Ausgabe 
26.6.1939
 
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Aus der engeren Heimat.

Mütterdienst - Gesundheitsdienst.

HL.'Heim-GrundsteinlegunginBeuern

CV) Beuern, 26. Juni. Gestern vormittag wurde hier in feierlicher Weise der Grundstein zu dem neuen HJ.-Heim gelegt. Oberhalb der Wohnung des Bürgermeisters, aus dem Ziegelberg, auf dem der Neubau ersteht, waren die HI. und alle an­deren Formationen der Bewegung angetreten. Auch sehr viele Ortseinwohner in ihrem Sonntagsschmuck fanden sich ein. Die Feier wurde mit Musik und einem Vorspruch eingeleitet. Nachdem Ortsgruppen­leiter Zimmer (Bersrod) die Feierstunde eröffnet hatte, sprach Bürgermeister Fuhr. Er betonte, daß nun ein langgehegter Wunsch in Erfüllung gehe. Nachdem Sportplätze und ein Schwimmbad für die Jugend errichtet worden feien, solle jetzt auch das HJ.-Heim erbaut werde. Der Führer des Iung- bannes 116, Sigurd Taesler, dankte zunächst dem Kreisleiter Backhaus, durch dessen Hilfe eine Anzahl HI.-Heime in diesem Jahr in Angriff benommen worden sei und dann auch der Gemeinde für den so schönen Platz.

Hierauf hielt der Kreisleiter eine längere Rede. Er sagte, daß es eine Freuds sei, von dieser Stelle aus einen Blick,in das schöne oberhessische Land zu tun, und betonte, daß er sich besonders^freue, daß für Beuern dieser Zeitpunkt der Grundstein­legung gekommen sei. Der Kreisleiter beantwortete dann die Frage, weshalb HI.-Heime gebaut werden und sagte dabei auch, daß der Deutsche nicht genug geschult werden könne, damit niemals wieder ein 9. November 1918 eintrete. Der Führer habe die Parteien beseitigt und dafür gesorgt, daß die Ju­gend wachgehalten werde, damit es nie mehr mög­lich wird, das Volk zu veruneinigen. Zum Schluß seiner Ansprache sprach der Kreisleiter dem Orts­gruppenleiter und dem Bürgermeister seinen 2)eint aus. In der Urkunde, die in den Grundstein gelegt wurde, heißt es u. a.:Wir geben diesem Haus die Bestimmung, Werkzeug zu sein in der Erziehung unserer Dorfjugend zu endloser Treue und Liebe zum Führer." Die Urkunde wurde in eine Kassette gebracht, die von zwei Hitlerjungen, die den Maurerberuf lernen, eingemauert wurden. Mit dem

Lied der Hitler-Jugend und dem Treuegelöbnis zum Führer fand die Feier ihr Ende.

Die Pläne für das HJ.-Heim stammen von dem Architekten Wagner aus Wiesbaden, die Bau­ausführung wird von Architekt W. Dubais, Lam­pertheim, überwacht.

Schwerer Verkehrsunfall bei Lumda.

Grünberg, 26. Juni. Gestern abend gegen 19.30 Uhr ereignete sich auf der Straße zwilchen Grünberg und Londorf innerhalb der Gemarkung Lumda unweit der Reichsautobahn ein schwerer Berkehrsunfall. Ein Personenkraftwagen, von Frau Christine Schneider aus Friedberg gesteuert, geriet plötzlich von der Fahrbahn ab und fuhr mit großer Wucht gegen einen Baum. Wie die Ermittlungen ergaben, hatte die Lenkerin wäh­rend der Fahrt den Kopf gewandt und war dabei von der Fahrbahn abgekommen.

Sämtliche Insassen, drei Frauen und ein Mann, sämtlich aus Friedberg, wurden schwer verletzt. Der 45jähriae Reservelokomotivführer Wilhelm Dörr erlitt einen Schädelbasisbruch und eine schwere Ge­hirnerschütterung. Seine 32jährige Ehefrau Elisa­beth kam mit einer Gehirnerschütterung davon. Die 56 Jahre alte Witwe Schmidt erlitt einen Schädelbruch, und die. Lenkerin des Kraftwagens zog sich bei dem heftigen Anprall ebenfalls einen Schädelbruch zu. Die Verunglückten liegen schwer darnieder. Das fünfjährige Söhnchen des Wilhelm Dörr erlitt einige Hautabschürfungen.

