Ausgabe 
23.9.1939
 
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neuert damit nur seine unrühmliche Tradition, die in mittelalterlichem Freibeutertum und völkerrechts­widriger Hungerblockade keine Schande für ein ehr- liebenoes Volk sieht. Wir sind darin anderer Mei­nung, aber wir sind entschlossen, jeden Schlag Eng­lands mit den gleichen Waffen zu parieren, denn in dem uns aufgezwungenen Kampf für unser Lebens­recht und unsere Selbsterhaltung müssen wir auch auf der Ebene, auf der England anscheinend in der Hauptsache den Krieg zu führen gedenkt, die Ab­wehr mit aller Kraft und mit allen gebotenen Mit­teln führen. Das hat zunächst zur Folge gehabt, daß wir die Ausweitung des Begriffs der Konterbande durch England mit gleichen Maßnahmen beantwor­ten mußten. Deutschland war gewillt und seine Prisenordnung beweist es sich auch hier streng an die internationalen Grundsätze des Seekriegs­rechts zu halten, um den Handel der Neutralen so wenig wie möglich in Mitleidenschaft zu ziehen. Aber England tut alles, die Wirtschaft der Neutra­len unter feine Kontrolle zu bekommen, um Liefe­rungen an Deutschland zu unterbinden. Dem dient die allem Völkerrecht hohnsprechende Praxis Eng­lands, von den durch britische Kriegsschiffe angehal­tenen neutralen Handelsschiffen den Nachweis zu verlangen, daß die an Bord befindliche bedingte Bannware, wie z. B. Lebensmittel, nicht für die feindliche Streitmacht oder den feindlichen Staat bestimmt sind. Der gleiche Zweck liegt vor, wenn britische Kriegsschiffe auch solches bedingtes Bann­gut beschlagnahmen, das in einem neutralen Hafen ausgeladen werden soll. Hunderte von neutralen Schiffen sind bereits unter willkürlicher Mißachtung des Völkerrechts von englischen Kriegsschiffen auf» aebracht und in die englischen Kontrollhäfen ge­schleppt worden, so daß die in der Versorgung der Bevölkerung wesentlich auf die Zufuhr von Uebersee angewiesenen neutralen Länder wie Belgien und Holland sich bereits in höchst bedrängter Lage be­finden.

Das ist gerade die Situation, die England herbei­führen möchte, um die Neutralen sich gefügig zu machen. Um nicht nur ihren Außenhandel, sondern auch ihre Binnenwirtschaft der englischen Kontrolle zu unterwerfen, verlangt England von den Neu­tralen, daß sie ihren jährlichen Bedarf an Lebens- Mitteln angeben und den Nachweis führen, daß die von ihnen eingeführten Rohstoffe nicht zur Anferti­gung von Gegenständen verwandt werden, die nach Deutschland ausgeführt werden sollen. Das wäre die Rückkehr zu dem unerhörten System der lieber» wachung, das im Weltkrieg das neutrale Wirtschafts­leben völlig lahmgelegt hat. Selbst die Schweiz ist damals davon nicht verschont geblieben. Mit der Drohung, auch die Zufuhr von Lebensmitteln für die Bewohner der neutralen Schweiz zu unterbin­den, hatten England und Frankreich im Jahre 1917 die Zulassung einer regelrechten Heberwachungs- behörde, der berüchtigten Soci£t£ Suisse de Sur- veillance, auf schweizerischem Boden erzwungen, um die Warenausfuhr von der Schweiz nach Deutsch­land unmöglich zu machen, eine nackte Vergewalti­gung, die England zu wiederholen im Begriff ist, wenn die Neutralen sich dagegen nicht energisch zur Wehr setzen, wozu sie heute, durch die Erfahrungen des Weltkrieges klug geworden, zur Vertretung ihrer gemeinsamen Interessen geeint und keineswegs mehr wirtschaftlich so von England abhängig wie vielleicht vor 25 Jahren, sehr wohl in der Lage sind. Die englische Wirtscha tsblockade führt mit den eben angedeuteten skrupello en Methoden ganz selbst­verständlich zu einer Verengung des Wirtschafts­raums der Neutralen und macht sie in letzter Konse­quenz geradezu zu Hilfsvölkern des englischen Wirt­schaftskriegs gegen Deutschland. Die Brüsseler und b^->enhagener Konferenzen der Oslostaaten haben ?igt, daß man in der nord« und westeuropäischen G. uppe der Neutralen diese außerordentliche Gefahr erkannt hat. Die nächste Zukunft schon muß lehren, ob man auch die Kraft finden wird, dieser Gefahr zu begegnen.

