Ausgabe 
22.7.1939
 
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Oie Heimat des Führers.

Don Gauletter und Landeshauptmann

August (Ligruber.

Durch seine natürliche Lage am Schnittpunkt des Nord-Süd- und Ost-Westverkehrs ist der Gau Oberdonau im Wirtschaftsraum des Großdeut­schen Reiches und im besonderen für die Erfüllung seiner mitteleuropäischen und südosteuropäischen Funktionen zu einem wertvollen Glied großdeutscher Wirtschaft geworden das vollauf die wertvollen Gegebenheiten seiner Lage und seines Bodens nützen wird. Der Tatsache, daß hier die Erztransporte aus dem Erzberg in der Steiermark zum erstenmal und in kürzester Linie den billigen Frachtenweg der Kohle aus dem Westen des Reiches erreichen, die auf den Schleppkähnen über den Rhein-Main-Kanal die Donau herab- kommt, verdankt die Gauhaupt st adt Linz die Errichtung der Reichswerke Hermann Göring. Aber auch der Gau selbst liefert wich­tige Rohstoffe. In den Kohlenflötzen des W o l f s e g g- Traunt Haler - Kohlenreviers liegen außerordentlich große Vorkommen von Braunkohle und sowohl im Norden, in den weiten Gebieten des Böhmerwaldes und des Moldautales, wie auch im Süden des Gaues, im Alpenland, finden sich unge­heure Holzbestände.

Schon immer war im Gau auf Grund dieses Waldreichtums eine leistungsfähige Papierin­dustrie vorhanden, zu der nun auch nach dem Anschluß der südböhmischen Kreise Krummau und Kaplitz die größten Papierfabriken der ehemaligen Tschecho-Slowakei.Pötschmühle und Moldaumühle ge­nannt, gekommen sind. Aber auch in L e n s i n g , in der Nähe der Kreisstadt Vöcklabruck, wird förmlich über Nacht der Baubeginn setzte erst vor we­nigen Monaten ein und seither wird auch nachts im Scheinwerferlicht ohne Unterbrechung gearbeitet von der Thüringischen Zellwolle AG. eine ganze Reihe von neuen Industrien, und zwar eine Zell- st o f f -, Zellwolle-, eine Papierfabrik und gleichzeitig eine Spritfabrik für Ab­wässerverwertung aus dem Boden gestampft. Daß nunmehr auch unsere Steyrwerke, deren Markenwagen weit über das Gebiet der Ostmark hinaus im Altreich, ja in ganz Europa einen durch hervorragende Leistung anerkannten Namen haben,, nach ihrer engen Eingliederung in das Arbeitspro­gramm Hermann Görings Arbeit über Arbeit haben, braucht wohl nicht besonders erwähnt zu werden.

Trotz dieser gewaltigen Industrialisierung unseres Gaues, die wegen der Geschlossenheit des Wirt­schaftsgebietes in Oberdonau vom Reichswirtschafts­minister Funk mit der Anerkennung als eigener Wirtschaftsbezirk und dem Sitz einer Wirtschafts­kammer in Linz ausgezeichnet wurde, will unser Gau ober dennoch als natürliches Gegengewicht und ewige Kraftquelle auch seiner bäuerlichen Verbundenheit mit Blut und Scholle treu bleiben. Weite, fruchtbare Ackerböden werden für die Ernährungswirtschaft unseres Volkes wich­tige Beiträge leisten können. Das Salzkammer­gut mit dem Ausseer Landl und seinen herrlichen Bergseen wird auch in den kommenden Jahren, wie in Öen vergangenen, Anziehungspunkt für Erholung und Schönheit suchende Volksgenossen aus dem Alt­reich und aus dem Auslande sein und wird nach wie vor seinen Charakter als ausgesprochenes Frem- denvek?ehrsgebiet erhalten. Das Mühlviertel und der B ö h m e r w a l d mit den weiten, dunklen Wäldern, den kargen, steinigen Hochflächen und den Hochmooren sind reich an Schönheiten für den, der in besinnlicher Stunde diese stille Schönheit zu suchen und zu finden weiß.

