KM9 Zweites Blatt
Eichener Anzeiger (General-Anzeiger für Oderhessen)
Montag, 27. Februar
Aus Oer Stadl Gießen.
Sprichwörter.
3d) muß es ehrlich gestehen: es war mir, als ich noch ein Kind war, in der Seele zuwider, wenn meine Mutter ihre erziehlicheü Versuche bei mir mit einem Sprichwort unterstützen zu müssen glaubte. Zum Beispiel, wenn man sich „mal" die Ohren nicht gründlich gewaschen oder die Nägel nicht gereinigt hatte, dann hieß es unweigerlich mit einem Blick auf das Kleid: „Oben hui, und unten — Pfui!" Oder wenn ich mich mit meinem Bruder beim Spielen zankte: „Der Klügere gibt nach!" Wie peinlich war es dann, zu entscheiden, was das Klügere war, nämlich nachzugeben oder seinen Willen zu bekommen. Oder wenn es beim Frisieren ziepte und man jammerte — sonst war man natürlich stolz auf seine Locken, die beim Spielen öfters hübsch durcheinander kamen— dann bekam man nur mitleidlos den schönen Spruch zu hören: „Hoffart muß Pein leiden!" Wobei das nie gehörte Wort „Hoffart" besonders ärgerlich war.
Aber ich glaube, die Erklärung dafür, warum mir diese schönen Sprichwörter — und wieviel Weisheit steckt in ihnen! — so unangenehm waren, ist auch nur wieder mit einem Sprichwort zu geben: „Der getroffene Hund bellt!"
Das ist aber, wie gesagt, lange her. Ich habe nun selber eine Tochter, deren Erziehung mir am Herzen liegt. Und nun erwische ich mich dabei, daß ich es gerade so mache, wie meine Mutter: („Jung gewohnt, alt getan!) mit weise erhobenem Zeigefinger sage ich zum Beispiel meinem Kinde: „Mit dem Alten kann man das Neue erhalten!" Obwohl ich selber auch viel lieber die neuen Schuhe anziehe oder das neue Kleid! Ich komme mir deshalb etwas komisch vor bei diesem Spruch, aber trotzdem ...
Als ich aber eines Tages ernst und eindringlich sagte: „Lügen haben kurze Beine!" erntete id) unerwartet ein Gelächter. Das Kind mit seiner regen Phantasie sah wohl in diesem Augenblick kleine Lügenmännchen auf kurzen Beinchen umherspringen. Daß mir in meiner Kinderzeit dieser Spruch, als ich ihn zum erstenmal hörte, aud) so komisch vorkam, war mir noch gut in Erinnerung. Noch ein anderes Mal wurde das Kind unbeabsichtigt erheitert: „Die Strafe folgt auf dem Fuße!", sagte ich, wobei aber der Klaps auf einem ganz anderen Körperteil saß!
„Aller Anfang ist schwer" ober „Hebung macht den Meister." Ob das wirklich so ist? Außerdem, -manches geht am Anfang sehr leicht, aber dann — o weh! Auch der schöne Spruch: „Spare in der Zeit, so hast du in der Not", den ich früher öfters hören mußte, hat sich in der Zeit der Geldentwertung leider nicht bewahrheitet. „Durch Schaden wird man klug." Ist das richtig? Ich kenne Menschen, die ihr ganzes Leben nicht davon klug geworden sind. Vor allem aber das Sprichwort „Einmal ist keinmal" ist erlogen. Wer es erfunden hat, ist leichtsinnig oder boshaft gewesen. Sicher ein schlechter Rechner, denn eins bleibt immer eins, und wer einmal in seinem Leben gestohlen hat, kann nie sagen: „Gottlob, ich bin kein Sieb!"
So sieht man, daß zwar in unseren Sprichwörtern viel Wahres steckt, daß man sie aber mit Bedacht anwenden sollte. E. L. St
vornoiizen.
Tageskalender für Montag.
