Nr. 19 Zweites Blatt
GietzenerAnzeiger (General-Avzetger für Oberhessen)
Am holländischen Kamin.
Von $. M. Huebner.
In Deutschland ist der Kamin fast nur noch ein Theatesrequisit. Und in vielen Fällen, wo man ihn I nuf der Bühne sieht, steht er nicht,einmal räumlich, andern bloß gemalt gegen die Zimmerwand. In Holland hingegen, wo man sich vom Uederkomme- 'ien weniger leichtherzig trennt, da steht er noch mmer als Wirklichkeit in den Stuben, jetzt im j Winter der anheimelnde Mittelpunkt für die Wohnungsinhaber, im Sommer ausgelöscht aber doch ine Art Möbelstück, das aus der Wand vorspringend, den Raum belebt und gliedert.
Der Kamin in den holländischen Wohnungen be- I tteht aus jener, mit einem Rauchfang versehenen -rische, in die ein Ofen aus Eisen eingebaut ist. In | manchen Häusern, namentlich der kleinen Städte, ! unterhält man noch heute ein offenes Feuer: dieses j üirb nicht durch Holzkloben, sondern durch Torf- f: ücfe genährt. Es gibt weichen und harten Torf; ter letztere setzt dem Feuer stärkeren Widerstand «mtgegen, so daß er eine Brandhitze und Brand- 1 niuer beinahe wie Holz erzeugt. Im Schlosse der iiolländischen Königin im Haag werden noch heute iiie großen Empfangsräumlichkeiten wie eine Menge - l^inzelkabinett durch Torffeuer in offenen Kaminen -«heizt.
Die eisernen Herde, die man in die Kamine ein- laout, gehören merkwürdigerweise nicht zum festen Zubehör des Hauses. Während der Kachelofen in isn deutschen Wohnungen, ein Heizinstrument, das non in Holland überhaupt nicht kennt, bei allen k mzügen der Wohnungsmieter an Ort und Stelle rerbleibt, da er ja eben festes Zubehör des Hauses uinb ein Besitztum des Hauswirts ist, muß in Hol- lond der Mieter seinen Ofen mitbringen, ihn selber iuftteUen und ihn, wenn er auszieht, wieder mit st rtnehmen. So kommt es, daß man in Holland für dese beweglichen Kaminöfen zahllose Größen und Systeme hat. Meistens werden sie aus^England oder Belgien eingeführt: erst in den letzten Jahren veracht die holländische Industrie, die energisch be= flrabt ist, sich auf eigne Füße zu stellen, auch auf desern Gebiete Holland von der Einfuhr aus dem Ausland unabhängig -zu machen.
Der Kaminofen brennt den ganzen Winter über. Gr wird also Anfang November angezündet und Anfang April ausgelöscht. In der Zwischenzeit brennt er, wenn er guter Laune ist, ununterbrochen: jif er schlechter Laune, funktioniert etwas nicht in ihr Luftzuführung oder in der Kohlenqualität, so
Was gibt es Neues in der Medizin?
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Aus der Giadt Gießen
M. (RAS)
bannt werden!
Spät- Bord-
Ein hartes, ungerechtes Schicksal, dos werktätige Volksgenossen durch mangelnde Vernunft und Einsicht anderer trifft. Zugleich eine Disckvlinlosig- keit und Unverantwortlichkeit vor der Allgemeinheit. Warnend, belehrend greift die Po'nei ein, strafend das Gericht. Denn es ist hohe Zeit. Das Verantwo^tungsbewuktsein am Autosteuer muß gehoben. Gespenst Alkohol vom Straßendamm ver-
besteht; so ließ sich z. B. bei Mäusen die Wirkung von Stoffen, welche die Schilddrüsentätkgkeit an= fachen, aufheben, wenn gleichzeitig Fluor verabreicht wurde. Und im Kaulquappenversuch konnte ebenfalls der Schilddrüsen-Wirkstoff durch Zufuhr von Fluor ausgeschaltet werden.
