denen sich auch die Ausbilder beteiligen und die als Heimabende aufgezogen werden. Gewöhnlich hat an diesen Heimabenden auch Bannführer Rohrbach teilgenommen und dab«i zeigte sich das ausgezeichnete Verhältnis zwischen der HI. und der Wehrmacht, das den ganzen Lehrgang bestimmt. Die Jungen fühlen sich in guter Obhut.
An den Heimabenden, die die Jungen im Sinne der HI. selber ausgestalten, kommt dieses kameradschaftliche Verhältnis zum Ausdruck. Die Heimabende werden zeitig abgeschlossen, damit es pünktlich in die Betten gehen kann.
Bannsührer Rohrbach hat sich die Betreuung seiner Führer sehr angelegen sein lassen und ist bei allen Zweigen des Dienstes zugegen gewesen. Leider sind die frohen Tage sehr rasch vorübergegangen.
Der Lehrgang, der zwar vom Wetter nicht begünstigt war, stand von vornherein unter einem guten Zeichen. Es waren mehr Meldungen eingegangen, als überhaupt Schlafgelegenheiten zur Verfügung standen. So konnten nur etwa 130 HI - und Jungvoltführer, die vorwiegend aus dem Bann 116 und zum kleineren Teil aus dem Bonn 304 stammen, ausgenommen werden. Jedenfalls werden diese Tage für alle, die hier die ersten Begriffe eines Ordnungsdienstes beigebracht erhielten und die sich den Grundschein oder Lehrschein erwerben konnten, eine schöne Erinnerung bleiben. Der Zweck liegt darin, daß die einzelnen Führer dann in ihren Einheiten oder Fähnlein ihre hier gewonnenen Kenntnisse und Erfahrungen auch nutzbringend anwenden.
Vornotizen.
Tageskalender für Freitag.
12 Uhr Uebertragung der Führerrede. — Stadt- theater: 20 bis 22.30 Uhr „Der Vetter aus Dingsda". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Liebe streng verboten". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Der Derkpilot".
Stadttheater Gießen.
Heute abend findet die letzte Aufführung der großen Erfolgsoperette „Der Vetter aus Dingsda" wn Eduard Künneke statt. Die Spielleitung hat Iert Buchheim, die musikalische Leitung Joachim Popelka, Tänze Thea Maaß. In der Rolle des ßannchen Lilly Sedina vom Staatstheater Wies-' baden a. G. In dieser Vorstellung verabschiedet sich das Städtische Orchester, das ab 1. Mai als Kur- orchester in Bad-Nauheim verpflichtet ist. Die Boxstellung findet gleichzeitig als 29. Vorstellung der Freitag-Miete statt. Anfang 20, Ende 22.30 Uhr.
hessische Vereinigung für Volkskunde, Gießen.
D?r Reichbund der deutschen Beamten hat im vorigen Jahr dem Führer das, „Lautdenkmal der deutschen Mundarten" zum Geschenk gemacht, einen kostbaren Schrank gefüllt mit Schallplattenaufnahmen der in den Gauen Großdeutsch- kiros gesprochenen Mundarten. Im Rahmen der Hauptversammlung der Hessischen Vereinigung für Volkskunde findet am Samstag, 20.30 Uhr, im Kunstwissenschaftlichen Institut der Universität ein Vortragsabend statt, bei dem nach einer Eröffnungsansprache von Prof. Götze „Vierzig Jahre volkskundlicher Arbeit in Hessen" der bekannte Mundartenforscher und Mitarbeiter am „Deutschen Sprachatlas" Prof. Dr. Bernhard Martin (Marburg) über die Bedeutung dieses Lautdenkmals sprechen wird. Er war selbst bei der Schaffung dieses Werks beteiligt und konnte noch neuerdings im Sudetenland eine Reihe von Ergänzungsplatten aufnehmen. Er wird zu seinem Vortrag Lichtbilder und eine größere Zahl der Schallplatten vorführen lassen. Wir machen unsere Leser auf diese seltene Gelegenheit, das einzigartige große Werk kennenzulernen, aufmerksam. (Bei der Veranstaltung sind Gäste willkommen.)
Achtung! SA -Wehrobzeichenträger'
Am Sonntag, 30. April, findet die erste Vorbereitungsübung für die Wiederholungsübung zum S2L- Dehrabzeichen flalt.
