Ur. 71 Zweites Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheffen)
8reitag.24. März 1939
Aus her Stadt Gießen.
Ifühlingsanfang - eine Enttäuschung.
Am Dienstag war Frühlingsanfang. Jeder konnte ffich davon überzeugen, wenn er einen Blick auf den Kalender warf. Doch es war eine schmerzliche lUeberzeugung. Für alle und jeden.
Fangen wir mit den Dichtern an. Für sie bedeutete dieser „Frühlingsanfang" einfach eine Katastrophe. Denn natürlich hatten sie ihn besingen wol- len, als Träger der Aufgabe, die Sehnsucht ihrer Mitmenschen in dichterischer Form schön und befriedigend auszudrücken. Die Sehnsucht der Mitmenschen umgab sie von allen Seiten, die Form stand "längst vor ihrem geistigen Auge, aber der Inhalt fehlte. Und was ist Form ohne Inhalt? Noch bis gum Vorabend hatten sie gehofft: „Nun muß sich Alles, alles wenden." Doch die Wettervoraussage Mr den nächsten Tag war vernichtend. Und der prompt einsetzende Schneeschlackersturm bestätigte sie. Alle Hoffnungen und Dichterpläne wurden zu Schnee.
Die Natur hat^le sich „natürlich" auch auf den bedeutungsvollen Tag vorbereitet. Unter dem Leitwort „Bereit sein ift alles" waren die Krokusse um möglichst zahlreiches Erscheinen gebeten worden, die dicken Knospen der Osterlilien oder gelben Narzissen ?rsucht, sich bis zum Platzen anzustrengen. Würden oieForsythien an besonders günstigen Standorten es iielleicht liebenswürdiger und dankenswerterweise ^möglichen können, wenigstens kleine gelbe Sternchen zur Entfaltung zu bringen? Die'Meisen ver- Iprachen, die Botschaften im Wege direkter Ueber- iTagung von Schnabel zu Schnabel weiterzugeben, und die Buchfinken hatten bereits am letzten Sonn- mgmorgen sich von der Sonne für ihre schöne Aufgabe erwärmen lassen und ihren Gesang nach der igenen Melodie von „die Finken schlagen" erprobt, :°is jähe Schneeschauer ihnen das Lied vom Schnabel rissen. Aber das war schließlich noch am belanglosen 19. März gewesen. Der 21., das war der ,roße Tag „Frühlingsanfang". Da mußte sich eben /.alles, alles wenden."
Nun, er kam. Wie, wissen wir. Leider. Das Wetter enthüllte seine ganze abgrundtiefe Schlechtigkeit. Es war so schlecht, daß weder die Dichter, wch die Natur, noch die Narzissen, Meisen, For- 7)thien, Finken und Kalender dagegen kamen. Das Wetter siegte mit eiskaltem Hohn. Die Dichter gaben Lden dichterischen Versuch auf. Die gelben Nar- Wenknospen stöhnten ängstlich: „Wenn wir jetzt nur lach all der Anstrengung nicht noch im letzten Augenblick vor Wut platzen!", und als eine über- «ewissenhafte Meise kältezitternd ihren Gutsnach- larn, den Buchfink, fragte: „Werden Sie trotz allem Dren neuesten Schlager zum besten geben?" gab Her nur verächtlich zurück:
„Ihnen piept es wohl? So ein Quatsch, bei diesem Schnee, Sturm und Matsch!"
Womit Frühlingsanfang schließlich doch noch in 'form und Inhalt besungen wurde.
Und auf seine Programmwidrigkeit scheint sich liieser eigenartige „Frühlingsanfang" auch noch twas einzubilden. Denn er hat bisher nicht die geringste Spur von Besserung gezeigt In der letzten 'tacht hat er sogar wieder mit reichlichem Schnee- mll aufgewartet und uns heute früh eine richtige >ezember-Landschaft vor die überraschten Blicke gemacht. Als gewissenloser Gaukler ließ er dann auch od) den Regen mit seiner Visitenkarte aufwarten, lind so was nennt sich auch Frühlingsanfang.
E. v. M.
Vornotizen.
Tageskalender für Freitag.
