Ausgabe 
22.12.1939
 
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Oie Neuordnung im deutschen Osten.

Von IRmifteiwlrof Werner (Stephan.

In seinen letzten beiden Reichstagsreben hat der Führer bie Notwendigkeit, im Osten Europas die Grundlagen eines dauernden Frie­dens zu schaffen, stark unterstrichen. Jahrhunderte lang hat das polnische Volk einen Dauerzustand von Unruhe und Unsicherheit zuwege gebracht, der sich weit über das überwiegend von Polen bewohnte Gebiet an der mittleren Weichsel hinaus auf den ganzen Raum zwischen Oder, Düna und Dnjepr furchtbar ausgewirkt hat. Nie mit der Rolle des Kleinvolkes zufrieden, die Natur und Geschichte ihm nun einmal zugewiesen hatten, strebte es stets nach Beherrschung seiner Nachbarn, denen es aber an schöpferischer Kraft weit unterlegen, und die des­halb die polnische Anmaßung leidenschaftlich be­kämpften. Seitdem die unglückliche Lubliner Union von 1569 . aus der reinen Personalunion Litauens und Pommerellens mit Polen widerrechtlich eine Realunion gemacht hatte, herrschte der Größenwahn der sarmatischen Adelsrepublik unbeschränkt von der Ostsee bis fast ans Schwarze Meer. Die Kultur, die das Deutschtum von zahlreichen Städten aus über den weiten Raum ausaebreitet hatte, versank viel­fach im Sumpf der polnischen Lotterwirtschaft. In­mitten räuberischer Gewaltherrschaft polnischer Ge­schlechter konnten sich nur einzelne deutsche Inseln behaupten, die freilich immer wieder Zuzug erhiel­ten, wenn aus dem Reich durch vielfache Verspre- chungen neue Handwerker und Bauern ins Land gezogen wurden, die die verfallenen Einkünfte der polnischen Aristokratie aufbessern sollten.

Als der polnische Staat am Ende des 18. Jahr­hunderts zerfiel, yinterließ er den Nachfolgestaaten ein wirres Gemisch von Nationali­täten: Deutsche zwischen Polen. Polen zwischen Russen ukrainischen oder weißrussischen Stammes, dazu Litauer und Über das ganze Land verteilt Juden. Der liberale Staat des 19. Jahrhunderts verwaltete die Erbschaft, wie er sie übernommen hatte. Auf altem deutschen Volksboden versuchte er, das Deutschtum mit den Mitteln der Siedlung und des Genossenschaftswesens zu stärken, ohne sich da­gegen zu wehren, daß die Polen, nachdem sie sich die deutsche Schulung angeeignet hatten, nach dem­selben Rezept arbeiteten. Bei Ausbruch des Welt­krieges war mehr Boden in polnischer Hand als 50 Jahre vorher ein Beweis für die skrupellose Art, mit der die Polen im Deutschen Reich deutsche Gesetze mißbrauchen durften. Dennoch war der Cha- ratter des Landes an der unteren Weichsel, an Warthe und Netze d e u t f ch bestimmt. Wer nach Posen, nach Lissa oder nach Thorn kam, konnte nicht einen Augenblick im Zweifel darüber sein, daß er sich a u f deutschem Kulturboden befand. Und das hat sich auch in den 20 Jahren nicht ge­ändert, in denen das Versailler Polen die gleichen. Volksgruppen wie früher wieder unter seine Knute zwingen durfte. Das wirre Nationalitätengemisch wurde vermehrt, indem Polen vorzugsweise in deut­schen. ukrainischen und weißrussischen Grenzbezirken angesiedelt wurden. Die Unruhe in diesem Raum zwischen Oder und Düna wurde ins Ungemessene gesteigert. Aber eine wirkliche Verdrängung und Ausrottung der hier verwurzelten deutschen und russischen Volksgruppen erwies sich als unmöglich.