Der Gou Oberdonau ist aber auch reich an hohen Kulturstätten aus fast allen Epochen der deutschen Kunst. So hat sich die Gotik in zahlreichen Kirchen, Altären und Standbildern rein erholten. Der Bacher Altar in St. Wolfgang sowie die Altäre in Kefermarkt und Hallstatt haben Welt­berühmtheit erlangt. Aus jener Zeit stammen auch die sagenumwitterten Ruinen gotischer Burgen im Mühlviertel und im Donautal. Von der Pracht der Renaissance, die sroar hier weniger vertreten ist, zeugen einige Schlösser, Türme und schöne Höfe. Insbesondere aber die Kunst des Barock erreichte

hier eine Höhe, wie sie in diesem Ausmaß anderswo kaum zu finden ist. Besonders sind es die Stifte, wie St. Florian und Kremsmünster, die hier em wahrhaft prachtvolles Antlitz erhielten.

In all dem aber, in dem zielbewußten und harten Schaffen des Aufbaues in den Industriegebieten ebenso wie in den landschaftlichen Schönheiten der Berqwelt des Salzkammergutes und den stillen Hochwäldern des Böhmerwaldes, in den Kunstwer­ken der Holzschnitzerei, wie in dem Stein gewor­denen Ausdruck vergangener Zeit spürt man d e n deutschen Geist dieses Gaues, ter Grenzmark und Grenzwall des Reiches im Osten war fett dem 5 Jahrhundert unserer Zeitrechnung. Im 6. und 7 Jahrhundert gehörte er als bayerisches Kernland zu den Bollwerken ter Ostmark. In den gewaltigen Glaubenskämpfen des 16. und 17. Jahrhunderts war das Land eine Hochburg des Luthertums. Eine führende Rolle spielte hierin das 1571 von den Ständen errichtete Landhaus in Linz. Hier war es auch, wo der berühmte Astronom Johannes Kepler als Lehrer wirkte. Im Kampf um die Freiheit ihres deutschen Gewissens kam es 1626 zu einem gewaltigen Aufstand der Bauern. Das furcht­bare Würfelspiel am Haushamerfeld ist in die Geschichte eingegangen. Als dann Napo­leon durch dieses Land zog, erhob es sich wie em Mann gegen die Fremdherrschaft. Im Jahre 1882 wurde in Linz das sogenannteLinzer Programm' der Deutschnationalen Bewegung Schönerers geschaffen. Und noch Dutzende wären zu nennen, wenn von großen Leistungen, die aus dem deutschen Blut unseres Landes heroorgingen, für das Gesamt- deutschtuM zu reden ist. Angefangen von dem

.Kürenberger", der als Verfasser des Nibe­lungenliedes gilt, über Wernher d e n Gar­te n a e r e, der aus dem Innviertel stammte und der dem deutschen Volk mit seinemMeier Helm- brecht" die erste Bauerndichtung gegeben hat, bis zu Franz Stelzhamer und A d a l b e-r t Stif - ter. Der oberösterreichische Kleinbauernsohn Ge­org Derfflinger, den die (Segenreformation aus der Heimat vertrieb, rückte im Dienste Bran­denburgs zum Organisator der preußischen Reiterei und Mitschöpfer des preußischen Heeres auf und wurde Sieger in der Schlacht bei Fehrbellin. Auch Gneisenau entstammte einem Mühlviertler Geschlecht, das in der Zeit der Gegenreformation aus dem Lande getrieben wurde. Auf dem Gebiete der Musik kündet das sinfonische Schaffen des be­scheidenen Ansfelder Schulmeisters A n t o n B r u ck- n e r in deutscher Unsterblichkeit vom Ringen um das Höchste.

Seinen größten und einmaligen Beitrag für das deutsche Volk und seine Geschichte aber hat der Gau Oberdonau erbracht in Adolf Hitler, der als Unbekannter aus diesem Gau auszog und zum Führer und Befreier des ganzen deutschen Volkes wurde. Die Namen von Braunau, Lambach, Leon- ding und Linz werden auf immer mit der Jugend und dem Namen des Führers verbunden sein. Die­ses stolze Bewußtsein, Heimatgau des größten aller Deutschen zu sein, bedeutet für den Gau Oberdonau besondere Verpflichtungen und wird immer doppel­ter Ansporn sein, alle Aufgaben, die unserem ©au als wertvollem Glied im Aufbau des Reiches zu­fallen, zu meistern.

