem Gegner weit unterlegene deutsche Armee unter Einsatz des letzten Mannes die große Linie des Schlieffenschen Gesamtfeldzugsplanes im Osten aus eigenster härtester Kraft innezuhalten wußte.
Während des ganzen Juli 1914 lagen die Regimenter des XVII. Armeekorps auf den Truppenübungsplätzen in West- und Ostpreußen. Bei einer Gefechtsübung dort fielen in den letzten Tagen des Monats plötzlich zwei scharfe Schüsse, die ein Mann aus Neugier und Ueber- mut in die Luft abgegeben hatte. Die Uebung wurde abgeblasen, alle Gewehre untersucht, der „Täter" aber nicht festgestellt. Unvergeßlich blieb allen übrigen Angehörigen der Truppe jenes wohl geringfügige Ereignis, als dann nur wenige Tage später in den Grenzgefechten wirklich die ersten scharfen Schüsse knallten und niemand mehr das Signal „Das Ganze Halt!" gab. Das Zwitschern und Sausen und Singen der Jnfanteriegeschosse, die man auf dem Truppenübungsplatz Arys zum erstenmal vom markierten Feind her gehört hatte, wurden nun schnell die' tägliche Gewohnheit des Soldaten.
Vorzeitig ward die Uebungszeit abgebrochen und durch die reifenden goldgelben Kornfelder fuhr das Regiment an einem strahlenden Hochsommertage in die Garnison zurück: der Zustand der „drohenden Kriegsgefahr" war ausgesprochen und schwüle Erwartung lagerte über dem Land, als schon die ersten Reservisten Abschied nahmen und zu ihren Regimentern einrückten. Am 12. August erhielt das Regiment die Feuertaufe auf russischem Boden südlich Soldau, ward dann nach Gumbinnen mit der Bahn gefahren, griff dort im Rahmen des XVII. Armeekorps und der anderen Truppen der 8. Armee die Armee Rennenkampf an und wurde blutig abgewiesen. Am 21.August trat man den Rückzug an, der, wie es mit Schrecken durch die Truppe ging, bis hinter die Weichsel führen sollte. Es war nicht zu glauben, daß man das herrliche Land nun kampflos im Stich lassen und räumen sollte, und alle Schrecken eines bevorstehenden Einfalles begleiteten jetzt schon die Truppe, als sie die leeren Dörfer, das umherjagende Vieh, die Räumung der Amtsstellen und die erbarmungswürdige
Äon Oberstleutnant z. 23. Matthaei.
Flucht der Bewohner mitansehen mußte, ohne helfen zu können. Sie hemmten vielfach die militärischen Bewegungen der Truppe, verstopften die Straßen, so daß schließlich die Marschkolonnen vor den Bewohnern, ihrem Hab und Gut und Vieh gewaltsam den Vorrang sich schaffen mußten. Wohl trostlos und hoffnungsarm war die Stimmung, die der blutige Rückschlag von Gumbinnen nicht so herabgemindert hatte, wie gerade das Elend des Landes.
Da lief am 22. August während einer Rast die Nachricht vom Wechsel im Oberkommando ein, die Namen Hindenburg und Ludendorff tauchten auf und schon am folgenden Tage bog das XVII. Korps von der unerwünschten westlichen Marschrichtung ab, zog die Nachhut ein und marschierte wieder mit Vorhut nach Süden einem neuen Feinde entgegen, im Rücken gegen Rennenkampf nur schwach durch Kavallerie gedeckt, aber gehoben in der Stimmung und bereit und willig, die Scharte von Gumbinnen auszuwetzen und, was auch kommen mochte, den Feind nun anders und kräftiger zu packen: „Tannenberg" zeichnete sich am Horizont ab, als am gleichen Tage Hindenburg und Ludendorff in Marienburg eintrafen und bei Lahna und Orlau das XX. Korps den ersten Stoß der Armee Samsonow auffina und, befehlsmäßig zurückweichend, die Oeffnung des Kessels freimachte, in dem der russische Führer sich verfangen und mit feiner Armee untergehen sollte.
