Ausgabe 
26.1.1939
 
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ähnlich den früheren Wettstreiten. Der Sinn dieses Leistungssingens ist die Hebung der Vereine hin­sichtlich ihrer Leistung, Disziplin und Auswahl des Liedgutes.

Das Wertungssingen, an dem sich ebenfalls 20 Vereine beteiligen werden, ist auf den 21. Mai in Rödgen festgelegt worden. Es wird nach den Richt­linien der Vorjahre durchgeführt werden. Bei den Leistungs- und dem Wertungssingen werden auch in diesem Jahre wieder altbewährte Wertungsrichter in Tätigkeit treten und den Vereinen die Punktzahl zuerkennen, die ihnen nach ihren Leistungen ge- bührt. r , .

Kreischormeister Blaß, Gießen, sprach dann m großen Zügen über das zu Gehör kommende Lied­gut. Es war daraus zu ersehen, daß auch in diesem Zähre wieder nur Chöre von höchster kultureller Stufe gesungen werden.

Weiterhin hat der Kreisvorstand Vorsorge getrof­fen, daß in diesenv Jahre möglichst allen Sangern durch die Teilung »es Leistungssingens die Möglich­keit gegeben wird, sämtliche Chöre zu hören.

Sechs Regeln am Postschalter.

1. Suche gleich den richtigen Schalter auf. Hin­weisschilder helfen dir dabei.

2. Komme nicht gegen Schluß der Schalterstun- den. Wähle die Vormittags- und die ersten Nach­mittagsstunden, wenn deine Sendungen eine beson­dere Behandlung erfordern (Ausland, Zollpapiere, Ausfuhrgenehmigung, Devisenbestimmungen, Kurs­berechnungen usw.), sonst stiehlst du den andern die kostbare Zeit.

3. Tritt von rechts an den Schalter hssran. Vor­rang hat, wer ein Telegramm einliefert, ein Ge­spräch anmeldet oder ein Schwerbeschädigter in eigner Angelegenheit mit einem Ausweis der Für­sorgestelle. , r , P1

4. Klebe die Marken vor der Einlieferung selbst aus die Sendungen. Bei Briefen, Postanwerfungen und Zählkarten bist du dazu verpflichtet.

5. Bereite den Einlieferungsschein vor. Bei Post- anweisungen und Zahlkarten hängt er am Form­blatt an: für andere Fälle hängen sie im Schalter- raum aus. Benutze auch bei geringem Postver­kehr ein Einlieferungsbuch. Der lose Schein geht leicht verloren.

6. Halte dein Geld abgezählt und georbnet bereit, lege bei gleichzeitiger Ein- und Auszahlung von drei und mehr Postanweisungs- ober Zahlkarten­beträgen sowie beim Einkauf von drei oder mehr verschiedenen Sorten von Wertzeichen eine aufge­rechnete Zusammenstellung vor.

Gießener wochenmarktpreife.

* G i e ß e n, 26. Jan. Auf dem heutigen Wochen­markt kosteten: Markenbutter, % kg 1,60 Mark, Matte 20 bis 25 Pf., Käse, das Stück 4 bis 9, Wirsing, Vt kg 12 bis 16, Weißkraut 10 bis 12, Rotkraut 12 bis 15, gelbe Rüben 8 bis 12, rote Rüben 10 dis 12, Spinat 25 bis 35, Unterkohlrabi 8, Grünkohl 15 bis 18, Rosenkohl 40 bis 45, Feldsalat, J/io 10 bis 12, Tomaten, % kg 35 bis 40, Zwiebeln 35 bis 60, Meerrettich 20 bis 40, Kartoffeln, Vi kg 5 Pf., 5 kg 43 Pf., 50 kg 3,35 bis 3,65 Mark, Aepfel, kg 40 bis 50 Pf., Nüsse 45, Blumenkohl, das Stück 40 bis 50, Endivien 10 bis 25, Lauch 5 bis 12, Sellerie 10 bis 35, Rettich 5 bis 15 Pf.