Darauf wird auch nicht (fang ohne Einfluß sein, welche moralische und faktische Rückenstärkung die europäischen Neutralen aus der Haltung der größ­ten neutralen Macht in Uebersee, der Vereinig­ten Staaten von Nordamerika empfangen. Die Regierung der Vereinigten Staaten hat im gegen­wärtigen europäifchen Konflikt ihre Neutralität er­klärt, und es kann kein Zweifel darüber sein, daß der weitaus größte Teil des amerikanischen Volkes mit dem Krieg in Europa nichts zu tun haben will und eine Politik verabscheut, die die Gefahr mit sich bringen müßte, die Vereinigten Staaten in den Konflikt hineinzuziehen. Die Veröffentlichung von Dokumenten aus dem Weltkrieg, die die schamlose Vermischung von Politik und Geschäft bloßlegten, als deren Folge die Vereinigten Staaten an der Seite der Alliierten in be/i Krieg eintraten und das amerikanische Volk Tausende seiner Söhne für die Sicherung der Profite von Waffenhändlern und Rüstungsfabrikanten auf den Schlachtfeldern Frank­reichs sterben sehen mußte, diese Enthüllungen hat­ten den Befürwortern einer strikten Neuttalitäts- gesetzgebung Oberwasser gegeben, die die Wieder­holung einer solchen Tragödie für alle Zeiten ver­hindern sollte. Das Neutralitätsgesetz vom 1. Mai 1937 verbietet grundsätzlich die Ausfuhr von Kriegs- gerät und im Kriegsfall auch den privaten Waffen­handel und indirekte Waffenlieferungen an krieg­führende Staaten, sobald der Präsident den Kriegs­zustand festgestellt hat. Dagegen können kriegswich­tige Rohstoffe an kriegführende Staaten verkauft werden, jedoch gemäß der vielbesprochenen Cash- and-Carry»ßlaufel nur gegen Barzahlung und bei Abholung auf eigenen Schiffen. Diefe Klausel war auf zwei Jahre befristet und ist demnach seit dem 30. April 1939 nicht mehr in Kraft. Sie hört sich zwar im ersten Augenblick sehr neutral an, ist es aber in der Praxis keineswegs, denn sie begünstigt selbstverständlich die Westmächte, die in der Lage sind, die von ihnen gekauften kriegsnotwendigen Rohstoffe auf ihren eigenen Schiffen abzuholen, wie es freilich mit der Barzahlung aussieht, steht nach dem Sturz des Pfundes auf einem andern Blatt. Aber gemeint war die Klausel jedenfalls als eine Chance, die man einseitig den Westmächten gab. Und so war sie auch von den Anhängern einer strikten Neutralitätspolitik, den sogenannten Isolationisten, verstanden worden, die deshalb alle Hebel in Be­wegung setzten, um die Erneuerung dieser Klausel zu verhindern und die Vereinigten Staaten auf die Linie einer strikten Neutralität zurückzuführen.

Schon im Frühjahr hat Roosevelt versucht, vom Kongreß eine Acnderung zu erreichen. Er wollte selbst das Recht haben, zu bestimmen, wer in einem Konfliktsfall der Angreifer und wer der Ange­griffene fei, und wollte das Waffenausfuhrverbot dann für den Angegriffenen aufgehoben wissen. Ferner soll die schon erwähnte Casch-and-Carry- Klausel erneuert und auch auf Flugzeuge, Waffen und Munition ausgedehnt werden. Der Präsident ist damals mit seinen Vorschlägen nicht durchge­drungen, der Kongreß vertagte sich, und Roosevelt war also genötigt, bei Ausbruch der Feindselig­keiten anfangs des Monats das Neutralitätsgesetz