Kreishandwerkerschaft: 20 Uhr, Cafe Leib, Vortrag über „Altersversorgung des deutschen Handwerks". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Das unsterbliche Herz". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Die Dschungelprinzessin". — Oberhessischer Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.
Vortragsabend Ernst kreuzträger in Gießen.
Wie bereits mitgeteilt, wird am Dienstag, dem 28. Februar, der Münchener Vortragsmeister Ernst Kreuzträger auf Einladung' des Goethe- Bundes Gießen und des Kaufmännischen Vereine einen heiteren Vortragsabend unter dem Thema „Kunterbunt, eine Stunde deutschen Humors" geben. I
Früherkennung und Jrühbekämpfung der Krebskrankheit.
Dortrag im Reichsbunt) 0er Kinderreichen in Gießen.
In einer Versammlung des Kreisabschnittes Gießen des Reichsbundes der Kinderreichen hielt der Oberarzt der Frauenklinik der Universität Gießen, Professor Dr. R o s s e n b e ck , einen Vortrag über das Thema „Früherkennung, Früherfassung und Frühbekampsung der Krebskrankheiten als vordringliche bevölkerungspolitische und sozialpolitische Probleme".
Nach einem Ueberdlick über die bisherigen Leistungen des Nationalsozialismus auf dem Gebiete der Volksgesundheitsführung (Maßnahmen zur Behebung des Geburtenrückganges, Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses, Verbot der Rassenmischung) bezeichnete Professor Rossenbeck die Früherkennung, die Früherfassung und die Frühbekämpfung der Krebskrankheiten als weitere vordringliche Probleme einer zielbewußten Volksgesundheitsfiih- rung. Die in den letzten zwei Jahrzehnten wiederholt erörterte, meist aber nie eindeutig klar beantwortete Frage nach der Zunahme der Krebssterblichkeit hat in den letzten Jahren durck) die verdienstvollen Arbeiten von Regierungsrat Haubold im Reichsgesundheitsamt eine weitgehende Klärung erfahren. Danach ist die in zahlreichen Staaten übereinstimmend festgestellte Zunahme des Krebses nicht etwa nur eine durch verbesserte Statistiken usw. vor- aetäuschte Erscheinung, sondern die Zunahme der Krebssterblichkeit muß als eine — wenigstens für die europäischen Staaten — feststehende Tatsache gellen. Die gegenüber den Vorkriegsjahren deutlich feststellbare Zunahme der Krebskranken beruht nicht darauf, daß der einzelne Mensch heute stärker durch Krebs bedroht wäre als früher, sondern es erleben heute sehr viel mehr Menschen den Ausbruch der Krebskrankheit, die in früheren Zeiten in einer jüngeren Lebensaltersstufe irgendwelchen anderen Krankheiten zum Opfer gefallen wären, deren Ausbruch heute durch die weit vorgetriebenen sozialhygienischen Maßnahmen einfach verhütet wird. Damit ist aber keineswegs gesagt, daß der Krebs ausschließlich eine Alterserkrankung ist, sondern der Krebs ist vorwiegend eine Erkrankung der reifen Frauen und Männer, nur ein Viertel bis ein Fünftel der Krebsopfer stirbt als Greis! Damit erweist sich der Krebs als Würger des Mannes als Arbeitskraft und der Frauen als Mütter der Familien (Haubold). Nach einer älteren Statistik von Professor H i n s e l m a n n (Altona) sterben in Deutschland an Krebs jährlich 37 000 Frauen, davon 24 000, »das sind annähernd zwei Drittel, in den besten Lebensjahren, in denen sie unmündige Kinder hinterlassen! So kann und darf es nicht weitergehen! Im Laufe seiner weiteren Ausführungen legte Professor Rossenbeck überzeugend dar, daß
jede unbegründete Furcht vor der Krebskrankheit — etwa als vor einem unheilbaren Leiden — völlig fehl am 'Platze ist, da der Krebs in seinen Jrühstadien ebenso heilbar ist, wie jede andere Krankheit, vorausgesetzt, daß er früh genug erkannt und dann aber auch unverzüglich behandelt wird.
