gen, aufgefunden und ihre Verbringung in die Chirurgische Klinik nach Gießen oerarüaßt. Wenige Stunden nach seiner Einlieferung erlag der Lenker des Motorrades, Heinrich Wagner, seinen schweren Verletzungen. Hans Schneider liegt in bedenklichem Zustand darnieder. Die Gendarmerie nahm sofort die notwendigen Ermittlungen auf. Dabei wurde u. a. fest- gestellt, daß der Lenker des Motorrades nicht im Besitze eines Führerscheines war.
Nachtblinkübung
der SA.-Nachnchtenstürme.
Heute abend in der Zeit von 21.15 bis 23 Uhr unternehmen die Nachrichtenstürme der SA.-Stan-, darte 116 (Gießen) und 222 (Friedberg) eine großangelegte Nachtblinkübung. Die Hebung findet im Raume Schiffenberg—Münzenberg—Hausberg (bei Butz dach)—Jo ha nni sb e rg (bei Bad-Nauheim) und vom Turm der Burg Friedberg aus statt.
Neue Tarifordnung für den gesamten Groß- und Einzelhandel.
Lpd. Der Reichstreuhänder der Arbeit für das Wirtschaftsgebiet Hessen, Dr. Schmeller, hat durch eine Tarifordnung die Lohn- und Arbeitsbedingungen sämtlicher Gefolgschaftsmitglieder in den Groß- und Einzelhandelsbetrieben neu geregelt. Bisher ?alt im Wirtschaftsgebiet Hessen eine große Zahl (einerer Tarifverträge, die eine Systematik in der Gestaltung der Lohn- und Arbeitsbedingungen vollkommen vermissen ließen. Anderseits waren große Teile des Wirtschaftsgebietes tariflos. Dieser ungeregelte Zustand wird durch die neue Tarifordnung, die an Stelle von unzähligen alten Einzeltarifver- trägen tritt,, beseitigt.
Die Tarifordnung enthält Vorschriften über die Arbeitszeit, den Urlaub, Kündigung, die Weiterzahlung des Lohnes bei Arbeitsverhinderung und Todesfall usw., eine Lohn- und Gehaltsregelung und gilt sowohl für kaufmännische Angestellte, als auch für gewerbliche Gefolgschaftsmitglieder.
Neu ist die Einführung eines halben freien Tages für diejenigen Gefolgschaftsmitglieder in Einzelhan- Lelsdetrieben, die am Samstagnachmittag nicht ihre Arbeitszeit beenden können. Dieser halbe freie Tag ist mit gewissen Ausnahmefällen alle drei Wochen zu gewähren. Damit ist dem verständlichen Wunsch der Angestellten und Arbeiter im Einzelhandel nach einem freien Nachmittag unter Berücksichtigung der besonderen Verhältnisse im Einzelhandel und dem augenblicklichen Mangel an Arbeitskräften wenigstens bis zu einem gewissen Grade Rechnung getragen worden.
Die neue Tarifordnung ist im Reichsarbeitsblatt vom 25. Mai 1939 und in den „Amtlichen Mitteilungen" des Reichstteuhänders der Arbeit veröffentlicht und tritt am 1. Juni 1939 in Kraft.
Gießener Wochenmarktpreife.
* Gießen, 25. Mai. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, Vi kg 1,60 Mark, Matte 25 bis 50 Pf., Hähne 1,— Mark, Käse, das Stück 4 bis 10 Pf., (Eier, aus!., Klasse S 10H, Wirsing, grün, >2 kg 25 bis 30, Spinat 18 bis 25, Spargel, 1. Sorte 78 bis 80, 2. Sorte 66 bis 70, 3. Sorte 60, 4. Sorte 38, Erbsen 20 bis 25, Tomaten 45 bis 50, Zwiebeln 16 bis 18, Meerrettich 60, Schwarzwurzeln 40 bis 50, Rhabarber 10 bis 18, Kartoffeln, alte 5, 5 kg 45 Pf., 50 kg 3.40 bis 4,— Mark, neue, Vi kg 18 Pf., Salat, das Stück 10 bis 25, Salatgurken 80 bis 100, Oberkohlrabi 15 bis 20, Lauch 5 bis 15, Rettich, neue, Bündel 12 bis 30, Stück 10 bis 20, Sellerie 10 b. 50, Radieschen, Bd. 10 b. 15 Pf.
