Ausgabe 
23.1.1939
 
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Führer-Appell des Kreises Wetterau in Gießen.

Die Politischen Leiter und die Führer der Glie­derungen und der angeschlossenen Verbände der Partei im Kreise Wetterau versammelten sich am gestrigen Sonntagmittag in G i e ß e n im Saale desCafä Leib" zum alljährlichen Führer-Ap­pell, um gemeinsam die von Frankfurt übertra­gene Rede des Gauleiters, in der die Richtlinien für die Arbeit der Partei im Jahre 1939 gegeben wur­den, zu hören. Vor Beginn dieser Übertragung sprach

Äreisleiter Backhaus

ZU den Politischen Leitern und den Führern der Gliederungen. Er erinnerte u. a. an die großen, weltpolitischen Ereignisse des vergangenen Jahres, in dem der Führer durch die Heimholung der Ost­mark und des Sudetenlandes Großdeutsch- l o n d geschaffen hat. Zugleich rühmte er die bei beiden historisch überragenden Ereignissen erneut zu­tage getretene feste Geschlossenheit unse­rer Volksgemeinschaft und den davon aus­strahlenden Willen, alles einzusetzen für den Dienst und die Sicherheit für Volk und Vaterland.

Die Gedanken der ftörer wurden von dem Kreis­leiter weiter auf das große Befestigungswerk an der deutschen Westgrenze hingelenkt, das dort einen undurchdringlichen Wall für die Sicherheit und die ruhige Arbeit der deutschen Heimat darstellt. Mit Dank und freudigem Stolz wurde ferner die Auf­bauarbeit unserer Wehrmacht in den

Vordergrund des Blickfeldes der Politischen Leiter gerückt. Sodann erinnerte der Kreisleiter an die Fortsetzung des Reichsautobahnbaues, von dem wir den Schlußabschnitt auf der Strecke Frank­furtKassel im Kreise Wetterau erst vor wenigen Wochen erleben konnten. Er lenkte auch das Augenmerk auf die großen Monumentalbauten des Führers in einer Reihe von großen Städten hin. Weiter galt die Aufmerksamkeit u. a. einigen beson­ders vordringlichen großen innerpolitischen Auf­gaben, z. B. dem tatkräftigen Einsatz der Landwirtschaft und deren dringend notwen­dige weitere Förderung, der endgültigen Lösung der Judenfrage und deren konsequente, unbeirrbare Durchführung bis zur Erreichung des letzten Zieles, nämlich Deutschlands Befreiung auch von dem letz­ten Juden.

Am Schluffe feiner Ansprache hob der Kreisleiter dankend und anerkennend das unbegrenzte Vertrauen aller Volksgenossen zu dem Führer und seinem Werk hervor als einer starken Grundlage, aus der unser Führer immer wieder neue Kraft für seine schwere, verantwor­tungsvolle Arbeit zum Wohle des Volkes ziehe. Mit Dankssworten an die Politischen Leiter des Kreises Wetterau und zugleich mit Worten der Anspornung für die weitere tatfreudige Mitarbeit im neuen Jahre schloß Kreisleiter Backhaus seine Ansprache.

Hierauf hörte die Versammlung mit starkem Inter­esse die Uebertragung der Rede des Gauleiters aus Frankfurt.

Kolonialproblem und Raffengedanke.

Der NS.-Dozentenbund und der Kreisverband Wetterau des Reichskolonialbundes veranstalteten am Samstag in der Universitätsaula gemeinsam einen Vortragsabend, der von Kreisverbandsfüh­rer, Prof. Dr. Hummel, mit einem Hinweis auf die Bedeutung der Kolonialfrage eröffnet wurde.

Der Referent im Raffepolitischen Amt der Reichsleitung der NSDAP., Dr. Günther Hecht, sprach dann über das Thema:Kolonial- Problem und Rassengedank e". Einlei­tend befaßte er sich mit den Vorwürfen gegen die deutsche Kolonialpolitik, wie sie von unseren Geg­nern seit Beginn der Kolonialfrage erhoben wur­den, und ging dann auf den neuen Einwand des Rassenhasses ein, der besonders in amerikanischen und südafrikanischen Kreisen auftaucht. In be­stimmter Weise kennzeichnete er die in bestimm­ter Absicht vorgebrachten Einwande, die national­sozialistische Kolonialpolitik werde den Eingebore­nen alle Erzeugnisse der europäischen Technik, selbst Radio, Zeitung und sogar die Hosenträger vorenthalten, ihnen jede menschliche und ärztliche Hilfe versagen. Angesichts der Tatsache, daß das de"t^che Volk selbstlos und hilfsbereit wie fein anderes, feine ärztliche Hilfe allen anderen Völ­kern 3iir Ver'ügung stellt, wies er die völlige Halt­losigkeit solcher Behauptungen nach.