Die große Heimtücke der Krebskrankheit liegt nur darin begründet, daß sie in ihren Frühstadien — gleichgültig, in welchem Organ, die Krebsgeschwulst fid) angesiedelt hat — feine Schmerzen bereitet.
Mit der in Laienkreisen leider noch weit verbreiteten Meinung, man könne bei der Krebserkrankung mit der Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe warten, bis Schmerzen auftreten, muß endlich einmal aufgeräumt werden. Wenn im Verlaufe der Krebserkrankung erst Schmerzen oder anderweitige schwere allgemeine Krankheitszeichen auftreten, wie allgemeiner Kräfteschwund, plötzlick)e und rasch zunehmende Körpergewichtsabnahme, dann ist es in vielen Fällen für eine erfolgreiche Behandlung schon Zu spät!
In eingehenden und auch für den medizinisch nicht geschulten Laien gut verständlichen Ausführungen, die durch eine große Zahl von Lichtbildern erläutert wurden, gab Professor Rossenbeck sodann einen Ucberblicf über die — bei den verschiedenen Körperorganen natürlich verschiedenen — Krankheitszeichen der Krebskrankheit, wobei mit besonderem Nachdruck immer wieder hervorgehoben wurde, daß
die Früherscheinungen der Krebskrankheit meist so genau mit den Früherscheinungen anderweitiger, völlig harmloser Erkrankungen übereinstimmen, daß der einzelne Volksgenosse oder die einzelne Volksgenossin selbst niemals entscheiden kann, ob es sich um einen beginnenden Krebs oder um eine anderweitige Erkrankung handelt. Diese Entscheidung kann nur der Arzt fällen!
Und deshalb ist es wichtig, bei Auftreten der ersten Krankheitszeichen, die aud) nur entfernt an die Möglichkeit einer Krebserkrankung denken lassen, sofort ärztliche Beratung und Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Mit einem Ucberblicf über die heute für eine erfolgreiche Krebsbehandlung zur Verfügung stehenden Heilverfahren — Operation und Bestrahlung — schloß Professor Rossenbeck seine mit großem Beifall aufgenommenen Ausführungen.
Unteroffiziere als Grundlage des soldatischen Beamtentums.
Monatsappell des Reichstreubundes in Gießen.
Der Standort Gießen des Reichstreubundes hielt am Samstagabend im „Burghof" einen außerordentlich zahlreich besuchten Appell ab, zu dem der Standortführer, Hauptmann d. R. Schwender, eine starke Abordnung der aktiven Kameraden des Standortes unter Führung von Oberstleutnant Caesar, ferner den Versorgungsoffizier, Major v. d. Vense, und den Lehrkörper der Heeressach- schule begrüßen konnte. Nach einem Gedenken für den verstorbenen Leutnant d. R. Bohn sprach
Berbandösührer Schwarz, Kaffe!
über „Die Entwicklung der Zivilversorgung und den Aufbau des Reichstreubundes". Zunächst sprach der
Redner dem Standort Gießen seine Anerkennung für die rege Arbeit aus. Dann ging er, weit zurück- greifenb, auf die Entwicklung der Zivilversorgung des Berufssoldaten ein. Die Kameraden gründeten 1895 den Bund der deutschen Militäranwärter, der bereits nach zehn Jahren 387 Vereine mit rund 33000 Mitgliedern umfaßte. Der Bund machte es sich zur Aufgabe, für die Belange der Kameraden einzutreten und ihnen bessere Anstellungsmöglichkeiten, Berücksichtigung bei der Einstellung bei den Behörden, Anrechnung ihrer Militärzeit auf die Dienstzeit zu verschaffen und selbst für ihre Fortbildung zu sorgen. In der Zeit des Parlamentarismus und der Abneigung gegen den Soldaten waren heftige
Kämpfe zu bestehen. Der ausgeschiedene Unteroffizier hatte bis zur Anstellung keine Versorgung, und viele nahmen irgenbroeldje Stellen an, nur damit sie für ihre Familien sorgen konnten.