Gießener Goethe-Festwoche: 20 Uhr in der Neuen l.iula Feierstunde unter Mitwirkung des Städtischen inchesters. Es sprechen Reg.-Rat Hein Schlecht Bekenntnis zur deutschen Dichtung" und Hans C a - 130 f f a „Wirkungen Goethes in der Gegenwart". — i lttoria-Palast, Seltersweg: „Prinzessin Sissy". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der grüne Kaiser". - Frühjahrsmarkt (Schaumesse) auf Oswaldsgarten.
Schaffende sammeln - Schaffende geben!
Musterung der Geburtsjahrgänge
1906 und 1907.
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Bei der von der Deutschen Arbeitsfront am 25. und 26. März durchgeführten letzten Reichs» straßenfammlung für das Winterhilfswerk sammeln auch Betriebsführer und Betriebsobmänner. Alle Schaffenden geben noch einmal nach besten Kräften. — (Bild: Archiv DAF., Gauwaltung Hessen-Nassau.)
Die Wehrpflichtigen der Geburtsjahrgänge 1906 und 1907 haben sich vom 28. März ab an den von den zuständigen Behörden bestimmten Mustezmngs- tagen Zlir Musterung zu stellen. Auch die Wehrpflichtigen der beiden Jahrgänge, die im Jahre 1937 militärärztlich untersucht, oder bereits in der Wehrmacht, der ^-Verfügungstruppe oder der Landespolizei gedient haben, müssen zur Musterung erscheinen Ausgenommen sind diejenigen Wehrpflichtigen, die sich in der Zeit vom 28. Marz bis 31. Mai 1939 in der Wehrmacht oder ^-Verfügungstruppe befinden.
Schuljugend wird über Waidbrandgefahr belehrt.
Im Rahmen der auch in diesem Jahre wieder durchgeführten Aktion zur Waldbrandbekämpfung hat der Reichserziehungsminister eine besondere Aufklärung in den Schulen angeordnet. Immer wieder werden burti) das Abkochen 'm Walde oder durch leichtfertiges Umgehen mit Feuer Waldbestände gefährdet oder sogar vernichtet. Die Lehrer aller Schulen und die Schulvorstände werden er-
Lezevl Bei ErkülkW, GriMMM:
Erwachsene trinken kurz vor dem Zubettgehen möglichst heiß zweimal je einen Eßlöffel Klosterfrau- Melissengeist und Zucker mit etwa der doppelteir Menge kochenden Wassers gut verrührt. 2100V Darauf schläft man gut und fühlt sich am anderen Morgen meist merklich wohler. Zur Nachkur nehme man noch einige Tage die halbe Menge.
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Platzkonzerte.
Anläßlich der Reichsstraßensammlung der DAF. spielen folgende Musikzüge:
Am Samstag von 8.30 bis 12 Uhr der M u - sikzug der SA. - Standarte 116 auf verschiedenen Plätzen der Stadt;
von 15.30 bis 16.30 Fliegerhorst-Kapelle auf dem Ludwigsplatz;
von 16 bis 17 Uhr das Musikkorps I R. 116 am Kreuzplatz; von 16 bis 17 Uhr die Werkscharkapelle der DAF., Abt. Luftfahrt, Bahnhofsplatz.
von 17 bis 18 Uhr die Kreiskapelle der NSDAP, am Selterstor;
Verkehrserziehungeaktion vom 27. März bis 6 April.