Zur Aufklärung stellte er fest, daß Deutschland seine Schutzgebiete zurückfordert, um sie als Roh- stosfgebiete zu erschließen, um durch sie den Le­bensraum unseres Volkes zu vergrößern und um sie zu einer hohen Schule der nordischen Charak­terbildung und nationalsozialistischer Gesinnung werden zu lassen. Das nationalsozialistische Deutsch­land lehne es ab, seine Rechtsansprüche mit Huma­nitären Phrasen zu begründen. Wir haben als Europäer gegenüber den Eingeborenen selbstver­ständlich die naturgegebenen Unterschiede klar und deutlich zu erkennen und haben nachdrücklich zu betonen, daß Kultur und Technik Werk des schöpfe­rischen nordischen Genius, seines Geistes und sei­ner Fähiakeiten sind. So ergibt sich von selbst, daß der'Eingeborene in seiner Heimat und seinem Lebensraum zu blerben, zu leben und sich nach eigenen inneren Gesetzen zu entfalten hat. Das Ziel muß fein, unsere Lebensgrundlagen als Schutzherren zu verbreitern und zu sichern und dabei das Eigenleben der Eingeborenen zu hüten und zu bewahren helfen. Bei klarer Einsicht wer-

'be es möglich fein, Regelungen zu schaffen, daß der Eingeborene, ohne seiner Heimat oder seinem Stamme entfremdet zu werden, als Arbeiter tätig sein kann. In den Schutzgebieten müsse ein Ar­beitsrecht herrschen, das dem Eingeborenen nach Maßgabe seiner eigenen Emsicht vollen Lebens­und Arbeitsschutz gewähre.

In eingehenden Darlegungen schilderte der Vor­tragende dann die Entwicklung der Kolonialpolitik, zu deren Beginn die Unterschiede der Völker und Kulturen vorherrschend waren, bis im 18. Jahr­hundert mit dem Eindringen liberalistisch-jüdischer Ideologien ein Wandel im kolonialen Denken ein­trat. Der Vortragende kennzeichnete in diesem Zu­sammenhang die verhängnisvollen Folgen der yu- manifären Ideen und den auf Dividenden abge­stellten jüdischen Einfluß, der zu dem heutigen Chaos führte. Der Weiße sei selbst schuldig ge­worden, weil er sich selbst und die Ehre der weißen Frau entwürdigte, den Schwarzen zum Waffen­träger machte und sein heiligstes Gut, die Ehe, preisgab, indem er die Mischehe duldete.

Die Herrschaft der Deutschen in den Schutzge­bieten werde sich nicht auf Macht- ober Geldmittel stützen, sondern auf der Kraft der Persönlichkeit be­gründet fein. Grundsätzlich habe nicht das Bedürf­nis der Industrie oder Plantage den Vorrang, son­dern allein das Gesamtinteresse des Schutzgebietes. Niemals dürfe das, was für uns selbst Schund und Schmutz und entartet ist, um eines Geschäfts willen in die Schutzgebiete kommen, sondern nur das Beste unserer eigenen Leistung. Die Schutzgebiete dürfen auch nicht Schuttablageplätze für unbrauchbare Menschen werden. Es verstehe sich von selbst, daß nur die Anständigsten und Besten unseres Volkes als Kolonialpioniere hinausgehen dürften.

Wenn mir, so stellte der Vortragende abschließend fest, in diesem Geiste die Länder in Uebersee in nordischen Herrenpflichtbewußtsein erschließen unter Achtung der Lebensrechte der Eingeborenen, dann werden diese bei den Deutschen etwas finden, was bisher in den meisten anderen Kolonien gefehlt hat: Klare, anständige und folgerichtig durchgeführte Ge­rechtigkeit. Die Ehrfurcht und Achtung vor der Wirklichkeit der Verschiedenheiten und Eigenarten der Menschenrassen werden allein echten und wah­ren Frieden allen Völkern der Erde bringen können. Die Versammlung dankte dem Vortragenden für seine interessanten Darlegungen mit lebhaftem Bei­fall.

konnten sich an den prächtigen Volkstänzen kaum sattsehen und ließen es am Beifall nicht fehlen. Die Tänze wurden zum Teil von der Volkstanzgruppe des Ortsringees des Landschaftsbundes (Leitung: Frl. Hübner- Gießen), zum anderen Teil von der Sing- und Spielschar Wißmar (Leitung: Lehrer Wagner-Wißmar), aber auch von beiden Grup­pen gemeinsam, bestritten.