Für die Behandlung der Schilddrüsen-Ueberfunk- tion beim Menschen haben sich am günstigsten organische Fluor-LZerbindungen erwiesen, deren Ausscheidung aus dem Organismus langsam vor sich geht, so daß eine nachhaltige Wirkung erzielt wird. Nach den bisherigen Erfahrungen wird durch die mehrere Wochen fortzusehende Darreichung solcher Verbiü- dungen, die natürlich mit entsprechender Allgemeinbehandlung verbunden werden muß, die beschleunigte Herztätigkeit und Herzerregung vermindert, das Körpergewicht gehoben, der Stoffumsatz gesenkt und so die Wiederherstellung der körperlichen Lei- stungs- und Arbeitsfähigkeit gefördert.
ttnqerechtes Schicksal.
Folge von Disziplinlosigkeit.
Straße an einem Markt. Dämmernder
Auto im Zickzack heran, rasendes Tempo! Der Wagen schwenkt von der Straßenmitte zum Rand. Im Augenblick hat er die Straßenreiniger erfaßt. Die Mäner fliegen an den Gehsteig, bleiben liegen. Das Auto jagt weiter. Ein Krachen, Bersten, der Kraftwagen ist gegen das Fuhrwerk geprallt. Polizeibeamte eilen herbei, sie helfen den verletzten Straßenreinigern. Mit rotem, gedunsenem Gesicht steigt der Fahrer aus dem Unglückswagen — betrunken!
*
Eine andere Straße der Großstadt. Laternen werfen ihr weißes Licht auf den regennassen Asphalt. Auf dem fast menschenleeren Gehsteig strebt eine junge Fernsprechbeamtin ihrem elterlichen Hause zu: ihr Arbeitstag ist -vorüber. In der gleichen Richtung saust ein Auto daher, prallt gegen ein Kraftrad mit Beiwagen an der Bordschwelle. Das Fahrzeug fliegt auf den Gehsteig, ersaßt das Mädchen, das mit einem Aufschrei zusammenbricht. Beamte leisten der Verunolückten erste Hilfe, ein Rettungswagen bringt sie ins Krankenhaus. Der Autofahrer macht verworrene Angaben. Er ist betrunken.
Wer sich als Arzt im besonderen mit der Behandlung hormonaler Störungen befaßt, wird den Eindruck nicht los, daß die Zustände von übermäßiger Schilddrüsentätigkeit und Basedow-Krankheit zahlenmäßig zunehmen. Besonders die leichteren Erscheinungen der Schilddrüsen-Ueberfunktion, die unter dem Bilde einer allgemein gesteigerten Nervosität und Stoffwechselbeschleunigung verlaufen, sieht man häufiger als früher: mancherlei Umstände mögen dabei mitwirken. Das Tempo des Lebens ist rascher geworden, als in vergangenen Tagen; Daseinskampf und Wettbewerb sind strenger: an das Nervensystem werden — zumal in der Großstadt — durch die ständig drohenden Verkehrsgefahren höhere Ansprüche gestellt. Angestrengter als früher ist der Mensch des Heute in Beruf und mannigfaltige sonstige Pflichten hineingestellt^ und auch Freizeit, Feierabend und Sonntag sind vielfach mit Tätigkeiten ausgefüllt, die Pünktlichkeit verlangen und so ein Eingespanntsein auch in der berufsfrei^n Zeit bedeuten.
Nun ist es eine alte Erfahrungstatsache, daß Überarbeitung, Erschöpfung, Sorgen, Angst, Schreck usw. dort, wo sie auf eine entsprechende Disposition stoßen, eine Schilddrüsen-Storung auslösen können. Bei den engen Beziehungen zwischen Schilddrüse, Hirnanhang und Gehirn liegt also vielleicht hier der Schlüssel xu einer Erklärung für die Zunahme der Schilddrüsen-Ueberfunktion.
Die leichteren Fälle sind gekennzeichnet durch allgemeine Nervosität im Sinne einer ^gesteigerten Ansprechbarkeit des gesamten Nervensystems, leichte Erregbarkeit, feinschlägiges Zittern der Hände, glänzende Augen, Angstempfindungen,' vermehrte Herztätigkeit, Herzklopfen, „Sausen" im Kopf, Neigung zum Schwitzen, zumal der Hände, Steigerung der Darmtätigkeit, Neigung zu Gewichtsabnahme, häufige Mattigkeit, Unlust und Niedergedrücktheit; bei Frauen auch vielfach (Störungen und Unregelmäßigkeiten der monatlichen Vorgänge. Die Vergrößerung der Schilddrüse, der „Kropf" kann sich in bescheidensten Grenzen halten oder gar dadurch, daß das vermehrte Gewebe hinter dem Brustbein liegt, völlig unsichtbar bleiben.