Die Verunglückten mußten durch die Sanitäts­bereitschaft vom Deutschen Röten Kreuz in Gießen in die Chirurgische Klinik nach Gießen gebracht werden. Die notwendigen behördlichen Ermittlungen sind im Gange.

Dillkreis.

* Frankenbach, 24. Juni. In unserem Orte kam es zu einem heftigen Streit zwischen einem alten Mann und dessen Schwiegersohn. Im Verlauf der Auseinandersetzung griff der junge Mann zu einer Mistgabel und schlug auf seinen Gegner ein, bis er schwerverletzt liegen blieb.

Don der Tischgemeinschast.

Daß die Mutter zu guten und gesunden -Sitten erzieht, ist für die Kinder und pa*; Familienleben von großer Wichtigkeit: denn Essen ist nicht nur eine Angelegenheit des Körpers, son­dern auch der Seele. Die Tischzeiten r e g e l m a - ß i g einzuhalten, ist für die Gesundheit wichtig. Deshalb soll man schon im Säuglingsalter mit der Erziehung dazu beginnen. Es ist darum gut, außerhalb der regelmäßigen Mahlzeiten den Kin­dern nichts zu essen zu geben. Auch keine Bon­bons und keine Schokolade: denn diese enthalten Zucker. Das ist ein Nahrungsmittel und nimmt den Appettt weg. Erziehe durch Dein Beispiel zum langsamen Essen und guten Kauen. Das er­leichtert die Verdauung und fördert die gute Aus­nutzung der Nährstoffe für den Körper. Eure Kau­arbeit erhält die Zähne gesund. Natürlich grifft dies nicht zu bei sehr kalten oder sehr heißen Spei­sen. Diese schädigen die Zähne, die Speiseröhre und den Magen. Wenn die Tischzeit naht, soll die Mutter mit ihrer Arbeit fertig sein. Ohne die Mutter am Tisch schmeckt es nicht. Schön ist es, wenn der Tisch, zwar einfach, doch forgfälttg und mit Liebe.gedeckt ist. Denn auch das Auge ißt mit. Und es soll eine feste Regel sein, daß man bei Tisch Gespräche über ärgerliche und aufregende Sachen vermeidet. Aerger stört den Appettt.

Don der Verdauung.

Eine gute Verdauung sorgt für richtigen Umsatz und Auswertung aller Nahrungs- st o f f e. Wenn Hitz Verdauung länger nicht in Ordnung ist, können daraus unangenehme Krank­heiten entt'tehen: Stoffwechselstörungen, Rheuma, Migräne usw. Man soll dann lieber zum Arzt gehen. Handelt es sich jedoch nur um eine leichte Störung, dann soll man nicht sogleich zu Pillen greifen oder starkreizende Tees trinken. Solche künstlichen Mittel helfen wohl im Augenblick. Aber auf die Dauer können sie den Darm schä­digen: sie unterstützen ihn geradezu in seiner Träg­heit. Es rft in solchen Fällen notwendig, die Ur­sachen festzustellen, für mehr Bewegung zu sorgen

und die Ernährung umzustellen. Diel Obst und Gemüse essen. Bet gelegentlicher Verstopfung sind einige bekannte Hausmittel ganz gut. Man soll dann z. B. morgens nüchtern oder auch abends einige Backpflaumen oder Feigen essen, die über Nacht eingeweicht wurden. Diel saure Milch ist gut, grobes Brot, rohe, geriebene Möhren mit Aepfeln. '

Sieht man's an den Augen?

Vielfach treiben sich Hellkundige im Land herum, die alles an den Augen sehen wollen. Sie schauen einen Menschen an und sagen ihm, welche Krank­heit er hat. Nun gibt es eine solche Kunst der Krankheitsfeststellung. Gute Aerzte wissen davon. Es gibt aber auch auf diesem Gebiet viel Schwin­del: z. B. wurde neulich in der Gegend von Aachen ein solcher .Augendiagnostiker sestgenommen. Er tat nur so, als ob er etwas wüßte. Er redete den Leuten Krankheiten ein, um seine Hellpräparate verkaufen zu können. Dafür nahm er vorher das Geld ziemlich viel so-gar und schickte die Präparate nicht ein. Er hat ein Jahr Gefängnis bekommen.