Als der polnische Staat wiederum wie 1772 und 1815 auseinanderbrach-, hatten die War­schauer Methoden nur eins zuwege gebracht: den festen Entschluß der Nachbarn, nun auf ewige Zeiten den Brandherd und die Jntrigenzentrale ausfluräumen. Die klare Grundlage für die Neu­ordnung des Ostraumes und die Stabilisierung des Friedens in Osteuropa bildet der deutsch-rus­sische Vertrag vom 28. September 1939. dessen Ratifikationsurkunden am 14. Dezember in Berlin ausgetauscht worden sind. Er schafft eine sichere Ab­grenzung der beiderseitigen Jnteressenzonen, bei der das von russischen Mehrheiten bewohnte Gebiet im ehemaligen östlichen Polen an die Sowjetunion fällt, während Deutschland die Neuordnung in der

westlichen Hälfte übernimmt, die außer den ehemals deutschen Provinzen auch das Land am Mittellauf der Weichsel umfaßt, in dem die Masie der Polen ansässig ist. Deutschland hatte jedoch niemals den Wunsch, ein Dutzend Millionen Menschen polnischer Nationalität ober jüdischer Rasse in deutsche Reichs- gaue einzubeziehen. Es beruht auf dem nationalen Prinzip und läßt wie schon die Neuordnung des böhmisch-mährischen Raumes im Frühjahr 1939 be­wiesen hat keine Vermischung der völkischen Grundbegriffe zu. So wurde östlich der neuen deut­schen Reichsgaue das Generalgouvernement für die besetzten polnischen Gebiete geschaffen.

Die Problematik der deutschen Ostgrenze hat sich seit Jahrhunderten immer wieder Daraus ergeben, daß die verschiedenen Siedlungswellen, durch die das in der Völkerwanderung geräumte altgerma- nische Land wieder in deutschen Besitz genommen wurde, nicht überall gleich weit uno in gleicher Dichte nach Osten vordrangen. Der erste große Vor­stoß tm Südosten gelangte vor 1200 Jahren bis an die Ostränder der Alpen, der zweite vor 750 Jahren füllte das gesamte Stromgebiet der Oder aus, ließ aber im Bereich ihres Nebenflusses, der Warthe, gewisse Lücken, während das Land um den Pregel und die Masurischen Seen sehr viel weiter nach Osten völlig wieder eingedeutscht wurde. Die Ausfüllung des Keils, den die Polen unter Ausnutzung der Schwäche des Reiches zwischen das deutsche Ostpreußen und das deutsche Schlesien zu treiben wußten, ist daher über die Jahrhunderte hin. weg eine nationale Aufgabe er ft er Ord­nung gewesen.

