Nr. 49 Erste? Matt
189. Jahrgang
Montag, 2r.Zebruar 1939
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Scheil-Said, ein Schlüffe! zum Holen Neer.
Don unserem E.J.-Korrespondenten
Paris, Ende Februar 1939.
In Paris ist vor einigen Tagen, für die Oeffent- lichkeit völlig überraschend, Prinz Hussein von Jemen in Begleitung eines Sekretärs eingetroffen. Er kam von London, wohin er sich wenige Tage vorher zur Teilnahme an der eben eröffneten Palästina-Konferenz begeben hatte. Ueber den Zweck der plötzlichen Pariser Reise des Prinzen Hussein ist in der französischen Presse nicht viel gesprochen worden. Es hieß lediglich, daß er einer Anweisung seines Vaters, des Herrschers des Jemen-Staates am Roten Meer, gefolgt sei und daß er sich in Paris mit anderen Persönlichkeiten aus dem Jemen treffen werde. Prinz Hussein hat u. a. Besuche beim Präsidenten der Republik und im französischen Außenministerium gemocht.
Verschiedene Anzeichen lassen darauf schließen, daß der Pariser Aufenthalt des Jemen-Thronfolgers mit einer Angelegenheit in Verbindung stcht. die einen Teil des Machtkampfes um die Beherrschung des Roten Meeres bildet. Es geht um den Besitz von Scheik - Said, eines schwer zugänglichen Felsengebirges im Südwesten des Jemen, das an der engsten Stelle der Strgße von Bad - el - Mandeb, dem französischen Somaliland gegenüber, liegt und damit den Zugang zum Roten Meer beherrscht, genau so wie im Norden der Suezkanal die Schlüsselstellung zum Eingang in das Rote Meer vom Mittelmeer aus darstellt.
Frankreich erhebt aus alten Verträgen A n - f p r u ch auf den Besitz von Scheik-Saib, Auf vielen Landkarten ist sogar Scheik^Said als französische Besitzung verzeichnet, obwohl seit nahezu siebzig Jahren die französische Flagge dort nicht mehr geweht hat. Das Interesse für Scheik-Said ist in einem Teil der französischen Oeffentlichkeit jedoch seit den Auseinandersetzungen mit Italien über Dschibuti wieder lebendig geworden. Abgeordnete der Rechten hoben die Frage in der letzten außenpolitischen Aussprache vor der Kammer angeschnitten und verlangt, daß Frankreich seine Ansprüche auf Scheik-Said wieder geltend mache, und die „Action Fran- §aise" hat sogar in Maueranschlägen für diese Idee geworben.
Es ist natürlich völlig klar, daß Italien einer Festsetzung Frankreichs in Scheik-Said gerade jetzt, wo die Interessen im Roten Meer hart aufeinanderstoßen, nicht ruhig zu sehen könnte: denn
>vcheik-Said würde — von einer europäischen Großmacht als Festung ausgebout — für das Rote TZeer das sein, was Gibraltar für das Mittelmeer ift. Ein Artikel im „Messaggero" hat übrigens ganz klar ausgesprochen, daß nach dem italienisch-englischen Vertrag vom 16. April 1938 ebensowenig rme Italien und Großbritannien selbst auch keine s o n st i g e Macht Souveränitätsrechte oder ein sonstiges Privileg, an welcher Stelle der Küste des Roten Meeres es auch sei, erwerben könne.
Frankreichs alte Ansprüche auf Scheik-Said gehen auf folgenden Vorgang zurück: Eine Marseiller Schiffahrtsgesellschaft hatte im Jahre 1868 das 165 000 Hektar große Gebiet rings um Scheik-Said von einem örtlichen Machthaber für etwa eine halbe Million Franken „gekauft". Es wurde dort eine Kohlen st ation errichtet. Ein im Jahre 1870 in Konstantinopel abgeschlossener Vertrag zwischen Frankreich und der Türkei, der damals das Jemen-Gebiet nominell noch unterstand, bekräftigte den Kauf. Aber schon wenige Jahre später sprengten türkische Soldaten die von den Franzosen angelegte Kohlenstation von Scheik-Said in die Luft. Frankreich legte auf Scheik-Said dann keinen Wert mehr, denn es hatte inzwischen in Dschibuti seine Basis errichtet, die sich als Etappe für die französischen Verbindungen nach Madagaskar und Indochina besser eignete. Niemand wagte damals, sich in der gefährlichen Nähe des englischen Aden niederzulassen, obwohl Scheik- Said nacheinander verschiedenen Regierungen, u. a. auch denen Deutschlands, Oesterreichs, Italiens und Rußlands, zum Kauf angeboten wurde.