Wenn alle die erwähnten Zeichen an Stärke zu- nehmen, so entsteht das Bild der regelrechten Basedowschen Krankheit, deren allbekannte Symptome ja unverkennbar sind, während die leichteren Formen der Schilddrüsen-Ueberfunktion gar nicht selten mit Herzleiden, ateriosklerotischen Zuständen, Körperverfall bei bösartigen Neubildungen usw. verwechselt werden. Freilich vermag der Geschulte'die krankhaft gesteigerte Tätigkeit der Schilddrüse zumeist schon aus dem Gesichtsausdruck zu erkennen.
Es gibt nicht viele Krankheiten, gegen die so viele verschiedene Mittel empfohlen worden sind, wie gegen die Schilddrüsen-Ueberfunktion; aber aus dieser 'Tatsache allein folgert auch schon, daß sie alle nicht 'sicher wirken. Operation und Röntgenbestrahlung, Mirna- und Diätbehandlung, Eigenblut- und Tier- Llut-Einspritzungen. Vitamin- und Hormontherapie, Zufuhr von Scbilddrüsen-Gegenstoff und Thymus- i'rüsen-Extrakt, Darreichung von Jod itnb Mutterkorn: sie alle nützen in dem einen Fall, in dem andern versagen sie. Bisweilen auch läßt sich mit dem «einen oder anderen der angeführten Mittel zunächst •ein ausgezeichneter Erfolg erzielen; nach einiger Zeit aber beginnt die Schilddrüse von neuem, über »Gebühr zu arbeiten, und die Tourenzahl des Le- Lensmotors klettert wieder zu unerträglicher Höhe «empor. In wieder anderen Fällen gewinnt der Arzt »überhaupt den Eindruck, daß die Krankheit in merkwürdigen Rhythmen verläuft, in dem Sinne-, daß nuf eine schlechte Phase eine gute folgt, und umgekehrt. Die Besserung wird dann natürlich' gern der geübten Therapie gutgeschrieben: aber vielleicht tmäre auch ohne jede ärztliche Behandlung auf das
nachmittag. Ein Pferdefuhrwerk steht an der ____
schwelle. Eine kleine Strecke entfernt beseitigen zwei Straßenreiniger vom Asphaltdamm die letzten Reste der Marktabfälle. Friedliches Bild ungestörten menschlichen Schaffens Da kommt ein
Dornotizen.
Tageskalender für Montag.
Stadttheater: 20 bis 22 Uhr zweites Orchester- konzert des Städtischen Orchesters mit dem Solisten Elaudio Arran. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Der Hampelmann". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „War es der im dritten Stack?" — Goethe-Bund und Kaufmännisch"!- Verein: 20 Uhr Neu? Aula, Vortragsabend Wilhelm Schäker unter Mitwirkuna der Pianistin Hilde Sander (Berlin). — Oberhelllscher Kunstverein: 17 bis 18 Uhr Ausstellung im Turmhaus am Brand.
Claudio Arrau im Sladllhealer.
Heute findet im Stadttbeater das zweite Orchesterkonzert des großen städtischen Orchesters in Verbindung mit dem Konzertverein (Viertes
schlechte Stadium wieder ein erträglicheres folgt...
Kein Wunder, daß bei einer derart schwer zu _. kämpfenden Krankheit der Arzt mit Freuden nach jeden neuen Behandlungsmöglichkeit greift; und eine solche ist gegeben, seit in den letzten Jahren erkannt wurde, daß das Element Fluor eine günstige Wirkung auf die krankhaften Stoffwechselvorgänge, zumal bei leichteren Formen der Schilddrusen-Ueber- funktion ausübt. Im Tierversuch konnte nachgewiesen werden, daß eine gewisse Gegenwirkung (Antagonismus) zwischen Fluor und Schilddrüsenhormon
Sie Schilddrüse arbeitet zu viel. — Ein Leiden der Zeit.