** 7 5. Geburtstag. Am morgigen 27. Ja­nuar begeht der in weiten Kreisen bekannte frühere Wirt und Lebensmittelhändler Ludwig Gräf, Gießen, Wartweg 60 wohnhaft, in voller Frische im Kreise seiner Kinder und Enkel seinen 75. Ge­burtstag Dem Jubilar, der seit über 40 Jahren treuer Bezieher des Gießener Anzeigers ist, brin­gen auch wir unseren herzlichen Glückwunsch dar.

** Eine Siebzigjährige. Am morgigen 27. Januar begeht Frau Therese D m m e r t, Wolf­straße 24 wohnend, in bester Gesundheit ihren 70. Geburtstag. Der Jubilarin auch unseren herz­lichen Glückwunsch.

** Lokomotivführer singen mit für das WHW. Wie der Sängerkreis Gießen im DSB. uns mitteilt, kann nach entsprechender Rege­lung des Dienstes auch der Lokomotivfüh­rer-Gesangverein Gießen bei dem Sän­gerkonzert für das Winterhilfswerk am kommenden Sonntagabend im Katholischen Dereinshaus mit­wirken. Die Lokomotivführer-Sänger werden dabei

Unteroffizier, ein erstrebenswerter Beruf.

Äon Feldwebel Alfred Hartmann, Generalkommando IX. Armeekorps, Kaffel.

Die Notwendigkeit einer bis ins Kleinste gehenden Auslese sicherte dem 100000-Mann-Heer ein in jeder Hinsicht vorzügliches Menschenmaterial. Dag es durch diese Auslese besonders schwer wurde, aus der übergroßen Zahl der sich zu dem kleinen 5)eer drängenden begeisterten Freiwilligen in den Kreis derer ausgenommen zu werden, die die Tradition der alten ruhmreichen Armee in eine neue Zukunft trugen, ist verständlich. .

Heute gibt es im wesentlichen hierzu zwei Wege: Entweder der Eintritt in die Wehrmacht als Frei­williger, oder der Eintritt in die Wehrmacht auf Grund der Einberufung. In beiden Fällen ist die aktive Dienstpflicht zu erfüllen. Hier kann sich jeder selbst auf Herz und Nieren prüfen, um festzustellen, ob er die erforderlichen Anlagen und Charakter­eigenschaften besitzt, um Unteroffizier werden zu können. In feinem Bestreben hierzu ist ihm selbst­verständlich die uneingeschränkte Unterstützung sei­tens seiner Vorgesetzten sicher. Ein anderer Weg führt über die Heeres-Unteroffizierschulen, an denen Freiwillige unter den bekannten Bedingungen aus­genommen werden.

Ein tüchtiger Soldat, der Unteroffizier werden will, kann bereits mit zwei Dienstjahren zum Unter­offizier befördert werden. Damit hat er das Ziel erreicht und gehört nunmehr zum deutschen Unter« Offizierskorps, Die Ehre des Unteroffiziers, als Waffenträger der Nation über die aktive Dienst­pflicht hinaus auf weitere 10 Jahre der deutschen Wehrmacht anzugehören, alle Kräfte für das hohe Ziel einzufetzen, immer ein ganzer Kerl, seinen Untergebenen ein nachstrebenswertes, hervorragen­des Vorbild soldatischer Tugenden zu fein, das sollte ein Ansporn für unsere mehrfähige Jugend sein.

Wie dankbar ist der Beruf des Unteroffiziers. Ueberall sieht er die Erfolge seiner Arbeit. Ob er nun Rekruten ausbildet, ob er als Korporalschafts, sichrer, als Gruppenführer oder als Zugführer Dienst tut. Ueberall öat er Ausbildungsaufgaben zu lösen und Ausbildungsziele zu erreichen, und über­all sieht er die ständig wachsende Vertrautheit mit den Waffen der ihm zu treuen Händen übergebenen Männern, das Hineinwachsen in die Kameradschaft der Soldaten.