Die bunte Dortragsfolge brachte ferner einige Ge­dichte in Wetterauer Mundart (von einem Mitglied der Wißmarer Gruppe oorgetragen) und lustige ge­sangliche Darbietungen. Mit großer Aufmerksamkeit folgte man auch dem kleinen Spiel von dem Rechts­streit um eine totgebissene Gans, einem übermütigen Spiel von Steguweit, das die Wißmarer aus­gezeichnet Wiedergaben. Den Höhepunkt des Abends bildete aber die Aufführung des LustspielsDie Br aut schau" des bayerischen Dichters Ludwig Thoma. Das Stück war mit großer Geschicklichkeit in oberhessische Mundart übersetzt worden und wurde von der Wißmarer Gruppe mit einer erstaunlichen Gestaltungskraft, mit soviel natürlichem Humor auf­geführt, daß die Zuschauer kein Wort zu verlieren bemüht waren, in immer wieder neue Lachstürme ausbrachen, und einmütig waren in Bewunderung und Beifall. Die Aufführung ließ erkennen, daß die Wißmarer Gruppe unter der verständnisvollen Lei­tung von Lehrer Wagner in ihrem Können weit über den Rahmen der Formen des Laienspiels hin- ausgewachsen ist und ernsthafte Würdigung verdient.

Tanz beschloß den Abend, der für den Land­schaftsbund, für seinen Tanzkreis, insbesondere aber für die Sing- und Spielschar Wißmar zu einem großen Erfolg wurde.

Bord in Vad Soden.

Der Täter hat sich der Polizei gestellt.

Lpd. Frankfurt a. M., 22. Jan. In B a d Soden im Taunus wurde am Samstag der 45jährige Gärtner August Müller ermordet, oufgefunden. Als Täter kommt der 28jährige Emil Roßbach aus Bad Soden in Frage. Die Mord­waffe, ein Messer, wurde am Tatort gefunden.

Roßbach hat sich am heutigen Sonntagmorgen auf der Straße einem Schutzpolizeibeam- t e n g e st e l l t. Der Täter wurde im Polizeipräsi­dium durch Beamte der Staatsanwaltschaft und der Kriminalpolizei vernommen. Für Montag ist eine richterliche Vernehmung vorgesehen, lieber das Er­gebnis der (Ermittelungen kann aus verständlichen Gründen noch nichts gesagt werden. Die Oesfent- lichkeit wird zu gegebener Zeit durch die Justizpresse­stelle unterrichtet werden.

Roßbach, der mit Müller seit Jahren eng be­freundet war, hatte diesen in seiner Wohnung in Bad Soden, Parkltraße 42, aufgesucht. Nach der Tat hatte er sich In der Nacht zum Samstag mit einer Autodroschke nach Frankfurt-Höchst fahren lassen. Dort nahm er sich gegen 1 Uhr nachts eine Taxe, mit der er nach Frankfurt zu einem Ver­gnügungslokal in der Kaiserstraße fuhr. Im Laufe der Nacht hat Roßbach mehreren Personen in Frankfurt Andeutungen darüber gemacht, daß er eintolles Ding" gedreht hätte. Roßbach neigt zum Trünke und war seit Tagen von seiner Arbeitsstelle weggeblieben. Bei dem ermordeten Müller, der wirtschaftlich gut gestellt war, wurden keinerlei Barmittel gefunden, so daß der Verdacht besteht, daß sich Roßbach das vorhandene Bargeld ange­eignet und in Frankfurt verjubelt hat.

160000 Mark Geldstrafe für jüdische Gieuerbetrüqerin.

LPD. Frankfurt a. M., 21. Jan. Die Jüdin Regina Schwab, geb. Goldberger, Lebensmittel­großhändlerin in s ankfurt a. M., wurde wegen Hinterziehung der Umsatz-, Einkommen-, Gewerbe­ertrags- und Vermögenssteuer mit insgesamt 1 6 0000 Mark Geldstrnfe belegt.