Am Ende des 19. Jahrhunderts glaubte man sie am besten lösen zu können, indem man alles pol­nische Land bis an Pilica, Bua und Njemen, mit den Städten Tschenstochau, Warschau und Bialystock dem preußischen Staat einverleiote. Nach den napo­leonischen Kriegen zog man sich um etwa 150 Kilo­meter hinter diese Linie zurück, so daß zwischen Oberschlesien und dem oftpreußischen Masuren ein neuer Keil entstand und ein Teil des schlesischen Industriegebietes außerhalb des deutschen Hoheits­gebietes blieb. Das erwies sich zur Zeit der Polen- aufstände von 1830 und 1863, aber auch zu Beginn des Weltkrieges als recht gefahrvoll für die Sicher­heit des Reiches. Die Tatsache, daß heute e i n Warthegau" geschaffen ist, läßt darauf schlie­ßen, daß das Stromgebiet dieses größten Neben­flusses der Oder im wesentlichen, wenn auch nicht mit geopolitischer Pedanterie genau, als deut­scher Reichsgau konstruiert wird. Als Regie- rungshauptstadte dieser neu abgegrenzten Ostprovinz sind neben der Gauhauptstadt Posen die uralten deutschen Siedlungen Hohensalza und K a l i s ch bestimmt, während als weitaus größte Stadt, schon nahe der Gouvemementsgrenze, Lod sch mit seinen rund 100 000 Deutschen beson­dere Beachtung beansprucht. Weiter nördlich schützt der Regierungsbezirk Eichenau, das ehemalige Südostpreußsn, als Teil der alten Landschaft Mass- Dien mit Ostpreußen vereinigt, die Lücke zwischen Masuren und dem Warthegau. Der Gau D a n - zig-We st preußen bezog über seine alten Grenzen hinaus das kampferprobte und leidgeprüfte Deutschtum Brombergs mit ein, so daß sich auch hier eine Dreizahl der mittleren Verwaltungsbezirke ergibt, da außer demFreistaat" Danzig auch der Regierungsbezirk Marienwerder, nach 1919 mit Ostpreußen vereinigt, in die alte Gliede­rung zurückkehrte. Zur Provinz Schlesien wurde naturgemäß nicht nur jener Teil Oberschlesiens rück- gegliedert, der entgegen dem Ergebnis der Volks­abstimmung 1921 den Dolen zugesprochen wurde, sondern auch der von Warschau geraubte Teil des alten Oesterreichifch-Schlesien mit der deutschen Hochburg Vieltz ein Gebiet, bas seinen Ver­waltungsmittelpunkt in stzattowitz erhält.

Die erste Aufgabe für die deutschen Behörden wird es sein, dem verdrängten Deutschtum dieses von den Polen durch Jahrzehnte mißhandelten Ost- raumes wieder zu seinem Recht zu verhelfen. Zuge- rognbertes Polentum wird schleunigst den rückwan- bcrnben Deutschen Platz zu machen haben. Eine Aufsiedeluna großen Umfanges wurde alsbald nach Besitznahme des Gebietes durch bie Verträge mit Lettland und Estland über die Rück­

führung des dort ansässigen Deutschtums in Angriff genommen. Dazu kommt in den nächsten Wochen der Austausch der Bevölkerung zwischen Deutschland und der Sowjetunion, der sich auf die Ukrainer des San- und Buggebietes einerseits, auf die etwa 100 000 Deutschen aus Ostgalizien und Wolhynien sowie einiger deutscher Dörfer am obe­ren Narew anderseits erstreckt. Schon sind in der wolhynischen Hauptstadt Luck die Deutschen, in Cholm und Jaroslau die räterussischen Kommissionen eingetroffen. Unmittelbar nach der Ratifizierung des deutsch-russischen Abkommens wird daran gearbeitet, das polnische Chaos zu ordnen mit dem Ziel, im wiedergewonnenen deutschen Land das ver- sprenate Deutschtum Osteuropas zu sammeln, wäh­rend bie Sowjetunion ihre Stammesgenossen über die endgültige deutsch-russische Jnterestengrenze heimholt.

Das Generalgouvernement aber bleibt der Raum, in dem Polen und Juden siedeln, aber nicht mehr imstande sind, die ruhige Entwicklung Osteuro­pas zu stören und zu verwirren. Das Zentrum die­ses Gebietes ist Krakau. Es gliedert sich in vier

Gouvernements mit den Hauptorten Krakau, Radom, Warschau und Lublin. Es ist be« fannt, daß der östlichste dieser Bezirke, Lublin, in dem Land zwischen Weichsel und Bug, den Hauptteil der Juden beherbergt. Der Hinweis des Führers in seiner Rede vom 6. Oktober auf die Möglichkeit einer Regelung des jüdischen Problems hat also gerade für dieses Gouvernement besondere Bedeutung. Zielsetzung und Ausrichung hat die Ar­beit an der Neuordnung des Ostens durch die gro­ßen Proklamationen des Führers zu Beginn und zum Abschluß des gewaltigen Polenseldzuges er­halten. Danach wird eine Reichsgrenze ge­schaffen, die den historischen, ethnographischen und wirtfchaftlichen Bedingungen entspricht. Zugleich wird eine Ordnung des Raumes nach Na­tionalitäten vorgenommen, deren Fehlen einen Zustand jahrhundertelangen Unfriedens hervorge» rufen hat. Denn die Aufgabe, die heute gestellt ist, heißtvon den deutschen Gauen das Element der Unsicherheit zu entfernen", und dafür zu sorgen, daß auch im Osten eine befriedete Grenze für alle Zeiten geschaffen wird.

