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Das war das Pommerellen von 1772, von dem die polnische Propaganda heute ein Auf­sehens macht, als hätte es 1772 in Westpreußen und Posen ebenso ausgefehen, wie unmittelbar vor dem Kriege. Wie wir aus zeitgenössischen Berichten wissen, waren die Flußläufe versumpft, gab es so gut wir gar keine Schiffahrt, sodaß der Verkehr sich mühsam über schlechte Landwege Hinwegquälen mußte. Die Wälder waren gelichtet, eine ge­regelte Forstwirtschaft war unbekannt. In ganz Europa soll es nach den Zeugnissen dieser Zeitge­nossen nicht so elendes Vieh gegeben haben, wie in Polen, nicht nur in den Gebieten, die an Preußen zurückfielen, sondern auch in den Teilen, die Ruß­land und Oesterreich an sich nahmen. Die Bevöl­kerung haßte die polnischen Starosten, die sich für ihre Dienstteistungen selber bezahlt machten, da vom Staat kein Gehalt und keine Bezüge zu be­kommen waren.

Es ist schon mehr als Größenwahn, wenn unter diesen Umständen die polnische Propaganda auch damit im Auslande hausieren geht, Polen wäre unter polnischer Herrschaft die Kornkammer Europas gewesen, hätte England und Frank­reich mit Weizen, Roggen und allen landwirtschaft­lichen Bedürfnissen versorgt! Das ist offenbar eine

Verwechselung M den Zuständen ünd Verhält­nissen im 19. Jahrhundert. Kongreß-Polen sowie Teile der Ukraine, die unter der Jagellonischen Herrschaft einmal zu Litauen gehörten, konnten unter Ausnutzung der technischen Fortschritte m der Land­wirtschaft Getreide ausführen. Bis in die Mitte des 19 Jahrhunderts war ja auch Preußen wie überhaupt Deutschland ein landwirtschaftliches Ueberschußge- biet Aber Polen hat im 18. Jahrhundert, also in den Jahrzehnten vor seiner Auflösung, wenig oder gar nichts an landwirtschaftlichen Erzeug­nissen ausführen können. Das Staatswesen war durch innerpolitische Kämpfe zerfallen, war eine Beute der Schlachtschitzen, die wohl gut leben, aber nicht arbeiten wollten. So ging das Verhängnis einen Lauf, was eine geschichtliche Tatsache ist und nicht in das Gegenteil ungefälscht werden kann. Unter preußischer Herrschaft hat sich auch die natio­nalpolnische Bevölkerung, besonders die auf dem flachen Lande, immer wohl gefühlt, was dadurch bestätigt wird, daß der polnische Rekrut aus West- preußen oder Posen fast immer ein guter preußi­scher Soldat war. Das wußte sogar Lloyd George, weshalb er in Versailles und Genf die Ländersucht der polnischen Delegation aufs Schärffte zurück­wies.

Was den Einkreisern verloren ging.

Sowjetrußlands wehrpolitisches potential.

Von Hanns Möller-Witten.

Interprefi-Copyright.

Dreimal so groß wie die Vereinigten Staaten von Nordamerika, erstreckt sich das 21 176 000 qkm umfassende Gebiet der Sowjetunion über weite Strecken zweier Erdteile: Europa und Asten. Sowjetrußland ist damit das größte z u s a m - menhängende Staatsgebilde der Welt, dessen politisches Gewicht auch dann noch gewaltig bleibt, wenn man gewisse Nachteile der Küstenver- bältnisse berücksichtigt und die Tatsache einbezieht, daß es sich nicht um einen einheitlichen Nattonal- staat, sondern um eine Föderation vieler z. T. recht verschiedenartiger Staatsgebilde handelt.