Aufpaffen mit Giftstoffen!

Dor kurzem hat mir Christa eine kleine Ampulle gestohlen, die mit Benzin gefüllt war. Ich brauchte sie, um mein Feuerzeug wieder aufzufrischen. Die Sache wäre beinahe gefährlich geworden. Ich be­schloß daraus, mein Feuerzeug wegzuwerfen. Das war sicher eine übertriebene Vorsicht. Aber es ist besser, vorsichtig zu sein, als hinterher den Schaden zu fühlen. In Ustrup bei Flensburg z. B. verun­glückte vor kurzem ein zweijähriges Kind. Es hatte in der elterlichen Wohnung ein kleines Röhrchen gefunden, mit dem man schön spielen konnte. Da drin waren Tabletten: Azetylsalicylsäure. Das Kind hatte naturgemäß keine Ahnung, was Gift ist und was die moderne chemische Industrie alles herstellt. Es nahm die Tabletten ein, so wie das die Großen auch tun. Hilfe war zu spät, und das arme Kind hatte sich vergiftet. *r.

65 Ähre Krieger-Kameradschast Großen-Linden

< Großen-Linden, 25.Juni. Die Feier des Jubiläums des 65jährigen Bestehens der hiesi­gen Kriegerkameradschaft im NS.-Reichskriegerbund hatte sehr viele Gäste nach Großen-Linden gebracht. Mit der Bahn, mit Kraftwagen und Omnibussen trafen die Gäste ein. Zahlreich waren die Kamera­den aus Gießen vertreten. Die Kameradschaft ehem. Hess. Leibdragoner hatte eine Abteilung zu Pferd in Friedensuniform gestellt. Auch Gießener SA.- Reiter waren zur Stelle. In der Bahnhofstraße nahm der

Festzug

Aufstellung. Zwei Kameraden in der Uniform der früheren Husaren, eröffneten den Festzug. Es folg­ten dann die Leibdragoner, die SA.-Reiter, der Turn- und Gesangverein des Ortes, der Fahnen­block, das Musikkorps des JR. 36 aus Butzbach und hierauf die Kameradschaften. Kreisleiter Back­haus, der mit Kreiskriegerführer Dr. Mon- nard, Gießen, erschienen war, schritt die Front der Kameradschaften ab und begrüßte die alten Ka­meraden. In seiner Begleitung befanden sich der Ortsgruppenleiter, ^-Oberscharführer Watz, Bür­germeister Michel und der Kreisausbilder der Partei, Hauptmann d. R. Rektor Siegfried. Nachdem der Kreisleiter die Fronten abgeschritten hatte, setzte sich der Festzug durch die Straßen des Ortes, die von Zuschauern dicht gesäumt waren, in Bewegung. Am Kriegerehrenmal fand eine Kranz­niederlegung für die gefallenen und verstor­benen Kameraden statt. Don hier aus bewegte sich der Zug zum Festplatz vor der Schule. Zu der

Kundgebung

hatten die Fahnen den hohen Treppenaufgang flan­kiert. Zu beiden Seiten hatten die Reiter Aufstel­

lung genommen. Der Führer der Kameradschaft, Pasttnspektor P o st, in der Friedensuniform eines Oberleutnants begrüßte die Gäste und sprach beson­ders dem Kreisleiter Backhaus seinen und seiner Kameraden besonderen Dank für die Ehre seines Erscheinens aus. Dem Bürgermeister Michel dankte er für die verständnisvolle Förderung der Kamerad­schaft und dieser Festveranstaltung.

Bürgermeister Michel entbot allen alten Sol­daten und allen Gästen den Willkommensgruh Großen-Lindens. Er führte aus, daß dieses Bild der zusammenstehenden alten Soldaten des Krieges und derjenigen der jungen Wehrmacht kennzeichnend für die Kameradschaft sei, die heute unser Volk um­schließe. Bürgermeister Michel wünschte der Fest­veranstaltung einen schönen Verlauf. Sei besonderer Gruß galt Kreisleiter Backhaus.

