stellen Lage des Vereins ergab. Dem Rechner wurde einstimmig Entlastung erteilt.
Die Erweiterung des Vorstandes ergab einige Veränderungen in der Vereinsführung. An Stelle des seitherigen Schriftführers Schneider wurde Sangesbruder Hedderich als erster und Sangesbruder Hans Köhler als zweiter Schriftführer, zur Hilfe des Rechners Hch. Lich die Sangesbrüder G i e ß l e r und Menges in den Vorstand berufen. Die Arbeiten in der Rotenverwaltung haben in den letzten Jahren so überhand genommen, daß auch hier dem seitherigen Rotenoerwalter Gg. Arnold die Sangesbrüder Henschel und Betz als Hilfe beigegeben werden mutzten. Das Gausängerfest und das 75. Jubiläumsfest haben gezeigt, daß bei derartigen Feierlichkeiten eine überaus große Mehrarbeit einsetzt, gerade in werberischer Hinsicht, so daß sich der Vereinsführer genötigt sah, hierfür weitere Arbeitskräfte heranzu- ziehen; so wurden für diese Aufgaben die Sangesbrüder Betz und Wagner dem Vorstand bei- gegchen. Im Vorstand der Georg-Todt-Sttftung hat keine Veränderung stattgefunden, so daß der seitherige Vorstand sein Amt weiteroerwaltet.
Unter „Verschiedenes" wurden hauptsächlich innere Vereinsangelegenheiten behandelt, u. a. sollen in diesem Jahre wieder die Sängerfahrten aufleben. Dies ist ein wesentlicher Beitrag zur Förderung und Festigung der Kameradschaft innerhalb des Vereins.
Zum Schlüsse dankte der stellvertretende Dereins- führer allen Mitarbeitern des Vorstandes für ihre tatkräftige Mitarbeit und gab der Hoffnung Ausdruck, daß auch die neu in den Vorstand eingetretenen Sangesbrüder, ebenso wie ihre Vorgänger, m uneigennütziger Weise an den Geschehnissen des Vereins mitarbeiten.
Schöner Abend
bei dem Reichstheaterzug.
Auf der Rückkehr vom Reichshandwerkertag gab der Reichstheaterzug der DAF. am gestrigen Sonntagabend im Cafe Leib ein Gastspiel. Die Darbietungen waren ein eindrucksvoller Beweis dafür, daß KdF. mit seinen Bestrebungen, dem Volke Gelegenheit zum Besuch von Varietevorstellungen zu bieten, neue Wege geht und das Beste gerade gut genug für solche Zwecke hält.
Das unter das Motto „Frohsinn und Frühling" gestellte reichhaltige Programm, zu dem Kistenmacher aus Berlin eine lustige Ansage machte, die allein schon die Zuhörer in frohe Stimmung brachte, nahm einen verheißungsvollen Auftakt durch tänzerische Darbietungen der fünf Schwestern Ahrends aus Hamburg. Für den Jongleur Georg Castelli schien die Schwerkraft der Kugel aufgelöst zu sein; denn er machte vorwiegend mit Bällen Kunststücke, bei denen er die Bälle aus den unmöglichsten Stellungen heraus auffing und mit einer frappierenden Geschicklichkeit balancierte. Rach einer Musikeinlage durch Herta Jüscher, die eine meisterhafte Beherrschung des Akkordeons bewies, demonstrierte auch Toni Walton eine verblüffende Fingerfertigkeit, wie man sie selten zu sehen bekommt. Die Fixigkeit, mit der er Spielkarten verschwinden ließ und wieder züm Vorschein brachte, war die reinste Zauberei. Die Schwestern Ahrends erfreuten dann mit einer hübschen Tanzstudie „Schwarz-Weiß". Den ersten Teil des Abends beschlossen luftige Einfälle des Gesangsquintetts der 5 Albarteso, das sich als ausgezeichnete Verwandlungskünstler und Meister der Maske erwies und für die Wiedergabe von Opernausschnitten und Volksliedern von Schubert starken Beifall erntete.