Die Wehrfähigkeit des großen Staaten­komplexes wird restlos ausgenutzt. Sie schließt auch die Frauen nicht aus. Verschiedentlich sind sie sogar bei den Kampftruppen eingeteilt. Die rund 175 Millionen Menschen- mit einem jährlichen Bevölke­rungszuwachs von 3 Millionen, die im Gesamtge­biet der Sowjetunion leben, bilden, wie schon der Weltkrieg bewies, eine schier unerschöpfliche Kraft­quelle. Im Falle eines Krieges dürfte sie ein Heer von 14 Millldnen Ausgebildeten auf die Beine bringen. Der Friedensetat beträgt etwa 2 Mil­lionen und einige Tausend Panzerwagen. Man mußte bisher unterscheiden zwischen zwei grundver­schiedenen Truppenarten: Kader- und Territorial­formationen. Erstere dienten zwei bis drei Jahre, letztere nur einige Monate. Erstere gliederten sich in etwa 80 Infanterie-, 20 Kavallerie- und 4 Pan­zerdivisionen, dazu kamen mehrere selbständige Ka­vallerie-Brigaden, Panzer-Regimenter und -Batail­lone. Die Territorialtruppen setzten sich aus unge­fähr 30 Infanterie- und 10 Kavalleriedivisionen zu­sammen. In Zukunft soll es nur noch Kader­truppen geben, womit eine Erhöhung der Kampf­kraft verbunden sein soll.

Die besondere Vorliebe der maßgebenden Männer gehört der Luftwaffe, die an Flugzeugen erster Linie 2500 bis 4000 Maschinen stark sein dürfte, zusammen gefaßt in etwa 70 Luftbrigaden, deren größere Zahl dem Heer und der Kriegsmarine zu­geteilt ist, während ein knappes Drittel, in 3 bis 4 Luftkorps vereinigt, die aus schweren Bombern, Jagdfliegern und Luft-Landungstruppen bestehende Luftarmee bildet, der von vornherein große strategische Aufgaben zu gedacht sind. Die Lustauf­rüstung bewegt sich nach wie vor in riesigen Um­fängen. Es soll-n jährlich 5000 Flugzeuge und die dreifache Zahl von Motoren hergestellt, dazu meh­rere zehntausend Piloten ausgebildet werden.

Die stärkste militärische Macht Sowjetrußlands ist in seinem W e st raum konzentriert, aber auch der Ferne Osten besitzt in seinerRoten Armee" eine gewaltige Kampfkraft. Der zwischen beiden liegende Mittelraum dürfte rein mili­tärisch wenig, als großes wehrwirtschaft­liches R ü st u n g s g e b i e t für die beiden an­deren Räume aber größte Bedeutung besitzen. Auch der Ausbau der Kriegsmarine wird mit allen

Mitteln angestrebt. Sie verfügt gegenwärtig über eine Gesamttonnage von 300 000 Tonnen; doch hofft man, in Kurze fast die doppelte Tonnage zu erreichen. Mit England hat die Sowjetunion einen Vertrag geschlossen, der die Größe der beiderseittgen Flotten genau wie früher zwischen Deutschland und England im Verhältnis 35:100 regelt. Doch ist die Flotte des Fernen Ostens hiervon ausge­nommen.

Sowjetrußland verfügt über außerordentlich reiche Naturschätze: Stein- und Braunkohle, Torf, Eisenerze, Rohöl, Mangan, Kupfer, Magnesit, Chrom, Wolfram Zink, Blei, Nickel, Zinn, Schwe­fel, Salpeter, Phosphat, Graphit, Asbest, Bauxit, Gold, Platin, Helium. Es gibt eigentlich nichts, was hier nicht im Schoß der Erde läge und darauf wartete, geschürft, geborgen und ausgewertet zu werden. Hinzukommen die reichen Wachs­tumsprodukte Getreide, Flachs, Hanf, Baurn- ukolle, Kautschuk, Holz, ungeheure Waldungen bedecken 45 v. H. der Gesamtfläche. 17 Millionen Pferde und 60 Millionen Rinder bilden den wesent­lichsten Teil des Viehbestände s. Die russische Erdölförderung ist von 11 651 000 Tonnen im Jahre 1927/28 auf 29 300 000 Tonnen irn Jahre 1938 gestiegen, aber die Erdölausfuhr ist feit 1932 vor allem infolge des Wettbewerbs der englischen und amerikanischen Trusts gesunken. Sogar Baumwolle hat Rußland (vor allem in Tur­kestan). Es erntete davon allein 1937 nicht weniger als 7,7 Millionen Doppelzentner. Die russischen Edel pelze sind weltbekannt. Die ganze Fülle dieser Naturschätze und Wachstumsprodukte wird in wachsendem Maße ausgebeutet und ausgewertet.