zur Anwendung zu bringen. Aber er hat nicht ge­zögert, den Kongreß zu einer Sondersitzung ein» zuberufen, die am Donnerstag zusammengetreten ist. In seiner Botschaft an den Kongreß hat der Präsident an die Spitze seiner' Forderungen die Aufhebung des Waffenausfuhrverbots gestellt mit der Begründung, daß das Neutralitätsgesetzdie friedlichen Beziehungen der Vereinigten Staaten zu anderen Ländern beeinträchtige". Und Roosevelt sagt weiter:Ich schlage vor, dieses Land wieder auf die solide Grundlage einer realen und traditio­nellen Neutralität zu stellen." Es ist klar, daß eine so gefährliche Argumentation in Kongreßkreisen auf heftigen Widerspruch stoßen wird.

Fr. W. Lange.

Das Echo

der Kongreßbotschast in LtGA

N e u y o r k, 22. Sept. (DNB.) Diele Morgen­blätter begrüßen Roosevelts Rede als sachliche Erklärung zum Problem der Neutralität und als beruhigende Versicherung, Amerika vom Kriege fernzuhalten.New Pork Times" schreibt: Ohne zu verlangen, daß das ame­rikanische Volk den Weg des internationalen Rech­tes verläßt, schlägt der Präsident einen Plan vor, der das Risiko einer Kriegsverwicklung Amerikas verringert.New Port Herald Tribüne" sagt im Leitartikel, die USA. müßte dasHöchstmaß von Handlungsfreiheit" (!) wiedergewinnen, um den möglichen Entwicklungen der schwierigen Lage ent­gegentreten zu können.New Port Daily News" bezeichnet die Rede als eine der besten, die Roose­velt je gehalten habe, und meint, feine Erklärung, er fei entschieden gegen jede Kriegs- beteiligung Amerikas, dürfte eine Menge von Leuten beruhigt haben, die befürchteten, Roose­

velt wolle ähnlich wie Wilson Amerika aus Liebe zur notleidenden Menschheit in den Krieg ver­wickeln.Philadelphia Record" übt eine milde Kritik. Das Blatt zählt vier Einwände auf: die Einschränkung der Anleihen an Kriegführende solle auch auf Privatkredite ausgedehnt werden; nicht Roosevelt, sondern der Kongreß solle die Kriegs­zonen festlegen, der Kongreß solle für die Dauer des Notstandes seine Session nicht unterbrechen; schließlich solle Roosevelt das Argument weglassen, daß Kriegsaufträge Taufenden Beschäftigung geben würden.

Zu einer bemerkenswerten Friedensdemonstration kam es, als die Senatoren kurz vor Beginn der Tagung des Kongresses durch den Kuppelbau des Kapitols in den Sitzungssaal schritten. Von den in den Wandelgängen versammelten Männern und Frauen wurden amerikanische Flaggen geschwenkt und laute Zurufe ausgebracht wie: Friede! Friede! Friede!"Haltet uns den Krieg fern!"Schützt unsere Neutralität!" undSchickt unsere Jungen nicht nach F r a n k r e i ch!"

Nachdem Roosevelt seine Botschaft verlesen hatte, vertagte sich der Senat auf Montag, um dem Aus­wärtigen Ausschuß Gelegenheit zur Beschlußfassung über die ihm vorliegenden Gesetzentwürfe zur Aen- berung des Neutralitätsgesetzes zu geben. Unmittel­bar vor der Vertagung war auf einen scharfen Ein­spruch des Senators Pittman der Antrag des repu­blikanischen Senators Tobey a b g e l e h n t worden, die kürzlich gehaltene Rundfunkrede des Obersten Lindbergh, der in feinen Ausfüh­rungen für die unbedingte Neutralität Amerikas eintrat, den Kongreßakten einzuverleiben. Vormit­tags hielten siebzehn Senatoren, die sich der Auf­hebung des Waffenausfuhrverbots widersetzen, eine gemeinsame Sitzung ab, um die Richtlinien für die kommende Debatte festzulegen.

Rumänien lieferbereit.