Nachdem der GesangvereinGermania" unter der Leitung von Ehrenchormeister Blaß (Gießen) ein fröhliches Soldatenlied vorgetragen hatte, sprach

Kreiskriegerführer Or. Monnard

der Kriegerkameradschaft zu ihrem 65jährigen Be­stehen die besten Glückwünsche aus. Er kennzeichnete die Etappen der Entwickelung des deutschen Volkes bis zu dem Augenblick, in dem der Führer die Macht übernahm und auch dem Soldaten seine Ehre wieder gab.

Der Kreiskriegerführer würdigte die Arbeit der Kriegerkameradschaft, die einstmals von Vaterlands- treuen Männern gegründet wurde und durch den Wandel der Zeiten ein stets reges kameradschaft­liches Leben entfallet hat. Sein Dank galt allen Kameraden, die sich in den Dienst der Sache gestellt haben und die der Kameradschaft die Treue be­wahrten. Der.Kreiskriegersührer gedachte des lang­

jährigen früheren Kameradschaftsführer Lang und würdigte die Arbeit des jetzigen seit etwa zwanzig Jahren an der Führung befindlichen Kameraü- schaftsführers Post, dem er für seine besonderen Verdienste das Ehrenkreuz H. Klasse überreichte.

Außerdem wurden einige ältere Kameraden aus­gezeichnet. Kamerad Dr. Monnard appellierte an den Frontgeist und an den Geist der Kamerad­schaft. Mit Stolz verwies er auf die starke Wehr­macht. Sein Gruß galt dem Führer.

Kreisleiter Backhaus

begrüßte die Kameraden- des NS.-Reichs kvisgsr- bundes und beglückwünschte die Kameradschaft Großen-Linden zu ihrem Jubiläum. Wir alten Sol­daten wissen, so führte der Kreisleiter aus, daß keine Kameradschaft so stark ist und sich so aus­wirkt, wie die der gedienten Soldaten. Diese Kame­radschaft hat sich an der Front besonders bewährt, so daß es für die alten Soldaten eine große Freude ist, wenn sie sich wieder treffen und von ihren guten und schweren Tagen erzählen können, die sie miteinander verlebt haben. Der Kreisleiter er­innerte auch daran, daß in jener Zeit des Kampfes das Verhältnis unter den Parteigenossen dem der alten Soldaten des Weltkriegs glich.

In seinen weiteren Ausführungen sprach dann der Kreisleiter von seiner Teilnahme an einer großen militärischen Hebung am Samstag, zu der ihn der Kommandeur des Infanterie-Regiments 116, Oberst Herrlein, eingeladen hatte, und gab seiner Freude Ausdruck, jetzt unter den alten Soldaten weilen zu können. Er stellte fest, daß die jungen Soldaten sich ebenbürtig an die Seite der alten stellen können und sprach die Zuversicht aus, daß diese Sicherheit eine Beruhigung für das ganze Volk bedeute.

Die Worte des Kreisleiters, daß ein ß. November 1918 niemals wiederkehren dürfe, fanden ein starkes

Echo. Wenn wir das nicht wollen, so führte er weiter aus, dann haben wir als alte Soldaten die Pflicht, wachsam zu sein. Es ist notwendig, daß der Führer eine Organisation geschaffen hat, die Partei, die das deutsche Volk politisch erzieht. In dieser Frage der Erziehung darf es keine Kompro­misse geben.

Kreisleiter Backhaus ermahnte die alten Soldaten, auch in Zukunft stets ihre Pflicht zu er­füllen, denn in erster Linie kommt es auf den guten Willen und den Geist der Truppe an, durch die die alten Soldaten heute noch vorbildlich wir­ken fönnen.

Nach dem Treugelöbnis zum Führer entwickelte sich ein buntes Leben auf dem Festplatz, auf dem für Unterhaltung reichlich gesorgt war. Die Drago­ner ritten eine Quadrille und auch der Radfahrer- verein und die Gesangvereine erfreuten durch Jbre Dabietungen.

Büchertisch.