NSG. Die hessischen Polizeibehörden werden in Gemeinschaft mit den Polizeibehörden angrenzender preußischer Gebietsteile in der Zeit vom 27. März bis 6. April eine umfassende Verkehrserziehungsaktion durchführen. Diese Aktion Dient einer scharfen Ueberwachung darüber, inwieweit die Vorfahrtbestimmungen der Straßenverkehrsordnung beachtet werden. Wie die Unfallstatistik zeigt, ist ein außerordentlich großer Prozentsatz aller Verkehrs Unfälle auf die Nichtbeachtung der Vorfahrt zurückzusühren. Man sollte annchmen, daß angesichts dieser allgemein bekannten Tatsache alle Verkehrsteilnehmer sich die Vorfahrtbestimmungen vollkommen zu eigen gemacht haben, sie nicht nur wissensmäßig beherrschen, sondern auch jederzeit praktisch anwenden. Die Verkehrsteilnehmer, und zwar nicht nur die Kraftfahrer, sondern auch -Fuhrwerkslenker und Radfahrer, die sich in der Beherrschung der Vorfahrtsbeslimmungen nicht ganz sicher fühlen, haben Gelegenheit, au dem vom NSKK. durchgeführten kostenlosen Verkehrsunterricht teilzunehmen. Auf die diesbezüglichen Veröffentlichungen des NSKK. wird hingewiesen. Neben der für die Vorfahrt grundlegenden Bestimmung des § 13 STVO, ist der § 9 Abs. 1 Satz 3 der STVO, ganz besonders zu beachten, wonach derjenige, der in eine Hauptstraße öinbiegen, oder diese überqueren will, mäßige Geschwindigkeit einzuhalten
hat. Hierunter ist zu verstehen, daß der sich der Hauptstraße nähernde Verkehrsteilnehmer sich an diese mit äußerster Vorsicht herantasten, unter Umständen auf Schrittgeschwindigkeit heruntergehen bzw. anhalten muß. Diese Vorsicht ist auch dann erforderlich, wenn die Uebersichtsverhältnisse anscheinend günstig liegen und ein Verkehrsteilnehmer auf der Hauptstraße im Augenblick nicht zu sehen ist. Die Vorfahrtsbestimmungen sind schon dann verletzt, wenn ein auf der Hauptstraße kommender Verkehrsteilnehmer durch die übermäßige Geschwindigkeit des aus der einmündenden Straße herannahenden Verkehrsteilnehmers in seiner Vorfahrt irgendwie behindert wird, fei es, daß er Warnzeichen geben, bremsen, ausweichen, oder halten muß.
Die Polizeibehörden sind angewiesen, gegen alle Verstöße gegen die Vorfahrtsbestimmungen mit äußerster Strenge (Anzeige, kurzfristige Entziehung der Fahrterlaubnis, Vorführung, Vorführung vor den Schnellrichter, endgültige Entziehung des Führerscheins, bei Radfahrern vorübergehende Wegnahme des Fahrrades) vorzugehen.
Lornotizen.
Slabtthealer Gießen.
Die heutige Vorstellung des Stabttheaters für die Freitag-Miete fällt wegen bes Carofsa-Abenüs ber Goethe-Festwoche aus.
sucht, jebe Gelegenheit zu benutzen, bei ber Schul- jugenb Verständnis dafür zu wecken, baß burch solches fahrlässiges Verhalten bem Volksvermögen schwerer Schaben zugefügt wirb, der mit Rücksicht auf bie Knappheit an Rohstoffen unb bie Durchführung bes Vierjahresplanes unbebingt vermieben werben muß. Es sei barauf hinzuweisen, baß bas Feueranzünben im Walde strafbar ist unb baß außerbem ber Täter ober seine Angehörigen für allen Schaben haftbar gemacht werben, ber burch einen Walbbranb entsteht. Besonbers während ber Schulwanbertage sollen bie Schüler unb Schülerinnen barauf hingewiesen werben, baß beim Feuer- anmachen in ber Nähe eines Walbes äußerste Vorsicht zu beachten ist unb baß auch sonst alle behörd- lichen Anorbnungen bei Wanberungen peinlichst zu befolgen sinb. <
Das Treudienst-Ehrenzeichen überreicht.
Am 23. März ist bem Regierungs-Medizinalrat Dr. Diehl vom Versorgungsamt Gießen aus Anlaß feines 25jährigen Dienstjubiläums vom Führer das silberne Treubienst-Ehrenzeichen verliehen worben. Die Auszeickinung würbe bem Jubilar in würdiger Weife von dem Amtsleiter überreicht.
Memelfeier Ser Ostdeutschen in Sieben.
Die im Bund heimattreuer Schlesier zusammen- geschlossenen Ostdeutschen hielten am gestrigen Donnerstagabend im „Pfälzer Hof" eine Memel-Feier ab, der auch ber Ortsgruppenleiter ber NSDAP. Gießen-Süd, Grahlmann, beiwohnte, ber während der Zeit der Aufstände in Oberschlesien tätig war.