Das wurde sofort anders, als der Nationalsozialismus die Führung übernahm. Durch das Wehr- machtsfürsorgegesetz fanden nicht nur die bisherigen Ansätze einer Versorgung ihre Krönung, sondern der Bund wurde auch als Mitarbeiter der Reichsregie- rung anerkannt. Durch Befehl des Obersten Befehlshabers der Wehrmacht wurden dem nunmehrigen Reichstreubund neue Aufgaben Hinsichtlid) der Betreuung und Erziehung der Kameraden in nationalsozialistischem Geist übertragen. Weid) große Beachtung im Dritten Reid) dem Unteroffizier als Volks- erzieher zuteil wird, machte der Vortragende an Hand eines Aufsatzes von Ritter von Schramm, der aus dem Unteroffizierstand hervorgegangen ist, im „B. B." verständlich, in dem u. a. aucgeführt wird, daß viele Gauleiter unb böhere SA.- und ^-Führer, Generale, verantwortliche Männer in Industrie und Wirtschaft gleichfalls burd) bie harte Schule bcs preußischen Unteroffiziers gegangen finb. Mit dem Befehl von 1938 fanb bie Arbeit bcs Reichstreu- bunbes bie höchste Anerkennung durch den Führer und Obersten Befehlshaber der Wehrmacht, der den Bund als die einzige Organisation der Berufssoldaten der alten und der neuen Wehrmacht bestimmte und allen aktiven Soldaten die Mitgliedschaft empfahl.
Der Unteroffizier von heute soll der soldatische Beamte der Zukunft werden, der die Grundlage für einen von nationalsozialistischer Weltanschauung durchdrungenen Bekiintenstand bilden wird. In ausführlicher Weise schilderte Kam. Schwarz die Möglichkeiten für den Ausstieg und erläuterte die Forderungen, bie an jeben Unteroffizier gestellt werben, der durch bie Heeresfachschule auf feinen späteren Beruf vorbereitet wirb. Aus biefem Grunbe muß strengste Auslese geübt und nur ber tüchtigste unb beste Nachwuchs für ben Berufssolbaten zugelassen werben. Durch straffe Zucht unb grünb- liche Ausbilbung wirb bas Unteroffizierkorps, gestützt auf eine reiche Tradition, roieber bas Rückgrat für bie Wehrmacht unb bie Grunblage für ein Dolfsoerbunbenes Beamtentum werben.
Standortführer Schwender
ergänzte biefe Ausführungen burd) ben Hinweis auf die Bedeutung ber Arbeit bes Reichstreubundes unb betonte, baß berjenige Berufssolbat, ber bem Befehl des, Führers keine Beachtung schenkt, and), feinen Anspruch haben soll an wirtschaftlicher Sicherstellung, die heute dem Berufssoldaten zugesichert ist.
Kamerad Reih,
Mitgründer ber Ortsgruppe Gießen bes alten Bun- bes und deren Ehrenführer, erzählte in temperamentvoller Art von den Kämpfen, die die alten Kameraden im Interesse des Unteroffizierstandes auszutragen hatten, unb forberte bie jungen Kame- raben auf, von ben gebotenen Fortbilbungsmöglich- feiten regen Gebrauch zu machen. Seine Worte klangen aus in einem Hurra auf bie Kameradschaft.
Oberstleutnant Caesar
überbrachte bie Grüße bes Divisions- unb bie des Regimentskommandeurs unb versicherte dem Stanb- ortführer bie Unterstützung ber aktiven Kameraben. So wie es in feinem Bataillon bereits Ehrensache ist, bem Reichstreubunb anzugehören, so solle es überall werben.
Nach bem Schluß bes offiziellen Teiles saßan bie alten unb bie aktiven Soldaten noch kameradschaft-, lich beisammen.
Oie NeiterprZfung in Gießen.
