Ausgabe 
28.4.1939
 
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Ur. <)9 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Zreitag, 28. April 1959

Aus der Stadt Gießen.

Wandern ist die Parole!

Dr. Ley, Dr. Frick und der neuernannte Gesund­heitsführer Dr. Conti heben in Aufrufen hervor, daß die starke Einsatzbereitschaft, die heute von jeder­mann verlangt wird, körperliche und seelische Ge­gengewichte verlangen; ein solches Gegengewicht sei das Wandern.

Das heißt, ein gutes Wort zur rechten Zeit aus- fprechen. Deutschland ist im Vergleich zu anderen Ländern sicherlich ein Wanderland. Einmal, weil es eine überreiche Fülle landschaftlicher Schönheiten sei es im stillen Winkel, sei cs als Paradestück der Natur, hat und dann, weil die Deutschen wirklich eine Neigung zum Wandern haben. Aber leider muß gesagt werden, daß die schöne Sitte des regelmäßi­gen Ausfluges und des ständigen Wanderns nicht mit der Bevölkerungszunahme und noch weniger mit der Intensivierung der Arbeit Schritt gehalten hat. Oft mögen materielle Gründe ausschlaggebend gewesen sein; das gilt vor allem von den Groß­städten, wo trotz des an sich erstaunlich billigen Vor­ortverkehrs das Fahrgeld immerhinzu Buche schlägt", besonders, wenn der Wanderer seine Frau mitnimmt und bei aller Nucksackbescheidenheit auf ein Kännchen warmen Kaffees nicht verzichten mag. Aber diese materiellen Gründe haben sicher nicht allein den Ausschlag gegeben. Grund: wer mit den bisher bestehenden 'Wandervereinen Bescheid weiß, weiß auch, daß es immer dieselben Gesichter sind, die auftauchen. Und diese Gesichter gehören durch­aus nicht nur Leuten in verhältnismäßig bequemen Lebensoerhältnisien, sondern unter diesen ständigen und oft leidenschaftlichen Wanderern finden sich Menschen aller Klassen, von denen man oft genau weiß, daß sie auf ein anderes Vergnügen Verzicht leisten mußten, um sich ihren regelmäßigen Aus­flug zu leisten.

Ja, es gibt noch ein bedenklicheres Zeichen: Nicht selten ist in den bisherigen Wandervereinen in Großstädten oder Jndustrierevieren eine merkliche Ueberalterung festzustellen, obwohl diese Vereine in ihrem Wirkungsgebiet eine rege Werbung be­treiben. Die süße Gewohnheit, auch an einem herr­lichen Sonntag bis 9 oder 10 Uhr die Bettkissen zu drücken, ist sehr zum Schaden der Siebenschläfer selbst leider gerade in Jndustriebezirken recht all­gemein geworden. KdF. versucht nun, diese Schwie­rigkeiten systematisch zu überwinden. Wer in ein Programmheft sielst, findet hier zunächst neben Fußwanderungen auch Rad- und Bootwanderungen. Ferner ist auf die Ausbildung von Wanderwarten sorgsam gesehen worden.

Was von einem Wanderwart verlangt wird, ist nicht wenig. Er soll ja nicht nur eine Landkarte ersetzen, sondern auch das Schauen der Vielfalt in der freien Natur anregen. Er muß etwas von der Heimatgeschichte wissen, er soll sich um die sozialen Verhältnisse seines Wanderbezirkes einigermaßen kümmern und er soll vor allem in Feld und Wald Bescheid wissen. Es gibt nichts traurigeres als einen Wanderklub, dessen Mitglieder samt und sonders eine Fichte nicht von einer Tanne zu unterscheiden wissen oder vor einer unserer neueingeführten land­wirtschaftlichen Kulturen, wie Hanf oder Lein buch­stäblich stehen wie der oft berufeneOchs vor dem neuen Tor". Ebenso wichtig ist, daß zusammen­hängende Wanderungen in Aussicht genommen werden.