Mit dem Motorrad verunglückt.

LPD. Mainz, 21. Jan. Zwei junge Männer stürzten in Mainz-Kaste! in der Bölcke-Straße mit dem Motorrad. Der Fahrer war auf der Stelle t o t. Der Beifahrer wurde mit schweren Verletzungen ins Städtische Krankenhaus eingelie­fert, wo er alsbald feinen Verletzungen erlag.

Schuß im Zunkhaus.

Ein Roman von Maria Ober Hn.

Copyright by Prometheus-Verlag, Dr. Eichacker, Gröbenzell bei München.

3. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

Die Stimme des Mädchens ist sehr leise gewor­den. Aber unentwegt klingt sie weiter:Nun, wer­den Sie denken, daß das alles sehr gefühlvoll und sentimental ist, was ich Ihnen hier erzähle. Das Leden ist schnell über meine arme Tote hinwegge- gangen. Zwei Jahre ist das jetzt her. Aber schließ­lich war sie doch meine Mutter. Ich hab sie lieb gehabt. Sie war selten bei uns, aber wenn einmal, mar5 immer ein Fest. Sie war so schön und be­rühmt."

Evelyn richtet sich langsam höher auf, sieht den Mann zwingend an, ihre Augen haben den durch­sichtigen Bernsteinglanz verloren, sind hart und braun und fest.

"2hr letztes Wort in dem Brief an mich, den ich heute erhielt, war eine Anklage gegen Sie, Herr Dr. Bortefeld. Sie ist Ihretwegen in den Tod ge­gangen. Wenn auch ihr Bries nicht ganz klar ist das geht doch ganz sicher hervor. 'Warum ist sie Ihretwegen in den Tod gegangen? Was haben Sie ihr getan? Ich muß Sie das fragen, ich habe keine Ruhe, ehe ich nicht weiß, warum sie so früh von uns gegangen ist! Zweiundvierzig war sie erst alt. <oo jung, so schön und berühmt---und dann

dieses Ende. Warum schweigen Sie? Was sehen Sie mich so an? Ich habe ein Recht darauf, daß Sie antworten. Ich habe ein heiliges Recht darauf--

Unb Sie waren doch einmal mit ihr verheiratet'"

Mit fiebernder Glut haben sich die Wangen des Mädchens überzogen, Evelyn ist aufgesprungen sieht den Mann an. Der fährt sich über die Stirn sagt unruhig, zweifelnd:

Ich verstehe Sie nicht, Fräulein Kay ich kenne Ihre Mutter nicht ... das ist wohl ein Irrtum Dann plötzlich überflutet ihn eine furchtbare Er­kenntnis.

.Mein Gott Ihre Mutter das ist doch nicht Dora Duercf9"

Evelyn nickt.Mutters Künstlername ja

Der Dirigent streicht sich mit der Hand über die hohe Stirn. Er ist erregt nahe auf das Mädchen zugegangen.

Es ist doch nicht möglich!" sagt er heiser.Ich wußte nichts davon, ich schwöre es Ihnen. ' äulein Kan! Ich habe nie erfahrm, daß sie sich mit Ihrem Vater verheiratet hat. Sie ist doch immer unter

ihrem Mädchennamen aufgetreten ich wußte nichts, gar nichts mehr von ihrem Leden, auch da­mals nicht, als sie vor zwei Jahren bei mir war sie hat wohl von einer neuen Ehe gesprochen, aber nicht den Namen Ihres Vaters genannt---

Mein Gott, welch ein Zusammentreffen! Sie sind Doras Tochter! Und Ihretwegen war sie damals --" '(Er bricht ob, als er Evelyns brennenden

Blick begegnet. Mit aller Gewalt zwingt er sich zur Ruhe.

Ich will Ihnen alles erklären!" sagt er nach einer lastenden Pause schwer.Ich will versuchen Evelyn unterbricht ihn.

Lesen Sie!" sagt sie sehr ernst.Lesen Sie das hier!" Sie nimmt ein großes hartes Papier aus der Tasche, es ist ein langer vielfach geknickter Brief.

Dr. Wilhelm Bortefeld greift mit bebender Hand nach dem Brief, eine ihm wohlbekannte fahrige Handschrift zuckt vor seinen Augen hin und her.