Von £>r. med. et phil. Gerhard Venzmer.
Platz-Miete-Konzert) statt. Als Solist wurde der bekannte Pianist Claudio Arrau verpflichtet Das Programm sieht vor: Recznicek: Ouvertüre zu „Donna Diana", M. de Falla: „Nächte in spanischen Gärten" für Klavier und Orchester, Cesar Franck: Sinfonische Variationen für Klavier und Orchester, M. Moussorgsky-Ravel: „Bilder einer Ausstellung". Die Leitung hat Paul Walter. Beginn 20 Uhr, Ende 22 Uhr.
„Wissenschaft im Dienst am Volk."
Der Vortrag von Professor Dr. Elzs „Aus der Werkstatt des Anatomen" findet nicht am Dienstag, sondern am Donnerstag, 26. Januar, um 20.30 Uhr im Hörsaal des Anatomischen Instituts, Bahnhofstraße 84, statt.
Don der Universität Gießen. >
Der bisherige ao. Professor für Chirurgie Dr. Bernhard von der Chirurgischen Klinik in Gießen, der seit einer Reihe von Jahren als Oberarzt in der Chirurgischen Klinik tätig war und seit mehreren Monaten, nach dem Weggang des bisherigen Direktors Professor Dr. Fischer nach Kiel, die Leitung der Klinik innehatte, ist nunmehr zum ordentlichen Professor der Chirurgie und zum Direktor der Chirurgischen Klinik der Universität Gießen ernannt worden.
Seiet- des 30. Januar in der Univsi sität
Am Montag, 30. Januar, begeht die Ludwigs-Universität wiederum die Feier des Tages der nationalen Erhebung und des Reichsgründungstages. Nach dem Einzug des Lehrkörpers und dem Fahnen- einmarfch sowie einem Chorgesong des Akademischen Gesangvereins spricht der Rektor. Den Festvortrag hält Professor Dr. T e l l e n b a ch über bas Thema: „Deutsche Geltung im Osten während der Staufer- zeit". Nach einem Vortrag des CoHeo-ium musicum folgt die Ansprache des Studentenführers. Dann wird die Feier in der üblichen Weife geschloffen.
Kaufmannsgehilfen beweisen ihr Können.
In einer Anzahl Gießener Geschäfte herrschte gestern vormittag nicht die gewohnte Sonntagsstille. Vielmehr gab es in Läden, in Büro- und Lagerräumen ein intensives geistiges Leben. Etwa 200 Kaufmannsgehilfen und Gehilfinnen aus den Kreisen Gießen, Alsfeld und Lauterbach waren darum bemüht, vor den strengen Prüfungskommissionen ihr Können zu beweisen. Der gestrige Sonntag mar der mündlichen Prüfung gewidmet, nachdem die schriftliche Prüfung bereits am vergangenen Donnerstag vorausgegangen war.
Auf einem Rundgang mit einer Kommission, die sich aus Vertretern der Industrie- und Handelskammer, des Arbeitsamtes, wie auch der Wirtschaft zu- sammensetzte, mar auch der Presse Gelegenheit ge
streikt er von Zeit zu Zeit, was wie jeder Streik viel Aerger und Unzuträglichkeiten mit sich bringt. Zur Feuerung wird Anthrazit verwendet, ein Feue- rungsstoff, den Holland mit dem Feuerungsinstrument gleichfalls aus dem Ausland (England) bezog. Heute hat sich Holland der Ausbeute feiner eigenen, im Süden des Landes gelegenen Kohlenschächte mit derartigem Erfolge zugewandt, daß der gesamte Anthrazitbedarf für Hausbrand aus holländischen Gruben gedeckt wird, und daß die Anthrazitförderung heute das Dreifache der Menge von vor dem Kriege beträgt.
