Kr.147 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhelfen)
Dienstag, 27.3uml959
Studienfahrt zum Jugendgesängnis Heilbronn.
Zugendrechtliche Arbeitsgemeinschaft Gießen zahlreich beteiligt.
Aus Der Stadt Gießen.
Heilpflanzen am Wegesrand.
Es gibt heuer sehr viele Kamillen, zum Leidwesen der Bauern: denn wenn sie in solchen Massen erscheinen, so werden sie leicht zu einem lästigen Unkraut und erdrücken das Getreide. Wenn wir aber Schulkindern begegnen, die mit mächtigen Kamillen- sträußen bewaffnet nach Hause eilen, dann freuen wir uns. Es ist gut, daß diese Gottesgabe gesammelt und getrocknet wird. Wir wissen doch, daß der Verbrauch von getrockneten Kamillen in Deutschland jährlich rund 800 000 Kilogramm beträgt. Das entspricht einem Wert von über 1,5 Millionen Reichsmark. Dabei wurden seither noch 90 v. H. aus dem Ausland eingeführt. Die Sammeltätigkeit der Kinder ist also nicht nur für sie selber gewinnbringend, sondern sie hilft auch Devisen sparen, ganz abgesehen davon, daß wir in den Wintermonaten froh sind, wenn Kamillen im Hause sind.
Der Verbrauch von Heilkräutern ist ungeheuer groß. Wenn wir lesen, daß in Deutschland von Lindenblüten, Brombeer- und Himbeerblättern nahezu eine halbe Million Kilogramm in den Apotheken und Drogerien umgesetzt werden, dann können wir ermessen, welche Schätze uns die Natur schenkt. Wir müssen nur unsere Augen öffnen und auf Wanderungen und Spaziergängen die Heilpflanzen sammeln, wenigstens für den eignen Bedarf.
Mit dem Abpflücken allein ist es freilich nicht getan. Die gesammelten Blüten und Blätter müssen ordentlich ausgelegt und getrocknet werden, niemals aber in der heißen Sonne. Beim Trocknen können wir die Erfahrung machen, daß mächtige Bündel von Pflanzen und Blüten sehr zusammenschrumpfen. Im allgemeinen gehen vier Fünftel des Gewichtes verloren. In leichten Mullsäckchen oder auch in Gläsern bewahren wir die Heilkräuter auf.
Unzählig sind die Heilpflanzen, die wir am Wegesrande finden. Auf den Wert des Hol-unders wurde schon hingewiesen. Nun blühen auch die Linden. Ihre Blüten geben ebenfalls einen guten Tee. Daneben aber wachsen noch so viele Pflänzchen, die wir nicht übersehen sollten.
In den Gräben, die Wasser-führen, finden wir die wilde Pfefferminze. Schon von weitem strömt ihr Duft uns zu. Wir pflücken die weichen, zarten Stengel mit ollen Blättern und sorgen dafür, daß mir einen großen Vorrat haben. Das Jahr ist lang. Wie oft gibt es Magenschmcrzen, Darmerkrankungen. Da' hilft immer der angenehm schmeckende Pfefferminztee. Der Geschmack ist so gewürzig, daß viele Leute zum chinesischen Tee ein paar getrocknete Minzenblätter zufügen.
Au- den trockensten Wegen gedeiht noch der Wegerich. Wir sammeln seine Blätter und erhalten dann in dem Tee — vermischt mit 'Bienenhonig — ein gutes und beliebtes Linderungsmittel bei bösem Husten. An trockenen Wegrändern wächst auch dos Hirtentäschel. Bei inneren Erkrankungen, auch bei Nasenbluten, tut ein Tee von ihm gute Dienste.
Bekannt ist Mich die Schafgarbe. Schon im Altertum wurde die Pflanze geschätzt. Bei allen Erkältungskrankheiten hilft ein Tee von Schafgarbsnblü- ten. Ebenso nehmen wir Schafgarbenblüten bei Geschwüren und offenen Wunden.