Der Dank für feine Mühen bleibt nicht aus. Be­förderungen und Anerkennungen sind erstrebens­werte Ziele, die in keinen nebelhaften Fernen lie­gen. Die Schwierigkeiten, in der Reichswehr Unter­offizier oder gar Feldwebel zu werden, waren durch den Mangel an freien Stellen so groß, daß viele zu guten Unteroffizieren befähigte Soldaten ihre gesamte Dienstzeit im Mannschaftsstand verbringen mußten. Solche Uebelstände gibt es selbstverständlich heute nicht mehr.

Naturgemäß gibt es in einer großen Wehrmacht nicht nur Unteroffiziere, die ihren Dienst in der Front ausüben, sondern es gibt eine große Zahl der verschiedensten Sonderlaufbahnen, die hier aus­zuzählen über den Rahmen des Themas hinaus­ginge. Diese Sonderlaufbahnen sind erforderlich, da die dem Unteroffizierkorps zufallenden Aufgaben groß, umfangreich und vielseitig sind.

Die Vielheit an Waffen und neuzeitlicher Aus­rüstung des modernen Heeres bedingt selbstverständ­lich ein geistig und körperlich hervorragend befähig­

tes Unteroffizierskorps, das in der Lage ist, die vie­len Waffen, ihre Bedienung, Verwendung und ihren Einsatz in dem gegebenen Rahmen restlos zu be­herrschen. Dasselbe trifft auf die Ausrüstung zu, die m ihrer Vielheit fast unbegrenzt ist. Freudigen Her­zens erfüllt das Unteroffizierkorps seinen Dienst und meistert seine Aufgaben. Mit dep Freude am Erfolg wachsen die Leistungen und der Wille, größere Ta­ten zu vollbringen. Das Gefühl, einem auserlesenen Unteroffizierkorps anzugehören, das berufen ist, als wertvoller und nicht wegzudenkender Bestandteil der Wehrmacht anzugehören, erfüllt uns mit einem Stolz, der nichts mit Ueberheblichkeit zu tun hat.

Der Unteroffizier ist auch in der glücklichen Lage, sich ohne Einschränkung seinem Dienst widmen zu können, da er nach der wirtschaftlichen Seite gesehen in jeder Beziehung gesichert ist. Freie Dienstkleidung, ausgezeichnete Verpflegung, freie Wohnung, Hei­zung, Licht, angemessenes Gehalt und freie Heilfür­sorge bewirken, daß dem jungen Unteroffizier keine wirtschaftlichen Sorgen entstehen, die die Dienstfreu­digkeit beeinträchtigen. Und ist er verheiratet, so ist er durch ausreichendes Gehalt, das bei Erreichung höherer Dienstgrade steigt, Wohnungsgeld und freie Heilfürsorge auch für seine Familie so gestellt, daß er ein sorgenfreies Leben führen kann.

Der ewig wechselnde Dienst, die Verlegung auf Truppenübungsplätze, die Teilnahme an Herbst­übungen, Manövern, Scharfschießen u. v.a. sorgen dafür, daß der ganze Dienstbetrieb von gewaltigen Energien durchpulst wird. Don sturem Drill ist nir­gends eine Spur zu finden, überall ist Leben, Viel­seitigkeit, Tempo, das mitreißt, Geist und Körper in prächtiger Frische erhält, und die eigenen Lei­stungen steigert.