Der zweite Teil des Abends war ausgezeichneten akrobatischen Vorführungen gewidmet, die die Zuschauer derart in den Bann zogen, daß die Zeit wie im Fluge verstrich. Zunächst waren es die drei Splendids, der Vater mit zwei Töchtern, die wie ein Wirbelwind auf Rollschuhen über die Bretter b rauften und die die waghalsigsten Kunststücke vorführten. Der Bauchredner Erich Everti lockerte dann die Spannung, durch seine lustigen Zwiegespräche mit seiner Puppe. Eine ausgezeichnete Leistung zeigten wieder die Geschwister Ahrends als Akkordeon- virtuosen und Tanzkünstler zugleich. Den Abschluß bildeten die fünf Bartik Schwerathleten mit außerordentlichen Kräften und sicherer Gewandtheit, die mit akrobatischen Figuren die Zuschauer in atemlose Spannung versetzten.
Die nationalsozialistische Zeamtenbeivegnng im Kreis Wetterau.
Ihre Entstehung und Entwicklung.
Von Kreisamisleiier Ulrich, Amt für Beamte Kreis Wetterau, Gießen.
Die 2. Reichstagung des Reichsbundes für Deutsche Beamte, die vom 8. bis 14. Mai 1939 in Frankfurt a. M. stattfand, der Stadt, in der Pg. Jakob Sprenger die NS.-Beamtenabteilung gründete, gibt Veranlassung zu einem Rückblick auf die Entstehung und Entwicklung der NS.-Beamtenorgani- sation im Kreis Wetterau während und nach der Kampfzeit.
Zu den ältesten Parteigenossen der* nationalsozialistischen Bewegung im Kreis Gießen gehörten auch einzelne Beamte. Es waren dies die Altgardisten Pg. Adam Lotz (Postamt Gießen), der erster Kreisleiter in Gießen wurde, und Pg. Lorenz Eifert (Versorgungsamt Gießen), die seit 1925 in der Front der nationalsozialistischen Kämpfer stehen. Auch der 1926 als Finanzamtsoorsteher nach Hungen versetzte Pg. Dr. Müller trat als unerschrockener Verfechter der nationalsozialistischen Idee auf. Nach seiner Versetzung an das Finanzamt Alsfeld sprach er noch mehrmals in Parteiversammlungen in Hungen und Gießen.
Im Laufe der Jahre traten zwar weitere Berufskameraden in die NSDAP, ein, aber es blieb ein im Verhältnis zur Gesamtzahl der Beamten nur kleiner Kreis. Daneben bildete sich eine Gruppe zuverlässiger Anhänger, die sich gleichfalls offen 3um Nationalsozialismus bekannten. Die Parteigenossen, die fast ausnahmlos in der Partei irgend ein Amt bekleideten, warben im Bereich ihrer Dienststellen, unterstützt von den Anhängern, unentwegt für die Ziele Adolf Hitlers. Ungeachtet der Gefahren, denen die Bsrufskameraden, die sich nationalsozialistisch betätigten, ausgesetzt waren, und trotz aller gehässigen Anfeindungen von feiten der Beamten, die politische Gegner waren, wurde der Kampf beharrlich und zäh weiteraesührt. Erschwert wurde die Werbung allerdings durch das Fehlen einer nationalsozialistischen Beamtenorganisation und durch den Mangel jeglicher Geldmittel.
Im Juni 1931 forderte der Gauleiter Pg. Peter Gemeinder zur Bestellung von Fachberatern bzw. Unterfachberatern auf. Als Kreisfachberater wurde am 5. August 1931 Pg. Lorenz Eifert berufen. Zugleich wurden folgende Fachschaften ge- bildet: 1. Steuer- und Zollverwaltung, Länderverwaltung, 2. Justiz, 3. Allgemein 4. Reichsbahn, 5. Post, 6. Polizei, 7. Lehrer, 8. Kommunalbeamte.
Am 1. Mai 1932 fand die Grüdnuna der Nationalsozialistischen Beamtenarbeitsgemeinschaft für den Kreis Gießen im Gasthaus „Stadt Mainz" in Gießen statt. Es versammelten sich rund 20 Beamte. Der. Arbeitsgemeinschaft sollten bestimmungsgemäß alle Beamten angehören, die Parteigenossen waren. Im Lause des Jahres 1932 traten auch einzelne Nichtparteigenossen als sogenannte 6-Mitglieder bei.
Am 6. 9.1932 übernahm Pg. Karl Metz (Finanzamt Gießen) jetzt Mainz, die Leitung der NS- Beamtenarbeitsgemeinschaft. Sein Vertreter und Organisationslei'ter wurde der bisherige Fachschaftsobmann Pg. Gustav Ulrich (Hauptzollamt Gießen), Kassenleiter der Pg. Karl Schwenker (Finanzamt Gieren).