,---und deshalb gehe ich aus dem Leben,

Kind. Du erhältst diesen Brief mit meinen Nachlaß­bestimmungen erst zur Zeit, wenn Du mündig bist, also reif genug, mein schweres Frauenleben zu ver­stehen.

Der Mann, der mich zugrunde gerichtet hat, der meine Zukunft, meine (Existenz, mein ganzes Leben vernichtete, wohnt in Deiner Stadt. Es ist der Dirigent Bortefeld. Ich war in erster Ehe mit il)m verheiratet. Ich trennte mich von ihm, weil das Zusammenleben mit ihm unerträglich war. Du sollst noch ein Geheimnis erfahren: Kay, den ich spater heiratete, ist zwar Thomas' Vater, aber nicht der Deine Nun Du wirst mich ver­stehen ---"

Dem Mann ist flackerndes Rot ins Gesicht ge­schlagen.Das ist doch ----das ist ja unglaüb-

lirf) ...!" kommt es in heftiger (Erregung von seinen Lippen.

Evelyn starrt ihn an. Dann senkt er den Kopf auf öen Brief, lieft weiter ----.Ich nxinbte mich,

als Kay gestorben war, an meinen früheren Gatten, bat ihn um künstlerische Hilfe. Er verweigerte alles. Er quälte mich unsagbar. Er nahm mir jede Eri- stenzmoqlichkeit Ich hasse ihn, so wie er mid) haßt, ich verachte ihn, ich klage ihn an---

Du, Kind, sollst das alles wissen .. ."

Es ist totenstill im Zimmer. Dann sagt Evelyn hart:Ich muß Sie nach diesem Brief wohl für meinen Vater halten, Herr Dr. Bortefeld. Die An- öcutung meiner Mutter ist wohl klar genug. Ich IteUe kerne Forderungen, nichts. Ich will nur eines milfen: was haben Sie meiner Mutter getan, daß sie mit zweiundoierzig Jahren in den Tod ging?" _ Der Mann ihr gegenüber schweigt. Eine erregte stunde vor zwei Jahren kommt in sein Gedächtnis

zurück, überfällt ihn mit furchtbarer Gewalt. Er sieht eine blasse gealterte Frau vor sich, überelegant im kostbaren'Pelz, er hört ihre fordernde, drohende Stimme: Laß mich bei dir fingen--du bist der

große Bortefeld geworden Hilf mir ja, ja, du hast, recht, meine Stimme hat nachgelas­sen ---aber wenn ich bei dir singe, werden alle

Kritiken schweigen--ich werde wieder die Alte

sein, neue (Engagements werden kommen--Er

hört seine ruhige Abwehr: Dora, wir haben uns nichts mehr zu sagen

Der Mann streicht sich über die Stirn, als müsse er Quälendes verwischen. Er betrachtet mit ernstem Blick das Mädchen vor ihm, das lieblich gesenkte Oval, die zitternden Hände. Ist das wirklich das Kind der Dora Tuerck? Wie verbunden man sich diesem jungen Mädchen gefühlt hat! Neulich traf man sich zufällig im Stadtwald, das Fräulein Kay führte einen großen schwarzen Schäferhund bei sich, der brav neben ihm herschritt. Wintertags war das gewesen, sehr kalt und frostklar die Luit. Durch die Stämme des Stadtwaldes sickerte helles Mittags­licht, lag stark auf dem weichen Gesicht des Fräu­lein Kay. Plötzlich war man stehen geblieben, hatte sich gemeinsam und nachdenklich den frostigklaren Wintertag besehen, die schwarzen Aeste, den grau­blau verschwimmenden Himmel, ein paar Krähen. Da hatte das Fräulein Kay plötzlich sehr verhalten zu singen begonnen, ein stilles, ernstes Schubert- lied:(Eine Krähe war mit mir aus der Stadt ge­zogen ----" Hatte gesungen mit ihrem wunder­

bar weichen schönen Frauenalt und den Kopf den langsam daherziehenden Krähen entgegengehoben.

Da spürte man plötzlich auf einmal einen jäh aus- brechenden und doch bescheidenen Wunsch: Die Hand um dieses reine Gesicht zu legen, das weiche Kinn in der Hand zu spüren--- Geblendet hatte

man die Augen geschlossen und gedacht: Glücklich würde man dann sein---sehr froh ...