Landkarten als Erlebnis.

Oer Wandel der Kartographie.-Vom statistischen zum dynamischen Kartenbild.

Für den machen und aufgeschlossenen Menschen ist es ein Erleonis eigener Art, sich zuweilen in ein Kartenblatt zu vertiefen. Die eben noch ge­räuschvoll anbrängenbe Umwelt ist plötzlich wie ausgelöscht. Wie auf einen geheimnisvollen Be­fehl fühlt ber innere Sinn sich bem merkwürdigen Reiz der farbigen Flächen und dem scheinbar krausen Spiel der Linien des Kartenbildes hinge- geben. Wir stehen mitten in einem seelischen Vor­gang und fühlen unser Wesen ähnlich oeschwingt, wie es sonst nur das nachhaltige Erlebnis eines großen Kunstwerkes bewirkt. Während das Auge uns in eine scharf umgrenzte neue Wirklichkeit un- ausweichlich einspannt und fejtbannt, wirb zugleich unsere Phantasie in eine schöpferische Bewegung gesetzt, die jedes Gestalthafte und Gegenstänbliche wiederum in ein Grenzenloses auflösen möchte.

Aufmerksam gleitet unser Blick über bie blauen Meere und Flusse des Kartenbildes. Wir streifen über das Braun der Gebirge, über bas Grün der Ebenen, wir hasten am Gelb ber Wüste und spüren förmlich den heißen Atem tropischer Welt. Wir suchen vielleicht begierig die weißen Gebiete ber Arktis und glauben zugleich die majestätischen Schauer desweißen Schweigens" zu erleben kurz: Wir erschaffen im Anblick einer Karte in den Tiefen unserer Seele Bilder, die möglicherweise kaum eine Ähnlichkeit mit der Wirklichkeit haben, aber doch ebenso stark, ja vielleicht noch leuchtender und farbiger, noch unvergeßlicher in uns leben, als die geschaute Wirklichkeit sie uns je zu bieten ver­möchte.

Und noch andere, nicht minder reizvolle und selt­same Erlebnisse vermittett uns sogleich ein Karten- bild: Es ist uns lieb geworben als treuer Freunb und Begleiter für unsere Erinnerung. Sitzen wir nicht manchmal über eine Karte gebeugt, um noch einmal auf den bunten Blättern die Erlebnisse einer gemachten Reise aufzufrischen, alle Städte und trau­ten Winkel noch einmal zu durchwandern ober gar fern ber Heimat sich bas unvergessene Bilb der heimatlichen Erde im Geiste mit allen kleinen Zügen tief zu vergegenwärtigen?

Nun ist es eine unbestreitbare Tatsache, daß un­sere heutige Zeit, die wieder auf die unerschöpflichen Quellen des Volkstums selbst zurückgreift und ganz dem inneren Rhythmus der volksdeutschen Wende hingegeben ist, zwangsläufig eine überall bemerk­liche Neigung zum Kartenbild entwickelt hat: Die vielen volkstümlichen Atlanten, die zahlreichen gro­ßen und kleinen Erd-Globen auf* ben Schreibtischen und Bücher-Regalen, die neuerwachte Liehe zu den bilderverzierten Kartenblättern vergangner Jahr­hunderte, ebenso bie Bild karten, wie sie von Reichs­bahnbehörden, Schiffahrtsgesellschaften usw. üblich geworden sind' sie alle sind irgendwo sichtbare Zeugen einer neubelebten Kartographie.