Die Wegwarte mit ihren hellblauen Blüten ist uns auch willkommen. Wir können die ganze Pflanze brauchen, Blätter, Blüten und Wurzeln. Ein Tee von der Wegwarte regt die Eßlust an, stärkt und kräftigt. Weniger bekannt ist der kleine Odermennig. Er wächst noch auf ganz trockenem Boden. Die Blüten sind gelb, die ganze Pflanze ist stark behaart. Bei Erkältungskrankheiten hilft ein Tee von seinen Blättern. Wir benutzen ihn auch zum Gurgeln bei Halsentzündungen. Die Heilwirkung des Odermennigs kommt in der Hauptsache von seinem hoben Gehalt an Kieselsäure. Auch der Ackerschachtelhalm enthält viel Kieselsäure. Ein Tee vom
Die „Iugendrechtliche Arbeitsgemeinschaft" am hiesigen Landgericht unternahm dieser Tage zusammen mit den jugendrechtlichen Arbeitsgemeinschaften in Mainz und Darmstadt eine Studienfahrt nach Heilbronn, um dort das Iugendgesängnis eingehend zu besichtigen. An der Fahrt nahmen etwa 50 Personen teil und zwar Richter, Staatsanwälte, Mitglieder der Jugendämter aus Städten und Kreisen, ferner Mitglieder der Sozialämter und Kameraden aus dem Kreise der Hitler-Jugend. An der Fahrt beteiligte sich auch Generalstaatsanwalt Dr. Eckert (Darmstadt).
Die Besichtigung der Iugendstrafanstalt Heilbronn (eine der größten Anstalten in Deutschland) nahm mehrere Stunden in Anspruch und ließ die Teilnehmer einen umfassenden Einblick in den Jugend- trafvollzug gewinnen. Mit großem Interesse be- ichtigte man die zahlreichen Werkstätten, in denen ■ne Jugendlichen die verschiedenartigsten Berufe erlernen können. Für die Ausbildungsarbeit stehen der Anstalt bewährte Werkmeister zur Verfügung, die dafür sorgen, daß die Zeit des Aufenthaltes der Jugendlichen in dieser Zellenstrafanstalt keine verlorene ist und die Jugendlichen nach ihrer Entlassung wieder vollwertige Mitglieder der menschlichen Gemeinschaft werden können.
Saft des Schachtelhalmes (der auch Zinnkraut genannt wird, weil man früher die zinnenen Teller damit reinigte) wirkt bei Blasen- und Nierenleiden.
Wir erwähnen von den vielen Heilpflanzen noch den Thymian, die Hauhechel, das wilde Stiefmütterchen, den Rainfarn, den Augentrost, das Tausendgüldenkraut u. a. m. Wer will alle Nomen nennen? Wir wollen sie nicht vergessen, sie sammeln und ihnen einen Platz in der Hausapotheke anweisen. Wir werden es nicht bereuen. H.
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Im Kampf gegen den Weltfeind". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Peter spielt mit dem Feuer".
„Kulturelle Ausgaben im deutschen Handwerk."
Die Kreishandwerkerschaft' veranstaltet in der Gemeinschaft mit der Deutschen Arbeitsfront am Mittwoch, 28. Juni, 20.30 Uhr, im „Hotel Hindenburg" einen Lichtbildervortrag, dem das Thema „Kulturelle Aufgaben des Deutschen Handwerks" zugrunde liegt. Handwerksmeister, Gesellen und Lehrlinge sind dazu eingeloden.
„Welleislehre und Geologie."
Ueber dieses Thema spricht am kommenden Freitag, 30. Juni, 20.30 Uhr, im Hörsaal des Geologischen Instituts (Braugasse 7) Prof. Dr. Hummel in einem von dem NSD.-Dozentenbund, der Volksbildungsstätte Gießen und der Oberhessischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde gemeinsam veranstalteten Vortragsabend. Bei freiem Eintritt ist jedermann herzlich eingeladen.