Die Stimme des großen Mannes ist ernst und schwer, als er beginnt:Jetzt lassen Sie mich Ihnen einmal in Ruhe alles erzählen, Fräulein Kay. Glau­ben Sie mir, ich wußte zu keiner Stunde, daß Sie Doras Kind sind. Vielleicht hätte ich Ihnen bann früher manches erklären können. Ich muß Ihnen in manchem wehtun Sie werden manches anders sehen, als Sie es bisher sahen aber ich bitte Sie: glauben Sie mir!"

Langsam hebt das'Mädchen den Blick, das matte dunkle-Braun ihrer Augen wird klarer, aber der feindselige Zug um den Mund bleibt.

..Ich will nur wissen, warum meine Mutter so sruh von uns gegangen ist!" sagte sie hartnäckig

Ich mar mit Ihrer Mutter verheiratet", saqt'der Mann sachlich.Das ist so. Wir waren beide sehr

Iahresappell der ehem. 416er Gießen

Die Kameradschaft ehem. 116er hielt am Sams­tagabend unter der Leitung des Kameradschafts- führers Hans Bill imAuerhahn" ihren diesjäh- rigen Jahresappell ab.

Kameradschaftsführer -Bill gab feiner Freude darüber Ausdruck, daß zum ersten Male der Tra-- ditionsoerbandsführer der ehem. 116er, Major a. D. Wolf, zu dem Kameradschaftstreffen erschienen war. Gleichzeitig begrüßte er einige neue, darunter auch jüngere Kameraden. Hierauf erstattete er den Jahresbericht, in beffeji Mittelpunkt die (Erinnerung an den 116er-Tag des Vorjahres stand, bei dessen Vorbereitung und Durchführung auch die Kamerad­schaft mitgeholfen hatte. In dem Bericht wurde u. a. zum Ausdruck gebracht, daß bfe ehern. 116er zum vollen Gelingen der Feier des 125jährigen Be- stehens des Regiments in kameradschaftlicher Weise und in erhebendem Ausmaß beigetragen haben. Weiter wurde der Arbeit anläßlich der Ueberfüh- rung der Kameradschaft in den NS.-Reichskrieger- bunb gedacht und den beiden Schriftwarten, Ver- maltungsfetr^tär Lorenz Schmalz und Kultur­inspektor Richard Biedenkapp, sowie den bei­den Rechnern, Postsekretär Georg Korell und Karl Müller, besonderer Dank ausgesprochen. Die Kameradschaft war bei vielen größeren Ver­anstaltungen vertreten, und hat die Verbindung mit dem aktiven Regiment weiter ausgestaltet. Zu Ehren der verstorbenen Kameraden Damm, Franke, Seitz, Karl Müller, Karl Siebert, Karl Roth, Chr. Weidig und Brück-Albach erhoben sich die Kameraden von ihren Plätzen.

Der Kassenwart Kam. Gg. Korell legte den Rechnungsbericht vor, der über einen guten Stand und pflegliche Behandlung der Finanzen Aufschluß gab. Auf Antrag von Rechnungsprüfer Kam. Volz wurde dem Kassenwart Entlastung erteilt. Kam. Bill sprach ihm seinen Dank für die große Mühe und sorgsame Kassenführung aus.

Die vorgesehene Wahl des Kameradschaftsführers fand unter dem Vorsitz des Seniors, Kam. Friedrich Reitz, statt, der eingehend die Arbeit und die Verdienste des Kameradschaftsführers Hans Bill um die alten 116er würdigte. Auf feinen Vorschlag wurde Kameradschaftsführer Bill einstimmig das Vertrauen ausgesprochen. Kam. Reitz benutzte die Gelegenheit, um Oberst H e r r l e i n, der die guten Beziehungen der alten und der jungen 116er vertiefte, und Generalmajor a. D. Mohr für fein großes Interesse an den 116ern Dank zu sagen. Kamerad- schaftsführer Bill berief hierauf folgenden Füh- rerftab: Stellvertretender Kameradschaftsführer Kam. Beil: 1. Schriftführer Kam. R. Biedenkapp: 2. Schriftführer Kam. L. Schmalz, Kassenwart Kam. Gg. Korell, Stellvertreter Kam. Karl Müller: Schießwart Kam. Heinrich Kern, So- zialwart Kam. Alb old, Fechtwart Kam. Karl Müller, Propagandawart Kam. Roder, Bei­rat die Kameraden Stork, Bechtold, Fr. Hirsch, Kratz, Oelbermann, Ehrenbeirat die Kameraden Reitz, Burger, Ehrenrechner Volz und Reuter. Den Kameraden Volz, der mehr als 25 Jahre die Kassengeschäfte geführt hat, und Kam. L. Schmalz, der früher Derbands- schriftwart und 1. Scbriftwart der Kameradschaft war, wurde besondere Anerkennung ausgesprochen.