Es gibt auch noch andere Anzeichen für die zu­nehmende Wirkung kartographischer Darstellungen, und es ist sicher kein Zufall, daß man sich gerade in Deutschland in ben letzten Jahren zusehends um eine tiefere Gestaltung des Kartenbildes be- i müht. Der Weltkrieg mit feinen weitreichenden poli­tischen Nachwirkungen und ber Sichtbarmachung längst reif gewordener völkischer Probleme und geopolitischer Zusammenhänge ist auch hier im letz­ten von entscheidender Bedeutung geworden.

In unserer Zeit des völkischen Aufbruch- gehr es heute um den volkserzieherischen Sinn der Kartographie. Denn die Tage, in denen man sich im deutschen Erdkunde-Unterricht in der Be­handlung und Aufzählung von Wasserscheiden, Fluß- Systemen, Meerengen usw. erschöpfte, sind enbgül­tig überrounben. Die großen Leistungen der alten, naturwissenschaftlich ausgerichteten Geographie wer­den in ihren großartigen Ergebnissen dleioen. Was aber not tut, ist bie auf den Menschen be­zogene Erdkunde, ist eine Darstellung, die die Erde als Lebensraum ber Völker zum Gegenstand der Schau erhebt, die im Sinne der Anregungen des klassischen Geographen Karl Ritter (1779/1859) die lebendige Wechselwirkung zwischen Natur und Mensch, zwischen Erde und Geschichte herausarbei- tet. So sehen wir denn auch bie politisch wertende Erdkarte mehr und mehr in Kartographie und Un­terricht in Erscheinung treten.

Mag es tm Vorkriegszeitalter wichtig und nützlich gewesen sein, zu lernen, an welchem Fluß oder Mündung diele ober jene Stadt lag, so liegt es dem dynamischen Lebensgefühl unserer Zeit näher, etwas vom Wesen einer Stadt zu erfahren,vom wirtschaftlichen Aufbau der Länder, von den strate­gischen Bedingungen, von ber völkischen Eigenart der Bewohner und von den Minderheiten, von diesen tausend Dingen, die erst das Bild eines Lan­des ausmachen. Oder hätte man jemals früher eine Karte gesehen, die uns die Verbreitung des Juden­tums au! der Welt, das Gefälle feiner Wanderung, seinen Anteil am Volksvermögen und am öffent­lichen Leben der einzelnen Länder veranschaulicht hätte?" (W. Koppen.)

Mit Stolz dürfen wir sagen, daß vor dem Welt­krieg im allgemeinen unsere geographischen Kennt­nisse bei weitem sicherer und fundierter waren als bei anderen Völkern, auch den großen. Aber wie beschämend kst doch anderseits die Tatsache, daß deutsche Soldaten erst im Verlauf der weltweiten Kriegsoperationen von 1914/18 an Ort und Stelle erfuhren, daß es im ganzen S ü b o ft e,^ Europas Deutsche gab, bie in geschl o« feuer ©ieblung lebten und seit JahrhundertW ihr angestammtes Volkstum zäh bewahrten. Dies konnte -nur geschehen, weil bie damalige Karto­graphie auf das Deutschtum jenseits der schwarz-

Weihnacht tm Egerland.

Von Fritz Alfred Zimmer.

Alle (Erinnerungen werden wach. Erinnerungen aus der Bubenheimat oben im sächsischen Musik- winkel an ber alten Grenze. Wir gingen alle gern zuweilen nachBöhmen". Nach Marthaufen und Graslitz, nach Asch, Fleißen, Eger und Franzensbad. Hin und wieder einmal am Fichtel- unb Keilberg auch nach Gottesgab und Joachimstal.Schon des guten Bieres wegen", wie unsere Väter sagten, Und der billigen Waren", wie bie Mütter betonten. Böhmisches Glas und Porzellan, Schmucktand und auch Schuhwerk waren begehrt wie böhmischer Ta­bak, Zigarren und Zigaretten Bereits als kleine Kerle gingen wirdrüben" mit einkaufen.