Auf den Tag gerechnet müssen solche kleineren oder größeren Wanderreisen nicht wesentlich teurer sein als ein Sonntagsausflug und ist eben einmal so, daß die meisten Menschen 'lieber für einen länge­ren Urlaub als für eine Mehrzahl von Sonntagen sparen. Sind sie dann erst einmal auf den Geschmack gekommen, so kommt auch der Appetit mit dem Wandern.

AS.-Zrauenschast Gießen-Nord.

Der angekündigte Mütterschulungskurs überEr­ziehungsfragen und Anleitung zum Basteln" beginnt nicht am 29. April, sondern erst am 29. Mai 1939.

Der Nationale Feiertag -es deutschen Volkes in Gießen.

Büllner (DAF.) auf dem Vrandplah; b) Hand­werk unter Führung des Pg. Stein (DSM3".) an dcr Peslalozzifchule (Eichgärten).

Die betreffenden Betriebe haben pünktlich zue angegebenen Zeit an Ort und Stelle zu fein.

Oie genaue Festfolge für den 1. Mai.

Der Nationale Feiertag des deutschen Volkes wird auch in unserer Stadt wieder die Schaffenden der Stirn und der Faust in einer einzigen großen Gemeinschaft vereinigen. Der Feiertag bringt eine Reihe von Veranstaltungen, zu der die Bevölkerung der Stadt Gießen herzlich eingeladen ist. Der 1. Mai unter der bändergeschmückten Krone des Mai- baumes auf dem Trieb soll ganz im Zeichen der Freude und des Frohsinns stehen.

Samstag/ 29. April: Einholung des Maibaumes.

Den festlichen Auftakt für den Nationalen Feier­tag des deutschen Volkes wird am morgigen Sams­tag die Einholung des INaibaumes am Bahnüber­gang im Schiffenbergertal darstellen. Unter den klängen der Kreiskapelle und des Spietmannszuges der NSDAP, und unter der Beteiligung der Glie­derungen der Bewegung wird der Birnbaum durch die Bismarckstrahe, über Ludwigflraße und Cub- wigsplah und über die Kaiserallee zum Trieb ge­bracht. Die Aufstellung des Rlaibaumes erfolgt um 17 Uhr. Die kreiskapelle der NSDAP, wird wäh­rend der Aufstellung musizieren, BDM. und 3ung- mädelgruppe werden Volkstänze zeigen und nach Beendigung der Aufstellung wird Kreisleiter Back­haus eine kurze Ansprache halten. Ein Volksfest

Dr. Goebbels und Reichsorganisalionsleiler Dr. Ley. U m 12.15 Uhr fpricht der Führer. Um 13 Uhr findet die Kundgebung ihren Abschluß. 3m Anschluß daran wieder Volksfest auf dem Trieb!

Oie Marschweqe zum Trieb.

Für den Aufmarsch auf dem Trieb ist vorgesehen, daß die Betriebe geschloffen unter Führung des Be- lriebsführers und des Betriebsobmannes zum Kund- gebungsplah nach dem Trieb marschieren. Der Marsch erfolgt nach folgendem plan:

1. Betriebe, die im Ortsbereich G i e h e n - O st liegen: Anmarschslraße: kaistrallee.

2. Betriebe, die im Orlsgcuppenbereich Gießen- $ üb liegen: Anmarschslraße.-Kaiserallee. Bei Gie­ßen-Süd werben nachstehende Betriebe von biefer Orbnung ausgenommen: Reichsbahnbetriebswerk und Faber & Schnepp. Diese beiden Betriebe rücken durch die Fröbelstraße an.

3. Betriebe, die im Ortsgruppenbereich Gie­ße n - N o r d und Gießen-Mitte liegen: An- nwrschslraßen: Molttestraße, pestalozzischule, Frö- belstraße, frühere Liebigshöhe bis zum Sportplatz der Spielvereinigung 1900.

Die 1- bis 4-21iann-Betriebe sammeln sich um

Hitler-Zugend Bann 116.

Stamm 1/116.

Sämtliche Einheiten des Stammes treten am 1. Mai um 8 Uhr am Kugelberg in Sommeruniform an Die Gefolgschaftsführer führen ihre Einheiten geschlossen zum Antretcplatz.