Die Werbetätigkeit durch die Parteigenossen und B.-Mitglieder setzte nun nach Gründung der NS.- Beamtenarbeitsgemeinschaft verstärkt ein. Insbe
sondere wurde nun neben dem Einzelverkauf der Nationalsozialistischen Beamtenzeitung (NSBZ.) eine Anzahl von Dauerbeziehern für diese Zeitung geworben. Zahlreiche Schriften der Bewegung, darunter „Beamtentum und Nationalsozialismus" von Pg. Dr. Müller, wurden vertrieben. Der Erfolg dieser Propaganda, besonders die Verbreitung des nationalsozialistischen Gedankengutes, blieb nicht aus. Die Zahl der Beamten, auf die man sich politisch verlassen konnte, wuchs stetig. Wenn diese Be- rufskameraden damals auch nicht Parteigenossen wurden oder in die Arbeitsgemeinschaft eintraten, so waren sie doch für die Idee des Führers gewonnen und bildeten für die nationalsozialistische Beamtenbewegung einen starken Rückhalt. Auch die Dersammlungstätigkeit steigerte sich. Die Mitglieder der NS.-Beamtenarbeitsgemeinschaft kamen mehrmals in der „Stadt Mainz" zusammen, aber es blieben immer dieselben 20 bis 2-5 Mann, dieselben „Gesichter". Zum erstenmal wurden auch öffentliche Beamtenversammlungen abgehalten. In der Zeit des Uniformverbots wurde im Cafe Leib in Gießen eine Versammlung durchgeführt, in der Pg. Dr. Müller sprach. Der Besuch war verhältnismäßig gut. Weitere Versammlungen fanden im Cafe Leib mit Pg. Hermann Neef, dem späteren Reichsbeamtenführer, Pg. Dr. Blank (Gießen) und Pg. H aub (Frankfurt a. M.) statt; sie waren jedoch weniger gut besucht, obwohl sie in der Presse frühzeitig angekündigt worden waren. Einige Wochen später trafen sich die Mitglieder im Hotel Hopfeld in Gießen zu einer Tagung, bei der Pg. Dr. Müller, Gaufachberater Claas (Darmstadt) und Pg. Haug (Darmstadt), jetzt Gauamtsleiter der NSV., Partei- und beamtenpoliti'sche Fragen behandelten.
Im Herbst 1932, besonders aber nach der Wahl am 6.11.1932, wurden auch unter den Beamten die Mitläufer wieder „unpolitisch". Diejenigen aber, die nach der Reichstagswahl am 31. 7.1932 „Morgenluft gewittert" hatten, waren wieder zu den Gegnern übergeschwenkt. Die Lage der Beamten, die als „Nazis" bekannt waren, wurde zusehends schwieriger, und es fehlte nicht an offenen Drohungen der Gegner. Doch die einmal vom nationalsozialistischen Geist und Kampfwillen erfaßten Berufskameraden hielten durch, und die verstärkte Propaganda von Mund zu Mund trug weitere Früchte. Gar manche politische Auseinandersetzung fand in den Amtsstuben statt, trotz des Verbots politischer Betätigung während des Dienstes.
Am 12. 12. 1932 wurden die Mitglieder in folgenden Fachschaften enger zusammengefaßt: 1. Justizverwaltung, 2. Steuer- und Zollverwaltung, Versorgung samt, Reichsbank, Post- und Telegraph eno er waltun g, 3. Länderverwaltung, 4. Lehrerbund. Leiter der NS.-Beamtenarbeitsgemein- fchaft war, wie bisher, Pg. Metz. Kurz vor der Machtübernahme fand noch eine Zusammenkunft in der „Stadt Mainz" statt. Es waren 24 Mitglieder anwesend. Pg. Dr. Blank (Gießen) gab einen Bericht über die allgemeine politische Lage. Daß es die letzte Zusammenkunft in diesem kleinen Kreise sein sollte, ahnte damals niemand.