Es ist eine weitere besondere Gunst des Schick­sals, daß sich der landwirtschaftlich reichste Teil der Sowjetunion etwa mit den Gebieten deckt, die in sich die wesentlichsten und meisten Bodenschätze ber­gen. Entsprechend hat man auch den Ausbau der Industrie in raschem Tempo vorwärts ge­trieben und arbeitet mit der gleichen Energie an ihrem weiteren Ausbau. Wir finden sie in den wichtigsten Rohstoffgebieten und an großen Ener­gieerzeugungsstellen in sogenannten Kombi­naten, Verbindungen von Rohstoffgebieten mit Jndpstriewerken. Bei Leningrad, zwischen Moskau unterem Dnjepr und Don, zwischen Ural und Kasi-See und.in Westsibirien, erstrecken sich die be­deutendsten Industriegebiete der Union, d. h. in der Hauptsache in strategisch günstiger Lage im Innern des weiteren Reiches. Auch im Fer - nen Osten ist man mit aller Kraft bemüht, die Rüstungsindustrie immer leistungsfähiger zu ge­stalten.

Ein paar Zahlen mögen diese Bestrebungen ver­deutlichen. An Roheisen und Roh st ah l wur­den in den letzten Jahren durchschnittlich je 16 Mil­lionen Tonnen jährlich gefördert, Weiter sollen jährlich 200 000 Kraftfahrzeuge und 50 000

MmeiMder aus der Tannenberg-Schlacht.

In der Schlacht bei Tannenberg haben sich vor allem o st preußische Regimenter aus­gezeichnet. Sie hatten ihren Grund dazu, denn sie verteidigten ihre eigene Heimat. lieber die schweren Kämpfe bei Allendorf wird berichtet:

Der Angriff der Infanterie kommt wieder in Gang. Generalmajor Wilhelmi sprengt auf seinem weithin leuchtenden Schimmel nach vorn, um wie es das Exerzierreglement vorschreibt beim Sturm selbst vorn zu sein. Oberst Dorsch, begleitet von seinem Regimentsstab, mit dem Ge­wehr in der Hand, führt das I./151 selbst zum Sturm. Um 6.30 Uhr ist der Alle-Gr und, in dem die Leute bis über die Knie einsinken, durchschritten. Die Dioisionsreseroe, III./146, vom Generalleutnant von Staabs den kämpfenden Bataillonen nachgesandt, schiebt sich aus eigenem Antrieb zwischen das II./147 und die Jäger ein; der Regimentskommandeur, Oberst von Heyde- b re cf, führt das Bataillon zu Pferde persönlich im feindlichen Feuer vor bis zur Ziegelei südlich des Alle-Grundes. Unter Führung von Major Krebs, geht es weiter bis zur Straße Allendorf Orlau. Um 7.45 Uhr abends sind die russischen Stellungen südlich der Alle gestürmt. Dabei hat sich um die mit dem Andreaskreuz geschmückte Fahne des russischen Regiments von Diebitsch ein erbit­terter Kampf entspannen. Der Jäger A w e (3./Jg. 1) erbeutet die Stange, auch Mannschaften der Infanterie-Regimenter 147 und 151 wirken mit; das Fahnentuch fand man später an der Leiche eines russischen Offiziers.

146er, 147er, 151er, Jäger und Landwehr, im Vorwärtsstürmen durcheinandergekommen, stoßen dem weichenden Gegner nach; mit dem Gesang Deutschland, Deutschland über alles" geht es vor­wärts. Bis in die zusammengeschossene russische Batterie bringen Musketiere und Jäger vor; fünf Feldhaubitzen hat der Russe dort stehen lassen. Die 10./146 unter Hauptmann Heidenhain wendet sich von Westen gegen den Gutshof am Südende von Orlau; Feuer schlägt ihr entgegen. Vizefeld­webel Pallasch stürmt mit zwei Gruppen gegen das nächste Haus vor; Kolbenstöße zerschmettern die Tür, die Insassen ergeben sich, 25 Gefangene macht er mit feiner an Zahl viel schwächeren Ab­teilung. Da schallt durch das Kampfgetöse das Hornsignal:Das Ganze halt!" Von hinten ist durch vorgehende Unterstützungsttupps der Befehl gekommen, den Alle-Orund nicht zu überschreiten. Daher hat Oberleutnant d. R. Löwe von den Jägern das Signal blasen lassen; an anderen Stel­len wird es ausgenommen, die Verfolgung steht. Der erste Sieg ist errungen!Es braust ein Ruf wie Donnerhall", schallt es vom III./146 über das Kampffeld, und begeistert fallen die Nachbarn ein.