Daß auch einmal der Tag kommt, an dem die 12 Jahre zu Ende sind, ist nicht zu ändern. Der Uebergang ins bürgerliche Leben ist eines Tages angebrochen. Das am 1. Oktober 1938 in Kraft ge­tretene neue Wehrmachtsfürsorge, und -versorgungs- gesetz sichert dem ausscheidenden Unteroffizier eine in jeder Beziehung gesicherte Existenz. Heeresfach- schulen für Verwaltung und Technik vermitteln dem ausscheidenden Unteroffizier vom 9. Dienstjahr ab kostenlos das geistige Rüstzeug, das ihm feinen wei- teren Lebensweg ebnet. Mit der Aushändigung der Militäranwärterurkunde am Tage des Ausscheidens wird fein Treueverhältnis zum Führer auf Lebens­zeit ausgedehnt. Bei allen Behörden des Reichs, der Länder, der Gemeinden usw. stehen ihm die Türen offen. Er kann ebenso Heeresbeamter werden, wie er bei besonders hervorragenden Leistungen als Unteroffizier in das aktive Offizierkorps übernom- men werden kann. Daß er beim Ausscheiden Re- serveoffizier wird, ist eine Selbstverständlichkeit, da er bereits mit Vollendung des 10. Dienstjahres, Eig­nung vorausgesetzt, zum ROA. ernannt wird. Selbst­verständlich stehen dem ausscheidenden Unteroffizier auch andere Berufsmöglichkeiten offen. Er kann sich abfinden lassen, oder nach vorheriger Ausbildung Wehrmachtssiedler werden.

Wir Unteroffiziere hängen mit ganzer Hingabe und heißem Herzen an unserem Beruf und wissen uns dabei eins mit all den Heranwachsenden, jungen Männern, deren Ideal es ist, auch einmal als Unter­offizier in der Wehrmacht unseres Volkes zu dienen.

die ChöreDeutschland, dir mein Vaterland" von H. Heinrichs undAlle guten Dinge" von Jac. Schulz zum Vortrag bringen. Es ist dies um so er­freulicher, als es sich bei diesen Sängern um Män­ner handelt, die Tag und Nacht im Dienst der All­gemeinheit stehen, sich aber doch an diesem Konzert für das WHW. gerne beteiligen wollen.

** Wichtige Lohn, und Wehrsteuer­bestimmungen bringt das Finanzamt heute zur öffentlichen Kenntnis. Auf die bedeutsame Be­kanntmachung sei besonders hingewiesen.

Große Strafkammer Gießen.

In der Nacht zum 3. November 1935 waren in Nieder-Wöllstadt durch Einsteigen in ein umfriede­tes Grundstück drei Hasen gestohlen worden. Als

Täter kamen ein Einwohner von Nieder - Wöll- stadt und der jetzige Angeklagte Friedrich Hof­mann in Verdacht. Durch das Amtsgericht Vilbel erhielt der H. sechs Monate Gefängnis. Nun besorgte er sich einen Zeugen, der bekunden sollte, H. sei zu der fraglichen Zeit überhaupt nicht in Nieder-Wöllstadt, sondern bei seinem Bruder in Ludwigshafen zu Besuch gewesen, und er legte hierauf Berufung ein.

In der Berufungsverhandlung vor der Kleinen Strafkammer in Gießen fiel aber der Zeuge um, und die Strafe des Hofmann wurde, da sich her- ausgestellt hatte, daß bei ihm die Voraussetzungen des strafverschärfenden Rückfalls Vorlagen, auf ein Jahr Gefängnis erhöht. Aber auch nach dieser neuerlichen Niederlage gab sich Hofmann nicht geschlagen. Es störte ihn auch nicht, daß gegen die

Ehefrau feines früheren Komplicen, die vor Gericht unter ihrem Eid ausgesagt hatte, H. wäre beteiligt gewesen, nun ein Meineidsverfahren anhängig war. Hofmann machte sich vielmehr an den Zeugen R. heran und überredete diesen, einen Brief an die Staatsanwaltschaft zu schreiben und dieser mitzu­teilen, er habe Hofmann in der fraglichen Nacht m einem Lokal in Frankfurt gesehen. R. schrieb auch den Brief. Mit diesem neuen Zeugen beantragte Hofmann Wiederaufnahme des Verfahrens und Aussetzung der Strafvollstreckung. Bei einer Ver­nehmung fiel aber der Zeuae R. aus der ihm zu- gedachten Rolle. Die beiden Anträge des H. wurden abgelehnt. ' . ,