u. mächt frifche fernt weiche -Haut
des RLB., Dienst am Volk, Schaffung einer Volksgemeinschaft usw., völlig. In dieser Volks-, Not- und Schicksalsgemeinschaft dürste künftig keine deutsche Frau mehr fehlen. Zum Schluß seiner Ausführungen gab er noch der Hoffnung Ausdruck, daß der Wille der deutschen Frau zur Erhaltung des Vaterlandes, ihrer eigenen Scholle und ihres eigenen Glückes diese aufgebaute Abwehrfront so stärke, daß der innere Schutz der Heimat durch sie gewcihr- leistet werde. Die deutsche Frau werde damit zum unerschrockenen, tapferen Soldaten der eHimat.
praktische Vorführungen.
Anschließend führte die Frauensachbearbeiterin auf der Bühne einen Trupp einer Selbsthilfege- meinschast vor. Zu einem solchen Trupp gehören der Luftschutzwart, der Melder, die eingeteilten Haus-Feuerwehren und die Laienhelferinnen. In
verständlicher, prakttscher Weise erklärte der Luftschutzwart seine ihm zufallenden Obliegenheiten zur luftschutzbereiten Herrichtung der einzelnen Häuser, dem für das lieberbringen von eiligen Meldungen der Melder beigegeben ist. Auch die Arbeiten der ein geteilten Hausfeuerwehrleute ließen erkennen, daß eine sehr gründliche Ausbildung nötig ist, wenn ihre Arbeit im Ernstfall Erfolg haben- soll. Eine große, aber schöne Ausgabe hat die Laienhelferin, in deren Bereich es fällt, bei Verletzungen die erste Hilfe zu bringen.
Weiterhin wurden den Frauen Anleitungen gegeben, wie man im Notfälle schnell und gut verdunkelt, welche Geräte erforderlich sind und wie man sie Herstellen kann. Auch die gefahrlose, kampfstoffsichere Unterbringung von Lebensrnitteln wurde erläutert und noch viele andere Dinge.
Der Vortragsabend hat gezeigt, wie wichtig und vielseitig die Aufgaben der deutschen Frau in der Heimat sind. Darum kann dem Schlußwort der Frauenschaftsleiterin der Ortsgruppe Nord nur bei= gepflichtet werden, daß es Pflicht jeder deutschen Frau ist, die Luftschutz-Schulungskurse zu besuchen, denn nur gut geschulte Kräfte sind Helfer in der Not.
setz zur Ordnung der nationalen Arbeit eine rechtliche Grundlage bildet. In einem Rückblick von der Einführung dieses Gesetzes, von dem man einstmals annahm, daß es den Tatsachen vorauseile, bis 3um heutigen Tage stellte Professor Dr. Klausing fest, daß jetzt schon eine Ueberholung einiger darin festgelegter Bestimmungen eingetreten fei.
Der Vortragende gab dann eine Auslegung der einzelnen Bestimmungen dieses Gesetzes hinsichtlich der Fürsorge für die Gefolgschaft, der Mitarbeiter und des Begriffes der sozialen Ehre, die die Pflichterfüllung im Dienste des Betriebes als Grundlage bestimmt.
Der Redner stellte das Prinzip heraus, daß derjenige, dem das Schicksal ein Unternehmen in di-s Hand gegeben hat, sich darüber klar sein muß, die soziale Pflicht der Menschenführung erkennen zu können. Er hob die Stellung des Vertrauensrates hervor und machte verständlich, wie sich einerseits um den Betriebsführer eine Reihe von Mitarbeitern gruppieren, der Betriebsobmann der DAF., der Lehrmeister, die Vorarbeiter usw. und wie anderseits gerade m den größeren Betrieben aus rein organisatorischen und verwaltungsmäßigen Zweckgründen sich ein Mitarbeiter und Führerstab bilden muß, weil der Betriebsführer physisch nicht in der Lage ist, die Aufgaben zu erfüllen, die sich aus der Intensität des Beschäftigungsgrades, der Rattonie-
Am 7. Abend der Vortragsreihe „Gegenwartsund Zukunftsfragen der deutschen Wirtschaft", die die DAF. durchführte, sprach der Direktor des Instituts für Rechtstatsachenforschung und angewandtes Wirtschaftsrecht an der Universität Frankfurt a. M., Professor Dr. Klausing, über das Thema „A u f- gaben des Betriebsführers, feiner Vertreter und Gehilfen in der nationalsozial ist ifchen Sozial- und Wirt- schafttsordnun g".