Ein aufgefangener ruffifcherFunkspruch

Inzwischen brachte der Morgen des 25. August eine angenehme Überraschung, die bisher in Nord­schleswig verwendete Landwehrdioision

Goltz sollte am 27. August in Ostpreußen ein­treffen. Man nahm in Aussicht, sie als Reserve hinter dem Stoßflügel, also hinter dem I. AK., zu verwenden. Dann aber kam noch vor der Abfahrt von Riesenburg ein wichtiger russischer Funkspruch zur Kenntnis des Oberbefehlshabers. Er enthielt einen Befehl Rennenkampfs, der leicht, fertigerweise unverziffert gefunkt worden war und als 'Vormarschziele der Njemen-Armee für den 26.August die Linie GerdauenAllenburgWehlau gab. Das war günstiger als man bisher angenom« men Hatte. Und nun, ein eigenartiger Glücksfall: nur wenige Stunden später hatten die Funken- ftation des AOK. unter Oberleutnant von Richt. Hofen sowie die Thorner Funkenstation auch einen vollständigen Befehl der Narew-Armee auf-

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gefangen. Er wurde auf der Fahrt zum l. AK. in Löbau von Oberstleutnant Hoffmann in Emp- fang genommen, der ihn aus seinem fahrenden Kraftwagen in den ebenfalls fahrenden Wagen des Oberbefehlshabers hinüberreichte.

So wurden unmittelbar vor Beginn der Schlacht Aufstellung und nächste Absichten des Feindes dem deutschen Führer bekannt. Seine Entschlüsse sind da­durch nicht mehr beeinflußt worden, wohl aber wurde die Zuversicht gehoben, denn es war jetzt klar, daß der Gegner die deutschen Absichten und die ihm drohende Gefahr bisher nicht erkannt hatte. Die Vormarschziele der Narew-Armee für den 25. August waren so kurz gesteckt, daß es beim XX. AK. an diesem Tage, vielleicht selbst am 26. August früh noch nicht zu entscheidendem Kampfe kommen mürbe.! Dann konnte der eigene Angriff planmäßig beginnen! Weiter aber konnte man hoffen, die Schlacht zu Ende zu führen, bevor Rennenkampf eingriff. Doch auf die aufgefangenen Funksprüche allein konnte man die Schlacht nicht aufbauen! Die Möglichkeit, daß der Gegner die Lage doch noch erkannte vielleicht inzwischen schon erkannt hatte und sich daher mehr beeilte, bestand nach wie vor und sollte nach altbewährtem Führungsgrundsatz, um sicher zu gehen, auch den eigenen Entschließungen zu Grunde gelegt bleiben. An der Festsetzung des Angriffs des I. AK. wurde nichts geändert; es blieb dabei: am 26. August früh auf Usdau!

Oer Krieg im eigenen Lande.

Ein Augenzeuge von damals, Major Bürkner, Kommandeur I./150, das am 29. August durch Hohenstein zog, berichtet: Furchtbar sah es

Traktoren erzeugt werden. Von 5000 Flug­zeuge n war schon die Rede, dreimal so hoch soll die Produktion der Flugzeugmotoren sein. Die Sowjetunion wäre durchaus imstande, wie ihr schier unerschöpflicher Reichtum an Naturschätzen und Wachstumsprodukten aller Art beweist, in einer Autarkie zu leben, da sie alles besitzt, wessen sie zum Leben und Kriegführen bedarf. Doch ist dies Ziel noch nicht erreicht.