Für unseren kindlichen Sinn war das alles fremb und sonderbar: die grünweißen und die braun­schwarzen Grenzpfähle dicht beieinander und die ebenso angestricyenen Schlagbäume auf freier Straße am Zollhaus mit seinen wiederum zwiefach gekleideten und oft sogar bewaffneten Grenzwäch­tern, das vielfach doch etwas andere Gehabe ber Leute brühen, die bauschigeren bunteren Kleiber ber Frauen und Mäbchen, ber ungewohnte farbige Kopfputz unb bie schimmernden Umschlagetücher, ihre Sprache in andersgearteter Mundart wir wollten es dem Vater zuerst gar nicht recht glau­ben, daß sie, wie er sagte,unsere deutschen Brü­der" seien.

Nur im Wirtshause bann bei der Bedienung unb in ben kleinen schimmernden Verkaufsläden, über denen wir an ben Aushängeschildern mit Befrie­digung gutdeutsche Namen lasen und drinnen hinter den Ladentischen eine überaus freundliche Bedie­nung fanden, wurde uns Jüngeren viel heimischer zumut.

Besonders schön waren für uns bieböhmischen Weihnachten". Ein Gang schon als Junge mit den Eltern am zweiten ober britten Feiertag durch bie nahenKlingenden Täler" von Zwotental unb Klin- genta!, Brunndöbra und Untersachsenberg nach Schwadersbach oder Markhausen wurde immer zu einem besonderen Erlebnis.

Roch als wir schon angehende junge Männer waren, mit Freiersfüßen auf ersten Liebeswegen, klang jenes Weihnachtserleben in uns nach. So, daß wir jahrelang am dritten Weihnachtsfeiertag unsere gewohntegroße Schlittenfahrt" im kleinen Gesellschaftskreise just nach der Grenze unternah­men. Dem Herkommen nach stellten einige Bürgers- töchter die zwei ober brei Gespanne, unb bann ging es pelzvermummt und beckenverpackt mit Lärm und Lied die lange schneeige Landstraße durch den Win­

terwald entlang. Jeder stolz seineDame" am Arm, fuhren wir zu Festmahl unb Tanz ImSchwan" zu Graslitz. Auf der Heimfahrt hat Dann immer der von uns Mannsleuten bestochene Kutscher es ver­standen, an einer ungefährliches Biegung jedes Jahr an anderer Stelle Schicksal zu fielen und bei verlangsamtem Trabe ben Schlitten zu kippen, so daß Männlein unb Weiblein (die letzteren immer unvermutet) hübsch miteinander in ben tiefen, weichen Ccynee rollten.

Dann kam der Weltkrieg, kam einFriede" ohne Freude. Jetzt erst wurde, was bisher nur lose war, schwer und bitter: Grenze! Scheidung. Mit allem Widersinn mitten durch eine Volksbruderschaft unb auch ein Landschaftsganzes. ImSchimmel", dem trauten Gasthause im böhmischen Zwickel zwischen Bad Brambach unb Bad Elster tatsächlich mitten durch die Gaststube hindurch! Da wurde es bedenk­lich stille dort oben im Egerland. Traurig unb öde. DieBierreisen" hörten auf. Die Schlittenfahrten auch Weihnachtsfeste waren ausgeträumt. Beider­seits ber Grenze.

Zwanzig Jahre lang. Bis ber Führer mit dem Sudeten- auch bas Eaerland wieder heim ins Reich führte? O Weihnacht im Egerland! Wie funkelst und schimmerst du wieder! Die frohe Bot­schaft ist Erfüllung geworden:Ehre sei Gott in ber Höhe?"