Ueber die Pariser Besprechungen des Prinzen Hussein ist bis jetzt absolutes Stillschweigen, auch in der französischen Presse, beobachtet worden. Hat man über Scheik-Said im besonderen gesprochen? Oder geht das diplomatische Spiel noch weiter darüber hinaus, um den diplomatischen Wettkampf um die Einflußzonen an den so wichtigen Ufern des Roten Meeres, in die sich der Jemen und Saudisch- Arabien teilen? Frankreich hat schon immer mit leichter Besorgnis das Vordringen des italienischen Einflusses in diesen dem italienischen Eritrea gegenüber liegenden Gebieten verfolgt, das letztlich auch auf die französische Stellung in Dschibuti Rückwirkungen haben muß. Man kann sich daher vorstellen, daß der Quai d'Orsay seine Gegenminen springen läßt.
zem äußerst zurückhaltend gegenüber der Franco- Regierung gezeigt hat, setzt sich heute voll und ganz für die Anerkennung der nationalspanischen Regierung ein und betont mit Nachdruck, haß man von einer rotspanischen „Regierung" überhaupt nicht mehr sprechen könne. General Franco beherrsche Dreiviertel des ganzen spanischen Gebietes. Die ganze rotspanische „Regierung" befinde sich auf der Flucht. Der marxistische Daily Herald freilich läßt seine sowjetspanischen Bundesgenossen noch nicht im Stich und nimmt auch diese Gelegenheit zum Anlaß, um gegenüber Italien in übelste Verleumdungen und Verdächtigungen auszubrechen.
Roles Diebsgut wird nach Mexiko geschafft.
Paris, 27. Febr. (Europapreß.) Am Sonntagabend war die sowjetspanische Vertretung in der Avenue George-V. in Paris von den Schätzen jcräumt, die die bolschewistischen Machthaber eit dem Beginn des spanischen Krieges dort als ,'ersönliche Sicherheit aufgehäuft hatten. Es handelt ich nach einem Bericht des „Matin" in erster Linie um wertvolle Teppiche, Goldbarren, historische Möbel und Kunstgegen- tände aller Art, unter denen besonders die irchlichen Kleinodien voä großem Werte int). Alle diese Wertgegenstände sind teils in Lastkraftwagen, teils in Sonderwaggons nach Bordeaux gebracht worden. Von dort aus sollen io nach Mexiko geschafft werden, um dort den sowjetspanischen Machthabern zur Begründung einer neuen Existenz zu dienen. Das nächste Schiff, das von Bordeaux aus nach Mittelamerika ausläuft, ist der Dampfer „Flandre". Da dieses Schiff seine Ausreise aber erst am 4. April antritt, nimmt man an, daß die 900-Tonnen-Luxus-Iacht „Danadis" alle diese Kostbarkeiten an Bord nehmen wird. Diese Jacht hat seit mehreren Togen den kleinen Hafen Arcachon in der Nähe von Bordeaux angelaufen. Die Herkunft der Jacht konnte bisher nicht fest- gestellt werden. Die Jacht, die eine fünfzigköpfige Besamung aus Mitgliedern aller möglichen Nationen besitzt, hat auf ihrer letzten Reise ihren N a - nen gewechselt. Man weiß, daß dieses nicht ehr große Schiff, zu dem der Zutritt von der Be- atzung jedem Fremden verwehrt wird, den S o w - etspaniern gehört.
Kämpfer und Krämer.