Bei der Machtübernahme bestand die Arbeitsgemeinschaft im Kreis Gießen aus 45 Mitgliedern,
einschließlich 6 B.-Mitgliedern. Nun aber traten täglich Beamte der Arbeitsgemeinschaft bei. Im März 1933 mußte daher eine Neuorganisation der Fachschaften vorgenommen werden. Es wurden folgende Fachschaften gebildet: 1. Reichsbahnverwaltung, 2. Reichswostverwaltung, 3. Reichssteuerverwaltung, 4. Reichszolloerwaltung, 5. Reichswehrund Marineoerwaltung, 6. Reichsbank, 7. Sonstige Reichsverwaltungen, 8. Körperschaften des öffentlichen Rechts, 9. Polizeioerwaltung, 10. Justizverwaltung, 11. Forstoerwaltung, 12. Sonstige Länder- Dcrroaltunaen, 13. Kommunale Verwaltungen, 14. sonstige Körperschaften des öffentlichen Rechts.
Ortsgruppen wurden eingerichtet in Gießen, AIkendorf (Lumda), Grünberg, Hungen und Lollar. Wenig später wurde die NS.-Beamtenarbeitsgemeinschaft in die NS.-Beamtenabteilung umgewandelt. In der Führung änderte sich nichts. Bei den Behörden setzte, durch keine Widerstände mehr gehemmt, eine sehr rege politische Tätigkeit ein. Die alten Beamtenverbände im Kreis wurden, soweit sie nicht aufgelöst wurden, von den Politischen Leitern der NS.-Beamtenabteilung übernommen.
Am 18. 8. 1933 wurde Pg. Georg H e ß (Hauptzollamt Gießen) mit der Führung der NS.-Be- amtenabteihing beauftragt. Ende 1933 entstand aus dieser Organisation das Amt für Beamte, und am 1. 1. 1934 wurde der Reichsbund der Deutschen Beamten gegründet.
Im Sommer 1936 wurde der Kreis Friedberg mit dem Kreis Gießen zum Kreis Wetterau vereinigt. Dadurch traten zu den bereits bestehenden sechs Kreisabschnitten (früher Ortsgruppen) drei weitere, und zwar Bad-Nauheim, Butzbach und Friedberg. Der Kreisabschnitt Lich wurde später aus organisatorischen Gründen aufgehoben; dafür kam im Jahre 1938 bei der Auflösung des Kreises Schotten der Kreisabschnitt Laubach hinzu.
Nach der Versetzung des' Pg. Georg Heß nach Dresden im Jahre 1938 wurde sein bisheriger Vertreter Pg. Gustav Ulrich vom Gauleiter mit der Führung des Amtes für Beamte Kreis Wetterau betraut. Es würde zu weit führen, auf die vielgestaltige Arbeit des RDB. im einzelnen einzugehen. Erwähnt soll noch werden, daß ein' großer Teil der Beamtenschaft in der Partei, den Gliederungen und angeschlossenen Verbänden mitarbeitet. So sind im Kreis Wetterau z. B. als Politische Leiter 356, als I Führer in Gliederungen 286 und als NSV.-Walter 420 Beamte tätig.
Die Kreisabschnittswalter, Fachschaftswalter und Vertrauensmänner (zusammen 121 Mitarbeiter), die in der Kampfzeit und Anfang 1933 im Amt für Beamte und im RDB. eingesetzt wurden, stehen noch heute in aller Einsatzbereitschaft auf ihrem Posten, soweit sie nicht inzwischen versetzt worden sind. Das Ziel aber, das gesteckt wurde, die restlose Gewinnung und Zusammenfassung der Beamten in einer einzigen nattonalsozialistischen Organisation, ist erreicht. Ans den 45 Männern, die bei der Machtübernahme der NS.-Beamtenarbeitsgemein- schaft angehörten, ist der vom Amt für Beamte der NSDAP, betreute Reichsbund der Deutschen Beamten, Kreis Wetterau, entstanden, der jetzt 4496 Mitglieder umfaßt.
Die Kreiswaltung der NSG. „Kraft durch Freude" hat mit diesem Abend eine besondere Freude bereitet, denn ein so ausgesuchtes Darietö- programm haben wir in Gießen seit langer Zett nicht mehr gesehen.
Schwere Derkehrsunfälle.
Am gestrigen Sonntagabend verunglückte der 22 Jahre alte Kaufmann Karl Bonarius von hier im Leihgesterner Weg durch Sturz mit seinem Fahrrad. Der junge Mann mußte vom Roten Kreuz nach der Chirurgischen Klimt gebracht werden, wo er mit einer schweren Gehirnerschütterung damiederliegt.