Der Vortragende setzte zunächst auseinander, was der Gesetzgeber unter einem Betriebsführer und dessen Vertreter verstanden wissen will und was sich aus der Verwaltungspraxis an Betriebsführern, Vertretern und dessen Gehilfen ergibt. Das Schwergewicht seiner Ausführungen legte er auf die Bezeichnung der Aufgaben unb Verantwortung der Mitarbeiter des Betriebsführers. Zur Begründung für die Notwendigkeit eines solchen Führerstabes lenkte er die Aufmerksamkeit seiner Zuhörer auf die Geschehnisse der letzten sechs Jahre seit dem ersten Tag der nationalen Arbett zurück. Er erinnerte daran, wie damals durch eine mehr oder minder künstliche Arbeitsbeschaffung der Betrieb aufrechterhalten werden mußte und verwies auf die heutige Lage am Arbeitsmarkt. Neben der heute auf einen rationellen Arbeitseinsatz hinauslaufenden Wandlung zeigte er aber auch die Haltung der arbeitenden Menschen selbst auf. Er konnte überzeugend nachweisen, daß vom Arbeiter bis zum Betriebsführer sich ein Gefühl für die Notwendigkeit einer Gemeinschaftsarbeit eingestellt hat. An Stelle der künstlich hineingetragenen oder natürlichen Einflüsse, die die Spannungen in der Gefolgschaft hervorriefen, ist eine Derantwortlichkeit eingetreten, die treffend in den Urteilen über die Betriebsführung zum Ausdruck kommt. Während ftüher geradezu feindlich von den Betriebsführern gesprochen wurde, macht sich jetzt ein größeres Verständnis für ihre Arbeit und Sorgen breit. Der Redner gab zu, daß nicht alle Wünsche in dieser Hinsicht erfüllt sind, aber er hob die in kurzer Zeit bemerkbaren guten Ansätze hervor, für die das Ge°
Im Rahmen der Luftschutzwoche veranstalteten die vier Ortsgruppen der Gießener Frauenschaft und des Deutschen Frauenwerkes gestern abend im Caft Leib einen sehr gut besuchten Luftschutz- Werbeabend, in dessen Mittelpunkt ein Vortrag des LS.-Hauptsührers Schuchard über das Thema: „Die Frau im Dienste des Luftschutzes" stand.
Die Frauenschaftsleiterin der Ortsgruppe Mitte begrüßte zunächst die Besucher, besonders den Redner des Abends und die Vertretung der Polizei. Die Frauenschaftsführerin der Ortsgruppe Oft hob in ihren einleitenden Worten hervor, daß schon feit Machtübernahme die deutsche Frau im Dienste des zivilen Selbstschutzes stünde. Wenn auch der Luftschutz heute Gesetz geworden sei, so wäre auch ohnedies die deutsche Frau in die Bereitschaft des Selbstschutzes eingetreten, denn sie sei politisch so geschult, daß sie erkenne, wo und wie sie im Notfall heftend eingreifen müsse.