Kämpfende Nordofimark.

OieOstpreußenfrage" auf polnisch.

Don unserem re.-Sonderberichierstaiier.

IV.

Marienburg, im Juli 1939.

In einem weiten, nach Nordwesten geöffneten Bogen wird der Gau Ostpreußen zwar nicht von Polen, aber von einem seit 1919 bzw. 1920 pol­nisch gewordenen Gebiet umfaßt. Die Umklammerung beträgt geographisch gesehen etwa einen Zweidrittelkreis. In der Tat stößt ter bei weitem größte Teil ter 900 Kilometer langen Grenze Ostpreußens an polnisches oder an polnisch gewordenes Gebiet. Selbst an ter schmälsten Stelle des Korridors, die der westlichen Hälfte der Dan­ziger Bucht benachbart ist, wird Ostpreußen vom Reich immer noch durch zwei Gebiete getrennt, die seit 1919 nicht mehr zum Reich gehören.- erstens durch den sogenannten F r e i st a a t D a nz i g mit- einer größten Breite von etwa 75 Kilometer und zweitens westlich davon durch den bis nach Rixhöft hinaufreichenden nordwestlichen Zipfel des Kor­ridors, der von der äußersten westlichen Ecke des Danziger Gebietes an gerechnet noch knapp 40 Kilometer Breite hat. Mit diesen Angaben ist die geopolitische Lage des Gaues umrissen, ist aber auch das Gefahrenmoment der Zeit von 1919 bis 1935 und zugleich die Wichtigkeit einer Lösung der Danziger Frage für Ostpreußen angedeutet.

Von Marienburg bis an die Südecke des ost- preußischen Kreises Neidenburg grenzt Ostpreußen an den sogenannten Polnischen Korridor. Und hier mag einmal darauf hingewiesen werden, von welchem Standpunkt imperialistischer Selb- überschätzung, Großmannssucht und bedenkenloser Geschichtsfälschung man in Polen die seit 1919 hier im deutschen Osten geschaffene Lage betrachtet. Um es auf- einfache Formel zu bringen: eine Korridor­frage existiert für Polen überhaupt nicht, sondern ledig l'ich eine Ostpreußenfrage! Das heißt, nach der bewußt falschen polnischen Methode der Selbstsuggestion ist nicht etwa in Versailles Deutschland gewaltsam um seinen westpreußisch - posenschen Besitz gebracht, sondern Polen um Ostpreußen betrogen worden! Mit den­selben unlauteren kartographischen und dokumen­tarischen Mitteln wie Herr Benesch für die Tschecbei, hat seinerzeit auch Polen für die Aneignung des

Korridors und Ostpreußens gearbeitet, gegenüber einem Deutschland, dem Polen seine Wiedererstehung als Staat überhaupt verdankt.

Es ist ganz gewiß nicht das Verdienst der Der- sailler Entente oder der rotfarbigen Systemregie­rung von damals, sondern einzig und allein d a s Verdienst der ost preußischen Bevöl­kerung, wenn der polnische Anschlag mit der Abstimmung vom 11. Juli 1920 zunichte gemacht wurde. Was Polen tun konnte, um die ostpreußische Abstimmung zu sabotieren, hat es ge­tan. U. a. verfügte es eigenmächtig eine Durchgangs­sperre für den Korridor, die einen vollen Monat, nämlich vom 15. Juni bis 15. Juli 1920, dauerte und die Massenreisen der zur Abstimmung herbeieilenden Ostpreußen möglichst abstoppen sollte. Erst der Kor­ridor-Vertrag vom 21. April 1921 setzte fest, daß eine Verkehrsunterbrechung oder -Hemmung zwi­schen dem Reich und Ostpreußennur im Falle einer auch von der Gegenseite anerkannten Not­wendigkeit" statthaft sei. Wie oft in der Systemzeit die Polen unter allen möglichen Vorwänden den Bahnverkehr zwischen dem Reich und Ostpreußen schikanierten, davon weiß auch der Berichterstatter ein Lied zu fingen.