Der musikalische (Spielfreie her A(S.-Frauenschast.
Die Abteilung „Kultur, Erziehung und Schulung" des Deutschen Frauenwerkes hat es sich zur Aufgabe gemocht, auch das unter das Gebiet Kultur fallende Bereich der Musik zu erlassen und anzugliedern. Da man sich eine Veranstaltung oder Feierstunde in der NS.-Frauenschaft nicht mehr ohne-musikalische Darbietung denken kann, wurde der Spielkreis des Deutschen Frauenwerkes ge-
Mit Interesse hört man davon, daß zu der Zellenstrafanstalt das große landwirtschaftliche Gut „Hochrain" gehört, das den Weinbau, Getreidebau, Kartoffelbau, Viehzucht usw. betreibt und den Jugendlichen viel Gelegenheit gibt, sich auch in der Landarbeit zu bewähren. Die Anstalt steht unter der Leitung von Strafanstaltsdirektor S ch m i d t h ä u s e r, der das Gefängnis mit Energie und großer Sachkenntnis zu einer Einrichtung entwickelt hat, die den Strafvollzug in einem positiven Sinne gewährleistet. Die Besichtigung der Anstalt hinterließ bei allen Teilnehmern einen tiefen Eindruck.
Zuchthaus Rockenberg jetzt Iugendgesängnis.
Im Zusammenhang mit dieser Besichtigung dürfte es von besonderem Interesse sein, zu hören, daß seit kurzer Zeit das Zuchthaus Rockenberg als Zuchthaus für Erwachsene nicht m e h r besteht, sondern gegenwärtig im Aufbau und in der Umwandlung zu einem I u g e n d g e f ä n g - n i 5 begriffen ist. Die Anregungen und Eindrücke von zeitgemäßem Jugendstrafvollzug, die die Gießener Fahrtteilnehmer in Heilbronn gewinnen konnten, werden nunmehr in unserem engsten Heimatgebiet praktische Auswirkung finden können.
bildet. Dor etwa % Jahren fanden sich hier in Gießen die musikausübenden Mitglieder der NS- Frauenschast und des Deutschen Frauenwerkes zusammen zu regelmäßigen Uebungsstunden, und seither erfreut nun dieses kleine Orchester, das aus Streichmusik und einem Klaviertrio besteht, bei allen größeren Feierstunden und besonderen Gelegenheiten die Frauen des Deutschen Frauen- werkes und die geladenen Gäste durch Darbietung vorzüglicher Musik. So wurde die Feierstunde der Werbung für das Deutsche Frauenmerk in der Uni« versitätsaula besonders eindrucksvoll durch das Orchester gestaltet. Vergangene 'Woche wurde der Abend der Ortsgruppe Süd durch Darbietungen des Orchesters bereichert. Dann bot das Orchester Noch zusammen mit dem Singkreis der Ortsgruppe Süd das Lied aus den Hitler-Iugend-Singblättern: „Der Somer ist gekommen." Schon die Namen der Komponisten bieten jeweils einen Wertmesser für die Ernsthaftigkeit und Güte des Spielkreises der NS.-Frauenschaft und des Deutschen Frauenwerkes. Möchten sich recht viele musikalische Mitglieder des Deutschen Frauenwerkes zu dem Spiel- oder Singkreis melden; sie geben ja nicht nur, sondern sie nehmen auch, und zwar durch neue Anregungen die hier in ihr Gesichtsfeld treten. Gfs.
Verbreiterung der Licher Straße begonnen ...