Bundesgruppenleiter H. K o st o r z widmete zunächst dem ältesten der Heimattreuen Oberschlesier, dem verstorbenen Landsmann Joh. W i l s ch , einen Nachruf, der mit seiner Familie aus dem Elsaß aus- gerniesen worden war und sich dann in Gießen bei
Gießener Goethe-Festwoche.
Festkonzert des Konzcrtvereins.
Wenn im Rahmen der Gießener Goethe-Festwoche (wethe-Vertonungen von Schubert und Hugo Wolf em Sonderplatz im Symphoniekonzert eingeräumt ■Jijurbe, so geschah das mit vollster Berechtigung; denn durch Goethe sand Schubert den Weg für das moderne Siieb und Goethes Gedichte stehen im Vordergrund seines gesamten Liedschaffens; ebenso ift aber auch
go Wolf dem Weimaraner verpflichtet; eine ganze schaffe nsp*riode ift nur Goethe gewidmet. Ja, ohne Eoethe wäre die Entwicklung des deutschen Liedes un 19. Jahrhundert schlechthin undenkbar.
SErich Meyer-Stephan (Bariton), Frankfurt am Euin, hier hauptsächlich als Oratoriensänger bekannt, h-wies und bewährte sich diesmal als ein äußerst befähigter Liedgestaltcr, der an dem Erlebnis des Richters und des Musikers seine Kräfte entzündet niib aus den Bedingungen des Liedes heraus gestaltet lckd darstellt. Mit Sicherheit erfaßt er den entschei- dmden Blickpunkt für das Werk und geht mit starkem Einfühlungsvermögen auf die einzelnen Entwick- Irngsmomente ein und läßt Text und musikalische Eme zu gehobenster deklamatorischer Ausdruckskraft verschmelzen. Die „Lieder des Harfners^ von Hugo £oolf erwuchsen so aus der seelischen Situation des inneren Gequältseins bis zur Verzweiflung hin, in erier Unmittelbarkeit und wahrer Echtheit, die jeden ttixten, ergreifen mußte, verstärkt durch die eindrmg- iioge Orchesterbegleitung. In Schuberts „Prome- II:us" (instrumentiert von Max Reger) erhob er sich ii plastischer Kraft der Deklamation mit dramatisch müllten Akzenten. „Die Nähe des Geliebten" zeigte h» dagegen als Lyriker, der bie wiederkehrende Eroph'e, bem Text entsprechend, stets neu erfüllte, tr weichen Nachgeben ber gefühlsgebunbenen Kan-
; üi?ne bei schönen stimmlichen Sonberwerten.
Unter Professor Dr. Stefan Temesvary war bnydns Symphonie Nr. 31 (D*dur) („Mit bem birnsignal; auf dem Anstand") von echter, biefem ! k-rk ganz besonbers zustehenber Mufiziersreude ge» teigem Prächtig erklang das Allegro in feiner ge- Dinnenben Frische mit den Grundakzenten. Die beenden Sätze würben zu einem saft kämme r- nMalifchen Musizieren voll Feinheit und Nachgiekng- H; ein Schwelgen und Eingehen au’einanfcer in iE.sgeglichenheit und Tonschönheit, fast als ein gegen* eiliges Sichüberbieten. Gerade dieses inhaltlich so iiOroblematifch und unkompliziert erscheinende Werk . i[yte die Vorzüge ber Einzelkräfte ins hellste Licht, ic;onber§ aber gilt bas für unsere Hornisten, bie mit
Weichheit bes Klanges,sauberster Thematik unb unbedingter Sicherheit volles Lob verdienen.