Die Ehrenformation am Nachmittag des 1. Mai stellen Marine- und Flieger-HI. Zeit zum Antreten wird noch bekanntgegeben.

Zum Einholen des Maibaumes am Sarnstagnach- mittag treten die Gefolgschaften 1 und. 4 um 15.30 Uhr am Bahnübergang im Schiffcnberger Tal an. Zu sämtlichen Veranstaltungen sind Fahnen mit- zuführen.

Gefolgschaft 1/116 Gießen-Süd.

Am Samstag, 29. April, 15 Uhr, tritt die Gefolg­schaft 1/116 in Sommeruniform am Bahnübergang Schiffenberger Weg zum Einholen des Maibaumes an.

Montag, 1. Mai, treten alle Jgn. der Gefolgschaft 1/116 um 8 Uhr amSchützenhaus" gegenüber dec Volkshalle zur Jugendkundgebung an.

BOM.-llntergau 116 Gießen.

Arn Samstag, 29. April, wird der Maibaum für Gießen eingeholt. Es treten darum alle Mädel und BDM.-Werk-Mädel um 15.45 Uhr am Bahnüber­gang Schiffenberger Weg in Kluft an. Diejenigen

10.15 Uhr auf folgenden Plätzen zum Abmarsch auf I Mädel, die an Volkstänzen teilnehmen, kommen in dem Trieb: a) handel unter Führung des pg. j Volkstanzkleidern.

auf dem Trieb beschließt diesen Tag.

Sonntag, 30. April: Kinderfest.

Der 3ungmädelgau 116 hat es übernommen, am Sonntagnachmittag unter der Leitung der Unter- gauführerin Gertrud Samper auf dem Hinteren Trieb ein Kinderfest auszugestalten. Für die Kinder wird es vielerlei Unterhaltung geben, denn es sollen Aufführungen eines Kasperltheaters und eine Mär­chenbühne statlfinben, es wird Würste zu schnappen geben und beim Sackhüpfen, wie auch beim Eier­laufen wird jedes Kind feine Geschicklichkeit bewei­sen können. Ab 16 Uhr findet auf dem vorderen Trieb das Volksfest feine Fortsetzung.

Montag, 1. Mai: Kundgebungen.

Der Nationale Feiertag des deutschen Volkes wird um 6 Uhr von einem Musikkorps der Wehr­macht und dem Musikzug der SA.-Standarte 116 mit dem Wecken eingeleitet werden. Bereits um 6.30 Uhr werden die Gießener Gesangvereine zur schönen (Einleitung des Tages beitragen und auf mehreren Plätzen der Stadt fingen. Gefungen wird an der Ecke Asterweg und Walltorstraße, auf dem Kreuzplah, vor der Aula der Universität, am Set­terstor und in der Bahnhofstraße beim Hotel Schütz.

Bereits um 8.30 Uhr beginnt dann die 3u- gendkundgebung auf dem Trieb. Für die 3ugendkundgebung wird die Feier aus dem Olym­pia-Stadion übertragen, bei der Reichsminister Dr. ©o ebb eis, Reichsjugendführer Baldur v o n S ch i r a ch, und dann um 8.50 Uhr der Füh­rer sprechen werden. Die Kundgebung findet gegen 9.15 Uhr ihren Abschluß.

Um 11.30 Uhr beginnt eine Feierstunde auf dem Trieb, für die sich die Werkscharen vorbereitet haben. Anschließend spricht der Kreisleiter.

Um 12 U h r findet die Uebertragung des Staatsaktes aus dem Berliner Lustgarten statt. Es sprechen zunächst Reichsminister und Gauleiter

HL.-Führer lernen Geländesport.