Am gestrigen Sonntag fauben im Universitätsreitinstitut bie Prüfungen für den SA.-Reiterscheiir statt. Hierzu hatten sich etwa 70 SA.- unb NSRK.- Reiter vom Sturm 6/147 unter Sturmführer Schömbs eingefunben, bie durch den SA.-Grup- penreitersührer, Oberführer Wehner, unb Ober
Oberhessischer Kunstverein.
Josef Lteib:
Oelgematde, Radierungen, Zeichnungen.
Dcr Maler und Graphiker Josef Steib, 1898 in München geboren, nach Studienjahren in seiner Vaterstadt und in Düsseldorf und nach weiten Auslandsreisen in Berlin ansässig, ist bei uns nicht mehr unbekannt; er hat vor einigen Jahren schon einmal im Oberhessischen. Kunstverein ausgestellt. Die neue Kollektion, die gestern der Oeffcutlichkeit übergeben wurde, umfaßt Oelgemälde, Aquarelle, Radierungen und 3cid)nungen. Der technischen Vielseitigkeit Steibs entspricht die Mannigfaltigkeit seiner Motive. Man findet in dieser Ausstellung beispielsweise neben einem eleganten Damen-Porträt das Bild eines bäuerlid)cn Sensendenglers, neben kultivierten Blu- menftilleben das Interieur einer Metzgerei mit einer Menge rohen und roten Fleisches, neben heimatlichen Landschaften ein algerisches Hafenbild und eine afrikanische Bazarstraße, neben dem Hüttenwerk und dem Liniensck)iff auf hoher See (Steib war drei Jahre lang als Kriegsfreiwilliger bei der Marine) Tierstudien und Architekturgruppen. Man könnte foldjc Gegenüberstellungen, über den Umkreis der gegenwärtigen Ausstellung hinaus, aus dem großen Oeuvre des Künstlers ohne Mühe ergänzen.
Steib ist, wie seine Bilder bezeugen/oen Dingen dieser Weltsichtlid) unbefangen und ohne einengendes Vorurteil aufgeschlossen; seine Gestaltungen, so ver- schieden die untereinander sein mögen, atmen fast alle eine klare, gesunde Natürlichkeit und 9iaturnäf)e, ohne nüchtern zu wirken. Was bei einem Rundgang durch die Ausstellung dem Betrachter üielleid)t am ehesten auffällt, ist die Vorliebe für ein gläsern klares, kühles, Blau, das mehrere Nuancen burdjläuft und in verschiedenen Motiven wiederkehrt: am markantesten wohl in dem repräsentablen, aber aud) etwas kühl anmutenden „Bildnis meiner Frau" unb in ber an ber Rückwanb hängenben großen Bergsee-Lanb- fdjgft; bie sehr geschlossene unb durchdachte Komposition dieses Bildes erhält in der Spiegelung von Wolken und Himmelsfarben im klaren Wasser des Sees eine malerisch ungemein belebende Wirkung.
Eine Farbigkeit von anderer Art, wärmer und fülliger, beherrscht die ornamental empfundenen Blume, iftüde („Rote Rosen", „Chrysanthemen", „Lila Tulpen"), weld)e den Beschauer burd) ihre saftige Fülle unb koloristische Leuchtkraft bestechen. Im übrigen glaubt man aus zahlreichen Gemälden Steibs in ber Art der Konturierung noch den Zeid)ner und Graphiker herauszuspüren, dem es um sauber
begrenzte Körper und Flächen zu tun ist. Ein gutes Beispiel dafür ist etwa das „Eifeldorf", aud) der „Algier-Hafen" unb vor allem bie „Sonnenstrahlen", eine farbig unb räumlich sehr sein gegliederte, le- benbige Landschaft, bie, wie uns scheint, zu ben wertvollsten Stücken ber Ausstellung gehört.
Daß Steib babei aud).ausgesprochen malerischer Wirkungen fähig ist, mag etwa die ganz merkwürdig kolorierte „Sommerlandschaft" erkennen lassen, übrigens aud) die zartfarbigen Aquarelle rechts und links neben dem afrikanischen Hafenbild. — Die Eindrücke, die man von ben Gemälden gewinnt, werben burd) die in zwei umfänglichen Mappen vereinigten Radierungen und Zeichnungen (worunter fid) aud) Probe-Abzüge und Skizzenblätter finden) aufschlußreich ergänzt und abgerundet.