Der Dolks-Brockhaus. Deutsches Sach- und Sprachwörterbuch für Schule und Haus. Mit etwa 3500 Abbildungen und Karten im Text und auf 71 einfarbigen und bunten Tafel- und Karten­seiten, sowie 35 Uebersichten und Zeittafeln. 7., ver­besserte Auflage. AZ. Ganzleinen 5 RM. F. A. Brockhaus, Leipzig 1939. (29) Die Ereignisse des vergangenen Jahres wurden erstmalig im lau­fenden Abc berücksichtigt. Das Buch ist nicht nur ein vollständiges Konversationslexikon von A bis Z, sondern vereinigt damit ein Fremdwörterbuch, eine deutsche Rechtschreibung, eine deutsche Sprach- lehre, einen reichen Bilderschah, sowie einen Atlas mit bunten Karten. In zweifelhaften Fällen finden sich Angaben über Betonung und Aussvrache, über Geschlecht und Beugung. Zahlreich sind Die Hinweise auf Wortabstimmung und Wortbildung.

Das Münster.

Don Walther Schwerdtfeger.

Dor 500 Jahren fand mit der Vollendung des großen Turmes der Bau des Straß- ' burger Münsters feinen Abschluß.

Das Werk der Straßburger Kirche steigt wie Maienblüten mit mannigfaltigem Schmuck zur Höhe, lockt mehr und mehr oie Augen der Beschauer und umspielt sie mit süßen Freuden..." so schrieb in mittelalterlichem Latein der Bischof Konrad von Lichtenberg, als er Anno 1275 mit Ablaßbriefen um Geld für den Weiterbau des Münsters warb. Der gewaltige Bau, welcher an der Stelle der von großen Bränden heimgesuchten alten romanischen Bischofskirche entstand, war nach hundertjähriger Arbeit ins Stocken geraten. Nun sollte das Werk einen neuen Aufschwung nehmen. Wenige Jahre nach diesen Ablaßbriefen ist der Vertrag datiert, in welchem zum ersten Mal der Name eines Mei- st e r s Erwin als magisier operis erwähnt wird. Das ist jenerErwin von Steinbach", den Goethe und die ganze Romantik als eigentlichen Schöpfer des Straßburger Münsters gefeiert haben. Dor dem Wunderwerk dieser Fassade offenbarte fick dem jun­gen Rechtsstudenten die verinnerlichte Schönheit der Gottk: ja, sie wurde ihm zum Inbegriff des Deutsch­tums überhaupt:Da ich nun an alter deutscher Stätte dieses Gebäude gegründet und in echter deut­scher Zeit so.weit gediehen fand, auch der Name des Meisters auf dem bescheidenen Grabstein gleich­falls vaterländischen Klanges und Ursprungs war, so wagte ich, die bisher verrufene Benennunggo­tische Bauart", aufgefordert durch den Wert dieses Kunstwerks, abzuändern und sie als Deutsche Bau­kunst" unserer Nation zu vindizieren."

Don Meister Erwin, der nach dem von Goethe erwähnten Grabstein im Leichhösl des Münsters 1318 den Tod fand, ist wahrscheinlich der sogenannte Riß B im Frauenhaus, wo die Münsterbaumeister ihren Amtssitz hatten. Erinnert der ältere Plan an die Süvfassade von Notre Dame de Paris, so sind hier alle Vorbilder aufgegeben. Alle Linien drangen nach oben. Selbst die Waagerechten, von den steilen Schrägen der Wimpergen durchbrochen, scheinen emporgetragen. Portale und Fenster laufen schmaler geworden in ihre Spitzbogen aus. Und vor der Fassade ragt, einzigartig in der Bau­geschichte der gotischen Dome, ein feingegliedertes Stabwerk, in dem alle Schwere des Steins über­wunden ist, wie die Saitenbespannung eines Instru­mentes. Bis. zur Mitte der herrlichen Rose über dem

Hauptportal schießen spitze Fialen auf. Die ganze Fassade wird zu einer gewaltigen Harfe Gottes. Die beiden Türme verjüngen sich über dem dritten Ge­schoß zu Achtecken, aus denen die schlanken Krö­nungen aufsteigen und in der Unendlichkeit des Raumes aufgehen.