130 Lungen im Lager Philosophenwald. - Ausbildung durch die Wehrmacht.

Don der Unterkunft des Reichsarbeitsdienstes am Philosovhenwald weht in diesen Tagen die Fahne der Hitler-Jugend. In den Räumen herrscht nicht nur reges Leben, sondern auch frohes Lachen und um das Lager herum kann man junge Menschen beim Spiel oder beim Marsch antreffen. Seit Sams­tag vergangener Woche hat der Bann 116 von die­sen Räumen Besitz genommen und mit Unterstützung van Offizieren und Unteroffizieren wird hier em Lehrgang für Geländesport und Geländespiel avge- halten..Gleich zu Beginn am Montagmorgen wurde der Lehrgang durch den Regimentskommandeur des J.-R. 116, Oberst Herrlein, begrüßt. Die Leitung dieses Lagers, das etwa 130 Jungvolk- und HJ.- Führer beherbergt, hat Obergefolgschaftsführer Stu­dienrat Körner, ein Leutnant d. R. Die Aus­bildung leitet Hauptmann Dreher, dem Offiziere und Unteroffiziere des J.-R. 116 unterstellt sind. Unterkunft, Verpflegung, Bekleidung usw. wurden durch das J.-R. 116 vorbereitet und sichergestellt. In den Stuben herrscht, wie beim Militär, Z u ch t u n d Ordnung. Die Jungen bauen sich ihre Betten selbst, und die Verpflegung erhalten sie aus der Gulaschkanone. Obwohl der Tag frühzeitig beginnt, sind sie munter und'stetig guter Stimmung.

Gewöhnlich ist um 6 Uhr schon Wecken, dann wird von der Wascheinrichtung reichlicher Gebrauch gemacht und nach der Flaggenhissung wird Kaffee getrunken. Unter straffer Anleitung beginnt dann der Unterricht, der sich in erster Linie auf den for­malen Dienst, den Ordnungsdienst, erstreckt. Die Jugend soll frühzeitig lernen, sich Unterzuord­nen und zu gehorchen. Die Zucht und Disziplin, die sie hier lernen, sollen ihnen ihre Arbeit in ihren Einheiten und Fähnchen erleichtern. Wenn es das Wetter einigermaßen zuläßt, diese Tage waren für einen solchen Lagerbetrieb gerade nicht besonders geeignet, dann geht es in mehreren* Gruppen ms Freie. Im Gelände um das Lager herum werden

dann die erarbeiteten theoretischen Kenntnisse in die Praxis umgesetzt. Unter der Leitung ihrer Aus­bilder lernen die Jungen das Bewegen im Gelände. Sie treiben draußen,' was sie mit ihren Einheiten auch tun, sie lernen das Beurteilen und die Be­schreibung des Geländes, das Geländeschätzen und das Zielerkennen und vor allem das Zurechtfinden im Gelände. Der ganze Lehrgang geht darauf hin­aus eine einheitliche Ausrichtung und Ausbildung imGeländefport und Ge­lände s p i e l zu erzielen. Die Führer für dos Ge­ländespiel müssen sich deshalb (mit Unterstützung des Marschkompasses) im Gelände zurechtfinden können.

Das Mittagessen wird gemeinsam eingenommen. Am Nachmittag werden Besichtigungen vorgenom­men oder Vorträge von den Ausbildern gehalten, oder es wird am Sandkasten geübt, den die Ausbilder, mit denen die Jungen in bestem kame­radschaftlichem Einvernehmen stehen, angefertigt haben. Je nach der Tageseinteilung wird auch G e - fände- oder Planzeichnen vorgenommen, wenn nicht andere schriftliche Aufgaben zu erledigen sind; denn diese gehören auch zum Lehrplan, dessen Ziel die Vorbereitung für die Erlangung eines Grundscheines oder Lehrscheines für Geländesport und Geländespiel ist. Die Prüfungen hierfür bilden den Abschluß des Lehrganges. Dabei erhält ein Teil dieser Lehrgangsteilnehmer, der an den überwie­gend praktischen Hebungen teilgenommen hat, den Grund schein, während die anderen, die neben den praktischen auch schriftliche Uebungen mitge- macht haben, den L e h r s ch e i n bekommen, der für sie die Bestätigung einer Befähigung zur Durch­führung von Geländespielen bedeutet.