Antreten der SA.-Wehrabzeichentrager 7.45 Ahr auf dem vorderen Trieb in Gießen.
Anzug: Uniform oder geeignete TNarschkleidung sowie Sportzeug für den 1500-INeter-Geländelauf.
SA.-Slandarte 116.
Oie Wiederholungsübungrn der SA.- Wehrabzeichenträger beginnen.
NSG. Wie überall im Reich, so werden auch im Bereich der S A.- G r u p p e H e j s e n an zwei Sonntagen im Juni die Träger des SA^-Wehr- abzeichens wieder ihren Einsatz leisten, zu dem sie sich mit dem Erwerb des SA.-Wehrabzeichens freiwillig verpflichtet haben.
Tausende von SA.-Männcrn und Volksgenossen werden im Gebiet der SA.-Gruppe Hessen mit der ersten Wiederholungsüoung des Jahres 1939 ihr Können im Kleinkaliberschießen, Handgranatenzielwerfen und im 1500-Meter-Geländelauf erproben und somit wiederum einen praktischen Beitrag für Deutschlands Wehrkraft leisten. Es ist dies jene freiwillige Mannschaft, die den Auftrag des Führers an die SA. freudigen Herzens befolgt und damit bewiesen hat, daß ihr der Nationalsozialismus kein Lippenbekenntis, sondern wirkliche Verpflichtung bedeutet. Mit diesem bisher freiwilligen Einsatz für das SA.-Wehrabzeichen ist aber auch gleichzeitig die Voraussetzung für die Erfüllung des Auftrages geschaffen worden, den der Führer der SA. mit der vor- und nachmilitärischen Wehrerziehung gestellt hat und der künftighin allen wehrfähigen Deutschen diesen Einsatz zur sittlichen Pflicht machen wird.
Die nähere Termin- und Ortsangabe für die kommende Wiederholungsübung wird rechtzeitig von den örtlichen SA.-Einheiten bekanntgegeben werden.
Heeresstandortlazarett kann besichtigt werden'
Die Lazarett-Verwaltung teilt mit, daß am kommenden Sonntag, 30. April, das Heeresstandort- lazarett mit allen seinen Einrichtungen in der Zeit von 9 bis 15 Uhr zur Besichtigung freigegeben ist.
Sicherlich werden die neuen Bauten der Wehrmacht, die im Süden unserer Stadt entstanden sind, bei vielen Volksgenossen alles Interesse finden. Die vorbildlichen Einrichtungen, die .schöne architektonische Gestaltung des Lazaretts und der reiche künstlerische Schmuck, der allenthalben anzutreffen ist, lohnen den Besuch.
100 Lahre Photographie.
„100 Jahre Photographie", das war das Thema eines Vortrages, den Otto W int erhoff am Donnerstag im großen Hörsaal der Universität vor einem zahlreichen Besuch hielt. In großer Linie deutete er die Wendepunkte der Entwicklung an, um dann die Aufnahmen selber sprechen zu lassen und man kann sagen, daß die Farbfilmaufnahmen der schönste Gewinn des Abends waren. Von Louis Daguerre (1789 bis 1851), dem französischen Steuerbeamten und späteren Dekorationsmaler, der als Erfinder des Dioramas angesprochen wird und dem 1837 die „Daguerreotypie" genannte Art der Photographie gelang, ausgehend, zeigte der Redner den Werdegang dieser Entdeckung auf. Es handelte sich dabei um ein Verfahren, bei dem das auf einer jodierten Silberplatte durch eine Camera obscura erzeugte Bild mit Hilfe des Quecksilber- dampses festgehalten wurde. Erst durch die von Takbot 1839 entdeckte Kopie auf Papier nahm die Erfindung greifbare Formen an. Nach der Entdeckung des Kollodium 1850 konnten dann Glasplatten verwendet werden und die von Maddox 1871 in Anwendung gebrachten Gelatineplatten führten dann zur fabrikmäßiger Herstellung von Trockenplatten. Die dadurch lebendiger gewordene Anwendung der Photographie erhielt durch Professor Vogel durch die lichtempfindlicheren Platten einen neuen Impuls. Aber erst dem aus Lynow (Mark Brandenburg) stammenden Oskar Barnack gelang 1914 die Kleinbildphotographie, deren Erfindung so groß war wie die Daguerres. Bereits zur Zeit der Mobilmachung 1914 und während des Krieges drehte Barnack in Wetzlar mit einer Kino- Airfnahmekamera Filme und im Anschluß daran entstand seine erste Kleinbild-Kamera, die in ihrer Präzision und Vielseitigkeit ein Meisterwerk wurde. Von hier aus bis zum Farbfilm war nur ein kurzer Weg, der jetzt durch ein photographisches Farbpapier eine epochemachende Umwälzung her-
beiführen wird. Mit Unterstützung einiger Schwarz- Weiß-Bilder wurde den Zuhörern ein kurzer Uebcr- blick über diesen Entwicklungsgang gezeigt und anschließend ließen einige von Frau Dr. Frank (Dillenburg) zur Verfügung gestellte Bunt-Auf- nahmen den Fortschritt von der Farbplatte zum Farbfilm deutlich erkennen.