In der verflossenen Nacht vom Sonntag zum Montag ereignete sich in der Nähe von Klein-Rechtenbach auf der Landstraße nach Niederkleen ein schweres Motorradunglück. Man fand gegen 3 Uhr den 27 Jahre alten Hilfsarbeiter Otto Schmidt aus Niederwetz auf der Landstraße oberhalb des Knorrhofes bewußtlos neben seinem zertrümmerten Motorrad liegend auf. Die Gendarmerie Groß-Rechtenbach veranlaßte die Uebersührung des bedauernswerten Mannes durch das Gießener Rote Kreuz nach der Chirurgischen Klinik. Hier liegt der Verunglückte mit einem schweren Sch ädelbruch darnieder.
$ Steinbach, 22. Mai. Arn heutigen Montag kann der Landwirt Peter Balser, im Dorfmund „Eckpeter" genannt, seinen 7 0. Geburtstag feiern. Herr Balser erfreut sich einer verhältnismäßig guten Gesundheit. Herzlichen Glückwunsch.
* Ettingshausen, 22. Mai. Der Mai bringt bet uns den Geburtstag unserer ganz Allen. Nachdem zu Anfang des Monats der älteste Mann von 89 Jahren feinen Geburtstag feiern konnte, begeht am heutigen Moptag, 22. Mai, die älteste Frau, Kacharine D ö l l, geb. Keil, ihren 8 8. Geburts- t a g in guter körperlicher und geistiger Rüstigkeit. Wir wünschen ihr alles Gute für ihren weiteren ßebens-abenb.
Eine Frau mit Herz
Roman von Hedda Lindner
Copyright by Carl Duncker Verlag, Berlin 32 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Es war das erstemal in seinem Leben, daß Mi- keny mehr an einen anderen Menschen dachte als an sich. Er empsand es selbst als unsinnig und versuchte dagegen anzukämpfen. Vergeblich! Das neuerweckte bessere Ich ließ sich nicht mehr niederringen. Wahrscheinlich würde die Sache mit dem „Blue Ray" gutgehen, aber sicher war, daß Griffin sein Opfer nicht wieder aus den Fingern ließ. Eine Frau, die so unverdächtigt die Grenze passieren konnte, war ein sehr brauchbares Objekt für ihn. Sos nächstemal würde sie etwas anderes mit sich führen, ohne es zu wissen, und eines Tages würde Mr. Grifftn ih-r eröffnen, daß sie schon längst im Dttnst des Chamäleons sei, und die Wahl hieß dann für sie: Weiterarbeit oder Polizei. Oh, er kannte diese Methode zur Genüge.
Er kannte auch Dina. Dina, dachte er, nicht Glaubette. Claudettte war seine Frau gewesen die er belogen hatte. Glaubette war die Frau, die man einfach wieder zurücknahm, wenn es in den Kram paßte. Aber mit dieser Claudette hatte die Frau, die ihm gestern zur letzten Aussprache gegenübersaß, nichts mehr zu tun, und unbewußt gab auch er ihr nun den Namen, den sie selbst aewählt hatte: Dina.
Dina würde die Polizei wählen, dessen war er sicher, und diese Gewißheit erfüllte ihn mtt einem wunderlichen Stolz. Aber Griffin legte seine Schlingen gut; sie würde sich kaum aanz daraus befreien können, und der Schmutz Des Derdächtigtseins würde an ihr hängen bleiben wie ein Brandmal, das ihr heimtückisch aufgedrückt war. Das würde das Los der Frau fein, der er so viel schuldig geblieben war; wieviel, das wußte er erst seit gestern. Schuldig bleiben! Gr war es gewohnt, Schulden zu haben; er war ein Spieler und Verschwender; aber diese letzte Rechnung an Dina, die bezahlen, auf Heller und Pfennig, ohne $ $oe Mikenst^ioar leichtsinnig, aber niemals war er gemein, umR vieles muß seiner trüben Jugend und der s ehler^\*en Erziehung zugute gerechnet werben. Er jano \ni(f)t5. dabei, eine Frau zu betrügen. 6r 9attes “jud) nichts dabei gefunden, sich durch das ' > von feiner Frau von seinen
(3elbfd)iDierißteiten 3^ befreien. Aber eine Frau in
die Hände eines Verbrechers gleiten zu lassen, eines Verbrechers, dessen Gefährlichkeit er selbst am besten kannte, dagegen bäumte sich alles auf, was an Ritterlichkeit in ihm war. Hinzu kam der nunmehr aufs äußerste gesteigerte Haß gegen seinen Todfeind Griffin. Hinzu kam — und das war vielleicht das Stärkste — ein plötzlicher, unbezwingbarer Ekel vor sich selbst, vor der Kette seiner Lügen. Konnte er einen besseren Abgang finden, als einmal, ein einziges Mal der Wahrhett zu dienen? Alles dies wirkte zusammen, um den schönen und ziemlich wertlosen Joe Mikeny zu einem Entschluß zu bringen, der ihn hoch über sich selbst hinaus hob.