Hans Thyriot.
Lortzings „Casanova".
Im Reichssendcr Frankfurt.
Sonntagabend. Der große Sendesaal des Reichs- seüöers Frankfurt. Weiter getäfelter Raum mit erhöhtem Orchester und Dirigentenpult. Das Podium für die Darsteller. Der Regietisch. Au der rückwärtigen Schmalseite der Regieraum. Allmählich füllt sich der Saal: Solisten, Spielleiter, Kapellmeister, Ansager, Jusvizient, Ord)ester und Chor. Dazu eine Anzahl geladener Gäste, meist Presseleute.
Der Zeiger der Uhr springt auf 20.10: mit einem Schlage verstummt alles Hinundherlaufen, jedes Gespräch, das Summen der Stimmen im Orchester. Die Türen werden lautlos gesd)lossen. Auf dem Leuchtschild erscheint das Wort: Ruhe! Ter Sprecher tritt aus Mikrophon und verkündet das Programm: „Casanova", Komische Oper in drei Akten von Alpert Lortzing, für den Rundfunk bearbeitet von Erich M üHer - Ahremberg.
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Es ist vor einigen Tagen an dieser Stelle bereits auf die Sendung hingewiesen und in Kürze bemerkt worden, was es mit der merkwürdigen Spezialität der „Rundfunkoper" auf sich hat. Neben den bekannten und beliebten Werkender Opern-Welttiteratur taucht von Zeit zu Zeit im.Sendeprogramm ein wenig oder gar nicht bekanntes Werk auf, das auf der Bühne vielleicht seine Feuerprobe nid)t bestehen würde, in der Rundfunkbearbeitung und Sendung aber seinen ganzen Reiz und überrasd)ende musika- Iifd)e Qualitäten entfalten kann. Die Komische Oper „Casanova" ist ein ausgezeichnetes Beispiel dafür. Sie ergänzt das längst bekannte Bild des Kompo
nisten in ebenso liebenswürdiger wie unvermuteter Weife.
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Wir wissen nicht, wie viele Hörer gestern abend die Sendung aus Frankfurt gehört haben. Im Senderaum saßen bloß ein paar Dutzend Leute. Sie hatten das merkwürdige Erlebnis, das entstehen zu sehen, was alle andern nur hören konnten. Sie sahen also gewissermaßen eine Oper in Zivil; die Darsteller unterscheiden fid), ohne Schminke und Kostüm, äußerlich in nichts von den Orchestermitgliedern und den Gästen. Sie fingen aud) nicht auswendig, sondern üont Blatt. Sie stehen auf dem Podium zufammen- gebrängf. Sie „spielen" nicht wie auf der Bühne, sie markieren bloß, je nach dem Temperament und dem Rollenfach, ungefähr wie auf einer Theaterprobe markiert wird. Ein Kuß wird bloß in die Luft geschmatzt, eine Ohrfeige in die Hände geklatscht. Außerdem bietet die Sendung die Möglichkeit, eine Rolle auf einen Sänger und einen Sprecher zu verteilen (Casanova). Der Kapellmeister wirkt genau wie im Theater, und der Spielleiter lenkt Tempo, Stim- mung, Einsätze mit ein paar leichten, lockeren Bewegungen der Hand, die sofort verstanden werden.
Der Zuschauer im Senderaum fck)ließt die Augen, bildet sich ein, daheim am Apparat zu fitzen und nur zu hören, Und alsbald formt sich in der Phantasie, beschwingt von der Musik, ein heiteres Bild, das bewegte, galante Spiel nm den berühmten Abenteurer und großen Liebhaber, den Chevalier von Seingalt, der megen Totschlags im Zweikampf ins Gefängnis im Fort San Andrea eingeliefert wird, selbst dort aber nach alter Weise sich in Liebeshändel verstrickt und am Ende, nachdem er mancherlei Verwirrung angeftiftet hat, aus dem Kerker entflieht. Galante Briefe, Gondel, Strickleiter und Maske sind die unentbel)rlid)en Requisiten der Fabel.