Rumänien läßt sich in seinem Warenaustausch mit dem Reich nicht beeinträchtigen.

Berlin, 22. Sept. (DNB.) Der ehemalige ru- mimische Wirtschaftsminister und Großindustrielle Jon Cigurtu, Vizepräsident des rumänischen Abgeordnetenhauses, benutzte einen längeren Auf­enthalt in Deutschland, um mit führenden deutschen Persönlichkeiten in Fühlung zu treten. Cigurtu er­klärte auf die Frage, ob die deutsch-rumänischen Wirtschaftsbeziehungen durch den Krieg vielleicht beeinträchtigt werden könnten:Ich glaube, daß der deutsch-rumänische Warenaustausch keines­wegs gestört, sondern im Gegenteil noch enger gestaltet werden wird. Was die Liefe­rungen Rumäniens nach Deutschland betrifft, so kann ich sagen, daß wir liefern können und wollen und ich könnte mir vorstellen, daß Deutschland heute viel mehr als je für die Liefe­rung nach Rumänien frei hat, da alle jene Waren, besonders Maschinen und Investitions­güter, die bisher nach einigen anderen Ländern gegangen find, zur Ausfuhr nach den na­hen neutralen Staaten, also besonders für Rumänien, heute einen der größten Handels­partner Deutschlands, frei sind. Der deutsch- r um ä Nische Wirtschaftsvertrag ist die beste Voraussetzung für diese Entwicklung, Rumä- nien wird in wirtschaftlicher Hinsicht durch diese enge Zusammenarbeit in kurzer Zeit schon ein ganz neues Gesicht bekommen.

Neutralität bedeutet für uns mindestens das­selbe gute Verhältnisdas vor dem Kriege zwilchen unseren beiden Ländern geherrscht hat. Es ist selbstverständlich, daß wir uns in unserem frie­densmäßigen Handel mit dem Deutschen Reich von niemandem beeinträchtigen lassen. Im

Spiel der Kräfte Mittel- und Osteuropas eracksten wir die Großmacht Deutschland, die immer wirtschaftliche Interessen im Südosten haben wird, als geeignet, das Gleichgewicht zu stabilisieren und zu erhalten. Rumänien hat Interesse an einem Großdeutschland, wie auch Deutschland ein Inter­esse daran haben muß, daß die Donaumündun­gen in den Händen eines neutralen Landes find. Von diesem Standpunkt aus gesehen, ist für uns ober für einen Rumänen der Krieg heute eine unverständliche ziellose Sache, da einerseits Deutschland kein Kriegsziel aegen den Westen l)at und anderseits eine etwa von den West­mächten gewünschte Aufteilung Deutschlands als Unmöglichkeit zu betrachten ist. Der Krieg kann sich nur als ein P ri n zi p i e n k r i e g behaupten. Es ist jedoch schwer auszudenken, daß ein solcher Vernichtungskampf nur der Prinzipien wegen ge­führt werden soll. Ich persönlich kann keinen Vor­teil sehen, den sich eine Macht aus diesem Kriege sichern könnte, welches auch immer das Resultat sein möge. Ich habe feststellen können, daß es alle Per­sönlichkeiten Deutschlands nicht fassen können, warum Frankreich diesen Krieg führt, da Deutschland gar keine Ansprüche gegen Frankreich hat. Für uns als Kleinstaat ist es selbstverständlich am günstigsten, wenn dieser Krieg sobald wie möglichein Ende findet. Die Tschecho-Slowakei und Polen find nach unserer An­sicht nur deshalb in eine mißliche Lage gekommen, weil sie es nicht lassen konnten, am gefahrvollen RänkespielderinternationalenGroß- m ach t p o l i t i k teilzunehmen."

Bries aus der Schweiz.

Die Organisation der schweizerischen Kriegswirtschaft.

Von unserem (9. A.-Korrespondenien.

Gens, Mitte September.

Obwohl die Schweiz als neutrales Land nicht so unmittelbar durch den Konflikt berührt wird wie die kriegsführenden Staaten, hat die europäische Ausein- andersetzung dennoch bedeutende Verände­rungen in ihre Innen- wie Außenwirtschaft mit sich gebracht. Wohin die Tendenz der Kriegswirt­schaft gehen wird, wird sich auch in der Schweiz erst endgültig zeigen, wenn sich auf beiden Seiten der Kriegführenden die Verhältnisse, soweit dies in Kriegszeiten eben möglich ist, stabilisiert haben werden.