In gewaltigen Märschen bei glühender Sonnenhitze und auf schlechtesten Landstraßen zogen am 24. und 25. August die Kolonnen der deutschen Korps und Reservedivisionen neben- und hintereinander nach Süden. Unbekannt blieb zwar das Ziel, aber der Marschtritt ward beschwingt, weil auch der letzte Mann fühlen mochte, daß eine große und entscheidende Operation bevorstand, an der teilzuhaben oas Korps nicht versäumen wollte. Kosaken- Patrouillen tauchten da und dort lauschend und spähend auf, sie wurden verjagt und rastlos strebte die Truppe weiter, als sie am 26. August bei Lautern und Großbössau auf starken Feind stieß. Es war dos russische VI. Korps, welches weit ösllich Allenstein nach Norden vorfühlte, um die Verbindung mit der in westlicher Richtung vormarschierend gedachten Armee Rennenkampf aufzunehmen und so die deutschen Operationen zu zertrümmern. Anders wie bei Gumbinnen setzte die Führung den deutschen Angriff diesmal an: unvergeßlich der Augenblick, als auf die ersten Meldungen über die Stärke und Stellung des Gegners in den frühen Vormittagsstunden der Kommandierende General des XVII. Armeekorps, General der Kavallerie von Mackensen, mit seinem Wagen fast bis zur Jnfanteriespitze vorfuhr, in persönlichem Augenschein die Lage erkundete und dann den Befehl zum Angriff gab. Erst sollte die Artillerie den Gegner zusammenschlagen, und dann erst die Infanterie das Ihre tun, — so schnell hatte man von Gumbinnen her die erste Kriegserfahrung ausgewer
tet und zum Nutzen der Truppe verwandt.
In weitem Raume entfaltete sich die Infanterie, trug den Angriff bis auf mittlere Entfernungen vor, und dann erhielt die Artillerie die Aufgabe der Bekämpfung. Einen harten heißen Tag lang rang das Korps neben anderen Truppen und Reserveverbänden mit den Russen, und als am Abend die Infanterie sich erhob, in schnellem Lauf die letzten paar hundert Meter den Berghang hinabstürmte und^den Feind aus dem Walde heraustrieb, war der Sieg errungen. Sofort trat man zur Verfolgung an, in tiefster Nacht marschierten die Korps durch dunkle Wälder dicht aufgeschlossen und drückten den Gegner nach Süden zurück, dessen Marschstraße an umgestürzten Fahrzeugen und Geschützen, an toten Pferden und fortgeworfenen Waffen alle Zeichen eines überstürzten Rückzugs führte. Als der 27. August heraufdämmerte, war das russische VI. Korps verschwunden; es ging hinein in den Kessel, dessen Nordostrand nun das XVII. Korps abschloß, um keinen mehr durchzulassen. Nachzügler und Versprengte, Verwundete und Beute fielen den nachstoßenden Truppen in die Hand, als sie am 27. und 28. August über Bischofsburg weiter nach Süden drückten und sich dem Inneren des Kessels näherten. Es war der Tag, an dem die Krise der Schlacht auf der wesllichen Seite sich fühlbar machte, als der verzweifelte Vorstoß Samsonows in Richtung auf Allenstein deutlich wurde und die einschließenden deutschen Korps, hin- und hergeworfen, bald da, bald dort aushelfen mußten. Zahlreiche Abtellungen von Bataillonsstärke und mehr und weniger wurden entsandt, um Löcher zuzustopfen, Marschkreuzungen mit anderen Korps gaben unerwünschten Aufenthalt, jeder ahnte, daß eine gewaltige Entscheidung bevorstand. Generalstabsoffiziere jagten in eiligen Kraftwagen an der marschierenden Truppe vorbei und erteilten Anweisungen zur beschleunigten Verfolgung in südöstlicher Richtung. Eine Fuhrparkkolonne wurde entleert, die Truppe legte die Tornister ab, bestieg die Fahrzeuge, und eilends ging es in der befohlenen Richtung fort, um den Kessel zu schließen, lieber Mensguth und Passenheim auf Jedwabno und Ortelsburg, ja bis Willenberg hinunter jagten und eilten kleinere und größere Truppenteile aller Waffen, während ''auf der West- und Südseite des Kessels bei Neidenburg und Usdau, bei Mühlen und Hohenstein die anderen Korps der Armee in erbittertem Angriff nach Osten vorwärts drangen^