Die von Otto Winterhoff ausgenommenen Farbfilmbilder, die dadurch, daß sie Motive aus dem Gießener Garnisonleben, aus dem Botanischen Garten und aus den Straßen unserer Stadt Wiedergaben, besonders interessant waren, ließen die Perspektiven für die Vielseitigkeit und damit die berechtigten Zukunftshoffnungen der Photographie erkennen.
Ein Filmstreifen mit einer breit ausgesponnenen Handlung, in dem noch einmal die Epochen der Entwicklung der Photographie zusammensassend bis zum Farbfilm dargestellt wurden, beschloß den Vortragsabend.
Lahreshauptappell
der Freiwilligen Feuerwehr Gießen.
Im Frankfurter Hof fand dieser Tage der Jahreshauptappell der Freiwilligen Feuerwehr Gießen statt. Der Appell wurde durch den Wehrleiter, Hauptbrandmeister Koch, eröffnet. Der Wehrleiter erstattete genauen Bericht über das verflossene Geschäftsjahr. Gegenüber dem Vorjahr war eine Erhöhung des Mitgliederstandes zu verzeichnen. Die Wehr zählt nach dem Stande vom 24. April 1939 93 aktive Feuerwehrmänner und Führer, 24 Angehörige der Altersabteilung, 113 unterstützende Mitglieder, insgesamt also 230 Angehörige. Der Kassenwart machte eingehende Ausführungen über Einnahmen und Ausgaben im verflossenen Rechnungsjahr, die von den. Anwesenden anerkannt wurden. Dem Kassenwart und dem gesamten Füh
rerrat wurde Entlastung erteilt. Der Voranschlag für 1939/40 wurde zur Kenntnis gebracht und gutgeheißen. Der Wehrleiter gab sodann den Dienstplan für das kommende Jahr bekannt und wies auf die Notwendigkeit des eifrigen Dienstbesuches hin. Er führte noch aus, daß nur durch vollen Einsatz jedes Einzelnen die Erfüllung der für die Feuerwehr gesteckten Ziele möglich sei.
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** Aus d e r Medizinalverwaltung. Der Amtsarzt und Leiter des Staatlichen Gesund- , heitsamtes des Dillkreises, Dr. med. Horst Adler (Dillenburg), wurde zum Medizinalrat ernannt. Medizinalrat Dr. med. Horst Adler ist der Sohn des vor drei Jahren verstorbenen Landarztes Dr. med. Walter Adler (Großen-Bufeck), der sich im Buseckertal allgemeiner Beliebtheit und Wertschätzung erfreute.
** E i n Zeichen treuer Kameradschaft. Auf dem hiesigen Alten Friedhof ruht der am 27. April geborene Generalmajor a. D. Hofmann, der nach dem Kriege 1870/71 als Major und Oberstleutnant hier Kommandeur des II. Bataillons / Infanterie-Regiment 116 war. Es sind somit 116 Jahre her, daß er geboren wurde. Adjutant des Oberstleutnants Hofmann war damals der hier lebende fast 90jährige Herr Oberst Naumann. Er hat am 27. April auf dem Grabe seines verstorbenen, von ihm hochverehrten ehemaligen Kommandeurs ein Blumenkissen mit der Regiments- nummer 116 zum Zeichen treuen Gedenkens niederlegen lassen.