Der vorsichtigen und vorausschauenden Polittk der Eidgenossenschaft entsprechend yat eine Kriegs­wirtschaft in der Schweiz schon im Hoch­sommer eingesetzt. Sie begann mit der Auf­forderung des Bundesrates, an die Bevölkerung, Lebensmittelvorräte zu schaffen. Einige größere Gemeinden begannen gleichfalls, Vorräte für die Bevölkerung anzulegen; so kaufte Zürich z. B. schon im Juli eintausend Tonnen lagerbare Lebensmittelvorräte ein. Die eigentliche Kriegswirt­schaft setzte aber erst mit der allgemeinen Mobi­lisation der Militärpflichtigen und der Hilfs- tnippen in der Schweiz ein. Eine der ersten Maß­nahmen, welche als Folge eines gewissen Fiebers in der Groß- und Kleinwirtschaft getroffen wurde, war die Ausgabe einer größeren Anzahl von Fünf- sranken-Noten durch die Schweizerische National­bank. Diese Ausgabe wurde notwendig durch die sich von Tag zu Tag steigernde Nachfrage nach Zahlungsmitteln. Der vermehrte Zahlungs­umlauf war dadurch eingetreten, daß die Bevölke­rung Silbermünzen in großen Mengen zu ham­stern begann. Die Lage der Nationalbank ist des­halb aber keineswegs beunruhigend geworden; sie besitzt nämlich etwa drei Milliarden Schweizer Franken in Gold und Devisen, d. h. einen Betrag, der fünfzehnmal höher ist als die Reserven, die im August 1914 vorhanden waren. Mit diesen drei Milliarden Schweizer Franken könnte, vorausgesetzt daß die Preise nicht allzu sehr steigen, die schwei­zerische Einfuhr auf zwei Jahre hin finanziert wer­den. Diese günstige Lage der Nationalbank recht­fertigt es denn auch, daß Bern keine außerordent­lichen sinanziellen Maßnahmen getroffen hat. Da­bei verhehlt man sich keineswegs, daß die Kosten der Mobilmachung, deren Höhe sich auf täg­lich fünf Millionen Schweizer Franken beläuft, sehr am Nationalvermögen zehren. Der Schweizer Franken erscheint aber, verglichen mit den Devisen der Westmächte, keineswegs bedroht.

Beunruhigend waren allerdings kurze Zeit hin­

durch die spekulativ hochgetriebenen Preise auf verschiedenen Märkten. Um einer da­mit zusammenhängenden ungerechtfertigten Ver­teuerung der Lebenshaltung zu steuern, hat das eidgenössische Volkswirtschaftsde-partement mit Be­willigung des Bundesrats jede Erhöhung der Warenpreise, der Mieten und der Tarife der öffent­lichen Unternehmungen verboten. Darüber hinaus wurden alle notwendigen Maßnahmen ge­troffen, jede Spekulation und jeden Wucherkauf zu unterbinden und die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen. Für die Sicherung der letzteren hat sich die Anordnung des Bundesrats von Vorrats­käufen sehr nützlich in dem Augenblick erwiesen, als zusammenhängend mit der GeneraImobilmachung die Detailgeschäste, um die notwendigen Maßnah­men für eine gleichmäßige Verteilung der Lebens­mittel zu treffen, für kurze Zeit geschlossen wurden. Bei den industriellen Erzeugnissen hat die Schweiz, um ihre strikte Neutralität zu bewahren, ein Aus­fuhrverbot für eine Reihe von Waren (insbe­sondere von Kriegsgerät) erlassen.