,Waldrous<b.^

Der Ganghoferscbe RomanWaldvausch" gab, wie schon viel"Romane dieses Schriftsttll"rs. ein hanfb-ires Thema für den Film Der Schauplatz und Rahmen, ein 211 nental, wurde in diesem Ufa-Film (Regie: Paul Ostermen er) belebt von kraftvollen Ge­stalten, in deren Mittelpunkt ber Ingenieur Ambros Lutz steht, der mit einer großen Aufgabe, der Re­gulierung ber Wilbach, in fein Heimattal zurück­gekommen ist, in ber Folge aber in bie Gefahr gerät, abgelenkt burch Musik und aussichtslose Liebe, seine Aufgabe in entscheidenden Augenblicken nicht zu erfüllen. Wie aber schließlich doch alles gut aus­gebt, das schildert ber Filmstreifen (ber seit gestern im Lichtspielhaus Bahnhofstraße gezeigt wird) mit viel Gefühl, das allerdings in manchen Szenen last in Rührseligkeit auszuarten droht. In den Haupt­rollen fleht man Paul Richter fmnfi Knote«*, .Hedwig Bleibtreu, Eduard Köck, H. A, Schlettow und Erika Dannhofer lebhaft bemüht, den Erfolg des Filmes von ber Darstellung her zu sichern. Der kleine Martin Schmidthofer forat in mancher Szene für einige Heiterkeit. Schöne Bilder aus ben Bergen bereicherten ben Film Im Beiprogramm fah man deutsche Gebirgstruppen, bie

unter unerhörtem Einsatz schwere Geschütze in Stel­lung brachten. Die Wochenschau zeigte den Führer bei oem greifen Generalfelbmarschall von Mackensen, man sah Jagdflieger im Kampf mit französischen Bombern, schließlich auch wieder eine Reihe ein­drucksvoller Bilder von ber Ausfahrt deutscher Seestreitkräfte.

Heinrich Ludwig Neuner.

Maria Ilona "

Ein Bolvartz-Filrn der Terra mit Paula Wessely und Willi Birgel.

Der große Ungarn-2lufftanb gegen Habsburg im Schicksalsjahr 1848 ist der geschichtliche Hinter­grund dieses Films, ber trotz erheblicher Belastung mit historischen ^Reminiszenzen docy dem rein Menschlichen genug Raum läßt, um ber Eigenart Paula Wesselys die Möglichkeit zu geben, sich aus­zuwirken. Sie ist eine Frau, die nichts als Frau fein wollte, aber durch ihre Liebe zu Fürst Felix Schwarzenberg, dem leitenden Staatsmann Oester­reichs, ganz gegen ihren Willen unb mit heftigem Widerstreben in die Politik hineingezogen wird, die sich darum dreht, oo es Schwarzenberg gelingen wird, zu Kossuth, dem Führer der ungarischenRe­bellen , eine Brücke der Verständigung zu schlagen, ober ob auf beiden Seiten die radikalen Auffas­sungen den Sieg baoontragen werden. Schwarzen­berg nähert sich Maria Ilona, der burch ihre erste Heirat in Wien heimisch gewordenen geborenen Ungarin, aus bem Wunsche, in ihr eine Vermitt­lerin zu Kossuth zu finden. Er gewinnt ihre Liebe, wird aber auch selbst in den Bann ihrer natür­lichen Fraulichkeit gezogen. Aus Liebe zu ihm über­nimmt Maria Ilona die politische Mission, aber an bereu Ziel, im Feldlager Kossuths, erfährt sie vom Einmarsch ber österreichischen Truppen, der alle Hoffnungen auf eine gütliche Verständigung illusorisch machen muß. Sie weiß nicht, daß in Wien mit ber Thronbesteigung des jungen Franz Joseph die Kriegspartei gegen Schwarzenberg die Ober­hand begonnen hat. Von ihm glaubt sie sich miß­braucht unb getäuscht unb leiht in biefer Stim­mung um so eher ben Bitten Kossuths Ohr, um für Ungarns Sache in Wien zu wirken. Ihre fal­schen Berichte wiegen Schwarzenberg und ben Wie- ner Hof in Sicherheit, ja sie brängt ben Fürsten zu ihrer Verlobung, um durch ein großes Fest ben Feldmarschall Windischgrätz, ben Führer ber in Ungarn stehenden österreichischen Truppen nach Wien zu locken, während die ungarischen Auf­ständischen aus den Karpathen auf Budapest vor­stoßen. Maria Ilonas Bruder kommt tn Kostuchs