Aber auch jetzt gab sich der bereits mehrfach vor­bestrafte Hofmann nicht zufrieden. Er überredete nun den jetzigen Mitangeklagten H. M., an Eides Statt zu versichern, er habe den Angeklagten H. an dem fraglichen Abend in Frankfurt gesehen. M. gab auch die eidesstattliche Erklärung vor einem Richter des Oberlandesgerichtes Darmstadt ab. Hierauf wurde den beiden früher von dem Angeklagten ge­stellten Anträgen stattgegeben.

Als in der Wiederaufnahmeverhandlung der Mit­angeklagte M. feine Aussagen beeiden sollte, gestand er den ganzen Schwindel unter dramatischen Um­

ständen ein. Hofmann erhielt darauf für feinen Einsteigediebstahl im Rückfalle ein Jahr und sechs Monate Gefängnis. Diese Strafe ver­büßt er zur Zeit.

In der gestrigen Hauptverhandlung hatte sich M. wegen Abgabe einer falschen eidesstattlichen Der« sicherung zu verantworten. Aus der Strafhaft vor« geführt, stand Hofmann wegen Anstiftung zur Ab­gabe einer falschen eidesstattlichen Versichung (§§ 156, 48 StGB.) und wegen Verleitung zum Mein­eide in zwei Fällen vor Gericht. M. erhielt eine Gefängnisstrafe von zwei Monaten. Hofmann erhielt eine Zuchthaus st rase von einem Jahr und sechs Monate.

Sezirlsschöffengenchf Gießen.

Dor dem Bezirksschöffengericht erschien die Ehe« frau K. R., früher in Butzbach, jetzt in Berlin wohnhaft, unter der Anklage der Untreue. In der! Verhandlung machte der Vertreter der Anklage dar­auf aufmerksam, daß die Angeklagte auch unter dem Gesichtspunkt des Bettuges bestraft werden könne. Die der Angeklagten vo'rgeworfene ftrafbare Handlung rührte noch aus dem Jahre 1934 her. Soweit die R. sich wegen Bettuges zu verantworten hatte, wurde das Verfahren auf Grund der Am­nestie von 1934 eingestellt. Wegen Untreue wurde die Angeklagte mangels ausreichenden Iat<_ fachenbeweifes f r e i g e f p r o ch e n .

Rundfunkprogramm

Freitag, 27. Januar.

6 Uhr: Gymnastik. 6.30: Frühkonzert. 7: Nach­richten. 8.05: Gymnastik. 8.30: Froher Klang zur Werkpause. 9.30: Nur Freiburg: Nachrichten. 9.40: Mutter turnt und spielt mit dem Kind: 10: Schul­funk. Die Straßen der Geschichte, die Straßen Adolf Hitlers. Eine Hörfolge. 10.30: Wir spielen Ruaby. Von einem harten, aber schönen Sport. 11.30: Ruf ins Land. 12: Mittagskonzert I. 13: Nachrichten. 13.15: Mittagskonzert II. 14: Nachrichten. 14.50: Dem Opernfreund. Aus BeethovensFidelio". 15: Kleines Konzert. 15.30: Frauen meistern ihr Schick­sal. Die rechte Totenehrung. 16: Nachmittagskon­zert. Einlage von 17 bis 17.10:Die Mütter von Schorndorf". Kurzerzählung. 18: Sport der Woche und für den Sonntag. 18.15: Bücher, von denen man spricht. 18.30: Musikalischer Wunschzettel zugunsten des WHW. 19.15: Tagesspiegel. 19.30: Der fröh­liche Lautsprecher. 19.45: Internationale Winter­sportwoche Garmisch-Partenkirchen 1939. 18-Kilo- meter-Langlauf und Torlauf für Frauen am Gudi- berg. 20: Nachrichten. 20.15: Kammermusik. Septett von Konradin Kreutzer. 21: Abends im Cafs.