Immerhin erstreckten sich damals die Aeußerungen polnischer Habgiernur" auf die Zuschlagung Ost­preußens zum Korridorgebiet heute schlägt der polnische Chauvinismus seine Maulschlachten auf der Linie Stettin Berlin Breslau und merkt nicht, wie er sich dabei selbst vor seinen intimsten Ententefreunden lächerlich macht. Ostpreußen zählt für Polen jedenfalls zu dennach nicht befreiten Gebieten". Dementsprechend betreibt Polen nach wie vor beispielsweise die verkehrspolitische Abschnürung Ostpreußens im Wege der Frachtunterbietung, mag sich ter jeweilige polnische Finanzminister über die Auswirkungen auf den polnischen Haushalt die Haare raufen. Palen läßt sich die Frachtunterbietung nicht weniger kosten als den Versuch der Umstelluna des Verkehrs im Korri­dor von der natürlichen W e st o st r i ch t u n g auf die N o r d s ü d r i ch t u n g. Diese Experimente haben den polnischen Staat in den zwei Jahrzehnten seines Bestehens ungeheure Summen gekostet; drei­viertel bis vier Fünftel aller nordwärts nach Gdin-

Japans MachistMmg im Gtiüen Ozean, tion Major a. D. v. Seifer.

Japan ist durch seine kluge Politik vor und noch dem Weltkriege zur vorherrschenden Macht in Ost- asien geworden. Schrittweise hat cs den britischen und amerikanischen Einfluß zurückgedrängt und sich zum Herren des ganzen Ostteils des chinesischen Reiches mit seinen fast unerschöpflichen Rohstoff, quellen gemacht. Nicht aus Eroberungslust, sondern aus Raumnot, da sein eigenes Land, von dem nur etwa ein Fünftel landwirtschaftlich ausoenutzt roer. den kann, auch nicht annähernd mehr die jährlich um eine Million wachsende Bevölkerung ernähren konnte. Japan mußte daher zum Industriestaat wer. den und zwangsläufig nach ausreichenden Absatzge.

Der Optiker am Baiinhof

(Bellet

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bieten streben. Noch ist diese wirtschafts- und macht, politische Entwicklung Japans und damit die Um. gruppierung der Kräfte im Fernen Osten in vollem Gange, noch hat Japan bis heute feine-

oolklichen Ausdehnunqswillen gegen die beiden am deren am Fernen Osten interessierten Weltmächte, England und die Vereinigten Staaten, ohne Waf­fengewalt durchsetzen können. Sollte es aber über kurz oder lang doch zu einer kriegerischen Ausein­andersetzung kommen, so wird es in erster Linie ein Kampf um die See Herrschaft sein, dessen Ausgang auch entscheidend für Japans Macht- stellung auf dem chinesischen Festland sein wird. Ja. pari spannt daher alle seine Kräfte zur Verstärkung seiner Seerüstungen und zur Schaffung operativer Grundlagen für eine Seekriegführung im Stillen

Ozean an.

Rein zahlenmäßig betrachtet, sind freilich die angelsächsischen Mächte an Flottenstärke Japan bei weitem überlegen. Ende 1938 verfügt! England über 299 Schiffe, darunter 15 Schlacht schiffe mit rund 1 270 000 Tonnen, die nord- amerikanische Union über 204 Schiffe, darunter 15 Schlachtschiffe, mit rund 1 020 000 Tonnen, Japan über 223 Schiffe, darunter 9 Schlachtschiffe, mit rund 800 000 Tonnen. Das be­deutet an Schlachtschiffen eine angelsäsifche lieber- legenheit von 30 gegen 9, die sich im Laufe der nächsten Jahre noch weiter zu ungunsten Japans vergrößern wird. Diese Unterlegenheit wird aber ausgeglichen durch die günstige strategische Sage des japanischen Jnselreichs, soweit e$. sich um die Verteidigung gegen einen englisch-amerika­nischen Angriff handelt. Denn die japanische Flotts würde in voller Stärke und unmittelbar gestützt auf die heimischen Häfen einen solchen Seekrieg führen können, während die Seestreitkräfte Englands und der Vereinigten Staaten nur zu einem Bruchteil und in ungeheuren Entfernungen von ihrer heimat­lichen Basis kämpfen könnten.