Für die Sicherung der Eigenproduktion und der Einfuhr im Rahmen der kriegswirtschaftlichen Ver­sorgung hat die Schweiz im Prinzip mit allen ihren Nachbarn Abkommen getroffen, durch welche die Lebensmittelversorgung des Landes ficherge stellt werden soll. Für die Eigenpro­duktion steht besonders auf dem landwirtschaftlichen Gebiete eine Umordnung und Ausweitung bevor. Soweit sich bis jetzt die kriegswirtschaftlichen Maß­nahmen übersehen lassen, sichern sie die Fortführung der schweizerischen Wirtschaft, wenn auch in enge­rem Rahmen.

Auch das Problem der Arbeitskräfte, die zum großen Teil durch die Mobilmachung aus Landwirtschaft, Industrie und öffentlichem Dienst herausgezogen worden sind, ist durch die Einfüh­rung des Zwangszivildienstes gelöst. Nach ihm können Personen beiderlei Geschlechts, die nicht im Militärdienst oder ohne Arbeit sind, zum wirt­schaftlichen Hilfsdienst herangezogen werden. Durch diese Maßnahme soll die Ausfuhr der Schweiz, ohne welche das Land kaum lebensfähig ist, aufrechterhal­ten werden. Als ein besonderes Zeichen der krisen­festen schweizerischen Wirtschaft und des allgemein herrschenden Vertrauens wird die Wiedereröff­nung der Landesausstellung jn Zürich, die anläßlich der Mobilmachung drei Tage lang geschlossen war, gewertet.

Wir lassen uns nicht aushungern!

Diele Volksgenossen mögen sich wundern, daß England in den ersten Kriegswochen keine ernst, lichc militärische Aktion außer dem mißlunge. nen Fliegerangriff auf Wilhelmshaven gegen Deutschland unternommen hat. Die Erklärung hier, für ist einfach genug. Man. weiß an der Themse ganz genau, daß eine Gewaltoffensive nutzlos wäre, weil die deutschen Verteidigungskräfte wie über- Haupt unser Soldatentum und unsere Rüstung un» überwindlich sind. Man weiß drüben auch, daß diesmal die zahllosen Hilfsvölker schien, die, wie im Weltkrieg, durch einen ungeheuren Bluteinsatz dem britischen Imperialismus zum Siege verhelfen konnten. Aus diesen Gründen hat England sofort zu feiner schärfsten, aber auch heimtückischsten Waffe gegriffen: zum Hungerkrieg! Es hofst durch eine langdauernde, fintenreiche Blockade das deutsche Volk allmählich mürbe zu machen und so auf die Knie zu zwingen. Denn die englische Ober- käste will in ihrer hemmungslosen Raffgier und in ihrem maßlosen Dünkel nicht dulden, daß ein freies und mächtiges Deutschland existiert, das von dem Wohlwollen" fremder Plutokraten unabhängig ist Deshalb hat England uns den Krieg erklärt.

Der Nationalsozialismus hat es sich im Laufe eines langjährigen politischen Ringens zum Prin. zip des Kampfes aemacht, den Gegner nie« mals zu unterschätzen. Wir machen uns also auch heute nicht die germgften Illusionen über die Zähigkeit, Härte und absolute Rücksichtslosigkeit, mit der England die Aushungerung des deutschen Vol­kes betreiben will. Es wird auch die verwerflichsten und teuflischsten Mittel anwenden, um zu feinem Ziel zu gelangen. Es wird keinen Rechtsbruch, keine Lüge, kein Gift, keine Schurkerei, kein Verbrechen auch gegenüber unbeteiligten Menschen und Mäch­ten scheuen, um die innere Widerstandskraft der deutschen Nation zu lähmen. Aber diese englische Kriegspolitik hat auch einen großen.Nachteil. Sie verfügt nur über eine einzige Waffe von voller Wirksamkeit, nämlich die Hungerblockade. Wird ihr diese Waffe aus der Hand geschlagen, so ist ihre Niederlage besiegelt, so ist sie hilflos und wehrlos.

Die Folgerung, die wir aus diesen Tatsachen, ziehen müssen, ist klar und unerbittlich: Deutsch, land muß koste es was es wolle seine Nahrungsfreiheit aufrechterhalten. Es kann und darf sich nicht auf fremde Zufuhren verlassen, die den Zufälligkeiten und Wechselfällen des Krieges ausgesetzt sind. Wir wollen ganz sicher gehen. Wir wollen uns von vornherein so einrichten, daß wir mit den Vorräten und mit dem, was das eigene Land hervorbringt, auf jeden Fall auskommen. Vor dieser harten Notwendigkeit gibt es fein Ausweichen.