Schuß im Iuukhaus.

Ein Roman von Maria Oberlin.

Copyright by Prometheus-Verlag, Dr. Eichacker, Gröbenzell bei München.

6. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

Toll! Da möchte ich doch wohl mal zu ihr gehen und ihr den Kopf zurechtsetzen!"

Evelyn sah die Freundin dankbar an. '

»Du kannst so etwas gut und mit soviel Takt, Ellen, cs wäre lieb von dir, wenn du dich um sie bemühtest ..."

Dann werde ich ziemlich berib gehen. Aber du siehst erbärmlich aus, Evelyn! Geh heim! Schlaf!"

Evelyn lächelt dünn und fremd.

Wenn ich das könnte", murmelte sie. Sie sitzt da, schmal, blaß, ein wenig vornübergebeugt. Plötz- lich übergießt eine wilde dunkelrote Flutwelle das weiße Gesicht.

Erstaunt folgt Ellen dem Blick der großen bunt- len Augen.

Durch das Restaurant geht mit schnellen Schritten ein hochgewachsener Mann mit aschblonden, hin und wieder silbrig aufglänzendem Haar, er tritt schnell an den Tisch eines kleinen zierlichen Herrn, der aufspringt, eine verbindliche Antwort gibt, an der linken Seite des Mannes weitergeht, der Tür zu ...

Welch ein Glanz in unsrer Hütte!" sagt spöttisch eine helle Stimme am Nebentisch. Ellen dreht sich um, erkennt eine kleine Hörspielerin.Der Herr Sendeleiter unter seinen getreuen Sklaven!" Ein am gleichen Tisch sitzender junger Mensch mit dem langen intelligenten Gesicht schüttelt den Kops und sagt gegen die Kleine gewandt, freundlich:Mein Herzchen, entweder bist du verliebt in ihn oder zu dumm, ihn zu begreifen ...!"

Wüßte nicht, was an dem unsympathischen Kerl zu begreifen ist", sagt eine lässige Stimme, die un­gezogen die Vokale dahinwirft, auf die Bemerkung hin. Evelyn erkennt die Stimme, es ist die des über­züchteten Herrn aus dem Auszug heute abend.

Wieder mal große Debatte!" sagt Ellen kopf­schüttelnd zu Evelyn.Wo der Mann sich sehen läßt, gibts brodelnden Aufruhr---"

Also du bleibst noch hier, Ed?" fragt die Freun- bin, unb Evelyn schrickt zusammen, zittert.Ich weiß nicht ..." murmelt sie.Ich wollte eigentlich hier noch im Haus ..

Ellen beobachtete das Mädchen aufmerksam, schüt­telt den Kopf, jagt mit leisem Unmut:

Möchte wirklich wissen, was eigentlich in dich gefahren ist?" Sie wirft einen kleinen Scherz da­hin, der leicht und spielend wie ein bunter Ball sein soll:Ich hoffe nicht, mein Mädchen, daß du an der Hauskrankheit hier leidest unglückliche Liebe zum unerreichbaren Bortefeld!" Sagt das leichthin und erschrickt hefttg, als sie in das fahle, graue Gesicht des Mädchens sieht.

Mein Gott, Evelyn! Was ist denn nur los? Ich meinte dock nur--ich dachte!" Die sonst so

Gewandte spricht unzusammenhängendes Zeug.