Das schwierige und auch deutschen Hausfrauen gut bekannte Problem der Kohlenaufbewahrung löst man in Holland dadurch, daß der. Kohlenhändler feine Ware gewichtweise (7 kg) in Papiersäcken liefert. Diese Papiersäcke haben ein so sauberes Aussehen, daß man sie ins Wohnzimmer nehmen und neben den Kamin stellen kann, so daß man einerseits keines besonderen Aufbewahrungsplatzes in der Wohnung bedarf, anderseits die Kohlen gleich zur Hand hat. Denn die holländische Wohnung ist ja verglichen mit den Wohnungsverhält- nissen in anderen Kulturländern, im allgemeinen klein und aller verfügbare Raum ist aufs genaueste ausgespart. Und da die Wohnungen klein sind und die Häuser — mit Ausnahme von Amsterdam und Rotterdam — nur aus ein, zwei Stockwerken bestehen, so hat man hier wohl den hauptsächlichen Grund dafür zu suchen, daß einerseits der schwere, viel Raum beanspruchende Kachelofen in Holland nicht Fuß fassen konnte und daß hier anderseits die Zentralheizung' nur langsam an Boden gewinnt; diese ist ja nur dort von Vorteil, wo es sich um die Beheizung großer Wohnungsanlagen bzw. um die Wärmeversorgung vieler Mieterparteien handelt.
Nein, die Zentralheizung hat in Holland vorläufig noch nicht viele Anhänger. Die Zentralheizung besitzt ja eben lediglich technische, keinerlei gemut- haste Vorteile, insofern die Wohnungsinhaber sich um den knackenden, nach Firnis riechenden Heizkörper aus Eisenröhren nicht versammeln können.
In Holland, ich sagte es schon, ist während der Wintermonate der Platz am Kaminofen der Mittelpunkt des Hauses und des häuslichen Lebens. Hier versammelt sich die Familie des Abends, um zu plaudern, zu lesen, Tee zu schlürfen, weshalb man sagen kann, daß das feste Band, welches noch heute die Familie in Holland umschlingt, zum guten Teil vom Kamin und von den, vor ihm verbrachten Ge- meinschastsstunden gewoben wird. Es geht ja eben von der feurigen Glut, die durch die Eisenzähne des Rosts hindurchschimmert und die man mit dem Feuergerät so ergötzlich schüren kann, ein lebendiger
Einfluß aus, der Einfluß eines Geborgenheitsgefühls, der alle näher zueinander führt, die sinnend, träumend, nichtstuend vor der Glut fitzen. Man trinkt nirgendwo in Holland fo herrlich Tee, man lieft nirgendwo andächtiger Romane oder Reife- beschreibungen, man spricht sich nirgendwo gründlicher ober freundschaftlicher aus als vor dem knisternden, raschelnden, flackernden Kaminofen.
Zeitschriften.
— Im vorigen Jahre veranstaltete das britische Luftsahrtministerium über London zum ersten Male große Manöver mit Sperrballons. Es kam dabei zu Zwischenfällen, und ein großer Teil des Publikums zweifelte am Wert dieser Sperren. In Fachkreisen aber ist man anderer Meinung. Davon erzählt ein bebilderter Artikel im neuen Heft der „S i r e n e". Er berichtet über die ersten behelfsmäßigen Ballon- und Drachensperren der Deutschen und ihrer Gegner, über die praktische und moralische Wirkung dieser Abwehr und über die Entwicklung bis zur Flugzeughalle, die man heute in den Himmel stellt. „So wird's gemacht" heißt eine praktische Anleitung mit zahlreichen Bildern über die vielseitige Verwendung des „Dreiecktuches", des einfachsten Mittels zur Befestigung von Verbänden.
— Die deutsch-französische Erklärung vorn 6. Dezember 1938 bildet das Hauptmotiv für die neueste Nummer der „I 1 l u ft r i r t e n Zeitung Leipzi g". Rechtsanwalt Professor Dr. Friedrich Grimm behandelt unter dem Titel „Gibt es ewige Thesen?" die Tatsache, daß die politische Entwicklung der Gegenwart über eine alteingebür= gerte These wie die der deutsch-französischen Erbfeindschaft hinwegschreitet. Die nächste Bilderfolge führt uns noch Arles, dessen Frauen wegen ihrer Schönheit weltberühmt sind, lieber die Verständi- gungsfrage äußern sich Bannführer Lauterbacher und Reichskriegsopferführer Hanns Dberlinbober. Den Zielen und der Arbeit der Deutsch-Französischen Gesellschaft wird eine eingehende Würdigung zuteil.