Die nicht nur theoretische, sondern auch praktische H i l f e, die Deutschland uah Italien dem Befreiungswerk General Francos geleistet haben, ist von den argwöhnischen Demokratien immer so ausgelegt worden, als ob die autoritären Staaten sich damit auf spanischem Boden festsetzen und die Burgos-Regierung unter ihren Willen zwingen wollten. Der Führer hat diese infame Unterstellung in feiner Reichstagsrede vorn 30. Januar ebenso encrgi(d) zurückgewiesen wie der Duce bei anderer Gelegenheit. Inzwischen konnten sich auch prominente französische Persönlichkeiten auf Grund einer nationalspanischen Einladung davon überzeugen, daß an der Pyrenäengrenze weder Befestigungen errichtet noch deutsche oder italienische Freiwillige gegen Frankreich aufmarschiert sind, wie die internationale Lügenprqsse berichtet hatte. Trotzdem herrscht noch heute in der demokratischen Oeffentlichkeit die Ansicht, daß die Achsenmächte die iberische Halbinsel zur Angriffsbasis gegen die armen, verfolgten Ententeländer machen wollten. Man schließt dort eben von sich auf andere und kann sich gar nicht vorstellen, daß es auf der Welt auch Kräfte und Bewegungen gibt, die au.5 Ide alismus kämpfen. Man will dort nicht begreifen, daß politisches Handeln auch aus anständiger Gesinnung und aus einem Verantwortungsbewußtsein zu entspringen vermag, das weiter blickt als eine liberalistilche Krämerseele. Man ahnt dort noch nicht, daß der opfervolle Einsatz der nationalsozialistischen und faschistischen Kämpfer auch dazu beü getragen hat, das kostbare Leben der „grande nation" vor der bolschewistischen Vernichtung zu. bewahren.
Dieser beschränkten und krämerhaften Einstellung entsprachen durchaus die Grundsätze und Methoden, die wir dieser Tage beobachten konnten, als es sich für Paris und London darum handelte, normale diplomatische Beziehungen zur national spanischen Regierung herzustellen. Um dem englischen und französischen Volk den plötzlichen Umschwung der Dinge plausibel zu machen, betonte man ausdrücklich, daß es lediglich die wohlverstandenen eigenen Interessen seien, die eine Annäherung an Franco forderten. Machtpolitische, militärische, wirtschaftliche, finanzielle Belange von
Oer italienische Besuch in Warschau.
Graf Ciano und Oberst Beck wechseln Trinksprüche auf die traditionelle
„Wir wollen den Frieden mit Deutschland." Oer französische Außenminister Bonnet bekennt sich zur Fortsetzung der Politik von München.
Paris, 20. Febr. (Europapreß.) Außenminister Bonnet hat am Sonntag in Gourdon (Departement Lot) eine Rede gehalten, in der er sich nut dem Abkommen von München beschäftigte, das von der Kammer fast einstimmig und darüber hinaus von der ö f f e n t l i ch e n M e l n u n g rückhaltlos gebilligt worden fei. Ein europäischer Krieg würde in allen Ländern Tod und Vernichtung bedeutet hoben, ohne den Bestand der Tschecho-Slowakei sichern zu können. Bonnet fuhr fort: „Seit München haben mir alle Anstrengungen gemacht, um zu einer c u ro pi i Id) G n Inh fpannung zu gelangen. Mit Deutschland haben mit die gemeinsame Erklärung vom 6. Dezeinb unterzeichnet. Wir erinnern uns mit Nachdruck ocr Worte des Reichsaußenministers als er m-meiner Gegenwart der Welt durch den Rundfunk versicherte, daß Frankreich und Deutschland überemgekommen seien, den jahrhundertealte.! Grenzstreitigkettenem Ende zu machen. Wie Mimsterprastdent Daladier unter dem Beifall der Kammer erklärt hat wollen alle ehemaligen Frontkämpfer den Frieden mit Deutschland und viele von ihnen würden diesen Frieden mit »Wm Leben bezahlen. Wir hoffen alle, daß die gemeinsame Er^ klärung vom 6. Dezember bie erste Etappe
zur HF r st e 11 u n q vertrauensvoller Beziehungen ist, die Frankreich mit Deutschland zu unterhalten und zu entwickeln wünscht."
Außenminister Boilnet ging dann auf die englisch-französischen Beziehungen ein und würdigte in warmen Worten die ständig enger werdende Freundschaft zwischen den beiden Ländern. Mit Bezug auf Spanien sagte Bonnet: „Angesichts der Notwendigkeit, daß Frankreich bei der Regierung von Burgos vertreten ist, haben wir Senator Berard nach Spanien zu Verhandlungen über die Aufnahme diplomatischer Beziehungen entsandt. Er hat sich dieses delikaten Auftrags mit großem Verantwortungsbewußtsein und Patriotismus entledigt. Senator Berard, der am Samstagabend nach Frankreich zurückgekehkt ist, hat mich sofort telephonisch über den glücklichen Ausgang seiner Mission unterrichtet."