Gewiß besitzt Großbritannien in Singapur, Hong­

gen laufenden Güterwagen geben leer nach Polen zurück, etwa dreiviertel aller in Gdingen einlaufenden Schiffe kommen ohne Ladung an; es find das kleine Randglossen zu der fefion 1919 von dem südafrikanischen Ministerpräsidenten, General Smuts, gemachten Feststellung, wonach Polen immer wieder in seiner Geschichte berorien habe, daß es zu eigenem Staatsaufbau und eigener Staatslenkung auf die Dauer unfähig fei.

Wir sagten es schon, es ist begreiflich, daß der Gau Ostpreußen heute in der sicheren Hut der Weltmacht Großdeutschland weit aufmerksamer noch als irgendein anderer Reichsteil die Durch­löcherung des deutsch-polnischen Abkommens von 1934 durch die Epigonen Pilsudskis und das Ein- fchwenken des heutigen Polen in die Front der Einkreisungsmächte verfolgt.

Die Mozart-Gonaie.

Don Stephan Georgi.

Kein rechtes Wetter für erholungsbedürftige Kur­gäste. Während der letzten Tage hatte ein launi­scher Himmel Regen übers Land geworfen; mo- raftia war der lehmige Boden, diesia verschleiert das ferne Bergland. Dennoch stapften die beiden in schützende Kleidung Gehüllten, unbekümmert ob der Mißgunst der Witterung über die schmalen Feld­wege. Obwohl Fräulein Johanna genug damit zu tun hatte, in ihren hohen Ueberstiefeln auf dem saugend weichen Boden vorwärts zu kommen, fand sie doch noch, Zeit, hinter ihren Brillengläsern freudewillige Blicke auf irgend etwas sichtbar An­genehmes zu werfen und fand darüber hinaus auch noch Gelegenheit, mit grübelndem Forschen ihren Begleiter zu streifen, wartend, daß er wieder ein­mal etwas spräche. Aber wie immer sprach Rudolf legge auch heute wenig.

Sie waren beide nicht mehr die Jüngsten. Fräu­lein Johanna, Lehrerin in einem abgelegenen klei­nen Nest, war eben von einer langwierigen Krank­heit genesen und befand sich zur Nacherholung hier. Rudolf Tegge wurde vom Kurarzt auf nervöse Herzbeschwerden behandelt. Zu Anfang war es Fräulein Johanna gar nicht so recht gewesen, daß sie nach Abgang anderer Gäst-e mit diesem zwar keineswegs unfreundlichen, aber doch sehr ein­silbigen Herrn Tegge zusammen an dem Ecktisch des Speisesaals verblieb. Allein bald begann sie aufzumerken, war angenehm verwundert, daß das Wenige, das er sprach, die paar Worte, mit denen er treffend eine Ansicht, eine Stimmung kundgab, nahezu das Gleiche war, was sie im Augenblick dachte und empfand. Aus dieser llebereinftimmung heraus hatte sich, der lauten Geschwätzigkeit der anderen entgegen, ein Gefühl der Zusammenge­hörigkeit herausgebildet, das sich von Tag zu Tag verstärkte und näher brachte.

Näher brachte? Diese ersten Tage waren nun be­reits zu fast zwei Wochen geworden. Eigentlich war Rudolf Tegge, der schon länger hier weilte, soweit wieder hergestellt, daß er abreisen konnte. Aber er blieb. Er ließ sich Geschäftliches hierherkommen, er­ledigte Korrespondenz in einem Schreibzimmer und hielt alsdann Ausschau nach Fräulein Johanna.

So saßen sie gemeinsam bei Tisch, unternahmen Ausflüge, verstanden sich vortrefflich. Er war In­haber einer Textilfirma, war seit langem Witwer, hatte zwei erwachsene Kinder. Das hatte er neben­bei erwähnt. Er war ein stattlicher an die Fünfzig, von gleichmäßig ruhigem Wesen, mit

wohltuenden Manieren. Das sah sie. Alles andere aber war hinter Wortkargheit, Undurchsichtigkeit verborgen. Und das war nicht gut. Denn wenn ein Mann so offenkundig die Nähe einer Frau sucht und ihretwegen länger zur Kur bleibt, als nötig ist; wenn diese Frau sich ihrerseits eingestehen muß, daß sie dem Mann sehr zugetan ist, wenn sie abends mit einem Lächeln zu Bett geht und sich nachts freundliche Gedanken träumen läßt, so will sie schließ­lich auch einmal mit der Laterne ins Innere leuch­ten. Und das war schwer bei Rudolf Tegge. Aber vielleicht hing sein Derschlossensein mit seinen Ner­ven, seinen Beschwerden zusammen.