Vor dem Abendessen ist eine Flick- und P u tz- st u n d e eingelegt. Auch das Abendessen ist, wie die ganze Verpflegung, kräftig und reichlich. Am Abend finden gemeinschaftliche Zusammenkünfte statt, an

Auf der Sternwarte.

Don Bruno H. Bürael.

Ich wollte meinen Freund am späten Abend zu einem kleinen Umtrunk abholen, um mit ihm tief­sinnige Gespräche über der Zeiten Läufte zu füh­ren, aber ich traf ihn ernst beschäftigt. Er hockte in rabenschwarzer Finsternis ln seiner Sterwar- tenkuppel, durch die kühl der Wind pfiff und in der die tiefe Stille nur durch das leise Ticken der großen Sekunden-Pendeluhr unterbrochen wurde und durch das zarte Summen eines elektrischen Triebwerkes, das das mächtige Fernrohr unendlich langsam den weiterwandernden Sternen nach­führte. So hockte ich mich still und bescheiden, wie es sich an den Stätten der Wissenschaft geziemt, in eine Ecke, rauchte mit Vorsicht meine Zigarre und fror aus Freundschaft unter dem Sternendom mit, der sich nun leider einmal nicht Heizen läßt, weil am Beobachtungsstand des Fernrohres ein Wirbel von Warmluft und Kaltluft entstehen müßte, der jede scharfe Sicht der zarten himmli­schen Erscheinungen, die hier verfolgt werden sollen unmöglich machte. Ich hockte also da, schwieg und grübelte darüber nach, wie sonderbar ee ijt, paß hier einer während in der nahen Rieienstadt das Leben braust und brodelt, Weisheit und Dummheit, Güte und Gemeinheit, die Tugend und das Laster, der Fleiß und die ZrpjP heit umeinander wirbeln, der ganze map)-- jige Kampf des Lebens ausgetragen wird nach einem fernen Stern starrt, der selbst in diesem riesigen Teleskop klein und unscheinbar aussieht, ein bläulich flimmernder Funken in der Nacht der Unendlichkeit. So verschieden sind die Interessen der Menschen, und so verwickelt ist das, was wir unsere Kultur nennen. Wir werden nicht fertig mit all den verworrenen Schwierigkeiten dieser alten Erde, des großen stejnernen Kolosses, der um die Sonne herumwirbelt, aber wir können es doch nicht lasten, unsere Nase in weltferne Angelegenheiten zu stecken. Da hockt einer am Fernrohr und fühlt nut verzwickten und höchst sorgsam von den besten Op­tikern und Mechanikern konstruierten Instrumen­ten einem fernen Gestirn den Puls, um herauszu- bringen, an was für einer Krankheit es leidet.

Aber es kommt bei allen Dingen auf den Stand­punkt an, von dem aus man sie betrachtet; ich muß sagen, daß ich an diesem späten Abend, den ich eigentlich mit dem der Göttin Urania dienen­den Freunde im verräucherten Winkel einer klei­nen Weinstube verbringen wollte, viel gelernt habe. Ich ging nachher mit dem Gefühl nach Harne, daß die Welt, in der mir leben, dieses vielbe­

schimpfteJammertal", vielleicht doch noch eine der besten sei im weiten Himmelsraum. Wenn man chon friert, wenn man schon um feinen Abendschoppen gekommen ist, will man wenigstens wissen, weshalb, und so fragte ich denn diesen Sterngucker, was er denn nun eigentlich da be­obachte. Er tat einen tiefgelehrten Ausspruch: Es ist ein Delta-Cephei-Stern, sagte er, ich messe eben das Minimum?