**DerKampf gegen Verkehrssünder. Zn der Zeit vorn 14. bis 20. April mußte wiederum gegen eine Reihe von Verkehrssündern durch die Polizei eingeschritten werden. 21 Kraftfahrzeugführer mußten zur Anzeige gebracht werden, 1 gebührenpflichtige Verwarnung wurde ausgesprochen. Gegen sonstige Fahrzeugführer erfolgte 1 Anzeige
Wirtschaft.
Rhein-Mainische Börse.
Mittagsbörse freundlich.
Frankfurt a. M., 27. April. Die «Stimmung war weiterhin freundlich bei kleinem Geschäft. Die Kurse am Aktienmarkt erfuhren kaum nennenswerte Veränderungen, wobei die Auf-«und Abschläge sich ziemlich ausglichen. Durch Marktenge bedingt, ergaben sich allerdings bei wenigen Werten größere Kursverluste, so bet Holzmann, die nach 147,50 heute mit 146 eröffneten, auch Gessiirel gaben 1,50 v. H. her. Doch waren solche Veränderungen Seltenheiten. Montanwerte gut behauptet, Mannesmann anfangs eine Kleinigkeit abgeschwächt, um später zum gestrigen Abendbörsenkurs gefragt zu sein. Nennenswert höher waren Salzdetfurth mit 134. Von Maschinen werten konnten Daimler mit 139,90 sich leicht befestigen, Junghans nur knapp halten. Farbenindustrie nannte man ebenfalls nur knapp behauptet mit 149,40, Scheideanstalt, Metallgesellschaft und DDM. unverändert. Sonst waren noch AEG. um 0,25 v. H. auf 116 gebessert, Bemberg mit 138,75 im gleichen Ausmaß abgeschwächt.
Renten hatten das gewohnte Geschäft bei wenig veränderten Notierungen. Farbenbonds etwa 122 bis 122,24, 4 v. H. Rentenbankablösung wurden nichtamtlich zu 89,50 gehandelt, Späte Schuldbücher zu 99,50 angeboten. Die Altbesitzanleihe des Reiches war mit 131,65 knapp behauptet, Reichsbahnvyr- züge etwas fester. Dekosanxa I verloren 0,25 v. H. Von Jndustrieobligationen waren Gelsenkirchen etwas fester, 41/? v. H. Voigt Häffner mit 95,75 etwas leichter, 4'/s v. H. Mainkraft um 0,40 gebessert, während 6 v. H°. Hartmann Braun mit 104 Grat, erschienen. Pfandbriefe bei etwas Geschäft unverändert, nur Rhein. Hyp. Liqu. mit 101 bezahlt und Franks. Pfandbr. Liqu. etwas leichter. Stadtanleihen still.
Im Versaufe erhielt sich die freundliche Stim- mung. Hoesch gewannen 0,75 v. H., Mannesmann voll erholt und schließlich 0,25 v. H. über Anfang, Vereinigte Stahl im Verlaufe 0,25 v. H. höher, MAN. blieben 0,50 über Vorkurs gefragt und waren
später noch weiter leicht befeftigt, Demag zogen um 0,50 v. H., Rheinmetall bei mehreren Umsätzen insgesamt um 0,50 auf 133,25 nach anfangs 132,75 an. Erdöl gewannen 0,25 v. H., Elektr. Lieferungen 0,25. Conti Gummi waren 1 v. H. unter Dortageskurs bezahlt. Am Einheitsmarkt wurden Wulle Brauerei gestrichen.
Im Frei verkehr wurden Dingler 109,50 bis 110 etwas stärker befestigt genannt, Ufafilm etwa 78,25 nach 78. Tagesgeld 2,25 nach 2 v. H.
Frankfurter Schlachtviehmarkt.