Dieser schönste aller deutschen Dome steht nur auf einem uralten Pergamentblatt. Die Nachfolger Mei, ster Erwins haben den einzigartigen Entwurf, dessen Ausführung bis zum Abschluß des unteren Ge­schosses gediehen war, vereinfacht und vergrößert. Und dennoch verdankt dieser Fassade das Straß­burger Münster seinen Ruhm, galt der Meister der Straßburger Bauhütte wegen dieser Leistung als der Ordnungen des Mauerwerkes oberster Richter". W i m p h e l i n g nannte den Dom das achte Welt­wunder, und der Herzog von Mailand bat den Rat der Stadt Straßburg, ihm einen Baumeister zu überlassen für die Vollendung der Kuppel an dem weihen Marmorbau seines Domes.

Ulrich von Ensingen, der Dombauer von Ulm, begann die Errichtung des Nordseitenturmes, der, nachdem man die Symmetrie des Erwinschen Planes aufgeben mußte, der einzige bleiben sollte. Das Schicksal vergönnte es ihm nicht, auch nur einetz der herrlichen Türme vollendet zu sehen, die er be» gönnen hatte: weder den zu Ulm. noch den der- linger Liebfrauenkirche und des Straßburger Mün­sters. Er starb über feiner Arbeit. Sein Nachfolger wurde Johannes Hültz aus Köln, der für den Turmhelm die eigenartige, reizvolle Stufenpyramide entwarf und den Turm 1439 vollendete.

Die folgenden Jahrhunderte brachten dem Mün­ster nur geringe bauliche Veränderungen, wenn auch wie bei allen alten Kathedralen die Ge­rüste nie gänzlich verschwanden. Ständig ist das zierliche Maß- und Strebewerk von den Witterungs­einflüssen bedroht. Erst 1925 wurden die umfang­reichen WiederhersteUungsarbeiten beendet, die durch Verfaulen der Pfeilerverstärkungen in den Funda­menten notwendig geworden waren. Die größte Gefahr für das Münster erwuchs aber in der fran­zösischen Revolution. 1793 wurde es zumTempel der Vernunft" erklärt und ein Altar mit der viel­brüstigen Göttin darin aufgestellt. Ein Erlaß des savoyardischen Maire von Straßburg bewirkte, daß die herrlichen Statuen der Kirche alsRepräsentan­ten der alten Mächte" zu zerschlagen seien. 235 Bild­werke sind diesem kulturschänderifchen Sturme zum Opfer gefallen. Eine Anzahl versteckte ein mutiger deutscher Universitätsprofessor im botanischen Gar. ten. Die Märien-Darstellungen der Südfassade ret­tete er, indem er sie hinter großen Tafeln verbarg mit der RevoluttonsdeviseFreiheit, Gleichheit,

Brüderlichkeit". Der wahnwitzige Antrag des Maire, den Turm abzureißen,wegen Beleidigung der de­mokratischen Gleichheit" wurde zum Glück nicht genehmigt.

So ragt denn dieses Wunderwerk menschlicher Schöpferkraft, von zahllosen Geschlechtern in Jahr­hunderten geschaffen, noch heute über die Dächer empor, ein ungeheurer Springbrunnen von Fels- massen. wie Ti eck feinen Sternbald beim Anblick des Münsters sagen läßt,der sich ewig und ewig ergießt, und wie mit der Stimme des Donners An­betung vor Erwin, vor uns selbst in unsere sterb­lichen Gebeine hineinpredigt".

Hochschulnachrichten.

Professor Dr. med. Benninghoff, Ordina­rius für Anatomie an der Universität Kiel, wurde von her Heidelberger Akademie der Wissen­schaften zum korr. Mitglied der Mathematisch- Naturwissenschaftlichen Klasse ernannt. Benning- Hoffs Ernennung zum Ordinarius in Kiel erfolgte 1927. Seit 1921 ist der Gelehrte Mitglied der Ge­sellschaft zur Beförderung der gesamten Natur­wissenschaften in Marburg.