Uff!" stöhnte Fräulein Johanna jetzt und blieb verschnaufend stehen. Er reichte ihr seinen Arm. So wird's besser gehen." Sie nahm ihn, sagte dabei scherzend:Sie sind doch zur Erholung hier; sollen sich nicht anstrengen."

Oh, ich fühle mich längst wieder sehr wohl und gesund."

Aber Sie bleiben doch noch immer zur Kur?" Hastig wandte sie den Kopf ab, um nicht zu zeigen, wie rot sie nach diesen Worten geworden war. Wie konnte ihr auch nur diese peinlich direkte Frage entschlüpfen!

Tegge wies mit seinem Stock zum Himmel.Ich warte nur noch besseres Wetter ab."

..Wie denn? Besseres Wetter? Um abzureisen?" fragte sie verständnislos.

Nein, um Ihnen zu sagen, warum ich noch bleibe. Das graue, unbeständige Wetter paßt nicht dazu." Lag auf dem gleichmäßig ruhigen Gesicht nicht doch ein halb verstecktes Vergnügtsein?

Dann legten sie den Rest des Heimwegs schwei­gend zurück, sprachen auch bei der Abendmahlzeit nur über Unbedeutendes.

E- war Wochenende. Die jüngeren Gäste hatten stch ZU Lustbarkeiten ins nahe Städtchen begeben, öie älteren zeitig auf ihre Zimmer. Johanna hatte noch ein paar Briefe geschrieben. Als sie das Schreibzimmer verließ, fand sie Tegge in der Ver- anda; allem, zurückgelehnt im Sessel, die Augen geschlossen. Er schlief nicht, hörte auf den Rundfunk, legte, als sie eintrat, den Finger an den Mund unb winkte ihr, sich zu setzen. Sie hörte eine Weile auf die graziös leichtflüssige Musik und wußte: Mozart.

Ein Allegro, das mit kapriziösen Einfällen heiter dahinflatterte; ein Adagio von bestrickendem Wohl­laut, mit der feinfühligen Besinnlichkeit des Jnsich- hineinhörens; dann kam ein Menuett, ein Menuett mit Grübchen in den Wangen, mit koketten Auqen- aufschlägen, mit diskret verstehendem Drohen des Zeigefingers, ein Menuett, das aus den Augen

frohlockte, in den Füßen prickelte, zierlich über das Parkett trippelte.

Tegge wandte sich leise an Fräulein Johanna. Sehen Sie es?" Und auf ihren fragenden Blick: Den Saal, die Paare, den Reigen, die Reifröcke, die Puderperücken, die Schönheitspflästerchen ..."

Sie nickte geheimnisvoll.Ja. Und draußen im Garten, die kunstvoll verschnittenen Büsche, die Lau­bengänge, die Putten in den Nischen, das Bassin mit den Goldfischen ..."

Da lachten sie beide. Tegge griff nach seiner Zigarr entasche. Aber da legte sich wieder mahnend Fräulein Johannas Hand auf '-inen Arm.Der Arzt. Ihr Herz. Sie wollten Lod) nicht so viel rauchen." Nein, Tegge faßte das keineswegs als Bevormundung auf. Er seufzte nur und klappte die Tasche wieder zu.

Auch oben in ihrem Zimmer noch hatte Fräulein Johanna ein Lächeln Mozartscher Heiterkeit auf den Lippen. Oh, jetzt hatte sie ihn einmal erwischt, jetzt war ein Türchen aufgegangen, durch das man ins Verborgene sehen konnte. Und was da zu schauen war, stimmte froh. So nahe war sie Rudolf Tegge bisher noch nie gekommen, so fest und verbunden war sein Händedruck noch nie gewesen wie heute.

Am nächsten Mittag saßen sie nach der Mahlzeit noch eine Weile an ihrem Ecktisch, als das be­dienende Mädchen kam und meldete:Bitte, ein Ferngespräch. Frau Tegge wünscht Sie am Apparat."