Wieder kam eine Nacht, in Alarmbereitschaft lag das Regiment nun mit der Front nach Westen vor Sumpf und Wald und Wiese als östliche Sperrkette im großen Schlachtplan Hindenburgs und Ludendorffs. Ueberall regte es sich in dem stark durchschnittenen Gelände, hier wurden Dutzende, dort Hinderte von Russen sichtbar, die bei jähem Erkennen der deutschen Helme wieder im Walde verschwanden, um anderswo wieder aufzutauchen. Sie schossen, sie griffen an, sie liefen über, sie ergaben
sich, ziel- und planlos hin- und hergesagt Unb haw irre vor Erschöpfung und Verzweiflung. Uns unoer« geßlich blieb allen der Anblick jener grauen Kolonn, von einigen hundert Mann, die, ohne Waffen, die Offiziere voran, mit hocherhobenen Händen und win« kend auf die deutschen Linien zukamen und bann in, schnellen Lauf uns fast überrannte: waren es doch deutsche Infanteristen, die in dem schweren Nachtgefecht von Waplitz zwei Tage vorher von den Russen gefangen und nun in dem Wirrwarr der Kessels sich selbst frei gemacht hatten und strahlend vor Freude und doch mit allen Anzeicken überstandenen Schreckens wieder ihre eigenen Ko« meraben sahen.
Noch einmal kam eine brohenbe Gefahr aus den, Rücken von Ortelsburg her, als der Gegner dort den letzten Versuch zur Entlastung machte. Atemlos strebten kleine deutsche Abteilungen zu Wagen unb zu Fuß dorthin, zwangen den Gegner in härtesten, Kampf zurück, jagten ihn über die Grenze, unb als ber 30. August herabsank, kam von oben ber Befehl zum Stillstanb unb zum Biwak. In ungezählten langen Kolonnen, die Generale auf Fahrzeugen und bie Offiziere zu Fuß voran, marschierten Hehn« tausenbe unb aber Zehntausend gefangene russisch« Soldaten bei Davidshof an uns vorbei und nach Norden ab. Ergriffen unb burchfchauert vor ber ungewöhnlichen, jetzt erst beutlich sichtbaren Größe bes Sieges sah ber beutsche Soldat bie Wirkung seiner Leistung unb bie harte Entscheibung eines Schicksals, welches bie russische Narew-Armee vernichtet unb ihren tapferen Führer, ben General Samsonow, in ben Freitob getrieben hatte. Eine ber größten Schlachten ber Weltgeschichte war siegreich beenbet. Aus ben zahlreichen erbeuteten Kriegskassen ließ ber Armeeführer Beutegelb an alle feine Sol- baten verteilen, unb nirgenbswo wurde in Befehlen unb Ansprachen mit ber Anerkennung einer Leistung gespart, an ber bie oberste Führung ber 8. Armee ben größten, bie Truppe aber mit ihrem Einsatz ent- scheibenben Anteil hatte. Der Tannenbergkämpfer sah mit bescheibenem Stolz auf eine Waffentat zurück, die ihresgleichen suchte. Nach zweitägiger Rast und Aufräumung des Schlachtfeldes zog die 8. Armee hinauf nach Norden, um die Armee Rennenkampf neun Tage später bei Lötzen an ben masurischen Seen zu schlagen, über bie Grenze des Laubes zu werfen unb bas ostpreußische Lanb von dem letzten Feinbe zu befreien._________________________________
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Heute Montag Erstaufführung!
Ein unerhört spannender Kriminal-6roß-Film der Terra
Lola Müthel * Hans Zesch-Ballot Erich Fiedler »Jaspar von Oertzen
Spielleitung: R. van der Moss Musik: Wolfgang Zeller
Wer ist der Täter? Diese Frage begleitet uns durch den Film bis zum Ende. Erst am Schluß erhalten wir die überraschende Aufklärung.
Beiprogramm »Tobis-Ton-Woche
Tägl. 4, 6, 8.30 bis Mittwoch, 30. August einschließlich