1 Auftrag nach Wien, wird verhaftet und erschossen» |ba er einen Versuch Schwarzenbergs, ihn zu retten, i stolz zurückweist. Dem Fürsten gesteht Maria Ilona, daß sie ihn hintergangen hat, und vor der Ent­scheidung zwischen Vaterland und Liebe bekennt sie sich zu Ungarns heiliger Sache.

Der Film, den Geza von Bolvary nach dem Drehbuch von Billinger, Eplinius und M a u r i n g inszeniert hat (ihnen lacf ein Roman von Richter-Tersik vor), hält glücklich bw Mitte zwischen einer in Aufmachung sich erschöpfen den Haupt- und Staatsaktion und einer stillen^ gamuf die innerlichen Töne abgestimmten Liebes­geschichte, in der wir Paula Wessely bislang meist zu sehen gewohnt waren. Offen bleibt die Frage, ob die Frau dem Staatsmann Schwarzenberg doch im Grunde nur das Werkzeug der Politik blieb, und zwiespältig erscheint das Handeln der Frau, die auch nach ber ihr gewordenen Aufklärung fort­fährt, gegen den Geliebten zu arbeiten, trotzdem aber feine Hilfe zur Rettung des Bruders erbittet unb erhält. Wie Maria Ilona sieht sich auch Paula Wessely in den Netzen der Politik gefangen. Die Zwiespältigkeit ihrer Rolle leat sich wie ein leichter Schatten über ben ganz geraden, offenen und auf­richtigen Charakter und das starke, ungebrochene, natürliche Lebensgefühl, von dem ihre größte Wir­kung ausgeht. So bleibt sie am stärksten in ben Szenen, die ihr erlauben, ganz Frau zu fein. Vor dem Spiegel unb Schreibtisch Marie Antoinettes und wie sie die Ringe ihrer Witwenschaft abftreift und entschlossen beiseitelegt, da ist sie von einem bezaubernden Charme. In Willy Birgel hat sie einen Partner, der mit ber überlegenen, in jeder Situation beherrschten Haltung des wahren Kava­liers weife Mäßigung gleichsam zum Apostolat seines Handelns macht. Die stille Resignation des alten Oesterreich liegt über feiner Politik und über feiner Liebe. Sein Spiel ist von einer Noblesse, bie alle lauten Töne und jeden äußeren Effekt ver­achtet. Paul Hörbiger macht aus ber an sich geringfügigen Rolle des von der politischen Bühne abtretenden Kaiser Ferdinands eine ganz aus dem Wiener Milieu ber Zeit gesehene ausgezeichnete Porträtfkizze. Richard H ä u ß l e r ist mit Schwung und Beredsamkeit.der Ungarnführer Kossuth, Paul H u b s ch m i d mit jugendlichem Feuer der Bruder ber Maria Ilona. Robert Herlth und Ewald Daub haben den besttickenden Prunk des SchönbruTmer Schiostes, bas warme Biedermeier-Interieur eines Wiener Privatpalais unb bie herbe Weite der un- aarischen Landschaft in packenden, kontrastreichen Bildern eingefangen. Der große Gewinn dieses Films bleibt indessen trotz der angedeuteten Vorbe­halte das reife, ausgeglichene, ganz von Innen her ausgerichtete Spiel Paula Wesselys. F. W. Lange,