Frankfurt a. M., 27. April. Auftrieb: 1312 (1314) Stück Großvieh, darunter 224 (251) Ochsen, 241 (214) Bullen, 612 (605) Kühe, 244 (235) Färsen, 441 (378) Kälber, 58 (25) Hämmel und Schafe, 764 (349) Schweine. Marktoerlauf: Großvieh, Kälber und Schweine zugeteilt, Hämmel und Schafe mittel. Es notierten je 50 kg Lebendgewicht in Mark: Ochsen a) 44 bis 46,5 (44,5 bis 46,5), b) 42 bis 42,5 (40 bis 42,5); Bullen a) 43 bis 44,5 (43 bis 44,5), b) 40 bis 40,5 (39 dis 40,5), Kühe a) 42,5 bis 44,5 (41,5 bis 44,5), b) 39 bis 40,5 (38 bis 40,5), c) 28 bis 34,5 (27 bis 34,5), d) 23 bis 25 (19 bis 25); Färsen a) 42 bis 45,5 (44,5 bis 45,5), b) 40.5 bis 41,5 (40 bis 41,5), c) —, (34,5 bis 36,5); Kälber a) 63 bis 65 (62 bis 65), b) 56 bis 59 (53 bis 59), c) 45 bis 50 (45 bis 50), d) 32 bis 40 (30 bis 40); Lämmer und Hämmel bl) 47 bis 50 (48 bis 50), b2) —, (43 bis 45), c) 43 (42); Schafe a) 42 (—), b) 33 bis 38 (—); Schweine a) 58,5 (58,5), bl) 57,5 (57,5), b2) 56,5 (56,5). c) 52,5 (52,5), d) 49,5 (49,5), gl) Sauen 57,5 (57,5).
Großhandelspreise für Fleisch und Fettwaren: Beschickung: 296 Viertel Rindfleisch, 94 ganze Kälber, 38 ganze Hämmel, 596 halbe Schweine. 46 Kleinvieh. Marktverlauf lebhaft. Es notierten je 50 kg in Mark: Ochsenfleisch a) 82, b) 71, Bullen- flersch a) 79, Kuhfleisch a) 79, b) 67, c) 56, Kalbfleisch a) 92 bis 97, b) 80, Hammelfleisch a) 94, b) 90 bis 94, c) 80, Schweinefleisch a) 80; Fettwaren: roher Speck unter 7 cm 72, Flomen 80. — Der nächste Markttag findet für alle Gattungen I am 4. Mai statt.
Hine Frau mit Herz
Roman von Hedda Lindner
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin
14 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Und fühlt sich darum wahrscheinlich als Mittelpunkt der Welt", mutmaßte er etwas sarkastisch, „für solche Frauen wird dann das Altwerden zur Tragödie. Hat sie Kinder?" Dina schüttelte den Kopf. „Sie will auch keine, obwohl sie sehr gut verheiratet ist."
„Da muß sie sehr oberflächlich fein", urteilte Holk. „Erst Kinder geben der Ehe Sinn und Zweck; sonst bleibt sie eine materielle ober eine erotische Angelegenheit — und meist vorübergehend."
„Manchmal ist es aber auch sehr gut, wenn keine Kinder da find", sagte Dina sehr leise.
Er merkte sofort, daß er an eine verwundbare Stelle gekommen war. „Gewiß gibt es solche Fälle", sagte er darum schnell, „und selbst Eheleute sollten sich im Zusammenleben eine Weile prüfen, ehe sie die Verantwortung für einen neuen Menschen übernehmen. Aber", unterbrach er sich heiter lächelnd, „erzählen Sie mir lieber, wann Sie durch Biringen kommen werden."
„Ich wollte jetzt im Winter eigentlich mit der Bahn fahren", sagte Dina und wußte im gleichen Augenblick ganz genau, daß sie selbstverständlich fliegen würde.
„Ausgeschlossen. Biringen erwartet Sie", erklärte er diktatorisch.
„Mit Kriminalpolizei — ober ohne?"
„Sie haben Humor, das finde ich so nett an Ihnen. Ich habe es schon damals gemerkt — Ihre Art, die Entschuldigungen aufzunehmen, hat mir -sehr gefallen —, nun sagen Sie aber bitte nicht wieder Dienst am Kunden", drohte er, als Dina etwas sagen wollte, „sonst nehme ich alles wieder zurück."
„Und behaupten das Gegenteil — so heißt es ja wohl", sagte sie.
„Na, so weit wollte ich nicht gleich gehen", versicherte er großmüttg, woraus beide lachten.
„Also — ich fliege natürlich", versprach Dina, „selbst auf die Gefahr, daß man wieder einen Juwelenlaben bei mir verstecken will. Was ist in- zwischen in der Angelegenheit geschehen?"
„Sie geht nicht nach Wunsch. Böninger ist ziemlich mißgestimmt", berichtete Holk. „Diese Anita scheint tatsächlich ein ganz raffiniertes Biest zu fein.
Sie behauptet, der große Unbekannte habe sich als Juwelier ausgegeben und sie gebeten, bie Ringe mitzunehmen, um Zoll zu sparen; sie habe sich in ihrer Gutmütigkeit verleiten lassen, ihm den Gefallen zu tun. Natürlich Blödsinn und frechster Schwindel, aber man muß es ihr beweisen."