Evelyn hebt ein ganz klein wenig den Kopf, eine Bewegung, die ihr unsagbare Mühe macht. Sagt heiser und dunkel:

Sei sehr lieb, Ellen, bitte, laß mich allein--"

Der Mann, der mit wütender Heftigkeit die Glastür zur Nachrichtenabteilung aufreißt, heißt Herbert Binndt, ist ein athletisch gebauter brauner Kerl mit einem zerfurchten Abenteurergesicht und wirrem braunem Haar. Jetzt fährt er mit beiden Händen verzweifelt durch diese Mähne. Dabei forscht er mit einer großen rollenden Stimme, wirft die Worte dahin, als schleudere er etwas Unlieb­sames wütend von sich.

Also der loggen ist krank. Na, da bleibt wieder alles an mir hängen, verdammte Schweinewirtschaft nochmal! Ich bin ein Arbeitspferd, ich bin ein Pack- efel, aber ein dämliches Roß das bin ich auch! 2ch hätte nach der Reportage vom Reitturnier in Der Großen Halle nach Haufe gehen sollen unb fünf heiße Schnäpse trinken, anstatt nochmal in den ver­dammten Saftladen zu kommen!"

Sein Mitarbeiter, ein lang aufgeschossener Mensch mit sorgenvollem Jungsgesicht und einem Packen ^chreibmaschmenblätter in der Hand, öffnete den Mund. Aber der Athlet fuhr mit der Hand durch die Luft, als schneide er alle Einwände ab.

Kommt man mal hierher, ohne daß mans braucht, hat einen Jber Laden wieder am Wickel was glauben Sie, mein lieber Jüngling, wann >ch heute aufgestanden bin? Vier Uhr zehn! Für die Wachsaufnahme von der Ballonfahrt! Lausige Kalte da oben Und bann den ganzen Tag unterwegs; erst die Einweihung von der neuen örurfe, bann bas Reitturnier mit seinem Staub unb Lärm, bann 'ne Panne mit diesem Stinktier von l?uItrr^-9ltn9PQ^n "Nb jetzt soll ich noch das Haftchelkind, den loggen vertreten unb die Abend- nachrichten lesen! Ich hab ja überhaupt keine öhmme wehr Er schreit das mit einem herrlichen tiefen, wunderschönen Bah unb trampelt dabei mit

seinen mächtigen, tranbeschmierten Ueberlanbftiefeln wütend auf ben Boden.

Es ist kein Zweifel: Herr Binndt hat eine Mords­wut! Sein Mitarbeiter unb Helfer kennt ihn, läßt ihn ruhig austoben, während er schon die Blätter einordnet und auf. dem Platz des Wütenden sorgsam zurechtlegt. Schließlich sagt er begütigend:

loggen ist ganz plötzlich erkrankt. Sonst hätten mir schon für andere Vertretung gesorgt ..."

Geben Sie den Dreck her!" schreit der Athlet wütend und zerdrückt zwischen seinen Pranken eine mächtige kohlschwarze Brasil, die Funken erlischen mit leisem Knistern in seiner riesigen Hand. Mit heftigem Krach fetzt sich Binndt nieder und beginnt in den Blättern zu wühlen. Sein Mitarbeiter weist vorsichtig auf die große sachliche Uhr an der Wand. 20 Uhr! Der Abenobericht muß gleich in ein paar Minuten begonnen werden ...

Ein Berliner Komiker hat in der bunten Stunde einen ganz netten Witz gemacht! sagt er noch vor­sichtig, als er merkt, daß die mächtig zuckenden Schultern des breiten Mannes am Schreibtisch sich langsam beruhigen.

Der Athlet dreht sich herum.

Heraus damit!"

Er handelt von einem stets wütenden Herrn. Paßt gut auf Sie!"

Der Athlet knurrt. Dann schreit er:

Na?"

Also der Komiker kommt zu dem stets wütenden Herrn, kann ihn nicht beruhigen und agt schließlich: Herr, seien Sie doch nicht so unwir ch! Seien Sie ddch einmal wirsch ...!"

Es blieb beängstigend still tm Zimmer.

Gut?"