Beethovens „Achte" ließ Prof. Temesvary in seiner eindringenden Durchgliederung bes Aufbaus, seiner geradezu abgeklärten Auffassung zum bewegenden Erleben werden. In Klarheit und beherrschter Stärke band er Ausdruckskraft und Darstellungsmittel zu schönster Einheit. Im Eingangssatz traten die Themen in ihrer bestimmenden Gegensätzlichkeit heraus; groß war die Steigerung in ber Durchführung vor Eintritt ber Reprise angelegt; bie Koba entwickelte sich organisch wertgenxäß mit ihrem Einhalten und Entfalten. Durchsichtig und graziös anmutig erblühte das Allegretto. Naturnah gab sich das Menuett, besonders schön aber mit seinem köstlichen Musizieren im Trio. Das Finale war mit treibendem Impuls durchblutet: seine Geisteswelt des feinsinnigen Humors erschloß sich in allen Stadien und breitete sich ans; bei steter Einsatzbereitschaft schönsten, reifsten Könnens an allen Pulten unseres bewährten Orchesters.
Verdienter, starker Beifall ehrte und belohnte alle am Werk beteiligten. Dr. Hermann Hering.
Schicksale des Bernsteins.
Von Heria Busowieh.
Ein Blick auf die formschönen, künstlerisch hochwertigen Erzeugnisse der modernen Bernstein- Industrie überzeugt uns immer erneut, daß ein Kunsthandwerk, durch den Talmi der Nachkriegs- jahre für eine Zeit verdrängt, mit der Forderung nach Gediegenheit und Schönheit in den letzten Jahren wieder zu Ehren gelangte.
Die Schönheit des Materials, dis reiche Skala der Farbtöne vom zartesten Gelb bis zum warmen Braun eines Rehauges lassen uns gern glauben, daß bereits im frühesten Altertum unser Bernstein die Rolle eines beliebten Schmuckmaterials und damit eines begehrten Handelsartikels spielte. Die alten Aegypter schätzten ihn-ebenso wie die Phönizier, die übrigens einen regen Tauschhandel mit den Anwohnern der nordischen Küste pflegten. In jener Zeit stand der Bernstein im gleichen Werte wie das Gold.
Wir wissen auch, daß Mohamed ein Gebot erließ, die Gebetskränze aus Bernstein fertigen zu lassen. Und wenn Kaiser Nero eine Expedition über die Alpen und rheinabwärts, der sogenannten „Bernsteinstraße" folgend, zu den nordischen Händlern sandte, um das honigfarbene Harz zu erwerben und nach Rom schaffen zu lassen, so ist uns das ein
weiterer Beweis, daß der Bernstein in damaliger Zeit in der Beliebtheit dem Golde nicht nachstand. Einen Wettstreit der Eitelkeit versuchten die Kaiserin Poppäa und ihre Zeitgenossinnen mit den blonden Germaninnen; denn die schönen Römerinnen liebten es, ihrem Haar die Farbe des Bernsteins zu verleihen.
Im alten Griechenland erfreute sich das Gold unserer nordischen Küste ebenfalls hoher Wertschätzung. Das sagt seine Bezeichnung. „Elektron", so nannten es die Griechen und glaubten, es sei das zu Stein gewordene Sonnenlicht auf dem Meere. Dieser phantasievollen Deutung stehen die Sagen und Ueberlieferungen der einzelnen Völker nicht nach, 6ie sich ebenfalls mit dem Ursprung bes Bernsteins befassen. So heißt es z. B. in der antiken Phoetonsage, daß die Töchter des Eridanus den Sturz eines Jünglings vom Sonnenwagen erblickten, während sie sich über einen Abgrund beugten. Sie meinten heiße Tränen, die, ins Meer fallend, sich zum Bernstein verhärteten.
Die germanische Sage kennt eine sehr ähnliche Auslegung. Danach soll Freya, die Beschützerin der Familie und des Hofes, viele Tränen um ihren Gatten gemeint haben, der viele Jahre in der Fremde blieb. Diese Tränen, an den Küsten des Nordlandes vergossen, tropften ins Meer und bildeten. sich zum Bernstein.