Was tut einer damit, der nicht, rote die Stern­gucker, zu den Vertrauten der Urania gehört, die alle ihre Bewunderer zu Trägern ihrer funkeln­den Sternenschleppe macht? Wir müssen uns^das in unser Alltagsdeutsch übersetzen, um einen Sinn in die Sache zu bringen. Auch unter den Sternen gibt es Originale, gibt es Persönlichkeiten, die sich aus der Masse herausheben, ihre Besonderheiten haben, die den Blick auf sich lenken. Es gibt unter den fernen Fixsternen, die ja genau solche Sonnen sind wie unsere eigene, nur eben in unvorstell­baren Fernen, nicht wenige, die ihr Licht ändern, ihre Helligkeit. Es gibt Sterne, die heute das un­bewaffnete Auge als helle Sterne erblickt und die nach einiger Zeit wie ein Lämpchen, das aus­zugehen droht, kaum noch wahrnehmbar sind. Nun, bei einem Lämpchen mag das verständlich fein, aber bei einer Sonne? Ueberlegen sie, den unsere eigene Sonne, die zu den kleineren geb'* so riesenhaft groß ist, daß man aus ihrer M 334 000 Erdbälle Herstellen könnte, und daß viele dieser fernen Fixstern-Sonnen vielmals mächtiger sind! Der rötlich flimmernde Fixstern Antares im Sternbilde des Skorpion z. D. übertrifft unjere Sonne vierhundertmal an Durchmesser. Wie ist es möglich, so fragten wir uns, daß so unvorstellbar gewaltige, glühende Bälle innerhalb weniger Tage Heller und dunkler werden, einen Lichtwechsel ha­ben, den eben hier in der schweigenden Nacht mein Freund an seinem Fernrohr verfolgt!

Ja, sagen die Astronomen, das ist ein schwieri­ges Problem. Es sieht aus, als ob diese enormen glühenden Kugeln sich abwechselnd ausdehnen und wieder zusammenziehen, so wie der spielende Kna­be durch Blasen oder Saugen die Seifenblajc an seinem Strohhalm zur Dehnung ober zur Ver­kleinerung bringen kann. Ungeheure (Energien nn Innern der Sonne, von Temperaturen von Mil­lionen Graden herrschen, zwingen die Gasmassen, sich explosionsartig auszudehnen, und andere, dem widerstehende Kräfte bewirken dann, daß sie wie­der zurücksinken. Der Stern atmet sozusagen, es pulsiert in ihm.

Es gibt ferne Sonnen, bei denen das gewaltige Ausmaße annimmt. Ein winziges Sternchen wird

plötzlich Heller als alle andern am Himmelszelt, wir sind Zeuge einer unerhörten Katastrophe fern im Weltall. Ein solches Gestirn war der soge­nannteNeue Stern", der vor einigen Jahren im Sternbild des Adlers auftauchte; der innere Druck trieb die glühende Gaskuqel so gewaltig ausein­ander, daß sie schließlich rund zweihundertmal größer war als vor der Katastrophe. Man hat Sterne dieser Art beobachtet, deren Helligkeit um das Sechzigtausendfache wuchs, mit einer Geschwin­digkeit von 150 Kilometern in der Sekunde dehn­ten sich die glühenden Massen der fernen Sonnen aus. Eine regelrechte Explosion also, neben der die Explosion 'der größten Pulverfabrik der Erde wie das Aufflammen eines Zündhölzchens wirkt.

Ich habe inzwischen meinem Freund an feinem Fernrohr und sogar meine Zigarre vergessen, sie ist erloschen, und'auch die Kälte der Sternwarten- knppel fühle ich nicht mehr, ich bin völlig m Grü­beleien versunken. Es geht mir durch den Kopf, was wohl werden sollte, wenn unsere eigene Sonne sich plötzlich einfallen ließe, auch zuat­men", auch solche explosionsartigen Pulsationen auszuführen, ihre Glutmassen ein paar hunder^ mal weiter auszudehnen als bisher. Kein Meistch brauchte sich mehr über seine Zentralheizung zu ärgern, die ganze alte Erde finge an, wie ein Bratapfel zu schmoren, und uns selbst ginge es genau so, wie es den Bakterien auf dem Apjel geht, den wir in die heiße Ofenröhre legen, wir verzischten und verpufften und trockneten elend zu 1 Staubhäufchen zusammen, keine hohe Behörde könnte uns vor diesem Schicksal bewahren, und alle Künste der Technik blieben wirkungslos. Mein Freund würde böse, wenn er wußte, wohin mich meine Phantasie treibt; Astronomen lieben es nicht, wenn ihre Wissenschaft die streng und kühl mit physikalischen und mathematischen Begriffen arbeitet, in die Gebiete der Phantastik hlnemge- tragen wird, aber es hat doch seine eigenen Reize, Erkenntnisse und Sternforschung an das rem Menschliche heranzutragen.