Er würde Dina vor Griffin retten — um jeden Preis.
Er sah auf die Uhr. Es war noch nicht zehn! Noch keine halbe Stunde feit feiner Unterredung mit Griffin war vergangen. Wenn er handeln wollte, so war es der letzte Augenblick. Was sollte er tun? Er konnte versuchen, Dina in Dübendorf zu erreichen. Aber wie ihr in der Eile klarmachen, was gespiell wurde? Wie sie vor Springer schützen, der vor keinem Gewaltschritt zurückscheuen würde, wenn er sein Unternehmen gefährdet sah? Nein, Dübendorf war zu gewagt!
Er blätterte hastig den Flugplan auf: um elf Uhr fünfundzwanzig war das Flugzeug in Biringen, auf deutschem Boden. Und in Biringen saß auch — Holk! Er biß einen Augenblick die Zähne zusammen, aber nur einen AugenbliU. Das war nun auch egal — und wenn Dina gerettet werden sollte, wer würde besser für sie kämpfen als dieser Mann? Er nahm den Hörer ab und verlangte ein Blitzgespräch nach Biringen. Es dauerte nicht lange, und lehr halb hatte er auch Holk am Apparat. Er sprach eine Weile, ruhig, fast gelaffen, mit nicht zu lauter Stimme; die Tür seines Zimmers hatte er zuvor sorgfältig verriegelt. Dann nickte er ein paarmal, mie zur Bestätigung besten, was der andere sagte, und legte schließlich den Hörer wieder auf.
Das war geschehen; nun hatte er nur noch an sich selbst zu denken. Er ging ans Fenster und sah zu den Schneegipfeln hinüber. Ein gefeierter Künstler wie er trat anständig von der Bühne ab; er lächelte in unwillkürlichem Triumph: Griffin ahnte nicht, wie sehr er mit feiner Drohung ins Leere stieß. Niemals würde Joe Mikeny ins Zuchthaus gehen; er stellte sich lieber einem anderen, höheren Richter'
Beim Nachmittagskonzert hatten feine Musiker ein paarmal das Gefühl, als ab ihr Kapellmeister etwas zerstreut fei, aber das Abendkonzert dirigierte er wieder mit gewohnter Sicherheit. Es war ihm lieb, daß es ein Konzertabend war — es ist ein
besserer Abschluß als Tanzmusik, fand er, während er feine Blicke wie immer durch den Saal schweifen ließ. Da saßen die Leute und schwatzten und lachten. Morgen würde es vielleicht eine kleine Sensation geben, aber übermorgen würden sie schon wieder genau so sitzen und sich unterhalten und kaum darauf achten, daß nun ein anderer die Musik dazu machte.
Wurde ihm der Abschied eigentlich so schwer? — Merkwürdig, daß er nicht schon früher auf den Gedanken gekommen war, sich auf diese Weise Griffin zu entziehen. Aber bis jetzt hatte er die Sache doch wohl nicht so erniedrigend gefunden. Erst als er mit Dina wieder zusammentraf. Seltsam — so viele Frauen waren auf seinem Wege gewesen, nie hatte er ernsthafte Schwierigkeiten gehabt, trotz seiner manchmal recht gewagten Affären. Er scheiterte nicht an der Liede, er scheiterte an der einzigen Frau, die ihn zur Achtung zwang. Aber vielleicht war dies nur eine neuere und höhere Art von Liebe, dachte er weiter, während Griegs schwermütige Weisen unter seinen Fingern aufklangen, denn wenn man für eine Frau stirbt, muß man sie doch lieben. Er wußte sonst keine von den Frauen in feinem Leben, für die er bereit gewesen wäre, zu sterben.