Die Einschlüsse im Bernstein, z. B kleine Tiere unb Pflanzenteile, vermitteln uns anschaulich ein wertvolles Bild vom urweltlichen Wald unb feinen Lebewesen. Vor Millionen von Jahren tropfte bas Harz aus ben Stämmen der Baumriefen. Kleine Tiere fielen dieser honigähnlichen Masse zum Opfer, ebenso Teile von Pflanzen, die kein Wind mehr von der zghen Flüssigkeit zu lösen vermochte. Im Laufe der Jahrhunderte verhärtete sich das Harz und ver- steinte schließlich und mit ihm die kleinen Dinge, die es umschloß. Darum sind auch heute noch die Stücke mit sogenannten Einschlüssen nicht nur von der Wissenschaft, sondern auch für ben Handel sehr begehrt
Noch ein Wort über bie Gewinnung bes Bernsteins. Wir wissen alle, baß er in Ostpreußen, ins* befonbere in Palmnicken, im Tagebau geförbert wird, wo riesige Erdmassen von schweren Baggern bewegt werden, um die bernsteinhaltige „Blaue Erde" in die Wäscherei zu befördern. Durch eine hier vorgenommene Behandlung mit dicken Wasserstrahlen ergibt sich ein trüber Brei, aus dem nun bas kostbare Harz herausgewaschen'werben kann.
Allerbings kennt man an ber Samlanbküste auch noch eine anbere Art ber Bernsteiygewinnung. Hier ist bie Tangfischerei zu Hause. Der Fischer muß mit
seinen hohen Wasserstiefeln unb Oelzeug in bie Branbung steigen, um ihr ben Tang zu entreißen, ben er in großen Käschern abfängt. Aus diesem Tang werden dann die mehr ober weniger großen Stücke Bernstein herausgelesen.
Uebrigens ergibt bie Bernsteingewinnung auch einen verhältnismäßig großen Prozentsatz von Abfällen. Währenb bieje in früheren Zeiten kaum von Wert waren, hat beutscher Erfinbergeist hier eine Wanblung geschaffen. Eine chemische Verflüssigung bes Bernsteins ergibt u. a. eine Masse, deren isolierende Eigenschaften für die Rundfunk- unb Elektroindustrie von Wert sind. Ebenso bedeutet die Herstellung des bekannten Bernsteinlackes eine wesentliche Einschränkung der Einfuhr fremdländischer Erzeugnisse; denn dieser Lack eignet sich vorzüglich als Ueberzug für Metalle und Holz.
Wir werden in den nächsten Tacken Gelegenheit haben, auch bei bescheidensten Mitteln ein Stückchen unseres einheimischen Goldes zu erwerben. Hauchdünne Blättchen mit feinsten Rippen, zarte Schneeglöckchen, Glockenblumen, Maiglöckchen aus echtem Naturbernstein wollen sich zur Reichsstraßen- s a m m l u n g für das Winterhilfswerk am 25. unb 26. März unsere Herzen erobern.
Sochschulnachrichten.
Professor Dr. Rvbert von O st 6 r t a g, ber frühere Leiter bes Deterinärwesens im Wüttembergi- schen Innenministerium, 75 Jahre alt. 1891 wurde er an der Tierärztlichen Hochschule Stuttgart zum Professor für Fleischbeschau und Seuchenlehre ernannt unb ging von dort als Professor der Hygiene an die Tierärztliche Hochschule Berlin. 1907 wurde er als Direktor ber Veterinärabteilung in bas Reichs- gesundheitscinrt berufen, 1919 als Vortragender Rat ins Reichswirtschaftsministerium. Später ging er als Ministerialrat an das Württembergische Innenministerium in Stuttgart, wo er gleichzeitig Vorstand des Württembergischen Tierärztlichen Landesuntersuchungsamtes wurde. 1930 erfolgte feine Ernennung zum Präsidenten im Innenministerium mit der Amtsbezeichnung Ministerialdirektor. Seit 1933 ist von Ostertag im Ruhestände. Die Hochschulen in Wien, Berlin, München und Gießen ernannten ihn zum tierärztlichen Ehrendoktor, während bie Universität Tübingen ihn zum Ehrendoktor ber Naturwissenschaften ernannte. Ostertag ist Inhaber ber Goethe-Mebaille und der Eothenius-Medaille sowie ber zu seiner Ehrung gestifteten Robert-von-Oster- tog-Plakette. Zu seinen besonderen Verdiensten gehört die Entdeckung bes nach ihm benannten Tuber- kulosebekämpfimgsoerfahrens beim Rinde.