Bonnet versicherte am Schluß seiner Rede: „Frankreich wird nicht dulden, daß man a n sein Imperium r ü hrt, das mit französischem Blut und durch französische Arbeit aufgebaut ist. Frankreich wird dort seine Souveränität aufrechterhalten, wie es auch sein Territorium intakt falten wird. Niemand kann daran zweifeln, oder darf sich hierüber wundern."
Azana zurückgetreten.
Oer rote „Staatspräsident- hat Paris verlassen.
Paris 27. Febr. (DNB.) der „Präsi- denk" des spanischen Bolschewistenausschusses, hat Paris am S°nn't°^b°ndmit d°mst>hrpl°nmtz-n | D^uae nach Genf verla en. Wie Haoas wipen mU beäibt er sich nach Collongesjous- Sa’lenc (Departement chaute-Savoic), wa er cm Villa besitzt. Azana soll noch heute, amtlich) f' sp A l ' i hr'fnnntgeben. Das von uzanu
einer Legalität besitze. , oIjs
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jährige verhängnisvolle Tätigkeit an de P S
Kulturgüter, der völligen Verelendung
Volkskreise und einer brutalen Niederdrückung der Erhebungen in Andalusien ihren Ausdruck. Er habe den Gewalttaten, der Metzelei an Priestern und Geiseln, und der Niederbrennung von Kirchen und Klöstern persönlich beigewohnt und seine Aufgabe sei nur die gewesen, den anderen freie Hand zu lassen.
London erivartet heule Anerkennung Francos.
London, 27. Febr. (DNB., Funkspruch.) Für die Londoner Morgenblätter steht cs nun endgültig fest, daß Chamberlain heute im Unterhaus den Beschluß der britischen Regierung bekanntgegeben wird, die nationalspanische Regierung anzuerkennen. Gleichzeitig melden die Londoner Blätter, daß Azana bereits z u r ü ck g e t r e t e n sei. Die englischen Blätter sind nun auch zu der Einsicht gekommen, daß die sowjetspanische „Regierung" prab tisch überhaupt keinen Wert mehr besitze. Auch Daily Telegraph, ein Blatt, das sich noch vor kur-
Freundschaft beider Länder.
Warschau, 26. Febr. (Europapreß.) Der italienische Außenminster Graf C i a n o statte am Samstagnachmittag dem polnischen Außenminister Peck einen Besuch ab, der einer ersten Fühlungnahme der beiden Staatsmänner diente. Am Samstagabend wurde zu Ehren des italienischen Außenministers ein Gala-Empfang veranstaltet, bei dem Graf Ciano und Oberst Beck Trinksprüche wechselten. Oberst Beck hob die polnisch-italienische Freundschaft hervor, die durch die in den schwierigen Zeiten der polnischen Freiheitskämpfe von 1863 gebrachten gemeinsamen Blutopfer ihren Ausdruck gefunden habe. In der Ansprache kam weiter der Wunsch nach Vertiefung der freundschaftlichen Zusammenarbeit der beiden Regierungen zur Verteidigung der beiderseitigen Interessen und des Verständnisses für die gerechten Interessen anderer Staaten zum Ausdruck. In seiner Antwort hob Graf Ciano ebenfalls hervor, daß die Gemeinschaft der beiderseitigen Ideen und Interessen und die gegenseitigen Besuche polnischer und italienischer Staatsmänner die Grundlage seien, um die beiderseitige Freundschaft in Zukunft noch herzlicher zu gestalten.
Der zweite Besuchstag begann mit einer Deut- malsweihe für den Obersten N u l l o , einen Italiener, der im Jahre 1863 in den polnischen Freiheitskämpfen gefallen ist. Das Denkmal ist ein Geschenk der Stadt Bergamo. Der Stadtpräsident von Warschau und der Bürgermeister von Bergamy betonten bei der Denkmalsweihe die polnisch-italienische Freundschaft. Außenminister Graf Ciano begab sich nach der Feier ins Schloß, wo er vom etaatspräfibenten empfangen wurde. In den Nachmittagsstunden besichtigte Graf Ciano mit seiner Gemahlin das Italienische Institut in Warschau. Abends nahm er an einem Empfang in der italienischen Botschaft teil. Im Laufe des Sonntags wurden die politischen Gespräche zwischen den beiden Außenministern fortgesetzt. Beiderseits wird Stillschweigen gewahrt. Nach Presse-Informationen dienten die Gespräche hauptsächlich einem allgemeinen Rundblick über die politische Lage
Polen und die Achse.