LS.-Hauptführer Schuchard
gab einleitend einen Rückblick über die Tätigkeit des RLB. und stellte fest, daß alle Arbeit von Erfolg gewesen sei. Bereits heute stünden über 15 Millionen deutsche Frauen im Dienste des zivilen Luftschutzes, geführt von über einer Million Amtsträger und Amtsträgerinnen, denen über hunderttausend Lehrer und Ausbilder zur Seite stünden. Das Ziel des RLB. fei so groß, daß es die ganze Kraft der deutschen Frau erfordere, es so zu erreichen, wie es vom Führer gewünscht werde. Es müsse unbedingt dazu kommen, daß jede Frau in der Bereitschaft des RLB. tatkräftig mitarbeite, um die Einsatzbereitschaft im Notfälle zu stärken. Niemand wolle den Krieg, aber sollte er Deutschland aufgezwungen werden, dann müsse auch die deuftche Frau im Selbstschutz aerüstet sein, um sich selbst und die Werte der Heimat zu schützen. Luftschutz sei eine ernste Sache, und nicht nur Angelegenheit der Mitglieder des RLB., sondern Luftschutz seiSache des gesamten deutschen Volkes, ganz besonders der deuftchen Frau. Ebenso wie die deutsche Frau im Weltkrieg in den Fabriken, an den Werkbänken und in sonstigen wichtigen Männerberufen stand, so müsse heute die Frau den Schutz des Volkes in der Heimat übernehmen, und zur Hilfe hierbei sei ihr die Jugend zur Seite gestellt. Daher laute heute die Parole: Die Waffe der deutschen Frau ist die Ausbildung im Luftschutz!
LS.-Hauptführer Schuchard gab bann Fingerzeige, Mie mit ganz einfachen Mitteln, oft Mit vorhandenen alten Sachen, bei richtiger Anwendung die erforderlichen Luftschutzgeräte angefertigt werden können. Weiterhin sprach er über die Wege zur steten Luftschutzbereitschast, zu der insbesondere die Entrümpelung, die ridjfige Verdunkelung und die nötigen Schutzgeräte gehören. Dies seien alles keine Fragen des Geldbeutels, sondern die richtige und sinngemäße Herrichtung eines luftschutzbereiten Hauses esi lediglich eine Frage der guten Ausbildung der Frau und eine Frage der Geschicklichkeit. Der RLB. fordere den restlosen Einsatz der deutschen Frau, dies setze aber voraus, daß gerade die Frauen,chaft bei diesem Einsatz an der Spitze marschiere. Keine Arbeit der Frau sei wichtiger, als gerade die Arbeit im Dienst zum Schutze des Volkes. Hier gleichen sich die Ziele der Frauenschaft und
Aufgaben des Velnebsfiihrers im Dritten Reich
Ein Dortrag von Direktor Professor Dr. Klausing.
Oie Mitarbeit der Frau im Lustschutz ist nationale Pflicht.
Hine Frau mit Herz
Roman von Hedda Lindner
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin
35 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Böninger fuhr mit Dina und Holk nach Gutt- ftabt zurück; feine Beamten folgten mit Springer im zweiten Wagen. Während der Fahrt begann Dina über den Schirm zu berichten, aber trotz der Wichtigkeit ihrer Aussage schien der Kommissar nicht ganz bei der Sache zu sein. Er hatte den „Blauen Strahl", und er hatte den Helfer des Chamäleons, das Chamäleon selber aber hatte er noch nicht. Als er von Biringen aus die Ergreifung Springers gemeldet hatte, war die Nachricht aus Chur bereits überfällig, und das erfüllte ihn mit düsteren Vermutungen, die bei seiner Ankunft im Präsidium leider bestätigt wurden. Ob das Chamäleon auf einer Zwischenstation die Bergbahn verlassen oder ob der Mann sich während der Fahrt so gründlich verändert hatte, daß man ihn nicht erkannte, jedenfalls war er entwischt, ohne eine Spur zu hinterlassen. Bäninger machte feiner Enttäuschung gründlich Lust, und der Kriminalafsistent Meineke horte voller Hochachtung das Repertoire von Flüchen, über das fein Vorgesetzter verfügte. Im übrigen teilte er feine Enttäuschung und fluchte leise und nachdrücklich mit.
Als der Kommissar sich auf diese Weife erleichtert hatte, verhörte er Springer abermals — und abermals vergeblich. Daß er feinem Auftraggeber irgenwohin Nachricht zu geben hatte, wenn der Schirmtausch geglückt war, stand außer Zweifel, aber feine Angst vor ihm war größer als die vor dem Richter; er war nicht zum Reden zu bringen.
Er schien die Entdeckung des Diamanten vorläufig mehr für einen unglücklichen Zufall zu halten und leugnete entschieden, irgend etwas damit zu tun zu haben. Boningers Mitteilung, daß die Sache gemeldet war, betrachtete er als Falle und verlangte höhnisch zu wissen, wer denn solchen Unsinn behauptet hatte.