An vier Meeren erstrecken sich d i e K ü st e n der Sowjetunion: Arktischer Ozean (Nördliches Eis­meer), Stiller Ozean, Schwarzes und Baltisches Meer, letztere beiden sind praktisch Binnenmeere. Mit Ausnahme des Schwarzen Meeres vereisen sie alle in den Wintermonaten (für das Arktische Meer muß die schmale Murmanküste an der finni­schen Grenze ausgenommen werden). Darin zeigt sich eine Ungunst d e r Verkehrsverhält­nisse, die jedoch zum Teil aufgehoben wird durch die riesigen Flüsse, die den asiatischen wie den europäischen Teil der Sowjetunion durchströmen und im Zusammenhang mit dem ebenen weit- flächigen Land eine intensive Binnenschisfahrt er­möglichen, deren Leistungsfähigkeit gefördert wird durch zahlreiche Kanalbauten. Gewiß ist auch viel geschehen zur Förderung des Verkehrs, durch Aus­bau des Straßennetzes und der Luft­verb indungen. Aber bei den ungeheuren Aus­dehnungen des Reiches wird es mindestens noch

sehr lange dauern, bis der Zustand erreicht fein dürfte, den man hier auch erstrebt: erkennbar ist ganz zweifellos ein großer Aufschwung im See- und Binnenschiffahrtsverkehr, wie sich auch der Luftverkehr weitgehend entwickelt hat. Die Länge des Flugnetzes soll 46 000 Kilometer betragen, worauf man Wert darauf gelegt hat, vor allem jene Räume zu erfassen, die durch andere Verkehrs­mittel schwer erreichbar sind. Das gilt besonders für das nördliche und nordöstliche Sibirien wie für bas afghanische Grenzgebiet und die äußere Mon­golei.

Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß die ge­samte Wehrkraft der Sowjetunion auf allen ihren Gebieten: Wehrmacht, Wirtschaft und Verkehr, die gleichen gewaltigen Ausmaße anstrebt. Menschen als Waffenträger ,roie als Industriearbeiter, M a schinen, Natur- und Bodenschätze schei­nen schier unerschöpflich zu sein. Selbst wenn man die verschiedenen Hemmungen berücksichtigt, die vielleicht im Augenblick noch einem restlosen Einsatz aller dieser Möglichkeiten entgegenstehen, bleibt doch die Tatsache unbestreitbar, daß der Fortfall Sow­jetrußlands aus der Kalkulation der Einkreiser so groß ist, daß dadurch die Gesamtidee der Ein­kreisung, nämlich die Schaffung einer zahlen­mäßig überlegenen Front gegen b i e Achse in sich zusammengefallen ist.

dahinter auf. Aus den Palasthallen Palermos, aus den Drang en gärten des Südens erschien er im Jahre 1218 am Neckar, um sich hoch üoer dem Fluß bei Wimpfen eine Burg erbauen zu lassen. Es waren nicht die Bauleute, die seinem Großvater (Friedrich Barbarossa) den byzantinischen Prunk in die Waidgefilde zwischen Vogelsberg und Spessart zauberten; in Wimpfen baute man nordischer, die Arkaden und die kleinen kurzstämmigen Säulen erinnern nur äußerlich an Gelnhausen, an Stelle der zartgliedrigen Türmchen errichtete man hier zwei Turmkolo'sse, die aus dem felsigen Berg her­auswachsen und sich wie steinerne Pfähle breit in den Himmel bohren. Zwei Jahrhunderte etwa sah die Hohenstaufenpfalz kaiserlichen Pomp, dann kam der Verfall, und heute stehen nur noch die beiden trotzigen Türme, Mauerreste mit Arkadenöffnungen und, eine Häusereihe tiefer am Berg, ein hoch und schmal gespanntes gotisches Tor, gebieterisch wie in alter Zeit.

., Die schwersten Tage brachen mit dem Dreißig­jährigen Kriege über Wimpfen herein, derdun­kelste Tag" war der 6. Mai 1622, da der Feldherr Tilly in der Neckarebene vor den Mauern der Stadt eine Schlacht gegen den Markgrafen von Baden gewann. Da stürmten Horden von Landsknechten mit blutigen Partisanen gegeneinander los in Wimpfen am Berg und in Wimpfen am Tal. Diese wirre Zeit brachte der Stadt viele harte Prüfun­gen; schließlich zählte die Bevölkerung noch 37 Köpfe. In manchen alten Baudenkmälern scheint das tragische Schicksal dieser Neckarstadt in besinn­lichen Stunden nachzuklingen.