Glücklicherweise ist Deutschland aber durchaus in der Lage, die Nahrungsversorgung des Volkes bis zum Ende durchzuhalten. Dank der Jnitiattve der Reichsministers DarrL wurde in den vergangenen Jahren unsere Ernährungswirtschaft und ihre Dr- ganifation so aufgebaut, daß sie jederzeit auch den w e h r w i r t sch ä f t l i ch e n Ansprüchen genügt Gewisse Lücken in der Fett- und Futter­mittelproduktion konnten freilich nicht geschlossen werden, weil sich nun einmal die agrarpolitischen Sünden eines Jahrhunderts nicht in einem Jahr­fünft beseitigen lassen. Deshalb müssen wir uns auf gewissen Gebieten des Lebensmittelbedarfs harte Einschränkungen auferlegen und deshalb wurde das neue Ernährungsrecht geschaffen, da­mit dem 25. September in Kraft tritt. Das Karten­system ist nach den verschiedenen Berufsarten, Lebensaltern und Landschaften so gegliedert, daß eine möglichst gerechte Befriedigung aller Bedürfnisse erfolgt. Denn es ist ganz klar, daß beispielsweise der Schwerstarbeiter in einer Eisengießerei mehr Speck gebraucht als die Kontoristin in einem Büro. Die neuen Kriegsratto­nen sind aber auch so beschaffen, daß kein Mensch in Deutschland zu hungern braucht. Wir haben alle satt zu essen. Wir wer­den auch in Zukunft satt zu essen haben, weil wir uns eben jetzt schon einschränken. Eine gewisse Umstellung in seinen Ernährungsgewohnheiten wird der eine ober andere vornehmen müssen. Aber mit gutem Willen und fester Selbstdisziplin ist das zu schaffen. Und das ist das Entscheidende! Folgen mir alle den Geboten der Vernunft und der Pflicht, nehmen wir der englischen Hungerblockade ihre Wirkung, so ist uns der Sieg gewiß!

H. Evers.

Französische Bomber verletzen schweizerische Neutralität.

Ein Flugzeug zum Landen gezwungen.

Bern, 22. Sept. (DNB.) Der Prunttuter Zipfel (20 Kilometer südöstlich von Belfort) wurde von zwei französischen Flugzeugen aus verschiedenen Richtungen überflogen. Die eine französische Maschine, wie man annimmt ein Bomber, erschien über der Stadt Pruntrut von Nordosten her und entfernte sich in Richtung Be- fan?on. Das andere französische Flugzeug flog von Delle (französischer Grenzort nordwestlich von Pruntrut) her in den Prunttuter Zipfel. Es über­flog den schweizerischen Zollposten Boncourt, wo es beschossen wurde, so daß es bei Delle landen mußte. Es handelt sich um ein Bloch-Bombenflug­zeug. Man nimmt an, daß sich die beiden Flugzeuge nach einem heftigen Luftkampf, der sich am Mitt­wochnachmittag im Oberelsaß abgespielt haben soll, verirrt hatten.

Keine Massierung deutscher Truppen an der belgischen (Grenze.

Brüssel, 22. Sept. (Europapreß.) Die halb­amtliche Agentur Belga erklärt die Gerüchte für falsch, nach denen ausländische Trup­pen in größerer Zahl an der belgischen Grenze massiert seien. Man darf wohl an­nehmen, daß hiermit die wiederholten Falschmeldun­gen dementiert werden sollen, die von einer angeb­lichen Räumung Aachens und einer Besetzung dieser Stadt durch große Truppenverbände berichteten.

Sowjetrussische Onjepr-Flotille in polnische Gewässer vorgedrungen.

Moskau, 22. Sept. (D71B.) wie -le Sorojef- presse berichtet, ist die sowjetrussische Dnjepr- Flottille in die polnischen Gewässer vorge­drungen. ohne auf Widerstand polni­scher Schiffe zu stotzen.