Lortzings Musik ist im Grundton romantisch (die Verwendung von Hörnern erscheint für die Partitur ähnlich d)arakteristisch wie bei Weber), heiter und von quellender Frische der Erfindung. Dabei sind die wid)tigston Gesangspartien, vor allem die des Casanova, die junge Bettina und der falstasfisch ange- liaudjte Kerkermeister Rocco ausgesprochen dankbare Aufgaben.
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Tie Titelrolle sang Jakob Sabel mit einer metallisch strahlenden, kraftvollen Höhe, dock) wurde er auch den ausgeprägt lyrischen Partien sehr schmiegsam gered)t. Maria Madien Madsen gab mit schlankem Sopran eine kapriziöse und temperamentvolle Bettina, Hedwig Jungkurth mit gepflegter Gesang- lichkeit die Rosaura. Bernhard Jak sch tat war der
humorige Kerkermeister. Die Spielleitung hatte der Bearbeiter Erich Müller-Ahremberg, die musikalische Leitung Otto Frickhoeffer. Es spielte das große Orchester des Reichssenders Frankfurt. Der Chor des Reichsfenders Frankfurt fang unter Leitung von Günther Bruck)Haus. —
Hans Thyriot.
Weltrekord im Haifischfang.
In der Nähe von Port Lincoln in Südaustralien, einem wahren Paradies für Angler von Großfischen, gelang es G. R. Cowell aus Adelaide, mit Nute und Angel einen Haifisch von Rekordmaßen zu fangen. Er war 4 Meter lang, hatte einen Umfang von 2,10 Meter und wog 580 Kilogramm, während die beim Angeln verwendete Leine nicht dicker als das Blei in einem gewöhnlichen Bleistift war. Von dcm Klub der Großfischangler von Südaustralien wurde der Fang offiziell als Weltrekord anerkannt. Lieber ben Fang erzählte Cowell, daß der Haifisch gegen die Seite des Fischkutters gerannt sei, während er ein als Köder über Bord hängendes Meerschwein zu fassen versuchte. Der Angler stand in diesem Augenblick am Heck des Bootes, das von dem schweren Anprall wild schaukelte. Ein anderer Köder wurde äusgeworfen, den der Haifisch sofort faßte, um mit ihm in größter Geschwindigkeit über 400 Meter vom Boote fortzuschwimmen. Erst dann' begann der heftige Kampf mit dem Haifisch, und es dauerte 45 Minuten, bis dieser Zeichen von Erschöpfung gab. Zehn Minuten später konnte man das Riesentier an bas Boot heranziehen unb auf ben Haken bringen.
In einem anberen Falle war ber Haifisch zwar nicht ganz so groß, -aber ber Fang gestaltete sich noch viel schwieriger. Der Haifisch kam längseit des Bootes unb kreuzte in seiner Nähe herum. Be-i ber Klarheit bes Wassers tonnte j^be Bewegung beot- achtet werben. Als ber Köber über Borb geworfen würbe, nahm ihn ber Haifisch ganz dicht bei bem Boot, bann zchwamm er mit erstaunlicher Schnelligkeit etwa 200 Meter fort unb kehrte zum Boot zurück, bas er 12mal umkreiste, wobei bie Angler größte Schwierigkeit hatten, ihr Gerät in Drbnung zu halten. Dazwischen machte ber Fisch immer wieder schnell Vorstöße vom Boot weg. Als er einmal 400 Meter entfernt war, machte er plötzlich einen Sprung, bei bem sich ber eine halbe Tonne wie- genbe Körper klar aus bem Wasser heraushob. Der Kampf bauerte über drei Stunben, und in ber ganzen Zeit schwamm ständig ein noch größerer Haifisch um den anderen herum. B.