Fräulein Johanna saß reglos; es war auf ein­mal so dunkel und schwindlig um Stirn und Äugen. Wie denn? Hatte sie recht gehört? Ja. Untrüglich deutlich klangen ihr hämmernd die Worte in den Ohren: Frau Te^ge. Also so ... Und sie war ... Sie hatte ... Die wirren Gedanken überschlugen sich. Da stand sie auf, ging in ihr Zimmer, schloß es hinter sich ab, hockte stumm auf der Chaise­longue. Nach einer Weile klopfte es. Sie antwortete nicht. Sie war nicht da; wollte nichts hören.

Erst als unten schon das Kaffeegeschirr klapperte, er hob sie sich, hantierte mechanisch in ihrem Zim­mer, wurde sich erst nach einer Weile bewußt, daß sie ihre Sachen packte. Es war auch so trüb hier, so regnerisch. Durchreisende hatten erzählt, daß jen­seits der Berge, am Bodensee unten, das schönste Wetter sein sollte. Sie klingelte, forderte ihre Rech­nung.

Ein Brief wurde ihr überreicht. Sie las: Ich fand Sie nirgends. Mußte sofort geschäftlich nach Hause. Bin übermorgen wieder hier. Tegge.

Empört über diese Unverschämtheit, warf sie den zerknüllten Brief fort. Gut nur, daß ihr so eine nochmalige Begegnung erspart blieb.

Es stimmte, lieber dem Bodensee lag Sonne und südliche Luft. Möven kreischten über dem blau- grünen Glitzern, am Gestade, duftete es schwer aus üppigem Blütenduft. Hier würde man vergessen, zu sich zurückfinden können.

Fräulein Johanna war in einer behaglichen Pen­sion untergekommen. Sie hatte ihre neue Adresse rückgemeldet, damit sie ihre Post nachbekäme. Aber es kam keine Post. Statt dessen kam Rudolf Tegge.

Breit und hoch stand er auf einmal vor ihr, äußerlich ruhig, nur ein kleines undeutbares Schmunzeln auf den Lippen.Fräulein Johanna, darf ich jetzt wieder mal eine Zigarre rauchen?" Sie hätte sogen können: Fragen Sie doch Ihre Frau. Aber sie brachte nichts heraus, wollte sich ab* wenden, ihn stehen lassen. Er hielt sie zurück.So geht das nicht, Fräulein Johanna."

Warum kommen Sie eigentlich hierher?" ent­fuhr es ihr.

Weil ich mir hinterher habe denken können, weshalb sie abgereist sind. Und weil ich Ihnen Grüße von Frau Tegge überbringen soll."

Von ...?"

Von Frau Tegge. Vielleicht haben Sie schon einmal davon gehört, daß ein Mädchen bei der Heirat den Namen des Mannes annimmt. Und da die kleine Hilde klug ober töricht genug war, vor einem Vierteljahr meinen Jungen zu heiraten, fo ist sie halt heute eine Frau Tegge. Daran läßt sich nichts ändern.

Johanna schluckte ein paarmal; sie sah Tegge an, sah beiseite, sah zu Boden. Dann endlich reichte sie ihm die Hand.

Es war nur ... Die Sache mit dem Ferngespräch kam so überraschend und verwirrend; ich war so erschrocken."

Tegge legte den Arm um ihre Schulter, zog sie mit fort.

Und jetzt erst mal ein Glas Bodenseewein, der macht alles leichter und freier. Denn weil hier das einzig dazu geeignete gute Wetter herrscht, muß ich Ihnen nun auch sagen, warum ich dort drüben länger als nötig zur Kur blieb. Sie sind doch Lehrerin. Und da wollte ich mal über pädagogische Dinge mit Ihnen sprechen. Nicht über Dinge, die sich auf den Unterricht beziehen, sondern über den jungen pädagogischen Nachwuchs, für den Stellen frei gemacht werden müssen. Oder mögen Sie mit einem so schlechten Menschen, so einem Schwindler, wie ich es bin, darüber nicht reden?"

Johanna sah lächelnd auf. Dann fuhr sie mit der Hand über die nachdenkliche Stirn.Die Logik scheint doch eine schwache Seite der Frau zu fein, denn sonst hätte ich richtig kombinieren müssen: Ein Mensch, der Mozart liebt, ist kein schlechter Mensch"