Nachdem in der vergangenen Woche in der Anlage an der Licher Straße eine neue Baubude aufgestellt worden war, konnte man unschwer darauf schließen, daß nun auch die Arbeiten zum Zweck der Verbreiterung der Licher Straße in Angriff genommen werden sollten. Am gestrigen Montag nun fanden sich Arbeiter in verhältnismäßig stattlicher Anzahl ein, und begannen damit, den breiten Fußweg auf der rechten Straßenseite aufzureißen und Erdreich obzuheben. Der Raum, der damit gewonnen wird, soll zu einem Teil der Fahrbahn, zum anderen Teil dem Radfahrerweg zugute kommen. Das Erdreich, das beim Aushub des bisherigen Bürgersteiges onfällt, wird zur Verbreiterung der Licher Straße im Abschnitt Memeler Straße bis Waldrand verwandt.
Unfer neuer Roman.
Nachdem wir in der gestrigen Ausgabe unseres Blattes den Abdruck des Romans „Ein Mann wis taufend andere" von Konrad Trani zu Ende geführt haben, beginnen wir in der heute erscheinenden Nummer des Gießener Anzeigers mit der Veröffentlichung eines neuen großen Romanwerkes, von dem wir uns einen nicht minder starken und einhelligen Erfolg in allen Schichten unseres Leserkreises versprechen dürfen. Wir stellen heute^ einen neuen Autor vor, der früher in unseren Spalten noch nicht zu Worte gekommen ist, dessen Romane sich aber steigender Beliebtheit erfreuen und auch mehrfach mit Erfolg verfilmt worden sind. Der neue Roman, mit dem wir in dieser Nummer beginnen, heißt
„Grobgarage Alter Westen" von Harald Baumgarten,
er spielt in Berlin, und zwar m einem Umkreise, der gemeinhin selten im modernen Roman dargestellt wird, in einer großen Autogarage nämlich, wo Tag und Nacht eine Menge höchst perfrbiebener Wagen parken und nach den Regeln der Kunst betreut werden. Wichtiger als diese Autos sind.natürlich ihre ebenso verschiedenen Besitzer, die
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sich ein flüchtiges Stelldichein geben: so entsteht ein farbenreicher Ausschnitt aus dem heftig pulsierenden Leben einer großen Stadt, und aus der Ueberschnerdung und Verknüpfung der unterschiedlichsten und merkwürdigsten menschlichen Schicksale entwickelt sich ein überaus fesselnder und immer spannender werdender Kriminal- und Liebesroman, in welchem nicht nur die Garage als Sammel-. und Schnittpunkt des brandenden Alltags der Stadt, sondern unter anderem auch das Filmatelier eine erhebliche Rolle spielt.
Der lebendig und unterhaltsam geschriebene Roman wird, dessen sind mir gewiß, allen unseren Leserinnen und Lesern in Stadt und Land eine willkommene, von Tag zu Tag erwartungsvoll begrüßte Lektüre sein.
Appell der Gießener Technischen Nothilfe.
Oie Gießener Technische Nothilfe hielt im „Frankfurter Hof" einen Appell ab, der vom Chef der Technischen Nothilfe angesetzt war und ollen Kameraden einen klaren Ueberblicf über Geschichte, Wesen, Ausbau und zukünftige Aufgaben der Technischen Nothilfe vermittelte. Der Ortsführer gab in einem umfassenden Vortrag zunächst eine Darstellung der Geschichte der Technischen Nothilfe, die nach Beendigung des Weltkrieges ins Leben gerufen wurde, zunächst als Technische Abteilung der Garde-Kaval- lerie-Schützen-Division bestand und die Aufgabe hatte, die lebenswichtigen Betriebe gegen die Beherrschung durch das rote Untermenschentum zu sichern. Der Redner schilderte dann kurz den Ein-
Besuch
in Memlings Heimatstadt.
Von $. M. Huebner.
In diesen Tagen fand in Brügge (Belgien) die Eröffnung der Jubiläums- Ausstellung für den Maler Hans Memling statt, ein bedeutsames Kunstereignis, an dem wir dadurch besonders beteiligt sind, daß Memling gebürtiger Deutscher war und daß viele deutsche Museen mit Leihgaben an der Ausstellung teilnehmen werden.