Böninger suchte Holk, der Dina ins Präsidium begleitete, wo sie ihre Aussage zu Protokoll gab.
„Holk, bitte nennen Sie mir den Namen Ihres geheimnisvollen Unbekannten! Ich kann nicht länger darauf verzichten."
„Muß es wirklich fein?" fragte Holk zögernd.
„Es ist meine letzte Chance, den Kerl zum Spre- chen zu bringen. Und sprechen muß er, sonst entgeht uns das Chamäleon doch wieder. Können Sie es verantworten, wenn durch Ihre Diskretion diese Bestie wieder auf die Menschheit losgelassen wird?" Böninger war sehr exnst geworden.
„Wenn es so steht, muß ich natürlich den Namen preisgeben."
„Kommen Sie mit zu dem Mann. Wenn Sie es ihm selber sagen, wirkt es noch mehr."
Als der Verhaftete Mikenys Namen hörte, gab er auf. „Dieser verdammte Musikant", sagte er außer sich. „Wie oft habe ich den Boß vor ihm gewarnt. Der Kerl hat nie richtig mitgemacht."
„Ader doch mitgemacht!" sagte Holk voller Ekel, als er auf diese Weise bestätigt bekam, was er seit Mikenys Anruf befürchtet hatte.
„Weil er mußte! Jeder muß, wenn der Boß es will!" gab Springer in feinem Stolz auf den Boß unbewußt eine Art Ehrenrettung für Mikeny.
jedenfalls entgeht er uns diesmal nicht, dafür wird Mikeny sorgen", erklärte Böninger mit einer Sicherheit, die er durchaus nicht fühlte. „Wenn Sie uns aber Zeit sparen, werde ich mich nachher für Strafmilderung einsetzen, das verspreche ich Ihnen. Also nutzen Sie die Gelegenheit, Mann! Wohin sollten Sie Nachricht geben?"
Einen Augenblick noch zögerte Springer, aber dann dachte er an sich selbst und an das Schicksal, das feiner wartete: eine Fürsprache des Kommissars war nicht zu unterschätzen.
„Nach Zürich, hauptpostlagernd", gestand er mürrisch.
„Weiter wissen Sie nichts?"
„Weiter weiß ich nichts", versicherte Springer. Man merkte, daß er diesmal die Wahrheit sagte.
„Sie wollten den Mann schützen — Rücksicht auf Frau Wegner?" fragte Böninger, als er mit Holk allein war.
„Nicht Frau Wegners wegen. Er selbst bat mich, seinen Namen zu verschweigen. Nur heute — morgen fei es nicht mehr nötig."
„Ich verstehe", nickte Böninger. jmmerhin ein anständiger Abgang", setzte er nach einer Weile hinzu. Damit war die Angelegenheit, soweit sie Joe Mikeny betraf, für ihn erledigt.
Don dem Augenblick an, in dem Springer sich entschloß, Zürich zu nennen, war die Suche nach dem Chamäleon natürlich vereinfacht. Böninger startete noch abends mit einem Sonderflugzeug zur Unterstützung der schweizerischen Kollegen und zur genauen Berichterstattung. Dennoch ging die Nacht darüber hin, bis man festgestellt hatte, daß nur ein kleines, sehr solides Hotel der Innenstadt als Unterkunft des Gesuchten in Betracht kam. Dort war am Tag vorher ein Mann abgelegen, der sich Mr. Greenwood aus London nannte, Straßenname unleserlich. Greenwoods gab es in London viele, aber die Handschrift zeigte bei näherer Prüfung unverkennbare Aehnlichkeit mit der des Anmelde- zettels, den vor einigen Wochen Mr. Griffln im „Claridge" ausgefüllt hatte. Nachdem man sich hiervon überzeugt hatte, begab man sich rasch ins Hotel — und doch nicht rasch genug.
Mr. Greenwood-Griffin war wegen einer gewissen Nervosität, die seine Abgebrühtheit sonst nicht kannte, sehr früh ausgestanden. Don dem Mißlingen seines Planes hatte er keine Ahnung, das Maske- wechseln war nur eine feiner üblichen Vorsichtsmaßregeln gewesen.