Hochschulnachrichten.
Von den amtlichen Verpflichtungen wurden entbunden die ordentlichen Professoren D. Dr. Johannes Witte (Missionswissenschaft) an der Universität Berlin, Dr. Arnold Rademacher ^Apologetik) an der Universität Bonn und Dr.-Jng. Emil K a m- m e r (Hochbaustatik und Eisenbetonhochbau) an der Technischen Hochschule Darmstadt.
Montag, 23. Januar 1939
geben, einen Einblick in die Formen der Ablegung der Gehilfenprüfung zu gewinnen. Die Eindrücke waren ungemein vielseitig und ließen in universeller Schau die mannigfaltige Struktur unseres heimischen Wirtschaftslebens erkennen. Dabei war der Eindruck zu gewinnen, daß in der Gegenwart das Bestreben darauf hinausgeht, dem jungen Kauf-» Mannsgehilfen nicht nur grundlegende Kenntnisse zu vermitteln, sondern diese Kenntnisse durch warenkundliches Wissen zu vertiefen, so daß sich eine recht geschlossene kaufmännische Bildung ergeben soll. In vielen Fragen wurden die angehenden Gehilfen über ihr Fachwissen ausgeholt und aus der Ouerfumme der Antworten ergab sich das Gesamturteil. Die Prüfungen erstreckten sich im Einzelnen auf Weltanschauung, kaufmännisches Allgemeinwissen, Wirtschaftskunde und Sozialfragen, Warenkunde, Verkaufskunde und Werbung, Buchhaltung und Rechnen. In allen den Fragen, die trotz der Verkürzung der Lehrzeit nicht erleichtert und streng gehandhabt werden mußten, wurde doch Rücksicht genommen auf die Form des Betriebes, aus dem der Lehrling kam und die Möglichkeiten, die ihm gegeben fein konnten.
Erfreulicherweise konnte seftgestellt werden, daß in den vergangenen zwei Jahren eine stetige Leistungssteigerung bei fast allen Lehrlingen festgestellt werden konnte, die sich der Gehilfenprüfung unterzogen.
Für die Abnahme der Prüfungen haben sich aus dem Kreise der Wirtschaft zahlreiche Betriebsführer, wie auef) ältere Gefolgschaftsmitglieder zur Verfügung gestellt. Sie stellten die Fragen aus den unmittelbaren Notwendigkeiten der Praxis heraus. Berufsschullehrer, wie auch zahlreiche Lehrkräfte der Oeffentlichen Handelslehranstalt stellten sich ebenfalls zur Verfügung. Die mündlichen Prüfuvaen konnten um die Mittagsstunde abgeschlossen werden.
Heimatabend des Landschaffsbundes.
Der Ortsring Gießen des Landschaftsbundes „Volkstum und Heimat" hatte für den vergangenen Samstag seine Mitglieder zu einem Heimatabend in das Cafe Leib eingeladen. Der Saal war bis auf den letzten Platz besetzt. Der Abend bracht eine Fülle der sinnvollsten und schönsten Unterhaltung, die deshalb besondere Freude auslöste, weil sie ganz dem Geiste und den Kräften der Heimat entsprang.
Der Handharmonika-Klub Gießen leitete mit guter Marsch- und Konzertmufik den Abend ein und ließ mit seinen Darbietungen (auch im weiteren Verlauf der Veranstaltung) erkennen, daß die Arbeit von Musiklehrer N u r t s ch die besten Fruchte zeitigte.
Ortsringleiter Dr. M i cd e l hieß die Gäste, die Mitglieder und ihre Angehörigen willkommen, betonte, daß der Abend ganz der Heiterkeit, dem Gesang, der Musik und dem Spiel gewidmet sein solle; er sprach davon, daß alles Volksgut mit offenem Herzen aufgenommen sein wolle, er sprach aber auch davon, daß in allem wahrhaft völkischen Brauch und in allen kultischen Erscheinungen ein tiefer Sinn liege, der uns in klarer Linie mit unseren Vorfahren verbinde. Der Landschaftsbund wolle völkisches Kulturgut verlebendigen helfen und so dem Volke dienen, dem gegenwärtigen Menschen die Quellen erkennen lassen, aus denen der Reichtum deutscher Art floß. Mit dem Gedenken des Führers schloß Ortsringleiter Dr. Michel feine Ansprache.