Der Name Hans Memlings wird während dieses Sommers in vieler Munde sein. Man wird in Zeitungen und Zeitschriften seine Gemälde abbilden, ein in Belgien hergestellter Film wird diese Gemälde in den Lichtspielhäusern Europas und Amerikas vor die weitesten Betrachterkreise bringen, es werden zu seiner Ehre Festmahlzeiten veranstaltet und Preisreden gehalten werden: Dies alles, weil vom Juni bis September dieses Jahres eine Gedächtnis - Ausstellung für ihn statt- findet, die größte, die jemals unternommen wurde, und zwar "in Brügge, der flämischen Stadt in Belgien, wo er gelebt und gewirkt hat, zu hohem Ansehen gelangt und schließlich gestorben ist. Brügge feiert mit dieser Ausstellung den 5 0 0. Geburts - tag des Malers, feiert damit aber gleichzeitig fein* eigene ruhmreiche Stadtvergangenheit, denn Memling hat wie wenige andere Maler den Namen der Stadt Brügge für alle Zeiten berühmt gemacht, er, der zu feinen Lebzeiten als der bedeutendste Maler der Christenheit galt.
Sonderbare Schickfalsverknüpfung! Sonderbar insofern, als Memling ja gar kein Sohp der Stadt seines Wirkens und nicht einmal ein Sohn der Erde Flanderns war, vielmehr von durchaus fremder Abstammung, ein Gast und Zugereister, dessen Wiege recht fern von Brügge, recht fern von den flachen Niederungen längs der Nordseeküste gestanden hatte, in Deutschland nämlich, im Gebiete des Mittelrheins. Der Ort, wo er geboren wurde, liegt im Gebiete des ehemaligen geistlichen Kurfürstentums Mainz; es ist Seligenstadt am Main, zwischen Hanau und Aschaffenburg, das Städtlein, das zu den ältesten Stätten der deutschen ftultur gehört und von glorreichen Namen der weltlichen und geistigen Geschichte Deutschlands überglänzt wird.
Weil einen nun aber die merkwürdige Lebensgleichung zwischen dem Deutschen Hans Memling und der flandrischen Stadt Brügge nachdenklich stimmt und weil es einem vorkommt, diese Gleichung wolle ini geheimsten vielleicht doch nicht völlig
aufgehen, so bricht man noch Seligenstadt auf und trifft dort an einem Tage ein, wo die Einwohner die alljährliche Feier zum Gedächtnis ihrer christlichen Schutzheiligen abhalten. Die Stadt bietet ein Bild des fanften Friedens, unveränderlich durch die Jahrtausende hindurch, so daß es zu Memlings Zeiten nicht anders als heute war. Die Petrus- und Marzellinusprozefsion: sicherlich ist sie eine der tiefsten Kindheitseindrücke des Malers Memling gewesen und hat auch durch die viel prunkvolleren und an Teilnehmerzahl viel reicheren Prozessionen, die er später in dem prachtliebenden Brügge sah, nicht aus seinem Gedächtnis gelöscht werden können.
Und dann das Sädtchen selber jnit seinen Giebelbauten, Türmen, Mauerresten einer kaiserlichen Pfalz, das große Wohnhaus an der Aschaffenburger Straße, das wir, die ausgetretenen Treppen empor, bis unter den Dachfirst durchstöbern, von den verwitterten Mauern, den ineinander geschachtelten Bäumen ahnungsvoll angerührt, dieses mächtig- behäbige Anwesen, darin Hans Memling, der Knabe, aufwuchs als der Sohn von Hanman Memling und seiner Frau Luka Stirn, dies alles sollte er vergessen haben? Mit nichten. Denn auf seinen Gemälden lebt ja fort, was den feinsten Zauber dieser Stadt ausmacht.