Trotz der frühen Stunde frühstückten noch zwei Leute außer ihm. Der aufmerksame Kellner hatte den Rundfunk anaedreht. Mr. Grifsin hörte nur mit halbem Ohr hin; er überlegte, auf welchem Wege er nach Empfang der Postkarte, die „viele Grüße von seinem Neffen Jimmy" bringen mußte, Springer folgen sollte. Da fiel ein Name, der ihn die Tasse niedersetzen ließ, als habe er sich verbrüht. Der Ansager berichtete von dem Unglücksfall des berühmten Geigers Mikeny, der sich auf einer Schitour verirrt habe und erfroren sei. Sein Tod versetze unzählige, die sich an seiner Musik erfreut hätten, in aufrichtige Trauer.
Mr. Grifsin wußte in derselben Sekunde, daß er die größte Dummheit seines Lebens gemacht hatte, als er sich von seinem Triumphgefuhl hinreihen
ließ, Mikeny die Wahrheit über den „Blue Ray" entgegenzuschleudern. Daß er diesen Triumph so teuer bezahlen würde, hätte er nicht geglaubt, nicht geglaubt, daß Mikeny einer Frau wegen den Mut finden würde, den er für sich selbst niemals aufgebracht hätte. Der Stein war verloren, und wenn sie Springer bekamen — woran er nicht zweifelte —, dann dauerte es nicht lange, und er hatte die Spürhunde auf feiner Fährte.
Im Bewußtfein der Gefahr verschwand feine Nervosität, und er wurde wieder der kalt überlegende Rechner. Er beendete rasch sein Frühstück — nur nicht abbrechen, das würde auffallen — bezahlte und erhob sich ohne betonte Eile mit der Geschäftigkeit eines Menschen, der seinem Beruf nachgeht.
Im Vorübergehen bat er im Büro, seine Rechnung bereit zu halten, und eilte die Treppe hinauf, da der List im Betrieb war. Im Zimmer angelangt, packte er in rasender Geschwindigkeit seinen Koffer, vergewisserte sich, daß die Pistole schußbereit in der Manteltasche steckte, und öffnete die Tür.
Ein Blick genügte — es war also doch zu spät! Die Männer, die da scheinbar zufällig auf dem Flur standen, erkannte er auf den ersten Blick als Kriminalbeamte, und die beiden, die jetzt von der Treppe herkamen, waren natürlich die Oberbonzen, die den Triumph genießen wollten, das berühmte Chamäleon endlich gefaßt zu haben.
Er hatte die Tür verschlossen und lehnte schwer atmend an der Wand. Sein Blick ging zum Fenster — zweiter Stock und unten Asphalt, auch keine Regenrinne zum Hinabgleiten. Abgesehen davon — solche Anfänger waren die Kerle nicht, die hatten auch unten ihre Leute stehen.
Er hörte die Schritte vor feiner Tür Haltmachen. Sie würde nicht viel Widerstand leisten; Doppeltüren gab es in diesem alten Hause nicht. War nicht schon jemand im Zimmer? Er zuckte heftig zusammen: ganz deutlich hatte er eine Stimme gehört, eine wohlbekannte melodische Stimme: „To be hanged on the nack!“ Unwillkürlich faßte er mit der Hand an den Hals, als spüre er schon die würgende Schlinge. Es mochte ftimmen: die Engländer hatten die größte Rechnung stehen. Also hatte der Tote ihn doch besiegt. Zum Satan! Wollte er ihn noch verhöhnen? Schon wieder hörte er seine Stimme: „To be hanged — niemals!"
Das harte Klopfen an der Tür fiel mit dem Klang des Schusses von drinnen zusammen. Dann standen die beiden Kommissare vor dem, was von Mr. Griffin übrig war.
,J>at dem Henker die Arbeit erspart", sagte Bö- irinaer finster, als er auf den Toten niederblickte.
„Und die Welt von einem der größten Halunken befreit", fügte sein schweizerischer Kollege hinzu.
Das war die Leichenrede für das Chamäleon. — Wir gehen noch mal auf den vorherigen Tag zurück, zu den beiden Menschen, die durch eine merkwürdige Verkettung von Umständen in die Bahn dieses Verbrechers geraten waren und das Hindernis wurden, das ihn zu Fall brachte.