Im weiteren Verlauf des Abends wurden bann non den vielen Besuchern mit besonderer Freude die bunte Reihe der Volkstänze verfolgt, die nach ebenso schlichten, wie originellen Melodien figurenreich und von den Beteiligten mit aller Hingabe an die edle Sache getanzt wurden.
Da sah man die „Sonberburaer Doppel-Quadrille", einen Tanz von edler Gemessenheit, die lebhaftere „Dolziger Mühle" und die „Geestländer Quadrille". Cs folgten dann weiter der „Bruder Lustig", der flotte „Iägermarsch", die „Lange Reihe", aus altem germanischen Kulturgut der feine Tanz „Sonnenrose" und der fast pantomimische Tanz „Hahn im Korbe". In her Reihe der Tanzspiele gefiel besonders auch der „Schneidertanz", dem das „Schneiderlied" vorausging und der Schneiderjahrstag" in schönem Wechselgesang folgte. Die Besucher des Abends
Oaö kleine Kamel.
^Ach, du bist es, kleines Kamel, dessen schrecklicher Schrei so weit zu hören ist! Armes kleines Kamel, ich verstehe dich. Du bist von der Mutter getrennt. Zwar steht sie im Nachbarzwinger, und noch kannst du sie sehen und kosen, kannst zu ihr hintrotten, den Kopf an ihren Hals zu legen. Aber ihr seid nicht mehr zusammen. Oie Ureinheit ist hin, die jedes Kind erhalten möchte, nachdem es lange im Dunkel lebte und in der Mutter geborgen wuchs.
Geschehen um deinen Frieden, kleines Kamel, war es bereits, als du das Licht der Welt erblicktest. Denn kein Geborenes entgeht feinem Schicksal. Die Gesetze des Lebens sind unerbittlich, und die Illusion eines ewigen Friedens wird eines Tages jedem zerstört. Ergib dich, gewöhne dich, hab' ein Einsehen, kleines Kamel! Der Wärter weiß, was nötig ist. Er kennt das Leben.
Unaufhörlich durchmißt das kleine Kamel feinen Zwinger — hin zur Mutter — — her zu mir. Jedesmal, wenn es zu mir kommt, wirft es dieses durchdringende Gebrüll in die Luft, das erschütternder ist als das des Löwen. Es erschüttert mich zu sehr, als daß ich auf meiner überlegenen Weisheit diesseits des Gitters bestehen könnte. Auch in mir regt sich ein Verlangen nach mütterlichem Frieden. — Allein, bin ich ein kleines Kamel? — Habe ich die Erlaubnis zu Wünschen, die unverständlich sind vor Gesetzen?
Wiegend, im Kinderschritt stapft das kleine Kamel zur Mutter, in deren Nähe seine Stimme ein wenig behaglicher klingt, als wolle es seine Zufriedenheit über das Wiedersehn zum Ausdruck bringen. Aber bann, nachdem es mit seiner Schnauze den geduldigen Kopf der Mutter berührt hat, macht es kehrt und bricht wieder in diesen schrecklichen, weitschallenden, zornigen Klageruf aus, der wie „höö— aaa—ööör" klingt und den es in die Länge zieht, bis es am Gitter bei meiner Weisheit angefnmmen ist — um sich zornig von mir abzuwenden und zur Mutter zurückzukehren.
Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis ein Kamel begrifffen hat, was es begreifen muß, weil es unvermeidlich ist. Immer an der selben Stelle gehend, wird es gleichwohl einen Weg von vielen Kilometern zurücklegen, — zornig und getröstet — schreiend und vor Behagen knurrend — pendelnd zwischen der Illusion von Frieden und meiner Weisheit vor dem Gitter, von der es eines Tages soviel besitzen wird, wie nötig ist, um als Kamel durchs Leben zu gehen.
Philipp Gottfried Maler.