Wie das geistliche Bild der Prozession, so ist auch dieses gegenständliche Bild der Landschaft ein Unvergängliches, und indem wir nun durch die alten Gassen wandern, geführt von bereitwilligen und wohlunterrichteten Einwohnern, und dieses andere Unvergängliche ruhig auf uns einroirfen lassen, meinen wir, dem sanftesten der altniederländischen Maler weitaus näher zu kommen, als es uns in Flandern, in Brügge, gelingen mag, wo im St. Iensspital seit alters neben anderen Gemälden sein Meisterwerk des Ursula - Schreins aufbewahrt wird. Wir kommen dem seelischen Nährund Brutboden nahe, aus dem sich die Leistung dieses Malers herausbildete, jener zutiefst liegenden Schicht seiner Persönlichkeit, die man Jahrhunderte hindurch gar nicht bemerkte, sintemalen man nicht wußte, woher Hans Memling eigentlich stammte. Bis es dem Brügger Archivar R. A. Parmen- t i c r vor wenigen Monaten gelang, Seligenstadt als Herkunfts- und Geburtsort des Künstlers einwandfrei festzustellen, und zwar auf Grund einer alten Eintragung in das Bürgerregister von Brügge.
Damit haben wir einen wertvollen Zugang zum Wesen des Malers und seiner Kunst gewonnen, und keiner, der sich mit Memling und feiner Kunst beschäftigt hat, wird es in Zukunft verabsäumen dürfen, seine Nachforschungen am Beginnpunkte seines Lebenswegs, in Seligenstadt, anzufangen. Weshalb aber verließ der Jüngling seine Vaterstadt, wo er offenbar den ersten Malunterricht genossen hatte? Merkwürdige Gerüchte über diesen Ausbruch aus der Vaterstadt, über die dunkle Zeit
des Schweifens, bevor er in Brügge auftauchte und sich hier endgültig seßhaft machte, sind im Umläufe, Gerüchte, die von tollen und keineswegs unschuldigen Abenteuern munkeln: sollte an ihnen dennoch etwas Wahres fein?
Vielleicht litt dieser sich so ruhsam gebende Maler? geift an einer tiefen Lebenswunde, möglich, daß der reine, abgeklärte Zustand seiner gemalten Madonnen, Kirchenheiligen und weltlichen Zeitgenossen durchaus nicht die Widerspiegelung seines eigenen Zustands, vielmehr eine bloß erstrebte Haltung darstellte? Gewiß, aus dem Landschaftsbild feiner Heimatstadt atmet Frieden und Wohllaut — weshalb aber kehrte der Künstler in diesen Frieden, in dieses ihm durch die Geburt geschenkte Glück der .Herkunft niemals wieder zurück? Memling, der Schlichte, der Eindeutige, wird rätselhaft, wenn man vom Ausgangspunkte her feinen Lebensweg betrachtet. Man fühlt dann, daß er vielleicht, i ec-fi Id) gesehen, gar nicht so weit von jenem größten Meister und Rätselaufgeber der deutschen Malerei, von Mathias Grünewald (Gothard Nithard), entfernt steht, der gleichfalls in dem traumseligen Städtchen Seligenstadt lebte, hier rang und sich hier vollendete.
Welche Tiere sind unzähmbar?
Dem Menschen ist es gelungen, fast alle Arten von Tieren zu zähmen, sogar solche, die dem natürlichen Gefühl ganz und gar unzähmbar vorkommen. So gibt es z. B. am Viktoria-Nyanza- See in Ostafrika ein riesiges, zahmes Krokodil, das auf einen Ruf herbeikommt und aus den Händen eines Eingeborenen Fische nimmt. Wenn das Reptil satt ist, packt der Negerjunge es am Schwänze und fährt mit ihm Schubkarren in den See hinein. Als eins der scheuesten Tiere gilt das australische Schnabeltier. Dennoch ist es einem Farmer in Diktorialand, Robert Eadie, gelungen, ein solches Tier vollständig zu zähmen. Es folgt ihm überall hin, liebt es, gekitzelt zu werden, und spielt wie ein Kätzchen mit einem alten Lappen. Tausende von Besuchern kommen auf die Farm, um das Wundertier zu sehen.