„Und das kann man nicht?"
„Leider nicht. So kommt höchstens eine Klage auf Zollschmuggel heraus mit einer hohen Geldstrafe, die Natürlich der große Unbekannte bezahlt."
„Und was macht der Kommissar nun?"
„Wenn er bei mir ist, flucht er erst mal, daß die Mauern wackeln. Er hat so sehr gehofft, mit Weber zusammen auf die Spur des Chamäleons zu kommen. Im übrigen ist er auch nicht von vorgestern. Er dreht jetzt die Sache auf unerlaubte Ausfuhr von Edelmetall — Platin — heraus und erreicht damit, daß er die Frau vorläufig noch festhalten kann, weil er immer noch hofft, daß das Chamäleon sich bei dem Versuch ihrer Befreiung eine Blöße geben wird. Ich glaube es nicht. Wie ich den Kerl taxiere, läßt er das Mädchei., wenn es gefährlich wird, ohne weiteres fallen."
„Daß es solche Menschen gibt", Dina schüttelte sich unwillkürlich.
„Leider. Wenn auch so völlig asoziale Elemente wie das Chamäleon selten sind. Und seltener noch ist seine Intelligenz."
„Ist er tatsächlich so Hua?"
„Klug — gerissen — raffiniert — was Sie wollen, und von unheimlicher 93egr n Erfinden neuer Tricks. Stellen Sie sich vor: seit
sieben Jahren wird ein Mann v> Polizei zweier Kontinente gesucht — ohne Erfola Und nicht nur das: unter den Augen der Polizei verübt er dauernd neue Diebstähle. Neulich der große Ju- roelenraub in Brüssel wirb von Sachoerständigen auch auf sein Konto geschrieben."
„Und keiner weiß, wer er ist?"
„Keiner. Und vor allem weiß keiner, wie er wirklich aussieht. Oder besser, die wenigen, bie es wissen, verraten ihn nicht. Seine Verwandlungs- fähigkeit, die ihm ja auch den Spitznamen eingetragen hat, soll unheimlich fein. Vielleicht ist es der alte Herr dort hinten." — Er wies auf einen ehrbaren «Stabtbürger, ber sicherlich sehr empört gewesen wäre, wenn er gewußt hätte, wofür er als Beispiel herangezogen wurde. — „Aber ebensogut kann es auch ber Mann im Schidreß, hier zwei Tische weiter, fein", fuhr Holk fort.
„pla, ich danke. Reizende Aussichten, auf diese Weise womöglich ahnungslos mit solch einem Verbrecher sich zu unterhalten."
„Da5 könnte Ihnen glatt passieren. Aber es ist nicht sehr wahrscheinlich", tröstete er lachend.
„Sagen Sie das nicht. Es passieren viel mehr unwahrscheinliche Dinge, als man glaubt", sagte Dina nachdenklich. Sie dachte dabei nur an das Testament ihrer Großtante; sie ahnte nicht, daß sie unbewußt zur Prophetin geworden war.
Nein, sie ahnte tatsächlich nichts! Wenig später saß sie in einer friedlichen und harmonischen Stimmung in der Stadtbahn, wie sie es niemals zuvor erlebt hatte. Vor diesem Tage habe ich mich so gefürchtet, dachte sie, während eine wundervoll entspannende Müdigkeit sie einwiegte, und nun war es einer der besten seit vielen vielen Jahren. Ich will ihn nie vergessen, nie!---
In langer Kette glitten die «Schiläufer hintereinander bie letzte Abfahrt hinab. Am Fuß des Hügels vor dem Hotel stand der Leiter des Kursus, Herr Kaspar, der beste Schilehrer von Arosa; ebenso anerkannt wegen seines vorzüglichen Unterrichts, wie gefürchtet wegen seiner Kritik, die auch vor dem niedlichsten Schihasen nicht Haltmachte. Auch jetzt bekam jeder feiner Schutzbefohlenen zum Schluß noch eine Bemerkung zu hören, mal lobend, mal verbessernd, mal tadelnd; seinem erfahrenen Blick entging nicht die kleinste Nachlässigkeit.