Der Athlet drehte sich langsam um, sah den jungen Menschen kopfschütteln an. Dann sagte er unheim­lich ruhig:

Es war eine sehr humane Zeit, als man sowas wie Sie verbrannt hat ..." Dann schrie er:Raus!!"

Der Jüngling verschwand wie von einem Taifun dahingeweht.

Nach einer Weile stellte der Athlet das Mikrophon ein. Er hörte die beiden Summtöne des Pausen­zeichens. Dann setzte seine tiefe klare Baßstimme mit Wetterberichten und Abendrneldungen ein. Er las ruhia und gleichmäßig, mit tiefer sonorer Stimme, der er überraschenderweise hin und wieder einen Hauch von Herzlichkeit zu geben wußte. Er las dann eine ziemlich lange innenpolitische Mel­dung ab, der et durch scharfe Akzentuierung und Be­tonung lebendige Gestalt und wesenhaftes Gepräge gab. Plötzlich fühlte er sich irgendwie beunruhigt, warf einen schnellen Seitenblich auf die Glastür

seines Zimmers. Dahinter stand sein Mitarbeiter, das Jungensgesicht vor Erregung verzogen, mit hef­tig fuchtelnden Bewegungen, die ihn zum Kom­men aufforberten--Immer wieder winkte die

Hand des jungen Menschen, auf feinem Gesicht stand eine abgrundtiefe Erregung. Plötzlich fühlte sich Binndt von einem heftigen unerklärlichen Schauern angeweht, etwas rascher als sonst, be­endete er seine Lesung, hörte noch gewissenhaft, wie die Abendmusik begann, bann aber rannte er zur Tür, faßte den jungen Menschen am Arm.

Sie sind wohl wahnsinnig, Mensch? Was soll das heißen, mitten in der Lesung mir Zeichen zu machen und mich zu verwirren! Verdammte Sau­wirtschaft nochmal! Sie denken wohl, ich habe Ner­ven wie Taustricke, was?"

Binndt!" sagte der junge Mensch, ohne sich über die drohende Haltung des älteren Kollegen zu är­gern.Binndt, es ist etwas Schreckliches passiert! Grad hier im Haus! Man hat Bortefeld erschossen!"

Der Große taumelte zurück und wurde fahl.Un­möglich? Mein Gott, wie ist das passiert ...?"

Die Stimme des jungen Menschen überschlägt sich fast.Hören Sie zu, Binndt! Ich fahr ebenrauf zum zweiten Stock, will noch eben zu Hendrichs, da war ja die Sache mit dem Volksfest, wir wußten doch nicht genau, ob wirs in die Nachrichtenabtei­lung bringen oder ob mir es in die Zeitschau neh­men sollen---ich komme da an Bortefelds

Zimmer vorbei, die Tür ist auf, alle Türen bis zu seinem Zimmer sind überhaupt auf, das wun­derte mich, denn das Personal ist doch schon weg, plötzlich höre ich da ein Stöhnen, gehe hinein, da liegt Bortefeld am Schreibtisch, Blut auf dem An­zug, über der Hand, auf dem Schreibtisch, über den Notenblättern ..."

Das Gesicht des jungen Menschen ist ganz er­loschen.

Tot?" fragt der Athlet mit einer unerhört be­hutsamen, zarten Stimme, er fühlt sein Herz heftig pochen.

Der junge Mensch zuckt die Achseln.

Ich weiß nicht! mumelt er leise.Jetzt vielleicht schon ich habe alles, was in der Nähe mar, schnell zusammengetrommelt, man hat auch schon den Arzt geholt, er untersucht gerade---

ich glaube, viel Hoffnung ist da nicht--"

Der Athlet geht mit raschen unruhigen Schritten auf und ab.Aber ein Attentat? Meinen Sie, ja? Kein Selbstmord ober so?"

Ich hab nur flüchtig gehört, was der Arzt sagte. Aber er meinte, es sei ein Ueberfall gewesen--

ein richtiger Morbanschlag ..."

(Sortierung folgt!)