Es gibt zahme Fische, Insekten, Reptilien aller Art, und doch bleiben gewisse Tiere, die sich als vollständig unzähmbar erwiesen haben. Das bekannteste unter ihnen ist die Wildkatze, und Zwar gerade die europäische Wildkatze, was um so seltsamer ist, als ein so naher Verwandter von ihr wie der südafrikanische Luchs wenigstens bis zu einem gewissen Grade gezähmt werden konnte. Auch die amerikanische Wildkatze hat allen Bemühungen, sie zu zähmen, bisher erfolgreich widerstanden. Sogar Junge, die sehr früh aus dem Bau genommen und in der Gefangenschaft aufgezogen werden, behalten ihre Wildheit. Von allen
Katzenarten die wildeste ist ein ziemlich seltenes Geschöpf, die Fossa, die auf Madagaskar heimisch ist. Die Eingeborenen fürchten sie mehr als alle anderen Tiere, denn ihre Wildheit übertrifft die des Leoparden. Auch die verschiedenen wilden Hunde sind fast sämtlich unzähmbar. Zu ihnen gehört der indische wilde Hund und der gefleckte Wildhund Südafrikas. Der gefürchtete Dingo Australiens konnte gezähmt werden, aber man nimmt an, daß dieses Tier von verwilderten Haushunden abstammt. Er ist der Schrecken der Schafhirten und hat sich in gewissen Gegenden Austra- -liens zu einer wahren Landplage entwickelt. In den letzten Jahren allerdings ist seine Zahl zurückgegangen. Don den Wölfen lassen manche sich dis zu einem gewissen Grade zahmen, aber nicht die patagonische Art. Ein weiteres Tier, dem der Mensch niemals sein Vertrauen schenken kann, ist die Hyäne.
Zeitschriften.
— Die im Verlag F. Bruckmann, München, erscheinende Monatsschrift „Die Kunst" bringt in ihrem Juniheft Abbildungen des „delphischen Wagenlenkers", einer über 2000 Jahre alten Bronze- ftatue, die Adolf Greifenhagen zu einer Betrachtung über griechische Schönheit und klassische Kunst anregt. lieber die Delacroix-Ausstellung in Zürich referiert Eduard Briner an Hand ausgezeichneter Reproduktionen. Ulrich Christoffel schildert den Werdegang des Münchner Bildhauers Eugen Mayer- Fasfold, dessen „Diana", „Flora" oder „Sitzendes Mädchen" die anmutig bewegte Linienführung des Künstlers, die als eine gewisse Nachwirkung des Barock heute noch in München lebendig geblieben ist, zeigen. In einem Aufsatz über die „Hannoversche Malerei der Gegenwart" zeigt Karl Fischoeder den Zusammenhang zwischen der niedersächsischen Landschaft und den aus ihr hervorgegangenen Malern. Mit drei bedeutenden finnischen Bildhauern macht Friedrich Ege bekannt. Schließlich lieft man in dem Werkdruckbogen noch einen Bericht über „Spanische Museen im Bürgerkrieg". Im zweiten Teil zeigt Architekt Breitling der Landschaft besonders angepaßte Bauten, das Haus Biedermann in Tübingen und das reizvolle kleine Wochenendhaus des Architekten, das gut in der Neckarlandschaft steht. „Deutsches Wohnen" heißt ein Artikel von Architekt Fried- rich Pütz, Berlin, der Anmerkungen zur Jahresschau des deutschen Tischlerhandwerks in Leipzig gibt. Abbildungen der verschiedensten Zimmereinrichtungen zeigen einfache und durch schöne Linien und gute Proportionen wohltuend wirkende Möbel. Wie ein überalterter Garten wohltuend gewandelt werden kann, läßt M. H. Schilling an einer beispielhaft gelösten Aufgabe des Gartengestalters Aldinger, Stuttgart, erkennen.