Die Reise, die der italienische Außenminister Graf Ciano mit einem ganzen Stab von Beamten und Journalisten n ad) Warschau unternommen hat, ist nicht von ungefähr gekommen. Nach dem diplomatischen Protokoll stellt sie zwar eine Antwort auf den Besuch dar, den der polnische Außenminister Oberst Beck im Vorjahr der römischen Regierung abgestattet hat, aber es wäre dennoch verfehlt, den jetzigen Gegenbefud) Cianos als einen bloßen Höflichkeitsakt betrachten zu wollen. Vielmehr dürfte es sich um sehr konkrete Dinge handeln, die in dem Aemtern der polnischen Negierung besprochen werden. Die geographisch getrennte und geopolitisch verschiedenartige Lage der beiden Länder könnte bei Fernerstehenden vielleicht den Anschein erwecken, als ob zwischen Rom und Warschau gemeinsame Berührungspunkte oder
Interessen nur in geringem Maße bestünden. Daß das Gegenteil der Fall ist, wird nicht nur durch die Herzlichkeit bewiesen, mit der in der Warschauer Oeffentlichkeit gegenwärtig die italienisch-polnische Freundschaft gefeiert wird, sondern auch durch die großen geschichtlichen Ereignisse der letzten Jahre.
Wenn Graf Ciano auch in Warschau als Partner der Achse auftritt, die ja nach dem Willen Mussolinis die vornehmste Grundlage der itaüeni* sehen Außenpolitik bildet, dann ist das in mehr als einer Hinsicht berechtigt. Denn and) die polnische Negierung weiß ganz genau, daß ohne das ent*, schlossene Handeln des Führers in den September* tagen 1938 das Olsagebiet nicht zur Weichselrepublik zurückgekehrt wäre, und sie erinnert sich ebensosehr der Hilfe des Duce, der in seinem „Brief an Run- ciman" eine gerechte Aufteilung des ehemaligem tschecho-slowakischcn Staatsgebietes and) für die übrigen Nachbarvölker, insonderheit für Polen und Ungarn, forderte. So hat sich auch unter polnischem Gesichtswinkel die Achse Berlin—Rom als der stärkste und ausschlaggebendste Machtfaktor in' Europa erwiesen, und zwar nicht in einem nega*. tiven, sondern in einem für Polen förderlichen Sinne. Gleichzeitig aber dürften die maßgebenden Männer in Warschau die zweideutige^ Rolle nicht vergessen haben, die das verbündete Frankreich iiz den entsck)eidenden Wochen des Vorjahres gespielt hat. Denn Frankreid) stand damals ebenso roid England und Sowjetrußland hinter dem Beneschs System und war daher mit verantwortlich für dis Unterdrückung des polnischen Volkstums an der Dffa,
Es ist anzunehmen, daße diese Erfahrungen dis wichtigste Grundlage des Warschauer Gesprächs ob* geben und auch die künftige Linie bestimmen werden, auf der sich die Beziehungen zwischen Polen und dem Achsenpartner Italien bewegen. Denn nicht nutz um einer bloßen Rückschau willen, sondern um auch, wie ein Mailänder Blatt schreibt, eine „ausgedehnto und tiefgreifende Prüfung der politischen Lage in Europa vorzunehmen, ist man in Marschau zusam* inengefommen. Die Probleme, die sich den Staats* männern barbieten, sind in der Tat von außer* orbcntlidjer Bebeutung. Da ist das Verhältnis zil ben Staaten bes sübosteuropäischen Raumes zu nennen, ber feit München eine fortschreitenbe Konsoli- bierung erfahren hat Mit Ungarn nerbinbet sowohl Italien wie Polen eine trabitionelle Freundschaft, mährend mit ben ehemaligen Mitgliedstaoten bei Kleinen Entente bie Beziehungen noch nicht in jedem Falle geklärt erscheinen. Da ist aber vor allem auch dqs Verhältnis zu ben bemokratischen Westmächten unb.besonbers zu Frankreich, bas zur Debatte steht. Durch bie Tatsache, daß Frankreid, noch immer auf Polens Bunbesgenossenschaft vocht, während es gleichzeitig Italien als seinen Feind betrachtet, ift bie Problematik genügenb gekennzeichnet. Die ge« meinfamen Interessen, bie Polen übrigens aud) irt ber Kolonial- und Rohstoffrage mit den Achsenmächi ten verbindet, lassen erwarten, daß das Warschauer Treffen für die Schaffung eines gerechten Frieden- günstig sein wirb. H. Evers.