Professor Dr. Theodor Bahlen, der Präsident der Preußischen Akademie für Wissenschaften, voll­endet am 30. Juni fein 7 0. Lebensjahr. Der bekannte Mathematiker wirkte als ao., später als o. Professor 23 Jahre an der Universität Greifs, w a l d. In diese Zeit fallen seine Arbeiten aus Al­gebra, Zahlentheorie und Geometrie. Er wandte sich in der Nachkriegszeit der angewandten Mathe- mattk zu und hat auf verschiedenen Gebieten, wie vor allem der Ballistik und der Navigation, eine Reihe hervorragender Arbeiten geliefert.

Wegen Erreichung der Altersgrenze wurden von den amtlichen Verpflichtungen entbunden: der Ordi­narius der Philosophie an der Universität Wien Professor Dr. Robert R e i n i n g e r ; ber Ordinarius für Musikwissenschaft an der Universität Wien Pro­fessor Dr. Robert Lach ; der Ordinarius für Kirchen- geschichte (Koth.-Theol.) an der Universität Tübin­gen Dr. Karl Dihlmeyer-, der Ordinarius für Dogmatik (Kath.-Theol.) an der Universität Mün­ch e n Geh. Regierungsrat Professor Dr. Martin (Brahman n.

Professor Dr. Henri CH a oul, Vorsteher des Röntgeninstituts ber Chirurgischen Klinik der Ber­liner Charits und Ordinarius für Strahlenkunde an der Universität Berlin, wird die Leitung der neuen Röntgen-Ktinik und der Poli-Klinik für Ge- schwulftkranktz in Berlin übernehmen.

Die Chemie im Dienste der Vorgeschichtsforschung.

Die Altertumsforschung in Mittel- und Nord­europa kann sich nicht wie die Archäologie ber klas­sischen Länder auf geschriebene Quellen stützen, son­dern ist auf die Funde und Denkmäler des Bodens angeroieifen. Dabei richtet sich das Haupttntereffe einer neuzeitlichen Ausgrabung nicht mehr auf die Fundstücke, sondern in ungleich höherem Maße uwjf die Fundumstände, und hier haben sich ganz neue Arbeitsweisen herausgebildet, die schon in ihren Anfängen Möglichkeiten erkennen lassen, von denen man vor wenigen Jahren nichts wußte. Vor allem hat das Wort jetzt die Chemie: Reagenzglas und Mikroskop bedrohen, wie Professor Dr. Friedrich Behn in der Frankfurter WochenschriftDie llnv schau" ausführt, die alten Symbole des Ausgräbers. Spaten und Pickel, in ihrer angestammten Mono­polstellung, die gegen nicht mehr dem Auge sichtbare Objekte zur Machtlosigkeit verurteilt sind.

Der Boden baut alle organischen Substanzen in kürzester Frist ab, und der Löß läßt sehr oft sogar die Knochen alter Gräber, die immer noch den Hauptanteil der Forschung darstellen, spurlos ver­gehen. Alle diese Substanzen sind jedoch mit den Mitteln ber Chemie noch nachweisbar. Wo einmal Knochen lagen, zeigt der Boden starke Anreicherung von Phosphaten, die von den Wurzeln der Pflan­zen gierig ausgesucht werden. So fand Professor Behn in einem steinzeitlichen Grabhügel im Oden­wald auch nicht die geringste Spur von Knochen, aber die Grabmulde war angefüllt von einem dich­ten Geflecht verfilmter Pflanzemvurzeln, in dem die Analyse hohen Phosphatgehalt nachwies. Das ein­stige Vorhandensein des Körpers zeigt sich im Ge­halt des Bodens an tierischen Fetten, die von pflanzlichen unschwer zu unterscheiden find. Die Ab­fallgruben, die sich neben jeder Siedlungsstelle fin­den, enthalten meist die ganze Speisekarte der da­maligen Bewohner und noch vieles andere. In Ur­nen stellen sich überraschende Entdeckungen ein, selbst wenn das Auge im Bodensatz nichts besonderes er­kennt. Ein Rest römischen Weines fand sich in einer Glasflasche aus der Rheinpfalz und niederschlag von richtiger Biermaische in einem Tongefäh aus Alzey in Rheinhessen. Die Wichtigkeit solcher chemischer Untersuchungen im Dienste der Vorgefchichtsfor- schung hat dazu geführt, daß an der Universität Köln ein eigenes Institut unter Leitung von Vu von Stotar eingerichtet worden ist. C.K.