Anschließend wurde die Bilduna einer Schieß- gruppe unter Kam. Hch. Kern beschlossen, die sich an den Wettbewerben beteiligen wird.

Nachdem sich eine Anzahl älterer und jüngerer Kameraden angemeldet hatten, ist die Mitglieder- zahl angestiegen: sie soll durch entsprechende Wer­bung noch vermehrt werden. Von Kameraden aus Hamburg wurden Grüße und der Dank für kame­radschaftliche Aufnahme übermittelt.

Landkreis Gießen.

Z S t e i n b a ch, 23. Jan. Am heutigen 23. Januar feiert der Pfarrer i. R. August Jean Ludwig Karl P r a e t o r i u s , ber nm Ruhestand in seiner letzten Wirkungsstätte Homberg (Oberhessen) lebt, feinen 7 0. Geburtstag. Im Kreise der 70er, feiner Schulkollegen in Steinberg, ist er unvergessen, ebenso wie fein Vater Christian August Praetorius, der hier in Steinbach 50 Jahre als erster Lehrer wirkte, noch in der (Erinnerung der Steinbacher lebt. Wir gratu­lieren dem Siebziger!

jung, kaum über die zwanzig, sie sang an einem Provinztheater, und ich war dort Kapellmeister. Unsere Ehe--" Ein schrilles Klingelzeichen reißt

seine Worte jäh entzwei, er bricht ab und greift mechanisch nach dem Hörer.

3a, hier Bortefeld. Stein--Sie find es?

Fräulein Kay? Ja, hier bei mir ... Ihre Sendung --ja selbstverständlich sie wird sogleich kommen..." Er hängt ein.

Ihre Sendung!" sagt er.

Evelyn lächelt spöttisch.Das ist mir so gleich« gültig jetzt. Ich kann nicht fingen. Ich werde ab­sagen ..."

Das werden Sie nicht!" sagt der Mann hart. Sie haben sich schriftlich verpflichtet, heute abend hier zu fingen. Sie werden das einhalten..." Sein Blick ist scharf geworden, Evelyn weicht ihm aus. Dann sagt der Mann weicher:

Nehmen Sie sich zusammen, Kind. Ich verspreche Ihnen, Sie werden alles wissen--man wartet

auf Sie, seien Sie vernünftig!"

Evelyn hat sich wie unter einem Zwang erhoben unb geht müde und schleppend zur Tür. Da bleibt sie stehen und sieht den Mann nochmal an.

Ich verstehe Sie nicht", sagt sie noch und es ist jetzt keine Feindseligkeit, sondern etwas wie kind­liche, unbegreifliche Trauer im Ton der dunklen Stimme.Ich hab immer geglaubt, daß Sie anders find, als man Sie schildert ... Aber jetzt?" Sie senkt den Kopf, und stark und feindselig kommt plötzlich ihre Frage:

Warum haben Sie das getan? Warum? Warum machen Sie den Menschen das Leben so schwer9 Meiner Mutter--der Henny Coordt--all

den andern?"

Sie hebt den verzweifelten rastlosen Blick noch einmal dem Mann entgegen. Sein Blick begegnet dem ihren tief und dunkel.

Und Sie glauben wirklich alles, was man von» mir erzählt?" sagt er müde.

Evelyn sieht den Mann gerade an.Ich habe Grund dazu!" sagte sie leise.Ich kam, um Sie nach bem Tod meiner Mutter zu fragen. Sie weichen mir aus! Es ist nicht Mutters Schicksal allein. Heute nachmittag war ich bei Henny Coordt ich fanb sie elend, verzweifelt, todtraurig, weil Sie ihr ausweichen, sie allein lassen . .." Mit'bebenden Häw den reißt Evelyn einen zierlichen perlmutteingeleg» ten Revolver aus der Handtasche.Den habe ich ihr weggenommen. Sie war so verzweifelt, daß ich mich furchte, ihr die gefährliche Waffe zu lassen ... Und bann fragen Sie noch ...?"

Erschöpft brach sie ab.Fragen Sie noch", setzt sie matt hinzu,ob ich glaube, daß Sie den Menschen das Leben unerträglich machen?" (Forts, folgt)