„Gut, Frau Schenzli, schaun's, es wird schon — Sie, Herr Doktor, haben Sie noch beide Stöcke? Ich dachte schon. Sie hätten einen verschluckt, weil Sie so steif runterkamen — Herr Walter, wenn ich sage, Hocke, meine ich nicht, daß Sie gleich so lief gehen, als ob Sie auf’m Schlitten fitzen — hoppla, was ist denn das für ein merkwürdiger Schwung?" lachte er, als einer ber Schüler vor ihm landete und erst nach heftigen Schwankungen bas Gleichgewicht wieder bekam. „Wie? Kristiania? Wohl eine neue Erfindung von Ihnen, biefer Kristiania? Lassen Sie rechtzeittg bas Patent eintragen, damit ihn keiner nachmacht — natürlich, ber Herr Schneider muß mal wieder absitzen. Sie haben recht, Herr, es ist die einfachste Bremse, wenn die Buxen es aushalten. — Brav, Frau Wegner, sehen Sie, jetzt geht es linksrum auch, man muß auf beiden «Seiten sicher fein, bie Abhänge richten sich nicht nach Ihnen — na, ba wären wir ja alle beisammen. Alsbann — morgen geht's auf bie Camennahütte — wie, Sie können nicht mit, Frau Wegner? Besuch — schön, aber hier auf dem Uebungshang ben Linksschwung noch ein bißchen exerzieren, was?"
„Aber sicher, Herr Kaspar", nickte Dina eifrig.
„Also auf morgen, meine Herrschaften!" grüßte sie. Er gab sich einen leichten Schwung und glitt die vereiste Dorfstraße hinab. Halb neidooll, halb be
wundernd folgten ihm bie Blicke seiner Schar. „Wenn man so laufen könnte", seufzte ber „abgesessene" Herr Schneider aus tiefstem Herzen, „das lerne ich nie."
„Wäre auch ein bißchen viel verlangt. Der Kaspar hat bestimmt das Schifahren zugleich mit dem Laufen gelernt, wie all die kleinen Steppkes hier", tröstete Dr. Baumgart, „er gilt überhaupt als einer ber besten Läufer."
„Aber grob ist er", klagte Fräulein Löffler, die sich vergeblich um das Lösen ihrer Bindung mühte. „Mich hat er gefragt, ob ich O-Beine hätte, weil meine «Spitzen vorne immer übereinander gehen. Dabei sieht man doch wirklich, daß ich keine habe." Sie bückte sich seufzend über den widerspenstigen Schi.
Herr Schneider war inzwischen feine Bretter losgeworden und blickte wohlgefällig auf die Rundungen, die Fräulein Löffler unfreiwillig präsentierte.
„Das ist unerhört, wo Sie so schöne Beine haben", sagte er überzeugt, „roarten Sie, ich helfe Ihnen."
„Das hat Herr Kaspar doch verboten", jammerte sie.
„Ach was, der sieht's nicht mehr", antwortete Schneider leichtsinnig. „Sehen Sie, schon geschafft."
„Vielen Dank!" Die kleine Löffler richtete sich erleichtert auf. Sie war wirklich sehr niedlich, und ber hilfsbereite Herr Schneiber benutzte gleich bie Gelegenheit, einen gemeinsamen Kaffee vorzuschlagen. Einträchtig zogen die beiden ab.
Dina hatte die kleine Szene amüsiert beobachtet. Wenn sie auch keine Schikanonen werden, so wird Arosa für sie doch noch andere Reize haben, dachte sie und nahm ihre Schier auf, um sie im Hotel ab-- zugeben.
Sie war nun fast drei Wochen hier oben, drei Wochen, die in ihrer Erinnerung zu einem langen Sonntag verschmolzen. Es hatte nicht nur äußerlich, es hatte auch innerlich ein neuer Abschnitt ihres Lebens begonnen: die schwerfällige Zurückhaltung, die sie früher hemmte, hatte sich verloren, sie suchte zwar die Menschen nicht, aber sie wich ihnen auch nicht mehr aus, und niemand hätte in der eleganten, heiteren Dame, bie zwanglos in ber Halle plauderte und tanzte, die sttlle resignierte Frau wiedererkannt, die jahrelang gewissenhaft ihre Pflicht erfüllte und ber Arbeit bankbar war, weil sie ihr keine Zeit ließ, über ihr Schicksal nachzudenken.
(Fortsetzung folgt.)