Es war schon recht spät geworden, als sie endlich Zeit fanden, nun auch an sich und ihre eigene Angelegenheit zu denken. Sie saßen in einer kleinen ruhigen Weinstube, beide erregt und gleichzeitig unsicher in Gedanken an das, was noch zu sagen war. Sie redeten darum zuerst krampfhaft von un- persönlichen Dingen, von Mr. Grifsin und Dönin- gers Aussichten, ihn zu fassen, vom „Blue Ray"
und dem Aufsehen, das seine Wiedererlangung machen würde. Natürlich wurden die Ereignisse erst nach der Ergreifung des Chamäleons der Oeffent- lichkeit bekannt gegeben, damit er nicht gewarnt wurde. Aber dann kam eine Frage, die Holk während der ganzen Zeit gefürchtet und bisher mit Geschick umgangen hatte: „Woher wußten Sie, daß man mir den Stein mitgegeben hatte?"
Fetzt gab es kein Ausweichen yrehr. „Von Mikeny. Er rief mich von Arosa aus an", sagte er zö^rnd.
Ihre Augen weiteten sich vor Erstaunen. „Mikeny? — Aber wie konnte er es wissen?"
„In seiner Stellung erfährt man viel", war die Antwort.
„Mikeny hat uns mit Grifsin bekannt gemacht." Sie flüsterte es fast, von jähem Schreck erfaßt. „Es — es kann doch nicht möglich fein, daß er..."
„Ein Zufall, weiter nichts , beruhigte Holk wider besseres Wissen. „Ich glaubte allerdings aus Ihrem Kommen schließen zu dürfen, daß Ihr Interesse für ihn..."
Sie unterbrach ihn sofort: „Das ist vorbei! Nur — wir sind nicht als Feinde geschieden."
Und trotzdem rettete Mikeny sie vor dem Chamäleon, opferte sich selbst für diese Rettung — das sah ihm fo gar nicht ähnlich.
„Fhr Entschluß ist sehr — plötzlich gekommen?" sagte er nach einer Pause nachdenklichen Schwei- gens.
Dina fühlte, wie ihr Herzschlag aussetzte: jetzt ist der gefürchtete Augenblick da! Jetzt muß sie ihm das Zusammentreffen in ihrem Hotelzimmer schildern! Sie hat hundertmal in Gedanken überlegt,, wie sie es ihm sagen will — nun, da es so weit ist, haftet auch nicht einer dieser wohlvorbereiteten Sätze mehr in ihrem Gedächtnis.
„Es ist etwas geschehen, wodurch...", beginnt sie zögernd, dann stürzt sie sich kopfüber hinein. Kein Suchen mehr nach den richtigen Worten; sie spricht, wie es der Augenblick eingibt, und verschweigt auch nicht, welch tiefen Eindruck Mikenys Worte zuerst aus sie gemacht haben. „Und dann küßte er mich, und damit war alles aus: ich konnte die Berührung nicht ertragen!" Ihr Gesicht zieht sich jetzt noch in Abwehr zusammen.
„Aber so weit mußte es doch erst kommen", sagte er leise.
Sie senkte etwas den Kopf, um die Unruhe zu verbergen, die in ihren Augen aufstieg. „Ich habe wohl gedacht, daß Sie das sagen würden, ihre Stimme schwankte leicht, „und es hat mich die ganze Zeit gequält, daß ich es Ihnen erzählen mußte. Aber bedauern kann ich es dennoch nicht, daß es geschah; ich wäre sonst noch lange nicht zu einer klaren Erkenntnis gekommen."
Er sah sie an. „Und warum haben Sie es m'.r erzählt? Ich brauchte es doch nie zu erfahren."
Sie wich feinem Blick nicht aus. „Weil ich es Ihnen schuldig bin, und weil — ich will nicht mit einer Unaufrichtigkeit — neu anfangen."
Sein Gesicht ist hell geworden, er streckt ihr die Hand entgegen. „Neu anfangen — wir zusammen, Dina?"
Sie legte die ihre hinein. Daß es das wirklich gibt, vor Glück meinen zu müssen! denkt sie und lächelt unter Tränen.
Als ihre Händ sich losen, ist der erste Schrttt auf dem neuen Pfad getan. Endk