Doch immer wieder raffte sich der Bürgerfleiß auf, um das Zerstörte zu erneuern, das Verlorene $u ersetzen; eine leise Trauer aber blieb über der alten Stadt und lastete über ihrem Aufblühen wie eine unmerkliche Hemmung, der Chronist nannte sie eineberedte und ebenso beseligende Wehmut".

Erst in den letzten Jahrzehnten nahm die Stadt neuen Aufschwung als Kurort, seine Saline ist weithin berühmt. Die Zeugen glänzender Ver­gangenheit wurden erneuert und manche unter ihnen mit einem Hinweis versehen, überall winken Erinnerungen; Tore, Gesimse, Fenster, Erker, Mauern erzählen stummberedt von dem vergessenen Einst; packend wirkt der ungewöhnlich breit ange­legte Kreuzgang im Tal, umbrandet von sommer- sichern Grün. Ganz nahe kommt man dem Wesen

Wimpfen am Mar.

Von Hans Sturm.

Phantastisch wie ein vielmastiges Schiff, das groß und lang übers Meer dahinsteuert, erscheint dem Wanderer die auf scharfem, langem Berggrat gelegene (bis zum Jahre J802) freie Reichsstadt Wimpfen am Berg mit ihren vielen Türmen und Zinnen", schrieb einst ein begeisterter Chronist über den vielgenannten, aber wenig bekannten Neckarort. Er lebt, wie so manche andere deutsche Stadt, von seiner ruhmvollen Vergangenheit, die bis in die ersten Jahrhunderte nach der Zeitwende zurückreicht.

Damals saßen römische Legionäre auf den Neckar­hügeln und gaben der um ihr Kastell aufblühenden Siedlung den Namen .Cornelia'. Später kam die Stadt unter den Krummstab der Bischöfe von Worms, die sie ausbauen und befestigen ließen. Heute noch erinnert das auf dem Adlerbrunnen an­gebrachte Wappentier, das einen Schlüssel im Schnabel trägt, an die Zugehörigkeit der Stadt zu Worms. An das älteste Wimpfen mahnt die alte Klostergasse, die zum Löwenbrunnen führt; dem wohl ältesten Hause gegenüber liegt die Stiftskirche, die in den Jahren 1259 bis etwa 1280 erbaut wurde, und zwar von einem Meister, dessen Name verschollen ist, von dem wir nur wissen, daß eraus Welschland" kam und die Gotik mitbrachte. Wegen Mangel an Mitteln blieb die bauliche Ausführung dieses Gotteshauses, vor allem der Türme, einfach, das Portal der Querschiffseite jedoch zeigt reichen bildnerischen Schmuck, wie man ihn nur an den bekanntesten kirchlichen Bauten dieser Zeit antrifft. Selten sieht man an Kirchen so viele lächelnde, fröhliche Heilige wie hier; der unbekannte Meister ist alles andere als ein Griesgram gewesen und wird sich von der schönen Lage des Ortes und von dem in seinen stillen Schenken kredenzten Wein haben anregen lassen. Es muß eine geruhsame Zeit gewesen sein damals über Wimpfen im Tal

Von dem unteren Stadtteil führt ein grüner, um­blühter Weg hinauf zu dem oberen, Wimpfen am Berg. Zwei Türme, derrote" und derblaue", ragen in den Himmel wie Schemen vergangener Tage, wie Schatten der Hohenstaufenzeit. Das mar­morblasse Antlitz Friedrichs II., des Siziliers, wächst

dieser Stadt zur Stunde, wenn das Licht dem Abend weicht. Das Leuchten über dem mittelalter­lichen Dächergewirr verblaßt, blaubleiche und rauch- graue Schatten gleiten an den Giebeln abwärts, hier und da perlt ein letztes Glitzern über ein Fenster, dann sinkt das Leuchten der Firste ins Fahle, Schatten breiten sich aus und hüllen alles ein, bis der aufgehende Mond den Geist der rätsel- reichen Häuser und Türme zu einem seltsamen Scheinleben weckt.

Oie Wolke.

Von Hermann Hesse.