Die Erde ist eine unnennbare Winzigkeit im Kosmos, der rings um uns her mit etwa fünfzig Milliarden Sonnen erfüllt ist. Nicht wenige For­scher habFN den Gedanken ausgesprochen, daß das ganze Erdenleben, der Mensch eingeschlossen, eigent­lich nur einZufall" ist. Zuweilen ist es ganz nützlich für den zur Ueberheblichkeit neigenden Menschen, sich dessen bewußt zu werden und-sich zu sagen, daß alle irdische Herrlichkeit zu Ende wäre,'wenn die große Lampe da oben zu flackern begänne.

Zeitschriften.

,Las Innere Rei ch". (Herausgeber Paul Alverdes. Verlag Albert Langen/Georg Müller Ver­lag München.) Mit dem Aprilheft trittDas Innere Reich" in seinen 6. Jahrgang ein. Den Ge­burtstagsgruß für den Führer hat Josef Weinheber geschrieben. Mit weiteren Gedichten find Ludwig Friedrich Barthel, Fritz Knöller, Hans Leifhelm, Josef Leitgeb, Hans Friedrich Blunck, Martin Raschke und Heinrich Zillich vertreten. Erich Brock hat deutsche Sinnsprüche zusammengestellt. In einem BriefBöhmen und Mähren wieder beim Reich" antwortet Paul Alverdes einem Engländer, der sich über die politischen Ereignisse um die März­mitte empören zu müssen glaubte. Der zweite Bei-, trag von Alverdes,Kein schöner Land", stellt das' Landschaftserlebnis einer Jungengruppe dar. Paul Anton Keller erzählt die Geschichte einer steirischen BäuerinDie Heidin". Hermann Herrigel gibt einen mit Holzschnitten geschmückten Bericht über Bernhart von Breydenbach", einen Reisenden aus dem 15. Jahrhundert. Ludwig Friedrich Barthel betrachtet Weg und Werk von Hanns Johst. Hein­rich Zillich beschreibt Leben, Kampf und Tod des siebenbürgischen Volksmannes Stephan Ludwig Roth. Sechs Bildtafeln zeigen Plastiken von Kurt Schmid-Ehmen.

Zum 65. Geburtstage Professor Rüdins, dessen Forschungsergebnisse bei der Aufstellung des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses grundlegend verwandt wurden, bringt die Monatsschrift , V o 1 k und Rasse" (I. F. Lehmanns Verlag, München 15) im Aprilheft eine Würdigung des Lebenswerkes dieses Gelehrten. Wie eng dieses mit dem Leben der Nation verknüpft ist, zeigt Dr. H. E. Grobig, ein Schüler Rüdins, in seinem BeitragEmpirische Erbprognose und Ausleseforschung an der For­schungsanstalt für Psychiatrie in München". Neben der Äusmerze erbunküchtigen Nachwuchses ist heute die dringende Forderung der Rassenhygiene:Schafft erbtüchtigen, begabten Nachwuchs!" Rüdin hat diese Entwicklung nicht nur vorausgesehen, sondern ihr auch vorgearbeitet. Daß der Geburtenrückgang nicht nur eine Angelegenheit des Nachwuchses, son­dern in starkem Maße der Eltern ist, wird in ein bis zwei Jahrzehnten die gesamte Bevölkerung zum ersten Male zu spüren bekommen. Und Zwar von der wirtschaftlichen Seite her, wenn die Zahl per Nurverbraucher gegenüber den Verdienern nn jetzigen Tempo weiter gestiegen fern wird. Dr. Walter Czach bringt darüber aufschlußreiche Ein­gaben in seinem AufsatzGroßstädte aus eigener Kraft?"