Das Programm war zu Ende, alles war zu Ende. Leb wohl, Dina! Doch halt: das letzte Lied soll für dich sein? Er wandte sich zu seinen Musikern, ein kurzes Wort — zart und graziös erklang das Menuett von Boccherini.
Es gab nachher Leute, die behaupteten, dieses letzte Stück habe ganz besonders geklungen, aber so etwas redet man sich hinterher leicht ein. Tatsache ist, daß die Menschen, die bereits aufgestanden waren, weil sie glaubten, daß das Konzert zu Ende sei, unbeweglich stehenblieben, daß die Kellner aufhörten, die Tische abzuräumen, und daß jene lautlose, andachtsvolle Stille herrschte, die dem Vortrag eines ganz großen Künstlers gebührt.
Mikeny sah die ihm zugewandten Gesichter, während er spielte; er fühlte, daß er die Zuhörer m feinem Bann hatte wie nie zuvor. Schwanengefang! Er dachte es halb spöttisch, halb bitter, aber ohne Sentimentalität. Gab es nicht schon einmal eine Zeit, in der die Leute unter den Klängen eines Menuetts in den Tvd gingen? Aristokraten hatten sie geheißen und waren leichtsinnig und verschwenderisch gewesen; aber als es zum Sterben ging, hatten ste Haltung bewahrt bis zuletzt. Er war kein Aristokrat, er war nichts weiter als eine verpfuschte Existenz, aber Haltung haben bis zum Schluß, das konnte er auch.
Mikeny dankte nur durch eine knappe Verbeugung auf den einsetzenden Beifallssturm, dann ging er hastig hinaus. Sein erster Geiger folgte ihm.
„Mikeny?"
„Was ist?"
Sarga musterte ihn mit offener Besorgnis. „Was ist mit dir? Du bist heute so anders?"
Mikeny starrte ihn an. Sarga war ein tüchtiger Musiker, nicht so begabt wie er, aber fleißig, er würde es weiter bringen. Und morgen stand er auf der ersten Stufe zum Aufstieg, wenn er die berühmte Kapelle Mikeny dirigierte. Er gönnte es ihm. Drei Jahre schon zogen sie zusammen durch die Länder, immer war Sarga ein guter Kamerad gewesen. Er legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Willst du mir einen Wunsch erfüllen?"
„Gewiß, Mikeny!"
„Dann vergiß — hörst du? Vergiß, daß du mich heute verändert gefunden hast!"
Er drehte sich jäh um und ging mit raschen Schritten davon.
Verwirrt, erschreckt sah Sarga ihm nach.
Knapp zehn Minuten später erschien Mikeny in der Bar — im Sportanzug. Aus erstaunte Fragen einiger Leute, die ihn kannten, erklärte er, wahnsinnige Kopfschmerzen zu haben, und darum wolle er noch mal mit den Brettern vor die Tür. Da es Mondschein und eine klare, stille Nacht war, wunderte man sich über diesen Entschluß nicht sehr und riet ihm nur, nicht allzu weit zu gehen, weil man sich in dem trügerischen Mondlicht leicht über Entfernungen täuschen könne und er doch immerhin noch Anfänger fei. Mikeny nahm lächelnd und höflich die Ratschläge entgegen und ließ sich vom Mixer noch einen Drink geben; er schüttete ein Pulver hinein, ein Kopfschmerzpulver, wie er erklärend bemerkte. Daß es ein starkes Schlafmittel war, konnte niemand wißen. Dann ging er in die schimmernde weiße Nacht hinaus.
Als die Suchpattouille chn frühmorgens fand — es war aus den Spuren klar zu ersehen, daß er sich in den Schneehängen verirrt hatte und schließlich vor Erschöpfung eingeschlafen und erfroren war —, behauptete der Führer der Patrouille, ein alter, erfahrener Bergsteiger, daß er noch nie einen solchen Ausdruck erhabenen Friedens auf einem Menschenantlitz gesehen habe. Es mar, als ob die Schneegipfel, die hoch über ihm die Totenwache hielten,*ihm in feiner letzten Stunde einen Schimmer ihrer Größe verliehen hatten. —
(Fortsetzung folgt.)