Ein quirlender Luftwirbel hatte den Rest der Gewitterwolken vertrieben; auf dem beruhigten Meere glühte die Mittagssonne klar und heiß. Nur eine einzige Wolkenbank war ba geb lieben. Von ihr löste sich aufwärtssteigend ein zarter weißer Schleier, und dieser weiße Dunstschleier hing, als die ganze hellgraue Wolkenwand verraucht und verflogen war, allein mitten im tiefblau glänzen­den Himmel. Flockig und zerblasen trieb sie empor und langsam nordwärts, und im langsamen Dahin - treiben sammelte sie ihre wehenden Enden und Spitzen, gewann Umriß und Wölbung, nahm an Weiße und Klarheit zu und erfreute das Auge des Schiffers, der eilig ein durchnäßtes braunes Drei­ecksegel wieder aufzog.

Wer sie so leuchtend, einsam und ruhig durch die große Bläue gleiten sah, dem erschien sie wie ein von einer fernen Frauenstimme gesungenes Lied.

Und die Wolke sang wirklich: sie sang und flog, war Sängerin und Lied zugleich. Nur. die großen Meervögel und nur der salzige Seewind konnten ihr Lied verstehen. Vielleicht wäre es auch von einem Dichter verstanden worden, der sie nahe genug erblickt hätte, vom äußersten Leuchtturm von Livorno aus oder von den Höhen der Insel Korsika. Es war aber kein Dichter da. Und wäre einer gekommen, er hätte Mühe gehabt, das Lied der Wolke in unsere Sprache zu übersetzen.

Langsam segelte die schöne weiße Wolke über die Buchten von Spezia und von Sestri und über die graugclben Strand seifen von Rapallo hinweg. Sie sah schwarze Schiffe über den Horizont hinaus

ins Bodenlose gleiten, wie Tropfen, die vom Rund einer Domkuppel triefen. Sie sah braune Fischer in dunklen Barken mit roten und gelben Segeln führen. Sie sah die Sonne über Frankreich glühend sich neigen. Und sie sang und träumte vom Abend, vom scharlachroten Abend, von der Stunde der Glut des Schweigens'und der Liebe.

O Sonne, o goldene Sonne?

Sie sang immer dasselbe Lied vom blauen Meer, von der Sonne, von ihrer Liebe, von ihrer Schönheit und vom Abend, vom glühenden, ftrrbü gen, schwelgerischen.

Genua stieg empor, die helle, steile Stadt am runden Golf, und hinter Genua der Festungskranz und dahinter die Hügel und das weite, weite hell­grüne Land, und ganz am äußersten Rande weiß, kühl und fremd der Zug der Alpen. Die Wolke schauerte und suchte langsamer zu schweben. Was sollte sie dort, die warme, schöne, vom Meer ae- borene, was sollte sie dort bei den kühlen, kahlen Höhen des Nordens?

O Sonne, Sonne, liebst du mich?"

Ein Läuten drang aus der großen Hafenstatt herauf, das Abendgeläute von Santo Stefano. N östlichen Berge wurden klar und nah, über den bläulichen französischen Hügeln neigte die Sann« zum Untergänge.

Die Sonne! Sie brannte tief scharlachfarben und streute eine wunderbare, traurige Schönheit über die Erde, und das Meer wurde rotgolden und lila

Da traf der dunkelglühende Blick der Sonne die sehnsüchtige Wolke. In heißen Schauern brannte ihr weißes Gefieder auf, so rot, daß sie über den Genueser Hügeln wie eine lodernde Fackel hing-

Das Meer verglühte und die Erde wurde grau, auch auf die Kuppeln der Kirchen und auf JJt Festungswerke und Alleen der Hügel stieg Dy Dämmerung. Darüber aber brannte hellrot DW einsame Wolke fort, schöner als alle Dinge, die aus der Erde, im Meer und in den Lüften sind.

Sie wurde rosafarbig, sie wurde lilablau, lie wurde violett.

Dann wurde sie grau und wurde unsichtbar- Niemand konnte mehr sehen wie sie beim zagen Scheine der frühesten Sterne schnell und schnelle flog, über Novi, Pavia und Mailand hinweg' gegen die kühlen, fremden, weißen Berge oes Nordens.